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Trudi Canavan

Die Heilerin

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Erster Teil

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1

Die Höhlen der Steinemacher

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Nach einer alten sachakanischen Tradition, an deren Ursprung sich niemand mehr erinnern konnte, galt der Aspekt des Sommers als männlich, der des Winters als weiblich. Nun predigten die Anführerinnen und Vordenkerinnen der Verräterinnen schon seit Jahrhunderten, alle diese abergläubischen Vorstellungen über Männer und Frauen – insbesondere über Frauen – seien lächerlich, aber viele ihrer Mitglieder fanden noch immer, dass die Jahreszeit, die in ihrem Bergrefugium die größte Kontrolle über ihr Leben hatte, viel mit der weiblichen Kraft gemeinsam habe. Der Winter der Berge war machtvoll, gnadenlos und brachte Menschen zusammen, damit sie so gut wie möglich überleben konnten.

Im Gegensatz dazu war der Winter in den Tiefländern und Wüsten Sachakas ein Segen – er brachte den Regen, dessen es für eine gute Ernte und das Vieh bedurfte. Der Sommer dort war dagegen hart, trocken und unproduktiv.

Als Lorkin vom Kräuterhaus zurückeilte, war es in dem Tal deutlich kälter, als er erwartet hatte. Es lag bereits eine Ahnung von Schnee und Eis in der Luft. Seinem Gefühl nach lebte er noch nicht lange genug im Sanktuarium, als dass der Winter so kurz bevorstehen konnte. Es waren nur wenige Monate verstrichen, seit er die geheime Heimat der sachakanischen Rebellinnen erreicht hatte. Zuvor war er unten in den warmen, trockenen Tiefländern auf der Flucht gewesen, in Begleitung einer Frau, die ihm das Leben gerettet hatte.

Tyvara.  Etwas in seiner Brust verkrampfte sich auf eine unbehagliche und doch seltsam angenehme Weise. Lorkin holte tief Luft und beschleunigte seine Schritte. Er war entschlossen, dieses Gefühl ebenso energisch zu ignorieren, wie Tyvara ihn ignorierte.

Ich bin nicht nur deshalb hierhergekommen, weil ich mich in sie verliebt habe,  sagte er sich. Es war für ihn eine Frage der Ehre gewesen, vor ihren Leuten zu Tyvaras Verteidigung zu sprechen, da sie ihm das Leben gerettet hatte. Sie hatte die Attentäterin getötet, die versucht hatte, ihn zu verführen und zu ermorden, aber die Attentäterin war ebenfalls eine Verräterin gewesen. Riva hatte im Auftrag einer Gruppe gehandelt, die fand, er solle bestraft werden für das Versäumnis seines Vaters, des ehemaligen Hohen Lords Akkarin, einen vor vielen Jahren mit den Verräterinnen geschlossenen Handel nicht eingehalten zu haben.

Niemand aus der Gruppe, die seine Bestrafung wollte, hatte zugegeben, Riva den Befehl zu seiner Ermordung erteilt zu haben. Ein solcher Befehl hätte bedeutet, dass der Betreffende sich den Wünschen der Königin widersetzt hätte. Also tat die ihm feindlich gesinnte Gruppe, als sei der Mordanschlag ganz und gar Rivas Idee gewesen.

Es gibt Rebellen innerhalb der Rebellen,  ging es Lorkin durch den Kopf.

Seine Aussage zugunsten Tyvaras mochte sie vor der Hinrichtung bewahrt haben, aber einer Bestrafung war sie dennoch nicht entkommen. Vielleicht war es die Arbeit, die Rivas Familie ihr zugewiesen hatte, die sie von ihm fernhielt. Wie auch immer, er hatte jedenfalls die Einsamkeit eines Fremden an einem fremden Ort zur Genüge kennengelernt.

Er hatte den Fuß der Felswand, die sich rings um das ganze Tal zog, fast erreicht. Beim Blick auf die zahlreichen Fenster und Türen, die auf dieser Talseite in den Fels gehauen worden waren, wusste Lorkin, dass Zeiten kommen mussten, da er sich in diesem Ort gefangen fühlen würde. Nicht wegen der strengen Winter, die es notwendig machten, in den Höhlen im Fels zu bleiben, sondern weil ihm als Fremdem, der die ungefähre Lage dieser Heimstatt der Verräterinnen kannte, niemals erlaubt werden würde, diesen Ort wieder zu verlassen.

Hinter den Fenstern und Türen gab es genug Raum im Fels, um die Bevölkerung einer kleinen Stadt zu beherbergen. Die kleinsten Höhlen waren vielleicht schrankgroß, die größten hatten das Format der Gildehalle. Die meisten waren nicht allzu tief in den Fels gehauen worden, da es in der Vergangenheit Beben und Einstürze gegeben hatte und die Menschen sich wohler fühlten, wenn der Weg ins Freie kurz genug war, um schnell hinauslaufen zu können.

Einige Gänge aber reichten tief in den Fels hinein. Diese waren die Domäne der Magierinnen unter den Verräterinnen – der Frauen, die diesen Ort trotz ihrer Behauptung, es handele sich um eine gleichberechtigte Gemeinschaft, allein regierten. Vielleicht machte es ihnen nichts aus, in größerer Tiefe zu leben, weil sie mit ihrer Magie verhindern konnten, dass ein Einsturz sie zerquetschte. Möglicherweise wollen sie aber einfach nur in der Nähe der Höhlen bleiben, in denen die magischen Kristalle und Steine gemacht werden. 

Bei diesem Gedanken verspürte Lorkin ein Prickeln der Erregung. Er schob sich den Kasten, den er trug, auf die andere Schulter und trat durch den überwölbten Eingang in die Stadt. Vielleicht werde ich es heute Abend herausfinden. 

Die Gänge der unterirdischen Stadt waren belebt; es war die Zeit, da viele Arbeiter zu ihren Familien zurückkehrten. An einer Stelle versperrten Lorkin zwei Kinder den Weg, die ganz in ihr Gespräch versunken waren.

»Verzeihung«, sagte er automatisch, während er sich an ihnen vorbeidrückte.

Die Kinder und einige umstehende Erwachsene blickten ihn erheitert an. Kyralische Manieren verwirrten alle Sachakaner. Bei den Ashaki und deren Familien, den mächtigen freien Bewohnern des Tieflands, war das Gefühl, dass sie ein selbstverständliches Recht auf die Dienste anderer hatten, zu stark ausgeprägt, um es für notwendig zu erachten, Dankbarkeit dafür zu zeigen – und es wäre ihnen auch lächerlich erschienen, Sklaven für etwas zu danken, das sie taten, weil sie keine andere Wahl hatten. Obwohl die Verräterinnen keine Sklaven hielten und ihre Gesellschaft angeblich auf dem Prinzip der Gleichheit beruhte, hatten sie keinen Sinn für gute Manieren entwickelt. Zuerst hatte Lorkin versucht, es ihnen gleichzutun, aber er wollte seine guten Manieren nicht in einem solchen Maß aufgeben, dass seine eigenen Leute ihn später unhöflich fanden, sollte er jemals nach Kyralia zurückkehren.

Sollen die Verräterinnen mich doch seltsam finden, das ist besser als undankbar oder hochmütig. 

Nicht dass die Verräterinnen unfreundlich oder ohne Wärme gewesen wären. Sowohl Männer als auch Frauen hatten sich überraschend herzlich gezeigt. Einige der Frauen hatten sogar versucht, ihn in ihre Betten zu locken, aber er hatte höflich abgelehnt. Vielleicht bin ich ein Narr, aber ich habe Tyvara noch nicht aufgegeben. 

Als Lorkin sich der Krankenstation näherte, wo er an den meisten Tagen arbeitete, mäßigte er sein Tempo, um wieder zu Atem zu kommen. Die Station wurde von Sprecherin Kalia geleitet, der inoffiziellen Führerin der Partei, die seine Ermordung befohlen hatte. Er wollte sie nicht wissen lassen, dass er den Weg rasch zurückgelegt hatte, und ihr auch nicht das Gefühl geben, er habe es besonders eilig, mit seinen Arbeiten des Tages fertig zu werden. Wenn sie daraus folgerte, dass es ihm wichtig sei, pünktlich Feierabend zu machen, würde sie eine weitere Aufgabe für ihn finden, um ihn länger festzuhalten. Wenn es andererseits nichts Rechtes mehr für ihn zu tun gab, hütete er sich, einfach auszuruhen und die Hände in den Schoß zu legen, denn dann fand sie ebenso rasch etwas Neues für ihn zu tun, und oft etwas ebenso Unangenehmes wie Unnötiges.

Wenn er allerdings hereingeschlendert kam, als habe er alle Zeit der Welt, würde sie ihn auch dafür bestrafen. Also nahm er seine gewohnt ruhige, stoische Haltung ein. Kalia entdeckte ihn, verdrehte die Augen und nahm ihm mittels ihrer Magie die Kiste ab.

»Warum benutzt du nie deine Kräfte?«, fragte sie und wandte sich seufzend ab, um die Kiste in den Lagerraum zu bringen.

Er ignorierte ihre Frage. Sie würde sicher nicht gern hören, dass Lord Rothen, sein alter Lehrer in der Gilde, der Überzeugung war, dass ein Magier nicht jede körperlich anstrengende Tätigkeit durch Rückgriff auf seine Magie vermeiden sollte, um nicht auf Dauer schwach und kränklich zu werden.

»Willst du, dass ich dir dabei helfe?«, fragte er. Die Kiste war voller Heilkräuter, die nun zu Heilmitteln verarbeitet werden mussten – Heilmittel, deren Rezeptur er gern kennenlernen wollte.

Sie blickte ihn über die Schulter hinweg an und runzelte die Stirn. »Nein. Halte ein Auge auf die Patienten.«

Er zuckte die Achseln, um sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, drehte sich um und ließ den Blick über den großen Saal der Krankenstation schweifen. Seit dem frühen Morgen, als er mit der Arbeit des Tages begonnen hatte, hatte sich nicht viel geändert. Die meisten der in Reihen aufgestellten Betten waren leer. Es waren lediglich einige Kinder da, die sich von typischen Kinderkrankheiten oder Verletzungen erholten, und eine alte Frau mit einem gebrochenen Arm. Alle schliefen.

Es war Kalias Idee gewesen, ihn auf der Krankenstation einzusetzen – zweifellos zur Prüfung seiner Entschlossenheit, die Verräterinnen keine heilende Magie zu lehren. Bisher waren keine Patienten eingeliefert worden, die drohten, an solchen Krankheiten oder Verletzungen zu sterben, die er nur mit Magie hätte heilen können, aber irgendwann würde es so weit sein. Er rechnete damit, dass Kalia in diesem Fall versuchen würde, die Menschen gegen ihn aufzuwiegeln. Aber er hatte einen Plan, wie er Kalia entgegentreten konnte. Allerdings verbarg sich hinter Kalias mütterlichem Erscheinungsbild und Gehabe ein scharfer Verstand, und sie hatte seine Absichten vielleicht bereits erraten. Er konnte nur abwarten.

Aber gerade jetzt konnte er das nicht. Er wurde anderenorts erwartet. Er war schon reichlich spät dran, und mit jedem verflossenen Augenblick wurde es später. Also folgte er Kalia in den Lagerraum.

»Sieht aus, als hättest du sehr viel Arbeit«, stellte er fest.

Sie blickte nicht zu ihm auf. »Ja. Ich werde die ganze Nacht aufbleiben.«

»Du hast schon letzte Nacht nicht geschlafen«, rief er ihr in Erinnerung. »Das tut dir nicht gut.«

»Sei nicht dumm«, fuhr sie ihn an. »Ich bin durchaus in der Lage, ohne Schlaf auszukommen. Diese Arbeit muss jetzt getan werden. Von jemandem, der weiß, was er tut.« Sie wandte sich ab. »Geh. Nimm du dir die Nacht frei.«

Lorkin ließ ihr keine Möglichkeit, ihre Meinung zu ändern. Mit einem stillen Lächeln kehrte er der Krankenstation den Rücken. Die Heiler der Gilde wussten, wie verheerend Schlafmangel sich auf den Körper auswirken konnte, weil sie es spürten. Die Magier der Verräterinnen wussten jedoch nicht, wie man mit Magie heilte, und da sie die Folgen ihrer Irrtümer niemals am eigenen Leib spürten, hielten sie an einigen seltsamen Auffassungen fest.

Er hatte nicht versucht, sie zu belehren, da es nicht taktvoll gewesen wäre, sie an das zu erinnern, was sie nicht wussten. Vor vielen Jahren hatte sein Vater versprochen, die Verräterinnen im Gegenzug für Kenntnisse der schwarzen Magie das Heilen durch Magie zu lehren – obwohl er nicht die Erlaubnis der Gilde hatte, dieses Wissen weiterzugeben, und, schlimmer noch, schwarze Magie in der Gilde verboten war.

Zu der Zeit hatten viele Kinder der Verräterinnen an einer tödlichen Krankheit gelitten, und Kenntnisse heilender Magie hätten sie vielleicht gerettet. Akkarin war nach Kyralia zurückgekehrt und hatte seine Seite des Handels niemals erfüllt. Seit er von dem gebrochenen Versprechen seines Vaters erfahren hatte, hatte Lorkin viele mögliche Gründe in Erwägung gezogen. Sein Vater hatte gewusst, dass der Bruder des Ichani, der ihn versklavt hatte, eine Invasion Kyralias plante. Er könnte sich verpflichtet gefühlt haben, sich zuerst um diese Bedrohung zu kümmern. Vielleicht konnte er die Bedrohung nicht erklären, ohne zu offenbaren, dass er verbotene schwarze Magie erlernt hatte. Möglicherweise war es ihm zu gefährlich erschienen, allein nach Sachaka zurückzukehren und eine neuerliche Gefangennahme durch die Ichani oder die Rache des Bruders seines ehemaligen Herrn zu riskieren.

Vielleicht hatte er auch niemals beabsichtigt, sein Versprechen zu erfüllen. Schließlich hatten die Verräterinnen einige Zeit, bevor sie ihre Hilfe anboten, von seiner schrecklichen Situation gewusst, während sie anderen – im Wesentlichen sachakanischen Frauen – ständig halfen, ohne einen Preis dafür zu verlangen. Dass sie Akkarin erst dann geholfen hatten, seine Freiheit wiederzuerlangen, als es für sie von Vorteil war, zeigte gewiss, wie skrupellos sie sein konnten.

Inzwischen war Lorkin in einem Teil der Stadt angelangt, dessen Gänge weniger belebt waren, so dass er rascher vorankam und sogar in Laufschritt verfallen konnte, ohne dabei beobachtet zu werden. Falls jemand aus Kalias Partei ihn in Eile sah, würde er es ihr vielleicht zutragen.

Tyvara hatte behauptet, er werde eine friedliche Gesellschaft antreffen, eine gerechte, doch das Leben hier entsprach nicht ganz ihren Beteuerungen, trotz des Prinzips der Gleichheit, das die Verräterinnen so hoch schätzten. Wie dem auch sei, sie machen ihre Sache besser als viele andere Länder, insbesondere der Rest von Sachaka. Sie kennen keine Sklaverei, und die Arbeit wird größtenteils aufgrund von Fähigkeiten verteilt und nicht aufgrund eines ererbten Klassensystems. Männer und Frauen mögen nicht wirklich gleichgestellt sein, aber das ist in allen Kulturen so – nur immer mit anderem Vorzeichen. Und die meisten Kulturen behandeln die Frauen sehr viel schlechter, als die Verräterinnen ihre Männer behandeln. 

Er dachte an seinen inzwischen engsten Freund im Sanktuarium, einen Mann namens Evar, den er gleich treffen würde. Der junge Magier hatte sich aus Neugier zu Lorkin hingezogen gefühlt, weil Lorkin im Sanktuarium der einzige andere männliche Magier war, der sich noch mit keiner Frau zusammengeschlossen hatte. Lorkin hatte herausgefunden, dass sein erster Eindruck zum Status männlicher Magier falsch gewesen war: Er hatte vermutet, dass die Verräterinnen männlichen, magisch begabten Personen die gleichen Möglichkeiten bieten würden, Magie zu erlernen, wie sie die Frauen hatten. Tatsächlich waren aber alle männlichen Magier hier »natürliche«, deren Magie sich auf ursprüngliche Weise entwickelt hatte und nicht erst freigesetzt werden musste. Es war den Verräterinnen also nichts anderes übrig geblieben, als sie entweder zu unterrichten oder sie zum Sterben außerhalb des Sanktuariums auszusetzen, bevor sie die Kontrolle über ihre Kräfte verloren. Anderen männlichen Verrätern dagegen wurde keine Magie gelehrt.

Die wenigen glücklichen männlichen Naturmagier waren den Frauen jedoch trotzdem nicht ebenbürtig: Männer durften keine schwarze Magie erlernen. Dies stellte sicher, dass selbst schwache weibliche Magier mächtiger waren als die männlichen, weil sie ihre Kräfte mit schwarzer Magie stärken konnten.

Ich frage mich … hätte man mir Einlass ins Sanktuarium gewährt, wenn ich mich auf schwarze Magie verstünde? 

Er dachte nicht weiter darüber nach, denn er hatte jetzt sein Ziel erreicht: den »Männerraum«. Es war eine große Höhle, in der diejenigen Männer lebten, die zu alt waren, um noch bei ihren Eltern zu wohnen, und noch von keiner Frau als Gefährte ausgewählt worden waren.

Evar unterhielt sich mit zwei anderen Männern, als Lorkin eintrat, kehrte ihnen jedoch den Rücken, sobald er seinen Freund bemerkte. Wie die meisten männlichen Verräter war er schmal und feinknochig, ganz anders als die typischen freien Sachakaner aus dem Tiefland mit ihrem hohen Wuchs und den breiten Schultern. Nicht zum ersten Mal fragte sich Lorkin, ob die Männer der Verräterinnen über viele Generationen hinweg kleiner geworden waren – gewissermaßen, um sich ihrem sozialen Status anzupassen.

»Evar«, sagte Lorkin. »Tut mir leid, dass ich spät dran bin.«

Evar zuckte die Achseln. »Lass uns essen.«

Lorkin zögerte, folgte seinem Freund dann aber in den Küchenbereich, wo ein großer Topf mit dampfender Suppe, die einer der ihren zubereitet hatte, auf die Männer wartete. Das gehörte nicht zu ihrem Plan. War er so spät, dass Evar seine Pläne inzwischen geändert hatte?

»Werden wir den Ausflug, den du vorgeschlagen hast, noch machen?«, erkundigte sich Lorkin so beiläufig wie möglich.

Evar nickte. »Wenn du es dir nicht anders überlegt hast.« Er beugte sich etwas dichter zu Lorkin hinüber. »Einige der Steinemacherinnen arbeiten länger«, murmelte der junge Magier. »Wir müssen ihnen Zeit lassen, ihre Arbeit fertigzustellen und heimzugehen.«

Lorkin spürte leichten Aufruhr in seinen Eingeweiden. »Bist du dir sicher, dass du das tun willst?«, fragte er, während sie mit ihren Tellern zu einem der langen Esstische hinübergingen und sich dort – etwas abseits von den anderen, die bereits aßen – einen Platz suchten.

Evar schlürfte etwas Suppe, schluckte und bedachte Lorkin dann mit einem beruhigenden Lächeln. »Nichts, was ich dir zeige, ist geheim. Jeder, der es sich ansehen will, kann das ohne Weiteres tun, solange er sich still verhält und niemandem in die Quere kommt. Was dir ebenfalls gelingen sollte.«

»Aber ich bin nicht irgendjemand.«

»Du bist angeblich einer von uns. Der einzige Unterschied ist, dass man dir gesagt  hat, dass du nicht fortgehen darfst. Ich bezweifle, dass ich, wenn ich fortzugehen versuchte, ohne Erlaubnis weit käme und dass man mir eine solche Erlaubnis geben würde. Sie sehen es nicht gern, wenn sich viele von uns außerhalb der Stadt aufhalten. Jeder Spion stellt ein Risiko dar, selbst mit den Steinen, die vor dem Gedankenlesen schützen. Denn was nützt dir ein Stein in der Hand, wenn dir die Hand abgeschlagen wird?«

Lorkin verzog das Gesicht. »Trotzdem bezweifle ich, dass irgendjemand darüber glücklich sein wird, dass ich dort bin«, bemerkte er und wandte sich wieder dem eigentlichen Thema zu. »Oder darüber, dass du mich hinbringst.«

Evar schluckte den letzten Bissen seiner Mahlzeit herunter. »Wahrscheinlich nicht. Aber meine Tante Kalia liebt mich.« Lorkin hatte Kalia zwar nie mit Evar plaudern sehen, aber sie schien ihren Neffen tatsächlich zu schätzen. »Willst du das noch essen?«

Lorkin schüttelte den Kopf und schob die Reste seines Mahls beiseite. Er war zu nervös, um viel zu essen. Evar betrachtete stirnrunzelnd den halbvollen Teller, sagte jedoch nichts und aß den Rest einfach selbst. Da die landwirtschaftlichen Flächen im Tal knapp waren, sahen die Verräterinnen Verschwendung nicht gern. Und Evar war ständig hungrig. Die beiden erhoben sich, säuberten das Geschirr, das sie benutzt hatten, räumten es weg und verließen dann den Männerraum. Lorkin spürte, wie ihm seine Nervosität den Magen zusammenschnürte, aber gleichzeitig war er ungeduldig und voller Erwartung.

»Wir werden durch einen der hinteren Gänge gehen«, murmelte Evar. »Dort ist die Gefahr geringer, dass man dich bemerken wird, wenn du hineingehst.«

Während sie unterwegs waren, überlegte Lorkin sich noch einmal, was er eigentlich durch seinen Besuch der Höhlen herauszufinden hoffte. Die Gilde hielt schon jahrhundertelang daran fest, dass es keine wahren magischen Gegenstände gab, nur gewöhnliche Dinge, denen durch Magie strukturelle Integrität oder verbesserte Eigenschaften verliehen wurden – wie zum Beispiel durch Magie verstärkte Gebäude oder die Mauern, die in der Universität leuchteten –, weil sie aus Materialien bestanden, in denen Magie langsamer wirkte als gewöhnlich, so dass ihr Effekt noch erhalten blieb, lange nachdem ein Magier seine Arbeit daran beendet hatte. Selbst den gläsernen Blutsteinen, die die Gedankenrede zwischen dem Träger und dem Schöpfer des Rings kanalisierten, und zwar auf eine Art und Weise, die verhinderte, dass andere Magier sie hören konnten, gestand man keine eigene Magie zu.

Er vermutete nun, dass einige der Edelsteine im Sanktuarium tatsächlich Magie enthielten. Die meisten davon waren allerdings eher wie Blutsteine – es wurde Magie hineingegeben, die dann von dem Stein zu einem bestimmten Zweck umgeformt wurde. Alle Verräterinnen, die sich aus ihrem geheimen Zuhause herauswagten, trugen einen winzigen Stein unter der Haut, der es ihnen nicht nur gestattete, ihren Geist zu schützen, falls ein sachakanischer Magier ihre Gedanken las, sondern es ihnen auch ermöglichte, einen Gedankenleser stattdessen unschuldige, sichere Gedanken sehen zu lassen. Die Flure und Räume innerhalb der Stadt wurden mit Edelsteinen beleuchtet, die Licht spendeten. Die Krankenstation, auf der Lorkin sich um die Patienten kümmerte, barg mehrere Steine mit nützlichen Eigenschaften, angefangen von der Schaffung eines warmen Leuchtens oder einer sanften Vibration, um verkrampfte Muskeln zu lockern, bis hin zu Steinen, die Wunden ausbrennen konnten.

Falls die historischen Unterlagen, auf die Lorkin und Dannyl gestoßen waren, korrekt waren, dann war es auch möglich, in einem Edelstein unermessliche Mengen von Magie zu lagern. Vor vielen hundert Jahren hatte es einen Lagerstein in der sachakanischen Hauptstadt Arvice gegeben. Chari, die Frau, die ihm und Tyvara geholfen hatte, sicher bis zum Sanktuarium zu gelangen, behauptete, die Verräterinnen wüssten von Lagersteinen, hätten jedoch keine Ahnung, wie man sie herstellte. Vielleicht hatte sie die Wahrheit gesagt, vielleicht aber auch gelogen – möglicherweise, um ihre eigenen Leute zu schützen.

Falls es Kenntnisse über die Fertigung solcher Lagersteine gab, könnte es die Gilde der Notwendigkeit entheben, einigen Magiern zu gestatten, schwarze Magie zu erlernen für den Fall, dass es erneut zu einer Invasion sachakanischer Magier kam. Stattdessen könnte Magie in den Steinen gelagert werden, um sie für die Verteidigung des Landes zu benutzen.

Das war der Grund, warum er es riskierte, die Höhlen der Steinemacher zu besuchen. Er war nicht darauf aus zu lernen, wie die Steine hergestellt wurden, er wollte sich nur versichern, dass sie das Potenzial besaßen, das er sich von ihnen erhoffte. Denn dann könnte er vielleicht ein Tauschgeschäft zwischen der Gilde und den Verräterinnen aushandeln: die Kunst des Steinemachens gegen die Kunst der Heilung mittels Magie. Es wäre ein Tausch, von dem beide Seiten profitierten.

Er wusste, dass es harter Arbeit bedürfen würde, die Verräterinnen dazu zu bewegen, einen solchen Tausch überhaupt in Erwägung zu ziehen. Nachdem sie sich schon jahrhundertelang vor den Ashaki versteckten, waren sie sehr rigoros, was den Schutz ihres geheimen Zuhauses und ihrer Lebensweise anging. Sie gestatteten ihren Leuten keinerlei Gebrauch der Gedankenrede, um jede Möglichkeit auszuschließen, auf ihre Stadt und deren Lage aufmerksam zu machen. Mit wenigen Ausnahmen waren die einzigen Verräterinnen, die das Tal verlassen und wieder zurückkehren durften, die Spioninnen.

Aber während er Evar tiefer in das unterirdische Netzwerk von Gängen folgte, fragte sich Lorkin, ob es nicht zu früh für ihn war, die Höhlen aufzusuchen. Er wollte den Verräterinnen keinen Grund geben, ihm zu misstrauen.

Aber als einem Fremdländer würden sie ihm vielleicht ohnehin nie voll und ganz trauen. Und es reichte ihm auch so viel Vertrauen, dass er sie dazu bringen konnte, mit der Gilde und den Verbündeten Ländern Handel zu treiben. Und über kurz oder lang wird ihnen auffallen, dass sie versäumt haben, mir offiziell einen Besuch in den Höhlen zu verbieten, und sie werden das schleunigst nachholen. Ich muss also jetzt die Gelegenheit nutzen. 

Evar hatte ihn noch auf einen weiteren Aspekt ihres Plans hingewiesen. »Die Verräterinnen treffen ihre Entscheidungen selbst – oder besser: Sie schätzen es nicht, wenn andere eine Entscheidung für sie treffen. Wenn du willst, dass sie etwas tun, musst du sie glauben machen, dass es sich um ihre eigene Idee handelt. Wenn uns jemand bei der Besichtigung der Höhlen entdeckt, dann hast du sie immerhin mit dem Kopf darauf gestoßen, dass sie etwas haben, das der Gilde wohl die Weitergabe der magischen Heilkunst wert sein könnte.« 

»Da wären wir«, sagte Evar und drehte sich zu Lorkin um.

Der Flur war hier so schmal, dass sie nicht mehr nebeneinander gehen konnten. Evar war vor einem Durchgang stehen geblieben. Über Evars Schulter sah Lorkin, dass er in einen hell erleuchteten Raum führte.

Es gibt nicht einmal eine Tür,  bemerkte er. Warum halten sie den Raum nicht verschlossen, wenn er ein Geheimnis birgt? Vielleicht weil es kein gar so großes Geheimnis ist? 

Evar gab ihm ein Zeichen und trat durch die Öffnung. Lorkin folgte ihm und blickte sich in der riesigen Höhle um. Außer ihnen schien niemand da zu sein. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Höhlenwände, und sein Herz setzte einen Schlag aus.

Sie waren über und über mit einer Unzahl glitzernder, bunter Edelsteine bedeckt. Zuerst dachte er, die Anordnung der Steine sei willkürlich, aber langsam zeichneten sich vor seinen Augen Bänder, Wirbel und Flächen ähnlicher Farbtöne ab. Als er sich umdrehte, um die Wand hinter ihnen genauer zu betrachten, stellte er fest, dass die Steine unterschiedlich groß waren – manche nur winzige Punkte, andere daumennagelgroß.

»Da machen wir die Lichtsteine«, erklärte Evar, bedeutete ihm zu folgen und trat auf einen blendend hellen Bereich der Wand zu. »Ihre Herstellung ist am einfachsten, und man sieht auch sofort, ob sie gut geworden sind. Man braucht dazu nicht einmal einen Duplikatorstein.«

»Duplikatorstein?«, wiederholte Lorkin. Evar hatte solche Steine schon früher erwähnt, aber Lorkin hatte ihren Verwendungszweck niemals ganz verstanden.

»Einen von diesen hier.« Evar wechselte abrupt die Richtung und führte Lorkin zu einem der vielen Tische in der Höhle. Er öffnete eine hölzerne Schatulle, in der in einem Bett aus feinen, daunigen Fasern ein einzelner Edelstein lag. »Bei den Lichtsteinen braucht man den wachsenden Steinen lediglich den gleichen Gedanken einzugeben, den man benutzt, um ein magisches Licht zu erschaffen. Aber bei Steinen mit komplizierteren Verwendungszwecken ist es einfacher, man nimmt einen, der bereits fertig ist und einwandfrei funktioniert, und projiziert dessen Struktur in den neu zu schaffenden Stein. Das verringert die Fehlerquote und die Zahl mangelhafter Steine, außerdem kann man mehrere Steine gleichzeitig wachsen lassen.«

Lorkin nickte. Dann deutete er auf einen anderen Bereich. »Was tun diese Steine?«

»Eine Barriere schaffen und aufrecht halten. Sie werden benutzt, um vorübergehend Wasser einzudämmen oder Steinmuren aufzuhalten. Sieh dir mal das hier an …« Sie gingen zu einer Wand mit winzigen schwarzen Kristallen. »Das werden Gedankenblocker. Ihre Herstellung dauert lange, weil sie so kompliziert sind. Es wäre einfacher, wenn sie lediglich die Gedanken des Trägers beschirmen müssten, aber sie müssen dem Träger auch die Möglichkeit geben, die Gedanken auszusenden, die ein Gedankenleser vorzufinden erwartet, um ihn in die Irre zu führen.« Evar betrachtete die winzigen Steine voller Bewunderung. »Wir haben sie nicht erfunden – wir haben sie früher von den Duna-Stämmen gekauft.«

Lorkin erinnerte sich plötzlich an Dannyls Warnung, dass die Verräterinnen die Kenntnisse für die Herstellung von Edelsteinen vom Volk der Duna gestohlen hätten. Vielleicht war das nur die Art, wie die Duna es sahen. Vielleicht war es ein weiterer Handel gewesen, der schiefgegangen war, wie der zwischen seinem Vater und den Verräterinnen.

»Treibt ihr immer noch Handel mit ihnen?«, fragte er.

Evar schüttelte den Kopf. »Wir haben sie schon vor Jahrhunderten an Kenntnissen und Fähigkeiten übertroffen.« Er schaute nach rechts. »Hier sind einige, die wir selbst entwickelt haben.« Sie näherten sich einem Bereich mit großen Edelsteinen, deren Oberfläche Licht mit einem Schillern reflektierte, das Lorkin an das Perlmutt exotischer, polierter Muscheln erinnerte. »Dies sind Rufsteine. Sie sind wie Blutsteine. Sie ermöglichen es uns, über eine gewisse Entfernung hinweg miteinander zu kommunizieren, aber man braucht dazu immer zwei Steine, die dicht nebeneinander gewachsen sind. Es kann schwierig sein, den Überblick darüber zu behalten, welche Steine miteinander verbunden sind, daher können wir noch nicht mit der Herstellung von Blutsteinen aufhören.«

»Warum solltet ihr damit aufhören?«

Evar sah ihn überrascht an. »Du kennst doch sicher ihre Schwächen?«

»Nun … lass mich raten: Der Schöpfer dieser Steine sieht nicht ständig die Gedanken des Trägers?«

»Ja, und nur die Nachricht, die der Benutzer aussendet, wird von dem Edelstein aufgefangen, nicht all seine Gedanken und Gefühle.«

»Jetzt verstehe ich, inwiefern das eine Verbesserung wäre.« Lorkin drehte sich um, um sich im Raum umzusehen. Es gab so viele verschiedene Steine, und überall an den Wänden standen teils überladene Tische. »Was bewirken diese Edelsteine?«, fragte er und deutete auf einen großen Bereich.

Evar zuc


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kte die Achseln. »Ich weiß es nicht genau. Ich vermute, es ist ein Experiment. Irgendeine Art von Waffe.«

»Waffe?«

»Für die Verteidigung der Stadt, sollte es jemals zu einer Invasion kommen.«

Lorkin nickte und sagte nichts mehr. Fragen in Bezug auf Waffen würden selbst seinem neuen Freund verdächtig erscheinen.

»Waffensteine müssten etwas können, zu dem ein Magier selbst nicht in der Lage ist«, erklärte Evar weiter. »Das wäre für Magier von geringen Fähigkeiten oder geringer Ausbildung sehr nützlich, oder für einen, dessen Kraft erschöpft ist. Ich hoffe, sie machen unsere Angriffe zielsicherer. Ich war nicht besonders gut in den Kampfdisziplinen, also werde ich, sollten wir jemals angegriffen werden, alle Hilfe brauchen, die ich bekommen kann.«

»Würdest du überhaupt kämpfen?«, fragte Lorkin. »Soweit ich es verstehe, sind in Schlachten mit Schwarzmagiern niedere Personen wie du und ich nur als Quelle für zusätzliche Magie von Nutzen. Wir würden unsere Macht wahrscheinlich einem Schwarzmagier überlassen und dann irgendwo hingeschickt, wo wir nicht im Weg wären.«

Evar nickte und bedachte Lorkin mit einem Seitenblick. »Ich finde es immer noch seltsam, dass du höhere Magie ›schwarz‹ nennst.«

»Schwarz ist in Kyralia eine Farbe der Gefahr und der Macht«, erklärte Lorkin.

»Das hast du bereits gesagt.« Evar wandte den Blick ab und schaute sich im Raum um, als suche er nach etwas anderem, das er Lorkin zeigen konnte. Dann weiteten sich seine Augen, und er gab einen leisen Laut von sich. »Oh-oh.«

Als Lorkin sich in die Richtung wandte, in die sein Freund starrte, bemerkte er, dass eine junge Frau durch den größeren Haupteingang eingetreten war. Er widerstand der Versuchung, nach dem kleinen Hintereingang Ausschau zu halten; er musste einige Schritte entfernt sein, und die Frau würde sie gewiss jeden Augenblick bemerken.

Sieht so aus, als würden wir jetzt genau die Schwierigkeiten bekommen, vor denen Kalia uns gewarnt hat. 

Einen Moment später blickte die Frau auf und entdeckte sie. Sie lächelte Evar zu, dann wanderte ihr Blick zu Lorkin, und ihr Lächeln verblasste. Sie blieb stehen, schaute ihn nachdenklich an, dann drehte sie sich um und verließ den Raum.

»Hast du genug gesehen? Denn ich denke, jetzt wäre vielleicht ein guter Zeitpunkt, um zu gehen«, sagte Evar leise.

»Ja«, erwiderte Lorkin.

Evar machte einen Schritt auf den Hintereingang zu und hielt dann inne. »Nein, lass uns durch den Hauptflur gehen. Wir wollen jetzt, da man uns gesehen hat, keinen schuldbewussten Eindruck machen.«

Sie tauschten ein grimmiges Lächeln, holten tief Luft und gingen auf den Bogengang zu, durch den die Frau verschwunden war. Sie hatten ihn fast erreicht, als eine andere Frau ihnen mit verärgerter Miene entgegenkam.

»Was hast du hier verloren?«, verlangte sie von Lorkin zu wissen.

»Hallo, Chava«, sagte Evar. »Lorkin ist mit mir hier.«

Sie blickte zu Evar. »Das sehe ich. Was hat er hier verloren?«

»Ich führe ihn herum«, erwiderte Evar. Er zuckte die Achseln. »Das ist nicht verboten.«

Der Blick der Frau verfinsterte sich noch weiter. Sie sah erst Evar, dann Lorkin und dann wieder Evar an. Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und ein Ausdruck von Verdruss huschte über ihre Züge. »Es mag nicht verboten sein«, belehrte sie Evar, »aber es gibt … noch andere Dinge zu berücksichtigen. Du weißt, wie gefährlich es ist, die Steinemacher zu unterbrechen oder abzulenken.«

»Natürlich weiß ich das.« Evars Ausdruck und Ton waren jetzt ebenfalls ernst. »Deswegen habe ich gewartet, bis die Steinemacher dieser Höhle Feierabend gemacht hatten, und habe Lorkin auch nicht durch die inneren Höhlen geführt.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Du hast nicht zu entscheiden, wann ein Besuch angebracht ist. Hast du um Erlaubnis für diesen Besuch gebeten?«

Evar schüttelte den Kopf. »Das musste ich noch nie.«

Bei dem flüchtigen Aufscheinen von Triumph in Chavas Blick verkrampfte sich Lorkin. »Das hättet ihr tun müssen«, erklärte sie ihnen. »Diese Sache muss gemeldet werden, und ich will nicht, dass einer von euch beiden mir von der Seite weicht, bis die richtigen Leute davon erfahren und entschieden haben, was mit euch geschehen soll.«

Als sie auf dem Absatz kehrtmachte und wieder auf den Eingang zuging, sah Lorkin Evar an. Der junge Mann lächelte und zwinkerte ihm zu. Ich hoffe, er hat recht damit, dass man keine Erlaubnis braucht,  dachte Lorkin, während sie beide hinter Chava her eilten. Ich hoffe, es gibt nicht tatsächlich irgendein Gesetz oder eine Regel, von der mir niemand etwas gesagt hat.  Die Sprecherinnen hatten ihn angewiesen, sich mit den Gesetzen des Sanktuariums vertraut zu machen und sie zu befolgen, und er war sorgfältig darauf bedacht gewesen, sich gewissenhaft daran zu halten.

Aber auch wenn seine Befürchtungen in dieser Richtung sich als unbegründet erweisen sollten, konnte er nicht so unbesorgt sein, wie Evar es war. Selbst wenn sie beide im Recht waren, hatte Chavas Reaktion die Furcht Lorkins bestätigt, dass er durch seinen Besuch der Höhlen das Vertrauen der Verräterinnen in ihn auf die Probe gestellt hatte. Er konnte nur hoffen, dass er nicht zu weit gegangen war und seine Hoffnungen auf einen Handel zwischen Verräterinnen und Gilde – oder die Möglichkeit, jemals zurückzukehren – für immer zunichtegemacht hatte.

2

Unerwartete Ankömmlinge

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Dannyl legte seinen Stift beiseite, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und seufzte.

Ich hätte nie gedacht, dass ich als Gildebotschafter – noch dazu in einem Land wie Sachaka – untätig, gelangweilt und allein herumsitzen würde. 

Da Sachaka nicht zu den Verbündeten Ländern gehörte, kamen hier keine jungen Menschen zu ihm, um sich auf magische Fähigkeiten prüfen zu lassen, weil sie sich der Gilde anzuschließen hofften, und keine Gildemagier, für die er Quartiere und Treffen arrangieren musste. Ebenso wenig musste er sich um die Belange der hiesigen Gildemagier kümmern, da es ja keine gab. Es blieben gelegentliche Treffen, um das Gespräch zwischen der Gilde und dem sachakanischen König sowie der sachakanischen Elite zu pflegen und Botschaften zu diesem Zweck zu empfangen oder zu überbringen, und ab und an die Regelung oder Delegation von Handelsangelegenheiten. Er hatte also nur sehr wenig zu tun.

Bei seiner Ankunft in Sachaka war das ganz anders gewesen. Zwar waren seine spärlichen Aufgaben die gleichen gewesen, aber er hatte auch viel Zeit – für gewöhnlich die Abende – damit verbracht, wichtige und mächtige Sachakaner zu besuchen. Seit er von seiner Suche nach Lorkin und dessen Entführerin aus den Bergen zurückgekehrt war, gab es kaum noch Einladungen von Ashaki, die mit ihm speisen und sich mit ihm unterhalten wollten.

Dannyl stand auf, zögerte dann aber. Es gefiel den Sklaven nicht, wenn er im Gildehaus auf und ab ging. Sie huschten ihm aus dem Weg oder spähten um Ecken, um ihn zu beobachten. Ihre gewisperten Warnungen eilten ihm in solchen Fällen voraus, was immer eine Ablenkung war. Er ging auf und ab, um nachzudenken, und konnte keine getuschelten Störungen seiner Gedanken gebrauchen.

Irgendwann werden sie es schon schaffen, sich so zu verständigen, dass ich nichts mehr davon höre oder sehe,  sagte er sich und trat hinter dem Schreibtisch hervor. Entweder das, oder ich werde mich daran gewöhnen müssen, in meinem Zimmer im Kreis zu laufen. 

Als er aus seinem Arbeitszimmer in den Hauptraum seiner Wohnung trat, warf sich ein Sklave, der an der Wand gestanden hatte, zu Boden. Dannyl machte eine abschätzige Handbewegung. Der Sklave warf ihm einen vorsichtigen, forschenden Blick zu, dann rappelte er sich hoch und verschwand im Flur.

Langsam durchquerte Dannyl den Raum und trat ebenfalls in den Flur. Es war seltsam, aber die Anlage der sachakanischen Häuser selbst erhöhte den Reiz, darin umherzuwandern. Die Wände waren selten gerade, und die Flure des größeren, privaten Teils des Hauses wanden sich in eleganten Kurven, die irgendwann zusammenliefen.

Die nächste Gruppe von Räumen hatte Lorkin gehört. Dannyl hielt im Eingang dazu inne, dann ging er hinein. Er rechnete jetzt jeden Tag damit, dass ein Ersatz für seinen Assistenten eintraf und hier Quartier bezog. Schließlich ging er zur Schlafzimmertür und starrte auf das Bett.

Ich denke, ich sollte dem Nachfolger gegenüber lieber nicht erwähnen, dass dort einmal eine tote Sklavin gelegen hat,  ging es ihm durch den Kopf. Mich würde dieses Wissen beunruhigen, und ich würde wahrscheinlich nächtens wach liegen und müsste mich zwingen, mir  nicht vorzustellen, dass neben mir eine Leiche liegt. 

Die Leiche war eine unangenehme Entdeckung gewesen, aber weniger schlimm als die Entdeckung, dass Lorkin zusammen mit einer anderen Sklavin verschwunden war. Zuerst hatte er sich gefragt, ob Sonea mit ihrer Befürchtung richtiggelegen hatte, dass die Familien der sachakanischen Eindringlinge, die sie und Akkarin vor über zwanzig Jahren getötet hatten, Rache an ihrem Sohn nehmen würden.

Nachdem er die Sklaven verhört hatte und den gesammelten Hinweisen gefolgt war – mithilfe des Repräsentanten des sachakanischen Königs, Ashaki Achati –, hatte er entdeckt, dass dies nicht der Fall war. Lorkin war vielmehr von Rebellen entführt worden, einer Gruppe, die sich die Verräterinnen nannte. Achati hatte veranlasst, dass sich ihnen fünf sachakanische Ashaki anschlossen, und sie hatten Lorkin und seine Entführerin in die Berge verfolgt. In das von den Verräterinnen beherrschte Territorium.

Lediglich sechs sachakanische Magier und ein einziger der Gilde hätten einem Angriff der Verräterinnen jedoch niemals standhalten können. Dannyl hatte inzwischen begriffen, dass die Verräterinnen nur deshalb nicht angegriffen hatten, weil das zu weiteren Einfällen in ihr Territorium hätte führen können. Wären Dannyl und seine Helfer allerdings dem Stützpunkt der Verräterinnen zu nahe gekommen, hätten diese sie getötet. Glücklicherweise hatten die Rebellen ein Treffen zwischen ihm und Lorkin arrangiert, und sein Gehilfe hatte ihm versichert, dass er mit den Verräterinnen gehen und mehr über sie herausfinden wolle.

Dannyl wandte sich von Lorkins ehemaligem Schlafzimmer ab und verließ langsam die Wohnung, wobei sich ein Gefühl der Düsternis in ihm ausbreitete. Er war erleichtert gewesen zu erfahren, dass Lorkin in Sicherheit war. Er hatte es sogar aufregend gefunden, dass Lorkin hoffte, etwas über Magie zu erfahren, von der die Gilde keine Kenntnis hatte. Eines war ihm jedoch nicht klar gewesen: wie peinlich diese Situation für die Ashaki gewesen war, die mit ihm ausgezogen waren, um Lorkin zu befreien.

Sie waren verpflichtet gewesen, so lange zu suchen, bis Lorkin gefunden wurde. Aus Furcht vor einem Angriff aufzugeben hätte für sie Gesichtsverlust bedeutet. Dannyl hatte ihnen diese Demütigung erspart, indem er die Entscheidung selbst traf. Es war ihm nur gerecht erschienen, nachdem sie sich für ihn und Lorkin in Gefahr gebracht hatten. Aber ihm war nicht klar gewesen, welchen Schaden dadurch sein Ansehen bei der sachakanischen Elite nehmen würde.

Der Flur zweigte nach links ab. Dannyl strich mit den Fingerspitzen über die weißgetünchte Wand, dann blieb er am Eingang zu einer weiteren Wohnung stehen. Diese Räume waren für Gäste bestimmt und in den vielen Jahren, in denen die Gilde das Gebäude schon benutzte, nur selten bewohnt gewesen.

Ich bin in Ungnade gefallen,  überlegte Dannyl. Weil ich die Jagd aufgegeben habe. Weil ich wie ein Feigling vor den Verräterinnen geflohen bin. Und wahrscheinlich auch, weil ich zugelassen habe, dass ein Gildemagier, für den ich verantwortlich war und der im Rang unter mir stand, sich einem Feind des sachakanischen Volkes angeschlossen hat. 

Hätte er sich noch einmal in dieser Situation befunden, hätte er die gleiche Entscheidung getroffen. Wenn die Verräterinnen tatsächlich über eine neue Art von Magie verfügten und Lorkin sie überreden konnte, ihn darin einzuweihen und ihm zu erlauben, nach Hause zurückzukehren, wäre dies das erste Mal seit Jahrhunderten, dass der Kernbestand der Gilde an magischen Künsten ergänzt wurde. Schwarze Magie zählte er nicht als neu; sie war eher eine Wiederentdeckung und wurde noch immer als gefährlich und wenig wünschenswert erachtet.

Ashaki Achati hatte ihm versichert, dass einige Sachakaner Dannyls »Opferung« seines Stolzes als eine bewundernswert noble Tat betrachteten. Dannyl hätte dieses Opfer vermeiden können, indem er seine Helfer bat, ihm bei der Entscheidungsfindung zur Seite zu stehen, so dass der Schaden sich auf sie alle verteilt hätte. Aber damit hätte er eine völlig nutzlose Fortsetzung der Jagd riskiert, die niemandem zum Vorteil gereicht hätte.

Dannyl ging am Eingang der Gästewohnung vorbei weiter den Flur entlang. Schon bald erreichte er das Herrenzimmer, den wichtigsten öffentlichen Raum des Gebäudes. Dies war der Ort, an dem der Besitzer oder die Person, die innerhalb des Hauses den höchsten Rang innehatte, Gäste begrüßte und bewirtete. Besucher betraten das Anwesen über den Haupthof, wurden von einem Türsklaven begrüßt und dann durch eine überraschend bescheidene Tür und einen kurzen Flur in diesen Raum geführt.

Er setzte sich auf einen von einer Handvoll Hocker, die in einem Halbkreis aufgestellt waren, und dachte an die vielen köstlichen Mahlzeiten, die man ihm vorgesetzt hatte, während er in ähnlichen Räumen auf ähnlichen Möbelstücken gesessen hatte. Achati, der Repräsentant des Königs, hatte die Aufgabe gehabt, Dannyl wichtigen Personen vorzustellen und ihm Anweisungen in Bezug auf Protokoll und Manieren zu geben. Es war gleichzeitig interessant und ein wenig besorgniserregend, dass dieser Mann der einzige war, der Dannyl immer noch besuchen konnte, ohne dass Dannyls beschädigter Ruf auf ihn abfärbte. War er immun gegen derartige gesellschaftliche Regeln, oder war es etwas anderes?

Kommt er mich besuchen, weil sein Interesse an mir nicht ausschließlich politischer Natur ist? 

Dannyl erinnerte sich an den Moment, in dem Achati angedeutet hatte, er hätte gern eine engere Beziehung zu ihm als Freundschaft. Wie immer stieg eine Mischung von Emotionen in ihm auf: Er fühlte sich geschmeichelt, er empfand Furcht, spürte seine Neigung zu Vorsicht und hatte ein schlechtes Gewissen. Das schlechte Gewissen war nicht überraschend, überlegte er. Obwohl er frustriert aus Kyralia abgereist war, nachdem er sich von Tayend, seinem Liebhaber, entfremdet hatte, war von ihnen keine klare Entscheidung für eine Trennung getroffen worden.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich diese Trennung will. Vielleicht bin ich sentimental, dass ich etwas, das nur noch in der Vergangenheit existiert, nicht loslassen will. Doch wenn ich mich frage, ob ich an Achati interessiert bin, kann ich weder so noch so antworten. Ich bewundere den Mann. Ich habe das Gefühl, dass wir vieles gemeinsam haben – Magie, Interessen, unser Alter … 

Ein Sklave betrat den Raum und warf sich zu Boden. Dannyl quittierte die Störung mit einem Seufzer.

»Sprich«, befahl er.

»Gildekutsche hier. Zwei Fahrgäste.«

Dannyl stand hastig auf, und sein Herz machte einen Satz, der auf jähe Erregung und Hoffnung zurückzuführen war. Endlich war sein neuer Assistent eingetroffen. Obwohl er keine Arbeit für ihn hatte, würde er zumindest ein wenig Gesellschaft bekommen.

»Schick sie herein.« Dannyl rieb sich die Hände, machte einige Schritte auf den Haupteingang zu und hielt dann inne. »Und sorge dafür, dass jemand etwas zu essen und zu trinken bringt.«

Der Sklave rappelte sich hoch und hastete davon. Dannyl hörte, wie eine Tür geschlossen wurde, dann Schritte im Eingangsflur. Der Türsklave trat in den Raum und warf sich Dannyl zu Füßen. Die junge Heilerin, die ihm folgte, betrachtete den Sklaven voller Entsetzen, dann schaute sie zu Dannyl auf und nickte respektvoll.

Er öffnete den Mund, um sie willkommen zu heißen, aber die Worte kamen ihm nicht über die Lippen, weil ein bunt gekleideter Mann, der hinter ihr herging, seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Der Mann musterte den Raum mit lebhaften, neugierigen Blicken.

Dann traf der Blick des Mannes den Dannyls, und seine Augen funkelten, als ein vertrauter Mund sich zu einem breiten Lächeln dehnte.

»Seid mir gegrüßt, Botschafter Dannyl«, sagte Tayend. »Mein König hat mir versichert, dass die Gilde Elynes Botschafter in Sachaka ein Quartier geben würde, aber wenn diese Bitte ungelegen kommt, bin ich mir sicher, dass ich in der Stadt eine passende Unterkunft finden kann.«

»Botschafter …?«, wiederholte Dannyl.

»Ja.« Tayends Lächeln wurde noch breiter. »Ich bin der neue elynische Botschafter in Sachaka.«

Obwohl eine Verbindung zu Verbrechern nicht länger gegen irgendeine Regel der Gilde verstieß und es für Sonea nur folgerichtig war, sich bei der Jagd auf wilde Magier mit Cery zu beraten – er hatte ihr bereits in der Vergangenheit geholfen, einen zu fangen –, traf Sonea sich lieber heimlich mit ihm. Manchmal erschien er in ihrem Quartier in der Gilde, manchmal traf sie ihn in einem abgelegenen Bereich der Stadt. Der Lagerraum des Nordseite-Hospitals hatte sich als einer der sichersten Orte für solche Zusammenkünfte erwiesen; er war durch eine Geheimtür auch von einem Nachbarhaus aus zugänglich, das Cery gekauft hatte.

Es war sicherer, sich heimlich zu treffen, weil der mächtigste Dieb der Stadt, der wilde Magier, auf den sie Jagd machte, gewiss nicht erfreut darüber gewesen wäre zu erfahren, dass Cery der Gilde geholfen hatte, seine Mutter, Lorandra, zu fangen und einzusperren. Skellin besaß noch immer großen Einfluss in Imardins Unterwelt und hätte alles getan – einschließlich der Ermordung seiner Verfolger –, um zu verhindern, dass auch er gefangen wurde.

Allerdings gab es seit Monaten nicht mehr die geringste Spur von Skellin. Obwohl Sonea endlich die Erlaubnis erhalten hatte, sich frei in der Stadt zu bewegen, waren ihre Nachforschungen über das Versteck des wilden Magiers ergebnislos geblieben. Cerys Leute, die vermutlich leichter etwas über den Wilden in Erfahrung bringen konnten, hatten ebenfalls nichts herausbekommen. Ein in seinem Äußeren so exotischer Mann wie Skellin sollte eigentlich Aufmerksamkeit erregen, aber es hatten sie keine Berichte über einen schlanken Mann mit rötlich dunkler Haut und fremdartigen Augen erreicht.

»Seine Feuel-Verkäufer sind überall in meinem Territorium«, erzählte Cery ihr. »Sobald ich ein Glühhaus schließe, öffnet ein anderes. Ich kümmere mich um einen Verkäufer, und zehn weitere tauchen auf. Ganz gleich wie ich mit ihnen verfahre, nichts schreckt sie ab.«

Sonea wollte nicht fragen, wie es aussah, wenn Cery sich um jemanden »kümmerte«. Sie bezweifelte, dass es bedeutete, dass er ihn freundlich bat zu verschwinden. »Klingt so, als hätten sie vor Skellin größere Angst als vor dir. Das heißt gewiss, dass er noch in der Stadt ist.«

Cery schüttelte den Kopf. »Er könnte jemand anderem den Auftrag gegeben haben, die Verkäufer in seinem Namen einzuschüchtern. Wenn du genug Leute hast, die für dich arbeiten, und außerdem Verbündete, kannst du ein Geschäft aus der Ferne betreiben. Als einziger Nachteil bleibt, dass es immer etwas Zeit kostet, Nachrichten und Befehle zu übermitteln.«

»Können wir das überprüfen? Wir könnten etwas tun, worum Skellin sich persönlich kümmern muss. Etwas, das seine Verbündeten und Handlanger nicht für ihn entscheiden können. Wir werden herausfinden, wie lange es dauert, eine Reaktion zu erzielen, und das könnte uns verraten, ob er in Imardin ist oder nicht.«

Cery runzelte die Stirn. »Es könnte funktionieren. Wir müssten uns etwas ausdenken, das groß genug ist, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, das aber niemanden in Gefahr bringt.«

»Etwas Überzeugendes. Ich bezweifle, dass er der Typ ist, der in eine Falle tappt.«

»Das stimmt«, pflichtete Cery ihr bei. »Das Problem ist, ich kann nicht …«

Sonea runzelte die Stirn. Sein Blick war auf etwas über ihrer Schulter gerichtet, und er hatte sich vollkommen verkrampft. Von der Tür hinter ihr kam ein leises Kratzen. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass der Knauf der Tür langsam gedreht wurde, zuerst in die eine, dann in die andere Richtung.

Sie hielt die Tür mit Magie geschlossen, so dass, wer immer sie zu öffnen versuchte, keine Chance hatte, in den Raum zu gelangen. Aber wer es auch war, er versuchte, es heimlich zu tun.

»Ich sollte besser gehen«, sagte Cery leise.

Sie nickte zustimmend, und sie standen gleichzeitig auf. »Lass uns beide darüber nachdenken.« Wie lange steht die Person, die den Knauf dreht, schon auf der anderen Seite der Tür? Hat sie irgendetwas von dem gehört, was wir gesprochen haben?  Außer den Heilern und den Helfern sollte sich niemand in diesem Teil des Hospitals aufhalten, und jeder, der in der Nähe des Lagers herumlungerte, würde ihren Verdacht erregen. Es sei denn, es ist ein Heiler.  Davon gab es eine Handvoll, die von ihren Treffen mit Cery wussten und sie unterstützten, doch es gab auch andere, die das nicht taten und die es fragwürdig finden könnten, dass sie zu diesem Zweck Räume des Hospitals benutzte.

Sie stand auf, ging auf die Tür zu und wartete, bis Cery lautlos durch die Geheimtür geschlüpft war, bevor sie sich straffte und ihr magisches Schloss entfernte.

Der Riegel klickte, und die Tür schwang nach innen auf. Ein kleiner, dünner Mann stand davor und schickte sich an, einzutreten. Ein wahnsinniges Grinsen verzerrte seine Züge. Als er sie sah und ihre schwarzen Roben bemerkte, verdrängte ein Ausdruck des Entsetzens das Grinsen. Er erbleichte und wich einige Schritte zurück.

Aber irgendetwas hielt ihn auf. Etwas zwang ihn, stehen zu bleiben, und ließ eine irrsinnige Hoffnung in seinem Gesicht aufscheinen. Etwas veranlasste ihn, alle Furcht vor dem, was sie war, beiseitezuschieben.

»Bitte«, jammerte er. »Ich brauche etwas. Gebt mir etwas.«

Eine Welle aus Mitgefühl, Ärger und Traurigkeit schlug über ihr zusammen. Sie seufzte, trat in den Flur, zog hinter sich die Tür zu und verriegelte das mechanische Schloss mit Magie.

»Wir bewahren es nicht hier auf«, sagte sie zu dem Mann. Er starrte sie an, dann verdüsterte sich sein Gesicht vor Zorn.

»Lügnerin!«, kreischte er. »Ich weiß, dass Ihr es habt. Ihr habt immer welches, um Leute zu entwöhnen. Gebt es mir!« Seine Händen wurden zu Klauen, und er stürzte sich auf sie.

Sie fing seine Handgelenke auf und bremste seinen Angriff mit einem sanften magischen Druck gegen seine Brust. Er war bereits erregt genug, auch ohne dass sie seine Verzweiflung noch vergrößerte, indem sie ihn ganz mit magischer Energie einhüllte. Aus dem Augenwinkel konnte sie das Aufblitzen von grünem Stoff sehen – es kamen bereits einige Heiler herbeigeeilt, um sich des Mannes anzunehmen.

Es dauerte nicht lange, da hatten zwei Heiler die Arme des Mannes ergriffen, dann schleppten sie ihn zurück durch den Flur. Ein dritter Heiler blieb in ihrer Nähe stehen, und als sie zu dem Mann aufblickte, erkannte sie ihn mit einiger Überraschung und großer Freude.

»Dorrien!«

Der Mann, der ihr Lächeln erwiderte, war ein paar Jahre älter als sie und gebräunt von vielen in der Sonne verbrachten Stunden. Rothens Sohn war der Heiler einer kleinen Stadt am Rand der südlichen Berge, wo er mit seiner Frau und seinen Kindern lebte. Vor langer Zeit, als sie noch Novizin gewesen war, war er zu einem Besuch in die Gilde gekommen, und zwischen ihnen war eine Freundschaft gewachsen – eine Freundschaft, die zu einer Romanze hätte werden können. Aber er hatte in sein Dorf und sie zu ihren Studien zurückkehren müssen. Dann habe ich mich in Akkarin verliebt, und nach seinem Tod konnte ich nicht einmal daran denken, mit jemand anderem zusammen zu sein.  Dorrien war in Imardin geblieben, um nach der Ichani-Invasion beim Wiederaufbau zu helfen, aber sein Dorf hatte niemals aufgehört, sein wahres Zuhause zu sein, und schließlich war er dorthin zurückgekehrt. Er hatte eine Frau aus dem Ort geheiratet und war Vater zweier Töchter.

»Ja, ich bin wieder da«, sagte Dorrien. »Zu einem kurzen Besuch diesmal.« Er betrachtete den von Drogen um seinen Verstand gebrachten Mann. »Habe ich recht mit der Vermutung, dass die Ursache seines Problems etwas ist, das man Feuel nennt?«

Sonea seufzte. »Du hast recht.«

»Das ist der Grund, warum ich hier bin. Einige junge Männer in meinem Dorf sind vor ein paar Monaten vom Markt damit zurückgekommen. Als sie ihren Vorrat verbraucht hatten, waren sie bereits abhängig geworden. Ich hätte gern einen Rat, wie ich sie behandeln kann.«

Sie musterte ihn eingehend. Im Gegensatz zu den Heilern in der Stadt war er nicht verpflichtet, es zu vermeiden, seine Magie auf die Behandlung der Droge zu »verschwenden«. Hatte er versucht, heilende Magie zu benutzen, um die jungen Männer von ihrer Gewohnheit abzubringen, und war gescheitert, wie sie bei den meisten Patienten gescheitert war, die sie insgeheim behandelt hatte?

»Komm mit«, sagte sie, drehte sich um und schloss den Lagerraum wieder auf. Als er eintrat, folgte sie ihm und schloss die Tür hinter sich. Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er sich im Raum um, setzte sich jedoch ohne einen Kommentar auf den Stuhl, auf dem zuvor Cery gesessen hatte. Sie nahm auf dem Stuhl Platz, von dem sie sich gerade erhoben hatte.

»Hast du versucht, sie mit Magie zu heilen?«, fragte sie.

»Ja.« Dorrien berichtete, dass die jungen Männer ihn um Hilfe gebeten hätten, nachdem ihnen zu spät klar geworden war, dass sie sich Feuel auf die Dauer nicht leisten konnten. Es war ihnen peinlich gewesen festzustellen, dass sie auf ein Laster der Stadt hereingefallen waren. Er hatte mit seinen Heilersinnen in ihren Körpern nach der Ursache des Problems gesucht und es geheilt, wie Sonea es bei manchen ihrer Patienten getan hatte. Und genau wie sie hatte er unterschiedliche Erfolge erzielt. Einer der Brüder war kuriert worden, den anderen verlangte es noch immer nach der Droge.

»Ich habe das gleiche Ergebnis erzielt«, erwiderte sie. »Ich habe versucht herauszufinden, warum es möglich ist, einige Leute mit Magie zu heilen und andere nicht.«

Er nickte. »Also, was rätst du mir für die Patienten, die nicht geheilt werden können?«

»Sie sollten die Droge nicht wieder benutzen, für den Fall, dass die Wirkung stärker wird. Einige meiner Patienten sagen, es helfe ihnen, sich zu beschäftigen, um das Verlangen ignorieren zu können. Andere trinken. Aber keine kleinen Mengen – sie sagen, zu wenig schwäche ihre Entschlossenheit, Fäule zu meiden.«

»Fäule?«

»Das ist der Spitzname der Droge auf der Straße.«

Dorrien verzog das Gesicht. »Ich denke, es ist ein passender.« Er runzelte die Stirn und sah sie nachdenklich an. »Wenn wir die Sucht anderer Personen nicht mit Magie heilen können, können wir dann unsere eigene heilen? Nicht dass ich von Feuel abhängig wäre«, fügte er mit einem schwachen Lächeln hinzu.

Sie lächelte grimmig zurück. »Das ist eine Frage, nach deren Beantwortung ich ebenfalls gesucht habe, aber mit geringem Erfolg. Bisher habe ich keinen Magier, der Feuel benutzt, gefunden, der bereit wäre, sich untersuchen zu lassen. Ich habe einige befragt, aber auf diesem Wege werde ich nicht die Beweise finden, die ich brauche.«

»Die du wofür brauchst?«

»Um die Gilde davon zu überzeugen, dass dies ein ernsthaftes Problem ist. Skellins Plan, Magier mit Feuel zu versklaven, könnte erfolgreich gewesen sein – könnte immer noch erfolgreich sein.«

Dorrien lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und dachte darüber nach. Dann schüttelte er den Kopf. »Magier sind schon früher mit anderen Dingen erpresst und gekauft worden. Warum ist dies hier etwas anderes?«

»Vielleicht ist nur die Größenordnung des Problems eine andere. Deshalb müssen weitere Nachforschungen angestellt werden. Wie hoch ist der Prozentsatz von Magiern, die von Feuel dauerhaft geschädigt werden könnten? Wie sehr verändert Feuel das Denken und Verhalten seiner Benutzer?«

Dorrien nickte. »Wie lautet deine Vermutung? Für wie groß hältst du das Problem?«

Sonea zögerte, als ihr Schwarzmagier Kallen in den Sinn kam. Falls Cery recht hatte und Anyi den Magier tatsächlich dabei beobachtet hatte, wie er Feuel kaufte, konnte das Problem in der Tat sehr  groß sein. Aber sie wollte nicht offenbaren, was sie wusste, bevor sie sicher war, dass Kallen wirklich  Feuel benutzte, und sie einen Beweis dafür hatte, dass Feuel ein so großes Problem darstellte, wie sie es vermutete. Er könnte die Droge für jemand anderen gekauft haben. Wenn sie zu Unrecht behauptete, er sei ein Süchtiger, würde sie wie eine Närrin dastehen, und wenn sie ihr Wissen offenbarte, bevor sie bewiesen hatte, dass Feuel für Magier gefährlich war, dann würde es aussehen, als mache sie großen Wirbel um nichts.

Oh, aber ich wünschte, ich könnte mit jemandem darüber reden.  Sie hatte es Rothen nicht erzählt, denn er würde sofort etwas unternehmen wollen. Es gefiel ihm nicht, dass Kallen sie behandelte, als könne man ihr nicht trauen. Rothen drängte sie immer, Kallen genauso scharf im Auge zu behalten, wie er sie im Auge behielt. Und Dorrien würde ihr das Gleiche raten.

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie se


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ufzend.

Ironischerweise war der einzige Mensch, von dem sie dachte, sie könne es ihm wahrscheinlich erzählen und darauf vertrauen, dass es ein Geheimnis blieb, Regin – der Magier, der ihr geholfen hatte, Lorandra zu finden. Welche Ironie darin liegt, dass aus dem Novizen, den ich gehasst habe, weil er mir das Leben zur Hölle machte, ein Magier geworden ist, dem ich vertraue.  Er verstand die Bedeutung des richtigen Zeitpunkts. Obwohl sie sich mit Regin getroffen hatte, um über die Suche nach Skellin zu sprechen, hatte sie sich bisher nicht überwinden können, ihn auf Kallens vermutlichen Feuel-Konsum hinzuweisen.

Vielleicht habe ich noch größere Angst, dass Regin mir nicht glauben wird und dass ich mich zu einer absoluten Närrin machen werde.  Unwillkürlich lächelte sie. Wie oft ich mir auch sage, dass wir keine Novizen und Todfeinde mehr sind, ich kann den Verdacht nicht abschütteln, dass er jede Schwäche gegen mich benutzen wird. Es ist lächerlich. Er hat bewiesen, dass er ein Geheimnis für sich behalten kann. Ich habe von ihm nichts anderes als Unterstützung erfahren. 

Aber häufig schaffte er es nicht zu ihren Treffen oder erschien verspätet und geistesabwesend. Sie vermutete, dass er das Interesse an der Suche nach Skellin verloren hatte. Vielleicht fand er, dass es eine unmögliche Aufgabe war, den wilden Magier aufzuspüren. Gewiss fühlte es sich langsam so an.

Denn da Cery gezwungen war, sich zu verstecken, und seine Leute keine Spur von Skellin finden konnten, war sie selbst ratlos, wie sie den Mann aufspüren sollten – es sei denn, sie nahmen die Stadt Stein um Stein auseinander, und dem würde der König niemals zustimmen.

Im Speisesaal herrschte wie immer der Lärm von Besteckklappern, Geschirrklirren und den Stimmen der Novizen. Lilia stieß einen ungehörten Seufzer aus und gab den Versuch auf, zu verstehen, worüber ihre Gefährten sprachen. Stattdessen ließ sie den Blick langsam durch den Raum wandern.

Die Innenausstattung war eine seltsame Mischung aus Raffinesse und Schlichtheit, aus dekorativen und praktischen Elementen. Die Fenster und Wände waren ebenso elegant gearbeitet und dekoriert wie in den meisten anderen großen Räumen in der Universität, aber die Möbel waren solide, einfach und robust. Es war, als habe jemand die polierten, geschnitzten Stühle und Tische in dem prächtigen Speisesaal des Hauses, in dem sie aufgewachsen war, entfernt und durch die stabilen Holztische und Bänke aus der Küche ersetzt. Die Menschen im Speisesaal waren ebenso unterschiedlich. Hier aßen Novizen aus den mächtigsten Häusern und solche, die in den schmutzigsten Straßen der Stadt als Kinder von Bettlern geboren worden waren. Als Lilia mit ihren magischen Lektionen begonnen hatte, hatte sie sich gefragt, warum die Schnösis weiterhin hier ihre Mahlzeiten einnahmen, obwohl sie reich genug waren, um ihre eigenen Köche zu beschäftigen. Die Antwort war, dass sie keine Zeit hatten, jeden Tag das Gelände zu verlassen, um mit ihren Familien zu speisen – und ohnehin sollten sie das Gelände der Gilde nicht ohne Erlaubnis verlassen.

Sie hatte den Verdacht, dass auch ein gewisses Gefühl territorialen Stolzes im Spiel war. Die Schnösis aßen seit Jahrhunderten im Speisesaal. Die Prollis waren die Neuankömmlinge. Der Speisesaal war der Schauplatz vieler Streiche zwischen den Prollis und Schnösis gewesen. Lilia hatte niemals zu einer der beiden Gruppen gehört. Obwohl sie es nicht laut aussprach, stammte sie aus den besten Verhältnissen, die jemand in der Gruppe der Prollis vorweisen konnte. Ihre Angehörigen standen bei einer Familie in Diensten, die zu einem Haus von einiger politischer Macht und Einfluss gehörte – weder an der Spitze der politischen Hierarchie noch ganz unten. Sie konnte ihre Herkunft über mehrere Generationen zurückverfolgen und benennen, welcher ihrer Vorfahren für welche Familien dieses Hauses gearbeitet hatte.

Andere Prollis dagegen waren sehr schäbiger Abkunft: Söhne von Huren, Töchter von Bettlern. Sehr viele waren mit Verbrechern verwandt, vermutete sie. Zwischen dieser Sorte von Prollis hatte eine seltsame Art von Wettstreit begonnen, wer mit der beeindruckendsten niederen Herkunft aufwarten konnte. Wenn Gossen-Ravi als Eltern genannt werden könnten, würden selbst damit einige von ihnen prahlen, als sei es ein Ehrentitel. Diejenigen aus einer Familie von Dienstboten stammenden Prollis dagegen prahlten nicht mit ihrer Herkunft – es hätte ihnen auch eine Menge Ärger eingetragen.

Der Hass, den einige Prollis auf die Schnösis hegten, schien ihr nicht gerecht zu sein. Die Herrschaften ihrer Eltern hatten ihre Dienstboten gut behandelt. Lilia hatte mit ihren Kindern gespielt, als sie noch klein gewesen war. Sie hatten dafür gesorgt, dass die Kinder all ihrer Diener eine Ausbildung in den Grundlagen erhielten. Seit der Ichani-Invasion hatten sie alle paar Jahre einen Magier ins Haus geholt, um sämtliche Kinder auf magische Fähigkeiten prüfen zu lassen. Obwohl keins ihrer eigenen Kinder genug latente Macht besaß, um in die Gilde aufgenommen zu werden, waren sie überglücklich gewesen, als Lilia – und vor ihr andere Dienstbotenkinder – ausgewählt worden war.

Die beiden Mädchen und die zwei Jungen, mit denen sie ihre freie Zeit verbrachte, waren Prollis, und sie waren wirklich nett. Sie, Froje und Madie waren seit ihren ersten Tagen an der Universität befreundet. Im letzten Jahr hatte Froje sich mit Damend und Madie mit Ellon zusammengetan, so dass Lilia das fünfte Rad am Wagen war. Jetzt beanspruchten die Jungen die meiste Aufmerksamkeit ihrer Freundinnen, und sie interessierten sich nur noch selten für Lilias Meinung, ihren Rat oder ihre Vorschläge. Lilia hatte sich gesagt, dass diese Entwicklung unvermeidlich war und ihr nicht allzu viel ausmache. Sie hatte ohnehin immer lieber zugehört, als an ihren Gesprächen teilzunehmen.

Ihr Blick fiel auf eine Novizin, die sie schon seit langer Zeit beobachtete. Naki gehörte im Unterricht zum Jahrgang über Lilia. Sie hatte langes schwarzes Haar, und ihre Augen waren so dunkel, dass es schwer war, die Grenze ihrer Pupillen zu entdecken. Jede ihrer Bewegungen war anmutig. Jungen fühlten sich sowohl zu ihr hingezogen als auch von ihr eingeschüchtert. Soweit Lilia das beurteilen konnte, hatte Naki kein Interesse an irgendeinem von ihnen gezeigt – nicht einmal an einigen der Jungen, die Lilias Freundinnen unwiderstehlich fanden. Vielleicht dachte sie, sie sei zu gut für sie. Vielleicht war sie einfach wählerisch, was ihre Freunde betraf.

Heute saß Naki neben einem anderen Mädchen. Sie schwieg, während der Mund des anderen Mädchens ständig in Bewegung war. Während Lilia die beiden beobachtete, lachte die Sprecherin und verdrehte die Augen. Naki verzog den Mund zu einem höflichen Lächeln.

Dann, ohne die geringste Bewegung, die ihr als Vorwarnung hätte dienen können, sah Naki Lilia direkt an.

Oh-oh,  dachte Lilia und spürte, wie in ihr die Hitze von Verlegenheit und Gewissensbissen aufstieg. Erwischt.  Doch gerade als sie den Blick abwenden wollte, lächelte Naki.

Lilia erstarrte vor Überraschung. Sie fragte sich flüchtig, was sie tun sollte, dann erwiderte sie das Lächeln. Alles andere wäre unhöflich gewesen. Dann zwang sie sich, nun doch den Blick abzuwenden. Es schien ihr nichts auszumachen, dass ich sie beobachtet habe, aber … wie peinlich, dass sie mich dabei erwischt hat, wie ich sie angestarrt habe.  

Eine Bewegung in Nakis Richtung erregte Lilias Aufmerksamkeit. Sie widerstand der Versuchung, erneut hinüberzuschauen, und versuchte stattdessen, aus dem Augenwinkel zu erkennen, was vorging. Eine dunkelhaarige Person stand in der Nähe von Nakis Platz. Diese Person hatte sich jetzt in Bewegung gesetzt. Diese Person kam in ihre Richtung.

Gewiss nicht … 

Sie konnte sich nicht daran hindern, den Kopf zu drehen und aufzublicken. Naki, sah sie, kam auf sie zu. Naki schaute sie direkt an, und sie lächelte.

Naki stellte ihren Teller neben den von Lilia und ließ sich dann auf den freien Platz auf der Bank neben ihr gleiten.

»Hallo«, sagte sie.

»Hallo«, erwiderte Lilia unsicher. Was will sie? Will sie wissen, warum ich sie angesehen habe? Will sie plaudern? Wenn ja, worüber um alles in der Welt soll ich reden? 

»Ich habe mich gelangweilt. Ich dachte, ich komme mal rüber und schaue, was du so tust«, erklärte Naki.

Lilia konnte es sich nicht verkneifen, zu Nakis früherer Gefährtin hinüberzublicken. Die Quasselstrippe starrte sie und Naki an, und sie wirkte verwirrt und ein wenig verärgert. Lilia sah ihre eigenen Freundinnen an. Die Mädchen waren überrascht, und die Jungen zeigten diesen ängstlichen und sehnsüchtigen Gesichtsausdruck, den sie fast alle aufsetzten, wenn Naki in der Nähe war.

Sie wandte sich wieder zu Naki um. »Nicht viel«, erwiderte sie aufrichtig und zuckte zusammen, als ihr bewusst wurde, wie lahm ihre Antwort klang. »Ich habe bloß gegessen.«

»Worüber habt ihr geredet?«, hakte Naki nach und sah die anderen an.

»Ob wir die richtige Disziplin gewählt haben«, antwortete einer der anderen. Lilia zuckte die Achseln und nickte.

»Ah«, sagte Naki. »Ich war in Versuchung, das Kriegsfach zu wählen, aber obwohl es Spaß macht, kann ich mir nicht vorstellen, mein Leben damit zu verbringen. Ich werde meine Fähigkeiten natürlich pflegen, für den Fall, dass es jemals wieder zu einer Invasion kommen sollte, aber ich bin zu dem Schluss gelangt, dass Alchemie nützlicher wäre.«

»Das ist es, was ich von der Heilkunst dachte«, meinte Lilia. »Nützlicher.«

»Stimmt, aber ich habe als Heilerin nie viel getaugt.« Naki lächelte schief.

Während Naki weiter plapperte, zerstreute sich Lilias Überraschung langsam. Dadurch, dass sie jemanden auf der anderen Seite des Raums angelächelt hatte, oder vielleicht weil die Sprecherin am anderen Tisch langweilig gewesen war, plauderte jetzt eine schöne, vielbewunderte Novizin mit ihr, als seien sie neuerdings Freundinnen.

Aus welchem Grund das auch geschehen war, sie beschloss, den Augenblick zu genießen. Denn sie glaubte gewiss nicht, dass so etwas noch einmal geschehen würde.

3

Anklagen und Vorschläge

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Die drei Tage, seit Lorkin und Evar den Befehl erhalten hatten, im Männerraum zu bleiben, bis alle Sprecherinnen Zeit gefunden hatten, sich zu treffen und das Verhalten der beiden Männer zu erörtern, waren überraschend vergnüglich gewesen.

»Weil wir was getan haben?«, hatte Evar mit großem Entzücken jeden gefragt, der andeutete, dass sie mit Anklagen oder Strafen zu rechnen haben würden. Niemand konnte genau sagen, wessen man ihn oder Lorkin anklagen würde. Was Lorkin einige Zuversicht gab. Alle wissen, dass es keine Regel und kein Gesetz und nicht einmal einen Befehl gibt, gegen den Evar und ich verstoßen haben. Wenn es so etwas gäbe, hätten sie mich bestimmt allein in irgendeinem Zimmer eingesperrt. 

Die Bewohner des Männerraums fanden das Ganze sehr komisch. Da sie grundsätzlich nicht an der Führung des Sanktuariums beteiligt wurden, ergötzten sie sich an allen Fehlern, die ihre Anführerinnen machten – natürlich nur so lange, wie diese Fehler für niemanden üble Konsequenzen hatten. Sie waren so erfreut darüber, dass Lorkin und Evar die Sprecherinnen wie Närrinnen hatten dastehen lassen, dass sie ihnen kleine Dinge geschenkt und Zeit mit ihnen verbracht hatten, um sicherzustellen, dass sich ihre neuen Helden niemals langweilten.

Drei von ihnen brachten Lorkin ein Spiel bei, das auf einem bemalten Brett und mit Edelsteinen gespielt wurde, denen sich keinerlei magische Eigenschaften hatten einpflanzen lassen und die für die Verräterinnen daher wertlos waren. Die Männer hatten bewusst dieses »Steine« genannte Spiel ausgewählt, weil es die Edelsteine waren, die Evar und Lorkin in Schwierigkeiten gebracht hatten.

Um sie herum hatte sich ein größeres Publikum gebildet, und die Männer diskutierten lebhaft den Spielverlauf. Plötzlich jedoch erstarb das muntere Geplänkel, nach und nach wandten sich alle Blicke dem Eingang zu. Die Männer, die Lorkin die Sicht dorthin versperrten, schlurften beiseite. Als Lorkin die Gestalt im Eingang erkannte, hörte sein Herz auf zu schlagen, und sein Magen begann zu flattern.

»Tyvara«, sagte er.

Ein Lächeln umspielte flüchtig ihre Lippen, dann war sie wieder ernst. Sie ignorierte alle anderen Männer und trat direkt auf ihn zu. Ein Schauder der Wonne überlief Lorkin, als er den Blick ihrer schönen, exotischen Augen auf sich gerichtet sah. Oh, ich bin definitiv noch nicht über sie hinweg,  dachte er. Wenn überhaupt, hat die Zeit ihrer Abwesenheit das Wiedersehen mit ihr noch aufregender gemacht. 

»Ich will unter vier Augen mit dir sprechen«, sagte sie, blieb einige Schritte von ihm entfernt stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Liebend gern«, erwiderte er. »Aber ich darf den Raum nicht verlassen. Kalias Anweisung.«

Sie runzelte die Stirn, dann zuckte sie die Achseln und sah sich im Raum um. »Dann werdet ihr anderen gehen.«

Sie beobachtete, wie die Männer sich unter gutmütigem Murren in den Flur begaben, und bemerkte, dass Evar sich nicht von der Stelle gerührt hatte. Sie musterte ihn mit schmalen Augen.

»Für mich gilt die gleiche Anweisung. Aber keine Sorge«, sagte er, stand auf und entfernte sich einige Schritte. »Ich werde dort drüben bleiben und versuchen, nicht zu lauschen.«

Eine Augenbraue erheitert hochgezogen, sah Tyvara zu, wie er in den Teil des Raums ging, in dem die Mahlzeiten zubereitet wurden, bevor sie wieder auf Lorkin hinabblickte.

Er lächelte. Es war zu einfach, sie anzulächeln. Er lief Gefahr, zu grinsen wie ein Idiot. Ihr langes dunkles Haar war sauber, und die dunklen Schatten unter ihren Augen waren verschwunden. Er hatte sie zuvor reizvoll gefunden; jetzt war sie noch schöner als das Bild, das er von ihr in Erinnerung behalten hatte.

So habe ich nicht empfunden, als wir miteinander gereist sind,  dachte er. Vielleicht war ich zu müde … 

»Ich schätze, das wird genügen müssen«, sagte sie leise und ließ die Arme sinken.

»Worüber willst du reden?«, brachte er heraus.

Sie seufzte, dann nahm sie Platz und richtete einen direkten Blick auf ihn, bei dem sein Herz zu rasen begann. »Was führst du im Schilde, Lorkin?«

Er verspürte eine vage Enttäuschung. Was habe ich erwartet? Dass sie mich in ihre Räume einlädt, für eine Nacht …  Er schob den Gedanken hastig beiseite.

»Wenn ich etwas im Schilde führte, warum sollte ich es dir erzählen?«, konterte er.

Ihre Augen blitzten vor Ärger. Sie funkelte ihn an, dann erhob sie sich und ging auf die Tür zu. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Er konnte sie so nicht gehen lassen!

»Ist das alles, was du mich fragen willst?«, rief er ihr nach.

»Ja«, antwortete sie, ohne sich umzudrehen.

»Darf ich dir  einige Fragen stellen?«

Sie verlangsamte ihren Schritt, dann blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um. Er winkte sie heran. Seufzend kam sie zu der Bank zurück, ließ sich darauf fallen und verschränkte abermals die Arme vor der Brust.

»Was denn?«, fragte sie.

Er beugte sich vor und senkte die Stimme. »Wie geht es dir? Ich habe dich seit Monaten nicht gesehen. Was musstest du für Rivas Familie tun?«

Sie musterte ihn nachdenklich, dann ließ sie die Arme sinken. »Mir geht es gut. Ich wäre natürlich lieber da draußen und würde etwas Sinnvolles tun, aber …« Sie zuckte die Achseln. »Rivas Familie lässt mich in den Abwassertunneln arbeiten.«

Er verzog das Gesicht. »Das kann weder angenehm noch interessant sein.«

»Sie denken, es ist die abscheulichste Aufgabe überhaupt, aber mir macht es nichts aus. Die Stadt braucht jemanden, der ihre Abwässer entfernt, ebenso wie sie Leute zur Verteidigung braucht, und als Sklave können einem viel unangenehmere Pflichten zugewiesen werden. Aber es ist langweilig. Für das allein werde ich es vielleicht am Ende hassen.«

»Du solltest uns mal auf der Krankenstation besuchen. Ich werde mich bemühen, dich zu unterhalten, obwohl ich nicht versprechen kann, dass es mehr sein wird als die dummen Fehler, die ein Fremder an einem unvertrauten Ort macht.«

Sie lächelte. »War es schwierig?«

Er breitete die Hände aus. »Manchmal, aber alle waren freundlich, und obwohl ich nie Heiler sein wollte, bin ich zumindest nützlich.«

Ihr Lächeln verschwand, und sie schüttelte den Kopf. »Ich hätte nie gedacht, dass sie dich in Kalias Hände geben würden, obwohl sie wissen, dass sie deinen Tod wollte.«

»Sie wissen, dass sie besser als jede andere ein Auge auf mich haben wird.«

»Und jetzt hast du sie zum Narren gemacht«, bemerkte sie.

»Arme Kalia«, sagte er ohne eine Spur von Mitgefühl.

»Dafür wird sie dir das Leben schwermachen.«

»Das tut sie sowieso.« Lorkin sah ihr in die Augen. »Du hast doch nicht von mir erwartet, dass ich versuchen würde, mich mit ihr anzufreunden, oder?«

»Ich habe dich für klug genug gehalten, um es zu vermeiden, ihr Vorwände zu liefern, die Leute gegen dich aufzubringen.«

Er schüttelte den Kopf. »Das werde ich nicht erreichen, indem ich mich bedeckt halte und Schwierigkeiten aus dem Weg gehe.«

Sie sah ihn an, und ihre Augen wurden schmal. »Ein einzelner törichter kyralischer Junge kann die Verräterinnen nicht ändern, Lorkin.«

»Wahrscheinlich nicht, wenn sie es nicht wollen«, stimmte er ihr zu. »Aber mir scheint, dass die Verräterinnen es durchaus wollen. Ich habe den Eindruck, dass einige bedeutende Veränderungen definitiv ein Teil ihrer künftigen Pläne sind. Ich bin kein törichter Junge, Tyvara.«

Sie zog die Augenbrauen hoch, dann stand sie auf. »Ich muss gehen.« Sie drehte sich langsam um und verließ den Raum. Er beobachtete sie eindringlich und hoffte, dass ihr Anblick sich seinem Gedächtnis einprägen würde.

»Komm mich irgendwann mal besuchen«, rief er ihr nach. Sie schaute zurück und lächelte, sagte jedoch nichts. Dann war sie fort.

Augenblicke später begannen die Männer in den Raum zurückzukehren. Lorkin seufzte und sah sich um; Evar kam auf den Tisch zu. Der junge Magier setzte sich mit leuchtenden Augen hin.

»Oh, was täte ich nicht alles, um mit der da unter die Decke zu kommen«, sagte er leise.

Lorkin widerstand dem Drang, seinen Freund anzufunkeln. »Da bist du nicht der Einzige«, erwiderte er und hoffte, dass der junge Mann den Fingerzeig verstehen würde.

»Nein. Die meisten Männer hier würden alles für eine Nacht mit ihr tun«, pflichtete Evar ihm bei. Er begriff nicht, was Lorkin meinte – oder tat so, als begreife er nicht. »Aber sie ist wählerisch. Will sich nicht binden. Sie ist noch nicht so weit.«

»Wozu ist sie noch nicht weit genug?«

»Für die Verbindung mit einem Mann. Sie will nicht aufhören, gefährliche Arbeit zu tun. Spionage. Mordanschläge.«

»Würde ein Mann sie daran hindern? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Männer hier Frauen an irgendetwas hindern könnten.«

Evar zuckte die Achseln. »Nein, aber wenn die Frauen lange Zeit fort sind und getötet werden könnten, wissen sie, dass es hart für einen Mann ist. Es ist gewiss hart für ihre Kinder.« Er zog die Augenbrauen hoch. »Tatsächlich hat Tyvaras Vorsicht wahrscheinlich etwas mit ihrer Mutter zu tun, die in jungen Jahren bei einer Mission ums Leben gekommen ist. Ihr Vater war am Boden zerstört, und Tyvara musste sich um ihn kümmern. Sie war … oh. Ich denke, es wird Zeit.«

Lorkin folgte dem Blick seines Freundes zum Eingang des Raums. Eine junge Magierin stand dort und winkte ihn heran. Er tauschte einen mitfühlenden Blick mit Evar.

»Ich denke, du hast recht«, sagte er. »Viel Glück.«

»Gleichfalls.«

Sie standen auf und gingen zur Tür, Lorkin voran. Die Frau musterte ihn von Kopf bis Fuß und grinste. Lorkin vermutete, dass sie seine Fähigkeit abschätzte, ihr Ärger zu machen, konnte sich jedoch nicht gänzlich des Eindrucks erwehren, dass sie womöglich eher sein Potenzial erwog, ihr ein wenig Freude zu schenken.

»Die Tafel hat sich versammelt und euch beide vorgeladen. Du sollst als Erster hineingehen.« Sie nickte Lorkin zu. »Folgt mir.«

Sie setzten sich schweigend in Bewegung. Die Leute, an denen sie vorbeikamen, sahen sie kaum an, was den Eindruck verstärkte, dass niemand seinen Ausflug in die Höhlen der Steinemacher allzu ernst nahm. Schließlich erreichten sie den Eingang zum Ratssaal der Sprecherinnen und blieben stehen. Sieben Frauen saßen an dem runden Steintisch, aber die für das Publikum bestimmten Sitzreihen waren leer. Lorkin bemerkte, dass auch der mit Edelsteinen übersäte Stuhl für die Königin der Verräterinnen unbesetzt war, wie er erwartet hatte. Die alte Monarchin nahm nur an wirklich wichtigen Zeremonien teil, und er bezweifelte, dass sie an dieser hier auch nur das geringste Interesse hatte.

Die Vorsitzende der Tafel, Riaya, eine schmale, müde wirkende Frau, sah ihn und winkte ihn heran. Er ließ Evar und ihre Begleiterin stehen und ging auf die Sprecherinnen zu. Vor dem Tisch hielt er inne und wandte sich Riaya zu.

»Lorkin«, sagte Riaya. »Du bist hierhergerufen worden, um uns deine Anwesenheit in einer Höhle der Steinemacher vor drei Nächten zu erklären. Was hast du dort gewollt?«

»Ich wollte mir die Steine in den verschiedenen Stadien der Entwicklung ansehen«, antwortete er.

»Das ist alles?«

Er nickte. »Ja.«

»Warum wolltest du dir die Steine ansehen?«, fragte eine der Sprecherinnen.

Er drehte sich zu ihr um. Ihr Name war Yvali, und sie neigte dazu, sich auf die Seite von Kalia und der Gruppe unter den Verräterinnen zu stellen, die ihn für die Untaten seines Vaters hatten töten wollen. Aber sie unterstützte sie nicht immer, hatte er bemerkt.

»Neugier«, antwortete er. »Man hat mir so viel von diesen Steinen erzählt, von ihrer Schönheit und dem Talent, das ihre Fertigung verlangt, dass ich sie mit eigenen Augen sehen wollte. Ich habe noch nie zuvor etwas wie diese Steine gesehen.«

»Hast du alles in Erfahrung gebracht, was du in Erfahrung bringen wolltest?«

Er zuckte die Achseln. »Ich würde natürlich gern lernen, wie man sie macht, aber ich habe nicht erwartet, das zu lernen, indem ich sie mir anschaue. Evar hat mir versichert, es sei nicht möglich, und wenn er das nicht getan hätte, wäre ich nicht dort hingegangen. Geradeso wie ihr mein Recht respektiert, wertvolles Wissen, das mir anvertraut wurde, geheim zu halten, respektiere ich euer Recht darauf.«

So. Ich habe sie an das Potenzial für einen Handel zwischen der Gilde und den Verräterinnen erinnert. 

Kalia kniff die Augen zusammen, und ihre Lippen wurden schmal, aber die anderen wirkten eher nachdenklich als skeptisch. Als er den Blick über die Reihe der Frauen wandern ließ, bemerkte er, dass ein winziges Lächeln Savaras Lippen umspielte, aber es verschwand, als sie bemerkte, dass er sie ansah.

Sprecherin Savara war Tyvaras Mentorin gewesen, und sie war die inoffizielle Anführerin der Gruppe, die in Opposition zu Kalias Gruppe stand. Ihr war überdies die Aufgabe übertragen worden, sicherzustellen, dass er »gehorsam und nützlich« war.

»Warum hast du außer Evar niemanden von deiner Absicht in Kenntnis gesetzt, die Höhlen zu besuchen?«, hakte Yvali nach.

»Mir war nicht bewusst, dass ich das hätte tun müssen.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Jemand, der einräumt, dass das Geheimnis der Herstellung der Steine unser gutes Recht ist, sollte klug genug sein, um sich zu denken, dass wir zurate gezogen werden wollen, bevor er einen Ausflug in die Höhlen der Steinemacher unternimmt.«

Er ließ den Kopf ein wenig hängen. »Ich entschuldige mich. Ich finde die feineren Nuancen des guten Benehmens im Sanktuarium immer noch ein wenig verwirrend. Ich werde mir mehr Mühe geben, zu lernen und mich anzupassen.«

Sie stieß ein kaum hörbares Schnauben aus, sagte jedoch nichts mehr, sondern sah die Vorsitzende an und schüttelte den Kopf. Auch die anderen Sprecherinnen schüttelten den Kopf, und was immer das bedeutete, es entlockte der Vorsitzenden einen leisen Seufzer.

»Da du weder gegen ein Gesetz noch gegen eine Regel verstoßen oder einen Befehl missachtet hast, wirst du nicht bestraft«, sagte Riaya. »Wir tragen eine Mitschuld, weil wir diese Situation nicht vorausgesehen haben. Aber wir können verhindern, dass es wieder geschieht. Lorkin.« Sie hielt inne und bedachte ihn mit einem entschlossenen Blick. »Es wird dir befohlen, dich von den Höhlen der Steinemacher fernzuhalten, es sei denn, eine Sprecherin oder ihre Repräsentantin würde dich dort hinbringen. Ist das klar?«

Er verbeugte sich vor ihr auf die typisch kyralische, knappe Weise. »Absolut.«

Sie nickte. »Du darfst gehen.«

Als er sich entfernte, kämpfte er gegen den Drang zu lächeln, wohl wissend, dass jeder, der sein Lächeln sah, es als Beweis werten könnte, dass er tatsächlich etwas im Schilde geführt hatte – zumindest aber würde man denken, er habe diesen kleinen Klaps auf die Hand nicht ernst genommen. Dann betrat Evar den Raum, sein schmales Gesicht voller Sorgenfalten, und Lorkins Drang zu lächeln erstarb.

Als sie aneinander vorbeikamen, nickte Lorkin seinem Freund zu und hoffte, dass die Geste ihn ein wenig beruhigen würde. Der junge Magier verzog das Gesicht, aber der Ausdruck seiner Augen schien ein wenig wärmer zu werden. Lorkin trat in den Flur; er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er seinen Freund in Schwierigkeiten gebracht hatte.

Evar wusste, worauf er sich einließ,  rief er sich ins Gedächtnis. Es war größtenteils seine Idee, und ich habe tatsächlich versucht, es ihm auszureden. Wir wussten beide, dass Kalia, falls wir entdeckt würden, mit Sicherheit eine Möglichkeit finden würde, uns zu bestrafen, ganz gleich ob wir gegen irgendwelche Gesetze verstoßen hatten oder nicht. 

Er vermutete, dass Evar seine eigenen Gründe dafür gehabt hatte, etwas zu arrangieren, das die Anführerinnen des Sanktuariums verärgerte. Definitiv war irgendeine Art von Rachsucht oder Bosheit im Spiel. Wann immer Lorkin versucht hatte, herauszufinden, was es war, hatte Evar etwas des Sinnes gemurmelt, dass die Verräterinnen nicht so gerecht seien, wie sie zu sein behaupteten.

Was auch immer der Grund war, Lorkin hoffte, dass der junge Mann die erstrebte Befriedigung gefunden hatte und dass er es nicht irgendwann bereuen würde.

Als die Kutsche vor dem Palast des sachakanischen Königs sanft zum Stehen kam, holte Dannyl tief Luft und stieß den Atem langsam wieder aus. Ein Sklave öffnete die Tür des Wagens und trat beiseite. Nachdem Dannyl ausgestiegen war, hielt er kurz inne, um seine Roben zu glätten und an dem Gebäude hinaufzublicken.

Vor ihm lag ein breiter, zentraler Bogengang. Zu beiden Seiten schlossen sich weiße, sanft gerundete Seitenflügel an. Von den flachen Kuppeln, die sich über das Gebäude spannten, war nur ein schmaler, goldener Streifen zu sehen.

Dannyl drückte den Rücken durch, richtete den Blick auf den dunklen Korridor hinter dem Bogengang und ging hinein. Er kam an reglosen Wachen vorbei, die einer der wenigen Klassen freier Diener in Sachaka angehörten. Willige, loyale Männer waren ein besserer Schutz als grollende, leicht einzuschüchternde Sklaven, überlegte Dannyl. Wachen, die verpflichtet waren, sich zu Boden zu werfen, wann immer ein freier Mann oder eine freie Frau vorbeikam, würden nicht viel nützen, wenn es galt, Eindringlinge aufzuhalten.

Wie in jedem typisch sachakanischen Haus war der Eingangsflur gerade und führte Besucher direkt in einen großen, für die Begrüßung von Gästen bestimmten Raum. Nur dass dieser Flur so breit war, dass sechs Männer nebeneinander hergehen konnten. Ashaki Achati zufolge waren die Wände hohl und enthielten verborgene Löcher, so dass ungebetene Besucher mit Pfeilen und Armbrustbolzen willkommen geheißen werden konnten. Dannyl entdeckte keine augenfälligen Löcher oder Luken, aber er vermutete, dass die Nischen entlang des Flurs, die jeweils ein wunderschön gearbeitetes Gefäß enthielten, von innen zugänglich waren und dass man, wenn nötig, die Wand durchbrechen konnte. Als er sich ein solches Szenario vorstellte, fragte er sich, ob die in den Geheimgängen verborgenen Krieger die kostbaren Behältnisse vorsichtig beiseiteräumen oder aus dem Weg treten würden.

Der andere Unterschied zwischen einem bescheidenen sachakanischen Wohnhaus und dem Palast bestand darin, dass der Korridor in einem sehr  großen Raum endete. Dannyl betrat die riesige Halle, und seine Haut kribbelte in der kalten Luft. Wände, Boden und die vielen Säulen, die die Decke trugen, waren aus poliertem weißem Stein, ebenso wie der Thron.

Der verwaist war.

Dannyl verlangsamte seine Schritte, als er sich dem steinernen Stuhl näherte, und versuchte, nicht erschrocken oder besorgt über die Abwesenheit des Monarchen zu wirken, der ihn hatte rufen lassen. Wie immer hielten sich einige sachakanische Männer im Raum auf: eine Gruppe von dreien auf der linken Seite und ein einzelner Mann auf der rechten. Alle trugen reich geschmückte, kurze Jacken über schlichten Hemden und Hosen, die traditionelle, förmliche Gewandung sachakanischer Männer. Und alle beobachteten Dannyl.

In der Stille erklangen jetzt langsame, feste Schritte. Aller Aufmerksamkeit richtete sich auf eine Tür auf der rechten Seite. Die vier Sachakaner


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verbeugten sich tief, als König Amakira an ihnen vorbeischritt. Dannyl ließ sich auf ein Knie sinken – die kyralische Begrüßung für den König.

»Erhebt Euch, Gildebotschafter Dannyl«, sagte der Monarch.

Dannyl stand auf. »Seid gegrüßt, König Amakira. Es ist mir eine Ehre, wieder in den Palast gerufen worden zu sein.«

Der Blick des alten Königs war klar und sein Gesichtsausdruck versonnen und erheitert, als denke er über etwas nach. Er winkte Dannyl heran.

»Kommt mit mir, Botschafter Dannyl. Ich möchte etwas mit Euch besprechen, und das Thema lässt sich besser in einer behaglicheren Umgebung erörtern.«

Der König drehte sich um und ging wieder auf den Seiteneingang zu. Dannyl folgte ihm, wobei er einige Schritte seitlich versetzt hinter dem Monarchen herlief, da er nicht aufgefordert war, an seiner Seite zu gehen. Sie traten in einen Flur, durchquerten ihn und schritten durch eine Tür, die ein Wachposten aufhielt, in einen kleineren Raum. Wieder waren die Möbel und Zierstücke eine besonders kunstvolle Version typischer sachakanischer Gegenstände. Die Hocker waren groß und reich verziert. Die Schränke waren so gewaltig, dass sie nur in diesem Raum zusammengesetzt worden sein konnten, da die Türen zwar groß genug waren, um zwei Personen Seite an Seite Einlass zu gewähren, jedoch zu klein, um Platz für die Möbel zu bieten. Die Kissen auf dem Boden waren mit so vielen Edelsteinen besetzt, dass Dannyl an ihrer Bequemlichkeit zweifelte; vermutlich würde man sich sogar die Haut verletzen, wenn man darauf Platz nahm.

»Dies ist der Audienzsaal«, bemerkte Amakira. Er setzte sich auf einen Hocker und deutete auf einen weiteren. »Nehmt Platz.«

»Er ist prachtvoll, Euer Majestät.« Dannyl tat wie geheißen und betrachtete die Wandbehänge und kostbaren Gegenstände in Nischen und Schränken. »Solch schöne Exemplare sachakanischer Fähigkeiten und Kunst.«

»Das hat auch Euer Freund, der elynische Botschafter, gesagt. Besonders haben ihm die Gläser gefallen.«

Überraschung folgte Ärger. Wie hatte Tayend es geschafft, binnen weniger Tage nach seiner Ankunft eine Audienz beim König zu bekommen? Ich nehme an, er ist der erste nicht der Gilde angehörige Botschafter, der sich in Sachaka niedergelassen hat, während ich nur einer in einer langen Reihe von Gildebotschaftern bin.  Dannyl zwang sich zu nicken und hoffte, dass seine Bemühungen, seine Eifersucht zu verbergen, erfolgreich waren. »Botschafter Tayend hat große Freude an leuchtend bunten, kunstvollen Dingen.«

»Wie geht es ihm? Lebt er sich gut ein?«

Dannyl zuckte die Achseln. »Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen, und wir waren zu beschäftigt, um mehr als Grußworte auszutauschen.«

Der König nickte. »Natürlich. Ich fand ihn witzig und scharfsinnig. Ich bin mir sicher, dass ein Mann von seinem Charme und Enthusiasmus unter den Ashaki sehr beliebt sein wird.«

»Das denke ich auch«, erwiderte Dannyl glatt. Er erinnerte sich an ein Gespräch mit Achati, als sie von ihrer Suche nach Lorkin zurückgekehrt waren: »Wir stellen sicher, dass wir so viel wie möglich über die Botschafter in Erfahrung bringen, die die Gilde zu uns schickt. Und Eure Wahl eines Gefährten ist in Imardin nicht direkt ein Geheimnis.«  Also musste der König wissen, dass Tayend Dannyls ehemaliger Geliebter und Gefährte war. Achati wusste es ebenfalls. Aber wer war hier sonst noch informiert? Wussten alle mächtigen Männer in Sachaka von ihnen? Wenn ja, nahmen sie offensichtlich keinen allzu großen Anstoß an Tayends Vorliebe für männliche Geliebte – er wurde ebenso mit Essenseinladungen überschwemmt, wie Dannyl das kurz nach seiner Ankunft in Sachaka erlebt hatte.

Achati hatte die Aufgabe, Tayend zu beraten und anderen Männern vorzustellen, wie er es für Dannyl getan hatte. Aber er kam immer frühzeitig ins Gildehaus, damit er und Dannyl ein wenig Zeit zum Reden hatten. Selbst wenn Tayend sich diesen Gesprächen anschloss, richtete Achati trotzdem den größten Teil seiner Aufmerksamkeit auf Dannyl.

Wofür ich dankbar bin. Er könnte jedoch andere Gründe haben als den Wunsch, mich darüber hinwegzutrösten, dass Tayend mich in den Hintergrund gedrängt hat. Vielleicht will er demonstrieren, dass sein Interesse sich nicht auf Tayend verlagert hat. Um mich an seine Werbung zu erinnern. 

Achati hatte noch nicht gefragt, ob Tayends Erscheinen die Wiederaufnahme von dessen früherer Beziehung zu Dannyl bedeutet habe. Ich bin mir nicht sicher, was ich sagen soll, wenn er danach fragt. Ich hatte unsere Trennung nicht als offiziell angesehen, aber jetzt, da er hier ist … fühlt es sich so an. Tayend benahm sich nicht so, als gehörten wir noch zusammen.  Das hatte er als Hinweis auf das Ende ihrer Beziehung gedeutet. Aber vielleicht hatte Tayend zuvor schon sein Verhalten auf diese Weise gedeutet?

Die erste Regung, die er bei Tayends Erscheinen verspürt hatte, war Ärger gewesen. Um dies zu vertuschen, hatte Dannyl sich große Mühe gegeben, so höflich und förmlich zu sein, wie es ein Botschafter einem anderen gegenüber sein sollte. Tayend war seinem Beispiel gefolgt, woraufhin Dannyl begonnen hatte, ihre alte, neckende Vertrautheit zu vermissen. Selbst wenn sie in den letzten Jahren mit Groll durchsetzt war. 

»Ich habe meinen Leuten den Auftrag gegeben, nach einem passenden Quartier für den elynischen Botschafter zu suchen«, sagte der König. »Es könnte einige Monate dauern. Gibt es irgendwelche Gründe politischer Natur, die es erforderlich machen, dass der Botschafter in der Zwischenzeit an einem anderen Ort wohnt als dem Gildehaus?«

Dannyl überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf. »Nein.« Obwohl ich vermute, dass ich mir manchmal wünschen werde, es gäbe solche Gründe …  

»Sollte sich irgendetwas ergeben, zögert nicht, Ashaki Achati zu informieren. Er wird alternative Arrangements treffen.«

»Vielen Dank.«

»Nun zu der Angelegenheit, die ich zu erörtern wünsche, Botschafter Dannyl.« Die Miene des Königs wurde ernst. »Habt Ihr etwas von Lord Lorkin gehört?«

»Nein, Euer Majestät.«

»Könntet Ihr Euch mit ihm in Verbindung setzen?«

»Ich bezweifle es.« Dannyl hielt inne, um nachzudenken. »Vielleicht mithilfe der Verräterinnen. Ich könnte feststellen, ob die Sklaven bereit wären, eine Nachricht weiterzuleiten …«

»Nein, ich würde einer von den Verräterinnen in die Wege geleiteten Kommunikation nicht trauen. Ich meine, ob Ihr Euch direkt mit Lorkin in Verbindung setzen könnt.«

Dannyl schüttelte den Kopf. »Nicht heimlich. Es gibt nur eine Möglichkeit, wie ich mich ohne Hilfe der Verräterinnen mit Lorkin in Verbindung setzen könnte: mithilfe offener Gedankenrede – und die würden alle Magier hören.«

Der König nickte. »Ich will, dass Ihr eine Möglichkeit findet. Wenn Ihr sachakanische Unterstützung benötigt – das heißt, die Unterstützung von Nichtverräterinnen –, wird Achati es veranlassen.«

»Ich weiß Eure Sorge um Lord Lorkin zu schätzen«, erwiderte Dannyl. »Er hat mich tatsächlich davon überzeugt, dass er sich ihnen aus freien Stücken angeschlossen hat.«

»Nichtsdestoweniger wünsche ich, dass eine solche Verbindung hergestellt wird«, sagte der König energisch. Er zuckte nicht mit der Wimper, als er Dannyl ansah. »Ich erwarte, dass sämtliche Informationen über die Verräterinnen weitergeleitet werden, als Gegenleistung für die Bemühungen meiner Leute, Euch bei Eurem Versuch zu helfen, Euren früheren Assistenten zurückzuholen. Eine Zusammenarbeit zwischen unseren Nationen kann nur von beiderseitigem Nutzen sein.«

Ein Schauer überlief Dannyl. Er will, dass Lorkin für ihn spioniert.  Dannyl hielt seine Miene neutral und nickte. »Das ist richtig, in der Tat.« Sorge dafür, dass er zufrieden ist, aber mach keine Versprechungen,  sagte er sich. »Lorkin wusste, dass es sich in politischer Hinsicht als ein Problem für die Gilde erweisen könnte, wenn er sich den Verräterinnen anschließt, und er hat vorgeschlagen, dass wir ihn offiziell verstoßen. Die Gilde würde dies natürlich nur widerstrebend tun. Es ist keine Maßnahme, die wir überstürzt treffen wollen – eigentlich beabsichtigen wir es gar nicht, es sei denn, es würde absolut notwendig. Der Grund, warum ich das erwähne ist … Wir  werden vielleicht keine Möglichkeit haben, ihn dazu zu veranlassen, mit uns  zusammenzuarbeiten.«

»Die Verräterinnen haben durchblicken lassen, dass sie ihm niemals gestatten würden, ihren Stützpunkt zu verlassen«, sagte der König. »Das klingt für mich nach Einkerkerung. Er könnte dazu gezwungen worden sein, zu sagen, er schließe sich ihnen gern und aus freien Stücken an. Es überrascht mich, dass die Gilde es dabei belassen will.«

»Lorkin hat sich unmittelbar vor seinem Treffen mit mir über einen Blutring mit seiner Mutter in Verbindung gesetzt, um ihr zu versichern, dass er sich den Verräterinnen aus freien Stücken angeschlossen habe. Sie hat keine Lüge gespürt, keine Bekümmerung. Danach hat er den Blutring mir übergeben«, fügte Dannyl hinzu. »Damit ich ihn ihr zurückgeben konnte.«

»Es überrascht mich, dass seine Mutter dieses Arrangement akzeptiert.«

»Sie ist verständlicherweise aufgeregt – aber sie steht nicht im Begriff, nach Sachaka zu marschieren, um ihn heimzuholen, das kann ich Euch versichern.«

Der König lächelte. »Ein Jammer, dass er den Ring nicht behalten hat.«

»Ich vermute, er wollte das Risiko nicht eingehen, dass die Verräterinnen ihn durchsuchen und den Ring finden würden.«

Der König rutschte auf seinem Sitz hin und her. »Ich will, dass Ihr Euch bemüht, eine sichere Art der Kommunikation mit ihm aufzubauen, Botschafter Dannyl.«

Dannyl nickte. »Ich werde tun, was ich kann.«

»Das weiß ich. Ich werde Euch jetzt nicht länger aufhalten.« Der König erhob sich, und als Dannyl aufstand, bedeutete er Dannyl, dass er neben ihm hergehen solle, als sie sich auf den Weg zur Tür machten. »Ich bedaure, dass es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist. Wir hätten voraussehen sollen, dass die Verräterinnen ihre Aufmerksamkeit an irgendeinem Punkt auf die Gilde richten würden. Aber ich bin froh, dass Euer Assistent lebt und ihm keine unmittelbare Gefahr droht.«

»Vielen Dank, Euer Majestät. Mir geht es genauso.«

Sie erreichten die Tür und traten in den Flur.

»Wie lebt sich Eure neue Assistentin ein, Lady Merria?«

Dannyl lächelte grimmig. »Gut, sie passt sich schnell an.« Sie langweilt sich bereits wegen des Mangels an Aufgaben,  hätte Dannyl gern hinzugefügt. Vielleicht … vielleicht kann ich sie bitten, darüber nachzudenken, wie wir uns mit Lorkin in Verbindung setzen könnten. 

Der König schüttelte den Kopf. »Ich habe stark von einer Frau als Eurer Assistentin abgeraten, da sie Schwierigkeiten haben wird, mit sachakanischen Männern umzugehen, aber früher einmal hätte ich auch die Überlegung angestellt, dass eine Frau ein wahrscheinlicheres Ziel für die Verräterinnen darstellen würde, und in diesem Punkt haben sich meine Überlegungen als falsch erwiesen. Ich könnte mich auch irren, was Lady Merrias Erfolg hier betrifft.«

»Eure Majestät haben gewiss in allen anderen Belangen recht, und ich werde stets auf Eure Weisheit vertrauen, insbesondere in sachakanischen Angelegenheiten. Das ist der Grund, warum ich ihr Arbeiten zuweise, die es nicht erforderlich machen, dass sie Umgang mit sachakanischen Männern hat.«

Der König lachte leise. »Ihr seid ein kluger Mann.« Er blieb an der Tür zum Thronsaal stehen und bedeutete Dannyl, allein hineinzugehen. »Lebt wohl, Botschafter.«

»Es war mir wie immer eine Ehre und ein Vergnügen, Euer Majestät zu treffen.« Dannyl verneigte sich. Als der König davonging, drehte er sich um und kehrte in die große Halle zurück.

Nun, zumindest habe ich jetzt etwas, womit ich Merria beschäftigen kann. Obwohl es ein wenig grausam scheint, ihr eine so unmögliche Aufgabe zuzuweisen wie die, eine Möglichkeit zu finden, Lorkin ohne Hilfe der Verräterinnen zu kontaktieren. Aber für meine Forschungen interessiert sie sich ja ohnehin nicht, und ich könnte sie sowieso nicht bitten, sich allein in die persönliche Bibliothek eines Ashaki zu wagen, um für mich Bücher durchzusehen. 

Allerdings hatte er in letzter Zeit auch keine Einladungen mehr erhalten, sich Bibliotheken persönlich anzusehen. Was seine Forschung anging, kam er keinen Schritt weiter.

Sonea schob den Korb mit Bettlaken von der einen auf die andere Hüfte und zog sich die Kapuze ihres Umhangs tiefer ins Gesicht. Obwohl es regnete und in der Luft eine Kühle lag, die vor unfreundlicheren Tagen warnte, fühlte sie sich ungeheuer wohl. Vielleicht würde es irgendwann ermüdend werden, in dieser Maskerade durch die Stadt zu streifen, aber für den Augenblick genoss sie die Freiheit, die sie ihr schenkte.

Nicht weit vom Hospital entfernt lag eine Wäscherei, die den größten Teil der Wäsche für das Hospital erledigte. Eine entsprechende Übereinkunft war bereits vor langer Zeit getroffen worden und hatte inzwischen schon mehrere Besitzerwechsel überstanden. Die Wäsche wurde immer von Helferinnen des Hospitals dorthin gebracht, so dass kaum Gefahr bestand, dass irgendjemand im Laden sie erkannte – es sei denn natürlich, es war ein Patient von ihr oder einer von dessen Angehörigen.

Sie duckte sich durch die offene Tür und ließ den Korb schnell fallen. Es war nicht notwendig, dass sie mit irgendjemandem sprach, und die Angestellten waren an Hospitalmitarbeiter gewöhnt, die es eilig hatten. Nebenan befand sich ein Süßigkeitenladen, und Sonea schlüpfte durch die Tür. Sie kaufte eine Tüte Pachi-Fruchtbonbons und sprach ein Losungswort. Die nicht mehr ganz junge Frau hinter der Theke bedeutete ihr, durch eine Tür in einen schmalen Gang zu treten.

Wenige Schritte später klopfte sie an eine weitere Tür. Auf die Anzahl der Klopflaute hatten sie sich schon vor Wochen geeinigt. Von innen wurde nun ebenfalls ein Losungswort genannt, und Sonea trat in einen kleinen Raum, der durch einen schmalen Schreibtisch in zwei Teile geteilt wurde.

»Seid mir gegrüßt.« Ein Mann mit breitem Brustkorb erhob sich und verneigte sich vor ihr, so gut er das in dem kleinen Raum vermochte. »Sie warten auf Euch.«

Sonea nickte und ging zu einer Seitentür – sie musste sich seitlich um den Schreibtisch herumschieben, um sie zu erreichen. Nachdem sie sie mit Magie geöffnet hatte, trat sie in ein Treppenhaus, verschloss die Tür hinter sich und fügte eine magische Barriere hinzu, die sich als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme quer über den Rahmen spannte.

Der Mann in dem kleinen Raum war ein Angestellter von Cery. Soweit Sonea es erkennen konnte, war er der Ehemann der Frau aus dem Süßigkeitenladen und einer der Geldeintreiber ihres Freundes aus Kindertagen. Als Nächstes ging Sonea die kurze Treppe hinunter und betrat einen Raum, der nicht viel größer war als der darüber und nur mit zwei Stühlen möbliert. Auf einem saß Cery, aber weder Gol noch Anyi hatte auf dem anderen Platz genommen.

Sonea schob ihre Kapuze zurück und lächelte ihren alten Freund und seine Leibwachen an.

»Cery. Gol. Anyi. Wie geht es euch allen? Was grinst du so, Cery?«

Cery lachte leise. »Es ist immer schön, dich in etwas anderem als diesen schwarzen Roben zu sehen.«

Sie ignorierte ihn und sah Anyi und Gol an. Beide zuckten die Achseln. Sie machten den Eindruck, als frören sie ein wenig. Es war definitiv kühl im Raum. Sie zog ein wenig Magie in sich hinein und kanalisierte sie als Wärme. Beide Leibwächter runzelten die Stirn, schauten sich um und betrachteten dann nachdenklich Sonea. Sonea lächelte und setzte sich.

»Ich hoffe, du hast einige Ideen zu der Frage, wie wir Skellin verleiten können zu offenbaren, wie weit von Imardin entfernt er sich aufhält«, sagte sie und sah Cery an. »Denn ich habe keine.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich müsste mit Leuten zusammenarbeiten, denen ich nicht wirklich vertrauen kann; außerdem würden dadurch zu viele Menschenleben in Gefahr gebracht werden. Ich habe zu viele Verbündete verloren. Selbst diejenigen, die noch mit mir Handel treiben, nutzen meine Probleme aus. Gol hatte bereits mehrere Stellenangebote.«

»Ich auch«, bemerkte Anyi. »Erst heute Nachmittag. Tatsächlich hat mich die Sache auf eine Idee gebracht.«

Alle drehten sich zu ihr um. Cerys Tochter sah zu jung aus für eine Leibwächterin. Aber andererseits fand Sonea heutzutage, dass die meisten Novizen, die ihren Abschluss machten, zu jung aussahen, um als verantwortungsbewusste Erwachsene betrachtet werden zu können.

»Sprich weiter«, sagte Cery.

»Was wäre, wenn ich eins der Angebote annähme?«, fragte Anyi, deren Augen glänzten. »Was wäre, wenn ich so täte, als hätte ich es satt, für dich zu arbeiten, und sei zu dem Schluss gekommen, dass ich niemals etwas erreichen würde, wenn ich für den Dieb in der Stadt arbeite, der die geringste Macht besitzt? Ich könnte eine Stelle annehmen und für dich spionieren.«

Cery starrte seine Tochter an. Sein Gesicht schien sich nicht zu bewegen, aber Sonea sah kaum merkliche Veränderungen in seinem Mienenspiel: Entsetzen, Furcht, Vorsicht, Spekulation, Schuldgefühle.

»Sie würden dir niemals genug vertrauen, um dich an einen Platz zu setzen, an dem du etwas Nützliches in Erfahrung bringen könntest«, erwiderte er schließlich.

Warum sagt er nicht einfach »Nein«?,  fragte sich Sonea. Aber als Gol Cery ansah, war seine Miene eine einzige Warnung. Er weiß, dass Cery vorsichtig zu Werke gehen muss. Wenn Cery Anyi ein direktes Verbot erteilte, würde sie ihm vielleicht umso eher trotzen.  Ein Verhalten, zu dem Lorkin Sonea gegenüber ebenfalls von Zeit zu Zeit geneigt hatte.

Anyi lächelte. »Sie werden es tun, wenn ich dich verrate«, erklärte sie. »Ich könnte vielleicht jemandem sagen, wo er dich findet. Natürlich wirst du davon wissen und kannst einen Fluchtplan arrangieren.«

Cery nickte. »Ich werde es in Erwägung ziehen.« Er sah Sonea an. »Irgendetwas Neues von Lorandra?«

Bei dem Gedanken an Skellins Mutter, die in der Kuppel eingesperrt war, zuckte Sonea zusammen. »Einige der Höheren Magier sehen es nicht gern, wenn ich mit ihr rede, und ich vermute, dass Administrator Osen es nur deshalb erlaubt, weil er es für grausam hielte, wenn niemals irgendjemand mit ihr spräche. Kallen hat uns berichtet, dass sie nicht weiß, wo Skellin sich aufhält, so dass sie nicht verstehen können, warum ich mir die Mühe mache, sie zu befragen. Sie sehen nicht ein, dass das Gedankenlesen Grenzen hat und dass sie vielleicht erraten könnte, wo ihr Sohn ist, wenn man sie ein wenig dazu drängt. Ich bezweifle, dass ich jemals die Erlaubnis erhalten werde, selbst ihre Gedanken zu lesen.« Sie schüttelte den Kopf. »Und eigentlich rede ich gar nicht mit  ihr: Sie selbst sagt niemals ein Wort.«

»Bleib dran«, riet ihr Cery. »Selbst wenn du dir lächerlich vorkommst, wieder und wieder dieselben Fragen zu stellen. So etwas ermüdet einen Menschen.«

Sonea seufzte und nickte. »Falls es mich nicht als Erste ermüdet.«

Er lächelte grimmig. »Niemand behauptet, das Verhören sei eine einfache Angelegenheit. Du bist jedoch nicht die Einzige, die nicht weiterkommt. Sie muss es irgendwann leid werden, so lange in einem steinernen Raum eingesperrt zu sein.«

»Wir haben kaum eine andere Wahl. Es war die Rede davon, irgendwo auf dem Gelände ein Gefängnis zu erbauen, aber das könnte mehrere Monate dauern.«

»Warum blockiert die Gilde nicht einfach ihre Kräfte?«

»Aus demselben Grund, warum es ihr widerstrebt hat, ihre Gedanken zu lesen. Es könnte ihr Volk beleidigen.«

Cery runzelte die Stirn. »Sie hat die Gesetze unseres Landes gebrochen und sich mit ihrem Sohn verschworen, die Unterwelt der Stadt zu übernehmen und Magier zu versklaven. Die Gilde macht sich Sorgen, ihr Volk zu beleidigen?«

»Ja, es ist lächerlich. Aber ich nehme an, sie wird noch weniger zu einer Zusammenarbeit geneigt sein, wenn wir ihre Kräfte blockieren.«

»Sie könnte vielleicht eher dazu geneigt sein, wenn du andeuten würdest, dass du die Blockade später vielleicht entfernen wirst.«

Sonea sah Cery tadelnd an. »Ich soll sie belügen?«

Er nickte.

»Ihr Gildeleute seid viel zu zimperlich«, bemerkte Anyi. »Die Dinge wären erheblich einfacher, wenn ihr euch nicht immer Sorgen über Regeln machen würdet und darüber, Feinde zu belügen oder Menschen zu beleidigen.«

»Als sei das Leben eines Diebes in dieser Hinsicht anders«, entgegnete Sonea.

Anyi hielt inne. »Ich schätze, das ist wahr, aber eure Regeln zwingen euch, ständig so verdammt nett zu sein. Niemand erwartet von einem Dieb, dass er nett ist.«

»Nein.« Sonea lächelte. »Aber was denkst du, wie es in den Verbündeten Ländern aufgenommen würde, wenn wir nicht mehr nett wären?«

Anyi runzelte die Stirn, öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder.

»Mir fällt da gerade das Wort ›Sachaka‹ ein«, murmelte Gol.

Die junge Frau nickte. »Ich verstehe, was ihr meint. Aber vielleicht gibt es Zeiten, zu denen man etwas weniger nett sein muss, um zu vermeiden, dass etwas wirklich Abscheuliches geschieht. Wie zum Beispiel, dass Skellin die Kontrolle über die Stadt erlangt.«

Anyi sah Sonea erwartungsvoll an. Sonea unterdrückte einen Seufzer. Da hat sie nicht ganz unrecht.  Sie blickte zu Cery.

»Ich werde noch einmal mit ihr reden«, versprach sie. »Aber ich werde sie nicht täuschen, es sei denn, es gäbe keine Alternative. Selbst kleine Betrügereien neigen dazu, später unangenehme Konsequenzen zu haben.«

4

Besuche

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Lilia griff nach ihrer Tasche und hielt inne, um sich im Raum umzusehen. Wie die meisten Studienanfänger aus den unteren Klassen war sie erstaunt gewesen festzustellen, dass sie im Novizenquartier ein ganzes Zimmer für sich haben würde. Nach den Maßstäben der Schnösis waren die Räume natürlich nicht groß. Sie enthielten ein Bett, einen Schrank, einen Schreibtisch und einen Stuhl. Die Diener wuschen das Bettzeug und hielten die Räume sauber.

Vor einigen Jahren, als die Anzahl der Magier wegen des Krieges geringer geworden und die der Novizen durch die Aufnahme von Prollis schnell angewachsen war, hatten sich die Novizenquartiere rasch gefüllt, und es war den Novizen aus den Häusern gestattet worden, sich leere Räume in den Magierquartieren zu teilen.

Dies hatte sich inzwischen geändert. Die Magierquartiere waren wieder voll besetzt. Nach ihrem Abschluss hatten die Prollis Vorrang, wann immer Räume frei wurden, da es bei Magiern aus den Häusern wahrscheinlicher war, dass sie respektable Häuser in der Stadt hatten. Einige Prollis benutzten ihr Einkommen vom König, um sich ebenfalls Häuser in der Stadt zu kaufen oder zu mieten.

Die Novizenquartiere waren noch immer zu klein, und die Gilde war gezwungen gewesen, einigen der Schnösis zu erlauben, zu Hause zu leben. Sie hatte dies nur widerstrebend getan, wie Lilia wusste, weil Magier sich nicht in Politik einmischen sollten und die Häuser immer  in Politik verstrickt waren. Es half, diese Bande zu zerreißen, wenn man Schnösi-Novizen aus ihren Familien herausholte.

Naki war einer der Schnösis, die zu Hause lebten. Sie sagte, sie hasse es. Lilia glaubte ihrer neuen Freundin nicht ganz, und es hielt sie gewiss nicht davon ab, die Einladung abzulehnen, eine Nacht dort zu verbringen.

Habe ich alles?  Sie sah ihre Tasche an und betrachtete den Inhalt: einige Toilettengegenstände, ein Nachthemd und eine frische Robe. Wir Magier brauchen nicht viel. 

Sie öffnete die Tür und trat in den Flur hinaus. Zu ihrem Entsetzen kamen gerade zwei ihrer Freunde aus ihrer Klasse vorbei. Obwohl ihre Freundinnen ihr, seit sie feste Freunde hatten, nicht mehr viel Aufmerksamkeit schenkten, würden sie doch alles Ungewohnte an ihrem Verhalten bemerken. Lilia stellte beklommen fest, dass die beiden sofort neugierig wurden, als sie sie mit ihrer Tasche entdeckten.

Madie kam herübergeschlendert, und Froje folgte ihr.

»Hallo, Lilia! Wo willst du denn hin?«

»Zu Naki«, erwiderte sie und hoffte, dass sie nicht allzu selbstgefällig klang.

»Oh. Freunde an hoher Stelle.« Zu Lilias Erleichterung schlug Madie einen eher fröhlichen, gutmütig-spöttischen Ton an.

Froje runzelte die Stirn und trat näher. »Du weißt doch, dass man sich Geschichten über sie erzählt, nicht wahr?«, fragte sie mit leiser Stimme.

Lilia starrte das Mädchen an. Froje neigte normalerweise nicht zu Klatsch und Gehässigkeit. Das Mädchen wirkte auch eher besorgt als hinterhältig.

»Geschichten gibt es über jeden«, erwiderte Lilia leichthin, dann verfluchte sie sich. Ich hätte mitspielen sollen, um herauszufinden, was die Leute sagen. Nicht dass ich es glaubte, aber trotzdem … es könnte Naki helfen, Ärger zu vermeiden. 

Madie lächelte. »Nun, du kannst uns erzählen, ob es wahr ist oder nicht, hm?« Sie sah Froje an und deutete mit dem Kopf auf den Haupteingang der Novizenquartiere. »Viel Spaß«, fügte sie hinzu, dann setzten die beiden ihren Weg fort.

Lilia ergriff ihre Tasche und folgte ihnen langsam, wobei sie ihnen einen gewissen Vorsprung ließ. Als sie aus dem Novizenquartier trat, entdeckte sie Naki sofort, und augenblicklich hellte sich ihre Stimmung auf. Die späte Sonne zeichnete goldene Strähnen in das Haar ihrer Freundin und ließ ihre blasse Haut leuchten. Auch andere Novizen umschmeichelten die Sonnenstrahlen. Aber keinem steht es so gut wie Naki. Die Hälfte der Jungen hier draußen starrt sie an. Ich kann nicht glauben, dass jemand, der so schön und so beliebt ist, meine Freundin sein will. 

Naki entdeckte sie und lächelte. Lilia wurde warm ums Herz, aber gleichzeitig flatterte ihr Magen unbehaglich, wie er das getan hatte, seit Naki sie zu sich nach Hause eingeladen hatte. Ich sollte besser nichts tun, was sie verärgern könnte, denn ich habe weder das gute Aussehen noch den Charme, die sie hat, um sicherzustellen, dass ich immer Leute haben werde, die darauf warten, mein Freund zu sein. 

»Vaters Kutsche wartet auf uns«, sagte Naki, als sie einander gegenüberstanden.

»Oh! Entschuldige. Ich bin wohl zu spät dran.«

»Nein, eigentlich nicht.« Naki zuckte die Achseln und wandte sich dem Pfad zu, der durch die Gärten führte. »Er schickt die Kutsche oft ziemlich früh. Es ist ärgerlich, da nur eine begrenzte Anzahl an Kutschen vor der Universität Platz hat und es immer zu Staus kommt. Was willst du heute Abend machen? Ich finde, wir sollten dir das Haar aufstecken.«

Lilia versuchte, nicht zusammenzuzucken. Ihre Mutter hatte kunstvolle Dinge mit ihrem Haar gemacht, als sie noch klein gewesen war, und sie hatte das Zupfen und Zwicken gehasst, genau wie den Juckreiz, den die Spangen verursachten. Naki blickte Lilia an und runzelte die Stirn.

»Was ist los?«

»Nichts.« Lilia sah Ungläubigkeit in den Zügen des anderen Mädchens. »Meine Mutter hat es zu besonderen Anlässen gemacht. Es haben immer Haare geziept oder Nadeln gepiekst.«

»Keine Sorge. Ich verspreche dir, dass nicht ein einziges Haar ziepen wird. Es wird Spaß machen.«

»Ich werde dich beim Wort nehmen.«

Naki lachte – ein kehliges, tiefes Lachen, bei dem sich etliche Köpfe drehten. Sie plauderten weiter miteinander, während sie durch die Gärten gingen. Als sie die Auffahrt erreichten, waren schon zahlreiche Kutschen vorgefahren. Naki griff nach Lilias Arm und führte sie zielstrebig zum Wagen ihrer Familie. Der Kutscher sprang vom Bock, um ihnen den Schlag zu öffnen.

Der Stau der Kutschen draußen hielt sie eine Weile auf, aber Lilia bemerkte es kaum. Sie war zu beschäftigt damit, das Gespräch mit Naki zu genießen. Sie begannen mit dem Austausch erheiternder Geschichten über Begegnungen zwischen Dienern und ihren Herren, dann folgte eine Anekdote über eine Dienerin, mit der Naki aufgewachsen war. Als Naki mit ihrer Geschichte fertig war, hielt sie inne und sah Lilia nachdenklich an.

»Weißt du, du erinnerst mich stark an sie. Ich wünschte, ihr hättet einander kennenlernen können.«

»Sie arbeitet nicht mehr für euch?«

»Nein.« Nakis Miene verdüsterte sich. »Vater hat sie weggeschickt.«

Er scheint in all ihren Geschichten der Böse zu sein,  ging es Lilia durch den Kopf.

»Du magst ihn nicht, oder?«, fragte sie vorsichtig, nicht sicher, wie Naki auf eine persönliche und vielleicht heikle Frage reagieren würde.

Mit Nakis Gesicht ging eine dramatische Veränderung vor. Ihr Blick verfinsterte sich, und ihre Züge zeigten Anspannung. »Nicht sehr. Und er hasst mich.« Sie seufzte und schüttelte sich, als versuche sie, etwas Unangenehmes loszuwerden. »Es tut mir leid. Ich wollte nichts sagen, damit du dich nicht davor fürchtest, ihn kennenzulernen.«

»Mir macht man so leicht keine Angst«, versicherte Lilia ihr.

»Er wird absolut höflich zu dir sein. Schließlich bist du ein Mitglied der Gilde. Er muss dich wie jemanden behandeln, der ihm ebenbürtig ist. Nun, jedenfalls wie eine Novizin. Er könnte jedoch den Lehrer herauskehren.«

»Damit werde ich fertig.«

»Und wir brauchen ihm fürs Erste nicht zu erzählen, dass du aus einer Dienstbotenfamilie stammst«, sagte Naki ängstlich. »Er ist ein wenig … nun ja, eben so.«

»Das ist in Ordnung. Was zählt, ist, dass du  nicht so bist. Ich weiß das zu schätzen.«

Naki lächelte. »Und was ich an

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>dir  mag, ist die Tatsache, dass du uns nicht hasst wie die anderen … du weißt schon …«

Lilia zuckte die Achseln. »Meine Familie arbeitet für eine nette, anständige Familie. Es ist schwer, Menschen zuzustimmen, die sagen …«

»Sieh mal! Wir sind da.«

Naki deutete eifrig auf das Fenster der Kutsche. Lilia spähte hinaus und schaute in die Richtung, in die ihre Freundin deutete. Sie hielten vor einem riesigen Gebäude. Sie hatte gewusst, dass Naki aus einem reichen, mächtigen Haus stammte, aber bis zu diesem Moment hatte sie es nicht wirklich verinnerlicht. Sie versuchte, ihre Nervosität und Aufregung zu unterdrücken.

»Keine Sorge«, sagte Naki, die Lilias Stimmung irgendwie auffing. »Entspann dich, und überlass alles mir.«

An die nächste Stunde konnte sie sich später nur noch vage erinnern. Naki führte sie ins Haus. Zuerst stellte sie Lilia ihrem Vater vor, Lord Leiden, der sie auf eine reservierte und geistesabwesende Art willkommen hieß. Dann gingen sie in eins der oberen Stockwerke in die geräumige Flucht von Zimmern, die Naki bewohnte. Abgesehen von ihrem eigentlichen Zimmer gab es dort einen Raum voller Kleider und Schuhe und ein eigenes Bad. Naki erfüllte ihr Versprechen, Lilia das Haar aufzustecken; sie kämmte zuerst eine spezielle Creme hinein, dann benutzte sie glatte Silbernadeln, die sie irgendwie so arrangierte, dass sie nicht an Lilias Haaren zerrten oder an ihrer Kopfhaut kratzten. Anschließend gingen sie zum Abendessen wieder nach unten.

Nakis Vater saß allein am Tisch. Als Lilia auf all die verschiedenen Arten von Besteck hinabblickte, die um jeden der Essplätze aufgelegt waren, stieg für einen Moment Panik in ihr auf. Dann kam ein Bote, und Lord Leiden erhob sich. Er entschuldigte sich dafür, dass sie allein essen mussten, und verließ den Raum.

Als die Tür des Speisezimmers sich hinter ihm schloss, grinste Naki Lilia an. Ohne ein Wort zu sagen, stand sie auf, schlich leise zur Tür, öffnete sie vorsichtig und lauschte. Ein fernes Geräusch drang an Lilias Ohren.

»Er ist weg«, erklärte Naki. »Schnapp dir dein Glas.« Sie griff nach ihrem eigenen Glas, das gerade mit Wein gefüllt worden war, dann ging sie zu der Tür, durch die die Diener hereingekommen waren. An der Tür angelangt öffnete Naki, und eine Dienerin, die ein Tablett mit kleinen Schalen in Händen hielt, blieb auf der Türschwelle stehen.

»Wir kommen runter«, sagte Naki. Die Frau lächelte und nickte, dann drehte sie sich um und verschwand auf dem Weg, auf dem sie gekommen war.

Es war Lilia mittlerweile gelungen, ihr Glas zu ergreifen und sich von ihrem Platz gleiten zu lassen. Naki winkte sie heran, dann folgten sie der Dienerin. Sie kamen durch einen kurzen Flur mit einer Bank und Schränken an einer Wand, in denen Geschirr, Besteck und Gläser aufbewahrt wurden. Am Ende des Flurs gingen sie eine Treppe hinunter.

»Ich esse unten, wann immer Vater nicht hier ist«, erklärte Naki. »Dann brauchen sie das Essen nicht auf dem feinen Geschirr zu servieren, und ich habe Freunde, mit denen ich plaudern kann.«

Die Treppe war so lang, dachte Lilia, dass sie sich hier unten vermutlich zwei Stockwerke unter dem Esszimmer befanden. Sie kamen in eine Küche nicht unähnlich der in dem Haus ihrer Kindheit. Drei Frauen und ein Junge waren an der Arbeit; sie hatten die Ärmel hochgekrempelt und trugen auf dem Kopf Kappen mit Riemen, die sie hinter den Ohren zubinden konnten. Als Kind hatte Lilia selbst solche Kappen getragen.

Naki begrüßte sie mit einer Zuneigung, die sie nicht zu überraschen schien. Nachdem sie Lilia die Diener vorgestellt hatte, ging sie zu einem abgenutzten alten Tische und setzte sich auf einen der Hocker, die dort standen. Lilia nahm auf dem neben ihr Platz. Sie lauschte auf das Geplänkel zwischen Naki und ihren Dienern und fühlte sich zum ersten Mal seit drei Jahren heimisch.

Was für ein Paar wir abgeben,  dachte sie. Ein Schnösi, der zu Dienern nett und freundlich ist, und ein Prolli, der die Reichen nicht hasst.  Und die Gilde – und Magie – hatte sie zusammengeführt. Das ist eine interessante Idee. Ich hätte gedacht, dass es an der Umgebung liegt, in der wir beide aufgewachsen sind, wenn auch auf anderen Seiten. Aber in Wirklichkeit liegt es an der Magie. Und Magie unterscheidet ebenso wenig zwischen Reich und Arm, wie sie zwischen Gut und Böse unterscheidet. 

Dannyl blickte sich um und hatte immer noch Mühe zu glauben, dass Tayend es geschafft hatte. Im Herrenzimmer des Gildehauses drängten sich zahlreiche mächtige, einflussreiche Sachakaner. Es waren auch tödlich miteinander verfeindete Ashaki dabei – sie sprachen nicht direkt miteinander, aber sie hielten sich im selben Raum auf, was anscheinend eine Seltenheit war.

Aber er hat es nicht geschafft, den König herzubekommen.  Tayend hatte gesagt, er habe eine Einladung geschickt, doch Achati hatte ihm versichert, dass Amakira nicht abkömmlich sein würde. Es war wahrscheinlich besser so. Wenn der Monarch sich unter so vielen Ashaki aufhielt, verdarben die unausweichlichen politischen Ränke das Fest. Oder zumindest hatte Dannyl das gehört. Er hatte noch nie an einer so großen Zusammenkunft teilgenommen, noch an irgendeiner Zusammenkunft, bei der der König zugegen gewesen wäre. Das größte Ereignis war das Fest, das Achati zur Begrüßung Dannyls und Lorkins in Arvice veranstaltet hatte.

Dannyl musste zugeben, dass er beeindruckt war. Tayend hatte es geschafft, das Ereignis in nur wenigen Tagen, nachdem ihm die Idee gekommen war, ein »kyralisches« Fest zu veranstalten, zu organisieren. Er hatte sogar den Küchensklaven beigebracht, einige kyralische Speisen zuzubereiten, die in kleinen Schalen oder auf Tellern serviert werden sollten. Er hatte die Idee aufgegeben, die Sklaven mit den Speisen auf Tabletts im Raum umhergehen zu lassen, da sie es sich nicht abgewöhnen konnten, sich für ihn oder Dannyl auf den Boden zu werfen, geschweige denn für wichtige Sachakaner.

Tayend hatte es sogar fertiggebracht, nüchterne kyralische Kleidung zu finden, die er jetzt statt seiner gewohnten leuchtend bunten und extravaganten Gewänder trug.

»Beim nächsten Mal werde ich ein elynisches Fest geben«, hörte Dannyl Tayend sagen. »Oder vielleicht ein lonmarisches. Dann wird das Fehlen von Frauen zumindest zum Thema passen. Man kann kein elynisches Fest geben ohne ein wenig geistreiche weibliche Konversation, die die Dinge lebendig macht.« Er hielt inne, um auf eine Antwort zu lauschen, die Dannyl nicht verstehen konnte, dann lächelte er. »Dann werde ich vielleicht eine Sklavin ausbilden oder für den Tag einige elynische Frauen ins Land kommen lassen – oder ich werde mich selbst als eine ausgeben! Ich werde für meine sachakanischen Gäste keine Mühen scheuen.«

Gelächter folgte. Dannyl seufzte und wandte sich ab. Er sah Achati mit Lady Merria sprechen, und eine Woge der Dankbarkeit stieg in ihm auf. Sie hatte sich zuvor augenscheinlich unwohl gefühlt, da die anderen Gäste sie ignorierten. Als er die Sachakaner beobachtet hatte, um festzustellen, was sie tun würden, wenn sie sie sahen, hatte Dannyl in ihren Gesichtern weniger Missvergnügen als vielmehr Unsicherheit wahrgenommen. Da sie nicht daran gewöhnt waren, Frauen bei ihren gesellschaftlichen Zusammenkünften zu haben – es war tabu, mit der Frau eines anderen zu sprechen –, wussten sie nicht, was sie in Bezug auf Lady Merria tun sollten. Daher benahmen sie sich einfach, als sei sie nicht da.

Achati blickte auf und winkte Dannyl heran.

»Ich habe Lady Merria gerade von einer Gruppe von drei Sachakanerinnen erzählt, die ich kenne und die sich gelegentlich treffen.«

»Ich dachte, so etwas würde hier missbilligt.«

»Sie kommen damit durch, weil zwei von ihnen Witwen sind und die dritte ein Krüppel ist und weil sie die Verräterinnen hassen. Eine von den dreien glaubt, die Verräterinnen hätten ihren Ehemann getötet.« Achati lächelte. »Ich dachte, Lady Merria hätte vielleicht Lust, sich ihnen manchmal anzuschließen. Anderenfalls könnte sie sich hier sehr einsam fühlen.«

Dannyl sah Merria an. »Was meint Ihr?«

Sie nickte. »Es wäre gut, einige Frauen von hier kennenzulernen.«

Achati lächelte und blickte Dannyl an. »Soll ich mich bei ihnen erkundigen, ob Eure Assistentin willkommen wäre?«

Verspätet begriff Dannyl, dass Achati ihn um Erlaubnis fragte, als trage er die Verantwortung für Merrias gesellschaftliches Leben. Erheitert musterte er die Heilerin. Sie wirkte ein wenig distanziert, als habe sie die Frage nicht gehört, aber die Ausdruckslosigkeit ihrer Miene rührte von ihrer Anstrengung, sich ihre wahren Gefühle nicht anmerken zu lassen.

»Ja, tut das bitte«, erwiderte Dannyl.

Achati wirkte erfreut. »Vielleicht kann ich auch eine Beschäftigung für Euch finden«, murmelte er. Er sah Dannyl vielsagend an und führte ihn zu einem Ashaki, dessen Gesprächspartner sich soeben entfernt hatte.

»Ashaki Ritova. Ich habe Botschafter Dannyl gerade von Eurer beeindruckenden Bibliothek erzählt.«

Der Sachakaner wandte sich Achati zu. Er stellte eine hochmütige Miene zur Schau, die sich kaum merklich veränderte und flüchtig Respekt für Achati verriet, bevor seine ganze Arroganz zurückkehrte, als er sich Dannyl zuwandte.

»Ashaki Achati. Ihr braucht um meinethalben nicht zu prahlen.«

»Und doch fühle ich mich immer geneigt, genau das zu tun. Gewiss handelt es sich um die beste Sammlung in Sachaka, abgesehen von der Bibliothek des Palastes.«

»Verglichen damit ist es ein magerer Haufen Bücher.«

»Trotzdem, ich bin mir sicher, dass Botschafter Dannyl erstaunt darüber wäre, wie alt einige Eurer Aufzeichnungen sind.«

Wieder sah der Mann Dannyl an. »Ich bezweifle, dass Ihr irgendetwas von Interesse finden würdet, Botschafter.« Er seufzte. »Ich habe nicht die Zeit, um mich selbst dort aufzuhalten. Ich bin zu beschäftigt damit, Verträge mit den östlichen Ländern auszuhandeln.«

Er schüttelte den Kopf und begann mit einer langen, langweiligen Kritik der Völker jenseits der Aduna-See, mit denen die Sachakaner Handel trieben. Es wäre durchaus interessant gewesen, mehr über diese Länder zu erfahren, aber Dannyl begriff schnell, dass die Einschätzung des Ashakis geprägt war von Abneigung und Vorurteilen und wohl kaum eine zutreffende Beschreibung sein würde. Als es Achati endlich gelang, das Gespräch zu beenden, ohne Ritova zu beleidigen, entschuldigte er sich.

»Ich hatte gehofft, etwas für Euch tun zu können«, murmelte er. »Aber er ist so halsstarrig wie …«

Der Meister des Krieges, Kirota, kam näher. Als er Dannyl bemerkte, schlenderte er zu ihnen herüber.

»Ashaki Achati. Botschafter Dannyl. Es ist mir eine Freude, Euch wiederzusehen, Botschafter. Ich höre, Euch und Botschafter Tayend verbindet eine enge Freundschaft. Ist das wahr?«

Dannyl nickte. »Wir sind schon lange Freunde. Seit mehr als zwanzig Jahren.«

Kirota runzelte die Stirn. »Botschafter Tayend sagte, er habe in Elyne gelebt, als er Euch das erste Mal begegnete.«

»Ja, genau wie ich«, erklärte Dannyl. »Ich war damals Gildebotschafter in Elyne. Ich habe Tayend in der Großen Bibliothek kennengelernt. Er hat mir bei einigen Nachforschungen für die Gilde geholfen.«

»Ah ja! Tayend hat Eure Nachforschungen erwähnt. Wie entwickeln sie sich denn?«

Dannyl zuckte die Achseln. »Ich habe in letzter Zeit kaum Fortschritte gemacht.«

Kirota nickte mitfühlend. »So ist das Leben eines Forschers. Im einen Augenblick eine große Entdeckung, dann lange nichts. Ich wünsche Euch bald mehr Erfolg.«

»Vielen Dank«, erwiderte Dannyl. »Ihr habt bei unserer letzten Begegnung ein Interesse bekundet, Lücken in Euren eigenen Unterlagen zu füllen«, fügte er hinzu. »Mein Angebot, Euch dabei behilflich zu sein, gilt nach wie vor.«

Die Miene des Kriegsmeisters hellte sich auf. »Ich werde es gewiss annehmen.« Sein Blick wanderte an Dannyl vorbei. »Ah. Mehr von diesen köstlichen Rasook-Schenkeln. Diesmal bin ich entschlossen, mehr davon zu essen, bevor sie alle weg sind. Ich mag Euer kyralisches Essen.« Er grinste und eilte davon.

Als er neben sich ein leises Lachen hörte, drehte Dannyl sich zu Achati um. Der Mann lächelte.

»Das habt Ihr gut gemacht«, murmelte er. »Jetzt, da Ihr nicht länger die neueste Errungenschaft hier seid, wäre es möglich, dass Ihr die Dinge, die Ihr braucht, am ehesten bekommt, wenn Ihr sie gegen etwas anderes eintauscht.«

Dannyl nickte, und ihm wurde ein wenig leichter ums Herz.

»Obwohl ich bezweifle, dass Kirota als Gegenleistung viel für Euch tun kann«, warnte Achati mit leiser Stimme. »Trotzdem … betrachtet es als eine Investition.«

Als die kleine Flamme der Hoffnung verblasste, unterdrückte Dannyl einen Seufzer. Er sah, dass Tayend ihn von der anderen Seite des Raums aus beobachtete. Auf dem Gesicht seines ehemaligen Geliebten lag ein nachdenklicher Ausdruck, und plötzlich verspürte Dannyl nur noch den Wunsch, das Fest zu verlassen.

Aber er hatte keine andere Wahl, als zu bleiben, also drückte er den Rücken durch und folgte Achati zu der nächsten Gruppe von Sachakanern.

Lorkin hatte Luxus und eine teure Einrichtung erwartet. Er hatte erwartet, dass Männer und Frauen, die bei den Verräterinnen die Stelle von Dienern bekleideten, in der Nähe sein würden, bereit, die Wünsche ihrer Monarchin zu erfüllen. Außerdem hätte er Wachen an jeder Tür erwartet.

Aber die Räume der Königin der Verräterinnen waren nicht viel größer oder eleganter als die der Frauen, die er aufgesucht hatte, wenn er Sprecherin Kalia bei deren Besuchen von Kranken oder Schwangeren begleitet hatte. Die einzige offensichtliche Wache war eine Magierin, die draußen im Flur an der Tür saß. Vielleicht war die junge Frau, die auf sein Klopfen hin die Tür geöffnet hatte, ebenfalls eine Magierin, obwohl sie für eine Leibwächterin der Königin zu jung zu sein schien. Sie hatte ihn mit einem fröhlichen, herzlichen Lächeln begrüßt, sich als Pelaya vorgestellt und ihn dann hineingeführt.

Jetzt stand er in einem Kreis aus schlichten Holzstühlen. Eine alte Frau stand vor ihnen, als habe sie sich gerade erhoben. Sie trug keinen Feststaat, aber andererseits hatte sie auch am Tag von Tyvaras Verhandlung keinen getragen. Wenn er ihr Gesicht nicht erkannt hätte, hätte er sie für eine weitere Besucherin halten können, die auf die Königin wartete.

Doch ihre glänzenden Augen waren scharf und ihr Blick direkt, und etwas an ihrer Haltung und Konzentration zeugte von Selbstbewusstsein und Macht. Er hatte sich eine Hand auf die Brust gelegt und wartete auf eine Reaktion, wie man es ihm eingeschärft hatte, als er der Königin das erste Mal begegnet war.

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich gebe mich in meinem eigenen Zuhause nicht mit Förmlichkeiten ab, Lord Lorkin. Dafür bin ich zu alt und zu müde. Bitte, nimm Platz.« Sie griff hinter sich und begann sich mit offenkundiger Anstrengung auf einen Stuhl sinken zu lassen. Er trat automatisch einen Schritt vor, um ihr zu helfen, dann hielt er inne, nicht sicher, ob es passend sein würde, sie zu berühren.

»Wartet auf mich, Zarala«, sagte Pelaya mit einem sanften Tadel in der Stimme, als sie herbeigeeilt kam, um der alten Königin behilflich zu sein.

»Mir geht es gut«, erwiderte Zarala. »Ich bin nur langsam.«

Sobald sie saß, deutete die Königin auf den Stuhl neben dem ihren. Lorkin nahm Platz, und die junge Frau zog sich in einen anderen Raum zurück. Die Königin musterte ihn nachdenklich. »Wie gefällt dir das Leben im Sanktuarium?«

»Es ist ein wunderbarer Ort, Euer Majestät«, begann er. »Ich …«

»Keine Förmlichkeiten«, unterbrach die Königin und drohte ihm spielerisch mit dem Finger. »Nenn mich Zarala.«

Er nickte. »Zarala. Das ist ein schöner Name.«

Sie grinste. »Ich mag Schmeicheleien. Doch du wirst nichts damit gewinnen. Ich bin zu alt, um mich von derartigen Dingen beeinflussen zu lassen. Nicht dass du damit aufhören solltest, falls es dir zufällig Vergnügen bereitet.«

»Das tut es«, erwiderte Lorkin. »Und falls es dir Vergnügen bereiten sollte, bist du herzlich eingeladen, mir ebenfalls ein wenig zu schmeicheln«, fügte er hastig hinzu.

Zu seiner Erleichterung lachte sie. »Sprich weiter. Erzähl mir, wie es dir ergangen ist.«

»Mich erstaunt die Großzügigkeit und Freundlichkeit der Verräterinnen. Deine Leute haben mich willkommen geheißen, mir Essen und Obdach gegeben und Aufgaben, mit denen ich mich nützlich machen kann.«

»Warum sollte dich das überraschen?«

Lorkin zuckte die Achseln. »Bei einem Volk, das so sehr im Geheimen lebt, hätte ich erwartet, dass viel Zeit vergehen würde, bevor man auf diese Weise akzeptiert wird.«

Sie betrachtete ihn eingehend. »Du weißt, dass du nicht vollkommen akzeptiert wirst. Viele Menschen mögen dich, und viele wissen zu schätzen, was du für Tyvara getan hast, aber niemand ist so töricht, dir jetzt schon zu vertrauen.«

Er nickte und hielt ihrem Blick stand. »Ja, das spüre ich durchaus. Es ist verständlich. Ich nehme an, es erstaunt mich, dass es nicht offensichtlicher ist.«

»Ich habe nur wenige Berichte von Leuten gehört, die eine Abneigung gegen dich persönlich gefasst haben, aber viele Menschen mögen dich aus Prinzip nicht.«

Er sah sie an. »Wegen meines Vaters.«

»Ja – und wegen Rivas Tod.« Sie war jetzt ernst, und die Runzeln auf ihrer Stirn vertieften sich. »Du solltest wissen, dass ich dich nicht für das verantwortlich mache, was dein Vater getan hat. Es ist lächerlich zu denken, ein Kind trage die Verantwortung für die Taten seiner Eltern.«

»Ich … ich bin froh, dass du so empfindest.«

Sie beugte sich vor und tätschelte ihm das Knie. »Ich bin überzeugt, dass du darüber froh bist. Anderenfalls wärst du wahrscheinlich tot.« In ihre Stimme und ihre Augen hatte sich wieder Humor eingeschlichen, und er lächelte.

»Ich hege auch keinen Groll mehr gegen deinen Vater«, fuhr sie fort, wandte den Blick ab und wurde wieder ernst. Ernst und traurig. »Obwohl ich eine Tochter verloren habe, die hätte geheilt werden können. Wir sind die Dinge falsch angegangen. Etwas an deinem Vater hatte mich davon überzeugt, dass er ein Ehrenmann sei. Ich dachte, ich hätte mich geirrt, habe dann aber eingesehen, dass ich mich vielleicht nicht geirrt habe, dass ich damals einfach nicht verstanden habe, dass es etwas gab, dem gegenüber er eine größere Loyalität empfand.«

»Die Gilde? Kyralia?«, fragte Lorkin.

Sie sah ihn an. »Du wusstest nichts von dem Handel, den er geschlossen hatte, nicht wahr?«, fragte sie leise.

Er schüttelte den Kopf. »Ich war entsetzt zu erfahren, dass er eine solche Vereinbarung getroffen und sie nicht eingehalten hat.«

»Er starb vor deiner Geburt. Er hatte also nie die Gelegenheit, es dir zu erzählen.«

»Und meine Mutter hat nie davon gesprochen. Sie kann es nicht gewusst haben.«

»Warum bist du dir da so sicher?«

»Sie war entschlossen, mich daran zu hindern, nach Sachaka zu gehen. Wenn sie einen Beweis gehabt hätte, dass mir von den Verräterinnen Gefahr drohte, hätte sie ihn benutzt.«

»Vermisst du sie?«

Ihr Blick war sehr direkt. Er nickte. »Und doch will ein Teil von mir … ein Teil von mir …«

»Dein eigenes Leben leben? Deine eigenen Entscheidungen treffen?«

Er nickte.

Sie deutete mit der Hand auf den Raum oder etwas, das dahinter lag. »Und jetzt bist du hier und sitzt im Sanktuarium fest.«

»Es ist ein angenehmer Ort, um festzusitzen.«

Sie lächelte anerkennend. »Ich hoffe, dass du auch in Zukunft so denken wirst.« Ihr Lächeln verschwand wieder. »Denn das Leben hier wird vielleicht nicht immer so angenehm für dich sein. Ich bin alt. Ich kann mir nicht sicher sein, wer meine Nachfolge antreten wird. Alle wissen, dass Savara die Sprecherin ist, die ich gern als nächste Königin sehen würde, und sie mag dich, aber das bedeutet nicht, dass die Menschen für sie stimmen werden. Sie werden es gewiss nicht tun, wenn sie in Zukunft meine Entscheidungen infrage stellen.« Sie zeigte auf ihn. »Wie die Entscheidung, einen kyralischen Magier ins Sanktuarium zu lassen, der sich dann als allzu neugierig entpuppt.«

Ihre Augen waren hart, und es stand ein kaum merklicher Ausdruck der Anklage darin. Er spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg, und wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.

»Aber sie werden vielleicht damit zufrieden sein, dass ich dich einbestellt habe, um dir ordentlich den Kopf zu waschen. Savara hat entschieden, dass es das Beste sei, Tyvara zu verbieten, sich mit dir sehen zu lassen, damit völlig klar ist, dass sie deine Erkundung der Höhlen missbilligt.«

Lorkins Mut sank. Aber wir haben uns ja ohnehin nicht gesehen,  rief er sich ins Gedächtnis.

Zarala lächelte und tätschelte ihm abermals das Knie. »Ich habe noch einen freundschaftlichen, kostenlosen Rat für dich, Lorkin. Sei vorsichtig, wie viel Unruhe du stiftest. Du könntest dir und anderen damit viel mehr Ärger einhandeln, als du jetzt begreifst.«

Er nickte. »Vielen Dank. Ich werde deinen Rat beherzigen. Und keine Unruhe stiften.«

Sie wirkte erfreut. »Du bist ein kluger junger Mann. Bitte schön – jetzt habe ich dir meinerseits geschmeichelt. Möchtest du etwas zu essen?« Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern drehte sich zu der Tür, hinter der Pelaya verschwunden war.

»Pelaya? Haben wir etwas zu essen für unseren Besucher?«

»Natürlich«, antwortete die junge Frau. Sie erschien mit einem schlichten Holztablett mit Gläsern, Wasser und einer Schale mit Keksen in der Tür. Offensichtlich hatte sie darauf gewartet, dass die Königin sie rief.

»Ah, meine Lieblingskekse«, sagte die Königin und rieb sich die Hände. Mit einem spitzbübischen Grinsen wandte sie sich Lorkin zu. »Pelaya ist eine fabelhafte Köchin. Sie tut das alles mit Magie.« Als die junge Frau das Tablett in den Raum trug, drehte Zarala sich um, um einen in der Nähe stehenden kleinen Tisch anzustarren. Er erhob sich in die Luft, schwebte auf sie zu und stand kurz darauf vor Lorkin.

Sie mag zu alt und zu müde für Förmlichkeiten sein,  überlegte Lorkin, aber ich kann erkennen, warum sie Königin ist. Und ich wette, dass sie noch genauso mächtig und klug ist wie an dem Tag, an dem sie es wurde. 

Als Pelaya das Tablett abstellte und Lorkin einen Keks anbot, fragte er sich, wie viel die Königin von seinen Plänen erraten hatte. Er bezweifelte sehr, dass sie glaubte, er sei zufrieden damit, sein ganzes Leben bei den Verräterinnen zu verbringen.

Vielleicht hatte sie ihm sagen wollen, er möge sich jetzt zurückhalten, weil er nach ihrem Tod, wenn Savara ihre Nachfolge antrat, eine bessere Chance auf Erfolg haben würde.

Aber nachdem ich sie jetzt kennengelernt habe und sie wirklich mag, hoffe ich, dass dieser Fall nicht allzu bald eintreten wird. 

5

Fragen über Fragen

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Als die Lampen im Innenhof entzündet wurden, ging Sonea auf das seltsamste Gebäude auf dem Gelände der Gilde zu. Die Kuppel war nicht wirklich eine Kuppel, sondern eine Kugel aus massivem Fels, aber ausgehöhlt. Da sie jedoch zum Teil unter der Erde lag, hatte der sichtbare Teil des Gebäudes ein kuppelartiges Aussehen.

Die Kuppel war so alt wie die Gilde selbst. Bevor die Gilde die Arena gebaut hatte – ein von riesigen, gebogenen Pfeilern getragener magischer Schild –, waren die gefährlicheren Kampflektionen in der Kuppel abgehalten worden. Die Benutzung des Gebäudes für diesen Zweck hatte viele Nachteile gehabt. Im Gegensatz zur Arena konnten Zuschauer die darin abgehaltenen Lektionen nicht mitverfolgen. Die dicken Mauern hätten niemals einen starken Angriff überstanden, also mussten alle Übungsschläge maßvoll ausgeführt werden. Die Schläge, die dann doch die Mauern trafen, konnten den Stein aufheizen, so dass es im Innern unerträglich heiß wurde. Und die einzige Möglichkeit, frische Luft hineinzulassen, bestand darin, die einem Stöpsel ähnliche Tür zu öffnen.

Den alten Unterlagen zufolge, die Akkarin gefunden hatte, war der Stöpsel im Laufe der Jahre während des Unterrichts viele Male hinausgeschlagen worden, und einmal hatte er sogar einen gerade vorbeigehenden Diener getötet. Jetzt wurde er mit Magie festgehalten. Zweimal am Tag entfernte man ihn und ließ frische Luft in das Innere der Kuppel, um die alte zu ersetzen. Gleichzeitig wurden Nahrung und Wasser hineingebracht und die Eimer, die als Toilette dienten, geleert.

Sonea konnte nicht umhin, an ihre Erfahrung als eine gefangene wilde Magierin zu denken. Rothen hatte sie in seinen Räumen wohnen lassen und langsam mit Freundlichkeit und Geduld ihr Vertrauen gewonnen, während er sie unterrichtet hatte. Aber Lorandra war keine unwissende junge Frau, die durch Zufall in den Besitz von Magie gelangt war und eine größere Gefahr für sich selbst darstellte als für die Gilde. Sie hatte ihre Kräfte gut unter Kontrolle und sich zusammen mit ihrem Sohn gegen die Gilde verschworen.

Doch ich weiß, wie es ist, in der Kuppel eingesperrt zu sein.  Als die Gilde herausgefunden hatte, dass sie schwarze Magie erlernt hatte, hatte man sie für eine Nacht hier eingesperrt und Akkarin in der Arena festgehalten, während die Gilde für ihre Verhandlung zusammengerufen wurde. In der Kuppel war es stickig und drückend. Ich habe dort nur ein paar Stunden verbracht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein muss, monatelang hier festzusitzen. 

Sonea holte tief Luft und widerstand dem Drang, sich umzudrehen und in eine andere Richtung zu gehen. Obwohl sie ein gewisses Mitgefühl für Lorandra empfand, widerstrebte es ihr stets, die Frau zu besuchen. Skellins Mutter hatte niemals ein Wort gesagt, und sie verströmte Hass und Furcht. Mit dem Hass der Frau konnte sie leben. Es war der kompromisslose Hass einer Mutter auf jene, die ihrem Sohn schaden wollten, und nachdem sie dieses Gefühl selbst erlebt hatte, fand Sonea, dass es nachvollziehbar war.

Nein, es war die Furcht, die Sonea zu schaffen machte. Sie war es gewohnt, dass Menschen ein wenig Angst vor ihr hatten – wegen der Dinge, die sie in ihrer Jugend getan hatte und die sie mit schwarzer Magie heute tun konnte –, aber Lorandras Furcht war simples, blindes Entsetzen, und dieses Gefühl machte alles, was Sonea in ihrem Leben getan hatte, um zu beweisen, dass sie ein ehrenhafter und vertrauenswürdiger Mensch war, bedeutungslos.

Und Cery will, dass ich sie belüge. 

Die zwei Wachen, die links und rechts neben der Tür standen, wirkten gelangweilt und verärgert. Erst als die beiden sie kommen sahen, richteten sie sich auf und nickten ihr respektvoll zu. Es waren Männer, und sie stammten aus den Häusern, wie sie bemerkte. Bisher hatte sie noch keine Magier aus den unteren Klassen Wache stehen sehen. Hatte Administrator Osen kein Vertrauen, dass sie die Mutter eines Diebes eingekerkert halten würden? Gewiss war er nicht naiv genug, um zu denken, dass Magier aus der höheren Klasse immun dagegen waren, von der Unterwelt erpresst oder bestochen zu werden. Sie blieb stehen und deutete mit dem Kopf auf die Tür.

»Wann wurde sie das letzte Mal geöffnet?«

»Vor drei Stunden, Schwarzmagierin Sonea«, antwortete der größere der Magier.

»Habt Ihr Administrator Osens Anweisungen erhalten?«

Der Mann nickte.

»Gut. Lasst mich ein.«

Die beiden Magier starrten in stiller Konzentration auf die Tür. Statt aufzuschwingen, glitt sie langsam aus der Kuppel heraus und rollte seitlich herum, bis sie an der Felskugel anlag.

Im Innern der Kuppel war es dunkel. Lorandra hatte jede Menge Macht, mit der sie ihr Gefängnis beleuchten konnte – aber wenn sie das tat, löschte sie jedenfalls stets ihr Licht, wenn sie hörte, dass die Tür geöffnet wurde. Sonea holte tief Luft, schuf eine Lichtkugel und sandte sie voraus, bevor sie eintrat.

Wie immer saß die Frau auf dem schmalen Bett in der Mitte des Raums. Sonea folgte der abschüssigen Kurve des »Bodens« und blieb einige Schritte von Lorandra entfernt stehen. Die Frau starrte sie an; ihr Gesicht war ausdruckslos, aber ihre Augen waren dunkel und unfreundlich.

Sonea überlegte, was sie sagen sollte. In der Vergangenheit hatte sie versucht, die Fragen, auf die sie am dringendsten eine Antwort wünschte, indirekt zu stellen, indem sie sie mit anderen Fragen verknüpfte. Woher kam Feuel? War es eine Droge aus ihrem Heimatland? Wie wurde es hergestellt? Warum hatte Lorandra Bücher über Magie gekauft? Wie war es ihr gelungen, so viele zu finden? Wo waren sie jetzt? Warum hatte Skellin gedacht, die Gilde würde sich täuschen lassen und Forlie für eine Magierin halten – die glücklose Frau, die er als wilde Magierin präsentiert hatte, um zu verhindern, dass die Gilde seine Mutter fing, die eine Magierin war? Wo war Forlies Familie?

Einige der Fragen waren solche, auf die Sonea bereits die Antworten kannte, bei einigen anderen Fragen wusste Sonea bereits, dass Lorandra sie nicht  beantworten konnte. Cery hatte ihr dieses Vorgehen empfohlen, weil es wichtig war zu vermeiden, dass sie offenbarte, wie viel die Gilde nicht wusste.

Aber Lorandra hatte nichts gesagt.

Also versuchte Sonea, direkter zu sein. Wo war Skellin? Wie lange lebte er schon in Imardin? Welche Diebe waren seine Verbündeten? Welche Häuser waren mit ihm verbunden? Hatte er Kontrolle über irgendwelche Gildemagier? Hatte er Verbündete in Elyne? Lonmar? Sachaka? Wie viele Diebe hatte sie getötet? Hatte s


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ie versucht, Cery zu töten? Hatte sie versucht, Cerys Familie zu töten?

Keine Veränderung in Lorandras Miene verriet eine Reaktion auf diese letzte Frage. Es war eine der Fragen, die Sonea am wichtigsten waren, abgesehen vom Aufenthaltsort Skellins.

Wenn Osen bei der Anhörung doch nur mich dafür ausgewählt hätte, Lorandras Gedanken zu lesen, nicht Kallen. Ich hätte die Antwort dort suchen können, und niemand außer Lorandra hätte davon gewusst.  Aber das hätte bedeutet, dass Kallen Forlies Gedanken gelesen hätte, und das hätte Sonea dieser armen, verschreckten Frau nicht gewünscht.

Sonea erinnerte sich an Lorandras Entsetzen und Überraschung, dass sie Kallen nicht daran hindern konnte, ihre Gedanken zu lesen. Hoffentlich bedeutete das, dass die Magier in Lorandras Heimatland sich nicht auf schwarze Magie verstanden.  Nach dem, was Kallen berichtet hatte, untersagte Lorandras Volk jedwede Magie. Aber jene, die den Bann verhängten, waren selbst Magier. Lorandra hatte gegen das Gesetz verstoßen und insgeheim Magie erlernt. Es war wahrscheinlich, dass sie keine Ahnung hatte, wie mächtig die Gesetzeshüter waren.

Die Gilde macht sich solche Sorgen darum, die Menschen in ihrem Land zu kränken, wenn sie ihre Kräfte blockieren, aber wenn das, was Kallen sagt, zutrifft, wäre die bloße Existenz der Gilde eine Beleidigung für sie. Lorandra ist dort ebenso wie hier eine Verbrecherin. Sie würden wollen, dass nicht nur sie, sondern wir alle hingerichtet werden. 

Igra war weit entfernt und durch eine beruhigend große Wüste von den Verbündeten Ländern getrennt. Es bestand eine gewisse Chance, dass niemand dort sich an Lorandra erinnerte, die bereits vor vielen Jahren das Land verlassen hatte, und wenn es doch jemand tat, hielt er sie wahrscheinlich für tot. Ein Jammer nur, dass sie nicht gleich zu Beginn an die Gilde herangetreten war. Sie hätten sie vielleicht aufgenommen oder ihr gestattet, mit irgendeinem Arrangement, das ihr eine beschränkte Benutzung von Magie erlaubte, in Imardin zu leben. Stattdessen hatte sie das Leben einer Attentäterin geführt und sich selbst und ihren Sohn mit dem Verkauf von Feuel bereichert.

Sonea dachte an all die Menschen, die wegen dieser Frau gelitten hatten und gestorben waren. Diesmal schob sie den Ärger nicht beiseite, der in ihr aufstieg, oder versuchte, sich ein wenig Mitgefühl zu bewahren. Diesmal gestattete sie ihrem Ärger, ihre Entschlossenheit zu stärken.

»Ich bin nicht hier, um Euch zu befragen«, sagte Sonea leise. »Ich bin hier, um Euch davon in Kenntnis zu setzen, dass die Gilde Eure Kräfte bald blockieren wird. Ihr werdet dann nicht mehr in der Lage sein, Magie zu benutzen. Die gute Nachricht ist, dass Ihr dann nicht länger hier gefangen sein werdet. Ich kann Euch nicht sagen, was man danach mit Euch machen wird, aber man wird Euch nicht innerhalb der Verbündeten Länder frei lassen.«

Lorandras Miene veränderte sich geringfügig, und Sorge trat an die Stelle von Hass. In Sonea stieg eine Welle des Triumphs auf, die weitaus stärker war, als die Veränderung es verdiente. Sie wandte sich ab und ging auf die Tür zu. Ein heiseres Krächzen erklang hinter ihr, und sie blieb stehen; dann zwang sie sich weiterzugehen.

»Wartet.«

Sonea hielt inne und drehte sich um. Das Licht spiegelte sich in Lorandras dunklen Augen, als sie den Kopf hob.

»Wird es wehtun?«, fragte sie flüsternd.

Sonea sah sie an. »Warum sollte ich Eure Fragen beantworten, wenn Ihr keine von meinen beantwortet?«

Lorandra presste den Mund zu einer dünnen Linie zusammen. Sonea wandte sich ab, dann blieb sie stehen und blickte wieder zu der Frau hinüber.

»Nicht, wenn Ihr Euch nicht dagegen wehrt«, erklärte sie ihr leise, so dass die Wachen sie nicht hören konnten. Lorandra schaute ihr in die Augen. »Und … und es ist umkehrbar«, fügte Sonea mit noch leiserer Stimme hinzu.

Dann zwang sie sich, sich abzuwenden und durch die Tür zu treten, wobei sie sich fragte, ob das, was sie in den Augen der Frau gesehen hatte, Hoffnung oder Argwohn gewesen war.

»Das Erste, was Ihr Euch einprägen müsst, ist die Tatsache, dass eine Schwangerschaft keine Krankheit oder Verletzung ist«, erklärte Lady Indria der Klasse. »Aber durch Schwangerschaft und Geburt kann es zu vielen Problemen kommen. Im Gegensatz zur Mehrheit der Zustände, die eine Schwangerschaft behindern oder unmöglich machen und die wir in diesem Jahr bereits besprochen haben, können die Probleme einer Schwangerschaft und einer Geburt zum Tod führen, entweder bei der Mutter oder dem Kind oder bei beiden.«

Lilia sah ihre Freundinnen an. Sowohl Froje als auch Madie saßen mit durchgedrücktem Rücken da und hörten Lady Indria aufmerksam zu. Sie sind beinahe so gefesselt, wie sie es während der Lektionen waren, bei denen es um die Vermeidung einer Schwangerschaft ging,  überlegte Lilia. Sie blickte sich im Raum um. Die meisten der Novizen schienen sich für die Lektion zu interessieren. Selbst die Jungen taten es, was sie überraschte, obwohl von allen Heilern erwartet wurde, dass sie lernten, wie man eine werdende Mutter beriet und ein Kind zur Welt brachte.

Einige der Mädchen hatten während der vergangenen Lektionen gefehlt. Es waren allesamt Schnösies. Die Häuser hatten niemals Einwände dagegen erhoben, dass ihre Töchter lernten, wie man eine Empfängnis verhinderte, bis das Thema zu einem offiziellen Teil des Unterrichts der Universität geworden war. Die Eltern der Prollies hatten deswegen nicht das geringste Aufhebens gemacht. Sie konnten es sich nicht leisten, Enkelkinder großzuziehen, während ihre Töchter ihre Ausbildung in der Gilde beendeten.

Ich sollte dies interessanter finden, als ich es tue,  ging es Lilia durch den Kopf. Ich nehme an, ich würde es interessanter finden, wenn ich in jemanden verliebt wäre oder vielleicht bald heiraten würde. Das würde mir einen Grund geben, um über die Zukunft nachzudenken und darüber, Kinder zu haben. Aber im Augenblick kommt mir das alles so unwahrscheinlich vor. Madie könnte recht haben, wenn sie sagt, dass man nicht wissen kann, wann man jemand Besonderen findet, aber selbst wenn dieser Jemand nächste Woche auftauchte, glaube ich, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis ich Kinder haben will. 

Sie musste jedoch trotzdem aufpassen, denn wenn sie Heilerin werden wollte, musste sie in der Lage sein, schwangeren Frauen zu helfen. Sie zwang sich zuzuhören und fing an, sich Notizen zu machen. Als Lady Indria ihren Vortrag schließlich beendete und begann, Fragen zu beantworten, spürte Lilia Madies Atem auf ihrer Wange, als das Mädchen sich zu ihr vorbeugte.

»Du triffst dich heute Abend mit Naki?«, murmelte Madie.

Lilia lächelte. »Ja. Sie wird mir helfen, gekrümmte magische Schläge zu üben.«

Madie holte Luft, um noch etwas hinzuzufügen, dann gab sie einen leisen Laut der Frustration von sich.

»Was ist?«, fragte Lilia und blickte auf.

Das Gesicht ihrer Freundin war angespannt vor Unentschlossenheit und Sorge.

»Was ist?«, wiederholte Lilia.

Madie seufzte und schaute sich im Raum um. Sie beugte sich noch weiter vor. »Die Leute fangen an zu bemerken, dass du viel Zeit mit ihr verbringst. Du musst wissen, was sie reden.«

Lilias Magen krampfte sich zusammen, und ihr wurde übel. »Was reden sie denn?«, zwang sie sich zu fragen.

»Dass du und sie …« Madie richtete sich plötzlich auf, als Indria ihren Namen sagte. Lilia hörte zu, während ihre Freundin die Fragen der Heilerin beantwortete. Die Lehrerin bedachte Lilia mit einem strengen Blick, dann wandte sie sich ab und nahm ihren Vortrag wieder auf.

Lilia beugte sich zu Madie vor. »Was reden sie?«

»Pst. Ich werde es dir später erzählen.«

Während des Rests der Stunde fiel es Lilia doppelt so schwer, sich zu konzentrieren. Was konnten die Leute an ihrer Freundschaft mit Naki finden, das sie zu Klatsch und Tratsch verleitete? War es die Prollie/Schnösie-Geschichte? Hatte es etwas mit Nakis Vater zu tun? Naki hatte gesagt, er missbillige Prollies. Vielleicht drohte er damit, es Naki zu verbieten, sich mit Lilia zu treffen.

Als der Universitätsgong ertönte, waren Lilias Notizen ein wirres Durcheinander, und ihre Gedanken waren in keinem viel besseren Zustand. Sie folgte Madie und Froje aus dem Klassenzimmer.

»Nun?«, drängte sie.

Die beiden Mädchen tauschten einen Blick. Madies Gesichtsausdruck war beinahe flehentlich. Froje wirkte erwartungsvoll. Madie drehte sich um, um Lilia ein dünnes Lächeln zu schenken.

»Wir erledigen das besser, bevor wir uns den Jungen anschließen.« Sie schaute sich im Flur um und führte Lilia und Froje in ein leeres Klassenzimmer. Dann wandte sie sich an Lilia. »Es heißt … Die Leute sagen …« Sie hielt inne und schüttelte den Kopf. »Naki mag keine Jungen.«

»Nun, sie mag sie, aber nicht auf die Art und Weise, wie Mädchen sie mögen sollten «, warf Froje ein.

»Sie mag Mädchen.« Madie sah Lilia an, dann wandte sie den Blick ab.

»Auf eine Art und Weise, wie Mädchen das nicht  tun sollten.«

Angespanntes Schweigen folgte. Lilia stellte fest, dass sie nicht überrascht war. Gewiss war sie nicht so schockiert, wie die beiden es von ihr erwarteten. Als Dienerin hatte sie viele Dinge gesehen und gehört, von denen Novizen, die in behüteteren Elternhäusern aufgewachsen waren, nichts wussten. Ihr Vater hatte ihr gesagt, dass sie Menschen nicht so schnell verurteilen solle.

Obwohl die beiden sie nicht ansahen, spürte Lilia die Erwartung ihrer Freundinnen. Als das Schweigen sich in die Länge zog, stieg Panik in Lilia auf. Sie sollte reagieren, oder die beiden würden denken, sie hätte es bereits gewusst.

Und gebilligt.

»Ähm«, begann sie.

»Du weißt doch, was wir meinen, oder? Mädchen, die Mädchen auf die gleiche Weise mögen, wie Jungen es tun …«, erklärte Madie.

»Ich weiß, was ihr meint«, unterbrach Lilia sie. Sie biss sich auf die Unterlippe. »Aber ist es wahr? Ich meine, die Leute denken sich ständig solche Dinge aus. Vor allem über Leute, die sie aus irgendeinem Grund missbilligen. Zum Beispiel weil sie reich und schön sind. Oder weil sie nicht interessiert sind. Naki hat eine Menge Jungen abgewiesen – zumindest habe ich das gehört. Das könnte den Anschein erweckt haben, dass ihr Mädchen lieber sind.«

Die beiden Mädchen runzelten die Stirn und tauschten abermals einen Blick.

»Ich denke, das ist so«, sagte Madie, obwohl in ihrer Stimme ein Anflug von Zweifel mitschwang.

»Man erzählt sich da eine Geschichte, dass sie und eine ihrer Dienerinnen … du weißt schon«, sagte Froje, aus deren Stimme deutlich ihre Abneigung sprach. »Aber die Dienerin wollte es beenden. Naki fand es heraus. Sie arrangierte es so, dass ihr Vater sie zusammen erwischte. Er warf die Dienerin und ihre ganze Familie auf die Straße. Mein Cousin kennt die Familie. Er schwört, dass es wahr ist.«

Die beiden sahen Lilia an. Sie erwiderte die Blicke. Ihr Herz raste. Sie spürte, wie ihr ihre Freundschaft mit Naki entglitt, und das Gefühl gefiel ihr nicht. Die Geschichte über die Dienerin war beunruhigend. Konnte Naki so boshaft und rachsüchtig gewesen sein? Vielleicht ist es eine Übertreibung, erfunden von Dienern, die wütend darüber waren, dass man sie hinausgeworfen hatte – wahrscheinlich aus einem weit besseren Grund. 

Sie hasste sich dafür, dass sie so dachte, aber sie wusste, dass nicht alle Diener ehrlich und loyal waren.

Vielleicht waren ihre Freundinnen eifersüchtig, weil sie, Lilia, eine schönere, reichere Freundin gefunden hatte, als sie es waren. Nun, sie hätten mich vielleicht nicht vollkommen ignorieren sollen, sobald sie feste Freunde hatten.  Aber das konnte sie nicht sagen, denn es würde es noch verdächtiger erscheinen lassen, dass sie Naki mochte. Vielleicht sagte sie besser etwas, das Naki nützte. Das half, diese dummen Gerüchte zu zerstreuen.

»Es ergibt keinen Sinn«, erklärte sie. »Naki mag ihren Vater nicht. Warum sollte sie zulassen, dass er dies über sie erfuhr? Höchstwahrscheinlich ist die Dienerin aus einem anderen Grund hinausgeworfen worden und hat eine Geschichte erfunden, um ein schlechtes Licht auf Naki zu werfen.«

Froje und Madie wirkten nachdenklich. Wieder tauschten sie einen Blick, diesmal einen zweifelnden. Dann lächelte Madie und wandte sich an Lilia.

»Nun, du hast wahrscheinlich recht, du kennst sie persönlich; wir kennen nur die Geschichten.« Sie runzelte die Stirn. »Aber selbst wenn es nicht wahr ist, machen wir uns trotzdem Sorgen um dich. Die Leute werden reden.«

Lilia zuckte die Achseln. »Lasst sie reden. Sie werden es irgendwann müde werden. Warum sollte Naki wegen boshafter Gerüchte keine Freunde haben?«

Sie drehte sich um und ging auf die Tür zu. Die beiden Mädchen zögerten, dann hörte Lilia, dass sie ihr folgten. Sie hörte außerdem ein leiseres Geräusch. Ein schnelles Flüstern. »Warum machst du dir überhaupt solche Mühe? Wir sind jetzt sowieso nicht mehr gut genug für sie.«

Lilia ging weiter und tat so, als habe sie nichts gehört. Aber sie empfand auf bittere Weise eine Art Triumph. Ich habe recht. Sie  sind eifersüchtig.  Andererseits hatte sie mit leisen Gewissensbissen zu kämpfen, als die Mädchen sich ihr anschlossen. Es war die Wahrheit. Naki war eine interessantere und aufregendere Freundin als diese beiden – als es diese beiden je gewesen waren, selbst als ihre festen Freunde sie noch nicht abgelenkt hatten.

Vor allem, wenn das, was man über Naki sagt, die Wahrheit ist. 

Sie wollte jetzt nicht daran denken. Nicht weil sie befürchtete, die Geschichten könnten wahr sein, sondern weil sie Angst hatte, dass ihre Freundinnen irgendwie die brodelnde Erregung spüren würden, die ihre Warnung tief in ihr entfacht hatte. Und wegen der unausweichlichen Fragen, die dieses Gefühl aufwarfen.

Was ist, wenn es auch auf mich zutrifft? 

Sie wusste nur eines mit Bestimmtheit: Sie verspürte nicht den Abscheu, den sie verspüren sollte, und das war etwas, das sie ihren Freundinnen – oder irgendjemand anderem – niemals würde sagen können. Vielleicht würde sie es nicht einmal Naki erzählen können.

Während die Gildekutsche durch die Straßen von Arvice rollte, bemerkte Dannyl, dass Lady Merria die Anblicke, die sich ihr boten, mit hungrigen Augen aufsog. Obwohl sie erst vor zehn Tagen eingetroffen war, verspürte sie bereits die Langeweile, die es bedeutete, den größten Teil der Zeit im Gildehaus eingesperrt zu sein.

Oder vielleicht fasziniert sie einfach nur ein neuer Ort,  überlegte Dannyl. Es könnte sein, dass ich der Einzige bin, der das Gefühl hat, eingesperrt zu sein. 

So oder so, sie war begeistert von der Idee gewesen, den Markt zu besuchen. Tayend hatte es am vergangenen Abend vorgeschlagen, bevor er zu einem weiteren Fest mit gutem Essen und anregender Gesellschaft bei irgendeinem Ashaki gefahren war. Dannyl hatte den Markt noch nicht gesehen, da alles, was er benötigte, stets schnell von Sklaven ins Gildehaus gebracht wurde. Also diente der Besuch lediglich der Unterhaltung – und vielleicht auch einer Erweiterung ihres Horizonts. Möglicherweise würde er etwas über Sachaka und die Länder im Osten erfahren, mit denen es Handel trieb.

»Wie ist Euer Besuch bei den Frauen gelaufen, den Achati vorgeschlagen hat?«, erkundige sich Dannyl.

Merria sah ihn an und lächelte. »Gut, denke ich. Sie glauben alle drei, dass die Verräterinnen eine von ihnen zur Witwe gemacht haben, und doch zeigt nur die Betroffene selbst einen überzeugenden Hass. Ich vermute, dass mehr dahintersteckt, als sie verraten. Eine der anderen Frauen hat mir gegenüber angedeutet, diese Frau habe so oft über ihren Ehemann gejammert, dass die Verräterinnen zu der Annahme kommen mussten, sie wolle tatsächlich frei von ihm sein.«

»Also haben die Verräterinnen entweder einen Fehler gemacht, oder diese Frau hat sie überlistet, oder etwas anderes hat sie gezwungen zu behaupten, sie hasse sie, um sich selbst zu schützen.«

Merria sah ihn nachdenklich an. »Ich muss wirklich lernen, all die komplizierten, verdrehten Möglichkeiten in diesen Situationen zu erkennen, nicht wahr?«

Er zuckte die Achseln. »Es kann nie schaden. Es ist außerdem klug, sich niemandem allzu eng anzuschließen.«

Sie nickte, schaute wieder aus dem Fenster und übersah glücklicherweise, dass Dannyl zusammenzuckte, als ihm die Wahrheit seiner eigenen Worte klar wurde.

Aus demselben Grund sollte ich mich nicht bedingungslos auf Achati einlassen. Aber mit wem könnte ich sonst reden? Ich mag ihn tatsächlich sehr – und nicht nur, weil er weiter mit mir Umgang pflegt, obwohl ich hier zu einer gesellschaftlichen Peinlichkeit geworden bin. 

»Ist das der Markt?«, fragte Merria.

Dannyl rutschte näher ans Fenster auf seiner Seite und blickte auf die Straße. Sie endete auf einer Kreuzung. Ihnen gegenüber erhob sich eine hohe weiße Mauer, durchbrochen von einem schlichten Torbogen, durch den ein stetiger Strom von Menschen quoll. Jenen, die herauskamen, folgten Sklaven, die Schachteln, Körbe, Säcke und zusammengerollte Teppiche trugen. Beide Straßen waren gesäumt mit wartenden Kutschen.

»Das möchte ich wetten.«

Und tatsächlich ließ der Kutscher ihren Wagen genau vor dem Tor halten. Viele Menschen starrten sie jetzt an und zeigten mit dem Finger. Merria griff nach der Kutschentür, dann hielt sie inne und zog die Hand zurück.

»Ihr solltet besser als Erster aussteigen, Botschafter«, sagte sie.

Er lächelte grimmig und wartete darauf, dass einer der Sklaven herunterkletterte und die Tür öffnete. Der Mann warf sich zu Boden, als Dannyl ausstieg. Es hatte sich eine kleine Menschenmenge gebildet, um das Geschehen zu beobachten, und als er näher trat, brach leises Gemurmel aus. Aber als Merria erschien, schwoll das Gemurmel zu einem lauten Summen des Interesses an. Sie blieb auf der obersten Stufe stehen und runzelte die Stirn.

»Ignoriert sie«, riet ihr Dannyl und streckte ihr eine Hand hin. »Schaut niemandem in die Augen.«

Sie senkte den Blick und ergriff die ihr angebotene Hand, stieg jedoch mit Würde aus. Dannyl verkniff sich ein Lächeln. Merria hatte ihm erzählt, dass sie die Tochter eines Schiffskapitäns war, was bedeutete, dass sie zwar nicht in Schmutz oder Armut groß geworden war, aber auch nicht die Erziehung einer Frau aus den Häusern genossen hatte. Trotzdem hatte sie die Manieren und Marotten der Oberklasse studiert, als sie der Gilde beigetreten war, und sie hatte gelernt, sie nachzuahmen. Eine solche Anpassungsfähigkeit würde sehr nützlich für sie sein, sowohl hier als auch zu Hause in Imardin.

Dannyl ließ ihre Hand los, wies den Sklaven an, die Kutsche zu einem passenderen Ort abseits des Verkehrs zu bringen, um dort auf sie zu warten, und ging dann auf den Eingang zum Markt zu. Der andere Sklave sprang von der Kutsche, um ihnen zu folgen.

Zwei Wachen sicherten den Eingang, und beide beäugten Dannyl und Merria mit ausdrucksloser Miene.

Sie müssen freie Diener sein,  dachte Dannyl. Wie die Männer im Palast. 

Sobald sie das Tor durchschritten hatten, gelangten er und Merria auf einen in geraden Reihen angelegten Markt. Die äußeren, direkt an der Umfassungsmauer gelegenen Verkaufsstände waren dauerhafte Bauten. Alles andere waren saubere Reihen von Karren und mobilen Verkaufstischen, von denen die meisten mit einem Stoffdach überspannt waren. Er ging die erste Reihe entlang.

Merria war für die Einheimischen weiterhin viel interessanter als Dannyl. Höchstwahrscheinlich hatten sie noch nie zuvor eine kyralische Frau gesehen, während kyralische Männer lediglich selten waren.

Dannyl ging es mit den sachakanischen Frauen nicht viel anders. Bisher hatte er kaum eine zu Gesicht bekommen. Auch hinter den Verkaufsständen arbeiteten keine Frauen, aber viele streiften auf dem Markt umher, jede mit einem männlichen Begleiter. Sie trugen reich verzierte Umhänge, die ihnen von den Schultern bis zu den Knöcheln fielen.

Er wollte den Zorn der Einheimischen nicht erregen, indem er ihre Frauen anstarrte, also richtete er seine Aufmerksamkeit auf die angebotenen Waren. Parfüms, kunstvolle Glaswaren, elegante Töpfereien und feines Tuch umgaben sie. Sie hatten den Markt offensichtlich am Luxusende betreten. Rückblickend wurde ihm klar, dass er auch niemanden mit Gemüse oder irgendwelchen Tieren aus dem Markttor hatte kommen sehen. Als sie das Ende eines Ganges erreichten, spähte Dannyl an den Reihen vor ihm entlang. Und tatsächlich, am gegenüberliegenden Ende befanden sich praktischere Waren. Vielleicht gab es einen weiteren Eingang, der diesem Bereich näher lag.

Sie gingen durch den nächsten Gang und blieben stehen, um sich Waren aus den Ländern jenseits der Aduna-See anzusehen. Merria zeigte sich besonders von den Glaswaren beeindruckt. Im dritten Gang zog es sie beide sofort zu einem Marktstand, der mit einer glitzernden Ansammlung von Edelsteinen in allen Farben bedeckt war. Aber während Merria die Steine betrachtete, hatten Dannyls Aufmerksamkeit vor allem die Verkäufer erregt, da er sofort die staubig graue Haut und die langen Gliedmaßen von Duna erkannte.

Er dachte an den Fährtensucher der Duna, Unh, der ihm, Achati und den Ashaki geholfen hatte, nach Lorkin zu suchen. Und er erinnerte sich auch an die Höhle, die er und Unh in den Bergen entdeckt hatten und deren Wände von Kristallen bedeckt gewesen waren. Dannyl hatte erfahren, dass die Stammesleute wussten, wie man solche Kristalle zu magischen Edelsteinen machte. Nachdenklich musterte er die glitzernden Steine, die vor ihm lagen.

Gewiss würden sie hier nicht die magischen Steine verkaufen.  Er schaute genauer hin. Die Fülle an ausgelegten Steinen und die Grobheit von deren Schliff ließen vermuten, dass sie keinen großen Wert hatten und nur für gewöhnlichen Modeschmuck taugten.

»Euch gefallen?«, fragte ein Duna, bevor er sich zu Merria vorbeugte und breit lächelte.

Sie nickte. »Sie sind hübsch. Wie viel kosten …?«

»Habt Ihr irgendwelche feineren Steine?«, unterbrach Dannyl sie. »Oder solche, die als Schmuck oder anderweitig eingefasst sind?«

Der Mann bedachte Dannyl mit einem durchdringend direkten Blick, dann schüttelte er den Kopf. »Menschen hier nicht mögen unsere Art der Einfassung.«

Dannyl lächelte. »Wir stammen nicht von hier.«

Der Mann grinste. »Nein, das tut Ihr nicht.« Er schaute zwischen Merria und Dannyl hin und her, dann machte er ihnen ein Zeichen. »Kommt herein.«

Sie gingen um den Tisch herum und traten in den Schatten unter der aufgespannten Schutzplane. Unter den Augen seines stirnrunzelnden Gefährten öffnete der Duna einen staubigen alten Sack und holte zwei schwere Bänder heraus. Er hob sie hoch, so dass Dannyl und Merria sie sehen konnten. Sie waren aus irgendeinem unpolierten, dunklen Metall gemacht und mit Leder gefüttert. In primitiven Fassungen glitzerten Edelsteine. Entlang einer Kante war das Band gelocht, und aus den Löchern baumelten kleine, metallene Anhänger herab.

»Sie gehören hierhin.« Der Mann zeigte auf eine Stelle direkt oberhalb des Knies. »Und mehr hier und einer hier.« Er berührte seine Haut über dem Ellbogen und dann den Stoff, der um seine Hüften geschlungen war. »Für Zeremonien reiben wir.« Er ahmte eine kreisende Bewegung nach. »Damit sie leuchten. Aber bei anderen Gelegenheiten lassen dunkel werden, damit sie nicht …« Er deutete auf sein Gesicht und machte große Augen.

Blenden,  übersetzte Dannyl die Geste im Stillen.

»Das muss wunderbar aussehen«, sagte Merria.

Der Mann grinste und nickte ihr zu. »Wir tanzen. Wenn wir tanzen gut, Frauen wählen uns aus.«

»Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Frau einen Mann des Schmuckes wegen heiratet«, bemerkte Merria und sah Dannyl an. »Was tragen Frauen?«, fragte sie den Mann.

Der Stammesmann schüttelte den Kopf. »Nur Gürtel. Sehr schlicht. Über Stoff …« Er machte eine weit ausholende Bewegung vom Hals bis zum Knie.

Merria wirkte enttäuscht. »Kein Schmuck? Keine Edelsteine?«

»Edelsteine auf Gürtel.«

»Ich würde liebend gern eine dieser Zeremonien sehen.« Merria seufzte sehnsüchtig. »Ist das teuer?« Sie deutete mit dem Kopf auf die Beinbänder.

»Dieser hier nicht für Verkauf. Aber nächstes Mal wir bringen einen mit, den kaufen können? Vielleicht auch Gürtel.«

»Das würde mich freuen.« Sie schaute wieder zu dem Tisch mit den Edelsteinen hinüber. »Also … wie viel kosten sie?«

Sie kehrten zu dem Tisch zurück, und es folgte ein kurzes Feilschen. Dannyl argwöhnte, dass der Duna sich von ihr weiter herunterhandeln ließ, als er das normalerweise tun würde. Als das Geschäft abgeschlossen war, kam Dannyl zu dem Schluss, dass er nicht gehen könne, ohne nach dem Fährtensucher zu fragen.

»Kennt Ihr Unh?«, erkundigte er sich. »Er arbeitet als Fährtensucher.«

Das Grinsen des Mannes verschwand, und als es zurückkehrte, wirkte es angespannt und wenig überzeugend.

»Nein.« Er sah zu dem anderen Duna hinüber, der jetzt finster die Stirn runzelte. Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein.«

Dannyl nickte achselzuckend, dann dankte er ihnen, dass sie Merria die Bänder gezeigt hatten. Die beiden antworteten mit starrem Lächeln. Dannyl führte Merria weiter.

»Wer ist Unh?«, fragte sie, als sie außer Hörweite waren.

»Der Fährtensucher, der uns bei der Suche nach Lorkin geholfen hat.«

»Ah.« Sie blickte zurück. »Bin ich die Einzige, die den Eindruck hatte, dass sie ihn sehr wohl kennen, ihn aber nicht besonders mögen?«

»Ihr seid nicht die Einzige.«

»Wie interessant«, murmelte sie. »Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass sie mir nicht einige dieser Bänder mitbringen werden.«

Sie bogen um eine Ecke und gingen die nächste Reihe hinunter. Dannyl schaute auf und blieb stehen, als er sah, was vor ihnen lag.

Verkaufsstände voller Bücher, Schriftrollen und Schreibgerät säumten beide Seiten des Gangs. Er blickte hin und her, und einige vielversprechende alte Bände erregten seine Aufmerksamkeit. Plötzlich wusste er, warum in Tayends Tonfall eine Spur Selbstgefälligkeit gelegen hatte, als er einen Besuch auf dem Markt vorgeschlagen hatte.

Es war nicht nur so, dass er etwas vorgeschlagen hat, woran ich nicht gedacht hatte. Er wusste, dass ich dies vorfinden würde. Wahrscheinlich war er bereits hier, weil er törichte und exotische Kinkerlitzchen so sehr liebt, und vermutlich hat er erraten, dass ich dem Markt noch keinen Besuch abgestattet hatte.  Ein Stich der Zuneigung zu seinem ehemaligen Geliebten durchzuckte ihn, aber dieser Regung folgte eine Mischung aus Schuldgefühlen und Ärger, die seit Tayends Erscheinen in Arvice zunehmend vertraut wurde. Ich werde mich bei ihm bedanken müssen. Ich wünschte, die Aussicht darauf würde mich nicht mit Zweifel und Furcht erfüllen. 

»Ich werde hier vielleicht ein wenig Zeit brauchen«, sagte er entschuldigend zu Merria.

Sie lächelte. »Das dachte ich mir. Es ist in Ordnung. Gibt es irgendetwas, wonach ich für Euch Ausschau halten soll?«

6

Eine Warnung

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Als Lorkin in seiner Arbeit innehielt, bemerkte er, dass mehr als die Hälfte der Betten der Krankenstation belegt war. Allerdings würden die meisten Patienten wahrscheinlich wieder gehen, sobald Kalia sie untersucht hatte. Fast alle hatten die gleiche oder eine ähnliche Krankheit. Selbst in dem abgelegenen, isolierten Sanktuarium zogen die Menschen sich jeden Winter Schnupfen und Hustenkrankheiten zu. Sie nannten es »Kältefieber«.

Die Behandlung war so bewährt und vertraut, dass nur wenige Fragen gestellt wurden. Kalias Untersuchung der Personen, die behaupteten, an Kältefieber zu leiden, war oberflächlich, und sie brauchte nur selten die Heilmittel zu erklären, die sie verteilte.

Dies war Kalias Fachgebiet. Lorkin bekam die Aufgabe, sich um alle zu kümmern, die mit anderen Verletzungen oder Krankheiten hereinkamen. Kein Patient mit Kältefieber trat je an ihn heran. Wenn Kalia beschäftigt war, setzten die Menschen sich auf ein Bett, beobachteten sie geduldig und sahen ihn nur gelegentlich neugierig an.

Die wesentlichen Heilmittel waren eine Salbe für die Brust und ein bitter schmeckender Tee. Kinder bekamen dessen Ingredienzien in Süßigkeiten zu lutschen, wenn sie den Tee nicht trinken wollten. Die Süßigkeiten schmeckten ziemlich stark und unangenehm, so dass nur diejenigen, die wirklich an der Krankheit litten – und deren Geschmackssinn beeinträchtigt war –, sie ertragen konnten. Die Patienten bekamen jeweils genug Tee und Süßigkeiten für einige Tage. Wenn sie mehr brauchten, mussten sie zurückkommen, um sich noch einmal untersuchen zu lassen.

Es war das erste Mal, dass er erlebte, dass die Verräterinnen ihre Vorräte so streng rationierten. Er wusste, dass Lebensmittelvorräte überwacht werden mussten, damit die Produkte des Tals für den Winter reichten, aber bisher hatte er keine Einschränkungen erlebt. Es wurde jedoch darüber gesprochen, und jeder, der dabei gesehen wurde, dass er mehr aß als die für vernünftig erachtete Menge, erntete neckende Missbilligung, der aber eine ernste Mahnung zugrunde lag.

Es waren bisher keine Magier wegen Kältefiebers auf die Krankenstation gekommen, da sie eine natürliche Widerstandskraft gegen Krankheiten besaßen. Deshalb überraschte es Lorkin, als eine Mag


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ierin den Raum betrat; die Nase und die Augenlider der Frau wiesen eine verräterische Rotschattierung auf. Er machte sich wieder daran, den Verband eines alten Mannes zu wechseln, der ein Geschwür am Bein hatte. Der Mann kicherte.

»Du dachtest, sie sei eine Magierin, nicht wahr?«, krächzte er.

Lorkin lächelte. »Ja«, gab er zu.

»Nein. Ihre Mutter ist eine. Die Schwester ist eine. Die Großmutter war eine. Sie ist keine, aber sie tut gern so, als sei sie eine.«

»In den Verbündeten Ländern müssen alle Magier besondere Kleidung tragen, damit jeder weiß, was sie sind. Es ist illegal, sich wie ein Magier zu kleiden, wenn man keiner ist.«

Der alte Mann lächelte dünn. »Oh, das würde ihnen hier nicht gefallen.«

»Weil es offensichtlich machen würde, dass hier nicht alle gleich sind?«

Der Mann schnaubte. »Nein, weil sie sich nicht gern sagen lassen, was sie tun sollen.«

Lorkin lachte leise. Er befestigte den Verband und steckte dem alten Mann eine zusätzliche Dosis von einem Schmerzmittel zu. Was werde ich tun, wenn uns dieses Mittel und andere ausgehen? 

Er könnte beginnen, Patienten mit Magie zu heilen, aber der Zeitpunkt wäre nicht gut. Falls ich gezwungen bin, meine heilenden Kräfte zu benutzen, dann sollte das aus einem besseren Grund geschehen als dem, dass ich zugelassen habe, dass uns die Heilmittel ausgehen. 

»Warst du schon mal in den alten Aussichtsräumen hoch über der Stadt?«, fragte der alte Mann.

»Meinst du die, die bereits da waren, als die Verräterinnen dieses Tal entdeckten?«

»Ja. Eine Freundin von dir hat mir gesagt, sie gehe dorthin. Damit ich es dir weitersage.«

Lorkin starrte den alten Mann an, lächelte und wandte den Blick ab. »Das hat sie wirklich gesagt?«

»Und ich brauche jemanden, der mich zurück in mein Quartier bringt.«

Kalia wirkte zwar nicht misstrauisch, als Lorkin ihr erklärte, dass der Mann sich von ihm heimhelfen lassen wolle, aber sie wies ihn an, so rasch wie möglich zurückzukehren. Nachdem sie zusammen ein paar hundert Schritte gegangen waren, meinte der Mann, er käme jetzt sehr gut allein zurecht, aber Lorkin bestand darauf, ihn bis zu seinem Zimmer zu begleiten. Anschließend eilte er sofort zu den Aussichtsräumen. Er hatte auf dem Weg einige Treppen zu erklimmen, und als er die Tür zum ersten dieser Räume erreichte, atmete er heftig.

Sobald er durch die schwere Tür getreten war, verwandelte sich sein Atem in eine kleine Dampfwolke vor seinem Gesicht. Die Luft war sehr kalt, und er schuf unverzüglich eine magische Barriere um sich herum und erwärmte die Luft darin. Der Raum war lang und schmal, und seine Einrichtung bestand lediglich aus einigen rauen Holzbänken entlang der Rückwand. Ihnen gegenüber befand sich eine Reihe glasloser Fensterlöcher.

Am Rand eines der Fenster lehnte eine Frau, und diesmal schlug sein Herz bei ihrem Anblick einen Purzelbaum. Tyvara lächelte schwach. Es gelang ihm, den Drang zu bezähmen, seinerseits breit zu grinsen.

»Warum setzt ihr kein Glas in die Fenster ein?«, fragte Lorkin und deutete auf die Öffnungen im Mauerwerk. »Dann wäre es viel einfacher, den Raum zu beheizen.«

»Wir haben nicht genug Rohstoffe, um so viel Glas herzustellen«, erwiderte sie, löste sich von der Mauer und kam ihm entgegen.

»Ihr könntet es aus dem Flachland hier heraufbringen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nicht wichtig genug, um deswegen eine Entdeckung zu riskieren.«

»Ihr habt doch bestimmt schon andere Dinge hergebracht?«

»Einige Male. Wir ziehen es vor herauszufinden, wie wir die Dinge selbst herstellen können, oder ohne sie auszukommen. Und wir müssen nicht auf besonders viel verzichten.« Sie lud ihn ein, an eins der Fenster zu treten. Das Tal unter ihnen war inzwischen schneebedeckt, und die Felswände stachen mit ihrem nackten Grau von der weißen Schneedecke ab. »Hat Evar dir erzählt, dass wir Pflanzen in Höhlen ziehen, die von Steinen beleuchtet und gewärmt werden?«

»Nein.« Seine Neugier regte sich. »Ist das auch die Art, wie ihr die Tiere im Winter beschützt?«

»Ja, obwohl sie größtenteils Getreide zu fressen bekommen und wir einige schlachten werden und das Fleisch einfrieren, wenn es kalt genug ist, um Eishöhlen zu machen.«

»Das würde ich gern sehen«, sagte er sehnsüchtig. »Aber ich nehme nicht an, dass mich in nächster Zeit jemand zu einer Führung durch die Höhlen des Sanktuariums mitnehmen wird.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein.« Eine Falte erschien zwischen ihren Brauen, und sie wandte den Blick ab. »Eigentlich dürfte ich gar nicht mit dir reden.«

»Ich weiß. Aber trotzdem sind wir hier.«

Sie musterte ihn und lächelte schwach, bevor sie wieder ernst wurde. »Hast du Evar in letzter Zeit gesehen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Und du?«

»Ja. Aber ich mache mir Sorgen um ihn.«

Lorkin war beunruhigt. »Warum?«

Sie sah ihn mit zweifelnder Miene an. Aber es waren keine Selbstzweifel oder Unentschlossenheit. Sie schien abzuwägen, ob sie ihm etwas erzählen sollte oder nicht.

»Ich will dir eine Warnung zukommen lassen, aber ich muss mich indirekt ausdrücken, und ich will nicht, dass du es irgendwie auf eine andere Weise deutest.« Sie blickte sich im Raum um, dann beugte sie sich zu ihm vor und senkte die Stimme, obwohl außer ihnen niemand da war. »In den nächsten Wochen könnten Frauen versuchen, dich in ihr Bett zu locken. Nimm keine Einladungen an – es sei denn, du bist dir absolut sicher, dass sie keine Magierinnen sind.«

Er starrte sie an und kämpfte gegen den Drang zu grinsen. »Einige haben es bereits getan. Ich habe nicht …«

»Das ist etwas anderes«, unterbrach sie ihn und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Dies ist … Sie werden es nicht tun, weil sie dich mögen. Eher das Gegenteil.« Sie sah ihn eindringlich an, und ihre Miene war ernst. »Wirst du meine Warnung beherzigen?«

»Natürlich«, antwortete er lächelnd und hoffte, dass es nach echter Dankbarkeit aussah und nicht nach Häme. Sie ist eifersüchtig. Sie will mich ganz für sich allein. 

»Du verstehst das falsch«, sagte sie und kniff die Augen zusammen. »Es besteht wahrhaft ein Risiko. Was sie planen könnten, kann gefährlich sein. Es kann töten.«

Daraufhin schmolz sein selbstgefälliger Jubel, und er begriff plötzlich, worauf sie anspielte: den Tod des Liebenden. »Sie planen, mich zu ermorden?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Das verstößt gegen das Gesetz. Aber solltest du versehentlich sterben, vor allem auf diese Weise …« Sie ließ den Satz in der Luft hängen und breitete lediglich in einer hilflosen Geste die Hände aus. »Die Bestrafung wäre erheblich milder.«

Er nickte und hielt ihrem Blick stand; jetzt gelang es ihm ohne Mühe, sein Gesicht ausdruckslos zu halten. »Ich werde mit keiner Verräterin ins Bett gehen, es sei denn, du sagst, ich könne es tun.«

Sie verdrehte die Augen und ging zur Tür. »Es sind nur die Magierinnen, vor denen du auf der Hut sein musst, Lorkin. Was du mit den Übrigen machst, geht mich nichts an. Obwohl wir es zu schätzen wüssten, wenn du tätest, was notwendig ist, um nicht einen ganzen Haufen Kinder zu zeugen, denn wir haben ohnehin bereits Münder genug zu stopfen.« Sie warf ihm noch einen letzten Blick zu. »Ich muss jetzt gehen.«

»Und ich muss zurück zur Krankenstation.« Er seufzte. »Nicht weil mir so an Kalias Gesellschaft läge, sondern weil ich vermute, dass das Kältefieber noch viel mehr um sich greifen wird.«

Sie nickte, und in ihren Augen lag ein warmer Ausdruck der Zustimmung, aber dann wurde ihre Miene traurig. »Es ist jedes Jahr das Gleiche. Das Fieber fordert immer einige Opfer. Meist Alte, Junge oder jene, die bereits durch Krankheiten geschwächt sind. Du solltest besser darauf gefasst sein.«

Er nickte zum Zeichen, dass er verstand. »Danke für die Warnung.« Er lächelte. »Für beide Warnungen.«

Sie erwiderte sein Lächeln. Gemeinsam gingen sie auf die Tür zu und auf die Wärme der Treppe, die dahinter lag. Sie ließ ihn vorgehen, damit sie nicht zusammen gesehen wurden. Einmal drehte er sich noch zu ihr um und bemerkte, dass ihr Blick ins Leere ging und Entschlossenheit und Sorge zugleich erkennen ließ. Sofort fasste er neuen Mut. Sie hatte sich mit ihm getroffen, obwohl es ihr verboten worden war. Er hoffte, dass ihr Ungehorsam unbemerkt bleiben und sie ein weiteres Treffen mit ihm arrangieren würde.

»Also, wann macht Lord Dorrien sich auf den Heimweg?«, fragte Jonna, während sie ein letztes Mal mit ihrem Poliertuch über die Weingläser wischte.

»Morgen früh«, antwortete Sonea. Sie schaute zu ihrer Tante und Dienerin auf und bemerkte einen seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht der älteren Frau. »Was ist los?«

Jonna schüttelte den Kopf, stellte das Weinglas beiseite und ließ den Blick durch Soneas Gästezimmer gleiten. Sie ging zu dem niedrigen Tisch, auf dem das Abendessen serviert werden würde, und begann, das Besteck zu polieren. Wieder einmal. »Nichts Wichtiges. Ich habe nur daran gedacht, wie es hätte sein können.«

Sonea seufzte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Beklagst du noch immer, dass ich Dorrien nicht geheiratet habe?«

Jonna breitete die Hände zu einer Geste des Protestes aus. »Er ist ein sehr netter Mann.«

Oh nein. Nicht das schon wieder.  »Das ist er«, stimmte Sonea ihr zu. »Aber wenn ich ihn geheiratet hätte, hätte ich aufs Land ziehen müssen, und du würdest mich niemals zu sehen bekommen.«

»Unsinn«, entgegnete Jonna, und ihre Augen blitzten triumphierend auf. »Die Gilde hätte dich niemals außer Sichtweite gelassen.«

»Was Dorrien gezwungen hätte hierzubleiben, und das wäre grausam gegen ihn gewesen. Er mag die Stadt nicht.«

Jonna zuckte die Achseln. »Vielleicht wird er seine Meinung ändern, wenn er alt wird.«

»Das ist noch lange …«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach Sonea. Sie gab den alten Streit erleichtert auf und sandte ein wenig Magie zum Türriegel. Er öffnete sich klickend, und die Tür schwang nach innen auf. Regin stand draußen.

»Schwarzmagierin Sonea«, sagte er. »Darf ich unter vier Augen mit Euch sprechen?«

»Lord Regin!«, erwiderte Sonea, vielleicht ein wenig zu enthusiastisch. »Kommt herein!«

Er trat ins Gästezimmer und sah Jonna an, während die Frau in Soneas Schlafzimmer schlüpfte, damit sie ungestört sein konnten. Dann erregten die Gegenstände auf dem Tisch seine Aufmerksamkeit.

»Ihr erwartet Gäste«, bemerkte er. »Ich sollte besser nicht zu lange hier verweilen.« Er richtete sich auf und sah ihr in die Augen. »Ich bin hier, um Euch mitzuteilen, dass sich eine Familienangelegenheit ergeben hat, die einen großen Teil meiner Zeit und Aufmerksamkeit verlangen wird, und da ich nicht in der Lage sein werde, Euch verlässliche Hilfe bei der Suche und – wichtiger noch – bei der Gefangennahme des Diebes Skellin anbieten zu können, habe ich das Gefühl, dass Euch mit einem anderen Assistenten besser gedient sein wird.«

Sonea sah ihn entgeistert an. »Oh«, sagte sie. »Das ist …« Für einen Moment fühlte sie sich desorientiert. Was würde sie ohne Regin anfangen, der ihr half, Skellin zu finden? Und ich dachte, schlechter könnte unsere Suche nicht mehr laufen.  Sie schüttelte den Kopf. Ich kann es nicht glauben, aber ich werde es zutiefst bedauern, Regins Hilfe zu verlieren.  »Das ist wirklich schade«, erwiderte sie. »Ich wusste Eure Hilfe sehr zu schätzen und wünschte, Ihr könntet mich weiterhin unterstützen. Aber Eure Familie sollte den ersten Anspruch auf Eure Aufmerksamkeit haben«, fügte sie hastig hinzu.

Sein Lächeln war ziemlich grimassenhaft, und er schien beinahe zusammenzuzucken. »So ist es immer.«

»Ich hoffe, diese Angelegenheit lässt sich schnell und schmerzlos regeln.«

»Ich bezwei…« Regins Stimme verklang, als es abermals an der Tür klopfte. Er schaute hinüber, dann drehte er sich wieder zu ihr um und neigte den Kopf. »Es war mir ein Vergnügen, mit Euch zusammenzuarbeiten, Schwarzmagierin Sonea. Ich sollte Euch jetzt am besten Euren Gästen überlassen.«

Wieder öffnete Sonea die Tür. Draußen im Flur warteten Rothen und Dorrien. Sie sahen Regin, und Neugier blitzte in ihren Augen auf, als sie ihm höflich zunickten.

»Lord Regin«, murmelten sie.

»Lord Rothen, Lord Dorrien. Ich wollte gerade gehen. Ich wünsche Euch einen guten Appetit.« Als sie zurücktraten, schob Regin sich an ihnen vorbei. Sonea hörte seine Schritte im Flur, als er davonging, dann traten ihre Gäste ein und schlossen die Tür hinter sich.

»Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte Rothen.

Sonea schüttelte den Kopf. »Nicht die Art Neuigkeiten, auf die wir aus sind. Im Gegenteil, Regin kann uns nicht länger helfen. Eine Familienangelegenheit, sagt er.«

»Oh.« Rothen runzelte die Stirn.

»Genau das habe ich auch gesagt. Wenn auch auf eine förmlichere und wortreichere Art und Weise, die natürlich meine Dankbarkeit und mein Bedauern einschloss.«

»Natürlich.« Rothen lachte, doch dann kehrte sein Stirnrunzeln rasch wieder zurück. »Was werden wir ohne ihn tun?«

Dorrien blickte zwischen seinem Vater und Sonea hin und her. »So dringend braucht ihr seine Hilfe?«

»Weniger bei der Suche«, erwiderte Rothen. »Dazu ist Cery in der besten Position. Wir brauchen ihn für die tatsächliche Gefangennahme Skellins.«

Sonea geleitete sie zu ihren Plätzen. Jonna kam aus dem Schlafzimmer zurück und sah Sonea mit hochgezogenen Augenbrauen an. Auf Soneas Nicken hin verließ sie den Raum, um die Mahlzeit zu holen, die für sie vorbereitet wurde.

»Also braucht es nicht Regin zu sein. Könnte ich  seinen Platz einnehmen?«, fragte Dorrien und sah zuerst Rothen und dann Sonea an.

Sonea runzelte die Stirn. »Du musst in dein Dorf zurückkehren.«

»Ja, aber ich könnte Vorkehrungen treffen und zurückkommen.« Er lächelte sie an. »Inzwischen lebt ein Heiler in einem anderen Dorf, das nur einen Halbtagesritt entfernt ist. Wir haben eine Abmachung, dass wir uns um die Patienten des anderen kümmern, wann immer wir in die Stadt reisen.«

»Aber dies könnte erheblich länger dauern als nur einige Wochen«, warnte Sonea.

»Du solltest auch Alina und die Mädchen nicht allzu lange allein lassen«, ergänzte Rothen. Dann wandte er sich an Sonea. »Wenn es so weit ist, kann ich helfen.«

»Nein …«, begann Sonea.

»Du weißt nicht, wie mächtig Skellin ist«, unterbrach Dorrien sie und sah seinen Vater mit einem missbilligenden Stirnrunzeln an. »Was ist, wenn er stärker ist als du? Du bist nicht so mächtig wie Lord Regin. Das hast du selbst gesagt.«

»Ich werde bei Sonea sein.«

»Was ist, wenn du es nicht bist? Was, wenn ihr zwei getrennt werdet?« Dorrien schüttelte den Kopf. »Es ist zu riskant für dich, Vater.«

Sonea nickte. Sie stimmte Dorriens Einschätzung nicht zu, da Rothen nicht weniger mächtig war als die meisten anderen Magier, aber Rothen wurde alt und war vielleicht nicht mehr schnell genug, falls sie jemanden verfolgen mussten.

»Du bist nicht viel stärker als ich«, bemerkte Rothen.

»Aber ich bin  stärker«, wandte Dorrien ein. Er sah Sonea mit leuchtenden Augen an. »Alina und ich haben gedacht, dass wir für eine Weile in die Stadt ziehen sollten, damit Tylia sich an das Leben hier gewöhnen kann, bevor sie der Universität beitritt. Und wir wollten mindestens für die ersten Monate nach Unterrichtsbeginn hierbleiben.« Er wandte sich an seinen Vater. »Ich habe Lady Vinara bereits von meinen Plänen erzählt, auch wenn ich noch keine genauen Daten genannt habe. Es wäre nicht schwierig, früher hierherzuziehen.«

Rothen musterte seinen Sohn wortlos, offensichtlich hin- und hergerissen zwischen gegensätzlichen Gefühlen. Er würde seine Enkelkinder liebend gern öfter sehen und länger hierbehalten,  vermutete Sonea. Aber er will auch nicht seine Zustimmung zu etwas geben, das das Leben seines Sohnes in Gefahr bringen könnte. 

Sie selbst fand den Gedanken recht angenehm. Es würde schön sein, Dorrien länger in der Nähe zu haben als bei seinen früheren Besuchen in der Gilde. Und sie konnte seine Hilfe durchaus gebrauchen. Sie würde ihn zwar ebenfalls keinem Risiko aussetzen wollen, aber sie wollte eigentlich niemanden  einem Risiko aussetzen. Zumindest war er willens, mit ihr zusammenzuarbeiten, und feinfühlig genug, um zu wissen, wann er ein Geheimnis für sich behalten musste.

Das angespannte Schweigen wurde durch ein weiteres Klopfen an der Tür durchbrochen. Als die Tür geöffnet wurde, kamen, angeführt von Jonna, drei Dienerinnen mit Tabletts voller Speisen herein. Jonna zog die Augenbrauen hoch, als sie bemerkte, dass keiner von ihnen sprach. Sie warf Sonea einen Blick zu, der sagte: »Ich werde zurückkommen, um herauszufinden, was das alles zu bedeuten hat«,  bevor sie ging und ihre Helferinnen mitnahm.

Als die Tür sich geschlossen hatte, beugte Sonea sich vor und begann, die Speisen zu verteilen.

»Ich frage mich, welchen Familienangelegenheiten wir es zu verdanken haben, dass Regin uns nicht mehr helfen kann«, sagte sie.

Rothen blickte nachdenklich drein. »Manchmal wünschte ich, ich hätte nicht aufgehört, in den Abendsaal zu gehen, um mir den Klatsch anzuhören.«

»Ich werde sehen, was ich in Erfahrung bringen kann«, erklärte Dorrien achselzuckend.

»An einem einzigen Abend?«, spottete Sonea.

Dorriens Augen funkelten schelmisch. »Wenn man die Gilde nur für wenige Wochen im Jahr besucht, überschlagen sich alle, um einen über die letzten Skandale ins Bild zu setzen. Ich werde euch beide heute Abend ein wenig früher verlassen müssen, um zur richtigen Zeit dort zu sein, aber wenn es eine Antwort auf diese Frage gibt, werde ich sie euch morgen früh liefern können.«

Ein weicher, glatter Stoff ergoss sich über Lilias Kopf und fiel herab, nur um im letzten Moment an ihrer Hüfte strammgezogen und in kunstvolle Falten gelegt zu werden. Naki trat zurück.

»Es passt wie angegossen.« In ihrer Stimme lagen Erheiterung und Ärger, und sie verschränkte die Arme vor der Brust und zog demonstrativ einen Schmollmund. »Es ist nicht gerecht. Ich bin aus allem herausgewachsen, und es hat keinen Sinn, es dir zu schenken, weil wir nie wieder Gelegenheit haben werden, Kleider zu tragen.« Dann lächelte sie. »Du siehst großartig aus. Geh und schau einmal in den Spiegel.«

Lilia näherte sich zögernd dem Spiegel und betrachtete sich. Sie füllte das Oberteil des Kleides nicht ganz aus, aber das hätte sich mit einigen Polstern in Ordnung bringen lassen. Obwohl sie häufig die Frau und die Töchter ihres früheren Arbeitgebers so elegant gekleidet gesehen hatte, hätte sie es nie gewagt, ihre Kleider anzuprobieren.

»Du siehst wunderschön aus«, sagte Naki und trat hinter Lilia. Sie legte Lilia die Hände auf die Schultern. Ihre Finger waren kalt, und Lilia überlief ein Schauer. Sie dachte daran, was Madie und Froje über ihre neue Freundin gesagt hatten, dann drängte sie den Gedanken eilig beiseite.

Naki runzelte die Stirn. »Du bist ja ganz angespannt. Was ist los? Ist es unbequem?«

Lilia schüttelte den Kopf. »Ich habe das Gefühl, nun … wir tun etwas Verbotenes. Magier müssen immer Roben tragen.«

Naki verzog die Lippen zu einem schelmischen Grinsen. »Ich weiß. Es macht irgendwie Spaß, nicht wahr?«

Als sie das Grinsen ihrer Freundin sah, konnte Lilia nicht umhin zu lächeln. »Ja, aber das liegt nur daran, dass niemand sonst uns sehen kann.«

»Es ist unser böses Geheimnis«, sagte Naki und wandte sich ab. Sie bückte sich, um nach dem Saum ihres Kleides zu greifen, und zog es sich mit einer einzigen Bewegung über den Kopf. Darunter trug sie nur ein Unterhemd, und Lilia wandte hastig den Blick ab.

»Tatsächlich solltest du etwas wirklich  Schlimmes tun«, fuhr Naki fort, während sie in ihre Novizenrobe schlüpfte. »Dann wirst du in der Lage sein, etwas wie dies hier zu machen, ohne dich so zu verkrampfen.« Sie hielt inne, um nachzudenken, dann grinste sie. »Ich weiß genau das Richtige für dich. Warte hier. Ich bin gleich wieder zurück.«

Naki verschwand durch die Haupttür zu ihrem Schlafzimmer. Lilia nutzte die Gelegenheit, sich umzuziehen, während ihre Freundin nicht zusah, schlüpfte aus dem Kleid und zog hastig wieder ihre Roben an. Als sie die Schärpe verknotete, kehrte Naki mit einem kleinen, schwarzen Gegenstand zurück. Sie hielt ihn mit einer triumphierenden Gebärde hoch.

Er war wie ein metallener Vogelkäfig, nur kleiner und klobiger. Lilia starrte ihn verwundert an. Naki lachte. Sie bedachte den Käfig mit einem direkten Blick, und Rauch begann aus den Öffnungen zu quellen. Lilia begriff jäh, und in das Begreifen mischten sich Bestürzung und Neugier.

»Es ist ein Kohlebecken für Feuel!«

»Natürlich.« Naki verdrehte die Augen. »Du bist so unschuldig, Lilia. Es ist schwer zu glauben, dass du aus einer Dienstbotenfamilie stammst.«

»Der Arbeitgeber meiner Familie hat Feuel missbilligt.«

Naki zuckte die Achseln. »Das tun jede Menge Leute. Sie vertrauen neuen Dingen nicht. Irgendwann werden sie einsehen, dass Feuel nicht schlimmer ist als Wein – und in mancher Hinsicht sogar besser. Man bekommt davon keinen Kater.« Sie begann, sich die Luft zuzufächeln, und atmete tief ein. Nach einigen Atemzügen schloss sie die Augen und seufzte anerkennend. Ihre Augen waren dunkel und verführerisch, als sie Lilia ansah und sie herbeiwinkte. »Komm näher. Versuch es.«

Lilia gehorchte. Sie beugte sich über das Kohlebecken und atmete tief ein. Ein wohlduftender Rauch füllte ihre Lunge. Sie hustete, und Naki legte eine Hand auf den Mund und kicherte. Statt gekränkt darüber zu sein, dass ihre Freundin sie ausgelacht hatte, stellte Lilia fest, dass es ihr nichts ausmachte. Weiterer Rauch füllte ihre Brust. Ihr Kopf begann sich zu drehen.

»Beim letzten Mal habe ich einen großartigen Platz dafür gefunden«, sagte Naki und ging auf ihr Bett zu. Sie hängte das Kohlebecken auf einen Kleiderbügel und schob die Kleider ans andere Ende der Stange. Dann ließ sie sich aufs Bett fallen.

Lilia lachte abermals. Naki drehte sich um, um ihr zuzulächeln, und klopfte auf die Bettdecken. »Komm und leg dich hin. Es ist sehr entspannend.«

Zu Lilias Erleichterung weckte die Aussicht, neben Naki auf einem Bett zu liegen, nur ein mildes, fernes Echo der Nervosität, die sie früher einmal verspürt hätte. Sie ließ sich neben ihrer Freundin auf die Matratze sinken.

»Machst du dir immer noch Sorgen, dass wir Ärger bekommen könnten?«, fragte Naki.

»Nein. Plötzlich ist mir alles egal.«

»Das ist es, was Feuel bewirkt. Man hört auf, die Dinge wichtig zu nehmen. Man hört auf, sich Sorgen zu machen.« Sie drehte den Kopf, um Lilia anzusehen. »Du scheinst dir in letzter Zeit eine Menge Sorgen zu machen.«

»Ja.«

»Worüber?«

»Die Mädchen in meiner Klasse. Die, die meine Freundinnen waren. Sie haben Dinge über dich gesagt.«

Naki lachte. »Darauf möchte ich wetten. Was haben sie denn gesagt?«

Warum habe ich das gesagt? Verdammt. Ich kann es ihr nicht erzählen … oder doch? Es wäre gut, die Wahrheit zu kennen …  »Dass … dass du Frauen magst. Anstelle von Männern. Ich meine …« Lilia holte tief Luft und hustete abermals, als der Rauch ihre Lunge füllte. »Ich meine, du ziehst weibliche Geliebte vor, so wie manche Männer männliche Geliebte vorziehen.« Sie legte eine Hand auf den Mund. Warum habe ich das getan? Warum bin ich einfach damit herausgeplatzt? Naki wird mich hassen! 

Aber Naki lachte nur abermals. Ein sorgloses, schelmisches Lachen. »Ich wette, das hat ihnen für Monate interessante Träume beschert.«

Lilia kicherte. Sie versuchte sich vorzustellen, dass Froje und Madie Tagträumen nachhingen über … Nein, denk nicht daran. 

»Du willst wissen, ob es wahr ist.«

Lilia blinzelte überrascht, dann sah sie Naki an.

Ihre Freundin schaute ihr in die Augen und lächelte. »Es ist wahr. Und dir geht es genauso, hab ich recht? Oder … du bist dir nicht sicher.«

Lilia, deren Gesicht plötzlich brannte, wandte den Blick ab. »Ich …«

»Nur zu. Mir kannst du es erzählen.«

»Nun … ich glaube, ja … hm … kannst du mir etwas dazu raten?«

Naki drehte sich um und zog sich in eine sitzende Position hoch. »Mein Rat ist, dir deswegen keine Sorgen zu machen.« Sie hob die Hand und hängte das Kohlebecken ab. Es hatte aufgehört zu rauchen. »Frauen verlieben sich seit Jahrhunderten in Frauen. Männer haben immer angenommen, sie seien einfach enge Freundinnen. Was genau anders ist als bei den Männern, die keine engen Freunde sein können, aus Furcht, dass andere denken werden, sie seien in Wirklichkeit ineinander verliebt.« Sie kicherte, dann stieg sie aus dem Bett und winkte Lilia zu sich. »Mädchen können leicht Geheimnisse haben, weil niemand uns die Aufmerksamkeit schenkt, die uns gebührt. Lass uns in die Bibliothek gehen.«

Lilia richtete sich auf, dann hielt sie inne und schloss die Augen, als ihr Kopf sich zu drehen begann. »Die Bibliothek? Warum in die Bibliothek? Warum jetzt?«

»Weil da etwas ist, das ich dir zeigen will, bevor Vater nach Hause kommt. Und ich will noch ein wenig Feuel.«

»Du bewahrst in der Bibliothek Feuel auf?«

»Vater tut es.«

»Dein Vater  benutzt Feuel?«

Naki stieß ein freudloses Lachen aus. »Natürlich tut er das.«

Sie führte Lilia aus ihren Räumen heraus, durch Flure und einige Treppen hinab. Lilia fragte sich, wie spät es war. Spät genug, dass keine Diener mehr auf waren, wie es schien.

»Die Familie meines Vaters hat jede Menge schmutziger Angewohnheiten«, sagte Naki. »Bei meinem Onkel waren es Mädchen. Und ich meine damit nicht, dass er Frauen sehr mag. Ich meine, er mag kleine  Mädchen. Die Diener wussten es und haben mich, wann immer er zu Besuch kam, von ihm ferngehalten. Vater hat mir nie geglaubt, als ich es ihm erzählte.«

Lilia schauderte. »Das ist ja schrecklich.«

Naki drehte sich um und lächelte, aber ihre Augen waren hart. »Oh, am Ende hat er dafür bezahlt.« Sie wandte sich ab und blieb vor einer Tür stehen. »Da wären wir.«

Sie trat durch die Tür in einen riesigen Raum. Lilia konnte ein Keuchen nicht unterdrücken, als sie all die mit Büchern und Papierrollen vollgestopften Regale sah. Sie hatte schnell gelernt, dass Naki es langweilig fand, wenn man ein zu großes Interesse an Studien bekundete, aber jetzt konnte sie ihre Ehrfurcht und ihr Entzücken nicht vor ihrer Freundin verbergen.

»Ich dachte mir schon, dass es dir gefallen würde.«

Lilia schaute Naki an, die breit grinste, und tat so, als sei es ihr peinlich.

Naki lachte. »Du bist eine schreckliche Schauspielerin. Komm, ich will dir etwas zeigen.«

Sie ging zu einem Beistelltisch mit gläserner Platte. Lilia sah, dass das Glas einen schubladenähnlichen Hohlraum voller sehr alter Bücher, Schriftrollen, Skulpturen und Schmuck bedeckte. Naki strich mit der Hand über die schmale Seite. Ein leises Klicken ertönte.

»Vater hält die Glasfläche sowohl mit Schlüssel als auch mit Magie verschlossen, aber er ist kein so mächtiger Magier, dass er Magie auf den Schutz des ganzen Kastens verschwenden würde«, murmelte Naki. Sie griff hinein, zog ein kleines Buch heraus und reichte es Lilia.

Der Buchdeckel war aus weichem Leder und leicht bröcklig vom Alter, und der Titel war nicht mehr zu erkennen. Lilia schlug den Band auf und war beunruhigt über die brüchige Steifheit der Seiten. Sie fühlten sich an, als würden sie zerfallen, wenn sie versuchte, sie zu bewegen. Die Schrift war verblasst, aber immer noch leserlich, und es war ein alter, förmlicher Schreibstil, der nicht leicht zu entziffern war.

»Was ist das?«

»Ein Buch darüber, wie man Magie benutzt«, antwortete Naki. »Das meiste davon wissen wir bereits. Magier haben in den letzten siebenhundert Jahren eine Menge gelernt.«

»Siebenhundert«, hauchte Lilia. »Es ist erstaunlich, dass es immer noch unversehrt ist.«

»So alt ist es nicht. Dies ist eine Kopie des Originals und wurde mehrmals neu gebunden.« Naki sah Lilia forschend an. »Es findet sich darin eine Art von Magie, die wir nicht kennen. Kannst du erraten, was es ist?«

Lilia dachte nach. »Siebenhundert Jahre? Vor dem Sachakanischen Krieg … Oh!« Sie drehte sich um und starrte ihre Freundin an. »Das ist nicht dein Ernst!«

»Doch.« Ein Glitzern ließ Nakis dunkle Augen aufleuchten. »Schwarze Magie.« Sie nahm Lilia das Buch aus der Hand und stellte es zurück unter die Glasplatte. »Ich habe dir doch erzählt, dass die Familie meines Vaters einige dunkle Geheimnisse hat.«

»Sie … sie verstehen sich doch nicht auf schwarze Magie, oder?«

»Nein. Nun, ich glaube nicht, dass sie es tun. Es wäre aber nicht schwer zu verbergen. Schwarzmagierin Sonea beherrschte diese Magie eine Ewigkeit, bevor die Gilde dahinterkam, und sie haben sie nur ertappt, weil der Hohe Lord Akkarin gefangen wurde. Und er wurde nur deshalb gefangen, weil die Sachakaner ihm eine Falle gestellt hatten.« Sie betrachtete den Tisch. »Ich schätze, man könnte es sein Leben lang geheim halten, und niemand würde es wissen … Sieh mal, das hier ist wirklich alt.«

Sie griff unter das Glas und holte einen Ring heraus. Er war aus Gold, und darin war ein blasser Stein eingelassen.

»Meine Großmutter mütterlicherseits hat ihn früher getragen. Er wurde ihr von ihrer Großmutter geschenkt und jahrhundertelang von einer Frau an die nächste weitergegeben. Mutter hat mir erzählt, der Stein sei magischer Natur, und sie wollte mich eines Tages lehren, ihn zu benutzen. Natürlich starb sie, bevor sie die Möglichkeit dazu hatte, und Vater sagte, ich dürfe ihn nicht haben.«

»Wa


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s tut er denn angeblich?«

»Sie sagte, er helfe einer Frau, Geheimnisse zu wahren.«

»Dann hat er nicht viel Sinn, es sei denn, du hast ein Geheimnis, das du verbergen willst.«

»Oder jemanden, vor dem du es verbergen willst.«

»Hast du versucht herauszufinden, wie er funktioniert?«

»Natürlich. Deswegen habe ich mir ja die Mühe gemacht, an die Sachen unter dieser Glasplatte heranzukommen. Aber ich habe bisher noch keine Möglichkeit gefunden, auszuprobieren, ob er funktioniert, und das eine Geheimnis, das er bestimmt nicht verbergen wird, ist die Frage, ob er gestohlen wurde oder nicht. Also muss ich ihn jedes Mal zurücklegen.«

»Wie sollte so etwas denn funktionieren?«

»Wer weiß? Ich glaube, es ist einfach eine dumme Geschichte, die meine Mutter mir erzählt hat, um mich zu beschäftigen.« Mit einem schiefen Lächeln legte Naki den Ring zurück und schloss die Seite des Glaskastens, die sie zuvor geöffnet hatte.

»Vielleicht versteht sich dein Vater doch nicht auf schwarze Magie. Schließlich würde er den Ring gewiss tragen, wenn er wirklich hilft, Geheimnisse verborgen zu halten.«

Naki zog die Nase kraus, während sie darüber nachdachte. Dann schüttelte sie den Kopf. »Ich denke nicht, dass er auch nur das Risiko eingehen würde, mehr über den Ring in Erfahrung zu bringen. Er ist nicht der Typ, der große Risiken eingeht.«

Lilia nickte zustimmend, überrascht, wie erleichtert sie war, Naki das sagen zu hören.

Ihre Freundin blickte plötzlich auf und grinste. »Lass uns noch etwas von Vaters Feuel stehlen!« Ohne eine Antwort abzuwarten, huschte sie auf die andere Seite des Raums, und Lilia folgte ihr.

7

Entscheidungen und Entdeckungen

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Wann immer sich die Höheren Magier in der Gildehalle trafen, ohne dass der Rest der Gilde zugegen war, hallten ihre Stimmen auf eine Art wider, die Sonea stets beunruhigend fand. Sie betrachtete die beiden in die Höhe gestaffelten Doppelreihen von Sitzplätzen, die die Längswände der Halle säumten. Dazwischen befand sich ein langer, leerer Raum, der nur bei wenigen Gelegenheiten jedes Jahr besetzt war, wenn Novizen an Zeremonien teilnehmen durften.

Zwei große Türen befanden sich Sonea gegenüber am anderen Ende der Halle. Sie hatten ursprünglich nach draußen geführt, waren aber dennoch nach über sechshundert Jahren noch stabil und solide. Erst als man um die alte Halle herum die Universität gebaut hatte, waren sie zu Innentüren geworden und hatten nicht mehr den Unbilden der Witterung trotzen müssen.

Die Sitzplätze Soneas und der anderen Höheren Magier waren ihrem Rang nach in steilen Stufen angeordnet und über schmale Treppen erreichbar. Dieser Aufbau bot ihnen allen nicht nur einen guten Blick auf die Halle, er verdeutlichte auch die Hierarchie der Macht unter den Magiern. Die obersten Sitze waren für den König und dessen Ratgeber bestimmt. Die Reihe darunter bot dem Oberhaupt der Gilde Platz, dem Hohen Lord, dessen Sitz flankiert wurde von den beiden jüngsten Stühlen – denen der Schwarzmagier.

Ich habe mich nie wohlgefühlt mit der Entscheidung, uns hier oben unterzubringen,  ging es Sonea durch den Kopf. Obwohl sie und Kallen das Potenzial hatten, stärker zu werden als jeder andere Magier in der Gilde, besaßen sie weder größere Macht noch größeren Einfluss als die anderen Höheren Magier. Es war ihnen verboten, schwarze Magie zu benutzen, es sei denn, man befahl es ihnen, und im Gegensatz zu gewöhnlichen Magiern war ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Vielleicht haben sie uns als Entschädigung dafür hier oben hingesetzt. Aber ich habe den Verdacht, der Hauptgrund bestand darin, dass sie keine größeren baulichen Veränderungen an der Stirnseite der Halle vornehmen wollten. Dort ist einfach kein Platz für zwei weitere Magier unter uns.  

Als Administrator Osens Stimme erklang, um das Wort an sie alle zu richten, konzentrierte sie sich schnell wieder auf die Versammlung.

»Diejenigen, die dafür sind, Lorandras Kräfte zu blockieren, heben bitte die Hand.«

Sonea hob die ihre. Sie zählte die erhobenen Hände um sie herum und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass die meisten der Höheren Magier den Vorschlag guthießen.

»Das Votum ist eindeutig; Lorandras Kräfte werden blockiert.« Osen blickte zu Kallen auf. »Schwarzmagier Kallen wird die Blockade einrichten.«

Einige Magier schauten zu Sonea herüber, und sie verkniff sich ein grimmiges Lächeln. Es bestand kein Grund, warum ein Schwarzmagier eine Blockade einrichten sollte, aber es war zu einer der Pflichten geworden, die zu erfüllen man von ihr und Kallen erwartete. Ich denke, alle nehmen an, es sei einfacher für uns, da wir die natürliche Neigung eines Geistes, einen unwillkommenen Besucher hinauszudrängen, leichter überwinden können. Vielleicht stimmt das; ich musste es niemals tun, bevor ich schwarze Magie erlernt habe, daher fehlt mir der Vergleich. 

Es war niemals eine angenehme Aufgabe, die Kräfte eines widerstrebenden Magiers zu blockieren, aber sie hätte sich dazu gezwungen, es zu tun, wenn sie auf diese Weise die Gelegenheit bekommen hätte, Lorandras Gedanken zu lesen. Als Administrator Osen gefragt hatte, ob sie es tun würde, hatte sie ablehnen müssen. Wenn sie Lorandra mit dem Versprechen bestechen wollte, ihre Kräfte wieder freizusetzen, könnte die Absicht, dieses Versprechen nicht einzuhalten, schwach wahrnehmbar sein und die Frau warnen, dass sie Sonea nicht trauen konnte. Als sie Osen den Grund für ihre Weigerung erklärt hatte, hatte sie sich jedoch nicht so klar ausgedrückt. Sie hatte lediglich gesagt, dass sie Lorandra nicht noch mehr Grund geben wolle, ihre Mitarbeit bei der Suche nach Skellin zu verweigern.

Sonea wollte Lorandra nicht täuschen, aber die Suche nach dem wilden Magier war in eine Sackgasse geraten. Sie hatten Regins Hilfe verloren. Cery verwandte ebenso große Anstrengungen darauf, sich außer Reichweite von Skellins Leuten und Verbündeten zu halten, wie auf den Versuch herauszufinden, wo sein Widersacher sich aufhielt. Anyi auszuschicken, damit sie für Cery spionierte, oder Dorriens Familie nach Imardin zu schleppen, damit er sein Leben aufs Spiel setzen konnte, um ihr zu helfen, erschien ihr weitaus schlimmer, als eine Frau zu belügen, die den Gesetzen der Gilde getrotzt, Diebe ermordet und Feuel importiert hatte, in der Hoffnung, ihren Sohn zum König der Unterwelt zu machen.

Ich gestehe, dass ich es nicht eilig hatte, diesen Betrug einzufädeln, obwohl ich darauf gebrannt habe, dass die Gilde aufhört zu zaudern und die offensichtliche Entscheidung trifft. Solange Lorandras Kräfte noch nicht blockiert waren, hatte ich nichts, womit ich sie hätte bestechen können. Aber jetzt …  Sie seufzte … Jetzt kann ich es nicht mehr sehr lange hinausschieben. 

Osen erklärte die Versammlung für beendet, und in der Halle waren jetzt die Geräusche von Stiefeln auf hölzernen Stufen, Stimmen und das Rascheln von Roben zu hören. Rothen wartete darauf, dass Sonea auf die Ebene der Studienleiter herunterkam, und schloss sich ihr an.

»Wie sich herausstellt, ist Dorrien, wenn es darum geht, Klatsch und Tratsch zu sammeln, genauso gut, wie er behauptet«, murmelte er.

Als sie unten angelangt waren, entfernten sie sich ein wenig von den übrigen Magiern.

»Was hat er gesagt?«, wollte Sonea wissen.

»Dass zwischen Lord Regin und seiner Frau Streit herrsche.«

»Wie erhellend«, bemerkte Sonea trocken. »Hat er herausgefunden, worum es bei dem Streit geht?«

Rothen öffnete den Mund, doch als er Lady Vinara auf sie zukommen sah, schloss er ihn wieder und schüttelte den Kopf.

»Lady Vinara«, sagte Sonea, als die Frau sie erreichte, und Rothen wiederholte den Gruß.

»Schwarzmagierin Sonea, Lord Rothen«, sagte die ältere Heilerin und nickte ihnen zu. »Ihr müsst Euch schon sehr darauf freuen, dass Lord Dorrien und seine Familie früher als geplant nach Imardin kommen werden.«

Sonea sah Rothen an, der ihren fragenden Blick mit einem ebensolchen beantwortete.

»Also hat er jetzt endgültige Vorkehrungen getroffen?«, erkundigte sich Rothen, in dessen Stimme resignierte Erheiterung mitschwang.

Vinara lächelte mitfühlend. »Ja. Er hat ein Datum festgesetzt, so dass ich ihm Arbeit im Heilerquartier zuweisen kann.« Sie wandte sich an Sonea. »Er will in den Hospitälern arbeiten, aber ich hielt es für klug, ihn an einem Ort einzusetzen, wo ich mir einen Überblick verschaffen kann, wie weit er in Bezug auf die jüngsten Fortschritte der Heilkunst auf dem Laufenden ist, bevor ich ihn auf die Stadt loslasse.«

Sonea nickte. »Ich stimme Euch zu. Vielen Dank«, erwiderte sie mit von Herzen kommender Dankbarkeit. Sie war niemals in der Position gewesen, Dorrien Anweisungen erteilen zu müssen, und sie hatte den Verdacht, dass er schwieriger zu leiten sein würde als jeder andere Heiler. Als ältere, ranghöhere Heilerin, die einst seine Lehrerin gewesen war – statt einer jüngeren Frau, die er als Novizin kennengelernt hatte –, würde Vinara keine Schwierigkeiten haben, Dorrien irgendwelche schlechten Angewohnheiten auszutreiben, die er sich vielleicht zugelegt hatte.

Vinara nickte und ging weiter. Sonea drehte sich zu Rothen um und warf ihm einen fragenden Blick zu. Er breitete die Arme aus und riss die Augen auf.

»Sieh mich nicht so an! Ich wusste es nicht!« Er schüttelte verärgert den Kopf. »Wenn er es uns vor seiner Abreise erzählt hätte, hätten wir uns beide zusammengetan, um ihm das Versprechen abzunehmen, nicht zur Gilde zurückzukehren, und das wusste er.«

Sonea zuckte die Achseln. »Hast du etwas dagegen, wenn er mit mir zusammenarbeitet? Nur weil er früher nach Imardin zurückkommt, bedeutet das nicht, dass ich ihn in die Suche mit einbeziehen muss .«

Rothen zog die Augenbrauen hoch. »Ich bezweifle, dass es dir gelingen wird, ihn davon abzuhalten.«

Sie lächelte schief. »Sobald er erst im Hospital arbeitet, wird mir das bestimmt nicht gelingen. Es tut mir leid, Rothen. Ich werde tun, was ich kann, um seine Sicherheit zu gewährleisten.«

»Warum entschuldigst du dich bei mir?«

»Weil ich deinen Sohn in eine gefährliche Suche nach einem wilden Magier verwickelt habe.«

»Du hast nichts getan, um ihn zu ermutigen«, bemerkte er. »Stattdessen sollte ich mich dafür entschuldigen, meinen Sohn zu einem so halsstarrigen, hartnäckigen Mann erzogen zu haben.«

Sonea lachte bitter. »Ich denke, keinen von uns trifft eine Schuld daran, wie unsere Söhne sich entwickelt haben, Rothen. Manche Dinge haben Eltern einfach nicht in der Hand.«

Die Aufzeichnungen, die Dannyl auf dem Markt gekauft hatte, waren ihm ein kleines Vermögen wert gewesen. Der Verkäufer hatte ihm erst nicht verraten wollen, woher sie kamen, aber als Dannyl angedeutet hatte, dass er versessen darauf sei, weitere zu kaufen, hatte der Mann zugegeben, dass sie von einem Gut am Rande des Ödlands stammten, das wie so viele andere wegen des Vorrückens von Staub und Sand verarmt war.

Dannyl hatte daraufhin eine Mischung aus Schuldgefühlen und Erregung verspürt. Wenn andere Güter ihre Habe verkauften, um zu überleben, würden vielleicht noch weitere alte Aufzeichnungen auf den Markt kommen. Die austrocknende Wirkung des Ödlands hatte außerdem dazu geführt, dass die Bücher und Schriftrollen in einem guten Zustand waren.

Wenig überraschend hatten die Bücher, die Dannyl erworben hatte, häufig das Ödland zum Gegenstand.

Habe Ashaki Tachika besucht. Er hat mich auf seinem Gut herumgeführt, damit ich mir den Schaden ansehen konnte. Alles innerhalb des Gebietes war verbrannt. Nicht einmal Tierknochen waren übrig, um uns an das Sterben hier zu erinnern. Wo es endete, war schwer auszumachen, da der Wind Asche auf das unverbrannte Land geweht und sich in den Wochen seit der Explosion auf den verbrannten Flächen wieder Pflanzenwuchs gezeigt hat. Die Luft roch nach Rauch und unbeantworteten Fragen. Habe zwanzig Goldmünzen für fünf Reber einschließlich eines jungen Bocks zugestimmt. 

Die Aufzeichnungen, die Dannyl sich als erste vorgenommen hatte, waren in einem knappen Stil geschrieben, aber ab und zu glitt der Autor vom strengen, sachlichen Bericht in eine blumige Beschreibung ab. Dannyl faszinierten die Hinweise auf Pflanzen, die so kurz nach der Schaffung des Ödlands dort gewachsen waren. Er fragte sich von neuem, warum das Land sich nicht erholt hatte. Hatten diese Pflanzen für eine Weile gekämpft und dann aufgegeben?

Dannyl verbrachte Stunden damit, das Dokument zu überfliegen, bevor er wieder auf etwas Interessantes stieß. Als das geschah, überprüfte er die Daten und war überrascht. Fast zwanzig Jahre waren verstrichen, bevor der Verfasser wieder auf das Ödland zu sprechen kam.

Ashaki Tachika hat sein Gut verkauft und ist nach Arvice gezogen. Er sagt, er werde tot sein, bis das verwüstete Land sich erholt, und er mache sich Sorgen, dass das Land nie wieder Ernten tragen werde. Es ist ein Jammer. Er hatte zu Anfang solchen Erfolg, aber in letzter Zeit haben viele Güter den gleichen Rückschlag erlebt. Warum das so ist, ist ein Rätsel. 

Danach wurde das Ödland häufiger erwähnt. Dannyl griff nach dem letzten Band dieser Aufzeichnungen und traf bald auf das, was er zu ahnen begonnen hatte.

Das Ödland hat die Grenzen überschritten. Die Sklaven haben es Kova gemeldet, und als er mir davon erzählte, bin ich hinausgeritten, um es mir selbst anzusehen. Es hat mehr als dreißig Jahre gebraucht, um meinen Besitz zu berühren, obwohl der Staub ihm seit dem Tag nach der großen Explosion vorangegangen ist. 

Ashaki Tachikas Land ist verloren. Wird mein Land und das von Valicha in den nächsten dreißig Jahren sterben? Wird mein Sohn ein dem Untergang geweihtes Gut erben? Trotz allem, was die Ashaki sagen, um es zu leugnen, offenbart ihre Zurückweisung der Heiratsanträge, die mein Sohn ihren Töchtern gemacht hat, ihre Lüge. Vielleicht wird es besser sein, wenn es keinen Enkelsohn gibt, der unsere Probleme erbt. 

Nicht lange nach dem Eintrag veränderte sich die Handschrift. Der Sohn berichtete vom Tod seines Vaters und setzte die Gewohnheit des alten Mannes fort, kurze Einträge hinzuzufügen, bei denen es hauptsächlich um Handelsverträge ging. Dannyls Herz war schwer vor Mitgefühl für die Familie, selbst nachdem er sich ins Gedächtnis gerufen hatte, dass sie Schwarzmagier und Sklavenbesitzer gewesen waren. In der Welt, die sie kannten und verstanden, glitten sie Armut und Untergang entgegen.

Dannyl betrachtete seine Notizen und blätterte zum Anfang zurück. Die Aufzeichnungen hatten wenige Jahre nach der Besetzung durch Kyralia begonnen. Der ursprüngliche Verfasser war jung gewesen und hatte vielleicht von einem Ashaki geerbt, der im Krieg gestorben war. Er schrieb wenig über die kyralischen Herrscher. An dem Tag, an dem das Ödland geschaffen wurde, berichtete er von einem hellen Licht, das durch sein Fenster fiel, und später erwähnte er, dass es drei Tage gedauert habe, bis die Sklaven, die von dem Licht geblendet worden waren, sich weit genug erholt hatten, um die Arbeit wieder aufzunehmen.

Er stellte keine Spekulationen über die Ursache des Lichts oder die Zerstörung an. Vielleicht war er auf der Hut, Anklagen oder Unzufriedenheit gegenüber Kyraliern schriftlich festzuhalten. 

Ein letztes Buch blieb noch von dem Stapel, den er gekauft hatte. Es war ein kleines, zerlumptes Ding, und Sandkörner hatten ihren Weg in jede Falte und jeden Riss gefunden, was die Vermutung nahelegte, dass es einst vergraben gewesen war. Als er es aufschlug, sah er, dass die Schrift so verblasst war, dass man sie kaum noch lesen konnte.

Darauf war er gut vorbereitet. Bibliothekare in der Großen Bibliothek in Elyne hatten Methoden entwickelt, um alte Texte wieder leserlich zu machen. Einige Verfahren zerstörten das Buch, während andere sanfter waren und die Tinte für eine kurze Zeit wiederbeleben konnten. Wie effektiv sie waren, hing von der Art des Papiers und der Tinte ab. In beiden Fällen konnte man, falls die Seiten eine nach der anderen behandelt wurden, eine Kopie anfertigen, bevor sie zerfielen oder verblassten.

Er nahm Krüge mit Lösungen und Pulvern aus einem Kasten auf seinem Schreibtisch und machte sich an die Arbeit, indem er sie an den Ecken einiger Seiten ausprobierte. Zu seiner Erleichterung verstärkte eine der weniger zerstörerischen Methoden die Tinte hinreichend, um die winzige Schrift für eine Weile gerade noch leserlich zu machen. Er nahm sich die erste Seite vor, und als die Worte klar wurden, begann sein Herz ein wenig schneller zu schlagen.

Es handelte sich um das Notizbuch der Frau eines Ashaki. Obwohl sie jede Seite mit einer größeren Überschrift begann, die nahelegte, dass der folgende Text sich um irgendeine häusliche oder kosmetische Angelegenheit drehte, wechselte der Text, der folgte, schnell zu politischen Themen. Auf »Salbe für trockenes Haar und Kopfhaut« folgte eine vernichtende Einschätzung des Cousins des Kaisers.

»Kaiser«?  Dannyl runzelte die Stirn. Wenn es einen Kaiser gegeben hat, dann ist dies vor dem Sachakanischen Krieg geschrieben worden.  

Er las weiter und behandelte vorsichtig jede Seite mit der Lösung, während er ungeduldig beobachtete, wie die Worte erschienen. Schon bald begriff er, dass er sich irrte. Die Frau nannte den besiegten Kaiser noch immer bei seinem Titel, weil sie keine Alternative hatte und die Sachakaner den Ausdruck »König« für ihren Herrscher noch nicht angenommen hatten.

Was bedeutet, dass dieses Tagebuch einige Zeit nach dem Krieg ,aber dann innerhalb von zwanzig Jahren geschrieben wurde. 

Die Schreiberin hatte ihre Eintragungen leider nicht datiert. Sie bezog sich auf Personen niemals mit Namen, sondern benutzte dazu deren körperliche Besonderheiten.

Nützliche Kuren für weibliche Zeiten 

Einmal im Monat bringt ein Zyklus von Ereignissen viele Unbilden. In der Zeit davor herrschen häufig große Furcht, schlechte Laune und Blähsucht, und wenn es dann so weit ist, kann das eine Erleichterung sein, obwohl es immer kräftezehrend bleibt. Die Herausforderung besteht darin, nichts davon nach außen dringen zu lassen. Die Sorglosen werden mit Lecks zu kämpfen haben – und es oft erst merken, wenn es zu spät ist. Wie sonst finde ich heraus, was die Bleichen planen? Sie vertrauen den Sklaven, weil sie denken, sie seien dankbar für ihre Freiheit. Es ist nicht schwer, die Sklaven zum Reden zu bringen. Der verrückte Kaiser weiß es. Das ist der Grund, warum er den Sklaven des Verräters für sich selbst gefordert hat. Es ist besser, ihn stets im Auge zu behalten. Nimm den Besitz des Helden, und du ersetzt den Helden in den Augen der Sklaven. Der verrückte Kaiser wollte, dass die Bleichen unsere Kinder nehmen und sie von ihren eigenen Leuten großziehen lassen. Damit unsere Kleinen uns später hassen. Aber der Freundliche sprach sich gegen den Plan aus, und die anderen unterstützten ihn. Ich wette, sie bereuen es, den Verrückten zu ihrem Anführer gemacht zu haben. 

Während Dannyl darauf wartete, dass eine weitere Seite auf die Behandlung reagierte, dachte er über den letzten Absatz nach, den er gelesen hatte. Die Frau hatte viele Male auf den »verrückten Kaiser« Bezug genommen. Er glaubte nicht, dass der Mann ein echter Kaiser gewesen war, nur ein Anführer. Wenn die »Bleichen« Kyralier waren, dann war dieser Magier, der sie angeführt hatte, Lord Narvelan. Dannyl war fasziniert von dieser Andeutung, dass Narvelan einen Sklaven übernommen hatte. Den Sklaven des »Verräters«, der außerdem ein Held war. Er betrachtete blinzelnd den sich langsam verdunkelnden Text.

Das richtige Benehmen Besuchern gegenüber 

Zuerst erweist man dem Ashaki Respekt, dann dem Magier, dann dem freien Mann. Männern vor Frauen. Älteren vor Jüngeren. Diebstahl ist eine große Missetat, und heute wurden unsere bleichen Besucher von einem der ihren beraubt. Von ihrem eigenen verrückten Kaiser. Er nahm die Waffe von unseren Kehlen und lief davon. Viele der Bleichen haben Jagd auf ihn gemacht. Es ist eine große Chance. Ich bin wütend und traurig. Meine Landsleute sind zu eingeschüchtert, um auch nur den Vorteil zu nutzen, den sie haben. Sie sagen, der verrückte Kaiser könnte mit dem Messer zurückkehren und uns bestrafen. Sie sind Feiglinge. 

Aufgrund der Tatsache, dass die säuberlichen Buchstaben jetzt einem Gekritzel wichen, vermutete er, dass es mitten in der Eintragung einen Zeitsprung gab und dass der letzte Teil hastig oder in Wut hinzugefügt worden war. Der Hinweis auf eine Waffe war nicht neu – die Verfasserin hatte sie bereits als einen Grund dafür bezeichnet, dass die Sachakaner Angst davor hatten, sich gegen die Kyralier zu erheben. Aber jetzt hatte Narvelan diese Waffe gestohlen. Warum?

Wie man auf die Neuigkeit vom Tod eines Rivalen reagiert 

Unsere Freiheit ist unvermeidlich und kommt von den Händen eines Narren! Eine große magische Explosion hat das Land im Nordwesten verbrannt. Solche Macht kann nur von dem Lagerstein gekommen sein. Kein anderes Artefakt und kein anderer Magier sind so mächtig. Es ist klar, dass der verrückte Kaiser versucht hat, ihn zu benutzen, als seine Leute ihn zur Rede stellten, aber dann hat er die Kontrolle über den Lagerstein verloren. Wir sind sie beide los! Viele der Bleichen sind gestorben, also sind noch weit weniger hier, um uns zu beherrschen. Es wird befürchtet, dass sie eine weitere Waffe haben. Aber wenn sie sie nicht hierherbringen, wird mein Volk sich aus seiner Feigheit erheben und sein eigenes Land zurückholen. Das Land, das durch den Lagerstein verbrannt wurde, wird sich erholen. Wir werden wieder stark sein. 

Ein Schauer überlief Dannyl. In ihrer Aufregung hatte die Tagebuchschreiberin die Waffe bei ihrem wahren Namen genannt: der Lagerstein. Wenn sie also recht hatte, hatte Narvelan den Stein genommen. Er hatte versucht, ihn zu benutzen, die Kontrolle verloren und das Ödland geschaffen.

Es ergibt alles einen Sinn, wenn man es so zusammenfügt. Nur dass es keinen offenkundigen Grund gibt, warum Narvelan den Lagerstein gestohlen haben sollte. Vielleicht brauchte er keinen guten Grund, wenn er wirklich so wahnsinnig war, wie es die Unterlagen behaupten. 

Plötzlich brach die Bindung, und mehrere Seiten fielen heraus. Als Dannyl noch einmal auf die erste Seite blickte, sah er, dass die Schrift bereits wieder verblasste. Er zog mehrere Bögen Papier heraus und füllte die Tinte im Fass nach. Dann rief er nach einem Sklaven, der ihm Sumi und etwas zu essen bringen sollte.

Ich werde das Buch jetzt abschreiben,  beschloss er. Selbst wenn es mich die ganze Nacht kostet. 

Lilia zögerte und musterte den massigen, strengen Mann in der Tür. Obwohl er sich verbeugt hatte, war diese Verbeugung nur eine Geste gewesen. Etwas an ihm verursachte ihr Unbehagen. Der Mann runzelte die Stirn, als sie nicht hinter Naki herging. Sein Blick wanderte zu der Straße hinter ihr, auf der Suche nach irgendetwas. Dann öffnete er den Mund.

»Kommt Ihr nun herein oder nicht?«

Die Stimme war überraschend hoch und mädchenhaft, und für einen Moment kämpfte Lilia gegen den Drang zu kichern. Ihre Nervosität verschwand, und sie schob sich an ihm vorbei in den schummrigen Flur.

Es war kein besonders großer Flur: Er bot lediglich genug Platz für den Wachposten, der dort stand, und die Leute, die an ihm vorbei zur Treppe gingen. Naki stieg ins nächste Stockwerk hinauf. Hinter den Wänden erklangen seltsame, gedämpfte Geräusche, und die Luft roch nach einer Mischung von Fremdartigem und Vertrautem. Wieder regte sich in Lilia ein leichtes Gefühl der Furcht.

Sie hatte erraten, was für ein Haus dies war. Sie hatte aus Nakis rätselhaftem Verhalten – ihre Freundin hatte sich geweigert zu sagen, wo sie hingingen – geschlossen, dass sie wohl kaum auf dem Weg zu einer konventionellen Abendunterhaltung waren. Obwohl es Novizen nicht verboten war, diese Häuser zu betreten, erwartete man dennoch von ihnen, dass sie sie nicht besuchten.

Sie wurden Glühhäuser genannt. Oder Lusthäuser. Als die beiden Mädchen oben an der Treppe angelangten, verneigte sich eine Frau in einem teuren, aber ziemlich geschmacklosen Kleid und fragte, was sie wünschten.

»Einen Glühraum«, antwortete Naki. »Und etwas Wein.«

Die Frau bedeutete ihnen, ihr zu folgen, und ging den Flur entlang.

»Ich habe Euch eine ganze Weile nicht mehr gesehen, Novizin Naki«, erklang eine männliche Stimme hinter Lilia.

Naki blieb stehen. Lilia bemerkte, dass keine Spur von Begeisterung in Nakis Zügen lag, als sie sich umdrehte. Das Lächeln ihrer Freundin war gezwungen.

»Kelin«, sagte sie. »Es ist wirklich zu viel Zeit vergangen. Was machen die Geschäfte?«

Als Lilia sich umwandte, sah sie einen relativ kleinen, untersetzten Mann, der stark schielte. Er öffnete die Lippen, und schiefe Zähne blitzten auf. Falls es ein Lächeln war, hatte es nichts Freundliches.

»Die Geschäfte laufen sehr  gut«, antwortete er. »Ich würde Euch ja hereinbitten«, sein Blick flackerte zu Lilia, »aber wie ich sehe, habt Ihr eine bessere Gesellschaft, um Euch ein wenig Ablenkung zu verschaffen.«

»In der Tat.« Naki trat vor und hakte sich bei Lilia unter. »Aber vielen Dank, dass Ihr daran gedacht habt«, rief sie über die Schulter, während sie einen Schritt vorwärtsmachte und Lilia hinter der Dienerin herschob.

Sie wurden nach oben geführt, in einen kleinen Raum mit einem großzügigen Zweiersofa und einem winzigen Kamin, vor dem auf den Kacheln ein Kohlebecken stand. Ein schmales Fenster ließ eine Mischung aus Mond- und Lampenlicht herein, und die kleinen, beschirmten Lampen, die zu beiden Seiten des Kamins hingen, waren kaum heller. Es roch nach würzigem Rauch und etwas schwach Säuerlichem.

»Winzig, aber behaglich und privat«, sagte Naki und deutete auf den Raum.

»Wer war dieser Mann?«, fragte Lilia, als sie sich auf dem Sofa niederließen.

Naki rümpfte die Nase. »Ein Freund der Familie. Er hat meinem Vater einmal einen Gefallen getan, und jetzt benimmt er sich, als sei er ein Verwandter.« Sie zuckte die Achseln. »Aber er ist ganz in Ordnung, wenn man erst einmal versteht, was ihm wichtig ist.« Sie drehte sich zu Lilia um. »Das ist das Geheimnis im Umgang mit Menschen: zu wissen, was ihnen wichtig ist.«

»Was ist dir wichtig?«, fragte Lilia.

Ihre Freundin neigte den Kopf zur Seite, während sie nachdachte. Das Lampenlicht ließ ihr Profil sanft leuchten. Sie sieht nachts am besten aus,  ging es Lilia durch den Kopf. Es ist ihre natürliche Tageszeit. 

»Freundschaft«, antwortete Naki. »Vertrauen. Treue.« Sie beugte sich näher heran, und ihr Lächeln wurde breiter. »Liebe.« Lilia stockte der Atem, aber ihre Freundin rückte wieder von ihr ab. »Und dir?«

Lilia atmete tief ein, dann aus, aber ihr drehte sich der Kopf. Und wir haben mit dem Feuel noch nicht einmal angefangen.  »Das Gleiche«, sagte sie, voller Angst, dass sie zu lange für ihre Antwort brauchte. Liebe? Sollte das möglich sein? Liebe ich Naki? Es macht mir auf jeden Fall mehr Spaß, mit ihr zusammen zu sein, als mit anderen, und sie hat etwas gleichzeitig Erregendes und leicht Beängstigendes an sich. 

Naki erwiderte nichts, sondern starrte sie nur eindringlich an. Dann kam von der Tür ein Klopfen. Naki wandte den Blick ab und öffnete sie mit Magie. In Lilia wetteiferte Erleichterung mit Enttäuschung, als die Dienerin ein Tablett mit einer Flasche Wein, Kelchen und einer kunstvollen Schachtel hereintrug.

»Ah!«, sagte Naki eifrig und ohne auf die Verbeugung und den anschließenden Rückzug der Dienerin zu achten. Sie griff nach der Schachtel und warf eine Handvoll des Inhalts in das Kohlebecken. Eine Flamme loderte zwischen den Kohlen empor, zweifellos angefacht von Nakis Magie, und Rauch stieg in der Luft auf.

Lilia machte sich daran, die Weinflasche zu öffnen und die Kelche zu füllen. Als Naki zum Sofa zurückkehrte, reichte sie ihr ein Glas. Naki hob es.

»Worauf trinken wir?«, fragte sie. »Nun, natürlich auf Vertrauen, Treue und Liebe.«

»Vertrauen, Treue und Liebe«, wiederholte Lilia, dann nippten sie beide an ihrem Wein.

Ein behagliches Schweigen senkte sich herab. Der Rauch vom Kohlebecken wehte durch den Raum. Naki beugte sich vor und atmete tief ein. Kichernd tat Lilia es ihr nach und hatte dabei das Gefühl, als seien ihre Gedanken verkrampfte Muskeln, die sich langsam lockerten und dehnten. Sie lehnte sich auf dem Sofa zurück und seufzte.

»Danke«, sagte sie zu ihrer eigenen Überraschung.

Naki drehte sich um und lächelte. »Dir gefällt es hier? Das dachte ich mir.«

Lilia sah sich um und zuckte die Achseln. »Es ist in Ordnung. Ich habe dir dafür gedankt, dass du … dass du … mir gezeigt hast, wie man sich entspannt, wie man Spaß hat, und … einfach dafür, dass man mit dir so gut zusammen sein kann.«

Nakis Lächeln verblasste und wurde durch einen nachdenklichen Ausdruck verdrängt. Dann erschien ein vertrautes, schelmisches Leuchten in ihren Augen, und Lilia wappnete sich. Wann immer dieser Ausdruck in die Züge ihrer Freundin trat, war das, was folgte, wahrscheinlich überraschend und mehr als nur etwas herausfordernd.

Diesmal beugte Naki sich vor und begann Lilia schnell, aber ents


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chieden zu küssen.

Mit warmen, kribbelnden Lippen starrte Lilia ihre Freundin mit Erstaunen und, wie ihr nur allzu bewusst war, mit Hoffnung an. Ihr Herz raste. Ihr Kopf drehte sich. Das war gewiss überraschend,  dachte sie. Aber wie alles, was Naki tat, doch nicht so herausfordernd, wie es zunächst zu sein schien. 

Langsam und bedächtig küsste Naki sie noch einmal. Eine Woge von Gefühlen und Gedanken durchströmte Lilia, allesamt angenehm und nichts, was sich mit dem Feuel-Rauch oder dem Wein wegerklären ließe. Der Wein … Sie hielt noch immer den Kelch in der Hand und wollte ihn loswerden. Ich glaube …  Naki schlang einen Arm um ihre Taille, und sie wollte die Hand nach ihrer Freundin ausstrecken. Sie beugte sich zur Seite und versuchte, den Kelch auf den Boden zu stellen. Ich glaube, ich habe mich verliebt. 

Sie musste das Glas auf eine unebene Stelle gesetzt haben, da sie ein Klirren hörte und ein Schwappen, als es umkippte.

Oh-oh,  dachte sie. Aber obwohl sie keinen Laut von sich gab, hörte sie eine schwache Stimme, die es für sie tat. Eine Stimme, die aus der Richtung des Kamins kam.

Das ist seltsam. 

Sie konnte sich nicht bezähmen. Sie neigte den Kopf zur Seite und blickte zum Kamin hinüber. Irgendwo darin flackerte etwas. Als sie genauer hinsah, gewann sie den überaus seltsamen Eindruck, dass irgendetwas sie anblinzelte.

Jemand beobachtet uns. 

Ein kalter Schauer überlief sie, und sie schob Naki ein wenig von sich.

»Was ist los?«, fragte Naki, deren Stimme jetzt noch tiefer und kehliger klang als gewöhnlich.

»Ich habe gesehen …« Lilia schüttelte den Kopf und riss den Blick von dem Kamin los, der jetzt dunkel und gewöhnlich wirkte. Dann schaute sie Naki an. »Ich … ich glaube doch nicht, dass es mir hier gefällt. Es scheint mir nicht sehr … privat zu sein.«

Naki suchte ihren Blick, dann lächelte sie. »Kein Problem. Lass uns den Wein austrinken und von hier verschwinden.«

»Ich habe meinen verschüttet …«

»Keine Bange.« Naki beugte sich vor und hob den Kelch auf. »Sie sind hier an kleine Missgeschicke gewöhnt, obwohl sie im Allgemeinen erst dann geschehen, wenn die Kunden ein wenig berauschter sind als wir.« Sie füllte den Kelch wieder auf, dann hielt sie ihn Lilia lächelnd hin. »Auf die Liebe.«

Lilia erwiderte das Lächeln, und das überschäumende, von Jubel erfüllte Gefühl kehrte zurück, während ihr vorheriges Unbehagen verblasste.

»Auf die Liebe.«

8

Konsequenzen

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Das kleine Mädchen auf der Bettkante hustete heftig und hielt nur inne, um keuchend Luft zu holen. Lorkin gab ihrer Mutter, einer Magierin, von der er wusste, dass sie zu Kalias Gruppe gehörte, mit Heilmittel versetzte Süßigkeiten und Kalias Anweisungen, während das kleine Mädchen zu ihm aufblickte. Er sah in ihren Augen ein Mitleid, das ganz anders war als das Mitgefühl, das er für sie empfand. Sie bemitleidet mich? Warum sollte sie mich bemitleiden? 

Die Mutter nickte, ergriff die Hand ihrer Tochter und zog sich zurück. Er beobachtete, wie sie zu Kalia hinüberging. Obwohl es schon früher bei anderen Patienten geschehen war, wurde ihm trotzdem flau im Magen.

Kalia war beschäftigt, und er wollte nicht zusehen, wie die Frau das, was er ihr gesagt hatte, überprüfte. Er ging zum nächsten Patienten weiter, einer alten Frau mit dunklen Ringen unter den Augen und einem besorgniserregenden, heftigen Husten. Jetzt, da sich das Kältefieber in der Stadt verbreitet hatte, herrschte in der Krankenstation Tag und Nacht Betrieb, und Kalia war gezwungen gewesen, ihn in die Behandlung mit einzubeziehen. Die meisten Verräterinnen akzeptierten das ohne Fragen, aber ab und zu konnte sich jemand nicht überwinden, ihm zu vertrauen – oder er tat, als vertraue er ihm nicht, um ihm eins auszuwischen.

»Wie oft muss ich es dir denn noch sagen?«, fragte Kalia laut. Der Blick der alten Frau flackerte in ihre Richtung, dann wandte sie sich wieder Lorkin zu.

»Sie meint dich«, murmelte sie.

Lorkin nickte. »Danke.« Er richtete sich auf, und als er sich umdrehte, kam Kalia mit langen Schritten auf ihn zu. Mit einer Hand hielt sie etwas umfasst, und sie schwenkte es in seine Richtung. Die Mutter und die Tochter kamen langsam hinter ihr her.

»Nicht mehr als vier am Tag, habe ich dir gesagt!«, erklärte sie. »Willst du dieses Kind vergiften?«

Lorkin blickte auf das Mädchen hinab, das breit grinste, sichtlich aufgeregt über die Szene, deren Teil sie war.

»Natürlich nicht«, erwiderte er. »Wer könnte einem so hübschen Kind jemals etwas Böses wollen?« Das Lächeln des Mädchens wurde unsicher. Er vermutete, dass ihr die Schmeichelei gefiel, dass sie jedoch wusste, dass ihre Mutter es missbilligen würde, wenn sie auf eine freundliche Weise reagierte. Da sie nicht wusste, was sie tun sollte, schaute sie zu ihrer Mutter auf. Die runzelte die Stirn und musterte ihn argwöhnisch. »Ich habe mich schon gefragt, warum du mir aufgetragen hast, ihr mehr Süßigkeiten zu geben als den anderen Kindern«, fügte er hinzu – er konnte der Versuchung nicht widerstehen, darauf hinzuweisen, dass Kalia ihre Freunde mit einem größeren Anteil an den begrenzten Vorräten von Heilmitteln begünstigte.

»Ich habe dir nicht  gesagt, dass du ihr sechs geben sollst!« Kalias Stimme wurde höher.

»Doch, genau das hast du getan«, erklang eine heisere Stimme.

Verblüfft über die neue Stimme drehte Lorkin sich um und sah die alte Frau an, die Kalias Blick standhielt, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine kleine Woge der Hoffnung stieg in ihm auf. Doch wenn Kalia sich ertappt fühlte, wusste sie es gut zu verbergen. Sie schaute drein, als denke sie in aller Bescheidenheit an ihre Anweisungen zurück, aber in ihren Augen lag ein dunkler, berechnender Ausdruck.

Wer immer die alte Frau war, sie hatte Einfluss genug, dass Kalia nicht zu behaupten wagte, sie sei schwerhörig oder habe sich geirrt. Lorkin kam zu dem Schluss, dass er herausfinden musste, wer dieser unerwartete Verbündete war, sobald er dazu Zeit fand.

»Vielleicht hast du recht«, erklärte Kalia lächelnd. »Wir haben hier so viel zu tun. Wir sind alle müde. Es tut mir leid«, sagte sie zu der alten Frau, dann drehte sie sich zu der Mutter und ihrer Tochter um. »Ich entschuldige mich. Hier …« Sie gab ihnen die Süßigkeiten und plapperte drauflos, während sie die beiden in Richtung Tür schob.

»Sie muss  müde sein«, murmelte die alte Frau, »wenn sie gedacht hat, irgendjemand würde ihr diese kleine Scharade abkaufen.«

»Nicht jeder ist so klug und wachsam, wie du es bist«, erwiderte Lorkin.

Die Augen der alten Frau leuchteten auf, als sie lächelte. »Nein. Wenn sie es wären, hätte man Kalia nicht gewählt.«

Lorkin konzentrierte sich darauf, den Puls und die Temperatur der alten Frau zu überprüfen, hörte ihre Lunge ab und untersuchte ihren Hals. Außerdem lauschte er verstohlen mit seinen magischen Sinnen, um seine Einschätzung zu bestätigen. Die darin bestand, dass die alte Frau – abgesehen von den Symptomen des Kältefiebers – überraschend gesund war. Er gab ihr Heilmittel und Anweisungen dazu, bevor er der alten Frau leise dankte.

Nicht lange nachdem er zum nächsten Patienten weitergegangen war, hörte er ein Raunen im Saal und sah sich um. Aller Augen waren auf den Eingang gerichtet, wo eine Bahre – gefolgt von einer Magierin – in den Raum schwebte. Die Frau versuchte erfolglos, sich ein Lächeln zu verkneifen. Als Lorkin die Bahre betrachtete, setzte sein Herz einen Schlag aus.

Evar! 

Er hatte seinen Freund seit einigen Tagen nicht mehr gesehen. Im Männerraum ging das Gerücht, dass Evar eine Geliebte gefunden habe. Man hatte darauf gewettet, ob Evar irgendwann in den Männerraum zurückstolziert kommen würde, um seine Sachen zu holen, oder ob er mit einem gebrochenen Herzen hereinhumpeln würde. Keiner von ihnen hatte darauf gewettet, dass er bewusstlos auf einer Bahre zurückkehren würde.

Kalia hatte ihren Neffen bemerkt und eilte hinüber, um ihn zu untersuchen. Sie schlug achtlos die Decke zurück und entblößte den Blicken aller auf der Station einen vollkommen nackten Evar. Unterdrücktes Gekicher und Aufkeuchen kam aus allen Ecken. Ein Stich des Ärgers durchzuckte Lorkin, als Kalia sich nicht die Mühe machte, den jungen Mann wieder zuzudecken.

»Es ist nichts gebrochen«, erklärte die lächelnde Magierin.

»Lass mich das beurteilen«, erwiderte Kalia. Sie drückte und pikste, dann legte sie Evar eine Hand auf die Stirn. »Übermäßig entleert«, stellte sie fest. Sie schaute zu der Magierin auf. »Du?«

Die Frau verdrehte die Augen. »Wohl kaum. Es war Leota.«

»Sie sollte vorsichtiger sein.« Kalia rümpfte geringschätzig die Nase, dann blickte sie sich im Raum um. »Er ist nicht krank und sollte kein Bett mit Beschlag belegen. Legt ihn dort drüben hin, auf den Boden. Er wird sich zu gegebener Zeit schon erholen.«

Die Magierin und die Bahre bewegten sich in den hinteren Teil des Raums, wo Evar zu Lorkins Erleichterung hinter den Bettenreihen verborgen sein würde. Die Frau grinste, als sie hinausstolzierte, und hatte sich nicht die Mühe gemacht, Evar wieder zuzudecken. Kalia ignorierte den neuen Patienten und runzelte die Stirn, als Lorkin auf seinen Freund zugehen wollte.

»Lass ihn in Ruhe«, befahl sie.

Lorkin wartete ab. Irgendwann verschwand Kalia im Lagerraum, um weitere Heilmittel zu holen. Er schlüpfte zu Evar hinüber und war überrascht festzustellen, dass der junge Mann die Augen geöffnet hatte. Er lächelte Lorkin kläglich an.

»Mir geht es gut«, sagte er. »Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.«

Lorkin deckte seinen Freund zu. »Was ist passiert?«

»Leota.«

»Sie hat schwarze Magie bei dir benutzt?«

»Sie hat mich in ihr Bett geholt.«

»Und?«

»Das ist das Gleiche. Nur dass es mehr Spaß macht.« Evars Stimme klang, als zucke er die Achseln. Sein Blick ging ins Leere. »Es hat sich gelohnt.«

»Dass dir all deine Energie entzogen wurde?« Lorkin konnte nicht verhindern, dass seine Ungläubigkeit und sein Ärger sich in seiner Stimme verrieten.

Evar sah ihn an. »Wie sonst soll ich in das Bett einer Frau kommen, hm? Sieh mich an. Ich bin dürr und ein Magier. Kaum gutes Zuchtmaterial, und niemand vertraut männlichen Magiern.«

Lorkin seufzte und schüttelte den Kopf. »Du bist nicht dürr – und wo ich herkomme, würde der Umstand, dass du ein Magier bist, und dazu noch ein natürlicher, dich zu sehr  begehrenswertem Zuchtmaterial machen.«

»Und doch bist du fortgegangen«, bemerkte Evar. »Und du hast dich dafür entschieden, für den Rest deines Lebens hierzubleiben.«

»In Augenblicken wie diesen frage ich mich, ob man mir eine Lüge verkauft hat. Eine auf Gleichberechtigung beruhende Gesellschaft, wahrhaftig. Wird man diese Leota bestrafen?«

Evar schüttelte den Kopf. Dann leuchteten seine Augen auf. »Ich habe mich bewegt. Das habe ich seit Stunden nicht mehr getan.«

Mit einem neuerlichen Seufzer erhob sich Lorkin. »Ich muss wieder an die Arbeit.«

»Mach dir meinetwegen keine Sorgen. Ein wenig Schlaf, und es wird mir wieder gutgehen.« Als Lorkin sich entfernte, rief er ihm nach: »Ich finde immer noch, dass es die Sache wert war. Wenn du mir nicht glaubst, geh und sieh sie dir an. Ohne Kleider.«

Der Zwischenfall mit den Heilmitteln war ärgerlich gewesen, aber daran war Lorkin gewöhnt. Was man Evar angetan hatte, erfüllte ihn mit einem siedenden Zorn. Seit Tyvara ihn aufgefordert hatte, etwaige Einladungen in das Bett einer Magierin abzulehnen, hatte er mehr Anträge als gewöhnlich erhalten. Zumindest hatte er jetzt eine bessere Vorstellung davon, welche Magierinnen zu Kalias Gruppe gehörten.

Für wie dumm halten sie mich eigentlich? Auf diese Weise hat Riva versucht, mich zu töten.  Plötzlich hatte er Gewissensbisse. Ich hätte Evar warnen sollen. Aber ich habe nicht gedacht, dass sie Kalias Neffen Schaden zufügen würden.  Nun, sie hatten ihm keinen Schaden zugefügt: Sie – Leota – hatte Evar bis an den Punkt der Hilflosigkeit geleert und ihn dann gedemütigt, indem sie seinen Fehler öffentlich machte.

Trotzdem, Evar hätte es besser wissen müssen. Er hatte gewusst, dass sie eine Möglichkeit finden würden, ihn dafür zu bestrafen, dass er Lorkin in die Höhlen der Steinemacher geführt hatte. Gewiss war offensichtlich gewesen, was Leota vorhatte, als sie ihn in ihr Bett einlud?

Lorkin schüttelte den Kopf. Vielleicht war Evar einfach zu vertrauensvoll, was seine eigenen Leute anging. Es stieß Lorkin ab, dass dies die Art war, wie sie sein Vertrauen vergolten hatten, und für den Rest des Tages war er hin- und hergerissen zwischen den Fragen, ob es klug von ihm gewesen war, ins Sanktuarium zu kommen, und ob die Verräterinnen jemals dazu gebracht werden konnten, einzusehen, wie ungleich ihre Gesellschaft wirklich war.

Der Winter zog seinen Griff um Imardin langsam fester. Stehendes Wasser gefror über Nacht. Das Knirschen von Eis unter ihren Füßen war seltsam befriedigend und brachte Kindheitserinnerungen zurück. Man musste den tieferen Pfützen ausweichen,  dachte Sonea, da sie gewöhnlich nur mit einer dünnen Eisschicht bedeckt waren, und wenn einem das Wasser darunter in die Schuhe lief, taten einem den ganzen Tag von der Kälte die Füße weh.  

Wasser in die Schuhe zu bekommen war seit vielen Jahren kein Problem mehr gewesen. Die für Magier gefertigten Stiefel waren die besten in der Stadt. Sobald sie auch nur die geringsten Spuren von Abnutzung zeigten, schafften Diener Ersatz herbei. Was ärgerlich ist, wenn man sie gerade erst eingelaufen hat.  Bedauerlicherweise waren die Schuhe, die sie jetzt trug, weder wasserdicht, noch passten sie ihr richtig. Irgendjemand hatte sie aussortiert – sie waren Teil der Maskerade, die sie trug, wenn sie sich in die Stadt hinauswagte, um sich mit Cery zu treffen.

Der Korb mit Wäsche in ihren Armen war voller und schwerer als gewöhnlich. Sie hatte bereits einmal stehen bleiben und Laken auflesen müssen, als sie vom Stapel im Korb auf den Boden gefallen waren. Natürlich konnte sie keine Magie benutzen, um sie festzuhalten oder aufzufangen. Das hätte verraten, dass sie mehr war als eine Dienstmagd.

Sie verlangsamte ihre Schritte und duckte sich in eine Gasse. Es war eine Abkürzung, die die Einheimischen häufig benutzten. Heute war die Gasse menschenleer bis auf eine weitere Frau, die mit einem kleinen Kind in den Armen auf sie zugeeilt kam. Als Sonea sich ihr näherte, schaute die Frau zu ihr auf. Sonea widerstand dem Drang, sich die Kapuze tiefer ins Gesicht zu ziehen. Der Blick der Frau flackerte zu etwas hinter Sonea hinüber, und sie runzelte die Stirn, dann schaute sie hastig wieder zu Sonea, als sie vorbeiging.

War dieser Blick eine Warnung? 

Sonea widerstand der Versuchung, sich umzudrehen, lauschte aber aufmerksam. Und tatsächlich, sie fing das leise Kratzen und Tappen von Schritten mehrere Meter hinter sich auf.

Werde ich verfolgt?  Die Gasse wurde häufig benutzt, so dass es nicht allzu merkwürdig war, wenn jemand hinter ihr herging. Etwas anderes musste die Frau erschreckt haben. Vielleicht war sie von Natur aus misstrauisch, vielleicht nicht. Sonea konnte es sich nicht leisten, die Möglichkeit zu ignorieren, dass die Frau Grund zu ihrem Misstrauen gehabt hatte. Sie beschleunigte ihr Tempo.

Als sie das Ende der Gasse erreichte, ging sie nicht in die Richtung, in die sie hatte gehen wollen, sondern schlug die entgegengesetzte Richtung ein, überquerte die Straße und trat in eine weitere Gasse. Diese war breiter und voller Arbeiter aus den Werkstätten zu beiden Seiten. Vor den Mauern lag Holz für Brennöfen aufgestapelt. Fässer mit Öl und giftigen Flüssigkeiten, riesige, fest verschnürte Bündel von Lumpen und Holzkisten warteten darauf, hineingetragen zu werden. Die Menschen und die Hindernisse zwangen sie, einen gewundenen Weg zu nehmen und immer wieder auszuweichen, bis sie einen Turm von Kisten erreichte. Die Kisten waren mit irgendeiner Art von verwelkten Pflanzen gefüllt, die nach Meer rochen.

Sie schlüpfte dahinter und stellte den Korb ab. Einige Arbeiter weiter unten in der Gasse beäugten sie, aber als sie begann, sich den Rücken zu massieren, wandten sie höflich den Blick ab. Sie schaute wieder die Gasse entlang. Und tatsächlich, ein relativ kleiner, dünner Mann mit bösartigem Gesichtsausdruck kam auf sie zu. Die Arbeiter hielten inne, als sie ihn bemerkten, und machten einen großen Bogen um ihn. Genau wie sie selbst erkannten die Arbeiter den Gefolgsmann eines Diebes, wenn sie einen sahen.

Sonea musterte die Hindernisse zwischen sich selbst und ihrem Verfolger, bis sie fand, wonach sie gesucht hatte. Sie sandte ein wenig Magie aus und hielt sie in der Schwebe. Dann drehte sie sich um und setzte ihren Weg durch die Gasse fort, wobei sie ihren eiligen Schritt beibehielt.

Sie zählte im Geist mit und versetzte, als es so weit war, den Kisten, an denen sie kurz zuvor vorbeigegangen war, einen magischen Stoß. Hinter sich hörte sie ein Krachen, dann Gebrüll und Flüche. Mit geheuchelter Überraschung blieb sie stehen, um sich umzudrehen. Der Weg ihres Verfolgers wurde jetzt von einem Holzhaufen blockiert, der anscheinend unter seinem eigenen Gewicht eingestürzt war. Sie wandte sich wieder um und eilte weiter.

Einige Straßen und eine weitere Gasse später und nachdem sie mehrmals stehen geblieben war, um sich umzuschauen, kam sie zu dem Schluss, dass sie nicht länger verfolgt wurde, und ging auf direktem Weg zu der Wäscherei, dem Süßigkeitenladen und dem Raum dahinter. Cery und Gol wirkten erleichtert, als sie eintrat.

»Entschuldigt die Verspätung«, sagte sie, während sie sich hinsetzte. »Ich musste mit einer Klette fertig werden.«

Cery zog die Augenbrauen hoch, dann lächelte er dünn. »Mit einer Klette? Niemand redet heute noch so.«

Gol gab einen erstickten Laut von sich. Sie schaute zwischen den Männern hin und her.

»Wie redet niemand mehr? Du meinst, in der Gossensprache?«

»Ja«, erwiderte Cery und erhob sich. »Zumindest sagt meine Tochter das.«

»Wo ist sie eigentlich?«

Er verzog das Gesicht. »Unterwegs, um für mich zu spionieren.«

Soneas Herz machte einen Satz. »Du hast ihr erlaubt …?«

»Bei Anyi geht es nicht wirklich darum, ihr etwas zu erlauben .« Er seufzte. »Sie hat zu Recht darauf hingewiesen, dass wir seit Monaten keine anderen Ideen hatten.« Er ging rechts von ihr einige Schritte auf und ab. »Sie hat die Absicht, ihren Arbeitgeber – wer immer das sein mag – davon zu überzeugen, dass sie sich wahrhaft gegen mich gestellt hat, indem sie meinen Aufenthaltsort verrät.« Er hielt inne und wanderte auf die linke Seite des Raums. »Natürlich werden Gol und ich mit knapper Not entkommen.« Er drehte sich zu ihr um. »Das ist der Punkt, an dem du ins Spiel kommen wirst.«

»Ach ja?«

»Ja.« Er schüttelte den Kopf und machte sich nicht die Mühe, seine Sorge und seine Zweifel zu verbergen. »Du wirst der Faktor sein, den sie nicht einplanen konnte.«

»Ich verstehe.«

Cery begann erneut umherzuwandern. »Ich hatte gehofft, dich und Regin für diese Aufgabe gewinnen zu können, so dass, wenn einer es nicht schafft, der andere einspringen könnte …«

»Warte einige Tage ab, dann werde ich einen Ersatz für Regin haben.«

»Wirklich?« Cery blieb stehen. »Wer ist es?«

»Dorrien. Rothens Sohn.«

»Ich dachte, er lebt auf dem Land.«

»Das hat er auch getan, bis er sich in den Kopf setzte, in die Stadt zu ziehen, damit seine Tochter sich hier einleben kann, bevor sie ihr Studium an der Universität beginnt.«

Cery lachte leise. »Ich wette, Rothen weiß nicht, ob er sich freuen oder entsetzt sein soll.«

Sie lächelte und nickte. »Ich wünschte, wir müssten ihn da nicht mit hineinziehen. Ich wünschte, du  müsstest Anyi nicht darin verwickeln.«

»Es ist die Lebensaufgabe unserer Kinder, uns Sorgen zu bereiten«, erwiderte Cery trocken. Dann blickte er auf. »Hast du etwas von Lorkin gehört?«

Ein Stich des Schmerzes durchzuckte sie, aber es war mehr ein dumpfer Schmerz als das scharfe Entsetzen, das sie direkt nach seinem Verschwinden erfüllt hatte. »Nein. Ich schätze, ich sollte dankbar dafür sein, dass er  nicht in diese Sache hineingezogen wird.«

Er nickte. »Vielleicht sollte ich Anyi nach Sachaka schicken.« Plötzlich wurde seine Miene distanziert und nachdenklich. Er schüttelte den Kopf und sah Sonea an. »Gibt es sonst noch etwas?«

»Nein. Und bei dir?«

»Nichts. Ich werde eine Nachricht an das Hospital schicken, wenn ich weiß, was Anyi vorhat. Könntest du für eine Weile hierbleiben, nur für den Fall, dass du verfolgt worden bist?«

»Sicher. Ich bin die Klette losgeworden.«

»Natürlich bist du das«, sagte er beschwichtigend.

»Du bezweifelst meine Fähigkeit, eine Klette abzuschütteln?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

»Ganz und gar nicht.«

Sie sah ihn mit schmalen Augen an. Er heuchelte Unschuld. Hinter ihm schob Gol ein Paneel in der Wand auf.

»Kommst du?«, fragte er.

Cery lächelte und wandte sich ab. Sonea schaute kopfschüttelnd zu, wie die beiden in die Dunkelheit schlüpften und das Paneel sich wieder schloss. Dann setzte sie sich hin und wartete, bis Cery und Gol eine gewisse Entfernung zwischen sich selbst und den Laden gebracht hatten, bevor sie sich auf den Rückweg zum Hospital machte.

Mit vollem Magen und einem angenehmen Brennen im Mund von den Gewürzen, die er zu sich genommen hatte, nippte Dannyl zufrieden an seinem Wein. Es tat gut, einmal vom Gildehaus wegzukommen. Heutzutage war das einzige sachakanische Haus, das Dannyl von innen zu sehen bekam, das von Achati. Es entsprach dem typischen Muster, aber die Wände waren im Innern in einer sanfteren Farbe gestrichen als dem traditionellen, grellen Weiß. Die Teppiche und Zierstücke waren schlicht und elegant, und er bevorzugte das weiche Licht von Lampen mit magischen Kugellichtern.

Dannyl hatte Varn, Achatis Quellsklaven und Liebhaber, seit ihrer gemeinsamen Suche nach Lorkin nicht mehr gesehen. Achati hatte seither auch nicht mehr davon gesprochen, dass sein Interesse an Dannyl über bloße Freundschaft hinausgehe – zumindest nicht direkt. Dannyl war sich nicht sicher, ob der Ashaki die Hoffnung auf eine solche Liaison aufgegeben hatte und jetzt damit zufrieden war, ihre Freundschaft zu genießen, oder ob der Mann Dannyl Zeit gab, um über die Idee nachzudenken.

Ich muss gestehen, ich hoffe, er hat nicht aufgegeben, aber gleichzeitig ist die Vorstellung, was für ein mächtiger Mann Achati ist, sowohl ernüchternd als auch interessant. Nicht zu vergessen die Tatsache, dass er Sachakaner ist und ich Kyralier bin und manche Leute immer noch das Gefühl haben, wir seien Feinde. Wenn ich einen Sachakaner zum Freund hätte, würde man das für vorteilhaft halten, weil es dem gegenseitigen Respekt und Verständnis unserer Völker zugutekäme. Hätte ich aber einen als Geliebten, so würde das nur den Verdacht geteilter Loyalität erwecken. 

»Also war der Schatz, der aus dem Palast gestohlen wurde, ein Gegenstand zum Einlagern von Magie«, sagte Achati mit nachdenklicher Miene.

Dannyl blickte auf und nickte. »Der König hat mir erzählt, dass vor langer Zeit etwas gestohlen wurde. Ich dachte, es würde Euch interessieren, was der Zweck des gestohlenen Gegenstands war.«

»Ja.« Fältchen der Erheiterung erschienen um Achatis Augen. »Wir haben uns nicht daran erinnert, was es war, nur dass es gestohlen wurde. Wenn wir uns doch nur daran erinnert hätten, dass es ein Gegenstand war, der benutzt wurde, um uns zu beherrschen – ein Gegenstand, der mächtig genug war, um das Ödland zu schaffen –, hätten wir vielleicht keinen solchen Groll gehegt. Oder doch gerade«, fügte er hinzu. »Da Euer Volk ihn schließlich tatsächlich benutzt hat, um das Ödland zu schaffen.«

»Ein Groll, der verdient ist.« Dannyl schauderte bei dem Gedanken an das tote Land, durch das er gereist war, um nach Arvice zu gelangen. »Ich habe mich oft gefragt, wie die Kyralier hier ihre Herrschaft aufrechterhalten haben. Soweit ich erkennen kann, waren nicht so viele kyralische Magier hier wie sachakanische. Vielleicht ist die Drohung des Lagersteins die Antwort.«

»Nicht lange nachdem der Gegenstand gestohlen wurde, haben die Kyralier die Herrschaft über mein Land aufgegeben«, erklärte Achati.

Dannyl nickte abermals. »Wir haben immer angenommen, unsere Vorfahren hätten es getan, weil sie glaubten, das Ödland sei Schutz und Abschreckungsmittel genug.«

Achati verzog das Gesicht. »Es hat Sachaka gewiss geschwächt. Wir hatten unsere fruchtbarsten Länder verloren und waren zu dem Zeitpunkt bereits ein Land mit mehr Menschen, als wir ernähren konnten, obwohl im Krieg so viele Ashaki ihr Leben gelassen hatten.« Er holte tief Luft und stieß sie dann langsam wieder aus. »Was Ihr vorhin gesagt habt, dass es Anfangserfolge bei der Rekultivierung des Ödlands gegeben habe, wird den König sicher interessieren. Es ist seine Hoffnung, dieses Land zurückzugewinnen.«

»Das wäre ein großer Erfolg.«

»Ja.« Achati runzelte die Stirn. »Es ist seltsam, dass die Kyralier keine Erinnerung an diesen Lagerstein haben.«

»Ich kann nur vermuten, dass alle Hinweise darauf bei Imardins Zerstörung verloren gingen, was, wie ich jetzt glaube, Jahrhunderte später geschah.« Dannyl seufzte. »Alle guten Entdeckungen werfen neue Fragen auf. Warum hat Narvelan den Stein gestohlen? Warum hat er ihn benutzt? Ich bezweifle, dass wir es jemals erfahren werden, da er und jene, die ihm vielleicht entgegengetreten sind, ihre Geschichte nicht mehr erzählen können.«

Achati nickte. »Ich wüsste gern, woher der Lagerstein kam. Hatte er seinen Ursprung in Kyralia? Wurde er geschaffen, oder war er natürlichen Ursprungs?« Achati schüttelte den Kopf. »Ich bin mir sicher, dass Ihr um Kyralias willen ebenso sehr Antworten auf diese Fragen sucht wie Eures Buches wegen. Jedem Land würde eine Katastrophe drohen, wie Sachaka sie erlitten hat, sollte eine solche Waffe in die Hände seines Feindes fallen.«

»Dankenswerterweise scheinen Lagersteine nicht allzu häufig zu sein. Möglicherweise gibt es gar keine mehr.«

Die beiden Männer schwiegen eine Weile und dachten darüber nach, dann lächelte der Ashaki wieder. »Ich muss zugeben, dass mich Eure Forschungen mehr und mehr interessieren. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich Euch sonst noch helfen kann.«

»Die Buchhändler auf dem Markt werden mich in Kenntnis setzen, wenn sie weitere alte Dokumente ankaufen«, entgegnete Dannyl. Achati hatte bereits genug getan, indem er verschiedene Ashaki dazu überredet hatte, dem Gildebotschafter ihre Bibliotheken zu öffnen, und Dannyl wollte nicht, dass sein neuer Freund und Verbündeter an Respekt verlor, weil er fortfuhr, die Ziele eines unbeliebten Fremdländers zu fördern.

»Ihr könnt Euch nicht auf sie verlassen«, sagte Achati. »Sie werden an den Höchstbietenden verkaufen. Und es besteht kein Grund für Euch zu warten, bis ein Gutsbesitzer verzweifelt genug ist, um seine alten Dokumente zu verkaufen. Es besteht keine Notwendigkeit, sie alle zu erwerben. Wir können zu den Ashaki hinfahren.«

Dannyl sah den Mann mit einem überraschten Blinzeln an. »Zu ihnen hinfahren? Sie besuchen?«

»Ja. Wie Ihr wisst, sind Landgüter verpflichtet, reisenden Ashaki eine Mahlzeit und ein Bett anzubieten, und als Freund und Repräsentant des Königs stehen mir zusätzliche Aufmerksamkeit und Vergünstigungen zu. Wenn ich ein Interesse an ihren alten Dokumenten zeige, sind die Chancen groß, dass sie sie uns zeigen werden. Auf diese Weise braucht Ihr nichts zu kaufen, und das wäre sinnvoll, weil einige Leute denken könnten, Ihr würdet vom Niedergang der Opfer des Ödlands profitieren, das Euer Volk geschaffen hat.«

»Aber … was ist mit Euren Pflichten als Repräsentant und Ratgeber des Königs? Was ist mit meinen Pflichten als Gildebotschafter?«

Achati lachte leise. »Der König hat mehr als einen Freund und Ratgeber, und Ihr seid kaum überhäuft mit Arbeit. Sollte sich irgendetwas ergeben, bin ich mir sicher, dass Botschafter Tayend und Eure Assistentin damit fertig werden können.« Dann wurde er wieder ernst. »Ich möchte, dass Ihr so viel wie möglich über den Lagerstein in Erfahrung bringt. Sollte es immer noch einen solchen Stein geben oder einer neu geschaffen worden sein, könnte das schreckliche Folgen für alle Länder haben.«

Dannyl stockte der Atem. Achati hatte recht: Wenn noch ein Lagerstein existierte oder neu geschaffen werden konnte, würde er sowohl für Sachaka als auch für die Verbündeten Länder eine große Gefahr darstellen. Was würden die Verräterinnen tun, wenn sie einen solchen Stein in die Hände bekämen? Sie würden sich gegen die Ashaki erheben. Aber würden sie sich damit begnügen, Sachaka zu erobern? Oder würden sie versuchen, ihr Herrschaftsgebiet weiter auszudehnen?

Bei diesem Gedanken machten ihm ein schlechtes Gewissen und eine gewisse Furcht zu schaffen. Er hatte Achati selbstverständlich nicht alles erzählt, was er wusste. Vor allem nichts von den Edelsteinen, auf deren Herstellung Unhs Volk und die Verräterinnen sich verstanden. Darüber hatte Dannyl nur zwei Personen in Kenntnis gesetzt: Lorkin und Administrator Osen. Osen hatte ihm zugestimmt, dass es das Beste sei, di


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eses Wissen geheim zu halten, da es Lorkin gefährden könnte, wenn Dannyl den Sachakanern Informationen über die Verräterinnen offenbarte.

Er schauderte. Kann ich die Sachakaner irgendwie warnen, dass die Verräterinnen imstande sind, magische Edelsteine zu fertigen, ohne dass es den Eindruck erweckt, ich hätte bereits früher davon gewusst?  Er glaubte nicht, dass ihm das möglich war.

Sollte ich Achatis Hilfe akzeptieren, um mehr über den Lagerstein in Erfahrung zu bringen?  Wenn es irgendwo noch Wissen über diese Waffe gab, dann in Sachaka. Die Sachakaner würden früher oder später darauf stoßen, wenn Dannyl ihnen nicht zuvorkam. Er sollte sich den Umstand zunutze machen, dass Achati willens war, die Suche für ihn zu übernehmen.

Wo würde ich die Suche beginnen? 

Er musste lächeln, als er die offensichtliche Antwort bedachte.

»Könnte diese Reise uns in die Nähe des Gebiets der Duna führen?«, fragte er.

»Der Duna?« Achati wirkte überrascht.

»Ja. Sie handeln schließlich mit Edelsteinen. Vielleicht können sie uns etwas über Lagersteine erzählen.«

Achati zog die Augenbrauen hoch. »Sie haben keine besondere Neigung, mit uns zu reden.«

»Nach dem, was ich von unserer letzten Reise in Erinnerung habe, haben die Sachakaner auch keine große Neigung, ihnen zuzuhören.«

Sein Freund zuckte die Achseln, dann kniff er die Augen zusammen. »Das ist richtig. Ihr und Unh habt ja recht gern miteinander geplaudert. Was hat er gesagt, das Euch auf die Idee bringt, seine Leute könnten uns vielleicht erzählen, was sie über Lagersteine wissen?«

Dannyl erwog seine nächsten Worte mit großem Bedacht. »Wir haben eine Höhle gefunden, in der an einer Wand Edelsteine wuchsen. Er hat mir erklärt, sie seien ungefährlich. Ich wusste, was er meinte, denn mir waren schon früher Edelsteine mit magischen Eigenschaften begegnet, in Elyne. Aber sie hatten natürlich keinerlei Ähnlichkeit mit dem Lagerstein.«

Achati zog die Augenbrauen hoch. »Wirklich?« Als Dannyl nicht antwortete, wirkte er erheitert. »Also … Unh wusste, dass sie gefährlich sein könnten. Ihr denkt, sein Volk hat Lagersteine?«

»Nein, aber ich denke, sie wissen vielleicht etwas über diese Steine. Vielleicht sind es nur Geschichten und Legenden, aber alte Erzählungen können Wahrheiten und historische Tatsachen enthalten.«

Der Ashaki musterte Dannyl, dann nickte er langsam. »Also auf nach Duna. Wir werden die Aschewüste aufsuchen und hoffen, dass Euer Charme und Eure Überzeugungskraft bei ihnen genauso gut wirken wie bei Unh.« Er wandte sich dem Sklaven zu, der in der Nähe wartete. »Bring uns Raka. Wir müssen Pläne schmieden.«

Ein Schauer der Erregung überlief Dannyl. Eine weitere Forschungsreise! Wie damals, als Tayend und ich …  Ein Stich des Schuldgefühls dämpfte seine Begeisterung. Was wird Tayend von mir denken, wenn ich mit Achati zu einem Abenteuer aufbreche, geradeso wie er und ich es zu Anfang unserer Bekanntschaft getan haben? Wird er eifersüchtig sein? Zumindest wird es ihn daran erinnern, was wir nicht länger teilen. Es scheint mir eine unfreundliche Art zu sein, ihm zu vergelten, dass er meine Aufmerksamkeit auf die Buchverkäufer auf dem Markt gelenkt hat. 

»Was ist los?«, fragte Achati.

Dannyl wurde klar, dass er die Stirn gerunzelt hatte. »Ich … ich würde gern die Erlaubnis der Höheren Magier einholen.«

»Haltet Ihr es für wahrscheinlich, dass sie ablehnen?«

»Nicht, wenn ich es so ausdrücke, wie Ihr es gerade getan habt.«

Achati lachte. »Dann sorgt dafür, dass Ihr mich gut nachahmt. Aber nicht zu gut. Wenn Ihr so klingt, als würdet Ihr zu einem sachakanischen Ashaki werden, rufen sie Euch stattdessen vielleicht nach Hause zurück.«

9

Erwartung und Betrug

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Als Damends Angriffe Pepeas Schutzschild durch brachen, spürte Lilia, dass der innere Schild, den sie aufrechterhielt, unter der Attacke schwächer wurde, und sandte ihm hastig mehr Macht.

»Gut gemacht«, sagte Lady Rol-Ley und nickte Damend zu. »Die dritte Runde geht an Damend. Als Nächstes werden Froje und Madie kämpfen.«

Die beiden Mädchen verzogen das Gesicht, erhoben sich und gingen widerstrebend auf die Lehrerin zu. Lilia ließ den inneren Schild um Pepea verschwinden und wartete auf Anweisungen der Lehrerin. Ley stammte aus dem Volk der Lans, das sich seiner kriegerischen Fähigkeiten rühmte, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Doch sie brachten nur wenige Magier hervor und keine allzu starken, also mochte Ley zwar körperlich in guter Verfassung und eine gute Strategin sein, aber sie brauchte Hilfe, um in ihrem Unterricht die nötigen Sicherheitsmaßnahmen zu treffen.

Ley sah Lilia an. »Beschützt Madie. Ich werde Froje beschirmen.«

Lilia legte Madie eine Hand auf die Schulter und suchte nach einem Gefühl für die Macht des anderen Mädchens, damit sie einen darauf abgestimmten inneren Schild schaffen konnte. Wenn er nicht darauf abgestimmt war, würde er Madie daran hindern, selbst anzugreifen.

Sie spürte nichts. Madie war steif und angespannt. Als sie aufschaute, sah sie, dass ihre alte Freundin abrupt den Blick abwandte. Die Macht des Mädchens war plötzlich da, deutlich fühlbar für ihre Sinne. Verärgert schuf Lilia den inneren Schild.

»Ich sehe keinen Sinn darin«, beklagte sich Froje. »Ich weiß, es wird von allen Magiern erwartet, dass sie sich in den Kampfkünsten üben, falls wir jemals wieder von einem anderen Land überfallen werden sollten, aber wir sind beide schrecklich schlecht darin. Wir wären in der Schlacht eher eine Belastung als ein Gewinn.«

Ley kicherte. »Ihr würdet Euch vielleicht selbst überraschen.«

»Das bezweifle ich. Gewiss hätten wir ohnehin keine Macht, mit der wir kämpfen könnten. Wir hätten all unsere Macht den Schwarzmagiern Sonea und Kallen gegeben.«

»Ihr könntet Stunden – sogar einen halben Tag – haben, um vor dem Beginn einer Schlacht ein wenig Stärke zurückzugewinnen, also wärt Ihr nicht vollkommen machtlos. Selbst wenn Sonea und Kallen besiegt würden, unser Feind würde durch den Kampf geschwächt werden. Es wäre ein Jammer, wenn wir die Feinde nicht besiegen und uns selbst retten könnten, nur weil einige von uns zu faul waren, sich in den Kriegskünsten zu üben. Jetzt nehmt Eure Positionen ein.«

Die beiden Mädchen schlurften zum Eingang der Arena hinüber.

Ley schüttelte seufzend den Kopf. »Sie wären nicht so schlecht, wenn sie ein wenig mehr trainieren würden«, bemerkte sie.

Lilia zuckte die Achseln. »Sie würden trainieren, wenn es ihnen Spaß machte. Und es würde ihnen Spaß machen, wenn sie gut darin wären.«

Ley sah Lilia an und lächelte. »Mögt Ihr die Kriegskünste?«

»Ich bin nicht gut darin. Ich bin nie dahintergekommen, wann ich welche Art von Angriff benutzen soll.«

Die Lehrerin nickte. »Ihr denkt nicht wie ein Angreifer. Aber Ihr seid stark, und Ihr seid aufmerksam. Das macht Euch zu einer guten Kriegerin für die Verteidigung.«

Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit stieg in Lilia auf. Also bin ich nicht schrecklich schlecht in den Kampfkünsten, aber ich werde auch keine große Kriegerin sein.  Es war irgendwie eine Erleichterung zu wissen, dass ihre Entscheidung, nicht diese Disziplin zu wählen, die richtige gewesen war. Jetzt muss ich mich nur noch zwischen der Heilkunst und der Alchemie entscheiden. 

Zumindest blieben ihr noch anderthalb Jahre, um ihre Wahl zu treffen. Naki hatte nur noch ein halbes Jahr, und sie war hin- und hergerissen zwischen Kriegskünsten und Alchemie. Sie machte sich Sorgen, dass sie es später bereuen würde, wenn sie Ersteres wählte, obwohl es ihre bevorzugte und beste Disziplin war, denn das einzig Nützliche, was sie in Friedenszeiten damit tun konnte, war das Unterrichten, und sie glaubte nicht, dass sie eine gute Lehrerin werden würde.

Während ich Alchemie interessanter finde, aber es scheint mir ein solcher Luxus zu sein, wenn ich doch als Heilerin für andere von größerem Nutzen sein könnte. 

Wenn sie beide Alchemie wählten, wäre es zumindest etwas, das sie gemeinsam haben würden, während Lilia weiterhin die Universität besuchte und Naki eine voll ausgebildete Magierin war, der es freistand zu tun, was immer ihr beliebte.

Ein Stich der Sorge durchzuckte Lilia. Sie konnte nicht umhin zu fürchten, dass Naki, sobald sie erst ihren Abschluss hatte, es müde werden würde, wenn Lilia ständig mit ihrem Unterricht beschäftigt war, und dass sie sich dann eine andere Freundin suchen würde. Aber ich greife voraus,  überlegte sie. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Naki überhaupt so viel Zeit mit mir verbringen will. Ich weiß nicht, ob sie mich auch liebt. 

Wie zum Protest gegen diesen Gedanken blitzte in ihr eine Erinnerung von Naki auf, die sich einen Finger auf die Lippen drückte, sich dann über die Kutschbank beugte und Lilia den Finger auf die Lippen legte. Sie hatte Lilia bei der Gilde abgesetzt, nachdem sie das Glühhaus verlassen hatten. Lilia war außerstande gewesen, ihre Enttäuschung zu verbergen. Sie hatte gehofft, dass Naki sie mit nach Hause nehmen würde.

»Wir sehen uns morgen«, hatte Naki gesagt. »Vergiss nicht, wir dürfen uns nicht anmerken lassen, dass wir vielleicht mehr sind als Freundinnen. Verstehst du? Nicht eine Andeutung. Nicht einmal dann, wenn du denkst, wir seien allein. Es ist der Beobachter, den du nicht siehst, der dich ertappt.«

»Mehr als Freundinnen.« Das heißt bestimmt, dass Naki mich ebenfalls liebt. 

Ein plötzlicher Aufprall auf ihrem Schild lenkte ihre Aufmerksamkeit jäh zurück auf die Arena, und sie zog instinktiv mehr Magie in sich hinein und sandte sie in ihren Schild.

»Die erste Runde geht an Froje«, verkündete Lady Rol-Ley. »Beginn von Runde zwei.«

Am Tag nach ihrem Besuch im Glühhaus hatte Naki gesagt, Lilia könne am Wochenende bei ihr zu Hause übernachten. Lilia versuchte, nicht darüber nachzudenken. Stattdessen holte sie tief Luft und zwang sich, sich auf die beiden in der Arena kämpfenden Mädchen zu konzentrieren und darauf, ihren Schild stark zu halten.

Aber die ganze Zeit flatterte ihr Magen vor Erregung.

Sobald er die Tür öffnete, verstand Lorkin sofort, warum Evar diesen Durchgang in seiner Wegbeschreibung als Tunnel bezeichnet hatte. Die Wände waren nur grob behauen. Über eine lange Strecke hinweg sah es aus, als folge er einer natürlichen Kluft des Gesteins, deren Grund mit Steinplatten bedeckt war und deren Wände sich über seinem Kopf langsam verjüngten, bis sie in der Dunkelheit unkenntlich wurden. Seine Vermutung entpuppte sich als richtig, als der Boden abrupt endete. Er spähte über den Rand und sandte seine Lichtkugel voraus. Der Spalt führte nach unten, und die Steinplatten des Bodens waren einfach zwischen den Wänden verkeilt worden, wie er jetzt feststellte. Es war unmöglich zu erraten, wie tief es hinabging. Das Licht seiner Kugel drang nicht weit genug in die Dunkelheit vor.

Schaudernd wandte er sich einem großen, auf einer Seite in den Fels gehauenen Loch zu und trat hindurch in einen weiteren grob in den Stein gemeißelten Stollen. Dieser führte über einige Entfernung geradeaus, und Lorkin begriff, dass er inzwischen weit von den bewohnten Höhlen der Stadt entfernt sein musste.

Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass ich die Stadt verlasse,  überlegte er. Denn damit würde ich gegen eine Bestimmung verstoßen. Ich könnte zwar einwenden, dass mir unbekannt gewesen sei, dass die Abwasserkanäle außerhalb der Stadt liegen, aber ich glaube nicht, dass allzu viele Verräterinnen so bereitwillig an meine Unschuld glauben würden wie beim letzten Mal, wenn man mich wieder auf Abwegen ertappte. 

Wenn es Tyvara nur gestattet gewesen wäre, sich mit ihm zu treffen. Dann würde er sie einfach in ihren Räumen besuchen können. Er hätte gern gewusst, wie ihre Räume aussahen. Und was sie ihm über sie verraten würden.

Manchmal habe ich das Gefühl, zu wenig über sie zu wissen,  dachte er. Ich weiß nur das, was andere mir über sie erzählen und was ich auf der Reise von Arvice ins Sanktuarium von ihr erfahren habe. Aber niemand wird mir beschreiben, wie es in ihren Räumen aussieht. Nun, ich würde sie allerdings nicht weniger lieben, wenn ihre Einrichtung einen furchtbaren Geschmack offenbarte oder sie in einem schlimmen Durcheinander lebte … 

Der Gang begann sich sanft zu biegen. Nach einigen hundert weiteren Schritten sah er vor sich ein Licht. Er verkleinerte seine Lichtkugel so weit, dass er gerade noch genug erkennen konnte, um nicht zu straucheln, und dämpfte seine Schritte.

Als er sich dem Ende des Tunnels näherte, drang ein Rauschen an sein Ohr.

Er starrte voraus, konnte aber niemanden entdecken. Als er aus dem Tunnel trat, fand er sich auf einem Sims wieder, der in die Wand eines gewaltigen, natürlichen Tunnels gehauen worden war. Das Rauschen wurde jäh lauter und schien einem eigenen Rhythmus zu folgen. Er beugte sich etwas vor, um hinabschauen zu können, und sah einen schmalen, aber schnell fließenden Fluss unter sich; der Sims befand sich um das Mehrfache der Höhe eines Hauses darüber. Ein großes Wasserrad beförderte Wasser aus einem Nebentunnel in den größeren Strom. Dieses Wasser war von einer dunkleren Farbe.

Das ist die Kanalisation,  begriff er.

Die Luft roch nicht so stark, wie er befürchtet hatte, was vielleicht daran lag, dass er sich nicht in der Nähe des dunklen Wassers und des Wasserrads befand. Wenn man einen solchen Mechanismus aus einer gewissen Entfernung bedienen kann, warum sollte man das nicht tun? Und ich nehme an, man könnte auch einen magischen Schild schaffen, der die verdorbene Luft zurückhält. 

»Lorkin.«

Beim Klang der Stimme fuhr er zusammen, aber er konnte deren Urheberin nicht entdecken.

»Hier oben.«

Er blickte auf und sah, dass zwei Frauen ihn von einem weiteren, höher gelegenen Sims herab beobachteten. Sie saßen auf einer aus dem Fels gehauenen Bank. Eine war Tyvara, und die andere …

Er blinzelte überrascht und bestürzt, als ihm klar wurde, dass die andere Frau die Königin war.

Er fasste sich und drückte sich hastig die Hand aufs Herz, um sich zu verbeugen. Die Königin lächelte und winkte ihn heran. Er sah sich um, entdeckte aber weder eine Treppe noch eine Leiter.

»Du kannst doch schweben, oder?«, fragte ihn Tyvara.

Er nickte, schuf eine Kraftscheibe unter seinen Füßen und schwebte darauf zu dem höheren Sims empor.

»Verletze ich irgendwelche Bestimmungen, indem ich hier bin?«, fragte er die Königin. »Ich weiß, dass Tyvara nicht mit mir sprechen soll.«

»Mach dir darüber keine Gedanken«, erwiderte Zarala und winkte ab. »Hier ist ja niemand, der es sehen könnte. Tatsächlich haben wir gerade von dir gesprochen.«

Er blickte zwischen ihr und Tyvara hin und her und bemerkte das erheiterte Glitzern in den Augen der beiden, als er auf den Sims hinübertrat. »Ich hoffe, nur Lobenswertes und Bewunderungswürdiges.«

»Das wüsstest du wohl schrecklich gern?« Zarala lachte, und die Fältchen um ihre Augen vertieften sich.

Einmal mehr stellte er fest, dass er sie automatisch mochte. Er fragte sich, wo ihre Helferin war. Wie war sie ganz allein hierhergekommen?

»Also, warum bist du hier?«, wollte die Königin wissen. Sie klopfte auf den Platz neben sich.

Er schaute Tyvara an, als er sich setzte. »Um mich bei Tyvara für einen Gefallen zu bedanken, den sie mir erwiesen hat.«

»Tatsächlich? Welchen Gefallen?«

»Ein Rat persönlicher Natur.«

Zarala zog die Augenbrauen hoch und sah Tyvara an. Die junge Frau erwiderte ihren Blick herausfordernd. Das Lächeln der Königin wurde breiter, und sie drehte sich wieder zu Lorkin um.

»Es hat nicht zufällig etwas mit dem Zustand zu tun, in dem sich dein Freund Evar vor einigen Tagen befand, oder?«

Er zog die Brauen zusammen. »Ich muss sagen, die Verräterinnen sind in meinem Ansehen gesunken, als ich erfuhr, dass es keine Bestrafung dafür geben würde.«

Die Miene der Königin wurde ernst. »Man hat ihn nicht dazu gezwungen.«

»Aber es ist gewiss gefährlich, einen Menschen so zu erschöpfen.«

»Ja, es war unvorsichtig.«

»Und vorsätzlich?«

Sie bedachte ihn mit einem strengen Blick. »Gib gut acht, welche Anklagen du gegen andere vorbringst, Lord Lorkin. Wenn du solche Behauptungen aufstellst, solltest du besser in der Lage sein, sie zu beweisen.«

»Ich bin mir sicher, dass Evar der einzige Zeuge war, und er wird mir kaum dabei helfen. Er scheint zu denken, dass es, wenn er das Bett mit einer Frau teilen will, der natürliche Preis ist, gedemütigt zu werden und Schaden zu nehmen.« Er sah Zarala eindringlich an.

Sie nickte. »Unsere Sitten sind nicht ohne Fehler. Wir mögen nicht in allen Dingen gerecht und gleichberechtigt sein, aber wir kommen diesem Ideal näher als jede andere Gesellschaft.«

»Zumindest haben  wir ein solches Ideal«, ergänzte Tyvara. »Ein großer Teil des Widerstands gegen Veränderungen entspringt dem Wissen, dass wir das einzige Volk sind, das von Frauen regiert wird. Wenn wir uns nicht isolieren, werden wir am Ende vielleicht so sein wie alle anderen.«

»Aber wir können nicht ewig in diesem Zustand verharren«, fuhr Zarala mit bekümmerter Miene fort. »Wir haben nur begrenzten Platz. Nur begrenztes bebaubares Land.« Sie schaute auf die Kanalisation hinab. »Selbst dies hier hat Grenzen. Unsere Vorgänger haben Tunnel in den Fels gehauen und den Lauf von Flüssen verändert, um unsere Abwässer auf die andere Seite der Berge zu leiten. Wenn wir sie in sachakanische Wasserwege fließen ließen, würden die Ashaki es vielleicht bemerken und ihnen zurück zu ihrer Quelle folgen. Aber wenn unsere Zahl wächst, werden vielleicht nicht einmal die elynischen Flüsse groß genug sein, um unsere Abwässer zu verbergen, und sie könnten anfangen sich zu fragen, woher sie kommen.«

»Einige von uns wollen die Zahl der Kinder beschränken, die wir haben dürfen«, sagte Tyvara. Sie sah ihn an. »Einige wollen Nichtmagier sogar daran hindern, überhaupt Kinder zu bekommen.«

Die Königin seufzte. »Sie erkennen nicht, dass auch solche Maßnahmen ändern würden, wer wir sind … Veränderung ist unausweichlich. Statt schlimme Konsequenzen und Vernachlässigung über unsere Zukunft entscheiden zu lassen, sollten wir beschließen, uns selbst zu verändern.« Sie sah ihn lächelnd an. »Wie dein Volk es getan hat.«

Er erwiderte ihren Blick und fragte sich, auf welche Veränderungen sie anspielte. Die Aufnahme von Novizen von außerhalb der Häuser? Oder – ein Gefühl der Bestürzung stieg in ihm auf – die eingeschränkte Duldung von schwarzer Magie?

Ich denke nicht, dass sie darüber Bescheid wissen … 

»Welche Veränderungen würdest du denn vornehmen wollen?«, fragte er, um vom Thema abzulenken.

Sie grinste. »Oh, du wirst einfach abwarten müssen, um das herauszufinden.« Sie schlug sich auf die Knie und blickte zwischen Lorkin und Tyvara hin und her. »Nun, es wird Zeit, dass ich meine Runden fortsetze und euch zwei allein lasse.«

Als sie Anstalten machte, sich zu erheben, legte Tyvara der alten Frau eine Hand unter den Arm. Lorkin tat rasch das Gleiche. Sobald sie stand, hielt Zarala inne, dann trat sie einen Schritt vor. Gleichzeitig begann sie von ihnen fortzuschweben. Lorkin betrachtete die schimmernde Luft unter ihren Füßen und lächelte.

So ist sie also hier heraufgekommen. 

»Lass dich nicht zu sehr ablenken, Tyvara«, rief sie über ihre Schulter. Dann verschwand sie im Tunnel, und das schwache Leuchten einer Lichtkugel flackerte auf, um für einen Moment die Wände zu erhellen.

Tyvara setzte sich, und Lorkin folgte ihrem Beispiel.

»Also … hat Kalia dich laufen lassen, oder hast du dich fortgeschlichen?«, fragte sie.

Er zuckte die Achseln. »Es ist alles ein wenig ruhiger geworden, also habe ich angefangen, sie mit Fragen über die Heilmittel zu belästigen, die sie herstellt.«

Sie lächelte. »Das dürfte seinen Zweck erfüllt haben. Warum bist du hierhergekommen?«

»Um mich bei dir zu bedanken. Danke übrigens.«

»Für die Warnung? Ich dachte, du hättest gesagt, du hättest nicht die Absicht, in irgendjemandes Bett zu steigen?«

»Das ist richtig.«

Sie musterte ihn nachdenklich, öffnete den Mund, um zu sprechen, schloss ihn dann jedoch wieder.

»Es sei denn, du würdest mich dazu auffordern«, fügte er hinzu.

Sie zog die Augenbrauen hoch, und ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen, aber dann wandte sie den Blick ab und schaute auf die Kanalisation hinab. Es war kaum eine romantische Ablenkung, daher beschloss er, das Thema zu wechseln.

»Also … du drehst dieses Rad mit Magie?«

»Das stimmt.«

»Es muss nach einer Weile langweilig werden.«

»Ich finde es entspannend.« Sie blickte auf und seufzte. »Manchmal zu entspannend.«

»Soll ich bleiben und dich unterhalten?«

Sie lächelte. »Wenn du Zeit hast. Ich will dich nicht von der Krankenstation fernhalten.«

Er schüttelte den Kopf. »Kalia sagte, ich solle ein paar Stunden wegbleiben.«

Tyvara schnaubte verächtlich. »Sie ist nicht die Einzige, die die Rezepturen der Heilmittel kennt. Es wäre sehr dumm, wenn nur eine einzige Person dieses Wissen hütete.«

»Das wäre es.« Lorkin zuckte die Achseln. »Aber ich denke, wenn ich nicht willens bin, die Heilverfahren der Gilde mit ihr zu teilen, warum sollte sie dann ihr Wissen mit mir teilen? Außerdem verschafft mir das etwas Zeit, in der ich herkommen und dich treffen kann. Selbst wenn ich es eigentlich nicht soll.«

Sie lächelte. »Wenn wir entdeckt werden, werden wir klarmachen müssen, dass nur du geredet hast und ich nie ein Wort erwidert habe.«

»Das lässt sich machen. Oder alternativ, dass ich, solltest du etwas gesagt haben, es nicht gehört habe. Aber bist du dir sicher, dass überhaupt jemand verstehen wird, was wir meinen, und nicht einfach nur denken wird, ich sei eben ein typischer Mann?«

Sie lachte. »Dafür kann ich nicht garantieren. Aber ich bin mir sicher, dass wir irgendwie in der Lage sein werden, zu übermitteln, was wir wirklich sagen wollen.«

»Wir könnten heute Nacht Schnee bekommen«, bemerkte Rothen.

Sonea sah ihn an, dann verzog sie das Gesicht. »Der erste Schnee des Jahres. Wenn ich ihn sehe, kann ich nicht umhin, mich an die Säuberung zu erinnern. Selbst nach so vielen Jahren.«

Er nickte. »Ich erinnere mich ebenfalls.«

»Wisst Ihr, es gibt Erwachsene , die sie nie erlebt haben.«

»Die niemals begreifen werden, wie schrecklich es war – und das ist etwas Gutes.«

»Ja. Man wünscht sich, dass die eigenen Kinder es für selbstverständlich halten, dass sie ein besseres Leben haben als man selbst, aber gleichzeitig hofft man, dass sie es nicht für zu selbstverständlich halten, für den Fall, dass sie aus Unwissenheit die Wiederkehr schlimmer Dinge zulassen.«

»Solche Sorgen machen uns zu langweiligen alten Männern und Frauen«, sagte Rothen und seufzte.

Sonea kniff die Augen zusammen. »Wer nennt hier wen ›alt‹?«

Er lachte leise und erwiderte nichts. Sie lächelte und schaute wieder zum Universitätsgebäude. Wie lange war es her, seit sie die kunstvolle Fassade wahrgenommen hatte, die sie einst mit solcher Ehrfurcht erfüllt hatte? Auch ich nehme wunderbare Dinge für selbstverständlich. 

»Da kommen sie«, murmelte Rothen.

Als Sonea sich umdrehte, sah sie, dass die Tore der Gilde sich öffneten. Eine Kutsche wartete dahinter. Schon bald war der Weg frei, und die Pferde setzten sich in Bewegung und zogen den Wagen hindurch und über die Straße zur Treppe der Universität.

Der Kutscher ließ die Pferde halten. Die Kutsche schwankte, dann wurde die Tür geöffnet, und eine vertraute, in Roben gewandete Gestalt beugte sich vor und grinste sie an.

»Nett von Euch, meinetwegen aufzubleiben«, sagte Dorrien. Er sprang herunter, dann drehte er sich um und ergriff eine behandschuhte Hand, die in der Tür aufgetaucht war. Ein Ärmel erschien und dann der Kopf einer Frau. Sie spähte hinaus und blinzelte zuerst Sonea, dann Rothen an.

Ein Ausdruck des Wiedererkennens trat in Alinas Augen, als sie den Vater ihres Mannes sah, und sie lächelte schwach. Sie musterte Sonea abermals, und eine Falte zwischen ihren Brauen vertiefte sich. Dann senkte sie den Blick auf Soneas Roben und zwang sich zu einer ernsten Miene.

Dorrien half ihr beim Aussteigen, dann tat er das Gleiche für seine beiden Töchter. Die Ältere, Tylia, erschien als Erste. Sie kam im Aussehen nach ihrer Mutter, bemerkte Sonea. Yilara, die Jüngere, ignorierte die dargebotene Hand ihres Vaters und sprang leichtfüßig die Stufen hinunter. Und diese da schlägt nach Dorrien,  ging es Sonea durch den Kopf.

Als Nächstes wurden alle miteinander bekannt gemacht und Worte des Willkommens getauscht. Sonea stellte zu ihrer Erheiterung fest, dass Alina nicht auf ihre Begrüßung reagierte und sich dann damit beschäftigte zu überprüfen, dass ihre Töchter präsentabel waren. Sobald sie sich davon überzeugt hatte, ergriff sie Dorriens Arm und sah Sonea mit einem Ausdruck an, der beinahe trotzig war.

Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe,  überlegte Sonea. Oder ob ich etwas an mir habe, das sie abstoßend findet.  Sie widerstand dem Drang, bitter über ihre eigenen Gedanken zu lachen. Nun, da sind diese schwarzen Roben und die Magie, für die sie stehen. 

Oder es konnte sein, dass Dorrien Alina erzählt hatte, dass er und Sonea beinahe eine Art Romanze begonnen hätten. Dass sie sich einmal geküsst hatten.

Gewiss hatte er das nicht getan. Er mag ihr von unserer sehr kurzen Verbindung erzählt haben, aber mehr nicht. Er ist klug genug, um zu wissen, dass man die Frau, die man liebt, nicht mit den Einzelheiten der Beziehungen quälte, die man vor ihr hatte.  Sie erinnerte sich an ihre eigene Eifersucht, als Akkarin ihr von der jungen Sklavin erzählte, die er geliebt hatte. Obwohl sie gewusst hatte, dass das Mädchen lange tot war, hatte sie einen gewissen Groll nicht unterdrücken können.

»Schwarzmagierin Sonea!«, erklang eine neue Stimme.

Sie drehte sich um und sah einen Boten, der auf sie zulief.

»Ja?«, erwiderte sie.

»Eine Nachricht … angekommen … im Nordseite-Hospital«, sagte der Mann atemlos. »Ich bin direkt hergelaufen … zu Fuß, keine Verzögerungen.« Als er sie erreichte, übergab er ihr ein zusammengefaltetes Stück Papier.

»Danke«, sagte sie. Sie faltete das Papier auseinander. »Triff den Verräter in Einer Stunde im Pachi-Baum.«  Cery hatte gewiss eine Schwäche dafür, Wörter mit großen Anfangsbuchstaben zu schreiben, ging es ihr durch den Kopf. »Und könntest du eine Kutsche für mich bereit machen lassen, so schnell wie möglich?«

Der Bote verneigte sich und eilte davon.

»Was ist passiert?«, wollte Dorrien wissen.

Sie blickte zu ihm auf, dann sah sie seine Familie und Rothen an. »Es tut mir leid, aber ich werde nicht mit Euch zu Abend essen können.«

Dorrien machte einige Schritte auf sie zu und zwang Alina damit, seinen Arm loszulassen. Die Frau runzelte finster die Stirn.

»Hat das etwas mit der Suche zu tun? Kann ich helfen?«

Sonea lächelte schief. »Du wirst noch reichlich Gelegenheit bekommen zu helfen, Dorrien. Heute Abend helfe ich lediglich einem Freund aus. Du sieh zu, dass du etwas zu essen bekommst und dich einrichtest.«

»Ist es Cery?« In Dorriens Augen brannte Interesse. Alinas Augen glühten förmlich vor Ärger und Sorge. Die Augen der Mädchen waren groß vor Neugier.

Sonea seufzte leise. »Als ob ich dir das gerade hier erzählen würde, vor der Universität. Du solltest besser lernen, ein wenig subtiler zu sein, falls du mir von irgendeinem Nutzen sein möchtest.«

Er belächelte ihren neckenden Tonfall. »Also schön, für heute Abend werde ich den ganzen Spaß dir überlassen. Aber beim nächsten Mal solltest du mich besser nicht ausschließen.«

Aus der Richtung, in der die Ställe lagen, kam das Knirschen von Kutschenrädern. Sonea drehte sich zu dem Geräusch um und lief los. »Ich werde euch alle morgen sehen«, rief sie noch über die Schulter.

Als der Fahrer der Kutsche ihre Eile bemerkte, trieb er die Pferde zu einer höheren Geschwindigkeit an, bevor er abrupt vor Sonea anhielt. Sie nannte ihm das Ziel und stieg in den Wagen.

Unterwegs dachte sie über Alinas kaum verhohlene Feindseligkeit ihr gegenüber nach. Habe ich es mir nur eingebildet?  Sie schüttelte den Kopf. Das denke ich nicht. Habe ich etwas getan, um es zu verursachen? Nichts, es sei denn, in Dorriens Dorf gilt es als unhöflich, zu lächeln und jemanden willkommen zu heißen, was ich bezweifle. Und wenn es so etwas gäbe, würde Dorrien es uns erzählen. 

Alina hatte die Gilde schon einige Male besucht. Beim ersten Mal war sie eine schüchterne junge Frau gewesen, deren Aufmerksamkeit so auf Dorrien konzentriert gewesen war, dass sie Sonea vielleicht nicht einmal bemerkt hatte. Beim nächsten Mal war Alina mit einem winzigen Baby und einem kleinen Kind derart beschäftigt gewesen, dass Sonea sie kein einziges Mal gesehen hatte. Bei einer anderen Gelegenheit war Sonea zu sehr mit der Behandlung eines winterlichen Fiebers in den Hospitälern beschäftigt gewesen, um sich mit Dorrien oder dessen Frau zu treffen.

Nun, Dorrien ist


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entschlossen zu bleiben, bis Tylia in der Universität ist, also habe ich sechs Monate und länger, um herauszufinden, was Alina so zusetzt – seien es frühere Romanzen oder schwarze Magie –, und ihr zu versichern, dass sie keinen Grund zur Sorge hat.
 

Die Kutsche verlangsamte ihr Tempo und bog dann in den Eingang des Hospitals ein. Sonea stieg aus und eilte ins Gebäude, wo sie Heiler und Hospitalhelferinnen begrüßte. Heilerin Nikea, die Anführerin der Heiler, die Sonea bei Lorandras Ergreifung geholfen hatten, führte Sonea in den Lagerraum.

»Bleibt Ihr hier, oder geht Ihr wieder fort?«, fragte Nikea.

»Ich muss noch einmal weg«, antwortete Sonea. »Aber keine Maskerade«, fügte sie hinzu, als die junge Frau auf den Karton zuging, in dem Soneas Gewänder lagen, die sie als Hospitalarbeiterin auswiesen. »Einfach etwas Schlichtes, das ich über die Robe ziehen kann.«

Nikea nickte und kramte in dem schlecht beleuchteten hinteren Teil des Raums herum. Dann kam sie mit einem Gewand mit Ärmeln zurück.

»Hier«, sagte sie. »Umhänge gelten auf den Straßen als ein wenig altmodisch. Diese hier sind beliebter.«

Es war ein Mantel von überraschend leichtem Material. Sonea schlüpfte hinein. Wenn auch oben herum wie eine gewöhnliche Jacke geschnitten, war er unter der Brust ausgestellt und weit. Der Saum strich über den Boden. »Er ist ein wenig lang für mich.«

»So trägt man sie. Man knöpft ihn nur bis zum Oberschenkel zu, so dass die Vorderseite aufklafft, wenn man einen Schritt tut. Die Leute werden Eure Roben sehen, aber sie werden annehmen, es handle sich um einen Rock.«

Sonea zuckte die Achseln. »Ich will nicht, dass sie mich erkennen, bevor ich direkt vor ihnen stehe.«

»Dann wird das Euren Zwecken wunderbar genügen.« Nikea lächelte, dann schaute sie nach, ob niemand außer Heilern im Flur war, bevor sie Sonea bedeutete, durch die Tür zu treten.

Schon bald ging Sonea durch Nordseite. Sie verlangsamte ihre Schritte. Der Pachi-Baum war nicht weit weg, und sie wollte nicht zu früh eintreffen. Einen Block von dem Bolhaus entfernt trat einer von Cerys Arbeitern, die sein volles Vertrauen genossen, aus einer Tür und schob ihr einen Korb hin.

»Wenn im Fenster oben rechts die Sichtblende geöffnet wird, geht es los«, sagte der Mann, zog eine leuchtend gelbe Glasflasche hervor und hielt sie ihr unter die Nase. Ein widerlich süßer Geruch bestürmte sie.

»Und dann?«, fragte sie und wedelte das Parfüm weg.

»Ihr geht hinein. Geradewegs die Treppe zur Linken hinauf in den dritten Stock. Die letzte Tür rechts.« Er verkorkte die Flasche und hob schnell eine weitere aus dem Korb, diesmal eine aus hell purpurfarbenem Glas. Das Parfüm roch überwältigend nach Moschus. Sie zuckte zusammen.

»Treppe auf der linken Seite. Dritter Stock. Letzte Tür rechts«, wiederholte sie.

»Gut. Meine Frau verkauft diese Düfte. Sie stellt einige selbst her; andere kauft sie auf den Märkten.«

Die dritte Flasche war schwarz. Der Inhalt roch nach Borke und Erde, was überraschend angenehm war.

»Dieser gefällt Euch«, bemerkte er und hob die Augenbrauen.

»Ja, aber ich kann mir nicht vorstellen, ihn zu tragen.«

»Ihr tragt oft Parfüm?«

»Eigentlich … überhaupt nicht.«

»Nun, probiert diesen Duft – er ist neu.«

Die nächste Flasche war viereckig und dunkelblau. Der Duft war frisch und leicht und erinnerte sie an eine Meeresbrise – aber nicht an Fische oder faulige Gräser – oder an den Geruch der Luft nach einem Unwetter.

»Das ist … interessant.«

»Ihr braucht das Parfüm nicht zu tragen«, erklärte er ihr. »Ihr könnt einfach einige Tropfen auf ein Tuch geben und es einen Raum beduften lassen.«

Sie griff nach ihrem Geldbeutel. »Wie viel?«

Er nannte einen Preis. Sie machte sich nicht die Mühe zu feilschen, da sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung in dem Fenster wahrnahm, auf das er sie hingewiesen hatte. Die Sichtblende glitt nach oben.

Er reichte ihr die Flasche, lächelte und neigte dankbar den Kopf, während er sich zurückzog. Sie nickte ihm einmal zu, dann ging sie zu dem Bolhaus hinüber und schob die Flasche in eine der Innentaschen des Mantels.

Mehrere Gäste blickten auf, als sie eintrat, und es war offensichtlich, dass sie bemerkt hatten, dass sie nicht die typische Besucherin war. Sie ging auf eine schmale Treppe zu, die an der linken Seite des Raums in die Wand eingelassen war. Die Treppe war steil, und schon bald hatte Sonea den dritten Stock erreicht. Im Flur standen zwei Männer, die sie argwöhnisch musterten. Die Tür zum letzten Raum auf der rechten Seite war offen, und sie konnte Stimmen hören. Eine gehörte Cery. Laut vor Ärger.

Welchen Streit Cery und Anyi auch arrangiert hatten, er fand gerade jetzt statt.

Die beiden Männer traten vor, um ihr den Weg zu versperren. Sie schob sie mit Magie zur Seite. Sobald sie begriffen, dass die Macht, mit der sie es zu tun hatten, magischer Natur war, wichen sie hastig vor ihr zurück. Einer rief eine Warnung.

Ein Mann spähte durch die Tür des letzten Raums und sah sie. Einen Herzschlag später kamen drei Leute aus dem Raum gerannt und stürmten die Treppe am Ende des Flurs hinunter. Eine der Personen war Anyi, wie sie sah. Als sie begriff, dass sie zu spät gekommen war, um den Angriff auf Cery zu verhindern, eilte sie zu der Tür und schaute in den Raum.

Cery und Gol standen mit Messern in der Hand auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Zimmers, aber sie lächelten und waren unversehrt. Sie seufzte vor Erleichterung.

»Sieht so aus, als wäre ich gerade noch rechtzeitig gekommen«, bemerkte sie, trat ein und schloss die Tür hinter sich.

Cery lächelte. »Der Zeitpunkt war perfekt«, sagte er. »Danke.«

»Das Mindeste, was ich tun konnte«, erwiderte sie. »Also, willst du hierbleiben oder dich aus dem Staub machen?«

Er schaute Gol an, der ein wenig blass und sehr erleichtert wirkte. »Ich denke, wir sollten besser weiterziehen. Willst du uns begleiten?«

»Ob ich das will?«, erwiderte sie.

Cery grinste. »Keine Bange. Ich werde dich an keinen Ort bringen, an dem du nicht gesehen werden willst.« Er klopfte mit dem Fuß auf den Boden, und neben ihm sprang eine Falltür auf.

Natürlich hatte er eine Fluchtroute in der Hinterhand, obwohl ich bezweifle, dass er eine Chance gehabt hätte, sie zu benutzen, wäre ich nicht aufgetaucht. 

Cery machte einen Schritt auf die Falltür zu, dann hielt er inne und sah sie abschätzend an. »Übrigens«, bemerkte er. »Hübscher Mantel.«

10

Geteilte Geheimnisse

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Etwas packte Lorkin an der Schulter und schüttelte ihn. Er riss die Augen auf und starrte einen grinsenden Evar an.

»Was?«, fragte er, während er gegen eine schwere Müdigkeit kämpfte. »Was ist passiert?«

»Nichts«, versicherte ihm Evar. »Aber wenn du nicht bald aufstehst, wirst du zu spät kommen.«

Lorkin richtete sich auf und betrachtete blinzelnd die leeren Betten um sich herum. Wenn die meisten Männer schon fort waren, hatte er sich bereits verspätet. Er stöhnte, rieb sich das Gesicht und stand auf.

»Ich wünschte, hier gäbe es Zeitmesser«, jammerte er. »Wie soll ich pünktlich aufwachen, wenn ihr keine Alarmglocken habt?«

»Einige der Frauen haben welche. Aber hier … auf welche Zeit sollten wir sie einstellen?«, erwiderte Evar achselzuckend. »Wir alle schlafen zu verschiedenen Zeiten und stehen zu verschiedenen Zeiten auf.«

Lorkin seufzte und begann seine Nachtgewänder gegen eine schlichte Hose und ein Hemd zu tauschen, Kleidungsstücke, die ihm von allen Stilrichtungen der Männerkleider bei den Verräterinnen am besten gefielen. Evar brachte ihm einen Teller mit Brot; die Schicht der süßen Fruchtpastete darauf war so dick, dass sie gegen die Regeln der Winterrationierung verstoßen musste. Lorkin aß hastig und redete sich ein, er tue es nur, um schneller in die Krankenstation zu kommen, nicht um den Beweis für Evars Verschwendung zu verbergen.

»Leota hat gestern Nacht mit mir geredet«, sagte Evar zwischen zwei herzhaften Bissen.

Lorkin hielt inne und musterte seinen Freund. Die Miene des Mannes war sehnsüchtig.

»Sie hat gesagt, sie habe unseren gemeinsamen Abend genossen«, fuhr Evar mit einem schwachen Lächeln fort.

Lorkin kaute, schluckte dann schnell und bedachte seinen Freund mit einem strengen Blick. »Ich bin mir sicher, dass sie das getan hat.«

Evar sah Lorkin an und zuckte die Achseln; sein Lächeln war verschwunden. »Oh, ich weiß, höchstwahrscheinlich meint sie, dass sie es genossen hat, den magischen und politischen Lohn zu ernten, aber es besteht eine Chance, dass sie die andere Art von Vergnügen nicht geheuchelt hat.«

»Fühlst du dich versucht, es herauszufinden?«, fragte Lorkin.

Evar schüttelte den Kopf. »Nun, zumindest nicht bis ich wieder das Gefühl habe, dass es den Preis wert ist«, erwiderte er und nahm noch einen Bissen.

»Du würdest ihr noch einmal vertrauen?« Lorkin war außerstande, die Ungläubigkeit aus seiner Stimme herauszuhalten.

»Ich habe ihr schon beim ersten Mal nicht vertraut«, sagte Evar mit vollem Mund. Er hielt inne, um zu schlucken. »Ich wusste, was geschehen könnte. Es musste einfach Leute geben, die dachten, ich solle dafür bestraft werden, dass ich dich zu der Höhle gebracht habe. Wenn nicht auf diese Weise, dann hätten sie eine andere Möglichkeit gefunden.« Er grinste. »Aber auf die Art hatte ich wenigstens etwas Spaß dabei. Und auch wenn diese Leota opportunistisch sein mag, hat sie doch einen wunderbaren Körper.«

Lorkin starrte seinen Freund an, außerstande zu entscheiden, was er darauf erwidern sollte. Ich kann kaum sagen: »Evar, du bist doch nicht so dumm, wie ich dachte.« Noch würde es ihm gefallen, wenn ich ihm erklärte, er sei genauso skrupellos wie die Frauen. Aber er ist nicht so macht- oder ahnungslos, wie er mir erschienen ist. Tatsächlich könnte er dies schon vor unserem Ausflug in die Höhlen der Steinemacher geplant haben. 

»Und wenn sie zufällig doch mehr davon hatte als nur den Erwerb von ein wenig Magie und die Befriedigung, mich bestraft zu haben, dann wird sie vielleicht wiederkommen, um es noch einmal zu genießen«, fügte Evar hinzu, und in seine Augen trat erneut ein glasiger Ausdruck.

Oder vielleicht dreht er es sich jetzt einfach passend,  überlegte Lorkin. Aber ich muss ihn trotzdem dafür bewundern. Er scheint in der Lage zu sein, jeder Situation etwas Positives abzugewinnen. 

»Besser du als ich«, sagte Lorkin. Er klopfte die Brotkrümel von seinem Hemd, dann reckte er sich. »Nicht dass ich dafür Zeit hätte. Ich gehe jetzt in die Waschräume und dann zurück an die Arbeit.«

Evar verzog das Gesicht. »Ich habe gehört, dass es dort übel aussieht.«

Lorkin nickte. »Wir hatten für eine Weile den Eindruck, als sinke die Zahl der Fieberpatienten ein wenig, aber dann kamen doppelt so viele kranke Menschen herein, und einige von ihnen sind viel kränker als zuvor.«

»Das passiert jedes Jahr.«

»Das hat Kalia mir auch gesagt. Aber ich glaube nicht ohne Weiteres alles, was Kalia sagt, nur für den Fall, dass sie wieder versuchen sollte, mich zu überlisten.«

»Eine gute Idee«, erwiderte Evar und schob sich das letzte Stück Brot in den Mund. Er sprach einige gedämpfte Abschiedsworte, und Lorkin ging zur Tür.

Auf dem Weg zu den Waschräumen und dann weiter zur Krankenstation erschien Lorkin die Stadt ruhiger als gewöhnlich. Hustenanfälle hallten durch die Flure und drangen hinter verschlossenen Türen hervor. Als er sich der Krankenstation näherte, wurde ihm bewusst, dass er etwas nicht  hörte: das stete Summen von Stimmen in der Stadt. Erst nahe der Krankenstation vernahm er etwas wie einen schwachen Widerhall dieses Summens – denn dort stieß er auf eine Schlange wartender Patienten, die bis auf den Flur hinausreichte.

Die Leute sahen ihn und runzelten finster die Stirn. Einige funkelten ihn an. Andere musterten ihn abschätzend.

Kalia hat zweifellos bekannt werden lassen, dass ich mich verspätet habe.  Er war jedoch nicht so  spät dran. Er hatte Zeit wettgemacht, indem er sein Bad im Waschraum sehr kurz gehalten hatte, und konnte nur hoffen, dass dieser Umstand seine Gesellschaft für andere nicht allzu unangenehm machen würde. Wenn ein ordentliches Bad doch nur alles wäre, was es brauchte, um Kalias Gesellschaft angenehm zu machen. 

Als er den Raum betrat, wurde ihm schwer ums Herz beim Anblick und Geruch der vielen Kranken. Kalia entdeckte ihn und kam unverzüglich quer durch den Raum auf ihn zustolziert, und er wappnete sich für eine Strafpredigt. Aber stattdessen packte sie ihn am Ellbogen und führte ihn zu einem Ehepaar, das sich über ein Mädchen von etwa sechs Jahren beugte.

»Untersuch sie«, verlangte sie. »Komm und sag mir, wie du den Fall einschätzt.«

Er betrachtete die Eltern, und Mutlosigkeit stieg in ihm auf. Beide starrten ihn mit dunklen, verzweifelten Augen an und sagten nichts. Als er sich dem Mädchen zuwandte, sah er, dass es sehr bleich war; sein Atem ging mühsam, zum Husten hatte es beinahe keine Kraft mehr, und seine verschleimte Lunge rasselte.

Bevor er sie berührte und seine Sinne in sie hineinsandte, wusste er bereits, dass sie kränker war, als sie es hätte sein sollen. Das Kältefieber forderte jedes Jahr seine Opfer bei den Verräterinnen. Die Alten und die Jungen waren die wahrscheinlichsten Opfer und jene, die schon von anderen Krankheiten geschwächt waren.

Außerdem wusste er, dass er sich dem hier irgendwann würde stellen müssen. Kalia hatte es ebenfalls gewusst. Er hatte bereits beschlossen, was er tun würde. Aber er würde es nicht jetzt tun. Nicht solange ihn all diese Leute so eindringlich beobachteten.

Und, begriff er, nicht bevor er eine Gelegenheit gehabt hatte, Tyvara zu fragen, ob er richtig vermutete, was die Konsequenzen sein würden.

Als die Sklaven des Gildehauses begannen, das Abendessen zu servieren, war Dannyl überrascht, Tayends Stimme im Flur zu hören.

»Dann werde ich mich zu ihm gesellen«, sagte Tayend. Einen Moment später trat er durch die Haupttür von Dannyls Räumen. »Hättest du gern ein wenig Gesellschaft beim Abendessen?«

Dannyl nickte und deutete auf einen nahen Hocker. Er hatte befürchtet, dass es zwischen ihm und Tayend zu einem Streit oder irgendeiner Art von Auseinandersetzung kommen würde, aber nichts dergleichen war passiert, und bisher hatten sie sich ohne Konflikte in ihre jeweiligen neuen Rollen gefügt. Und da Tayend so oft unterwegs war, um Sachakaner zu besuchen, war es vielleicht sinnvoll, die Gelegenheit zu nutzen, über diplomatische Angelegenheiten zu sprechen.

»Hast du heute Abend keinen Ashaki zu besuchen?«

Tayend nahm Platz und schüttelte den Kopf. »Ich habe Achati um einen freien Abend gebeten. Es überrascht mich, dass er nicht stattdessen dich eingeladen hat.«

Dannyl zuckte die Achseln. »Ich bin mir sicher, dass er außer uns Botschaftern noch andere Leute hat, mit denen er sich trifft. Du kommst sehr gut mit den Sachakanern aus.«

Ein Sklave eilte mit einem Teller und einem Messer für Tayend in den Raum, so dass er beginnen konnte, sich von den Essenstabletts zu bedienen, die andere Sklaven ihnen darboten.

»Ja, nicht wahr? Es macht gewiss diesen Eindruck. Oder befinde ich mich da im Irrtum? Nach dem, was Ashaki Achati mir erzählt, warst du direkt nach deiner Ankunft auch sehr beliebt. Vielleicht werde ich ebenfalls in Ungnade fallen.«

»Du hast keinen Assistenten, den irgendjemand entführen könnte.«

»Nein, obwohl ich einen gebrauchen könnte – vorzugsweise von der Art, die niemand würde entführen wollen.« Tayend verzog das Gesicht. »Ich wollte mir einen Überblick über die hiesige Situation verschaffen, bevor ich noch jemand anderen darin verwickle. Herausfinden, ob es sicher ist. Wie die Dinge funktionieren.« Er schob etwas von dem würzigen Fleisch auf seinen Teller, dann ließ er einiges an gefülltem Gemüse folgen, bevor er den Sklaven bedeutete, dass sie sich zurückziehen konnten.

»Ich vermute, es würde einige Jährchen dauern, um herauszufinden, wie die Dinge wirklich  funktionieren.«

Tayend lächelte schief. »Trotzdem, ich denke, ich habe schon einiges herausgefunden«, erklärte er. »Wie wär’s, wenn ich dir sage, was ich erraten habe, und du mir sagst, ob ich recht habe.« Tayend schob sich einen Bissen in den Mund, kaute und sah Dannyl erwartungsvoll an.

Dannyl zog die Schultern hoch. »Nur zu.«

Tayend schluckte, trank ein wenig Wasser und räusperte sich dann. »Ich bin dahintergekommen, dass wir beide nicht länger ein Paar sind.«

Überraschung folgte eine Welle von Schuldgefühlen. Dannyl zwang sich, Tayend in die Augen zu sehen. Tayends Blick war ruhig.

»Ich schätze, das ist richtig«, erwiderte Dannyl. Ziemlich lahm,  fügte er im Stillen hinzu.

»Ich habe es begriffen, als du mich in den Gästezimmern untergebracht hast«, sprach Tayend weiter. »Und erzähl mir nicht, dass es einen Skandal verursacht hätte, wenn ich in deinem Bett geschlafen hätte. Die Sachakaner wussten alles über uns, noch bevor du hierhergekommen bist.« Er spießte einen weiteren Bissen von seinem Teller auf.

Dannyl hustete protestierend. »Sie hätten es trotzdem missbilligen können – genug, um zu verlangen, dass man jemand anderen für uns schickt, oder um sich zu weigern, mit uns Geschäfte zu machen.«

»Es gibt nichts, womit man Geschäfte machen könnte. Wir haben hier nichts zu tun. Sie brauchen nicht mit unseren Ländern Handel zu treiben. Uns hier zu haben ist eine Geste des guten Willens, mehr nicht. Davon abgesehen haben wir für die Sachakaner nur deshalb einen gewissen Wert, weil wir etwas Neues sind oder zu ihrer Unterhaltung dienen. Ich nehme an, du hast länger gebraucht, um das zu begreifen.« Tayend machte eine abschätzige Handbewegung. »Ich habe außerdem begriffen, dass Achati einer wie wir ist und dass du ihm ziemlich gut gefällst.« Seine Augen wurden schmal. »Ich bin noch nicht ganz dahintergekommen, ob du seine Gefühle erwiderst.«

Einmal mehr spürte Dannyl, dass sein Gesicht warm wurde, aber diesmal steckten keine Gewissensbisse dahinter.

»Achati ist ein Freund«, sagte er.

»Dein einziger  Freund unter den Sachakanern«, erwiderte Tayend und richtete, um seine Worte zu unterstreichen, sein Messer auf Dannyl. »Du wirst ihn nicht ewig hinhalten können. Was beabsichtigst du zu tun, wenn er des Wartens müde wird? Er scheint mir kein Mann zu sein, den man verärgern möchte.«

Dannyl öffnete den Mund, um zu widersprechen, dann schloss er ihn wieder. »Früher einmal hättest du das über mich gesagt«, brachte er heraus.

Tayend lächelte. »Dann habe ich dich kennengelernt, und so beängstigend warst du gar nicht. Manchmal bist du sogar ein wenig jämmerlich, stets besorgt darüber, was die Leute denken, und du vergräbst dich in deinen Forschungen, um dir selbst das Gefühl zu geben, etwas wert zu sein.«

»Es sind wichtige Forschungen!«, wandte Dannyl ein.

»Oh. Ja. Sehr wichtig. Wichtiger als ich.«

»Früher hast du dich ebenfalls dafür interessiert. Aber sobald es nicht mehr darum ging, umherzureisen und Abenteuer zu erleben, sondern nur noch um harte Arbeit, war es dir nicht mehr wichtig.«

Tayends Augen blitzten vor Ärger, aber dann zögerte er und wandte den Blick ab. »Ich nehme an, es muss wohl so aussehen. Für mich fühlte es sich so an, als hätte ich nichts mehr beizutragen. Das Schreiben war immer deine Aufgabe. Sobald ich die Große Bibliothek verlassen hatte, war ich ein jämmerlicher Gelehrter.«

Die Entrüstung über Tayends Einschätzung seiner Person verblasste. »Du warst niemals ein jämmerlicher Gelehrter«, entgegnete Dannyl. »Wenn ich gewusst hätte, dass du dich immer noch für die Forschungen interessierst, hätte ich etwas gefunden, irgendeine Möglichkeit, dich weiter mit einzubeziehen.«

Tayend blickte auf und legte die Stirn in Falten. »Ich dachte, du würdest mich aussperren. Dass du ohne mich nach Sachaka gegangen bist, hat es mir bestätigt.«

»Es war … ich glaubte, es sei gefährlich hier für dich.«

»Du hast auf jeden Fall erreicht, dass ich besorgt war. Als mein König meinen Vorschlag, als erster elynischer Botschafter nach Sachaka zu gehen, annahm, war ich mir sicher, mich auf etwas viel Gefährlicheres einzulassen, als es bisher den Anschein hat.«

»Wie hast du ihn überzeugt?«

»Ich gar nicht. Andere haben das getan.« Tayend zuckte die Achseln. »Es scheint, als hätten alle es für eine großartige Idee gehalten, jetzt, da Kyralia einen Botschafter hier hatte, ebenfalls jemanden herzuschicken, aber niemand war dumm genug, es vorzuschlagen, für den Fall, dass man ihn mit dem Amt betraute.«

»Wer hat dich unterstützt?«, fragte Dannyl, hauptsächlich aus Neugier.

Tayend lächelte. »Das werde ich nicht verraten.« Er schaute auf seinen Teller hinab. »Wir sollten essen, oder die Mahlzeit wird kalt werden.«

Dannyl schnaubte leise. »Elyner und ihre verwickelte Politik.«

»Wir sind gut darin – und es war hier von Vorteil. Ich könnte mich vielleicht sogar als fähig erweisen, dich  vor Schwierigkeiten zu bewahren.«

Dannyl, der sich wieder seiner Mahlzeit zuwandte, dachte über die Worte seines ehemaligen Geliebten nach. »Also bist du den ganzen Weg bis nach Sachaka gekommen, nur um zu sehen, was ich im Schilde führe?«

Wieder wurden Tayends Augen schmal. Er antwortete nicht sofort, sondern kaute stattdessen nachdenklich. »Nein«, sagte er schließlich. »Als du fortgingst, hast du mir damit zu der Erkenntnis verholfen, dass ich mich langweilte. Es stellte sich heraus, dass du recht hast: Eine Aufgabe zu haben macht das Leben tatsächlich interessanter.«

»Und diese Aufgabe ist was?«

Aber Tayend kaute wieder.

Der erste elynische Botschafter in Sachaka zu sein,  beantwortete Dannyl seine eigene Frage. Er musste zugeben, dass Tayends Kühnheit ihn beeindruckte, und der extravagante Mann taugte sehr gut für die Aufgabe. Er verstand viel von Politik – selbst wenn er sich häufig dafür entschied, gesellschaftliche Tabus und Traditionen zu ignorieren – und war sehr scharfsichtig, was Menschen betraf.

Aber ich hoffe, nicht zu scharfsichtig, wenn es um Achati geht. 

Das Abendessen mit Naki und ihrem Vater war stets von langen Minuten des Schweigens erfüllt. Lord Leiden erkundigte sich immer danach, wie ihre Studien sich entwickelten, und Nakis Antworten waren im Allgemeinen höflich, aber kurz. Er fragte auch nach Lilias Familie, aber sie sah sie nicht mehr allzu oft, daher gab es nicht viel zu erzählen, und er schien sich ohnehin nicht wirklich für ihre Antworten zu interessieren.

Diesmal hatte Lilia das Gefühl, dass das Abendessen sich viel länger hinzog als gewöhnlich, und das aus Anstand geheuchelte Interesse hatte begonnen sie zu ärgern. Nicht einmal das hervorragende Essen konnte sie für die Langeweile entschädigen. Sie war sich nicht sicher, ob die langen Tage der Erwartung der Grund für ihre Ungeduld waren, endlich mit Naki allein zu sein, oder ob Nakis Stimmung auf sie abfärbte.

Ihre Freundin war definitiv in einer seltsamen Gemütsverfassung. Nakis Antworten auf die Fragen ihres Vaters waren kürzer ausgefallen als gewöhnlich – beinahe schnippisch. An einem Punkt hatte sie ihn nach irgendjemandem gefragt, und er war zusammengezuckt, hatte sie missbilligend angesehen und das Thema gewechselt. Zu Lilia war sie jedoch übertrieben freundlich, beugte sich zu ihr vor, tätschelte ihr das Knie, zwinkerte ihr zu oder schnitt Grimassen. Lilia war erleichtert, als die Mahlzeit schließlich zu Ende ging.

Naki führte sie wie gewöhnlich nach oben in ihr Schlafzimmer. Sobald die Tür sich geschlossen hatte, ging Naki im Raum auf und ab und begann eine Tirade von Flüchen, wie Lilia sie nicht mehr gehört hatte, seit sie als Kind den Hafen besucht hatte.

»Was ist los?«, fragte Lilia.

Naki seufzte und drehte sich zu ihr um. »Ich kann dir die Einzelheiten nicht verraten. Alles, was ich sagen kann, ist, dass er  etwas über ein kleines Projekt herausgefunden hat, das ich heimlich in Gang gesetzt hatte, und um mich zu bestrafen, hat er mir etwas weggenommen – nein, er hat mir etwas gestohlen .« Sie ballte die Fäuste, stolzierte zum Bett hinüber und setzte sich auf die Kante. Als sie zu Lilia aufblickte, verdrängte ein verlorener Ausdruck den früheren Zorn. »Weißt du, er gibt mir nur gerade genug Geld, um davon alles zu kaufen, was ich für die Universität brauche. Wenn ich Spaß haben will, muss ich eine andere Möglichkeit finden, dafür zu bezahlen. Und jetzt habe ich keine mehr.«

Das Glühhaus. Der Wein, den sie in die Gilde schmuggelt. Sie hat immer dafür bezahlt. Ich habe nichts bezahlt.  Lilia fühlte sich schuldig. Sie ging zum Bett hinüber und setzte sich neben ihre Freundin.

»Was ist mit dem Taschengeld, das wir bekommen?«

Naki verzog das Gesicht. »Du  bekommst es; ich  bekomme es nicht. Weil ich aus einem der Häuser stamme, bekomme ich gar nichts. Stattdessen wird von meiner Familie erwartet, mir ein Taschengeld zu zahlen.«

»Du hast immer alles bezahlt«, begann Lilia. »Ich sollte …«

»Nein!« Naki schnitt ihr das Wort ab. »Biete mir ja nicht an, für meine kleinen Extras zu bezahlen.«

»Unsere  Extras«, korrigierte Lilia sie. »Lass mich zumindest dafür bezahlen, bis du … eine andere Möglichkeit findest, etwas Geld zu verdienen. Es wäre schön, wenn ich für eine Weile dich  verwöhnen könnte.«

Naki sah Lilia überrascht an, dann verzog sie die Lippen zu einem breiten Lächeln. »Oh Lilia. Du bist so nett.« Sie schlang die Arme um Lilia und zog sie an sich.

Lilia erwiderte die Umarmung ihrer Freundin. Die schlichte Wärme dieser Geste erfüllte sie mit Glück. Als Naki von ihr abrückte, ließ sie sie los, aber das andere Mädchen lehnte sich nur ein wenig zurück. Lilia schaute auf und stellte fest, dass Naki sie mit nachdenklicher Miene eindringlich musterte.

Dann beugte Naki sich vor und küsste sie.

Wieder einmal stürmten alle möglichen Hoffnungen und Ideen auf Lilia ein, die die anderen Novizen missbilligten, und ihr Herz begann sehr schnell zu schlagen. Sie erwiderte den Kuss und wagte nicht, darüber nachzudenken, was als Nächstes geschehen könnte; sie wollte das Risiko nicht eingehen, den Augenblick zu verderben.

Unausweichlich beendete Naki den Kuss. Ihre Augen waren dunkel, ihre Miene undeutbar. Lilia hätte ihr gern ihre Liebe gestanden, aber sie zögerte aus Angst, dass sie die Situation falsch einschätzte und Naki sie vielleicht abstoßend finden mochte.

Plötzlich grinste Naki und sprang vom Bett. »Lass uns in die Bibliothek gehen«, sagte sie. »Ich habe dort ein wenig Feuel verstaut.«

Können wir denn gar nichts ohne Feuel tun?  Lilia schob den mürrischen Gedanken beiseite und stand auf. »In Ordnung …«

Naki wurde noch übermütiger und rastloser, als sie sich leise in die Bibliothek schlichen, und ihre Bewegungen verrieten größte Erregung. Sobald das Kohlebecken brannte, drängte sie Lilia, den Rauch tief einzuatmen. Sie ließen sich in zwei großen Sesseln nieder.

»Wird dein Vater nicht hier hereinkommen?«, fragte Lilia, bevor die Droge sie daran hindern konnte, der Angelegenheit genug Beachtung zu schenken.

»Er wird schlafen«, erwiderte Naki. »Bevor du gekommen bist, hat er sich darüber beklagt, dass er einen langen Tag gehabt habe und so  müde sei.«

Sie entspannten sich für ein Weilchen und genossen das Feuel, dann stand Naki auf und ging zu dem Tisch mit der Glasplatte. Sie stützte sich darauf und schaute auf den Inhalt hinab. Einen Moment später richtete sie sich auf, als sei sie zu einer Entscheidung gekommen, und öffnete die Seite des Fachs unter der Glasplatte. Sie griff hinein und holte etwas heraus, und als sie zu den Sesseln zurückkam, sah Lilia, dass es das Buch war, das Naki ihr schon einmal gezeigt hatte. Das Buch, das Anweisungen über die Benutzung von schwarzer Magie enthielt.

Ein schwaches Unbehagen regte sich in Lilia, aber sie war zu träge, um auch nur die Stirn zu runzeln.

Mit einem Seufzen ließ Naki sich wieder in ihren Sessel fallen. Sie hob das Buch hoch und musterte es nachdenklich. Dann schlug sie es auf und blätterte vorsichtig in den Seiten.

»Ich könnte wahrscheinlich ganze Absätze daraus zitieren.«

»Wie oft hast du es dir angesehen?«, fragte Lilia.

»Öfter, als ich mich erinnern kann.« Naki zuckte die Achseln. »Mein Vater sollte wissen, dass ich es als Herausforderung auffasse, wenn er mir etwas verbietet.«

»Du hast das ganze Ding gelesen?«

Naki blickte zu Lilia auf und lächelte. »Natürlich. Es ist kein dickes Buch.«

»Also hast du auch den Teil gelesen … der …«

Nakis Lächeln wurde breiter. »Den Teil über schwarze Magie. Ja. Habe ich.« Sie senkte den Blick. »Es ist erstaunlich einfach. Ich habe mich oft gefragt, ob ich es tun könnte, wenn ich diese Anweisungen befolge.«

»Aber man kann schwarze Magie nicht aus einem Buch lernen«, rief Lilia ihr ins Gedächtnis. »Sie muss von Geist zu Geist gelehrt werden.«

»Das ist wahr. Ich frage mich, warum sie sich dann die Mühe gemacht haben, es aufzuschreiben.« Naki blätterte weiter in den Seiten, dann hielt sie Lilia das aufgeschlagene Buch hin. »Was meinst du?«

Trotz des Feuels zögerte Lilia. Schon etwas ü


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ber schwarze Magie zu lesen war verboten.

»Nur zu«, sagte Naki. »Ich wollte es schon immer jemandem zeigen und ihn nach seiner Meinung fragen, aber ich habe noch nie jemandem genug vertraut.«

Ein Glücksgefühl stieg in Lilia auf, und sie lächelte Naki an, während sie die Hand nach dem Buch ausstreckte. Sie vertraut mir. Sie denkt, meine Meinung sei etwas wert.  Sie senkte den Blick auf die offene Seite und begann zu lesen.

… Die Möglichkeiten, mit denen der Körper dies erreicht, werden weniger verstanden als gespürt. So ist es auch mit der höheren Magie. Im frühen Stadium seiner Ausbildung lehrt man einen Meisterschüler, sich seine Magie als ein Gefäß vorzustellen – vielleicht eine Schachtel oder eine Flasche. Während er mehr lernt, begreift er, was seine Sinne ihm sagen: dass sein Körper das Gefäß ist und dass die natürliche Barriere der Magie an der Haut seine Macht im Inneren festhält. Und so kommt es, dass er, sollte er auf eine Bresche in der Barriere einer anderen Person stoßen (wie im Ritual der höheren Magie), seine Sinne in den Körper des anderen ausstrecken kann, und zwar auf eine vollkommen andere Art als beim Heilen. Er erkundet nämlich die Macht im Körper des anderen, nicht dessen Körper selbst. Außerdem kann er diese Macht beeinflussen, sie entfernen oder ihr etwas hinzufügen. Obwohl es möglich ist zu spüren, wie viel Macht eine Person besitzt, ist es nicht möglich einzuschätzen, wie stark die betreffende Person ist. Man kann die körperliche Erschöpfung eines Mannes spüren, der seiner Magie beraubt wurde, was die Vermutung nahelegt, dass die körperliche Energie angezapft wird, sobald die magische Energie aufgebraucht wurde. Aber bevor dieser Punkt erreicht wird, ist es unmöglich festzustellen, ob überhaupt etwas von der Magie weggenommen worden ist. Ebenso ist es schwierig, die Magie gleichzeitig mit dem Körper selbst zu erkunden oder zu manipulieren … 

Von diesem Punkt an schwafelte der Autor über Heilkunst. Sein Stil ist schrecklich,  ging es Lilia durch den Kopf. Er schreibt einfach immer weiter und weiter und kommt niemals zum Punkt. Es gibt keine Absatzunterteilungen.  Sie blätterte die Seiten durch. Kein einziger Absatz in dem ganzen Buch. 

»Und? Was denkst du?«, fragte Naki, während sie erneut Feuel in das Kohlebecken legte.

Lilia kehrte zu der Seite über schwarze Magie zurück und zwang sich, die Passage noch einmal zu lesen. »Das ist nicht viel.«

»Mehr als irgendjemand uns je erzählt hat«, bemerkte Naki. »Ich habe versucht, meine Magie so zu spüren, wie er es beschreibt.«

Lilia blickte auf. »Und?«

Naki lächelte. »Ich denke, ich habe den Bogen raus.« Sie beugte sich vor. »Versuch es einmal.«

»Jetzt?«, protestierte Lilia schwach. Sie war zu träge, um irgendwelche geistigen Tricks zu versuchen.

»Ja. Es ist ganz einfach, sobald man die richtige Vorstellung davon hat. Und wenn du ein wenig Rauch in dir hast, wird sich dir dabei ganz schön der Kopf drehen.« Nakis Augen blitzten.

Achselzuckend schloss Lilia die Augen. Sie kämpfte gegen die Lethargie, dann beschwor sie im Geiste ein Bild der Tür herauf, die man sie als den Eingangspunkt zu ihrer Magie zu sehen gelehrt hatte. Sie öffnete die Tür und spürte, wie ihre Sinne kribbelten und die Wirkung des Feuels ein wenig nachließ.

Wie immer stellte sie sich einen Raum in sich selbst vor, winzig und spärlich möbliert, was sie sowohl an das kleine Schlafzimmer erinnerte, das sie mit ihren Geschwistern geteilt hatte, als auch an ihr Zimmer im Novizenquartier. Der Raum war erfüllt von einem warmen Licht.

Aber das Buch sagt, dies sei lediglich eine Methode, um meine Macht zu visualisieren. Die realen Mauern sind die Barriere meiner Haut. Also müsste ich in der Lage sein … 

Sie ließ die Mauern los, und sie verblassten und wurden dunkel. Die Wärme und das Leuchten des Lichts entglitten langsam ihrer Wahrnehmung, und es blieb lediglich eine andere Art, sich ihrer bewusst zu sein. Sie erweiterte dieses Bewusstsein bis an seine Grenzen. Sie hatten nicht die Form eines Beines und eines Arms, stellte sie fest, und doch … sie hatte ein Gefühl für ihre körperliche Gestalt, so als ob deren blasses Abbild die Magie in ihr überlagerte.

Für eine gewisse Zeit dachte sie darüber nach, dann fiel ihr Naki wieder ein, und sie zog ihr Bewusstsein aus sich selbst heraus.

»Das ist … erstaunlich«, hauchte sie.

Naki lächelte. »Du hast es geschafft? Ich wusste, dass du es schaffen würdest. Du bist einfach zu klug.« Sie stand auf, kam näher, stützte sich auf die Armlehne des Sessels und drehte Lilias Hände so, dass sie das Buch lesen konnte. »Lass uns etwas anderes versuchen. Mal sehen, ob du meine Magie spüren kannst.«

»Aber … du müsstest dich schneiden, damit ich das tun könnte.«

Naki beugte sich näher zu Lilia heran. Ihr Atem roch nach Feuel. Sie verzog einladend die Lippen. »Das werde ich für dich tun. Ich würde alles für dich tun.«

Lilia sah ihre Freundin an und spürte, wie ihr Herz warm wurde und sich ausdehnte. »Ich würde auch alles für dich  tun«, erwiderte sie aufrichtig.

Nakis Lächeln wurde breit vor Entzücken. »Nun, lass es uns tun«, sagte sie. Sie blickte sich suchend um, dann tänzelte sie zu dem Tisch mit der gläsernen Oberfläche und griff abermals hinein. Was immer sie herausgeholt hatte, war klein und in ihrer Hand verborgen. »Es ist alt, also weiß ich nicht, ob es scharf genug ist … au! Ja, das hat funktioniert.«

Naki hockte sich wieder auf die Sessellehne und streckte die Hand aus. Ein winziges Messer lag darin, und eine kleine, rote Linie, aus der Blutstropfen sickerten, verunzierte ihre Haut. Lilia befiel ein Frösteln, das drohte die Wirkung des Feuels endgültig aus ihrem Kopf zu vertreiben.

»Nur zu. Bevor die Wunde wieder verheilt.«

Ich würde alles für dich tun.  Widerstrebend nahm Lilia das Messer in eine Hand und umfasste Nakis Hand mit der anderen. Sie schloss die Augen.

Es war nicht schwer, zu dem neuen Bewusstsein ihrer Magie zurückzufinden. Irgendwie wusste sie, wohin sie ihren Geist senden musste, um ihre Hand zu finden. Und dann spürte sie es. Die Präsenz von etwas anderem war schwach … außer an dieser  Stelle.  Der Schnitt fühlte sich wie ein Lichtblitz in ihrem Geist an. Er zog sie an wie das Versprechen auf Sonnenlicht am Ende eines Tunnels. Als sie ihn erreichte … Naki. 

Das andere Mädchen verströmte eine vertraute rastlose Erregung und Neugier, mit einem Unterton von Ärger – alt und auf jemand anderen gerichtet, also galt er höchstwahrscheinlich ihrem Vater.

– Nimm etwas von meiner Macht,  erklang Nakis Stimme am Rand von Lilias Wahrnehmung.

Ein Blitz aus Magie sprang durch die Bresche in Nakis Barriere. Sofort verstand Lilia, wie einfach es sein würde, durch die Bresche zu greifen und diese Energie in sich selbst hineinzuziehen. Aber sie wollte es nicht tun und brauchte es auch nicht zu tun. Also zog sie sich aus Nakis Präsenz zurück und öffnete die Augen.

»Ich denke, es hat funktioniert. Nur dass … es ist zu einfach.« Sie runzelte die Stirn. »Ich kann es unmöglich richtig machen.«

Ein Finger zeichnete ein träges Muster auf ihren Arm und ihre Hand. Sie schaute hinab und blickte dann zu Naki auf. In den Augen des Mädchens brannte eifrige Erwartung. »Lass mich es versuchen.« Sie bedachte Lilia mit einem vielsagenden Blick. »Wir machen das zusammen.«

Eine Welle der Zuneigung stieg in Lilia auf. Sie ergriff das kleine Messer, biss die Zähne zusammen und fuhr sich dann damit über die Rückseite ihres Arms. Naki strahlte sie an, dann berührte sie sanft die Schnittwunde. Als sie die Augen schloss, tat Lilia das Gleiche und fragte sich, wie es sich anfühlen würde, diejenige zu sein, deren Barriere durchbrochen wurde.

Diesmal stellte sich ihr Bewusstsein sofort auf die neue Aufgabe ein. Die Bresche in ihrer natürlichen Barriere war leicht aufzuspüren; sie weckte ein Gefühl von Dringlichkeit, das sie verärgerte. Plötzlich spürte sie wieder Nakis Präsenz, aber diesmal nahm sie nichts von ihren Gefühlen wahr.

Eine seltsame Schwäche, wie die Losgelöstheit von aller Willenskraft, die Feuel mit sich brachte, überkam sie, und sie spürte, wie Energie aus ihr herausfloss.

Doch so schnell es begonnen hatte, hörte es wieder auf. Naki ließ ihren Arm los, und Lilia zog ihr Bewusstsein zurück in die körperliche Welt. Ihre Freundin runzelte kopfschüttelnd die Stirn.

»Ich glaube nicht, dass es funktioniert hat.«

»Nein?«, fragte Lilia überrascht. »Ich bin mir sicher, dass ich gespürt habe, wie du Macht von mir genommen hast.«

Naki schüttelte abermals den Kopf. Sie verzog die Lippen zu einem Schmollmund, ging zu ihrem Sessel hinüber und warf sich hinein. »Ich konnte nichts spüren. Nicht die Bresche in deiner Barriere. Nicht dich.« Sie seufzte. »All die Jahre, in denen ich es ausprobieren wollte … und jetzt, da ich jemanden habe, dem ich genug vertraue, um es zu versuchen, funktioniert es nicht …«

»Nun, wenn es so einfach wäre, wäre  es möglich, es aus einem Buch zu lernen. Wenn du willst, können wir es noch einmal versuchen«, bot Lilia an.

Naki schüttelte den Kopf. Sie betrachtete verdrossen das Kohlebecken, dann benutzte sie ein wenig Magie, um es zu öffnen und den brennenden Inhalt zu löschen. Einen Moment später stand sie auf und verstaute das Kohlebecken.

»Lass uns ins Bett gehen.«

Voller Erleichterung, da sie langsam den Schwindel und den Kopfschmerz verspürte, die bedeuteten, dass sie ein wenig zu viel Feuel gehabt hatte, stand Lilia auf und folgte ihrer Freundin aus der Bibliothek. Naki ging an ihrem Schlafzimmer vorbei und trat in das Gästezimmer, in dem Lilia schlief, wenn sie bei ihr übernachtete. Sie hielt schnurstracks auf eine kunstvoll geschnitzte Truhe zu, wühlte unter einigen Bündeln und förderte eine Flasche Wein zutage.

»Durst?«

Lilia zögerte, dann nickte sie. Obwohl sich ihr Kopf bereits von dem Feuel ein wenig drehte, hatte sie großen Durst. Naki öffnete die Flasche und hob sie an die Lippen. Nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, grinste sie und reichte Lilia die Flasche, deren Inhalt umherschwappte. »Hier in diesem Zimmer gibt es keine Gläser. Vater hat Wein und Feuel verboten, aber ich habe Freunde unter den Dienern.«

Lilia nahm einen unbeholfenen Schluck aus der Flasche. Mit einem Seufzer warf Naki sich auf das Bett. Als Lilia ihr die Flasche zurückgeben wollte, machte sie eine abwehrende Handbewegung.

»Er ist nicht mein richtiger Vater«, murmelte sie. »Mutter hat ihn geheiratet, nachdem mein richtiger Vater gestorben war. Nach ihrem Tod bekam Leiden alles, was sie hatte, mich eingeschlossen. Wir haben einander nie gemocht. Er wird mich verheiraten, sobald ich meinen Abschluss habe, an den ersten Mann, der fragt, nur um mich loszuwerden.« Sie seufzte abermals.

Lilia stellte die Flasche beiseite und legte sich neben ihre Freundin. »Das ist ja schrecklich.« Der Gedanke, dass Naki an einen Mann verheiratet werden würde, den sie offensichtlich niemals begehren würde, tat Lilia bis in die Seele weh. Wenn er es tut, nachdem sie ihren Abschluss gemacht hat … das ist nur noch ein halbes Jahr!  Würden sie einander dann noch sehen können? Konnten sie ihre Liebe geheim halten?

»Ich wünschte, er wäre tot«, flüsterte Naki. Sie drehte den Kopf, um Lilia anzusehen. »Du hast gesagt, du würdest alles für mich tun. Würdest du ihn töten, wenn ich dich darum bäte?«

Lilia lächelte und zuckte die Achseln. Der Wein stieg ihr zu Kopf, und sie hatte keine Energie für eine Antwort. Es muss eine andere Möglichkeit geben, Nakis Probleme zu lösen. Mord ist ein wenig extrem.  Aber was war, wenn es keine andere Möglichkeit gab? Könnte ich schwarze Magie benutzen und es verbergen? Es wie einen Unfall aussehen lassen?  Naki murmelte etwas, aber die Worte waren weit entfernt, und es hätte sie zu große Konzentration gekostet, um sie zu verstehen.

Den Kopf voller dunkler Gedanken glitt Lilia in seltsame, lebhafte Träume, in denen sie Naki all ihrer Probleme entledigte und sie ein Leben voller Liebe und Geheimnisse führten, in einem Haus mit Treppen und versteckten Türen und Schränken voller frustrierend rätselhafter Bücher.

11

Ein Missverständnis

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Als die Kutsche vor dem Turm vorfuhr, lächelte Sonea schief.

Es hatte sich als schwierig erwiesen, ein passendes Gefängnis für Lorandra zu finden. Die städtische Wache hatte Einwände dagegen erhoben, eine Magierin in ihrem Gefängnis aufzunehmen – selbst eine, deren Kräfte blockiert worden waren. Auf dem Gelände der Gilde gab es kein Gefängnis, und im Magierquartier war kein Platz für sie – und selbst wenn dort Platz gewesen wäre, Sonea bezweifelte, dass die dort lebenden Magier glücklich darüber gewesen wären, Lorandra als Nachbarin zu haben. Man hatte kurz die Dienstbotenquartiere in Erwägung gezogen, aber sie waren noch überfüllter – etwas, worum man sich bald kümmern sollte, hatte Osen bemerkt. Der Vorschlag, Lorandra auf Dauer in der Kuppel zu lassen, wurde nur im Scherz gemacht.

Die vorübergehende Lösung bestand darin, den Ausguck als Gefängnis zu benutzen. Der Wiederaufbau des Turms hatte auf Akkarins Vorschlag hin vor der Invasion der Ichani begonnen. Danach war er fertiggestellt worden, und einige Alchemisten hatten ihn für ein paar kurze Jahre benutzt, um das Wetter zu studieren. Schließlich lieh man ihn der Wache für Trainingszwecke, unter der Auflage, dass er gewartet wurde und stets besetzt sein würde.

Obwohl die Wache klargemacht hatte, dass sie Lorandra in ihrem Gefängnis nicht wollte, hatte sie deren Bewachung im Ausguck bereitwillig übernommen. Also war es eindeutig nicht die Tatsache, dass Lorandra eine Magierin war, was der Wache zu schaffen machte. Es leuchtete ihr ein, dass eine Bewachung des Turms, sollte Skellin eine Rettungsmission anstreben, einfacher sein würde als die des städtischen Gefängnisses. Sonea wusste, dass das Problem der Bestechlichkeit unter den Wachen schon früher dazu geführt hatte, dass Gefangene entkommen waren. Die Gefahr, dass sie Lorandra freiließen, war geringer, wenn sie von einer kleineren Gruppe bewacht wurde, von Männern, die sorgfältig aufgrund ihrer Loyalität und Vertrauenswürdigkeit ausgewählt wurden.

Oder vielleicht weiß die Wache auch, dass die Gilde weiterhin einen Magier abstellen wird, um Lorandra zu bewachen. Wie lange würden Magier sich bereitfinden, die Frau zu bewachen, wenn sie es in dem schmutzigen, unangenehmen städtischen Gefängnis tun müssten? 

Nachdem Sonea aus der Kutsche gestiegen war, blickte sie zu dem Gebäude auf, und ein kleiner Stich der Traurigkeit durchzuckte sie. Hätte es dich gefreut, dass wir den Turm fertiggestellt haben, Akkarin?,  dachte sie. Oder war er nur als Ablenkung gedacht, um die Aufmerksamkeit der Gilde von dir fernzuhalten, wie manche es glauben? 

Es war ein schlichtes Gebäude, nur ein runder Turm, der doppelt so hoch war wie die ihn umgebenden Bäume. Die Mauern waren glatt, die Fenster klein – das erinnerte sie an das Fort mit seinen Mauern aus magisch gebundenem Stein und seinen winzigen Fenstern. Rund um den Turm waren Wachen postiert. Eine von ihnen, die neben der schweren Holztür stand, verbeugte sich, als sie näher kam, und öffnete ihr die Tür.

Sie trat in einen großen, von mehreren kleinen Lampen erhellten Raum. Zwei weitere Wachen und ihr Hauptmann erhoben sich und verneigten sich. Sie hatten zusammen mit einem jungen Krieger, der Sonea respektvoll zunickte, an einem Tisch gesessen.

Der Hauptmann trat vor und verneigte sich abermals.

»Schwarzmagierin Sonea. Ich bin Hauptmann Sotin«, sagte er.

»Ich bin hier, um die Gefangene zu sprechen«, erklärte sie.

»Folgt mir.«

Er führte sie eine Wendeltreppe hinauf und blieb vor einer Holztür stehen, in die man jüngst eine kleine Luke geschnitten hatte. Nachdem er die Luke geöffnet hatte, bedeutete er ihr hindurchzuschauen. Sie sah ein Bett und einen Schreibtisch und eine vertraute alte Frau mit rötlicher Haut, die auf einem Stuhl saß. Lorandras Aufmerksamkeit war auf etwas in ihren Händen gerichtet.

»Schwarzmagierin Sonea ist hier, um Euch zu sprechen«, verkündete der Hauptmann, dessen Stimme laut in Soneas Ohren klang.

Die Frau schaute auf und starrte, ohne das Gesicht zu verziehen, auf die Luke. Dann senkte sie den Blick wieder auf ihre Hände, die sich noch immer bewegten.

»Sie spricht nicht viel«, sagte der Hauptmann entschuldigend.

»Das hat sie noch nie getan«, erwiderte Sonea. »Schließt die Tür auf.«

Er gehorchte, nahm einen Schlüsselring von seinem Gürtel und öffnete die Schlösser. Zwei Schlösser,  bemerkte Sonea. Sie muss sie wirklich nervös machen.  Sonea trat in den Raum und hörte, wie die Tür hinter ihr geschlossen wurde. Lorandra schaute wieder auf und bedachte Sonea mit einem harten Blick, bevor sie ihre Aufmerksamkeit erneut auf den Gegenstand in ihren Händen richtete. Sonea sah genauer hin und stellte fest, dass es sich um eine Art Stoff handelte, den die Frau mit dickem Zwirn und einem kurzen, gebogenen Draht herstellte. Die Geschwindigkeit, mit der der improvisierte Haken sich durch den Rand des Stoffes bewegte und ständig neue Maschen anknotete, ließ auf jahrelange Übung schließen.

»Was tut Ihr da?«, fragte Sonea.

Lorandra betrachtete sie mit schmalen Augen. »Es nennt sich ›binda‹, und die meisten Frauen in meinem Heimatland verstehen sich auf dieses Handwerk.«

Der Stoff bewegte sich in ihren Händen, und Sonea sah, dass es eine Art Schlauch war. Überrascht und ermutigt durch Lorandras Bereitschaft zu sprechen dachte sie darüber nach, wie sie die Frau dazu bringen könnte fortzufahren.

»Und was stellt Ihr da her?«

Lorandra schaute hinab. »Etwas, um mich warmzuhalten.«

Sonea nickte. Natürlich. Der Mittwinter steht bevor, also wird es noch kälter werden. Sie kann keine Magie mehr benutzen, um die Luft zu wärmen. Einen Kamin gibt es nicht, und ein Kohlebecken werden die Wachen ihr nicht anvertrauen.  Trotzdem war es im Raum nicht besonders kalt. Die Wärme aus den unteren Räumen musste einiges dazu beitragen, die Kälte zu vertreiben.

»Wir benutzen normalerweise einen Stock, in dessen Ende ein Haken geschnitzt ist, aber sie denken, ich würde ihn benutzen, um mich damit zu töten«, fügte Lorandra hinzu.

Sonea konnte sich ein schwaches Lächeln nicht verkneifen. »Würdet Ihr es tun?«

Die Frau zuckte die Achseln und antwortete nicht. Sie rechnet nicht damit, dass ich ihr glaube, also spart sie sich die Mühe. 

»Werdet Ihr gut behandelt?«, erkundigte sich Sonea.

Lorandra zuckte abermals die Achseln.

»Gibt es irgendetwas, das ich Euch mitbringen kann?«

Ein ungläubiges Zucken der Mundwinkel. Und wiederum keine Antwort.

»Euren Sohn vielleicht?«, hakte Sonea nach und ließ ein wenig Skepsis in ihre Stimme fließen. Es überraschte sie nicht, als Lorandra nicht antwortete. Mit einem unterdrückten Seufzer ging sie zu dem niedrigen Bett, setzte sich und wandte sich wieder dem Thema zu, über das die Frau zu reden bereit zu sein schien. Wenn sie daraus eine Gewohnheit machen konnte, wer wollte sagen, wohin das führen würde? »Also, was stellen die Frauen Eures Heimatlandes mit Binda her?«

Lorandra arbeitete schweigend weiter, aber der Zug um ihren Mund verriet Sonea, dass sie es erwog zu antworten.

»Hüte. Handschuhe. Kleidungsstücke. Decken. Körbe. Hängt vom Garn ab. Weicheres, feineres Garn für Handschuhe. Starkes, widerstandsfähiges für Körbe.«

»Dauert es lange?«

»Das hängt davon ab, was man macht und wie dick das Garn ist. Binda dehnt sich, was für einige Dinge gut ist und für andere nicht. Wenn wir ein festes Tuch wollen, weben wir.«

»Woraus macht man das Garn?«

Ein leerer Ausdruck trat in Lorandras Augen. »Größtenteils aus Reberwolle. Es gibt eine Sorte von Gräsern, die man weich machen und für Körbe spinnen kann, aber südlich der Wüste habe ich diese Gräser nicht gesehen. Außerdem kann man ein feines, weiches Garn aus den Nestern von Vogelmotten spinnen, das sich nur die Reichen leisten können.«

»Motten? Hier fressen Motten Kleider und machen kein Garn, aus dem man Kleidung weben könnte.« Sonea lächelte. »Wie ist das Tuch denn beschaffen?«

»Weich, aber stark. Es wird normalerweise poliert, bis es glänzt, und weiteres Garn wird benutzt, um Muster und Bilder darauf zu sticken. Ich habe von Frauen gehört, die Röcke tragen, die zu besticken Jahre gedauert hat.«

»Ihr habt sie nicht selbst gesehen?«

Lorandra zog die Brauen zusammen. »Das einzige Vogeltuch, das ich je gesehen habe, wurde von den Kagar  getragen.«

Da Sonea einen Anflug von Verachtung und Furcht in den Augen und der Stimme der Frau wahrnahm, überlegte sie, wer diese »Kagar« sein mochten.

»Sind das die Leute, die jeden töten, der über Magie verfügt? Und die selbst Magier sind?«

Lorandra warf ihr einen unfreundlichen Blick zu. »Ja.«

»Warum töten sie Magier?«

»Magie ist böse.«

»Aber sie benutzen selbst Magie?«

»Ihr großes Opfer, um unsere Gesellschaft zu reinigen.« In ihrer Stimme schwang Bitterkeit mit.

»Denkt Ihr, Magie sei böse?«

Lorandra zuckte die Achseln.

»Denkt Ihr, dass sie Euch, nachdem Eure Kräfte blockiert wurden, am Leben ließen, wenn Ihr in Eure Heimat zurückkehren würdet?«

Die Frau drehte sich um, um Sonea anzusehen. »Plant Ihr, mich zurückzuschicken?«

Sonea beschloss, nicht zu antworten.

Lorandra seufzte. »Nein. Sie trachten danach, Magie aus unseren Blutlinien zu säubern. Es würde keine Rolle spielen, dass ich zu alt bin, um Kinder zu bekommen. Ich könnte andere das Böse lehren.«

»Es ist unglaublich. Sie haben offenbar keine Feinde, gegen die sie sich verteidigen müssen. Was ist mit benachbarten Ländern? Verbieten die ebenfalls Magie?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Wir haben keine benachbarten Länder. Die Kagar haben sie alle vor hundert Jahren besiegt.«

»Alle ? Wie viele gab es denn?«

»Hunderte. Die meisten waren klein, aber zusammengenommen lassen sie Eure Verbündeten Länder winzig erscheinen.« Lorandra lächelte grimmig. »Ihr solltet am besten hoffen, dass sie niemals über die Wüste blicken, sonst wird Sachaka die geringste Eurer Sorgen sein.«

Soneas Magen krampfte sich zusammen, aber dann erinnerte sie sich daran, dass Lorandra nicht gewusst hatte, dass Kallen ihre Gedanken würde lesen können. Lorandras Volk besitzt keine schwarze Magie, und die Kagar versuchen aktiv, die Magie aus den Blutlinien zu säubern.  Und doch hatten sie all ihre Nachbarn erobert.

»Wenn sie es täten und tatsächlich eine Bedrohung darstellen, wärt Ihr und Skellin in weit größeren Schwierigkeiten als wir«, bemerkte Sonea. »Es ist ein Jammer, dass Ihr Euch nach Eurer Ankunft hier nicht uns angeschlossen habt. Wir hätten von einem neuen Land erfahren, und Ihr hättet unseren Schutz genossen. Wenn Skellin …«

»Schwarzmagierin Sonea«, erklang eine Stimme von der Tür.

Als Sonea sich umdrehte, sah sie den Hauptmann hereinspähen.

»Ja?«

»Hier ist jemand, der Euch sprechen möchte. Es ist … wichtig.«

Sonea erhob sich und ging zur Tür. Als der Hauptmann sie aufschloss, schaute sie noch einmal zu Lorandra hinüber. Die Frau starrte sie einen Moment lang an, dann wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Der Schlauch war während ihres Gesprächs beträchtlich gewachsen, wie Sonea bemerkte.

Sie stellte fest, dass einer von Schwarzmagier Kallens Gehilfen auf sie wartete. Einer der Magier, die sie früher beobachtet hatten, stellte sie fest. Sie versuchte, nicht sofortige Abneigung zu verströmen, nicht zuletzt, weil er erschrocken und erregt wirkte.

»Verzeiht mir die Störung, Schwarzmagierin Sonea«, sagte er. »Aber es hat einen Mord gegeben. Ein Magier. In der Stadt. Schwarzmagier Kallen ist bereits dort. Ihr sollt Euch mit ihm treffen.«

Sie schnappte nach Luft. Die Ermordung eines Magiers war erschreckend genug, aber Kallens Anwesenheit konnten nur eines bedeuten.

Das Opfer musste mit schwarzer Magie getötet worden sein.

Dannyl seufzte, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und blickte sich in seinem Büro um. Der Umstand, dass er sich gegen die schützende Rückenlehne eines Stuhls sinken lassen konnte, war ein schlichter Luxus, der ihn an zu Hause erinnerte. Auch der Schreibtisch vor ihm war ein Gegenstand von kyralischer Nützlichkeit und Funktionalität, wie er ihn in sachakanischen Häusern nicht gesehen hatte. Wären nicht die gebogenen Wände gewesen, hätte er sich einbilden können, wieder in Imardin zu sein.

Vielleicht gab es in den sachakanischen Häusern sowohl Stühle als auch Schreibtische – in den persönlichen Räumen, die er nicht zu Gesicht bekommen hatte. Vielleicht hatten die Sachakaner sogar noch bessere Möbel für die Arbeit und das Studium und sich nur nicht die Mühe gemacht, das Gildehaus damit auszustatten. Diese Dinge werden meinen Zwecken wunderbar genügen. 

Vor ihm lagen seine Notizen und die Bücher, die er auf dem Markt gekauft hatte. Er hatte gerade eine Liste dessen zusammengestellt, was er seit seiner Ankunft in Sachaka in Erfahrung gebracht hatte, und er war recht zufrieden mit sich.

Der erste Punkt lautete: Beweis, dass Imardin im Sachakanischen Krieg nicht zerstört wurde.  Er hatte diesen Nachweis nicht lange nach seiner Ankunft in Arvice in den Aufzeichnungen in der Bibliothek eines Ashaki gefunden. Darunter hatte er geschrieben: Die Existenz des Lagersteins.  Auf sie war Lorkin in der gleichen Sammlung von Unterlagen gestoßen.

Zwischen diesem und dem nächsten Punkt hatte er in winziger Schrift eingefügt: Dass die Duna wussten und vielleicht immer noch wissen, wie man magische Edelsteine fertigt. Dass diese Steine gemacht und nicht natürlichen Ursprungs sind. Dass die Verräterinnen den Duna dieses Wissen gestohlen haben.  All das hatte er von Unh erfahren, dem Duna, der sich auf die Fährte von Lorkin und seinen Entführern gesetzt hatte.

Als Nächstes kam eine längere Passage mit Beobachtungen aus den Dokumenten, die er gekauft hatte.

Dass Narvelan, der Anführer der über Sachaka herrschenden Kyralier, einen Sklaven besessen hatte, dass er als verrückt galt, den Lagerstein stahl und ihn benutzte, um das Ödland zu schaffen, entweder vorsätzlich oder in einer Konfrontation mit seinen kyralischen Verfolgern. 

Dass die Drohung, den Lagerstein zu benutzen, höchstwahrscheinlich die Übermacht der überlebenden sachakanischen Magier unter Kontrolle gehalten hatte, und dass Kyralia, sobald es den Lagerstein verloren hatte, gezwungen war, das Land wieder unter sachakanische Herrschaft zu stellen. 

Dass das Ödland sich anfangs zu erholen schien, diese Erholung aber wieder zunichte wurde, als das Ödland sich stattdessen auszubreiten begann. 

Es war eine gute Liste, befand Dannyl. Es war einzig die Frustration darüber, in jüngster Zeit keine Fortschritte gemacht zu haben, die den Anschein erweckte, als habe er hier überhaupt nichts erreicht. Es gab jedoch noch immer Fragen, die beantwortet werden mussten.

Dannyl beugte sich vor und begann sich zu notieren, was er noch zu entdecken hatte.

Vorzeigbare Beweise dafür, dass Imardin nicht im Sachakanischen Krieg zerstört wurde.  Achati schien es lieber zu sein, wenn Dannyl keine sachakanischen Unterlagen erwarb, aber vielleicht würde ihm ein gelegentlicher Kauf nichts ausmachen. Wenn Dannyl irgendjemanden von seiner Theorie überzeugen wollte, dass Imardin zu einem späteren Zeitpunkt zerstört worden war, würde er ihm ein Dokument vorlegen müssen.

Beweise dafür, dass der verrückte Novize Imardin zerstört hat.  Dannyl glaubte jedoch nicht, dass er diese Beweise in Sachaka finden würde.

Woher kam der Lagerstein? Wie wurde er geschaffen? Wurde er geschaffen, oder war er natürlichen Ursprungs? Existieren noch immer solche Steine? Weiß irgendjemand, wie man sie herstellt? 

Er konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob Lorkin die Antwort auf diese Fragen kannte. Die Verräterinnen hatten den Duna das Geheimnis der Herstellung von Edelsteinen gestohlen. Wenn irgendjemand anderer als die Duna die Antworten kannte, dann waren es die Verräterinnen.

Dannyl zuckte zusammen, als er an die Bitte des sachakanischen Königs dachte, er möge eine Verbindung zu Lorkin herstellen. Er hatte Merria, seine Assistentin, gebeten nachzuhaken, falls ihr irgendwelche Informationen zugetragen würden. Aber bei wem sollen wir uns danach erkundigen? Die Ashaki laden mich nicht länger zum Abendessen ein, und ich habe Merria ohnehin nie mitgenommen. Ich bezweifle, dass die Sklaven eine andere Möglichkeit haben, Lorkin zu erreichen, als über die Verräterinnen. 

Er bedachte noch einmal seine Listen. Die Idee hinter ihrer Anfertigung war die, dass er eine klare Vorstellung davon gewinnen wollte, wonach er suchte, wenn er sich zu den Duna oder den sachakanischen Landgütern aufmachte. Obwohl er Antworten auf einige historische Fragen gefunden hatte, war es immer besser, mehrere Quellen zu haben, auf die man sich stützen konnte, wenn man behauptete, dass ein Ereignis auf eine bestimmte Weise ges


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chehen oder verlaufen sei, daher würde er weiterhin nach Hinweisen darauf suchen müssen, dass Imardin den Sachakanischen Krieg heil überstanden und Narvelan den Lagerstein gestohlen hatte. Was Informationen über Lagersteine betraf, hatte er nur eine Quelle, die ihm weiterhelfen konnte: die Duna. Er konnte die Verräterinnen nicht fragen, also musste er sich darauf verlassen, dass Lorkin festhielt, was sie wussten, und ihm seine Informationen irgendwann zukommen ließ.

Die einzige Sorge, die er in Bezug auf die bevorstehende Reise hegte, war die Frage, wie die Duna auf ihn und seine Nachforschungen reagieren würden. Unh war freundlich gewesen, aber auf seine Erwähnung Unhs hatten die Duna auf dem Markt schlecht reagiert. Doch zuvor waren sie freundlich gewesen. Vielleicht, wenn ich Unh  nicht erwähne … 

»Botschafter Dannyl?«

Er blickte auf. Merria rief aus dem Hauptraum nach ihm.

»Kommt herein, Lady Merria«, erwiderte er. Schritte näherten sich, und seine Assistentin trat in die Tür zu seinem Arbeitszimmer. Er winkte sie heran und bedeutete ihr, auf dem Besucherstuhl Platz zu nehmen. »Wie geht es Euch?«, erkundigte er sich.

Sie zuckte die Achseln. »Gut. Ich hatte erwartet, dass es mehr Papierkram und nicht allzu viel Kontakt zu den Menschen hier geben würde, wegen ihrer Sitten in Bezug auf Frauen. Das genaue Gegenteil ist der Fall.«

»Ihr habt viele dieser Frauen gesehen, mit denen Ashaki Achati Euch bekannt gemacht hat?«

»Ja, sie und ihre Freundinnen. Sie haben ein beachtliches Netzwerk. Natürlich treffen sie sich niemals alle gleichzeitig. Die Männer würden denken, dass sie eine geheime Rebellengesellschaft bilden.« Ihr Lächeln verriet ihm, wie sehr sie das erheiterte. »Man sollte meinen, all diese Frauen, die einander Nachrichten zuspielen, würden ihren Argwohn erregen, aber …« Sie hob die Schultern. »Vielleicht bemerken sie es gar nicht.«

Dannyl nickte. »Ich habe nichts darüber gehört. Denkt Ihr, sie organisieren irgendetwas?«

»Ich hätte es nicht geglaubt, nur dass ich einige Tage, nachdem ich eine Bemerkung darüber fallen gelassen hatte, dass Lorkins Mutter gern von ihm hören würde, eine Nachricht bekam, die besagte, dass er in der Stadt der Verräterinnen sei und es ihm gutgehe. Ich wurde außerdem eingeladen, ihm meinerseits eine Nachricht zu schicken.«

Dannyls Herz machte einen Satz. »Wo ist diese Nachricht, die sie Euch gegeben haben?«

Merria schüttelte den Kopf. »Sie wurde mündlich überbracht. Die Frauen schreiben niemals etwas nieder.«

Er dachte über das nach, was sie ihm erzählt hatte. »Meint Ihr, diese Nachricht ist über die Verräterinnen gekommen?«

Sie nickte. »Ich kann nicht erkennen, wie die Nachricht ihn sonst erreichen sollte, wenn er in der Stadt der Verräterinnen ist und nur Verräterinnen jemals dort hingelangen. Es sei denn, es gäbe Spione unter den Spionen.«

»Möglich wäre es.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich halte es für wahrscheinlicher, dass diese Frauen nur vorgeben, die Verräterinnen zu hassen, damit die Männer ihnen erlauben, sich zu treffen.«

Dannyl nickte zustimmend. »Verratet das sonst niemandem«, riet er ihr.

Jede Verbindung zu Lorkin war besser als gar keine. Obwohl König Amakira ihm gesagt hatte, er solle sich auf eine andere Weise als mithilfe der Verräterinnen mit Lorkin in Verbindung setzen, wollte Dannyl diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen. Er hatte jede Menge Fragen an Lorkin, obwohl die Tatsache, dass andere die Nachricht hören oder sehen würden, seinen Fragen gewisse Beschränkungen auferlegen würde.

Außerdem sollte er sich mithilfe seines Blutrings mit Administrator Osen in Verbindung setzen und herausfinden, ob Sonea Lorkin ebenfalls eine Nachricht schicken wollte.

»Wartet hier«, bat er Merria. »Ich werde feststellen, was die Gilde zu sagen hat.«

Ein Hämmern in ihrem Kopf weckte Lilia. Sie stöhnte. Sie hatte sich schon früher nach dem Gebrauch von Feuel dumpf, niedergeschlagen und müde gefühlt, aber nicht so krank. Vielleicht war der Wein stärker gewesen als üblich. Andererseits hatte sie nicht allzu viel davon getrunken.

Dann begann außerhalb  ihres Kopfes ein anderes Hämmern. Jemand klopfte an die Tür. Sie zwang sich, ein Auge zu öffnen, aber natürlich konnte sie nicht durch Türen sehen. Es waren wahrscheinlich die Diener.

»Geht weg«, sagte sie schwach und schloss ihr Auge wieder.

Das Klopfen brach ab. Sie runzelte die Stirn. Vielleicht konnten die Diener ihr etwas gegen ihre Kopfschmerzen geben. Sie machte den Mund auf, um zu rufen.

Die Tür öffnete sich. Sie riss die Augen auf und sah Magier anstelle von Dienern den Raum betreten; sie brauchte einen Moment, um das zu begreifen.

Sie stemmte sich auf den Ellbogen hoch. Sofort wurde ihr bewusst, dass sie nicht länger Roben trug. Wann hatte sie ihre Nachtgewänder angezogen? Sie griff nach den Laken, um sich zu bedecken, und spürte etwas Trockenes, Bröckliges in den Innenflächen ihrer Hände. Sie drehte die Hände. Etwas Dunkles war auf ihrer Haut getrocknet.

Wein? Ich kann mich nicht erinnern, welchen verschüttet zu haben. Und er wäre klebrig … 

Die Magier umstellten das Bett. Sie schaute zu ihnen auf und erkannte einen Heiler, einen Freund Lord Leidens, und … ihr Herz blieb stehen … Schwarzmagier Kallen.

»Lady Lilia?«, fragte Kallen.

»J-ja?« Lilias Herz begann wieder zu schlagen, viel zu schnell. »Was ist passiert?«

»Lord Leiden ist tot«, sagte der Heiler.

Sie starrte ihn entsetzt an. »Wie?« Noch während sie die Frage stellte, überlief sie ein Schauer des Schuldgefühls. Wir haben gestern Nacht versucht, uns schwarze Magie beizubringen. Was haben wir uns nur dabei gedacht?  »Wo ist Naki?«

»WIE KONNTEST DU DAS TUN?«  Die Stimme war ein Kreischen, aber sie war immer noch als die Nakis zu erkennen. Lilia zuckte zusammen. Ihre Freundin mochte sich den Tod ihres Vaters gewünscht haben, aber sie hatte nicht … Irgendjemand drängte sich an den Magiern vorbei, wurde aber von dem Heiler gepackt. Naki wehrte sich nach Leibeskräften, um ihn abzuschütteln, während sie Lilia anfunkelte.

»Du!«, knurrte Naki.

»Ich?« Lilia starrte ihre Freundin an.

»Du hast ihn getötet !«, schrie Naki. »Meinen Vater !«

»Das habe ich nicht getan.« Lilia schüttelte den Kopf. »Ich bin eingeschlafen. Und nicht wieder aufgewacht.«

Naki schüttelte ungläubig den Kopf. »Wer sonst könnte  es getan haben? Ich hätte dich dieses Buch nicht lesen lassen sollen. Ich wollte dich nur beeindrucken.«

Ein Frösteln überlief Lilia. Plötzlich war sie sich Kallens Blick, der sich in ihre Augen bohrte, nur allzu bewusst. »Wie ist er gestorben?«, fragte sie schwach.

»Schwarze Magie«, zischte Naki. Dann senkte sie den Blick. »Was ist das? Was hast du an den Händen?«

Lilia schaute auf die dunklen Flecken hinab. »Ich weiß es nicht.«

»Das ist Blut, nicht wahr?« Nakis Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Das Blut meines Vaters …« Dann füllten ihre Augen sich mit Tränen, sie wirbelte herum und rannte aus dem Raum.

Lilia starrte ihr nach. Sie denkt, ich hätte ihren Vater getötet. Sie hasst mich. Ich habe sie verloren. Aber … ich habe ihren Vater nicht getötet. Oder doch?  Ihre Erinnerungen an die vergangene Nacht waren an manchen Stellen vage. Das geschah immer, wenn sie zu viel Wein trank oder zu viel Feuel benutzte. Ihre Träume – waren es Träume gewesen? – hatten sich um eine Fantasie gedreht, in der sie Naki ihres Vaters entledigte, ohne über das Wie überhaupt nachzudenken.

»Habt Ihr Lord Leiden getötet?«, fragte Schwarzmagier Kallen.

Sie zwang sich, zu ihm aufzublicken. »Nein. Ich glaube es nicht.«

»Habt Ihr schwarze Magie erlernt oder zu erlernen versucht?«

Wie sollte sie diese Frage beantworten? Sie stellte fest, dass sie keine Worte fand. Ihr Kopf hämmerte so heftig, dass sie glaubte, er werde jeden Moment bersten.

»Lady Naki hat zugegeben, versucht zu haben, aus einem Buch schwarze Magie zu erlernen«, sagte der Heiler. »Sie behauptet, Lilia habe das Gleiche getan.«

Eine verräterische Erleichterung stieg in Lilia auf. Sie nickte. »Sie hat ein Buch. Nun, es gehört – gehörte – ihrem Vater. Er bewahrt es in der Bibliothek in einem Tisch mit gläserner Oberfläche auf. Sie hat es herausgeholt, und wir haben es gelesen – aber es ist angeblich nicht möglich, schwarze Magie aus einem Buch zu lernen.«

Kallen zuckte nicht mit der Wimper. »Trotzdem ist der Versuch verboten.«

Sie senkte den Blick. »Ich habe ihren Vater nicht getötet.« Wieder regte sich Zweifel in ihr und schlängelte sich in ihre Gedanken.

»Ist das die Angeklagte?«, erklang eine neue Stimme.

Die Magier drehten sich zur Tür um, so dass Lilia an ihnen vorbeischauen konnte. Ihr wurde flau im Magen, als sie Schwarzmagierin Sonea näher kommen sah. Nicht dass ein weiterer Schwarzmagier ihre Situation noch schlimmer gemacht hätte. Sie hatte Sonea immer bewundert, obwohl einem das, was die Schwarzmagierin in ihrem Leben alles getan hatte, durchaus Furcht einflößen konnte.

»Ja«, antwortete Kallen und trat vom Bett weg. »Ich werde in die Bibliothek gehen, um nach einem Buch zu suchen, das Anweisungen für die Benutzung von schwarzer Magie enthält. Sie haben beide gestanden, sich damit beschäftigt zu haben. Könntet Ihr die Gedanken der beiden Mädchen lesen?«

Sonea zog die Augenbrauen hoch, aber sie nickte. Als Kallen den Raum verließ, wandte sie sich den anderen Magiern zu.

»Zumindest sollten wir ihr gestatten, sich anzukleiden«, sagte sie. »Ich werde hierbleiben.«

»Findet heraus, was sie an den Händen hat, bevor sie es sich abwäscht«, rief der Heiler.

Lilia schaute ihnen nach, und als die Tür geschlossen war, schlüpfte sie aus dem Bett.

»Zeigt mir Eure Hände«, verlangte Sonea. Sie ergriff sie mit ihren eigenen Händen, die seltsam klein für eine so mächtige Magierin erschienen. Nicht dass Magie dazu führt, dass man größere Hände bekommt,  ging es Lilia durch den Kopf. Also,  das wäre unangenehm.  Sonea hob eine von Lilias Händen, schnupperte daran und zog Lilia dann zum Waschbecken hinüber, wo sie etwas Wasser hineingoss.

»Wascht Euch«, befahl sie.

Lilia gehorchte mit einiger Erleichterung. Es dauerte ein Weilchen, bis sie den Fleck abgerieben hatte.

»Wir brauchen mehr Licht«, murmelte Sonea. Sie schaute zu den Rollos hinüber, die die Fenster bedeckten und im nächsten Moment nach oben glitten. Der Raum füllte sich mit Morgenlicht. Lilia schaute hinab und schnappte nach Luft.

Das Wasser hatte sich rot verfärbt.

»Aber wie …? Ich erinnere mich nicht …«, stieß sie hervor.

Sonea beobachtete sie nachdenklich. Sie trat einen Schritt zurück. »Zieht Euch an«, sagte sie, und ihr Tonfall lag irgendwo zwischen einem Befehl und einem Vorschlag. »Dann werden wir herausfinden, woran Ihr Euch erinnern könnt.«

Lilia gehorchte und schlüpfte so schnell sie konnte in ihre Novizenroben. Als sie damit fertig war, die Schärpe zu verknoten, ging sie zu Sonea hinüber. Die Schwarzmagierin streckte die Hände aus und legte sie links und rechts an Lilias Kopf.

Noch nie zuvor hatte ein Schwarzmagier Lilias Gedanken gelesen. Nun, es hatte auch kein gewöhnlicher Magier jemals ihre Gedanken gelesen. Ihre Lektionen an der Universität hatten es gelegentlich erforderlich gemacht, dass ein Lehrer in ihren Geist eindrang, aber man brachte den Novizen bei, ihre Gedanken hinter imaginierten Türen zu verbergen. Wenn eine Person es aus freien Stücken zuließ, dass ihre Gedanken gelesen wurden, sollten die hinter den Türen versteckten Erinnerungen hervortreten, so dass der Gedankenleser sie sehen konnte.

Dies war etwas anderes. Sofort nahm Lilia die Präsenz der älteren Frau in ihrem Geist wahr. Aber wie in weiter Entfernung, als höre sie Stimmen durch eine Mauer. Dann spürte sie etwas, das ihre Gedanken beeinflusste. Sie konnte den Willen dahinter nicht spüren, also zeigte ihr instinktiver Versuch, sich dem zu widersetzen, keine Wirkung. Sie zwang sich nachzugeben und beobachtete, wie die Erinnerungen an die vergangene Nacht wiederkehrten.

Verlegenheit und Furcht machten sich in ihr breit, als sie sich an Nakis Kuss erinnerte, aber sie konnte bei Sonea keine Missbilligung wahrnehmen. Ihre Erinnerungen waren jetzt etwas weniger vage, da jemand anderer sie betrachtete, aber es gab Zeitspannen, die undeutlich waren.

Eine dieser Zeitspannen betraf die Stunden, nachdem Lilia sich neben Naki gelegt und sie den Wein getrunken hatte. Ihre Gedanken waren  mörderisch gewesen, rief sie sich beschämt ins Gedächtnis. Aber sie erinnerte sich nicht daran, tatsächlich jemanden ermordet  zu haben. Es sei denn, in ihren Träumen. Aber waren es Träume? 

Was war, wenn sie Nakis Vater ermordet hatte, während sie einen von Wein und Feuel herbeigeführten Tagtraum gehabt hatte?

Was, wenn ihrer beider Experiment funktioniert und sie tatsächlich schwarze Magie aus einem Buch erlernt hatte?

– Oh, das habt Ihr ganz gewiss getan,  erklang Soneas Stimme in ihrem Kopf. Es wird für unmöglich gehalten. Nicht einmal Akkarin glaubte, dass es möglich sei. Aber es hat mindestens einen anderen Novizen in der Geschichte gegeben, der schwarze Magie ohne die Hilfe eines anderen Magiers erlernt hat, und die Magier jener Zeit müssen einen Grund gehabt haben für ihre Entschlossenheit, alle Schriften darüber zu zerstören. Bedauerlicherweise ist der Umstand, dass Ihr unsere Vermutung widerlegt habt, keine Leistung, die irgendjemand wohlwollend betrachten wird. Warum habt Ihr es versucht, obwohl Ihr wusstet, dass es verboten war? 

– Ich weiß es nicht. Ich habe mich einfach Naki angeschlossen. Sie hat mir gesagt … 

Sie hatte Lilia gesagt, dass sie ihr vertraue. Würde sie ihr jemals wieder vertrauen?

Plötzlich wurde ihr das ganze Ausmaß von Verlust und Schock bewusst, und sie brach in Tränen aus. Soneas Berührung verschwand aus ihrem Kopf und verlagerte sich auf ihre Schultern, die die ältere Frau sanft, aber energisch massierte, während Lilia sich mühte, ihre Fassung wiederzufinden.

»Ich werde nicht behaupten, alles werde wieder gut werden«, sagte Sonea seufzend. »Aber ich denke, ich kann sie überzeugen, dass es nicht direkt vorsätzlich geschah, und sie dazu bewegen, eine mildere Strafe zu verhängen. Doch das wird davon abhängen, woran Naki sich erinnert.«

Eine mildere Bestrafung?  Lilia schauderte, als sie sich daran erinnerte, was man sie im Geschichtsunterricht gelehrt hatte. Akkarin wurde nur deshalb in die Verbannung geschickt, weil die Gilde nicht wusste, ob sie ihn besiegen konnte. Anderenfalls hätten sie ihn hingerichtet. Aber schließlich hatte er Menschen mit schwarzer Magie getötet. Ich habe das nicht getan … hoffe ich. 

Wenn sie es nicht getan hatte, würde Sonea keine Beweise in Nakis Geist entdecken. Plötzlich wünschte Lilia sich dringend, dass Sonea zu ihr gehen und es herausfinden würde. Das letzte Verlangen zu weinen verschwand.

»Geht es Euch jetzt wieder gut?«, fragte Sonea.

Lilia nickte.

»Bleibt hier.«

Das Warten war eine Folter. Als Sonea endlich zurückkam, mit Schwarzmagier Kallen und zwei weiteren Magiern, war ihre Miene grimmig.

»Sie hat den Tod ihres Vaters nicht mit angesehen«, berichtete ihr Sonea. »Noch findet sich in ihrem Geist irgendein Beweis dafür, dass Ihr ihn getötet habt, abgesehen von der Art seines Todes und des Bluts an Euren Händen. Beides könnte Zufall sein.«

Lilia seufzte vor Erleichterung. Ich habe es nicht getan,  sagte sie sich.

»Ihre Erinnerungen an die vergangene Nacht unterscheiden sich sehr von Euren«, fuhr Sonea fort. »Aber doch nicht so, dass ein Missverständnis diese Unterschiede nicht erklären könnte.« Sie schüttelte den Kopf. »Obwohl Ihr Euch daran erinnern könnt, es gespürt zu haben, hat sie keine schwarze Magie gelernt.«

Daraufhin stieg in Lilia eine bittersüße Erleichterung auf. Zumindest hatte Naki kein ebenso großes Verbrechen begangen wie sie selbst. Aber sie hatte  versucht, schwarze Magie zu erlernen, daher bezweifelte Lilia, dass sie einer Bestrafung gänzlich entgehen würde.

Vielleicht können wir uns jetzt, da sie weiß, dass ich ihren Vater nicht getötet habe, gemeinsam dem stellen, was uns erwartet. 

Aber als die Magier Lilia aus dem Raum begleiteten, war Naki da und funkelte sie derart wütend an, dass ihre Hoffnungen zu schwinden begannen.

12

Überlegungen

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Das Brausen des unterirdischen Flusses umfing Lorkin, als er aus dem Tunnel trat. Tyvara saß wie zuvor auf der Bank und betrachtete nachdenklich das Wasserrad der Kanalisation. Er fühlte sich versucht, mittels Gedankenrede nach ihr zu rufen, aber selbst wenn er dadurch ihr Treffen nicht verraten hätte, herrschte bei den Verräterinnen eine noch strengere Einschränkung der Gedankenrede als in der Gilde, da sie das Risiko nicht eingehen konnten, dass andere Magier selbst den kürzesten Ruf auffingen und auf diese Weise zum Sanktuarium geführt wurden.

Also wartete er, bis sie ihn bemerkte und ihn zu sich winkte.

»Lorkin«, sagte sie, während er auf den Sims trat. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass du in den nächsten Tagen Zeit für einen Besuch finden würdest. Ist das Kältefieber nicht im zweiten Stadium?«

Er nickte und setzte sich neben sie. »Doch. Das ist der Grund, warum ich hier bin. Aber zunächst einmal, wie geht es dir?«

Sie zog erheitert die Augenbrauen hoch. »Ihr Kyralier. Immer so förmlich. Mir geht es gut.«

»Langweilst du dich?«

Sie lachte. »Natürlich. Aber ich bekomme Besuch. Und …« Sie zog einen Ring von einem ihrer Finger und hielt ihn einen Moment lang hoch, bevor sie ihn in einer Tasche verstaute. »Die Menschen halten mich über die Ereignisse in der Stadt auf dem Laufenden. Man hat mir übrigens gerade erzählt, dass Kalia fuchsteufelswild ist, weil du einfach weggegangen bist.«

Er zuckte die Achseln. »Ich hatte keine Zeit, darauf zu warten, dass die Dinge sich beruhigen.«

Tyvara runzelte die Stirn. »Du vernachlässigst doch nicht meinetwegen mein Volk, oder?«

»Ja und nein.« Er verzog das Gesicht. Trotz der Magier, die sich gemeldet hatten, um in der Krankenstation auszuhelfen, gab es dort viel Arbeit. Er konnte nicht lange bleiben. Es wurde Zeit, zur Sache zu kommen. »Ich brauche deinen Rat.«

Ihr Blick wurde wachsam. »Tatsächlich?«

»Es war unausweichlich, dass jemand so schwer krank oder verletzt wird, dass er nur dann überleben kann, wenn ich ihn mit Magie heile«, begann er. »Ich habe immer geplant, in diesem Fall zu helfen. Ich habe auch immer gewusst, dass es Konsequenzen haben würde. Ich will hören, wie diese Konsequenzen deiner Meinung nach aussehen werden und ob ich sie vermeiden oder möglichst gering halten kann.«

Sie betrachtete ihn schweigend und mit ernster Miene, dann nickte sie. »Wir haben darüber gesprochen«, erwiderte sie, und irgendwie erkannte er an einer subtilen Veränderung ihres Tonfalls, dass sie nicht ihn und sich selbst meinte, sondern ihre Gruppe innerhalb der Verräterinnen.

»Und?«

»Savara dachte, du würdest dich weigern, in einem solchen Fall mit Magie zu heilen. Zarala sagte, du würdest dich nicht weigern, aber darauf warten, dass man dich fragt.«

»Sollte  ich warten? Ist Kalia skrupellos genug, um das Mädchen sterben zu lassen?«

»Möglich wäre es.« Tyvara runzelte die Stirn. »Ihre Ausrede wird die sein, dass du klargemacht hast, dass du nicht bereit seist, mit Magie zu heilen, und dass sie deine Entscheidung respektiert habe, indem sie dich nicht belästigte. Die Menschen werden entscheiden müssen, was schlimmer war: Dass sie dich nicht gefragt hat oder dass du es nicht angeboten hast, und wahrscheinlich werden sie sich auf Kalias Seite stellen. Du hast deine heilenden Kräfte bisher nicht benutzt und auch nicht durchblicken lassen, dass du etwas anderes tun würdest, als dich zu weigern, falls man dich darum bäte.«

»Also sollte ich nicht abwarten. Wenn ich meine heilenden Kräfte einsetze, werden die Leute es dann so empfinden, als stelle ich ihnen damit das zur Schau, was ich mich weigere und mein Vater versäumt hat, sie zu lehren?«

»Vielleicht. Nicht so sehr, wenn du sie nur in der größten Not einsetzt, wenn der Patient anderenfalls sterben würde.«

»Was ist mit denen, die Schmerzen haben?«

»Es würde beweisen, dass du Mitgefühl hast, wenn du auch diesen Menschen helfen würdest.«

»Zahnschmerzen tun weh. Ebenso wie viele alltägliche Leiden. An welchem Punkt werden die Menschen es für vernünftig halten, wenn ich eine magische Heilung verweigere? Werden sie erwarten, dass ich alles behandle, sobald ich damit angefangen habe?«

Sie runzelte erneut die Stirn, dann grinste sie plötzlich. »Es könnte die Mühe wert sein, wenn Kalia dadurch arbeitslos würde.« Dann wurde sie wieder ernst und schüttelte den Kopf. »Aber das wäre töricht. Kalia wird von zu vielen unterstützt.« Ihre Schultern hoben und senkten sich in einem Seufzer, den er wegen des rauschenden Wassers nicht hören konnte. »Es wird unterschiedliche Meinungen darüber geben, wann es vernünftig ist, dass du eine magische Heilung verweigerst, und die Menschen werden ihre Meinung ändern, wenn sie selbst zufällig diejenigen mit den Zahnschmerzen sind. Ich denke, die meisten Leute werden zustimmen, dass es einen Punkt gibt, an dem du recht daran tust, dich zu weigern, aber es wird interessant sein festzustellen, ob sie dir erlauben, derjenige zu sein, der darüber entscheidet.«

Er nickte. »Sonst noch etwas?«

»Sieh zu, dass du die Erlaubnis der Patientin oder ihrer Eltern bekommst, bevor du irgendetwas tust«, fügte sie hinzu.

»Sollte ich Kalia fragen?«

Sie zuckte zusammen. »Dieser Punkt hat Zarala die größten Sorgen bereitet. Wenn du Kalia fragst, wird sie dir verbieten, Magie zu benutzen, um irgendjemanden zu heilen, und stattdessen darauf bestehen, dass du sie heilende Magie lehrst. Wenn der Patient dann stirbt, ist es immer noch deine Schuld, weil du dich geweigert hast. Wenn du sie nicht fragst, hast du sie als deine Vorgesetzte missachtet. Da du ein Mann bist, ist das besonders schlimm. Aber wenn du jemandem das Leben rettest, werden die Menschen dir diese Respektlosigkeit verzeihen. Es gibt ebenso viele Leute, die Kalia nicht mögen, wie solche, die sie unterstützen.« Sie breitete die Hände aus. »Weise zu deiner Verteidigung darauf hin, dass niemand hier Kalias Erlaubnis einholen muss, bevor er einen Kranken oder Verletzten behandelt. Die Patienten gehen freiwillig  auf die Krankenstation.«

Lorkin seufzte. »Ich kann es nicht vermeiden, Kalia zu verärgern, aber solange ich so wenige andere Menschen wie nur möglich verärgere, werde ich damit wohl leben müssen.«

»Und du wirst Leben retten«, sagte sie.

Er erwiderte ihr Lächeln. »Ihr Verräterinnen habt die einfachere Entscheidung«, entgegnete er. »Wenn ihr eure Kenntnisse der Herstellung von Steinen für euch behaltet, muss niemand sterben.«

»Man genießt die Vorteile der Steine, auch wenn man sie nicht selbst macht«, stellte sie fest. »Warum sollten wir also nicht unsererseits die Vorteile magischer Heilung haben?«

Er grinste. »Nun, wenn du es so ausdrückst, klingt es sehr gerecht und vernünftig.«

»Das wäre es auch, wäre da nicht nur ein einziger Kyralier, der von den Steinen profitiert, und viele, viele Verräterinnen, die potenziell von deiner heilenden Magie profitieren.«

Er schaute ihr in die Augen und sah dort etwas, das ihm guttat. Sie versteht. Und sie lässt mich wissen, dass sie versteht – und mir vielleicht darin zustimmt –, warum ich hier bin. 

Plötzlich verspürte er den starken Drang, sie zu küssen, aber er widerstand ihm. Schließlich hatte sie durch nichts zu erkennen gegeben, dass sie mit seinem anderen Grund, sich im Sanktuarium aufzuhalten, einverstanden war: sie.

»Danke«, sagte er und stand auf.

»Viel Glück«, erwiderte sie.

Widerstrebend wandte er sich ab und ging zurück zum Tunnel. Obwohl er wusste, dass die Entscheidung, die er bereits getroffen hatte, ihm eine Menge Ärger eintragen würde, hatte das Gespräch mit Tyvara ihn dahingehend beruhigt, dass er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, ohne dass die Konsequenzen schlimmer sein würden als unbedingt nötig.

Die einzige Entscheidung, die er jetzt treffen musste, betraf das Wann .

Als Dannyl nach seinem Besuch bei Achati ins Gildehaus zurückkehrte, stellte er fest, dass Tayend und Merria sich einen spätabendlichen Umtrunk und ein Plauderstündchen im Herrenzimmer gönnten. Er hielt inne, um sie zu betrachten. Achatis Vorbereitungen für die Reise zu den Duna entwickelten sich ziemlich schnell, und Dannyl würde seiner Assistentin und dem elynischen Botschafter früher als erwartet davon erzählen müssen.

Es hat keinen Sinn, es auf die lange Bank zu schieben,  sagte er sich. Er ging zu den Hockern hinüber und deutete mit dem Kopf auf die Weinflasche.

»Ist noch etwas übrig?«

Tayend grinste und winkte einen Sklaven heran, der an einer Wand stand. »Hol noch ein Glas«, befahl er, dann klopfte er auf den größeren Hocker in der Mitte der Sitzplätze, der für den Hausherrn bestimmt war. »Wir haben ihn dir freigehalten.«

Dannyl schnaubte leise und nahm Platz. Obwohl er die Person mit dem höchsten Rang im Gildehaus war, bezweifelte er, dass Tayend den Hocker aus diesem Grund gemieden hatte.

»Was habt ihr beiden denn so getrieben?«, erkundigte er sich.

Tayend machte eine wegwerfende Handbewegung. »Noch mehr wichtige Leute besucht, noch mehr köstliche Mahlzeiten verzehrt. Dergleichen Dinge.«

»Genieße es, solange es dauert«, erwiderte Dannyl. Dann sah er Merria an.

Sie zuckte die Achseln. »Ich habe meine neuen Freundinnen besucht und ihnen die Nachricht von Schwarzmagierin Sonea übermittelt. Und Ihr?«

Der Sklave kehrte zurück und hielt Dannyl das Weinglas mit geneigtem Kopf und gesenkten Augen hin. Tayend ergriff die Flasche und füllte das Glas auf. Dannyl nahm einen Schluck, dann seufzte er anerkennend. »Ashaki Achati und ich haben eine Reise zu den Duna geplant. Sieht so aus, als würden wir früher aufbrechen, als ich erwartet habe: in einer Woche – vielleicht sogar schon in wenigen Tagen.«

Merrias Augen weiteten sich vor Überraschung.

»Forschung oder diplomatische Pflichten?«, fragte Tayend mit einem wissenden Ausdruck in den Augen.

»Größtenteils Forschung«, gestand Dannyl. »Obwohl es in politischer Hinsicht auch nicht schaden wird.«

»Es waren die Bücher vom Markt, nicht wahr?« Tayend blickte selbstgefällig drein.

»Ich schätze, in gewisser Hinsicht haben sie tatsächlich Achati zu dem Vorschlag verleitet, eine Forschungsreise zu unternehmen.« Zu Dannyls Befriedigung verschwand der selbstgefällige Ausdruck.

»Also, wann brechen wir auf?«, fragte Merria.

Dannyl zog eine Augenbraue hoch. »Wir?«

Sie machte ein langes Gesicht. »Ihr nehmt mich nicht mit?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.«

»Es ist eine Angewohnheit von ihm«, murmelte Tayend. »Immer lässt er Menschen zurück.«

Dannyl warf Tayend einen tadelnden Blick zu. Die Augen des Gelehrten weiteten sich in gespielter Unschuld.

»Gewiss werdet Ihr auf dieser Reise einen Assistenten brauchen«, beharrte Merria. »Jedenfalls mehr, als Ihr ihn hier braucht.«

»Ich – die Gilde – brauche Euch hier in Arvice«, entgegnete Dannyl. »Ihr müsst Euch um alles kümmern, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass etwas geschieht. Wir können das Gildehaus nicht zurücklassen, ohne dass sich dort ein Gildemagier aufhält.«

»Das ist wahr«, stimmte Tayend ihm leise zu. »Mich würden sie hinauswerfen, da man von mir erwartet, ein eigenes Quartier zu finden.«

»Aber …« Merria begann panisch zu klingen. »Wenn etwas Wichtiges geschieht, werden sie mit einer Frau nicht verhandeln wollen.«

»Sie werden es eben müssen, oder aber sie müssen bis zu meiner Rückkehr warten. Wenn es etwas Dringendes ist …« Er schürzte die Lippen und dachte nach. Er würde Osens Blutring zurücklassen müssen, so dass Merria sich mit dem Administrator beraten konnte, falls etwas Wichtiges geschah. Auf diese Weise konnte sie Nachrichten an die Gilde und an Sonea weiterleiten. Wenn ich doch nur meinen eigenen Blutring machen könnte. Oder den einer anderen Person hätte … ah, natürlich! Ich habe Soneas Ring. Vielleicht wäre sie einverstanden damit, wenn ich ihn für Merria hier in Arvice ließe.  Er würde sich morgen mit ihr in Verbindung setzen, beschloss er.

»Falls es dringend ist, werdet Ihr Euch über einen der Blutringe mit Osen oder Sonea in Verbindung setzen. Ich werde einen mitnehmen und einen hierlassen.« Dannyl richtete sich auf und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Ihr werdet Eure Sache gut machen, Merria. Ihr habt einen Weg in die verborgene Welt sachakanischer Frauen gefunden und Verbindungen zu den Verräterinnen hergestellt, und das alles in bemerkenswert kurzer Zeit. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ihr, sollte etwas geschehen – was unwahrscheinlich sein dürfte –, in der Lage sein werdet, die Dinge zusammenzuhalten.«

»Ich habe auch keine Zweifel daran«, fügte Tayend hinzu.

Ihr angespanntes Lächeln war eher eine Grimas


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se, aber sie wirkte ruhiger und nicht mehr so verunsichert, wenn auch weiterhin enttäuscht.

»Wie lange werdet Ihr fort sein?«, fragte sie.

»Ich weiß es nicht genau«, antwortete Dannyl. »Einige Wochen, vielleicht länger. Es hängt von den jahreszeitlichen Winden ab und von der Frage, ob die Duna sich überhaupt bereitfinden, mit uns zu sprechen.«

Merria stieß ein leises Schnauben aus. »Jetzt reibt Ihr es mir auch noch unter die Nase. Ich würde die Stämme liebend gern besuchen.«

»Vielleicht werden wir eines Tages noch einmal dort hinreisen«, meinte er. »Sobald ich weiß, ob sie in Bezug auf Frauen genauso restriktiv sind wie die Sachakaner.«

Sofort leuchteten ihre Augen auf. »Die Männer auf dem Markt waren freundlich.«

»Ja, aber wir können nicht davon ausgehen, dass sie alle so sind. Händler haben allen Grund, freundlich zu ihren Kunden zu sein, ganz gleich welchen Sitten sie folgen, wenn sie unter sich sind.«

Sie runzelte die Stirn. »Was ist, wenn in Eurer Abwesenheit eine Nachricht von Lorkin kommt?«

»Ihr werdet sie mithilfe des Blutrings an den Empfänger weiterleiten«, erwiderte er.

Merria nickte. »Vielleicht könnten die Verräterinnen Nachrichten an Euch übermitteln?«

»Ich bezweifle, dass sie Verbindungen zu den Stämmen haben«, bemerkte er. »Und es wäre vielleicht klug, nicht allzu abhängig von den Verräterinnen zu werden. Sie sind nicht unsere Feinde, soweit wir wissen. Aber sie sind auch keine Verbündeten.«

Das Büro des Administrators war voller Höherer Magier – es waren mehr, als auf den Stühlen Platz fanden, und Sonea stellte mit einiger Erheiterung fest, wer saß und wer stand. Die Oberhäupter der Disziplinen waren traditionell die Wortführer. Lady Vinara, Lord Peakin und Lord Garrel saßen Osens Schreibtisch am nächsten. Obwohl der Hohe Lord Balkan im Rang über ihnen stand, hatte er es vorgezogen, mit verschränkten Armen an einer der Wände zu stehen.

Die Studienleiter, die Lords Rothen, Erayk und Telano, sowie Universitätsdirektor Jerrik saßen ebenfalls, aber auf den schlichteren Stühlen, die von dem kleinen Esstisch herübergestellt worden waren. Sonea hatte sich oft gefragt, ob Osen hier jemals kleinere Abendgesellschaften gab, und wenn ja, wie oft. Sie war nie zu einer solchen Gesellschaft eingeladen worden.

Der Heiler und der Alchemist, die in Nakis Gästezimmer gewesen waren, als Sonea dort eingetroffen war, waren ebenfalls zugegen und standen im hinteren Teil des Raums. Einer der königlichen Ratgeber saß auf einer Seite, und Sonea fragte sich, ob sie darin ausgebildet wurden, wie man es vermied, Aufmerksamkeit zu erregen – unbeobachtet zu bleiben, während sie selbst alles beobachteten.

Wie immer blieben sie und Schwarzmagier Kallen stehen. Kallen überragte alle anderen. Sie selbst hätte es einfacher gefunden, wenn sie vorn säße und alle sie sehen konnten, wenn sie über ihre Ergebnisse Bericht erstattete, aber irgendein kleiner Trotz in ihr ließ es nicht zu, dass sie weniger autoritär auftrat als Kallen.

Die Tür wurde geöffnet, und alle Anwesenden drehten sich um, als Novizendirektor Narren den Raum betrat. Der Mann war jünger, als es sein Vorgänger, Ahrind, in Soneas Novizenzeit gewesen war, aber er war genauso streng und humorlos. Während Osen ihn willkommen hieß, schaute er sich um und nickte höflich. Als sein Blick auf sie und Kallen fiel, runzelte er die Stirn.

»Wer bewacht Lilia?«, fragte er beunruhigt.

Sonea sah Kallen an und bemerkte ein Aufblitzen der gleichen Erheiterung, die sie selbst empfand. »Lilia ist nicht stärker, als sie es natürlicherweise immer war«, rief sie ihm ins Gedächtnis. »Die beiden Magier, die sie bewachen, werden keine größere Mühe mit ihr haben, als ich selbst und Schwarzmagier Kallen es hätten.«

Er blinzelte, dann lief er dunkelrot an. »Ah. Verzeiht mir. Das hatte ich vergessen.«

»Also hat Lilia von niemandem Macht genommen?«, fragte Vinara und sah Sonea an.

»Ich habe in ihr kein unnatürliches Ausmaß an Macht entdeckt. Sie könnte Macht genommen und sie dann benutzt haben, aber sie kann sich nicht daran erinnern, es getan zu haben, nur dass …«

Osen räusperte sich und hob die Hände zum Zeichen, dass sie ihre Gespräche einstellen sollten. »Vergebt mir die Unterbrechung, aber lasst uns am Anfang beginnen.« Er schaute in den hinteren Teil des Raums. »Lord Roah und Lord Parrie, berichtet uns bitte, wann Ihr von Lord Leidens Ermordung erfahren habt.«

Der Heiler und der Alchemist traten vor. Alle drehten sich zu ihnen um, und es war Letzterer, der das Wort ergriff.

»Ich unterhielt mich gerade mit Lord Roah, als von Lady Naki die Nachricht kam, ihr Vater sei während der Nacht ermordet worden. Wir sind direkt zu ihrem Haus gegangen, wo sie uns Lord Leidens Leichnam zeigte und uns eröffnete, dass Lilia ihn getötet haben müsse. Lord Roah untersuchte Leiden und stellte fest, dass jemand ihm alle Macht entzogen hatte, während ich Naki dazu befragt habe, warum sie denke, dass ihre Mitschülerin dafür verantwortlich sei.« Er hielt mit bekümmerter Miene inne. »Sie hat gestanden, den vergangenen Abend mit Lilia damit verbracht zu haben, ein Buch über schwarze Magie zu studieren. Sie hatten beide mit den Anweisungen experimentiert und wähnten sich sicher vor den Gefahren eines Erfolgs, weil man ihnen gesagt hatte, schwarze Magie könne nicht aus einem Buch erlernt werden. Sie hatte keinen Erfolg gehabt, und Lilia behauptete ebenfalls, gescheitert zu sein, aber jetzt, da ihr Vater mit schwarzer Magie getötet worden war, fiel Naki niemand anderer ein, der daran die Schuld tragen konnte.« Er sah Kallen an. »Schwarzmagier Kallen erschien, und wir gingen ins Gästezimmer. Lilia schlief, erwachte aber bei unserem Eintreffen. Sie wirkte überrascht und schockiert über die Neuigkeit und Nakis Anklagen.«

»Aber sie schien getrocknetes Blut an den Händen zu haben«, fügte der Heiler hinzu. Er wandte sich an Sonea. »War es Blut?«

Sonea nickte. »Ja.«

»War viel Blut an Lord Leidens Körper und dort, wo er gelegen hatte?«

»Ein wenig. Die Schnittwunde war saubergewischt worden.«

»Das ist seltsam«, sagte Lady Vinara. »Warum den Leichnam säubern, aber nicht die Hände?«

»Vielleicht ist ihr in der Aufregung und Dunkelheit nicht aufgefallen, dass sie sich die Hände beschmutzt hatte«, meinte Garrel.

»Lilia kann sich nicht daran erinnern, wie das Blut auf ihre Hände gelangt ist«, bemerkte Sonea. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf sie. Sie sah Lord Parrie an, der nickte und erklärte, er sei mit seinem Bericht am Ende. »Lilia lag noch im Bett, als ich eintraf«, erklärte sie. »Kallen war fortgegangen, um nach dem Buch zu suchen, während ich das Blut untersucht und Lilias Gedanken gelesen habe. Sie hatte infolge einer Nacht mit Feuel und Wein üble Kopfschmerzen, und ich habe den Verdacht, dass ihr Gedächtnisverlust zum großen Teil auf diese Einflüsse zurückzuführen ist. Sie erinnert sich daran, dass Naki die Initiative mit dem Buch ergriffen hat. Sie gingen in die Bibliothek, wo Naki das Buch aus seinem Versteck holte – wie sie es schon in der Vergangenheit getan hatte. Naki schlug die Seite auf und drängte Lilia zu lesen. Dann probierten sie abwechselnd die beschriebenen Schritte aus. Lilia als Erste, danach Naki.« Sonea hielt inne und widerstand dem Drang, das Gesicht zu verziehen. »Lilia erinnert sich deutlich daran, den erforderlichen Geisteszustand erreicht und sogar ein wenig Macht von Naki genommen zu haben.« Ein allgemeines Aufkeuchen erklang im Raum. »Sie erinnert sich auch daran, dass Naki Macht von ihr genommen hat. Dann gingen sie wieder in das Gästeschlafzimmer, um Wein zu trinken und zu reden, und während des Gesprächs verlieh Naki dem Wunsch Ausdruck, dass Lilia sie von ihrem Vater befreien möge, der ihren Zugang zu Wein, Feuel und Geld eingeschränkt hatte. Danach erinnert Lilia sich an nichts mehr, bis sie am Morgen erwachte.« Sonea räusperte sich und fuhr mit etwas lauterer Stimme fort. »Naki erinnert sich an die gleichen Ereignisse, aber aus einer ganz anderen Perspektive. Sie erinnert sich daran, dass Lilia sie überredet hat, das Buch zu holen, um sie anschließend zu ermutigen, die darin enthaltene Lektion auszuprobieren, und Naki fügte sich, weil sie sie beeindrucken wollte – und weil sie nicht glaubte, dass sie Erfolg haben würde. Sie konnte die Anweisungen jedoch nicht verstehen, und als ich nach einer Erinnerung an die Gefühle oder das Wissen suchte, die mit der Benutzung schwarzer Magie einhergehen, konnte ich nichts finden. Allerdings hat Naki tatsächlich dem Wunsch Ausdruck verliehen, dass Lilia sie von ihrem Vater befreien möge, was sie jetzt bereut.«

»Wie können die beiden so unterschiedliche Erinnerungen haben?«, fragte Peakin.

»Sie haben beide jeweils vieles an Erwartungen in den anderen hineinprojiziert«, antwortete Sonea. »Sie haben die Motive und Wünsche des anderen missverstanden. Beide Mädchen dachten, die andere dränge sie dazu, schwarze Magie auszuprobieren, und dass sie, wenn sie sich weigerte, für schwach und langweilig gehalten werden würde.« Einmal mehr zögerte Sonea, die Schwärmerei zu enthüllen, die Lilia für Naki hegte. Sie hatte als Kind in den ehemaligen Hüttenvierteln gelernt, dass sich solche Bande auf natürliche Weise sowohl zwischen Männern als auch zwischen Frauen bilden konnten. Sie sah darin keinen größeren Schaden als in einer Liebesbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Aber sie wusste, dass viele anderer Meinung waren, und es stimmte, dass nicht alle Schwärmereien, ungeachtet des Geschlechts, für die Betroffenen zum Besten waren. Obwohl Lilias Gefühle einseitig gewesen waren, hatte Naki sie offenkundig ermutigt. Es war anscheinend Teil ihrer verwegenen, vergnügungssüchtigen Abenteuer gewesen.

Lady Vinara seufzte. »Ah, junge Menschen können solche Narren sein.«

Wie wahr das ist,  dachte Sonea. Aber dies ist eine private Angelegenheit, und es ist noch nicht wichtig für die begangenen Verbrechen. Es wäre grausam, es zu enthüllen. 

»Wir haben ihnen gesagt, dass sie aus Büchern keine schwarze Magie erlernen könnten«, rief Direktor Jerrik ihnen ins Gedächtnis. »Allerdings haben wir ihnen außerdem verboten, Bücher zu diesem Thema zu lesen. Aber das muss es für bestimmte Personen umso verführerischer machen. Es muss manchem als eine relativ ›sichere‹ Art erschienen sein, den Regeln zu trotzen, ohne gleich aufs Ganze zu gehen.«

»Wir haben uns geirrt«, erklärte Garrel und machte sogar den Eindruck, als bedauere er das, wie Sonea auffiel.

»Ja, wir sind zum Teil mitschuldig«, sagte Osen. »Was die Entscheidung noch schwerer machen wird, wie wir mit Naki und Lilia verfahren sollen.«

Sonea sah viele der Anwesenden zustimmend nicken.

»Ich denke nicht, dass irgendjemand uns für pflichtvergessen halten würde, wenn wir eine mildere Strafe wählen, als die alten Vorschriften sie vorschreiben«, meldete Vinara sich zu Wort.

Diesmal nickten alle. Zwei Novizinnen dafür hinzurichten, dass sie mit etwas herumgespielt haben, von dem wir ihnen erklärt hatten, es sei ungefährlich, würde jetzt große Empörung verursachen,  überlegte Sonea. Wie sehr sich die Einstellung schwarzer Magie gegenüber doch verändert hat. 

»Naki hat keine schwarze Magie erlernt«, sagte Peakin. »Sie kann nicht für den Tod ihres Vaters verantwortlich sein. Sie sollte eine mildere Strafe erhalten.«

Wieder nickten etliche Anwesende zustimmend. In Sonea stieg ein leichtes Unbehagen auf. Die beiden Mädchen hatten sich in gleichem Maße schuldig gemacht, soweit es sie betraf. Es gab keinen Beweis dafür, dass Lilia Lord Leiden getötet hatte. Das einzige beweisbare Verbrechen bestand darin, dass sie versucht hatten, schwarze Magie zu erlernen. Dass Lilia dabei Erfolg gehabt hatte, war ein bedauerliches Ergebnis, aber kein vorsätzliches von ihrer Seite.

Waren hier Vorurteile im Spiel? Naki entstammte der Oberklasse; Lilia kam aus einer Familie von Dienstboten. Naki war hübsch und beliebt; Lilia war still und hatte wenig Freunde.

»Die Strafe muss schwer genug sein, um andere Novizen davon abzuhalten zu versuchen, schwarze Magie zu erlernen«, fügte Vinara hinzu.

»Ich schlage vor, dass wir Nakis Abschluss hinauszögern«, sagte Direktor Jerrik. »Sie hat ihren Vater verloren. Das ist schmerzlich genug. Außerdem muss sie mit der plötzlichen Verantwortung fertig werden, die einzige Erbin des Vermögens ihrer Familie zu sein. Sie wird in ihren Studien wahrscheinlich ohnehin zurückfallen.«

»Sie sollte sich öffentlich entschuldigen«, warf Garrel ein. »Und ihre Rückkehr an die Universität sollte davon abhängig gemacht werden, dass sie kein weiteres Verbrechen begeht.«

»Wie lange sollten wir ihren Abschluss verzögern?«, fragte Osen.

»Ein Jahr?«, schlug Jerrik vor.

»Drei«, sagte Vinara entschieden. »Die Strafe soll ein Abschreckungsmittel sein, kein Urlaub.«

»Irgendwelche Einwände oder Vorschläge?«, fragte Osen. Niemand sprach. Er nickte. »Was ist mit Lilias Strafe?«

»Das hängt davon ab, ob sie Lord Leiden getötet hat«, bemerkte Peakin. »Welche Beweise haben wir?«

»Gar keine«, antwortete Kallen. »Es gab keine Zeugen. Die Diener haben nichts gehört oder gesehen. Wir haben nur Nakis Schlussfolgerung, dass Lilia schwarze Magie erlernt habe und die einzige Person im Haus mit dem entsprechenden Wissen war, so dass sie die Schuldige sein musste.«

»So ausgedrückt scheint es offensichtlich zu sein, dass es Lilia war«, sagte Vinara. Sie sah Sonea an, und ihre Mundwinkel zuckten nach oben. »Wäre da nicht die Tatsache, dass sie sich an nichts erinnern kann. Macht sie den Eindruck, als könnte sie eine Mörderin sein?«

Sonea schüttelte den Kopf. »Nein. Sie ist ziemlich entsetzt und voller Angst, dass sie es im Schlaf oder unter dem Einfluss von Feuel getan haben könnte.«

»Könnte sie unter Drogen gehandelt haben und sich nicht daran erinnern?«, fragte Peakin. »Naki hat es ihr gegenüber schließlich angedeutet.«

Sonea schauderte. »Ich habe gelernt, mich nicht mehr überraschen zu lassen, wenn es um die vielen abträglichen Wirkungen von Feuel geht, aber ich habe noch nie zuvor gehört, dass so etwas geschehen wäre. Und selbst wenn etwas derart Außergewöhnliches vorgefallen ist, bedeutet das immer noch, dass Lilia Lord Leiden nicht bewusst und vorsätzlich ermordet hat. Es könnte nur als ein Unfall betrachtet werden.«

Ein kurzes, nachdenkliches Schweigen senkte sich über den Raum. Der Hohe Lord Balkan trat vor.

»Eines ist bekannt: Lilia hat schwarze Magie erlernt. Der König und das Volk werden von uns erwarten, dass wir sicherstellen, dass sie, sollte sie am Leben bleiben, niemanden gefährdet.«

»Wir müssen ihre Kräfte blockieren«, sagte Vinara.

»Kann man ihre Kräfte blockieren?«, fragte Peakin und blickte zwischen Kallen und Sonea hin und her.

»Es hat noch nie zuvor jemand versucht, die Kräfte eines Schwarzen Magiers zu blockieren«, erklärte sie ihm. »Ob es möglich ist, können wir erst herausfinden, wenn wir es versuchen.«

»Wenn es uns gelingt, was tun wir dann mit ihr?«, fragte Garrel. »Sie ist keine Magierin mehr und damit kein Mitglied der Gilde, aber wir können sie auch nicht auf die Straße setzen.«

»Sie wird ständig bewacht werden müssen«, sagte Peakin. »Wer wird das übernehmen?«

Blicke wurden getauscht. Mienen wurden grimmig. Ein Frösteln überlief Sonea.

»Gewiss haben wir eine bessere Möglichkeit, als sie in den Ausguck zu stecken«, sagte sie laut.

»Ich sehe nicht, dass wir eine Wahl hätten«, erwiderte Vinara. Die anderen nickten.

»Bis die Ursache für Lord Leidens Tod geklärt ist, wissen wir nicht, ob man ihr vertrauen kann oder nicht«, fügte Garrel hinzu. »Wenn sie jemanden im Schlaf getötet hat … nun, wir wollen nicht, dass das noch einmal geschieht.«

»Die Gilde hatte seit Jahren keinen Gefangenen mehr«, murmelte Lord Telano. »Plötzlich hat sie zwei.«

Sonea zuckte leicht zusammen. Die letzten Gefangenen waren sie und Akkarin gewesen, obwohl man sie nicht lange festgehalten hatte.

»Lasst uns sicherstellen, dass sie es so behaglich wie möglich hat und gut versorgt wird«, sagte Osen. »Es erscheint mir durchaus richtig, dass ihre Strafe weniger hart ausfällt als die Lorandras, von der wir wissen, dass sie Gesetze gebrochen und andere getötet hat. Sind wir uns in diesem Punkt einig?«

Zustimmendes Gemurmel folgte. Osen sah Sonea an. »Ihr wirkt bekümmert, Schwarzmagierin Sonea.«

Sie nickte. »Ich bin durchaus der Meinung, dass eine Strafe vonnöten ist, aber … sie ist kein schlechter Mensch, und sie ist so jung. Es ist eine Schande, sie für den Rest ihres Lebens einzusperren. Vielleicht könnten wir ihren Fall in einigen Jahren noch einmal betrachten, wenn auch sie ein gutes Benehmen an den Tag gelegt hat.«

Er schürzte die Lippen, während er nachdachte. »Wie viele Jahre?«

»Zehn?«, schlug irgendjemand vor. Sonea zuckte erneut zusammen, als die anderen zustimmten, nickte jedoch, als Osen sie ansah. Sie bezweifelte, dass sie die anderen Magier zu einer kürzeren Zeit würde überreden können.

»Also, wer wird ihre Kräfte blockieren?«, fragte er und schaute zwischen ihr und Kallen hin und her.

»Ich übernehme das«, erwiderte sie. »Wenn Ihr keine Einwände habt, möchte ich mir ihre Erinnerungen noch einmal ansehen.«

Er lächelte und nickte. »Keine Einwände. Wenn Ihr irgendetwas herausfinden könnt, das mehr Licht auf die Ereignisse der vergangenen Nacht wirft, wäre das überaus willkommen.« Er sah die anderen Magier an. »Und jetzt müssen wir uns der Frage von Lord Leidens Ermordung zuwenden. Wir wissen, wo sich Sonea und Kallen zur fraglichen Zeit aufgehalten haben. Wenn Lilia ihn nicht getötet hat, wer war es dann?«

13

Schwierige Entscheidungen

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Ein Kratzen riss Lilia aus ihren Gedanken, und als sie sich umdrehte, sah sie, dass die Tür der Kuppel zurückwich. Als die Tür zur Seite glitt, trat an ihre Stelle ein Kreis aus kaltem Licht, vor dem sich die Silhouette einer Magierin abzeichnete. Die Magierin winkte, daher stand Lilia auf und ging gehorsam durch den Raum und zur Tür hinaus.

Als ihre Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, bemerkte sie, dass es später Nachmittag war. Ich war weniger als einen Tag dort drin,  dachte sie. Es kam mir viel länger vor. Obwohl es anderthalb Tage gewesen sein könnten. Aber dann hätte ich Hunger.  Ihr Magen knurrte. Nun, größeren Hunger. 

»Es ist Zeit, Lilia.«

Lilia begriff, dass die Magierin Schwarzmagierin Sonea war, und machte eine hastige Verbeugung. Die Frau musterte Lilia mitfühlend. Einige Schritte entfernt warteten zwei weitere Magier. Lilia mied ihre Blicke und schloss sich Sonea an, als diese auf die Universität zuging.

»Ich wünschte, wir könnten diese Anhörung vermeiden«, sagte Sonea. »Aber ich fürchte, das ist unmöglich. Ihr und Naki müsst vor der Gilde verurteilt werden.«

Lilia nickte. »Ich verstehe.«

»Es ist Euch verboten, miteinander zu sprechen«, fügte Sonea leise hinzu. »Sprecht nur, wenn man Euch auffordert oder Ihr eine Frage beantworten müsst.«

Lilia nickte. Sie konnte aus dem Augenwinkel sehen, dass Sonea sie eingehend musterte, und begriff, dass von ihr eine eindeutige Antwort erwartet wurde zum Zeichen, dass Lilia sie wirklich gehört und verstanden hatte.

»Ja«, brachte Lilia heraus; ihre Stimme war heiser vom Weinen und von den langen Stunden der Einsamkeit. »Nicht reden mit … es sei denn, man fordert mich dazu auf.« Sie konnte Nakis Namen nicht aussprechen, und Sonea wandte sich, anscheinend zufrieden, ab.

Sie gingen an der ganzen Länge der Universität vorbei zum Vordereingang. Die Taubheit, die Lilia verspürte, seit sie in der Gilde angekommen und in die Kuppel gesperrt worden war, begann zu verebben, als sie die Stufen hinaufstiegen, und wurde durch eine wachsende Furcht verdrängt. Sie würde vor allen Magiern der Gilde stehen und deren Blicke und Missbilligung ertragen müssen. Alle würden sich fragen, ob sie eine Mörderin war. Alle würden wissen, dass sie schwarze Magie erlernt hatte. Ganz gleich ob sie dachten, sie habe es aus Dummheit oder mit böser Absicht getan, sie würden sie verachten.

Lilia dachte an die Enttäuschung, die sie für ihre Familie sein musste, und drängte den Gedanken hastig beiseite. Sie durchquerten zügig die spektakuläre Eingangshalle der Universität und gingen den Flur entlang zur Großen Halle. Zu ihrer Erleichterung trafen sie auf dem Weg zu dem uralten Bau innerhalb der riesigen Halle nicht eine Menschenseele. Sie hatte erwartet, dass vor dem Eingang zur Großen Halle zumindest einige Novizen herumlungern würden, um so viel wie möglich mitzubekommen.

Die Türen zur Gildehalle wurden geöffnet, und Lilia gefror das Blut in den Adern.

Der Raum zwischen den Sitzreihen zu beiden Seiten der Halle war mit Stühlen gefüllt, und auf den Stühlen saßen Novizen in braunen Roben und verrenkten sich den Hals, damit sie sehen konnten, wie Lilia hereinkam.

Sie richtete den Blick auf den Boden. Das Herz donnerte ihr in den Ohren, während sie ihre zitternden Beine zwang, sie den Gang hinunterzutragen. Falls irgendwelche Novizen etwas flüsterten – falls irgendwelche etwas riefen –, hörte sie es nicht. Das Blut rauschte in ihren Ohren und übertönte alle anderen Geräusche. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung und darauf, ein bebendes Bein vor das andere zu setzen.

Sie erreichten die Stirnseite der Halle und gingen nach rechts, wo Sonea stehen blieb und Lilia sanft eine Hand auf die Schulter legte.

»Bleibt hier«, murmelte sie, dann eilte sie weiter und stieg die steile Treppe zu ihrem Platz unter den Höheren Magiern hinauf. Lilia, die sie beobachtete, sah, dass einige der Höheren Magier die Stirn runzelten. Ein Magier sagte etwas, aber Sonea machte eine beruhigende, wegwerfende Handbewegung.

Dann begegnete Lilia dem Blick eines Höheren Magiers, der sie anstarrte, und sie schaute hastig wieder zu Boden.

»Ihr habt die Berichte der wenigen Zeugen dieser Ereignisse gehört«, dröhnte eine männliche Stimme. Lilia schaute auf und sah, dass der in eine blaue Robe gekleidete Administrator in der Mitte der Stirnseite stand. Sie hatte so konzentriert zu Boden geblickt, dass sie ihn dort nicht bemerkt hatte. »Ihr habt gehört, was Schwarzmagierin Sonea in den Gedanken der beiden jungen Frauen gefunden hat, die vor uns stehen. Jetzt lasst uns hören, was sie zu sagen haben. Lady Naki.«

Ein Schauer überlief Lilia, und als sie Osens Blick folgte, sah sie, dass Naki nur etwa zehn Schritte von ihr entfernt stand, auf der von ihr aus linken Seite des Raums. Ihr wurde beim Anblick des vertrauten, schönen Gesichts leichter ums Herz, aber dieses Gefühl flaute schnell wieder ab und machte einem Schmerz Platz, der Lilia den Atem stocken ließ.

»Ja, Administrator Osen«, erwiderte Naki gelassen und ein wenig kalt. Sie stand mit durchgedrücktem Rücken und hoch erhobenem Kopf da. Unter ihren roten Augen lagen dunkle Ringe. Sie wirkt stark, aber auch wie jemand, der jeden Moment zusammenbrechen könnte,  ging es Lilia durch den Kopf. Wie wirke ich, mit vorgebeugten Schultern und außerstande, irgendjemanden anzusehen? Ich muss so schuldig wirken, wie sie es mir unterstellen. 

Naki erzählte ihre Geschichte. Bei jedem Wort wurde Lilia ein wenig kälter, bis sie bis ins Mark fror. Aber sie war diejenige, die das Buch lesen und schwarze Magie ausprobieren wollte! Es war allein ihre Idee!  Als Naki beschrieb, wie sie den Leichnam ihres Vaters gefunden hatte, drehte sie sich um und funkelte Lilia an.

»Sie hat ihn getötet. Wer hätte es sonst sein können? Sie muss aus dem Buch gelernt haben. Vielleicht beherrschte sie schon schwarze Magie.« Nakis Gesicht zerfiel, und sie bedeckte es mit den Händen. »Warum? Warum hast du es getan?«

Lilia wollte vor Mitleid fast das Herz zerspringen. »Ich habe es nicht getan, Naki. Ich …«, begann Lilia, aber Osen sah sie stirnrunzelnd an, und sie schluckte die Worte herunter.

Nach einer Pause, während Naki ihre Fassung wiederfand, befragten die Höheren Magier sie, aber Lilia schien es, als erwarteten sie, nicht mehr zu erfahren, als man ihnen bereits erzählt hatte. Osen wandte sich Lilia zu, und sie holte tief Luft und hoffte, dass ihre Stimme fest bleiben würde.

»Lady Lilia«, sagte er. »Berichtet uns, was in der Nacht geschah, in der Ihr Euch in Lady Nakis Haus aufgehalten habt.«

Sie versuchte zu erklären, aber wann immer sie etwas beschrieb, das sich von Nakis Schilderung unterschied, gab das andere Mädchen leise Laute des Abscheus oder des Protests von sich, und Lilia sprach hastig weiter. Erst als sie das Thema des Buches hinter sich ließ, wurde Lilia bewusst, dass sie hätte erwähnen sollen, dass Naki es ihr schon früher gezeigt hatte, aber es schien ihr in dem Moment die Mühe nicht wert zu sein, noch einmal zu dem Punkt zurückzukehren und diese Einzelheit hinzuzufügen. Als Osen sie nach dem Blut auf ihren Händen fragte, fiel ihr plötzlich wieder ein, dass sie gespürt hatte, wie Naki Macht von ihr nahm, aber als sie versuchte, es Osen zu erzählen, wertete er es als eine Bemühung, die Aufmerksamkeit von dem Blut abzulenken. Schließlich wurden seine Fragen direkter.

»Habt Ihr versucht, schwarze Magie zu erlernen?«

»Ja«, antwortete sie und spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.

»Hattet Ihr Erfolg?«

»Ja«, stieß sie gezwungen hervor. »Zumindest sagt das Schwarzmagierin Sonea …«

»Habt Ihr Lord Leiden getötet?«

»Nein.«

Er nickte und sah die Höheren Magier an, und Lilia wappnete sich gegen ihre Fragen. Sie hatten mehr Fragen an sie als an Naki. Als die Tortur vorüber war und Osen seine Aufmerksamkeit endlich auf den Rest der Halle richtete, verspürte sie eine ungeheure Erleichterung.

»Wir haben nicht genug Beweise, um irgendjemanden wegen der Ermordung Lord Leidens anzuklagen«, sagte er. »Obwohl die Nachforschungen dazu keineswegs beendet sind. Es wurden jedoch zwei Verbrechen zugegeben: der Versuch, schwarze Magie zu erlernen, und das Erlernen von schwarzer Magie. Die Hohen Magier haben über die geziemenden Strafen für diese Verbrechen entschieden und dabei das Alter der Angeklagten und die Absicht hinter ihren Taten berücksichtigt.« Er hielt inne. »Die Strafe für Lady Naki, die zugibt, versucht zu haben, schwarze Magie zu erlernen, jedoch keinen Erfolg hatte, ist ein dreijähriger Ausschluss von der Universität, nachdem ihre Kräfte blockiert wurden. Nach Ablauf dieser Zeit wird man ihr Verhalten noch einmal betrachten, und wenn es als befriedigend erachtet wird, darf sie zurückkehren.«

Die zuschauenden Magier und Novizen stießen einen schwachen Seufzer aus, dem ein leises Raunen von Gesprächen folgte, aber es wurde sofort wieder still in der Halle, als Osen weitersprach.

»Die Strafe für Lady Lilia, die zugibt, versucht zu haben, schwarze Magie zu erlernen, und Erfolg dabei hatte, ist der Ausschluss aus der Gilde. Ihre Kräfte werden blockiert werden, und sie wird an einem geziemend sicheren Ort verbleiben müssen. Ihre Strafe werden wir in zehn Jahren noch einmal überdenken.«

Kein Seufzer kam von den Magiern und Novizen in der Halle. Stattdessen setzte das Gemurmel unverzüglich ein und wurde lauter. Osen runzelte die Stirn, da er den Ton der Unzufriedenheit hörte. Lilia wurde flau im Magen.

Sie denken, die Strafe sei nicht hart genug. Sie denken, ich sollte hingerichtet werden. Sie … 

»Bevorzugung«, sagte jemand hinter ihr laut.

»Naki hat sie dazu gebracht, es zu tun!«, erklärte eine andere Stimme.

»Nein! Von euch ist schon immer ein schlechter Einfluss ausgegangen«, kam die Antwort.

»Bitte, eskortiert Lady Naki und Lady Lilia aus der Gildehalle«, sagte Osen, dessen mit Magie verstärkte Stimme die Streitigkeiten übertönte. Es wurde ein wenig stiller im Raum, und die beiden Magier, die Lilia und Sonea zuvor begleitet hatten, traten vor und bedeuteten ihr, auf einen Nebeneingang in der Nähe zuzugehen.

»Wir sind auf deiner Seite, Lilia!«, rief jemand.

Für einen winzigen Moment wurde ihr leichter ums Herz, dann rief jemand: »Mörderin!«, und sie sackte wieder in sich zusammen. Ich werde eingesperrt. Für zehn Jahre. Und länger, denn ganz gleich wie gut ich mich benehme, ich werde immer noch wissen, wie man schwarze Magie benutzt, und das bedeutet, dass ich immer noch eine Verbrecherin sein werde. Oh, wie sehr ich mir wünschte, sie könnten nicht nur meine Kräfte, sondern auch meine Erinnerungen blockieren. Warum habe ich mich von Naki überreden lassen zu versuchen, schwarze Magie zu erlernen? 

Weil sie Naki liebte. Weil keine von ihnen gedacht hatte, dass es funktionieren würde. Aber es hatte funktioniert, was erklärte, warum es verboten war, etwas über schwarze Magie zu lesen. Die Gilde hatte nicht zugeben wollen, dass es möglich war, denn dann würde jemand mit bösen Absichten sich ein Buch beschaffen und es versuchen. Ich hätte das wissen müssen. 

Und dann begriff sie, was sie und Naki getan hatten. Jetzt wissen alle, dass man schwarze Magie aus Büchern lernen kann. Wir haben ein Geheimnis aufgedeckt, das hätte verborgen bleiben sollen. Und wie die schwarze Magie ist es ein Geheimnis, dessen Entdeckung man nicht ungeschehen machen kann. 

Es war ein langer Tag für Lorkin gewesen. Nicht nur weil Kalia ihren Ärger an ihm ausgelassen hatte, nachdem er aus der Krankenstation geschlüpft war, sondern weil e


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r hatte zusehen müssen, wie es mit der Gesundheit des kranken Kindes bergab ging, während er sich die ganze Zeit gefragt hatte, wie er sie mit Magie heilen sollte, ohne dass Kalia es sah und ihn daran hinderte.

Sein Dilemma hatte sich jedoch auf eine überraschende Art und Weise gelöst. Irgendwann am späten Abend waren die Eltern des Mädchens zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht wollten, dass ihr Kind in der sehr öffentlichen, häufig lauten Krankenstation starb, sondern daheim bei seiner Familie. Kalia hatte versucht, es ihnen auszureden, aber sie hatten sich bereits entschieden.

Dies hatte Kalia aus dem Gleichgewicht gebracht, und sie war während des Rests des Tages geistesabwesend gewesen. Zweifellos ist sie damit beschäftigt zu versuchen herauszufinden, ob sie aus der Situation Gewinn ziehen kann, ohne selbst schlecht dazustehen. 

Zwei weitere Patienten litten schwer am Kältefieber: eine alte Frau und ein halbwüchsiger Junge, die beide bereits andere gesundheitliche Probleme gehabt hatten. Kalia verließ den Raum nicht, um das kranke Mädchen zu besuchen – vielleicht, weil man sie nicht darum gebeten hatte, vielleicht, weil sie befürchtete, Lorkin werde in ihrer Abwesenheit die anderen gefährlich kranken Patienten mit Magie heilen. Sie ließ Lorkin bis spät in die Nacht arbeiten, dann entließ sie ihn endlich, als eine hochrangige Magierin ihren kranken Ehemann herbrachte und bezweifelte, dass es klug von Kalia sei, so lange zu arbeiten und sich derart zu erschöpfen, obwohl andere Magierinnen sich erboten hatten, nachts über die Patienten zu wachen, um genau das zu vermeiden.

Als er aufbrach, rief Kalia seinen Namen. Er drehte sich um.

»Du darfst gehen«, sagte sie. »Besuche Velyla nicht ohne mich.«

Er nickte zum Zeichen, dass er verstand. Als er sich auf den Weg zur Wohnung des kranken Mädchens machte, fragte er sich, was sein Ungehorsam ihn wohl kosten würde.

Er kam nicht bis zu der Wohnung.

Eine Frau trat aus einem Nebenraum und winkte ihn heran. Er wusste, dass sie eine von Savaras Anhängerinnen war, aber trotzdem zögerte er, bevor er ihr in den Raum folgte. Dann sah er die vier Menschen, die dort warteten, und seine Zweifel zerstoben.

Der Raum war ein großer, halb leerer Lagerraum für Nahrungsmittel. Auf einem improvisierten Bett lag Velyla, und sie war bewusstlos. Ihre Eltern beugten sich über sie. Neben ihnen stand Savara.

»Lorkin.« Savara lächelte. »Ich dachte schon, sie würde dich niemals gehen lassen«, sagte sie.

Er verzog das Gesicht. »Ich denke, sie hat gehofft …« Er riss sich zusammen und sah die Eltern an. Gehofft, dass das Mädchen sterben würde, bevor ich eine Chance hatte, es zu heilen. Aber das kann ich vor ihnen nicht laut aussprechen.  Er ging zu dem provisorischen Bett hinüber, dann blickte er zu dem Ehepaar auf. »Ich werde versuchen, sie mit Magie zu heilen, aber ich kann nicht versprechen, dass ich in der Lage sein werde, sie zu retten. Eine magische Heilung hat nicht immer Erfolg, obwohl ich nie erlebt habe, dass sie Schaden angerichtet hätte. Ich werde es nur versuchen, wenn Ihr mir die Erlaubnis dazu gebt.«

»Die geben wir«, sagte der Vater, und seine Frau nickte.

»Und ich werde das Geschehen bezeugen«, ergänzte Savara leise.

Lorkin sah sie an. Tyvara musste Savara von seinen Plänen erzählt haben. Vielleicht hatte Savara die Eltern überredet, ihr Kind aus der Krankenstation zu holen, damit Kalia seine Heilung nicht verhindern oder in den Prozess eingreifen konnte. Vielleicht hatte sie auch erraten, dass Kalia ihm verbieten würde, Velyla allein aufzusuchen, und dafür gesorgt, dass das Mädchen stattdessen hierher gebracht wurde.

Savara lächelte, und in ihren Augen stand ein Leuchten, das sowohl Selbstgefälligkeit als auch Zustimmung ausdrückte.

Lorkin wandte sich wieder dem Kind zu, legte der Kleinen eine Hand auf die Stirn und sandte seine Sinne in ihren Körper. Was er sah, bescherte ihm eine Gänsehaut. Die Krankheit war überall, griff überall an. Ihre Lungenflügel waren voll davon, und ihr Herz war schwach.

Er begann, indem er ihr einfach Körperenergie sandte. Oft war das genug – der Körper benutzte die Energie automatisch, um sich selbst zu heilen. Diese Krankheit, die sie im Griff hatte, war zu heftig für ihre Abwehrkräfte. Wenn er in die Verräterinnen geschaut hätte, die nicht allzu schlimm vom Kältefieber betroffen waren, hätte er gesehen, wie ihre Körper sich gegen die Krankheit wehrten. Aber Velylas Körper verlor diesen Kampf.

Es konnte sein, dass die Abwehrkräfte ihres Körpers langsam und schwach waren und dass sie lediglich zusätzliche Energie brauchte, um lange genug durchzuhalten, um die Schlacht zu gewinnen. Oder es konnte sein, dass sie sie niemals gewinnen würde, ganz gleich wie viel zusätzliche Zeit er ihr verschaffte. Kalia wird sagen, ich hätte ihren Schmerz in die Länge gezogen, wenn ich keinen Erfolg habe. Aber ich muss es versuchen. 

Als Nächstes zwang er die Flüssigkeit aus ihrer Lunge – was für niemanden angenehm war, es dem Mädchen jedoch für eine Weile erlauben würde, richtig zu atmen –, dann heilte er so viel von dem Schaden, wie er konnte. Dieser letzte Schritt kostete ihn einiges von seiner Kraft, aber bei der Arbeit in der Krankenstation brauchte er ohnehin nicht viel von seiner Macht, und ein paar Stunden Schlaf sollten ihn wieder auf die Beine bringen.

»Benutzt weiter Kalias Heilmittel«, erklärte er Velylas Eltern. »Sie werden helfen, ihre Lunge freizuhalten und ihre Halsschmerzen zu lindern.« Als er hinabschaute und sah, dass die Lider des Mädchens flatterten, fügte er hastig hinzu: »Ich habe alles getan, was man mit Magie tun kann, was bedeutet, dass ich ihrem Körper noch eine Chance verschafft habe, gegen das Kältefieber zu siegen. Ich kann es noch einmal tun, wenn ihr Zustand sich verschlechtert, aber wenn ihr Körper nicht dagegen ankämpft …« Er ließ den Satz in der Luft hängen und schüttelte den Kopf.

Die Eltern nickten mit grimmiger Miene. »Vielen Dank«, sagte der Vater.

Interessant, dass er derjenige ist, der spricht, obwohl die Frau doch als das Oberhaupt der Familie gilt,  überlegte Lorkin.

Er spürte eine Hand auf der Schulter, und als er sich umdrehte, stand Savara neben ihm. »Du solltest dich besser ein wenig ausruhen. Ich nehme an, das erfordert mehr Magie, als es den Anschein macht.«

Er zuckte die Achseln, obwohl sie recht hatte. Sie blickte zu der Frau auf, die ihn in den Raum gebracht hatte, woraufhin diese die Tür einen Spaltbreit öffnete, um hinauszusehen, bevor sie sich wieder umdrehte und nickte.

»Du gehst zuerst«, murmelte Savara. »Wir werden getrennt aufbrechen, um weniger Verdacht zu erregen, falls man uns sieht.«

Nachdem er hinausgeschlüpft war, machte er sich auf den Weg zum Männerraum. Savara schien vorzuhaben, die Heilung des Mädchens geheim zu halten. Würde es Verdacht erregen, wenn sich das Mädchen erholte? Es war jedenfalls vorläufig immer noch krank und würde niemanden damit überraschen, dass es morgen gesund und munter herumtobte. Es würde eine Reihe von Tagen brauchen, um zu genesen – vorausgesetzt, dass das Mädchen die Krankheit überhaupt überstand. Die meisten Menschen hier würden das nicht verdächtig finden, aber ob das auch für Kalia galt, die wusste, wie schlecht es um die kleine Patientin bestellt war, musste zweifelhaft bleiben.

Ich schätze, ich werde es bald herausfinden. 

Als Achatis Sklaven den Rest der Mahlzeit forträumten, wollte Dannyl noch einen Schluck Wein nehmen, besann sich dann jedoch eines Besseren. Es war ein besonders starker Jahrgang, und das Essen war ausgesprochen würzig gewesen. Ihm drehte sich der Kopf bereits auf eine beinahe unangenehme Art und Weise.

Für einen Magier war es niemals klug, sich allzu sehr zu betrinken. Alle Magier erhielten ein stetiges Maß an Kontrolle über ihre Kräfte aufrecht, und unter dem Einfluss von Alkohol konnte ihnen diese Kontrolle ein wenig entgleiten. Im Allgemeinen war es eher peinlich als gefährlich, obwohl es im Laufe der Jahre etliche Magier gegeben hatte, die, nachdem sie sich etwas zu viel gegönnt hatten, versehentlich ihre Häuser niedergebrannt hatten.

Einige Drogen – besser bekannt als Gifte – konnten einem Magier jede Kontrolle rauben, was auf spektakuläre Weise fatal sein konnte. Er hatte über einige Zwischenfälle in der frühen kyralischen Geschichte gelesen, größtenteils vor der Entdeckung der magischen Heilkunst. Glücklicherweise hatten die Drogen Nebenwirkungen, die die Opfer auf die Gefahr aufmerksam machten, und sie hatten Zeit, das Gift aus ihrem Körper zu entfernen, wenn sie wussten, wie man es anstellte.

Dannyl sah Achati an, der ihn nachdenklich beobachtete. Sofort verspürte er ein Kribbeln der Sorge, aber auch sein Pulsschlag beschleunigte sich ein wenig. Er erinnerte sich an den Tag, an dem Achati sein Interesse verraten hatte, dass sie mehr wären als Magierkollegen und Diplomaten. Mehr als Freunde.

Dannyl hatte sich geschmeichelt gefühlt, war aber auch auf der Hut gewesen. Als er ihn zögern sah, hatte Achati Dannyl vorgeschlagen, die Idee für eine Weile zu erwägen.

Wie lang ist eine Weile? 

Dannyl musste zugeben, dass er die Idee erwogen hatte.  Er mochte Achati sehr. Er fühlte sich auf eine ganz andere Art zu Achati hingezogen, als er sich zu Tayend hingezogen gefühlt hatte. Achati war intelligent und ein interessanter Gesprächspartner. Nicht dass Tayend das nicht gewesen wäre, aber er neigte auch dazu, schnippisch, töricht und gelegentlich gedankenlos zu sein. Nichts von alledem traf jemals auf Achati zu.

Aber irgendetwas ließ Dannyl zögern, und er hatte eine ziemlich gute Vorstellung davon, was es war: Achati war ein mächtiger Mann, sowohl in magischer als auch in politischer Hinsicht. Dannyl fand diesen Umstand attraktiv, bis ihm einfiel, dass Achati ein Sachakaner und ein Schwarzmagier war, und dann konnte er nicht umhin, sich an die Invasion der Ichani zu erinnern und wie nah Kyralia daran gewesen war, von bloßen Ausgestoßenen dieser mächtigen Gesellschaft erobert zu werden.

Er ist kein Ichani,  rief Dannyl sich ins Gedächtnis. Es hat sich herausgestellt, dass es in Sachaka keineswegs von ehrgeizigen, mordlustigen und auf Eroberung erpichten Schwarzmagiern nur so wimmelt. Achati ist das Gegenteil eines Ichani – zivilisiert und bedacht auf Frieden zwischen unseren Ländern. 

Trotzdem, es ist niemals weise, Politik und Vergnügen zu vermischen … es sei denn, das Vergnügen  wäre Politik. 

Falls die Verwicklungen und tragischen Romanzen der Höflinge der Verbündeten Länder ein Maßstab waren, konnten die Dinge wirklich  schmutzig werden und sich zu guter Letzt als nachteilig für mindestens einen der Beteiligten erweisen. Aber dies war keine jener Romanzen, bei denen es um heimliche Hochzeiten oder skandalöse Affären ging. Es war nichts, was seine Loyalität Kyralia gegenüber in Zweifel ziehen würde. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Achati unvernünftige Erwartungen hatte und unrealistische Versprechungen geben würde …

»Worüber denkt Ihr nach?«, fragte Achati.

Dannyl sah seinen Gefährten an und zuckte die Achseln. »Nichts.«

Der Sachakaner lächelte. »Es ist eine seltsame Angewohnheit von Euch Kyraliern zu behaupten, einen leeren Kopf zu haben, wenn Ihr über Eure Gedanken nicht sprechen wollt.«

»Oder wenn unsere Gedanken zu verworren und uneindeutig sind – höchstwahrscheinlich vom Wein –, um sie zu erklären – was wahrscheinlich ebenfalls am Wein liegt«, erwiderte Dannyl.

Achati lachte leise. »Ja, das kann ich mir vorstellen.« Er schaute Dannyl an und runzelte die Stirn. »Es gibt da etwas, das ich Euch sagen muss, und ich bin mir nicht sicher, ob es Euch nicht missfallen wird.«

Ein kleiner Stich der Enttäuschung durchzuckte Dannyl. Er hatte sich beinahe selbst dazu überredet, Achatis Antrag anzunehmen, aber jetzt, da Achati ernster wurde, kehrten Dannyls Zweifel langsam zurück.

Wie würde sich eine solche Verbindung, sollte sie entdeckt werden, auf unser Ansehen in der sachakanischen Gesellschaft auswirken?  Dann fiel ihm ein, dass sie kurz davorstanden, Arvice zu verlassen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Diese Reise könnte die perfekte Gelegenheit sein … 

»Ich habe mich einverstanden erklärt, eine weitere Person auf unsere Forschungsreise mitzunehmen«, sagte Achati. »Er war ziemlich überzeugend, und ich kann an seinen Argumenten keinen Fehler entdecken. Ich habe bereits versprochen, dass ich ihm, sollten ihm die Dinge hier ein wenig über den Kopf wachsen, helfen würde, dem Interesse der Ashakis zu entkommen.«

Dannyl wurde flau im Magen. Dann folgte seiner Enttäuschung über Achatis Worte ein aufkeimender Verdacht.

»Wer?«

Achati lächelte. »Ich habe zugestimmt, Botschafter Tayend mitzunehmen.«

Dannyl wandte den Blick ab, um sein Missfallen zu verbergen. »Ah«, war alles, was er sich zu sagen zutraute.

»Es missfällt Euch.« Achati klang besorgt. »Ich dachte, Ihr beide würdet gut miteinander auskommen.«

Dannyl zwang sich, die Achseln zu zucken. »Das tun wir auch.« Ich nehme an, ich kann Achati nicht bitten, Tayend zurückzulassen, ohne alle möglichen Peinlichkeiten und Kränkungen zu verursachen.  »Doch einen möglichen Nachteil hätte es. Ich vermute, er hat versäumt, Euch etwas sehr Wichtiges zu erzählen.«

Achati runzelte die Stirn. »Und was ist das?«

Dannyl brauchte sich bei dieser Erinnerung nicht zu einem Lachen zu zwingen. »Tayend wird schrecklich, unerträglich, beinahe tödlich seekrank.«

14

Ränke

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Lilia musterte ihre Umgebung, nicht sicher, ob sie wach war oder noch träumte. Eine Zeitlang lag sie still da, dann kam sie zu dem Schluss, dass sie wach sein müsse, weil sie kein Gefühl drohender Gefahr empfand, das in ihren Träumen zu ihrem ständigen Begleiter geworden war.

Nichts bewegte sich, nichts veränderte sich, und nichts machte ein Geräusch oder sprach. Ah. Ich habe mich geirrt. Hier ist doch eine Art von Gefahr, aber sie ist subtiler und finsterer. Es ist der vollkommene Mangel an Ereignissen. Es ist die Gefahr endloser, einförmiger Stunden, die sich unendlich in die Zukunft erstrecken. 

Es war die Gefahr von Langeweile und vergeudeten Jahren. Die Gefahr, nie geliebt zu werden und nie zu lieben. Oder vergessen zu werden.

Aber es hätte schlimmer kommen können. Ihr Blick verweilte auf den bequemen, guten Möbeln und dem Rest der Einrichtung. Nicht viele Gefängnisse sahen so aus. Vielleicht war dies das einzige seiner Art.

Die Mahlzeit am Abend zuvor war genauso gut, wenn nicht besser gewesen als die, die sie im Speisesaal der Universität zu sich genommen hatte. Die Wachen waren höflich, und wenn überhaupt, schienen sie Mitleid mit ihr zu haben. Vielleicht erinnerte sie sie an ihre Töchter.

Ich wette, ihre Töchter bringen sich niemals in solche Schwierigkeiten, wie ich es getan habe. 

Dann zuckte sie zusammen, als sie sich an die kurze Begegnung mit ihren Eltern erinnerte, die in die Gilde gekommen waren, um sie zu sehen, bevor man sie in den Ausguck gesperrt hatte. Sie war zu benommen gewesen, um viel zu sprechen. Sie erinnerte sich daran, dass sie oft »Es tut mir leid« gesagt hatte. Ihre Mutter hatte lediglich gefragt: »Warum?«, und sie hatte nicht antworten können. Wie hätte sie ihrer Mutter erklären können, dass sie ein anderes Mädchen liebte?

Es hatte Tränen gegeben.

Die Erinnerung war schmerzhafter, als es die Begegnung selbst gewesen war. Sie stand auf und zog sich an, nur um ihre Gedanken auf etwas anderes richten zu können, und ihr Atem formte eine Wolke in der kalten Luft. Irgendjemand hatte beschlossen, dass sie die Art von schlichten Hosen und Obergewändern tragen sollte, die die meisten Diener trugen, aber aus einem Tuch von besserer Qualität. Ein warmes Unterhemd gehörte auch dazu. Roben wären zu dünn und zu leicht gewesen, um die Kälte abzuwehren – wenn es ihr denn erlaubt gewesen wäre, weiterhin welche zu tragen. Sie zitterte, und plötzlich spürte sie schmerzhaft den Verlust ihrer Magie.

Man hatte ein Kohlebecken im Raum aufgestellt, mit einem Abzug, der den Rauch durch die Außenmauer des Gebäudes leitete. Daneben befand sich ein Stapel Feuerholz und Anzündmaterial. Da der Ausguck für Magier erbaut worden war, vermutete sie, dass das Gebäude über keine Kamine oder Schornsteine verfügte. Als die Wache ihren Dienst übernommen hatte, waren sie wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen, dass Kohlebecken die einfachste nichtmagische Methode waren, um die Räume warmzuhalten.

Jemand hatte auch Drehstöcke und Zünder bereitgelegt, also machte sie sich daran, das Kohlebecken zu entzünden. Sie versuchte nicht, ihre Kräfte zu benutzen, davon überzeugt, dass die Blockade, die Schwarzmagierin Sonea über ihren Geist gelegt hatte, undurchdringlich war und dass es unangenehm sein würde, dagegen anzukämpfen. Sie konnte sich an die Prozedur selbst kaum erinnern. Ihr Geist war vor Schreck ganz benommen gewesen.

Sonea hat mir einige Fragen gestellt,  erinnerte sie sich. Ich war ihr nicht gerade von großem Nutzen. Aber zumindest hat sie immer noch versucht zu helfen. Oder zumindest herauszufinden, wer Nakis Vater getötet hat. 

Würde die Gilde die Suche nach dem Mörder aufgeben, jetzt, da sie eingekerkert war? Sie hoffte es nicht. Obwohl Naki ihren Stiefvater nicht gemocht hatte, hatte sein Tod sie offensichtlich bekümmert. Sie verdiente es zu wissen, was wirklich geschehen war.

Vor allem da sie in Gefahr sein könnte. Wer immer ihren Vater getötet hat, könnte es auch auf sie abgesehen haben. 

Lilias Herz begann schneller zu schlagen, aber sie holte einige Male tief Luft und sagte sich, dass Naki auf sich selbst aufpassen könne. Aber ganz konnte sie es doch nicht glauben. Naki war durch ihre jüngsten Schwächen zu leicht ablenkbar. Wie gut würde sie sich verteidigen, wenn Feuel sie in seinen Fängen hielt?

Nun, das ist etwas, mit dem ich keine Probleme mehr haben werde. Kein Feuel mehr für mich, hier in meinem Gefängnis. 

Bei dem Gedanken überlief sie ein Schauer der Furcht. Sie schüttelte den Kopf. Es war nicht so, als brauche  sie Feuel. Oder als hätte sie auch nur ein so großes Verlangen danach. Aber es hätte ihr geholfen, alles zu vergessen. Sich nicht um die Dinge zu scheren, die sie nicht ändern oder tun konnte. Aufzuhören, sich so dumm vorzukommen, weil sie die Anweisungen des Buches über schwarze Magie ausprobiert hatte. Es zu ertragen, nicht zu wissen, ob Naki in Gefahr war. Und vielleicht sogar die Liebe zu ersticken, die sie für Naki empfand. Waren sich die Liedermacher und Dichter nicht alle einig darin, dass Liebe nur zu Schmerz führte?

Wenn sie Naki nicht liebte, würde sie jetzt vielleicht einen Groll gegen das Mädchen hegen, das sie beide in diese Schwierigkeiten gebracht hatte. Das Problem ist nur, dass ihre Leichtsinnigkeit zu den Dingen gehört, die ich an ihr liebe. Obwohl die Liebe zu dieser Eigenschaft jetzt vielleicht nicht mehr so ausgeprägt ist … 

Das Kohlebecken war klein, und ihre Haut kribbelte vor Kälte. Sie stand auf, legte sich die Bettdecke um die Schultern und ging im Raum auf und ab. Für eine Weile stand sie an einem der schmalen Fenster und blickte auf den Wald draußen hinab. Es war der gleiche Wald, der an die Gebäude der Gilde grenzte. Sie hatte ihn nie erkundet, wie andere Novizen es getan hatten. Da sie in der Stadt aufgewachsen war, war die Aussicht, ein wildes, von Tieren beherrschtes Gewirr von Bäumen zu betreten, seltsam und ein wenig furchterregend gewesen. Von ihrem hohen Standort aus – im zweiten Stock eines Turms, der auf einem Hügel mit Blick auf den Wald erbaut war – konnte sie sehen, dass die Bereiche zwischen den Bäumen dicht ausgefüllt waren mit einem wüsten Gestrüpp toten Holzes und nachwachsender Vegetation. Sie versuchte sich vorzustellen, wie ein Mensch durch dieses Gestrüpp gehen konnte, ohne zu stolpern. Wahrscheinlich nur sehr langsam. 

Als der Anblick des Waldes sie zu langweilen begann, beschäftigte sie sich damit, sämtliche Gegenstände im Raum genau zu betrachten. Alle waren praktisch. Es gab keine Bücher, kein Papier, keine Schreibutensilien. Würden die Wachen ihr etwas davon bringen, wenn sie darum bat?

Die Tür zum Flur war aus schwerem, gutem Holz. Im Nachhinein hatte man ein kleines, quadratisches Stück Glas eingebaut, so dass die Wachen überprüfen konnten, wo ihre Gefangene war, bevor sie die Tür öffneten. Außerdem befand sich eine Tür zwischen ihrem Zimmer und dem benachbarten. Sie hatte am vergangenen Abend versucht, den Türknauf zu drehen, weil sie gedacht hatte, die Tür führe vielleicht zu einem zweiten Raum – vielleicht einem privateren Waschraum –, aber er hatte sich nicht bewegen lassen. Jetzt trat sie wieder vor die Tür und fragte sich, was dahinter lag. Aus Neugier drückte sie ein Ohr an das Holz.

Zu ihrer Überraschung konnte sie eine Stimme hören. Eine Frauenstimme. Sie konnte nicht hören, was die Frau sagte, aber das Geräusch war ziemlich melodisch. Vielleicht sang die Frau.

Ein Klopfen an der Haupttür ließ sie heftig zusammenzucken. Da sie wusste, dass man sie dabei beobachtet haben würde, wie sie ihre Nachbarin belauschte, trat Lilia hastig von der Nebentür weg.

Die Haupttür wurde geöffnet, und ein lächelnder Wachposten trat mit einem Tablett ein. Er war jung – nur wenige Jahre älter als sie. Auf dem Tablett befand sich eine typisch kyralische Morgenmahlzeit.

»Einen guten Morgen, Lilia«, sagte er und stellte das Tablett auf den kleinen Esstisch. »Habt Ihr gut geschlafen?«

Sie nickte.

»Habt Ihr es warm genug? Braucht Ihr weitere Decken?«

Sie nickte, dann schüttelte sie den Kopf.

»Soll ich Euch irgendetwas bringen?« Sein Benehmen war seltsam freundlich für einen Mann in einer Uniform, die man für gewöhnlich mit Autorität und Gewalt in Verbindung brachte.

Sie dachte nach. Besser, ich nehme das Angebot an. Ich werde lange hier sein. 

»Bücher?«

Sein Lächeln wurde breiter. »Ich werde sehen, was ich für Euch auftreiben kann. Sonst noch etwas?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nun, Ihr seid leicht zufriedenzustellen. Die nebenan will Garn aus Reberwolle, damit sie Decken und Mützen machen kann.«

Lilia blickte zu der Seitenwand, die sie von ihrer singenden Nachbarin trennte. »Wer …?«, begann sie.

Zum ersten Mal verblasste das Lächeln des Wachmanns, und er runzelte die Stirn. »Lorandra. Die wilde Magierin, die von Schwarzmagierin Sonea gefangen wurde. Eine seltsam aussehende Frau, aber sie ist höflich und bereitet uns keine Schwierigkeiten.«

Lilia nickte. Sie hatte von der wilden Magierin gehört. Der Sohn der Frau war ebenfalls ein wilder Magier, den man noch nicht aufgespürt hatte. Er arbeitete für einen Dieb oder etwas in der Art.

»Mein Name ist Welor«, eröffnete ihr der Wachposten. »Ich soll dafür sorgen, dass Ihr es bequem habt, während Ihr bei uns im Ausguck seid. Ich werde Euch einige Bücher beschaffen. In der Zwischenzeit«, er deutete mit dem Kopf auf das Tablett, »wird ein wenig Essen Euch helfen, Euch zu wärmen.«

»Danke«, brachte sie heraus. Er nickte, zog sich zur Tür zurück und lächelte noch einmal, bevor er sie schloss.

Trotz all der Freundlichkeit und seines entgegenkommenden Benehmens war das Klirren des Schlosses, in dem sich jetzt der Schlüssel drehte, fest und ohne Zögern. Mit einem Seufzen setzte Lilia sich hin und begann zu essen.

Als Lorkin an diesem Morgen in die Krankenstation zurückgekehrt war, hatte sich eine unerklärliche Stimmung Kalias bemächtigt. Mit einem neutralen Tonfall und leerer Miene erklärte sie Lorkin, dass die alte Frau, die am Kältefieber gelitten hatte, während der Nacht gestorben war.

Sie verlor kein Wort über Velyla, aber er stellte bald fest, dass die heimliche Heilung der vergangenen Nacht ihn nicht mehr allzu sehr beschäftigte, während er sich zu sorgen begann, wie die Verräterinnen auf den Tod der alten Frau reagieren würden. Er wappnete sich gegen Anklagen und Tadel.

Doch nichts dergleichen kam. Während die Stunden verrannen, sagten die Patienten und Besucher der Krankenstation lediglich, dass die Frau bereits sehr alt gewesen sei, und obwohl es traurig sei, dass sie gestorben war, sei es nicht unerwartet gekommen. Niemand warf vielsagende Blicke in Lorkins Richtung. Falls Kalia irgendeine Versuchung verspürte anzudeuten, dass er die alte Frau hätte retten können, widerstand sie ihr.

Dem halbwüchsigen Jungen ging es jedoch nicht gut, und als Lorkin mit dem anbrechenden Abend die Erschöpfung nach einer nur kurzen Nacht zu spüren begann, trafen die Eltern des Jungen ein und eröffneten Kalia, dass sie ihn mit nach Hause nehmen würden.

Der Blick aus schmalen Augen, den Kalia Lorkin zuwarf, ließ ihn frösteln. Er bemühte sich, verwirrt zu wirken oder zumindest müde und verständnislos. Sie sagte nichts und bestand darauf, die Familie zu begleiten.

Wird man mir heute Nacht auf dem Rückweg zum Männerraum auflauern?,  fragte er sich. Wie lange wird es dauern, bis Kalia dahinterkommt, was hier vorgeht? Falls sie es nicht bereits weiß. 

Er zog ein wenig Magie in sich hinein, vertrieb die Müdigkeit aus seinem Körper und wandte sich wieder der Arbeit zu, die er vor dem Erscheinen der Familie getan hatte. Nicht lange danach hörte er Schritte vom Eingang, und als er aufschaute, bemerkte er einen neuen Patienten.

Evar lächelte, nickte Lorkin zu, sah sich im Raum um und kam dann auf ihn zu. Seine Nase war rot, und seine Augen waren geschwollen.

»Du hast dir wirklich einen wunderbaren Zeitpunkt ausgesucht«, sagte Lorkin.

»Wie meinst du das?«, fragte Evar und blinzelte mit geheuchelter Unschuld. Er hustete. »Uh«, murmelte er. »Ich hasse das Kältefieber.«

»Du wirst es überleben.«

»Ich habe Halsschmerzen.«

Lorkin lachte leise, bedeutete Evar, ihm zu folgen, und ging dann zu den Heilmitteln, die Kalia für den Tag aus ihrem Lagerraum geholt hatte.

»Wo ist Kalia?«, fragte er.

Evar zuckte die Achseln. »Auf dem Weg nach irgendwohin. Ich habe nicht gesehen, wohin genau sie gegangen ist. Ich habe nur bemerkt, dass sie die Krankenstation verlassen hat, und bin sofort hierhergekommen.«

Lorkin reichte seinem Freund eine kleine Menge Tee. »Du kennst die Dosierung?«

»Natürlich. Ich hatte das Fieber jedes Jahr, solange ich denken kann.«

»Und doch bist du ein Magier«, erwiderte Lorkin. Nicht dass Gildemagier niemals Krankheiten bekämen. Aber sie neigten dazu, sich schnell zu erholen. Selbst wenn Evar sich das Kältefieber zugezogen hatte, würde es Lorkin nicht überraschen, wenn Evar am nächsten Morgen vollkommen genesen aufwachen würde.

Evar blickte sich um. »Wie läuft es denn so?«

»Ein wenig besser. Bald werden weniger Menschen herkommen, im Wesentlichen, weil es niemanden mehr gibt, der sich an dem Fieber anstecken könnte.«

»Ich hatte schon gedacht, ich wäre für dieses Jahr daran vorbei…«

»Lorkin .«

Sie beide blickten auf und sahen Kalia in der Tür stehen. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und stolzierte auf ihn zu; ihre festen Schritte hallten im Raum wider. Ihre Augen wurden schmal, und sie presste die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen.

»Oh-oh«, flüsterte Evar. Er trat einen Schritt zurück, als Kalia herbeikam. Sie blieb ein wenig näher bei Lorkin stehen, als man es wahrscheinlich für normal oder angenehm gehalten hätte, und funkelte ihn an.

Funkelte zu ihm auf , bemerkte Lorkin. Es war ein lächerlicher Gedanke, aber es wirkte einfach komisch, dass sie, die einen Kopf kleiner war als er, ihn körperlich einzuschüchtern versuchte. Er hoffte, dass sein Gesicht möglichst ausdruckslos war.

»Hast du Velyla mit Magie geheilt?«, fragte sie. Sie sprach langsam und mit einer Stimme, die leise war, aber doch laut genug, dass alle im Raum sie hören konnten.

Stoff raschelte, als die Patienten und Besucher sich aufrichteten oder umwandten, um die Auseinandersetzung zu beobachten, dann wurde es still im Raum.

»Ja«, antwortete Lorkin. »Mit der Erlaubnis ihrer Eltern«, fügte er hinzu.

Kalias Augen weiteten sich, dann wurden sie wieder schmal. »Also bist du ohne mich in ihr Quartier gegangen, trotz meiner Befehle …«

»Nein«, unterbrach er sie. »Ich bin nicht in ihr Quartier gegangen.«

Die Falte zwischen ihren Brauen vertiefte sich. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, dann schloss sie ihn wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Sie reckte das Kinn, bedachte ihn mit einem herrischen, wütenden Blick, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und stolzierte wieder aus dem Raum.

Sobald sie fort war, wurde ein Raunen laut. Lorkin sah Evar an, der ihm zulächelte.

»Sie ist sauer. Sie ist sehr, sehr sauer. Aber das hast du erwartet, nicht wahr? Hat die magische Heilung funktioniert?«

Lorkin verzog das Gesicht. »Nach ihrer Reaktion zu urteilen, sieht es so aus, als könnte es tatsächlich funktioniert haben.«

»Du meinst, du weißt es nicht?« Evar klang überrascht.

»Nein. Man kann nicht alles mit Magie heilen. Ein Fieber wie dieses könnte trotzdem tödlich sein, wenn der Körper des Patienten nicht in der Lage ist, dagegen anzukämpfen. Mit Magie kann man lediglich


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den Schaden heilen und dem Patienten ein wenig neue Kraft geben.«

Evar schüttelte den Kopf. »Wenn Kalias Verbündete das gewusst hätten, wären sie vielleicht nicht so versessen darauf gewesen, dieses Wartespiel mit dir zu spielen.«

»Nun, ich hoffe, sie genießen das Spiel, Evar«, erwiderte Lorkin kurz angebunden. »Denn mir gefällt es nicht, mit Menschenleben zu spielen.«

Evar sah Lorkin nachdenklich an, dann nickte er. »Wenn das Mädchen überlebt, dann hast du wenigstens einen Grund, dich gut zu fühlen.«

Lorkin seufzte. »Ja.« Er sah seinen Freund an. »Ich nehme nicht an, dass du für mich herausfinden könntest, wie es ihr geht?«

Sein Freund richtete sich auf. »Das kann ich tun. Falls Kalia bis dahin wieder da ist, werde ich zwinkern, wenn alles gut ist, die Achseln zucken, wenn man nichts Genaues sagen kann, und schielen, wenn es ihr schlecht geht.« Er grinste. »Viel Glück.«

Evar wandte sich ab und ging in den Flur. Lorkin sah ihm nach, dann rief jemand anderer seinen Namen, und er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Patienten.

»In das Westseite-Hospital kommen weniger einheimische Patienten«, erklärte Sonea, als sie Dorrien den Hauptflur entlangführte. »Aber das machen fremdländische Patienten mehr als wett, da das Hospital dem Hafen und dem Markt am nächsten liegt.«

Dorrien lachte leise. »Ich schätze, in ihren Heimatländern haben sie keine Hospitäler.«

»Tatsächlich haben einige der Verbündeten Länder durchaus welche«, erwiderte sie. »In Vin und Lonmar gibt es ein paar Hospitäler, und Lan steht im Begriff, ebenfalls welche zu eröffnen. Sie wurden entweder von Heilern gegründet, die von dem Gedanken beseelt waren, in anderen Ländern Hospitäler zu eröffnen, oder von den Heilern dieser Länder selbst, die ihren eigenen Leuten so helfen wollen, wie wir hier in Kyralia es tun.«

»Aber nicht in Elyne?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht weil sie es nicht versucht hätten. Der elynische König will es nicht zulassen. Die Elyner haben noch immer ihre Gilde nichtmagischer Heiler, die lange vor der Gilde gegründet wurde. Und diese Heiler schätzen es gar nicht, wenn Magier sie ihres Gewerbes berauben. Nun, die Behandlungsräume hier sind ziemlich genauso eingerichtet …«

Sonea trat vor eine Tür mit der Nummer, nach der Ausschau zu halten man sie gebeten hatte. Sie klopfte leise, und kurz darauf wurde die Tür geöffnet, und das vertraute Gesicht einer der Heilerinnen von der Nordseite grinste ihnen entgegen.

»Geht hinein«, sagte Sylia, während sie in den Flur schlüpfte, sie passieren ließ und dann die Tür schloss.

Der Raum ähnelte denen im Nordseite-Hospital. Ein Tisch teilte den Raum, und es standen einige Stühle für Patienten und eventuelle Begleiter bereit sowie ein Stuhl für den Heiler auf der anderen Seite des Tisches.

Anstelle eines Patienten erwartete sie Cery. Er lächelte, doch seine Haltung war gebeugt und angespannt. Sein Blick wanderte von Sonea zu Dorrien.

»Das ist also dein neuer Assistent und Leibwächter?«, fragte er.

Sonea schnaubte leise. »Assistent, ja. Was die Frage betrifft, ob Dorrien mein Leibwächter ist oder ich seiner bin …« Sie blickte Dorrien an, der schief lächelte. »Wir werden sehen, wie die Dinge sich entwickeln. Cery, das ist Dorrien. Dorrien, das ist Cery.«

Die beiden Männer nickten höflich.

»Habt Ihr lange gewartet?«, fragte Dorrien.

Cery zuckte die Achseln. »Ein Weilchen. Ich bin früh hier gewesen.«

»Um das Gebäude auszukundschaften?«

»Natürlich.«

»Wie laufen die Geschäfte?«, erkundigte sich Sonea.

Cerys Lächeln verblasste, und er wirkte jetzt ausgezehrt und müde. »Nicht gut. Es ist ein glücklicher Umstand, dass ich für Zeiten wie diese reichlich Geld in meinen Verstecken deponiert habe.«

»Wird es genügen?«

Er verzog das Gesicht. »Höchstens für ein Jahr. Ich wäre versucht, dich allein weitermachen zu lassen und früher aus der Stadt zu verschwinden, wäre da nicht …« Er breitete die Arme aus.

Anyi,  dachte sie. Ich hoffe, es gelingt ihr davonzuschlüpfen, ohne Verdacht zu erregen. 

Cery hatte eine Nachricht des Sinnes erhalten, dass Anyi hier eine Heilerin aufsuchen werde. Sie konnten nur hoffen, dass die Nachricht von seiner Tochter kam und nicht Teil einer Verschwörung war, ihm aufzulauern. Was der Grund ist, warum Dorrien und ich hier sind. 

Sie plauderten noch einige Minuten. Sonea hatte Dorrien eingeschärft, Cery nicht nach Einzelheiten seines Geschäfts zu befragen, und dankenswerterweise befolgte er ihren Rat. Je weniger er wusste, desto unwahrscheinlicher war, dass er mit dem Gesetz in Konflikt geriet, das jeden verpflichtete, illegale Aktivitäten der Wache zu melden.

Es klopfte an der Tür, und alle drei wandten sich dem Eingang zu. Sonea trat vor und öffnete die Tür einen Spaltbreit. Dann stieß sie einen erleichterten Seufzer aus, als sie Anyi und Sylia vor sich sah. Sie bedankte sich bei Sylia und ließ Anyi herein.

Cery erhob sich und musterte seine Tochter mit unübersehbarem Beschützerinstinkt von Kopf bis Fuß.

»Bist du … ist alles … ist das eine Prellung?«

»Mir geht es gut«, erwiderte Anyi. »Ich habe Rek gesagt, ich dächte, ich hätte mir beim Training das Handgelenk gebrochen und sollte es besser untersuchen lassen. Eine verletzte Wächterin versieht ihre Arbeit nicht so gut wie eine unverletzte.«

»Was lässt er dich denn bewachen?«

Sie lächelte. »Seine Geliebte. Sie scheint zu denken, dass ›Leibwächterin‹ gleichbedeutend ist mit ›Dienerin‹, und ich habe das Vergnügen, sie vom Gegenteil zu überzeugen.«

Cery nahm wieder Platz. »Also. Welche Neuigkeiten hast du für uns?«

Anyi sah sich im Raum um und verzog die Lippen zu einem wenig überzeugenden Schmollmund. »Ist meine wunderbare Gesellschaft nicht genug? Hast du mich nicht vermisst?«

»Du hättest dieses Treffen nicht riskiert, wenn du keine Neuigkeiten hättest.«

Sie verdrehte seufzend die Augen. »Du könntest zumindest so tun, als hättest du mich vermisst.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Nun, wie der Zufall es will, habe ich tatsächlich Neuigkeiten. Ich weiß mit Bestimmtheit, dass Jemmi Rek Aufgaben übertragen hat, die Gefälligkeiten für Skellin waren.«

»Jemmi ist ein Dieb«, murmelte Sonea an Dorrien gewandt.

»Was für ein Tier ist ein Jemmi?«, murmelte er zurück.

»Die Diebe nehmen jetzt nicht mehr immer Tiernamen an.«

»Ah.«

»Wie oft?«, fragte Cery seine Tochter.

»Oft genug.« Anyis Augen glänzten. »In einigen Wochen trifft eine Lieferung Feuel ein. Ich kann versuchen herauszufinden, wo. Ich weiß jedoch nicht, ob Skellin dort sein wird.«

»Aber Skellins Männer werden dort sein?«, hakte Dorrien nach.

Anyi nickte.

Dorrien sah Sonea an, und seine Augen leuchteten vor Erregung. »Also fangen wir sie ein, und du kannst ihre Gedanken lesen und herausfinden, wo Skellin steckt.« Er runzelte die Stirn. »Halt … das würde gegen die Bestimmungen verstoßen, die für die Schwarzmagier gelten, oder?«

Sonea schüttelte den Kopf. »Osen hat Kallen und mir die Erlaubnis gegeben, in den Geist anderer einzudringen, wenn es notwendig ist. Aber das eigentliche Problem ist: Falls Skellins Leute gar nicht wissen, wo er steckt, werden wir umsonst offenbart haben, dass Anyi eine Spionin ist.«

»Hmm«, brummte Cery. Er sah Anyi an. »Obwohl ich dich lieber wieder bei mir hätte, sollten wir warten, bis wir von einem Treffen erfahren, an dem Skellin definitiv teilnehmen wird.«

Anyi zuckte die Achseln. »Ich werde die Ohren offen halten. Es muss noch eine bessere Gelegenheit kommen.«

Sie erörterten Strategien und Möglichkeiten, wie sie sich miteinander in Verbindung setzen konnten, bis es an der Tür klopfte. Sylia berichtete, es werde bemerkt, dass sie ziemlich lange für eine medizinische Untersuchung brauchten. Anyi verabschiedete sich von ihrem Vater und ging. Als sie fort war, starrte Cery die Tür an, dann seufzte er und wandte sich an Sonea.

»Hast du etwas von Lorkin gehört?«

Sie zuckte zusammen, als ein Stich der Sorge sie durchfuhr, dann schüttelte sie den Kopf. »Aber Dannyl hat die Nachricht geschickt, dass die Verräterinnen vielleicht geneigt wären, Botschaften zwischen mir und ihm zu vermitteln, also habe ich ihm für den Fall, dass sie Wort halten, eine geschickt.«

»Das ist immerhin ein Anfang«, sagte er und brachte ein Lächeln zustande.

Sie nickte. »Ich sollte besser fortfahren, Dorrien herumzuführen. Es war schön, dich zu sehen. Pass auf dich auf.«

»Du auch«, erwiderte er.

Nachdem sie und Dorrien den Raum verlassen hatten, schlüpfte Sylia wieder hinein, um Vorbereitungen dafür zu treffen, Cery aus dem Hospital zu schmuggeln. Sonea führte Dorrien den Flur entlang zum Lagerraum.

»Er ist ein sehr besorgter Mann«, bemerkte Dorrien, als er sich davon überzeugt hatte, dass sie allein waren.

»Ja«, pflichtete Sonea ihm bei.

»Ich denke an meine Töchter, und ich bin mir nicht sicher, ob ich eine von ihnen in eine gefährliche Situation schicken könnte, damit sie für mich spioniert.«

»Nein, aber er hat sie nicht direkt geschickt. Sie hat sich selbst geschickt. Sie ist eine ziemlich entschlossene junge Frau.«

Dorrien blickte nachdenklich drein. »Sie ist im härteren Teil der Stadt groß geworden, nicht wahr? Und es muss eine schwere Jugend gewesen sein, die Tochter eines Diebes zu sein.«

»Sie ist nicht unter Cerys Schutz aufgewachsen. Als ihre Mutter ihn verließ, nahm sie Anyi mit. Sie war eine stolze Frau und wollte Cerys Hilfe nicht akzeptieren, obwohl sie bitterarm waren. Anyi ist schnell und hart groß geworden, aber aus anderen Gründen.«

»Trotzdem, eine Ehefrau und Kinder verloren zu haben und dann mit ansehen zu müssen, wie deine einzige Tochter sich in Gefahr bringt …« Er schüttelte den Kopf.

»Das ist der Grund, warum wir vorsichtig sein müssen. Wir müssen sicherstellen, dass, wenn wir Skellin finden, keine Gefahr besteht, dass Anyi oder Cery dadurch gefährdet werden.«

Dorrien nickte zustimmend. Gut,  dachte Sonea. Ich dachte langsam, er sei ein wenig zu erpicht darauf, seine Nützlichkeit unter Beweis zu stellen, und könnte sich auf die erste Gelegenheit stürzen, die sich bietet, wenn ich nicht da wäre, um ihn daran zu hindern. Jetzt wird er die Risiken überdenken, bevor er handelt. 

Hoffentlich würde sich nun, da Anyi die Spionin spielte, bald eine bessere Gelegenheit bieten – und nicht nur weil sie Skellin fangen mussten. Cery sah aus, als hätte er einen Monat lang nicht geschlafen.

15

Ungebetene Gesellschaft

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Sachaka handelte überwiegend mit Ländern im Norden und Osten, auf der anderen Seite des Aduna-Meeres, und dies war im Hafen offensichtlicher als überall sonst in der Stadt. Dannyl war verblüfft von der Größe der exotischen Schiffe, die dort vor Anker lagen, und von ihrer schieren Anzahl. Masten schwankten wie ein großer, unbelaubter Wald und erstreckten sich vom Ufer hinaus in die breite Bucht von Arvice.

Die Sklaven des Gildehauses banden Achatis, Dannyls und Tayends Reisetruhen von der Kutsche los und hoben sie mit der Hilfe der beiden persönlichen Sklaven Achatis herunter. Dannyl bemerkte, dass Achati die Prozedur genau beobachtete. Ein kyralischer Magier hätte die Truhen mit Magie bewegt, aber Sachakaner gaben sich nicht für solch minderwertige Arbeiten her. Die Sklaven benutzten zu diesem Zweck Seile und eine in den hinteren Teil des Gefährts eingebaute Winde, aber die Tatsache, dass die vier dünnen Männer kaum Probleme hatten, die schweren Truhen zu heben, weckte in Dannyl den Verdacht, dass sie trotzdem ein wenig magische Hilfe von ihrem Herrn bekamen.

Es waren zwei Männer nötig, um Achatis Truhe zu tragen. Tayends Truhe hatte ungefähr die gleiche Größe. Dannyls war erheblich kleiner. Manchmal hat es seine Vorteile, sein Leben lang eine Uniform tragen zu müssen,  dachte Dannyl. Aber er hatte auch eine zusätzliche Truhe mitgenommen – kaum mehr als eine große Kiste –, die Schreibgerät und Notizbücher enthielt und Platz für jedwede Unterlagen oder Gegenstände hatte, die er vielleicht erwerben würde.

Ein Seufzen lenkte Dannyls Aufmerksamkeit ab. Er sah Merria an, deren finstere Miene sich nur geringfügig aufhellte, als sie seinen Blick bemerkte. Seine Assistentin war immer noch wütend darüber, zurückgelassen zu werden. Seit sie erfahren hatte, dass auch Tayend an der Forschungsreise teilnehmen würde, hatte sie kaum mit ihm gesprochen.

Er widerstand dem Drang, Tayend anzusehen. Der elynische Botschafter stand neben Dannyl und wiegte sich leicht in seinen kunstvollen, teuren Schuhen. Nachdem Dannyl von Achatis Haus zurückgekehrt war und seinen ehemaligen Geliebten gefragt hatte, warum er sie auf ihrer Reise begleiten wolle, hatte er kaum ein Wort mit Tayend gewechselt.

»Oh, als Botschafter sollte ich wirklich so viel wie möglich über dieses Land in Erfahrung bringen«,  hatte Tayend erwidert. »Ich habe viel von Arvice gesehen. Es wird Zeit, dass ich etwas jenseits der Stadtmauern zu Gesicht bekomme.« 

Dannyl hatte auch nicht gehört, dass Tayend und Merria sich unterhalten hatten. Da die meisten seiner Bewohner nicht miteinander redeten, war es im Gildehaus sehr still gewesen.

Er dachte über Tayends Vorwand nach. War das alles, was dahintersteckte? Ich bezweifle, dass er mitkommt, weil er sich für meine Forschungen interessiert. Oder tut er es doch? Wenn er von dem Lagerstein weiß, ist er vielleicht genauso besorgt wie Achati und ich über die Möglichkeit, es könnte noch ein anderer Stein existieren oder geschaffen werden. Aber wie könnte er von dem Lagerstein erfahren haben? Ich habe ihm nicht davon erzählt. Gewiss hatte auch Achati nicht … 

Vielleicht gab es einen anderen Grund, warum Tayend sie begleiten wollte. Er hatte bereits offenbart, dass er von Achatis persönlichem Interesse an Dannyl wusste. Versuchte er, dafür zu sorgen, dass Dannyl und Achati kein Liebespaar wurden?

Dannyl runzelte die Stirn. Warum sollte er das tun? Eifersucht? Nein. Tayend war derjenige, der festgestellt hat, dass er und ich kein Paar mehr sind. Er hat nie gesagt, dass er etwas daran ändern wolle. 

Neben ihm räusperte sich Tayend. Er hielt inne, dann holte er Luft, um zu sprechen.

»Botschafter?«

Dannyl wandte sich ihm widerstrebend zu.

»Bist du dir sicher, dass es dir nichts ausmacht, wenn ich mitkomme?«

»Natürlich macht es mir nichts aus«, erwiderte Dannyl.

Er drehte sich wieder zu den Sklaven um. Die beiden persönlichen Sklaven Achatis waren nicht dieselben zwei, die den Mann auf der Suche nach Lorkin begleitet hatten. Dannyl fragte sich, was aus Varn geworden war. Dann wanderten seine Gedanken wieder zurück zu seinen Gefährten, als er spürte, dass Merria ihn anstarrte. Er drehte sich zu ihr um, und sie lächelte. Das erschien ihm eigenartig. In dem Lächeln lag Erheiterung, und er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie sich auf seine Kosten amüsierte.

»Dort ist der Kapitän«, erklärte Achati. Er deutete auf das Schiff, zu dem die Sklaven die Reisetruhen trugen. Es war kleiner als die exotischen Handelsschiffe, die es umgaben, und einzig für den Transport von Passagieren gedacht – wichtigen Passagieren. Auf seinem Deckshaus war der Name Inava  eingeschnitzt und mit Gold ausgelegt, so dass er in der Sonne glitzerte. Ein Sachakaner, der so prächtig gekleidet war, wie Dannyl es von einem Ashaki erwartet hätte, stand auf Deck und wartete darauf, dass sie über den schmalen, zwischen Kai und Schiff gelegten Laufgang an Bord kamen. Die Sklaven trugen die Truhen zu einem zweiten Laufgang näher am Bug des Schiffes. »Es wird Zeit, dass wir uns verabschieden«, fügte Achati hinzu.

Dannyl und Tayend wandten sich zu Merria um. Sie lächelte strahlend.

»Eine gute Reise, Botschafter, Ashaki«, sagte sie und nickte höflich. Dann trat ein wissender, leicht selbstgefälliger Ausdruck in ihre Augen. »Ich hoffe, Ihr werdet einander nicht auf die Nerven gehen.«

Das ist es also, was sie so erheiternd findet,  überlegte Dannyl. »Auf Wiedersehen, Lady Merria«, erwiderte er. »Ich weiß, dass ich das Gildehaus in tüchtigen Händen hinterlasse.«

Ihr Lächeln verblasste und wurde durch einen resignierten Ausdruck ersetzt. »Danke.« Sie zog sich rückwärts zur Kutsche zurück und wedelte mit den Händen. »Lasst den Kapitän nicht warten.«

Dannyl drehte sich um und folgte Achati über die Planken an Bord des Schiffes. Die Männer machten sich miteinander bekannt, und der Kapitän hieß sie auf seinem Schiff willkommen.

»Seid Ihr bereit, in See zu stechen?«, fragte er Achati.

»Ja. Besteht irgendeine Notwendigkeit, noch zu warten?«, erwiderte Achati.

»Nicht die geringste«, versicherte ihm der Kapitän. Er ging davon und rief den Sklaven Befehle zu. Achati führte Dannyl und Tayend an einen sicheren Platz, von dem aus sie alles beobachten konnten.

»Es wird eine nette Abwechslung vom Leben in der Stadt sein«, bemerkte Achati, als das Schiff sich vom Kai entfernte.

Dannyl nickte. »Es ist zu lange her, seit ich das letzte Mal auf einem Schiff gereist bin.«

»Ja! Ein Abenteuer für uns alle«, bemerkte Tayend, dessen Stimme ein wenig angespannt klang. Dannyl fiel auf, dass sein ehemaliger Geliebter schon jetzt etwas blass wirkte.

Achati schenkte dem elynischen Botschafter ein Lächeln. Es war ein nachsichtiges Lächeln. Beinahe ein Lächeln der Zuneigung. Plötzlich kam Dannyl der Gedanke, dass Achati Tayend dabeihaben wollte.  Er hatte angenommen, dass das ursprünglich nicht der Wunsch des Ashakis gewesen war, dass Tayend ihn aber politisch und gesellschaftlich in die Enge getrieben habe. Er wandte sich dem Elyner zu.

»Lass mich wissen, wenn du Hilfe brauchst«, bot er an.

Tayend nickte dankend. »Ich habe die Heilmittel, die Achati mir empfohlen hat.«

»Als Euer Führer bin ich verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Eure Reise nicht allzu unangenehm wird«, sagte Achati. »Aber vergesst nicht: Die Heilmittel könnten Nebenwirkungen haben.«

Tayend neigte den Kopf. »Ich habe es nicht vergessen. Ich … ich denke, ich werde mich jetzt hinsetzen.«

Er ging zu einer einige Schritte entfernten Bank. Dannyl widerstand dem Drang, Achati anzusehen und nach irgendwelchen Anzeichen zu suchen, dass … er war sich nicht sicher, was.

Vielleicht ist er auch, was Tayend betrifft, an mehr als bloßer Freundschaft interessiert. 

Vielleicht sind sie bereits mehr als Freunde. Vielleicht stand hinter Tayends Warnung vor Achati Eifersucht … 

Oh, mach dich nicht lächerlich! 

Als das Schiff sich weiter vom Ufer entfernte, wünschte sich Dannyl, dass Achati – oder selbst Tayend – ein Gespräch beginnen würde, damit er von den Verdächtigungen, die sein Verstand heraufbeschwor, abgelenkt wurde. Als keiner der beiden etwas sagte, dachte er darüber nach, welches Thema er selbst anschneiden könnte.

Er wusste, worüber er gern gesprochen hätte. Aber in Tayends Gegenwart konnte er nicht über das reden, was er auf dieser Reise zu erfahren hoffte, für den Fall, dass der Elyner noch nichts von dem Lagerstein wusste.

Dann deutete Achati auf das Ufer.

»Seht Ihr dieses Gebäude? Das ist eins der wenigen Herrenhäuser, die über zweihundert Jahre alt sind und nicht nach sachakanischer Mode gebaut wurden. Gebaut haben es …«

Dannyl stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Danke, Achati,  dachte er. Obwohl ich glaube, du hast dich gerade dazu verurteilt, für den Rest der Reise Phasen des Schweigens mit Beschreibungen und historischen Exkursen zu füllen – aber wenigstens wird uns das vor Tagen verlegenen Schweigens bewahren. 

Lilia hatte immer vermutet, dass eine Einkerkerung unter anderem dazu diente, dem Betreffenden nichts anderes zu tun zu geben, als über sein Verbrechen nachzudenken.

Ich glaube, bei mir funktioniert es nicht,  überlegte sie. Oh, ich habe reichlich Zeit damit verbracht zu bedauern, schwarze Magie erlernt zu haben, und mich deswegen wie eine Närrin zu fühlen. Aber ich habe viel mehr Zeit damit verbracht, über Naki nachzudenken, und das fühlt sich erheblich schlimmer an. 

Selbst wenn sie versuchte, an etwas anderes zu denken, besonders daran, ob Lord Leidens Mörder bereits gefunden worden war, wusste sie, dass sie sich in Wirklichkeit um Naki sorgte.

Da die Gilde keinerlei Beweise dafür gefunden hatte, dass sie Leiden getötet hatte, war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie es tatsächlich nicht getan hatte. Aber um Nakis willen hoffte sie, dass irgendjemand herausfand, wer der Schuldige war. Wenn man Leidens Mörder gefunden hat, wird gewiss jemand herkommen und es mir erzählen.  Es würde, was ihre Strafe betraf, keinen Unterschied machen, da sie dafür bestraft wurde, schwarze Magie erlernt zu haben – aber wenigstens würde Naki sie dann nicht mehr hassen. Schwarzmagierin Sonea wird es mir sagen,  dachte sie. Es wäre noch besser, wenn Naki selbst es mir erzählte. Vielleicht wird sie mich regelmäßig besuchen … nein, ich sollte mir besser keine zu großen Hoffnungen machen. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Aber wenn sie mich genauso liebt wie ich sie, wird sie mich bestimmt besuchen. 

Sie versuchte, an schönere Dinge zu denken, aber irgendetwas machte sie immer trüb. Es war wie an dem Abend, als sie in dem Glühhaus gewesen waren und sie sich eingebildet hatte, dass jemand sie beobachtete. Ihre Gedanken brachten es immer fertig, sich trostloseren Dingen zuzuwenden.

Bisweilen suchte sie nach Ablenkung und ging im Raum umher. Manchmal drückte sie ein Ohr an die Seitentür, und gelegentlich konnte sie die andere Frau vor sich hin summen hören.

Nachdem sie wieder einmal zum Fenster zurückgekehrt war, an das sie sich einen Stuhl gestellt hatte, stützte sie sich auf die Fensterbank. Dort draußen veränderte sich zumindest etwas, selbst wenn es nur ein Vogel war, der über die Baumwipfel flog, oder die Neigung der Schatten, während die Stunden langsam verstrichen. Den Anblick ihres Zimmers war sie inzwischen gründlich leid.

Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Sie setzte sich aufrecht hin und drehte sich um, um zur Haupttür hinüberzuschauen. Sie konnte in dem Fenster in der Tür einen Teil eines Gesichts sehen, dann verschwand es. Das Schloss klackte, und die Tür wurde geöffnet.

Welor kam mit einem Tablett herein. Aber ich habe nicht mal Hunger …  

»Ich wünsche Euch einen guten Abend, Lady Lilia«, sagte er, während er das Tablett auf den Esstisch stellte. »Euer Mahl – und ich habe noch etwas, das ich Euch versprochen habe.«

Er hatte sich zwei harte, rechteckige Gegenstände unter den Arm geklemmt und hielt sie ihr jetzt hin. Ihr Herz machte einen Satz, als sie erkannte, was es war. Bücher!  

Bevor es ihr recht bewusst wurde, war sie auch schon auf den Beinen und eilte durch den Raum. Welor grinste, als sie ihm die Bücher abnahm.

»Sie stammen aus der Bibliothek der Wache«, erklärte Welor. »Vielleicht nicht so interessant wie Bücher über Magie, aber es stehen einige aufregende Geschichten darin.«

Sie las die Titel, und ihre Schultern sackten ein wenig herab. Schlachten der Vin-Flotte vor dem Bündnis  stand in winzigen Lettern auf einem Buchdeckel, und Strategien für effektive Kontrolle von Menschenmengen während Prozessionen und anderer Ereignisse  stand umgeben von einem kunstvoll verzierten Rahmen auf dem anderen. Sie blickte zu Welor auf, sah, dass er sie erwartungsvoll beobachtete, und hoffte, dass man ihr ihre Enttäuschung nicht anmerkte.

»Vielen Dank«, sagte sie.

»Es ist alles, was ich in die Finger bekommen konnte«, erklärte er. »Bis ich einen freien Tag habe.«

»Es ist mehr, als ich jemals erwarten sollte«, erwiderte sie und senkte den Blick.

»Nun … wir sollen dafür sorgen, dass Ihr es bequem habt.« Er zuckte die Achseln. »Wenn Euch diese Bücher gefallen, kann ich weitere beschaffen. Oder vielleicht … meine Frau mag diese romantischen Abenteuer. Ich weiß nicht, ob sie nach Eurem Geschmack sind, aber ich bin mir sicher, sie würde Euch erlauben, sie auszuborgen.«

Lilia lächelte. »Ich könnte es ja einmal versuchen. Wenn sie sie für gut hält.«

Er grinste. »Sie mag sie sehr.« Er richtete sich ein wenig höher auf. »Nun, Ihr solltet besser essen, bevor es kalt wird.« Er machte eine flüchtige Verbeugung und verließ den Raum.

Da niemand da war, den sie kränken konnte, wenn sie während der Mahlzeit las, nahm Lilia beim Essen das erste Buch in Augenschein. Die Einführung war lang und trocken und das erste Kapitel nicht viel besser. Sie war sich nicht sicher, ob sie beeindruckt sein sollte, dass Welor ein solch schwieriges Buch gelesen und genossen hatte. Nicht alle Männer, die der Wache beitraten, konnten lesen, und jene aus den Klassen, die sich eine Ausbildung leisten konnten, sich dann aber mit einer Laufbahn in der Wache begnügten, taten das im Allgemeinen deshalb, weil sie nicht klug genug für besser bezahlte Arbeiten waren.

Vielleicht ist Welor eine Ausnahme. Vielleicht gefällt es ihm, in der Wache zu sein.  Bei dem Gedanken schürzte sie die Lippen. Aber wie ist er dann zu einer niederen Arbeit als Gefängniswächter gekommen?  

Es war ein Rätsel, das sie würde entwirren müssen. Oder vielleicht war es doch kein so großes Rätsel; der Umstand, dass sie sich mit einer kleineren Welt begnügen musste, ließ es so erscheinen.

Als sie mit der Mahlzeit fertig war, griff sie nach den Büchern und ging zum Fenster, doch als sie an der Nebentür vorbeikam, hörte sie ein dreimaliges scharfes Klopfen.

Sie erstarrte, dann schaute sie zu der Tür hinüber. Ihr Herz schlug vier … fünf Mal, dann klopfte es von neuem.

Das ist verrückt. Das leiseste Geräusch von draußen, und ich bin vollkommen nervös.  Sie ging zur Tür und legte ein Ohr an das Holz.

»Lasst Euch nicht von dem täuschen, was er über die Ehefrau sagt. Er mag Euch.«

Lilia machte einen Sprung rückwärts und starrte die Tür an. Dann blitzte Ärger in ihr auf, und sie kehrte zurück.

»Ihr denkt, er lügt? Dass er gar keine Ehefrau hat?«

Durch die Tür gedämpft, erklang ein leises Geräusch. Wahrscheinlich ein Kichern.

»Vielleicht nicht. Oder vielleicht erzählt er Euch von ihr, damit Ihr ihm vertraut.«

»Gewiss würde er mir von ihr erzählen, damit ich nicht auf falsche Ideen komme.«

»Falsche Ideen in Bezug worauf?«

»Dass er mir Gefälligkeiten erweist. Dass er nett zu mir ist.«

»Vielleicht. Aber seid auf der Hut. Wenn er beginnt, Euch zu erzählen, wie einsam er ist, dann seid nicht überrascht, wenn er eine Gegenleistung für diese Gefälligkeiten will.«

Lilia zog sich ein wenig von der Tür zurück. Hatte diese Frau etwas zu gewinnen, wenn Lilia Welor nicht traute?

»Warum erzählt Ihr mir das?«

»Ich versuche nur zu helfen. Ihr seid jung. Ihr seid noch nie eine Gefangene gewesen. Ihr wollt Euch sicher fühlen, aber Ihr solltet Euch von diesem Wunsch nicht blind gegen die Gefahren Eurer Situation machen lassen.«

Lilia dachte darüber nach. Obwohl es ihr Unbehagen bereitete, ergaben die Worte der Frau durchaus einen Sinn. Ich fühle mich hier bereits zu wohl. Und dabei bin ich erst seit zwei Tagen hier! 

»Mein Name ist Lorandra«, fuhr die Frau auf der anderen Seite der Tür fort.

Lilia beugte sich vor und lehnte den Kopf an das Holz. »Mein Name ist Lilia.«

»Ich bin hier, weil fremdländische Magier der Gilde beitreten oder darauf verzichten müssen, Magie zu benutzen«, sagte Lorandra. »Ich habe nicht eingesehen, warum ich beitreten sollte, wenn ich es nicht wollte.«

Obwohl Lilia bereits wusste, warum die Frau eingesperrt war, erschien es ihr plötzlich ein wenig ungerecht. Warum sollte ein fremdländischer Magier der Gilde beitreten müssen?  Vielleicht hätte diese Frau sich niemals mit den Dieben eingelassen, wenn sie nicht gezwungen gewesen wäre, sich zwischen der Gilde und einem Leben im Verborgenen zu entscheiden.

»Warum seid Ihr hier?«, fragte Lorandra. »Wenn es Euch nichts ausmacht, darüber zu sprechen.«

»Ich bin hier, weil ich schwarze Magie erlernt habe – aber wir waren nur dumm, und ich hatte nicht erwartet, dass es funktionieren würde.«

Die Frau schwieg eine Weile und fragte dann: »Das ist die Magie, die die in Schwarz benutzen?«

»Ja.« Lilia nickte unwillkürlich, obwohl sie wusste, dass Lorandra sie nicht sehen konnte. »Schwarzmagier Sonea und Kallen.«

»Sie haben auch Eure Kräfte gebunden?«

»Ja.«

»Und Ihr sagt, Ihr hättet nicht erwartet, dass das, was Ihr getan habt, funktionieren würde. Meint Ihr den Versuch, diese Magie zu erlernen?«

»Ja. Man hat uns gesagt, wir könnten es nicht lernen, es sei denn, ein Schwarzmagier würde uns diese Magie lehren, also dachte ich, mein Tun sei ungefährlich.«

»Also haben sie sich geirrt. Das klingt nicht sehr gerecht.«

»Der Versuch, schwarze Magie zu erlernen, ist ebenfalls verboten.«

»Ah. Warum habt Ihr dann versucht, sie zu erlernen?«

Lilia musterte nachdenklich die Tür. Vielleicht sollte sie gar nicht mit dieser Frau sprechen. Aber mit wem hätte sie sonst reden können? Und solange sie nicht beschrieb, wie sie schwarze Magie erlernt hatt


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e – und ihr Verlangen nach Naki ebenfalls für sich behielt –, würde sie Lorandra nichts erzählen, was sie nicht erzählen sollte. Und Lorandra würde ohnehin nicht in der Lage sein, irgendetwas, das Lilia ihr erzählte, zu benutzen oder weiterzugeben.

Sie holte tief Luft und begann es der Frau zu erklären.

Lorkin war sich nicht sicher, warum er die letzten beiden Abende nicht einfach aus der Krankenstation marschiert und ins Bett gegangen war oder zumindest Kalias Befehl ignoriert hatte, früh anzufangen. Kalia hatte ihn so lange dabehalten, dass er während der beiden letzten Nächte im Durchschnitt weniger als vier Stunden Schlaf bekommen hatte.

Sie bestrafte ihn zweifellos, weil er heilende Magie benutzt hatte, ohne die Missbilligung der Verräterinnen zu erregen. Stattdessen hatte er die Missbilligung einiger Verräterinnen auf Kalia selbst gelenkt. Höchstwahrscheinlich versuchte sie außerdem, ihn daran zu hindern, den jungen Mann zu heilen, der an Kältefieber litt.

Aber sie konnte ihn nicht die ganze Nacht hindurch arbeiten lassen, und irgendwann musste sie ihm erlauben zu gehen. Es hatte ihn nicht überrascht, als man ihm auf dem Weg zum Männerraum abermals aufgelauert und diesmal zu dem kranken jungen Mann gebracht hatte. Immer noch geschwächt von der letzten magischen Heilung, von der er sich aus Schlafmangel nicht ausreichend hatte erholen können, war seine Erschöpfung nach der zweiten Heilung noch tiefer gewesen. Jetzt hatte er nicht einmal mehr die Magie in sich, um seine Müdigkeit zu vertreiben.

Morgen werde ich Kalias Befehl, früh anzufangen, einfach missachten. Tatsächlich werde ich vielleicht gar keine andere Wahl haben. Sobald ich erst einmal schlafe, wird es wohl einer heranrückenden Armee bedürfen, um mich zu wecken. 

Er bog um eine Ecke und zwang seine Beine, ihn weiterzutragen. Es war jetzt nicht mehr weit bis zum Männerraum. Nur noch hundert Schritte – oder zwei …

Etwas streifte seine Wange. Er hob die Hand, um es wegzuwischen, und begriff gleichzeitig, dass er nichts mehr sehen konnte. Ein Geruch nach trockenem Gemüse lag in der Luft, und etwas wickelte sich fest um seine Schultern.

Ein Sack? Ja. Es ist ein Sack.  Er versuchte, ihn vom Kopf zu ziehen, aber etwas krachte gegen seinen Rücken und warf ihn zu Boden. Instinktiv griff er nach seiner Magie. Ah, aber ich habe keine mehr.  Starke Hände packten seine Arme und drückten sie mit Gewalt hinter seinen Rücken, und er begriff, dass er nichts tun konnte.

Woher wussten sie es? Nun, Kalia hat mich offenbar nicht nur deshalb bis spät in die Nacht dabehalten, weil sie mich bestrafen wollte …  

Zu seiner Überraschung wurde der Sack, der sein Gesicht bedeckte, angehoben, wenn auch nicht so weit, dass er irgendetwas anderes als den Flur und zwei Paar Beine sehen konnte. Er sog die saubere Luft tief in seine Lunge.

Aber das war ein Fehler. Irgendetwas wurde ihm auf Mund und Nase gepresst, und er nahm einen vertrauten Geruch wahr. Obwohl er den Atem anhielt, war genug von der Droge in seinen Körper eingedrungen, dass ihm die Sinne schwanden. Ihm ging der Atem aus, und er keuchte und begann das Bewusstsein zu verlieren.

Das Letzte, was er hörte, war eine leise, heisere Stimme, in der ein deutlicher Unterton von Abscheu und Befriedigung mitschwang. »Zu einfach«, sagte die Stimme. »Nehmt ihn hoch. Folgt mir.«

Zweiter Teil

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16

Ängste und Sorgen

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Als die Kutsche die Gilde verließ, sah Sonea Rothen an und bemerkte einen nachdenklichen Ausdruck auf seinem Gesicht.

»Was gibt es?«, fragte sie.

»Noch vor wenigen Monaten hättest du um Erlaubnis bitten müssen, um Dorrien und seine Familie zu besuchen«, erwiderte der alte Magier. »Jetzt hinterfragt niemand dein Tun. Wie schnell sich die Dinge ändern können.«

Sonea lächelte grimmig. »Ja. Aber sie könnten sich auch genauso schnell wieder in die andere Richtung ändern. Es wäre nur ein einziger unglücklicher Zwischenfall notwendig, und ich würde Lilia Gesellschaft leisten.«

Rothen blickte gequält drein. »Sie hat vorsätzlich versucht, schwarze Magie zu erlernen.«

»Das stimmt. Ich frage mich, ob sie es auch getan hätte, wäre ihr Sinn nicht von Feuel verwirrt gewesen.«

»Wie meinst du das?«

»Es heißt, Feuel führe dazu, dass einem Menschen alles gleichgültig wird. Was reizvoll ist, wenn man Sorgen hat, die man gerne für eine Weile vergessen würde, aber Feuel löscht auch jede Sorge um die Konsequenzen der eigenen Taten aus – und es scheint das gründlicher zu tun als Alkohol.«

»Denkst du, andere könnten vielleicht den gleichen Fehler machen wie sie?«

»Nur wenn sie unter vollem Einfluss von Feuel zufällig über Bücher stolpern, die Anweisungen über das Erlernen von schwarzer Magie enthalten. Es hängt davon ab, ob es da draußen noch weitere Bücher dieser Art gibt.« Sonea seufzte. »Lord Leiden hat das Gesetz gebrochen, indem er sein Exemplar nicht der Gilde ausgehändigt hat.«

»Sollten wir anfangen, private Bibliotheken zu durchsuchen?«

»Ich bezweifle, dass wir irgendetwas finden würden. Jeder, der weiß, was er in seiner Bibliothek hat, würde alles Verdächtige entfernen und verstecken, sobald er davon hörte, dass eine Durchsuchung möglich ist.«

Rothen nickte zustimmend. »Es könnte Jahre dauern, um die größeren Bibliotheken gründlich genug durchzugehen«, fügte er hinzu. »Sind wir denn der Entdeckung von Leidens Mörder näher gekommen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Offensichtlich hat noch jemand schwarze Magie erlernt. Entweder das, oder es war Kallen, und diejenigen, die bezeugt haben, dass er in dieser Nacht woanders war, haben gelogen. Es überrascht mich, dass Osen uns nicht aufgefordert hat, die Gedanken des jeweils anderen zu lesen.« Die Kutsche kam zum Stehen. Sonea entriegelte die Tür, kletterte hinaus und drehte sich dann um und wartete, während Rothen ihr folgte.

»Soviel ich gehört habe, gab es genug Zeugen, die bestätigen, dass ihr beide euch zum Zeitpunkt der Ermordung an anderen Orten aufgehalten habt, um auf eine Gedankenlesung zu verzichten.«

Sonea wandte sich der Tür des Gebäudes zu. Die Gilde hatte es gemietet, um dem Mangel an Räumen auf dem Gelände für Magier abzuhelfen. Wenn Dorrien allein in die Gilde kam, wohnte er bei seinem Vater, aber in Rothens Räumen war nicht genug Platz für zusätzliche Erwachsene und zwei ältere Mädchen.

Von draußen sah es aus wie das große Haus einer Familie. Sonea ging zur Tür hinauf und klopfte an. Ein Mann in der Dienstbotenuniform der Gilde öffnete. Er begrüßte sie, trat beiseite und verneigte sich, als sie an ihm vorbei in die Eingangshalle gingen.

Es war ein verschwenderisch dekorierter Raum, mit Treppen, die zu einem Obergeschoss hinaufführten. Früher wäre es das Heim einer reichen Familie aus einem der Häuser gewesen, aber jetzt war das Gebäude in vier Bereiche unterteilt worden, die Quartiere für vier Magier und ihre Familien boten. Zu Anfang war die Idee, ein großes Haus zu teilen, auf Widerstand gestoßen, weil man annahm, dass Magier zu stolz wären, um sich ein Gebäude mit anderen zu teilen. Aber die Vorstellung erwies sich als beliebt unter jungen Magiern mit Familien aus den unteren Klassen, die unverzüglich erkannten, dass diese Lösung viel mehr Platz für ihre Kinder bot als eine Zimmerflucht in den Magierquartieren.

Der Diener führte sie hinauf zu einer großen Tür, die ausfüllte, was einst wohl eine Öffnung zu einem Flur gewesen war, und als Dorrien die Tür öffnete, verbeugte sich der Mann und machte sie förmlich miteinander bekannt.

»Danke, Ropan«, sagte Dorrien und grinste, während er Sonea und Rothen in ein großes Gästezimmer geleitete. Tylia und Yilara saßen auf zweien der Stühle, und Sonea bemerkte, dass sie Kleider trugen, die eher der Mode der Stadt entsprachen. »Willkommen in unserem neuen Heim. Es ist viermal so groß wie unser Haus. Alina macht sich Sorgen, dass wir uns so sehr daran gewöhnen werden, dass es uns daheim ziemlich eng vorkommen wird, wenn wir zurückkehren. Hier ist sie.«

Eine Frau war in einer Nebentür erschienen, die Hände gefaltet und einen ängstlichen Ausdruck auf dem Gesicht. Ihr Blick flog zu Sonea hinüber und sank auf die schwarzen Roben hinab, dann verhärteten sich ihre Züge, und sie schaute weg. Sie lächelte nervös, als Dorrien sie drängte, sich ihnen anzuschließen. Die beiden Mädchen standen widerstrebend auf und verneigten sich, hielten sich aber ein oder zwei Schritte entfernt, während die Erwachsenen Freundlichkeiten austauschten.

»Wie gefällt es Euch hier?«, fragte Sonea Alina.

Alina sah Dorrien an. »Es wird ein Weilchen dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe«, antwortete die Frau leise. »Ich koche eigentlich lieber selbst, aber Dorrien meint, ich solle es den Dienern überlassen.«

»Wo kochen sie denn?«

»Im Keller«, erwiderte Alina. »Sie kochen für alle Familien, die hier wohnen. Es sieht so aus, als hätten sie heute Abend mehr Diener hier. Ich hoffe, dass ist nicht unsere Schuld.«

Dorrien lächelte. »Lord Beagir bewirtet ebenfalls Gäste«, sagte er. Dann sah er Rothen und Sonea an. »Kommt mit ins Esszimmer.«

»Esszimmer, hm?« Rothen lachte leise und öffnete den Mund, um etwas hinzuzufügen, aber Dorrien runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf und schaute Alina an, die sich abgewandt hatte. Sieht so aus, als fühle Alina sich nicht wohl mit all dem Luxus hier,  ging es Sonea durch den Kopf. Dorrien will nicht, dass Rothen ihn damit aufzieht, weil sie sich dann nur noch schlechter fühlen wird.  

Sie gingen in einen Raum mit einem großen Tisch und acht Stühlen. Am Ende des Raums stand in einer Nische ein Gong von der Größe eines Esstellers. Als sie alle auf den Stühlen Platz genommen hatten, schaute Dorrien zu dem Gong hinüber, und der Klöppel bewegte sich und erfüllte den Raum mit einem angenehmen Läuten. Alinas Lippen wurden schmal, und sie schüttelte den Kopf.

Es erschien ihr wahrscheinlich wie eine übertriebene Extravaganz, aber das Geräusch ließ die Diener wissen, dass die Familie bereit für ihre Mahlzeit war. Und tatsächlich, zwei männliche Dienstboten erschienen mit Tabletts, die beladen waren mit Schalen und Tellern mit den verschiedensten Speisen. Als sie damit fertig waren, das Essen auf dem Tisch zu arrangieren, klemmten sie sich ihre leeren Tabletts unter den Arm und erkundigten sich, welche Getränke sie bringen sollten. Dorrien bat um Wein und Wasser.

Dorrien verzichtete allerdings auf die altmodische Sitte, seine Gäste selbst zu bedienen, und lud sie einfach ein anzufangen. Sie nahmen sich von den verschiedenen Speisen und begannen zu essen.

Alina blickte mit ernster Miene zu Sonea auf. »Wie läuft Eure Jagd nach dem wilden Magier?«, fragte sie.

»Derzeit hat sie sich zu einer Übung in Geduld entwickelt«, antwortete Sonea. »Wir warten auf Informationen. Auf gute Informationen, denn wir wollen unsere Quellen nicht gefährden, indem wir zu schnell handeln.«

»Ihr meint diese Spionin, die für den anderen Dieb arbeitet. Die Tochter Eures Freundes?«

Sonea hielt inne und widerstand der Versuchung, Dorrien anzusehen. Er hatte seiner Frau mehr Informationen gegeben, als Sonea lieb war. Je weniger Menschen wussten, dass sie noch immer mit Cery befreundet war, desto besser. Aber wenn die Tatsache bekannt wurde, würde sie niemandes Leben in Gefahr bringen. Dagegen konnte die Information, dass Anyi Cerys Tochter war, durchaus ihr Leben gefährden, sollte sie ans Tageslicht kommen.

»Ja«, erwiderte sie. »Es ist eine gefährliche Aufgabe, und ich weiß, dass mein Freund sich große Sorgen um sie macht.«

»Wenn es gefährlich für sie ist …« Alina sah Dorrien an, dann richtete sie sich ein wenig höher auf und wandte sich wieder an Sonea. »Ist es gefährlich für uns?«

Sonea blinzelte überrascht. »Nein.«

»Aber wir sind alle keine Magier.« Alina deutete auf ihre Töchter und auf sich selbst. »Was ist, wenn diese Leute, auf die Ihr Jagd macht, herausfinden, dass Dorrien Euch hilft und dass er eine Familie hat und dass wir hier leben, nicht auf dem Gelände der Gilde?« Alinas Stimme wurde ein wenig lauter. »Was soll sie daran hindern, hierherzukommen, wenn Dorrien fort ist, und uns zu bedrohen – oder Schlimmeres?«

Sonea beherrschte ihre Gesichtszüge, um die Erheiterung zu verbergen, die sie empfand. Alina war aufrichtig besorgt. Hat sie einen Grund zur Sorge?  Das Szenario, das Alina sich ausmalte, war nicht unmöglich, nur unwahrscheinlich. Es müsste schon ein besonders kühner und gerissener Meuchelmörder oder Entführer sein, der in das Haus eines Magiers eindrang, vor allem da dieses mehrere Magier beherbergte. Jemand, der so kühn und gerissen ist wie der Mörder, der Cerys Familie getötet hat?  Vielleicht, aber dies war nicht die verborgene Höhle eines Diebs, wo Heimlichtuerei überdies dafür sorgte, dass niemand einen Einbruch bemerkte und zu Hilfe kam.

»Die Wohnsituation, die Ihr hier habt, ist zu Eurem Vorteil«, erklärte Sonea Alina. »Der Umstand, dass in der Nähe andere Magier leben, selbst wenn Dorrien nicht hier ist, bedeutet, dass Ihr jemanden zu Hilfe rufen könnt, oder die Diener können Hilfe für Euch holen. Ein einziger Magier ist ein großes Abschreckungsmittel, aber Ihr habt vier. Was es überdies einem Außenseiter erschwert, in Erfahrung zu bringen, ob sie alle zu Hause sind oder nicht.« Als Alina den Mund öffnete, um Einwände zu erheben, fügte Sonea hinzu: »Ihr solltet Euch Regeln zurechtlegen, an die Ihr Euch halten könnt. Wen Ihr in Eure Räume einlasst und wen nicht. Wie Ihr Euch absichern könnt, wenn Ihr draußen in der Stadt seid. Was zu tun ist, wenn Ihr denkt, dass jemand Euch folgt oder versucht, ins Haus zu gelangen.« Sonea sah Dorrien an, der resigniert nickte. »Ich bin mir sicher, dass Ihr mit vereinten Kräften eine Lösung finden könnt.«

Wie Sonea gehofft hatte, verlagerte Alina ihre Aufmerksamkeit jetzt auf Dorrien. »Das werden wir tun.« Sie warf Sonea einen kurzen Blick zu. »Und wir sind dankbar für den Rat.«

»Je eher wir Skellin finden, desto eher kannst du aufhören, dir deswegen Sorgen zu machen«, sagte Dorrien.

Rothen murmelte seine Zustimmung. »Und wenn wir ihn nicht finden, wird niemand sicher sein.«

»Was wird geschehen, wenn ihr ihn nicht findet?«, wollte Yilara wissen.

Sonea sah das Mädchen an und lächelte anerkennend angesichts seines Interesses. »Er will die Kontrolle über …« Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie.

»Ich werde nachsehen, wer da ist«, sagte Dorrien. Er erhob sich und eilte aus dem Raum.

Sie aßen weiter und lauschten in schweigender Neugier auf die Geräusche außerhalb des Esszimmers. Dorrien öffnete die Tür, eine andere Männerstimme erklang, dann wurde die Tür wieder geschlossen.

Schritte verrieten ihnen, dass er zurückkam. Er trat in die Tür und sah Sonea an.

»Eine Nachricht für dich. Osen möchte, dass du unverzüglich in die Gilde zurückkehrst. Lady Naki ist verschwunden.«

Ein Tag auf See hatte Achati, Dannyl und Tayend in einen kleineren Hafen nördlich von Arvice geführt. Achati hatte Vorkehrungen getroffen, dass sie die Nacht an Land verbringen konnten, auf dem Besitz eines Ashakis, der Raka anbaute. Ashaki Chakori hatte eine Kutsche ausgeschickt, um sie vom Hafen abzuholen. Der Geruch von gerösteten Bohnen war wahrnehmbar, lange bevor sie das Anwesen erreichten.

Im Gegensatz zu den meisten sachakanischen Häusern waren das Herrenhaus und die Arbeitsgebäude nicht von Mauern umgeben. Das Haupthaus stand einige hundert Schritt von den Arbeitsgebäuden entfernt. Aus einem der beiden runden Gebäude stieg eine Rauchfahne auf, die einen dunklen Fleck vor dem Hintergrund der mondbeschienenen Wolken bildete.

»Mein lieber Cousin«, sagte Achati, als die förmliche Vorstellung vorüber war. »Wie schön, dich wiederzusehen.«

Es hatte Dannyl überrascht, dass Achati ihm nichts von seiner Beziehung zu ihrem Gastgeber erzählt hatte. Da sein sachakanischer Freund die Verantwortung für die Organisation der Reise übernommen hatte, war es ihm unhöflich erschienen, auf allzu viele Einzelheiten zu drängen.

Ashaki Chakori verströmte mit Zufriedenheit vermischte Stärke. Er stammte aus einer alten, mächtigen sachakanischen Familie, was es ihm ermöglichte, fernab der Stadt zu leben und zu tun, was ihm die größte Freude bereitete – Raka anzubauen und zu rösten –, ohne das Risiko einzugehen, unter den Ashaki an Ansehen zu verlieren.

»Unsere Väter waren Brüder«, erklärte Achati, als er Dannyls Neugier bemerkte. »Der Jüngere hat ein Stadthaus geerbt, der Ältere diesen Besitz.« Er wandte sich an Chakori. »Wie geht es deinem Sohn und deiner Frau?«

»Kavori ist in Elyne und erkundet Handelsmöglichkeiten. Inaki geht es gut.«

Achati zog die Augenbrauen hoch. »In Elyne? Wie läuft es denn?«

»Nicht so gut, wie wir gehofft hatten.« Er sah Tayend nachdenklich an. »Dort herrscht die Vorstellung, Raka sei ein Getränk für die einfachen Leute. Ist das so, Botschafter?«

Tayend nickte. »Die Beliebtheit von Raka nimmt jedoch zu, wegen der Magier, die von ihrer Lehrzeit in der Gilde zurückkehren und dort Gefallen daran gefunden haben.«

Chakori richtete seine Aufmerksamkeit auf Dannyl. »Also ist es in Kyralia nicht das Getränk der einfachen Leute.«

»Das war es«, sagte Dannyl entschuldigend. »Aber die Gilde hat während der letzten zwanzig Jahre Menschen aller Klassen eingeladen, sich ihr anzuschließen. Jene, die aus einfachen Verhältnissen kamen, machten die übrigen mit Raka bekannt, und der Trank erfreut sich unter Novizen, die bis spät in die Nacht hinein lernen, einiger Beliebtheit.«

»Das kann ich mir denken«, erwiderte Chakori lachend. »Es gibt ein weiteres exotisches Produkt, dessen Gebrauch die Kyralier sich in jüngster Zeit angewöhnt haben, nicht wahr?«

»Feuel.« Dannyl schüttelte den Kopf. »Es ist ein ziemliches Problem geworden.«

Der Ashaki nickte. »Kürzlich haben Sklaven von einem der südlichen Anwesen ein wenig Feuel erworben, obwohl ich nicht weiß, wie. Vielleicht hat ein unternehmungslustiger Händler aus Kyralia es über die Berge gebracht. Es hatte eine beunruhigende Wirkung und veranlasste die Sklaven zu rebellieren oder die Arbeit zu verweigern. Ihr Besitzer hat die Benutzung von Feuel verboten – und auch den Besitz – und anderen empfohlen, das Gleiche zu tun.«

»Eine gute Idee«, sagte Dannyl. Und doch … wenn Feuel Sklaven zur Revolte veranlasst hatte, könnte es vielleicht der Schlüssel zur Beendigung der Sklaverei in Sachaka sein. Aber anschließend würde das Land in Schwierigkeiten stecken, weil der größte Teil seiner Arbeitskräfte verschwunden wäre. Es würde eines skrupellosen oder verzweifelten Feindes bedürfen, um das zu tun, und falls die Feuel-Produktion hier Wurzeln fasste, was würde das für Kyralia bedeuten?  

»Würdet Ihr gern essen oder bis später warten?«, erkundigte sich Chakori. »Ich könnte Euch auf dem Anwesen herumführen, wenn Ihr nicht zu müde von der Reise seid.«

Achati sah Dannyl und Tayend an. Dannyl zog die Schultern hoch, zum Zeichen, dass er mit beiden Alternativen einverstanden war. Tayend nickte.

»Beide Möglichkeiten sind einladende Angebote«, sagte Achati zu seinem Cousin. »Was immer dir am bequemsten ist.«

Der Ashaki lächelte. »Dann werde ich Euch herumführen, da ich Befehl gegeben habe, ein spezielles Gericht für Euch zu kochen, das immer am besten schmeckt, wenn es drei Stunden auf dem Herd gestanden hat.«

Chakori führte sie durch das Herrenhaus. Obwohl der Besitz wegen des Fehlens einer Außenmauer ungewöhnlich war, waren die Anlage der Räume und die Dekoration im Inneren traditionell. Ein Hauptflur wand sich vom Herrenzimmer aus, in dem Chakori sie empfangen hatte, an zwei weiteren Fluchten von Räumen vorbei, aber anders als im Gildehaus verzweigte sich der Flur, und der Korridor, durch den Chakori sie führte, brachte sie zu einem Hintereingang.

Sie traten in einen großzügigen Innenhof hinaus und gingen auf die Arbeitsgebäude zu. Neben den beiden hohen, runden Gebäuden wirkte das Herrenhaus klein und unscheinbar. In der Luft lag ein starker Geruch von röstenden Raka-Bohnen.

Chakori deutete auf die Gebäude. »Das linke dient der Lagerung und der Fermentierung; im rechten wird der Raka geröstet und verpackt.« Er ging auf das Lager zu und führte sie durch eine schwere Holztür in einen lampenbeschienenen Raum. Eine Lichtkugel erwachte zischend über seinem Kopf zum Leben und leuchtete hell auf.

Der Raum war unterteilt von hölzernen Wänden, die wie Radspeichen von einem zentralen Bereich ausgingen. Sklaven hatten eine dieser Wände entfernt und harkten einen großen Haufen Bohnen in den Raum daneben. Eine andere Gruppe schaufelte Bohnen in Schubkarren. Als ein Sklave von einer Gruppe zur nächsten ging und offensichtlich die Fortschritte überwachte, durchzuckte es Dannyl. Er kannte den Mann.

Es ist Varn! 

Als Chakori seine Gäste in den zentralen Bereich führte, bemerkten die Sklaven ihren Herrn und warfen sich zu Boden. Dabei flackerte Varns Blick kurz von Chakori zu Achati, und in seiner Überraschung zögerte der Sklave einen winzigen Moment, bevor er sich niederwarf.

Dannyl sah Achati an. Varns ehemaliger Herr wirkte überrascht und ein wenig entsetzt, aber er fing sich schnell wieder.

»Dein Sklave, der die Arbeiten überwacht, hat früher einmal mir gehört«, sagte er zu Chakori.

Sein Cousin nickte. »Ja, der Mann, von dem ich ihn gekauft habe, erzählte mir, dass Varn früher dir gehört hat. Er ist ein guter Arbeiter.«

»Das stimmt. Und er ist auch ein guter Quellsklave. Warum hat Voriki ihn verkauft, weißt du das?«

Chakori zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Ich vermute, er brauchte das Geld. Bedauerst du es, ihn verkauft zu haben? Möchtest du ihn zurückkaufen?«

Dannyl war froh darüber, dass er hinter den beiden Sachakanern stand und sie nicht sehen konnten, dass er angesichts der Beiläufigkeit, mit der sie darüber sprachen, Menschen  zu kaufen und zu verkaufen, zusammenzuckte.

Achati antwortete nicht sofort. »Es ist verlockend, und manchmal bedaure ich es tatsächlich, ihn verkauft zu haben, aber nein.«

Nickend gab Chakori den Sklaven den Befehl, die Arbeit fortzusetzen, und begann, den Lagerungs- und Fermentierungsprozess zu erläutern. Dannyl widerstand dem Drang, Varn zu beobachten, um festzustellen, ob er gelegentlich in Achatis Richtung schaute und ob seine Blicke vorwurfsvoll sein würden oder nicht. Er konnte nicht umhin, sich daran zu erinnern, dass er die beiden während der Suche nach Lorkin gesehen hatte, als sie sich unbeobachtet wähnten und glaubten, niemand werde die offenkundige Zuneigung und das Verlangen zwischen ihnen bemerken. Aber was hatte Achati später noch gesagt?

»Nur wenn dir klar ist, dass der andere dich mühelos verlassen könnte, weißt du es zu schätzen, wenn er bleibt.« 

War das der Grund, warum Achati Varn verkauft hatte? Hatte er den Verdacht geschöpft, dass Varns Bewunderung unecht war? Oder hatte er es gewusst, weil er Varns Gedanken gelesen hatte?

Als Chakori mit seinen Erklärungen fertig war, lud er sie ein, sich selbst umzuschauen. Sie gingen durch die Kammern und untersuchten die glänzenden Bohnen. Dabei fiel Dannyl ein Häufchen welker Blätter auf, die aussahen wie große, in die Länge gezogene Schalen. Als sie Varn und die Sklaven erreichten, die die fermentierten Bohnen harkten, wandte Dannyl sich an ihren Gastgeber.

»Wie sehen Raka-Pflanzen eigentlich aus?«, fragte er.

Chakori lächelte, erfreut über die Frage. »Es sind kleine Bäume, die etwa die doppelte Größe eines Mannes haben. Die Bohnen stecken in Schoten – hier liegen noch welche.« Dannyl folgte Chakori zu dem Haufen welker Blätter, aber Achati blieb zurück. Chakori nahm zwei Blätter von dem Haufen und reichte Dannyl und Tayend jeweils eines. Sie waren dick und starr wie Gorin-Leder.

»Stellt Ihr aus diesen Blättern irgendetwas her?«, fragte Tayend.

»Ich gebe sie einem Nachbarn, der sie zerhackt und auf seine Felder verteilt. Er schwört, dass sie Insekten abstoßen und die Pflanzen schneller wachsen lassen.« Chakori zuckte die Achseln.

»Sie sehen ein wenig wie kleine Schiffsrümpfe aus«, bemerkte Tayend. »Oder sie könnten als Schalen benutzt werden. Brennen sie? Riecht der Rauch wie Raka?«

Dannyl blickte flüchtig zu Achati zurück. Sein Freund unterhielt sich mit Varn. Der Sklave hielt den Blick gesenkt, aber er lächelte schwach und nickte. Achati wirkte erleichtert. Dannyl drehte sich wieder um und sah, dass Tayend das Innere seiner Schote rieb.

»Schuhe«, murmelte er. »Ich frage mich, ob man daraus Schuhe machen könnte.«

Achati erschien neben Dannyl. »Ich würde nicht lange darin laufen wollen.«

»Nein. Ihr habt recht«, stimmte Tayend zu. Er gab Chakori die Schote zurück, der sie wieder auf den Haufen warf.

»So«, sagte Chakori. »Jetzt will ich Euch noch den Röstprozess zeigen.«

Lorkin hatte etwas entdeckt, von dem niemand in der Gilde wusste, vielleicht nicht einmal seine eigene Mutter.

Wenn einem Magier wieder und wieder alle Magie entzogen wurde, bekam er schreckliche Kopfschmerzen.

Seine Wärter hatten ihn daran gehindert, sich mithilfe von Magie zu erholen, indem sie ihm regelmäßig Macht abgezapft hatten. Auf diese Weise konnte er nicht einmal die Augenbinde über seinen Augen abnehmen. Selbst wenn er die Kraft gehabt hatte, sich zu bewegen, hatten seine wenigen Versuche, die Augenbinde zu entfernen, indem er den Kopf an der Mauer gerieben hatte, ihm einen Schlag auf den Schädel eingetragen, dass es ihm in den Ohren klingelte.

Der Mangel an Stärke machte es ihm überdies unmöglich, die Anspannung und den Schmerz zu lindern, die daraus resultierten, dass man ihm die Arme hinter dem Rücken gefesselt hatte. Ebenso wenig konnte er die Ergebnisse der schlaflosen Stunden lindern, während derer er auf dem kalten, unebenen Steinboden gelegen hatte. Dies alles hätte ihm jedoch nicht die Fähigkeit rauben sollen, in Gedanken nach jemandem zu rufen. Das verhinderte etwas anderes. Er war sich nicht sicher, was es war. Die Vorstellung, dass jemand seine Magie blockiert haben könnte, während er bewusstlos gewesen war, vermittelte ihm das Gefühl von großer Verletzbarkeit, bis ihm ein Weilchen später der Gedanke kam, dass man sich wohl kaum die Mühe machen würde, ihm immer wieder die Kräfte abzusaugen, wenn er sie ohnehin nicht benutzen konnte.

Die Stunden, die verstrichen, waren lang und elend.

Er konnte nichts anderes tun, als nachzudenken und zu versuchen, einen Ausweg aus seiner misslichen Lage zu finden. Seine Wärter waren vermutlich Mitglieder von Kalias Gruppe. Es war sehr unwahrscheinlich, dass Außenseiter im Sanktuarium lebten, obwohl er die Idee nicht zur Gänze verwarf. Vielleicht hatte die Gilde etwas zu seiner Rettung unternommen und unzufriedene Verräterinnen rekrutiert oder ihnen etwas versprochen – wie Kenntnisse der heilenden Magie –, wenn sie ihn retteten. Vielleicht hatte der sachakanische König hier bereits Spione und wollte, dass Lorkin aus dem Sanktuarium fortgeschafft wurde, bevor er es überfiel.

Das Problem war, dass es in beiden Fällen keinen Sinn machte, ihn auf diese Weise zu entführen.

Die wahrscheinlichsten Schuldigen sind Kalias Leute,  schlussfolgerte er wieder einmal.

Er sagte sich, dass sie es nicht wagen würden, ihn zu töten, aber er konnte nicht umhin, sich Sorgen zu machen, dass er sich irrte. Auf die Hinrichtung eines Verräters stand die Todesstrafe, aber Kalias Gruppe würde höchstwahrscheinlich einwenden, dass er nicht wirklich ein Verräter war. Vielleicht war einer der Beteiligten bereit, die Schuld auf sich zu nehmen und sich selbst zu opfern, damit das Sanktuarium sich seiner entledigen konnte.

Wenn er sich fragte, was sie sonst noch von ihm wollen mochten, ließ die Antwort sein Herz vor Furcht und Zorn schneller schlagen.

Ganz gleich was sie mit mir vorhaben, sie werden meine Gedanken lesen. Wenn sie das tun, werden sie alles ausforschen, was ich über das magische Heilen weiß. 

Dies führte ihn zu der Frage, was er tun würde, wenn sie dieses Wissen im Gegenzug für sein Leben verlangten. Es war höchst unwahrscheinlich, dass sie das tun würden, da sie seine Mitarbeit prinzipiell nicht benötigten. Allerdings war die Kenntnis der Grundlagen der magischen Heilung, die man sich durch eine Gedankenlesung gewiss aneignen konnte, nicht unbedingt ein Ersatz für Erfahrung und Übung.

Wenn sie es tatsächlich tun … würde ich ihnen die Magie geben? Ist die Bewahrung dieses Wissen vor ihnen wichtiger als mein Leben? 

Manchmal dachte er, dass es nicht so war. Es hatte ihm nie gefallen, Wissen zurückzuhalten, das diesen Menschen helfen konnte. Er konnte ihnen keinen Vorwurf daraus machen, dass sie zu skrupellosen Mitteln griffen, um es sich zu beschaffen.

Aber diese Entscheidung stand nicht ihm zu. Das Wissen gehörte der Gilde. Würde die Gilde von ihm erwarten, dass er starb, um dieses Recht zu schützen?

Muss ich mich wirklich der Autorität der Gilde beugen? Ich habe Dannyl gesagt, jeder solle so tun, als hätte ich die Gilde verlassen. Habe ich das wirklich er


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nst gemeint? Betrachte ich mich noch immer als einen Gildemagier?
 

Er bekam nicht die Gelegenheit, lange darüber nachzusinnen. Das Geräusch einer Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde, ließ seinen Puls von neuem rasen. Er hörte Schritte. Etwas an ihrem Rhythmus bescherte ihm ein flaues Gefühl im Magen, und Ärger regte sich in ihm. Er hätte diesen knappen, energischen Gang überall erkannt.

Kalia. 

»Wo seid Ihr gewesen? Wir haben ihn stundenlang bewacht«, beklagte sich eine Frau. Eine der Wächterinnen, die ihn bewacht und geleert hatte, vermutete Lorkin.

»Ich bin nicht früher weggekommen. Man hat mich beobachtet«, erwiderte Kalia.

»Natürlich hat man das. Jemand anderer hätte das für dich übernehmen sollen«, sagte die zweite Wächterin mürrisch.

»Ich bin die Heilerin des Sanktuariums«, entgegnete Kalia schneidend. »Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass unsere Leute die beste Behandlung bekommen.«

Darauf erwiderten die beiden Frauen nichts. Schritte kamen näher. Er hörte das Knacken von Gelenken. Seine Haut juckte unter der Augenbinde. Etwas Kühles, Lebendiges berührte seine Stirn.

Er zuckte instinktiv zurück und schüttelte die Hand ab. Dann wurde sein Kopf ergriffen und fest auf den Boden gedrückt. Die raue Oberfläche bohrte sich schmerzhaft in die Hinterseite seines Schädels. Die kühle Berührung kam zurück.

Er spürte eine andere Präsenz am Rande seines Geistes. Er spürte, wie sie mühelos in seinen Geist hineinschlüpfte.  Obwohl es seine Kopfschmerzen verschlimmerte, versuchte er, gegen den Willen anzukämpfen, der nach seinen Erinnerungen griff. Aber es war nutzlos. Nichts hielt den gierigen Geist in seiner Suche und seinen Nachforschungen auf.

– Du wirst nicht damit durchkommen,  sandte er dem Eindringling seine Botschaft. Wenn du Magie benutzt, um Menschen zu heilen, werden sie wissen, dass du das Wissen von mir gestohlen hast. 

– Aber du hast es mir aus freien Stücken gegeben,  erwiderte Kalia. Unmittelbar bevor du nach Hause zurückgekehrt bist. Ich werde ihnen natürlich erzählen, ich hätte versucht, es dir auszureden. Hätte gesagt, du solltest warten, so dass ich einen Führer für dich bereitstellen könne, damit du nicht erfrierst. Aber, ignoranter Kyralier, der du bist, warst du zu stolz, um das Angebot anzunehmen. Es wird dein eigener Fehler sein, dass du den Tod gefunden hast. 

– Sie werden es nicht glauben. 

– Natürlich nicht. Aber sie werden es akzeptieren müssen, da es keine Zeugen geben wird. 

Lorkin spürte, wie Verzweiflung seine Selbstbeherrschung zu überwinden drohte. Er schob das Gefühl beiseite, und als Kalia abermals in seine Erinnerungen eintauchte und die Kenntnis der magischen Heilung an die Oberfläche rief, versuchte er, sie mit anderen Gedanken abzulenken. Sie ignorierte sie, zu erpicht darauf zu lernen, was er wusste. Erst als ihre Neugier befriedigt war, schweifte ihre Aufmerksamkeit ab. Und als das geschah, entlockte sie seinem Geist Erinnerungen und Tatsachen, von denen er nicht wollte, dass sie sie sah.

Der Geist war ein Verräter und brauchte nicht viel Überredung. Normalerweise wäre Lorkin imstande gewesen, diese Erinnerungen in seinem Geist hinter eingebildeten Türen zu halten, außer Sicht. Normalerweise würde der Magier, der in seinen Geist eintrat, diese Türen höflich ignorieren. Aber nicht Kalia.

Sie jagte hinter Erinnerungen an seine Kindheit in der Gilde her, amüsiert, als sie sah, wie man ihn wegen der niederen Herkunft seiner Mutter und ihres nicht vorhandenen Ehemanns verspottet hatte; hämisch zu erfahren, wie seine erste Liebe, Beriya, ihm das Herz gebrochen hatte; geringschätzig angesichts der Erwartungen, dass er etwas Heldenhaftes tun würde wie sein Vater; und verächtlich, als sie auf seine Zuneigung zu Tyvara stieß …

Ein Geräusch durchbrach Kalias Konzentration. Lorkins Ohren sagten ihm, dass es laut war, aber da seine ganze Aufmerksamkeit auf seinen Geist gerichtet war, spürte  er es nicht. Dann kehrte sein Bewusstsein ruckartig in die äußere Welt zurück. Ihm schwirrte der Kopf.

»Was?«, blaffte Kalia.

»Man ist dir gefolgt. Wir haben die Verfolger abgelenkt, aber wir haben nicht lange Zeit, bis sie es bemerken.«

Stille trat ein. Lorkin konnte Kalia atmen hören.

»Ist es vollbracht?«, fragte eine der Wächterinnen.

»Vielleicht«, erwiderte Kalia in einem spekulativen Tonfall, bei dem ihn ein kalter Schauer überlief. »Zieht ihn hoch. Ich kenne das perfekte Versteck für ihn.«

Lorkin, dem noch immer der Kopf schwirrte, wenn auch eher aufgrund des Mangels an Nahrung und Wasser, spürte, wie jemand ihn auf die Füße riss und dann in einen engen Gang schob.

17

Gedankenspiele

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Der Schnee, der in der Nacht zuvor gefallen war, türmte sich in Verwehungen zu beiden Seiten der Straße auf. Er hielt sich dort im Schatten der Bäume, wohin das Sonnenlicht noch nicht gedrungen war. Sonea beugte sich dichter ans Fenster heran, um zum Ausguck hinaufzuschauen, und fragte sich, ob das Gebäude wohl kälter war als die Häuser in der Stadt. Etwas zog ihren Blick zu der dritten Reihe von Fenstern.

Schaut da jemand heraus?  Sie runzelte die Stirn, und als sie genauer hinsah, erkannte sie in einem der Fenster das Gesicht einer jungen Frau. Lilia. 

Das Mädchen beobachtete die Kutsche. Es schien, als träfen sich ihre Blicke, obwohl Sonea zu weit entfernt war, um zu erkennen, ob sie es sich nur einbildete oder nicht. Dann folgte die Kutsche einer Biegung der Straße, und sie verloren einander aus den Augen.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit,  schoss es Sonea durch den Kopf. Aber zumindest lebt sie und ist in Sicherheit. 

Ihre Gedanken wanderten zu Naki. Das Mädchen war seit einer Woche verschwunden. Ihre Diener hatten ihre Abwesenheit erst gemeldet, als Naki länger als gewöhnlich ausgeblieben war. Anscheinend war sie gelegentlich ohne Erklärung für einige Tage verschwunden. Sämtliche Diener des Haushalts waren von Magiern befragt worden, und man war ihren Vermutungen, was den möglichen Aufenthaltsort des Mädchens betraf, nachgegangen, aber diese Vermutungen hatten sich bei den Nachforschungen stets als falsch erwiesen. Die Gilde hatte sich mit Verwandten in Verbindung gesetzt, aber niemand hatte von dem Mädchen gehört.

Naki hatte in jüngster Zeit keine Besuche empfangen, aber jede Menge Briefe bekommen. Eine Dienerin hatte erzählt, dass Naki, nachdem sie die Briefe erhalten hatte, keinen glücklichen Eindruck gemacht und die Briefe unverzüglich mit Magie verbrannt habe.

Aber als Kallen erklärte, dass Nakis Kräfte blockiert worden seien, so dass sie keine Magie hätte benutzen können, hat die Dienerin ein nachdenkliches Gesicht gemacht. Sie sagte, sie habe Naki in jüngster Zeit einen Brief ins Feuer werfen sehen, jedoch gedacht, sie habe es aus Wut getan. Es ist ihr nicht in den Sinn gekommen, dass es daran lag, dass Naki keine Magie mehr benutzen konnte. 

Kallen hatte gefragt, ob noch weitere Briefe gekommen seien, seit Naki das Haus verlassen hatte. Die Dienerin hatte darüber nachgedacht und dann den Kopf geschüttelt. Kluger Kallen,  ging es Sonea durch den Kopf. Ich habe daran gedacht zu fragen, wann die ersten Briefe kamen, nicht ob sie irgendwann ausgeblieben sind. 

Die Kutsche kam am Fuß des Turms zum Stehen. Sonea stieg aus, und kalte Luft umfing sie. Die Wachen, die rund um den Turm postiert waren, waren alle dick eingemummt. Sie widerstand der Gewohnheit, einen Schild um sich herum zu schaffen und die Luft darin zu erwärmen. Die eisige Luft war erfrischend, und sie hatte es immer geliebt zu sehen, wie ihr Atem einen weißen Nebel vor ihrem Gesicht bildete. Als Kind war ihr das magisch erschienen, obwohl es im Allgemeinen bedeutete, dass sie vor Kälte zitterte.

Eine Erinnerung blitzte in ihren Gedanken auf: Sie war in einen alten Mantel gewickelt gewesen, und ihre Füße hatten geschmerzt, als die Kälte ihre dünn besohlten Schuhe durchdrungen hatte. Dann wurde die Tür des Ausgucks geöffnet, und die Erinnerung verblasste. Der Wachmann verneigte sich und winkte sie gleichzeitig hastig herbei, erpicht darauf zu vermeiden, kalte Luft in das Gebäude einzulassen.

Nach dem gewohnten höflichen Wortwechsel mit dem Hauptmann und dem diensthabenden Magier folgte Sonea einem anderen Wachposten die Treppe hinauf. Er öffnete die kleine Luke in der Tür zu Lilias Zimmer.

»Ihr habt Besuch, Lady Lilia«, rief er. Dann versperrte er die kleine Luke und wandte seine Aufmerksamkeit dem Schloss zu. Nachdem er die Tür geöffnet hatte, trat er beiseite, damit Sonea an ihm vorbei in den Raum treten konnte.

Lilia stand neben einem Stuhl am Fenster. Ihre Augen waren groß, und sie sah Sonea hoffnungsvoll an, bevor sie sich zu fassen schien.

»Schwarzmagierin Sonea«, sagte sie mit einer Verbeugung.

»Lilia«, erwiderte Sonea. Als sie sich im Raum umschaute, bemerkte Sonea, dass er behaglich möbliert und warm war. Zwei Bücher lagen auf einem kleinen Tisch neben dem Sessel. »Ich habe einige Fragen an Euch.«

An die Stelle der Hoffnung auf den Zügen des Mädchens traten Enttäuschung und Resignation. Sie nickte, dann deutete sie auf einen kleinen Tisch und zwei Holzstühle. »Bitte, nehmt Platz.«

Sonea nahm die Einladung an und wartete, bis Lilia sich auf den anderen Stuhl gesetzt hatte, bevor sie dem Mädchen in die Augen sah.

»Naki ist seit einer Woche nicht mehr gesehen worden.« Sonea bemerkte Bestürzung in Lilias Zügen. »In ihrem Haus gab es keine Anzeichen von Gewalt und auch keinen Brief, der irgendetwas erklärt hätte. Wir haben alle Orte abgesucht, die Naki den Dienern zufolge gern besucht hat. Kennt Ihr irgendeinen Ort, an den sie gegangen sein könnte und von dem die Diener nichts wissen würden?«

Lilia verzog das Gesicht. »Einige Glühhäuser.« Sie zählte mehrere Namen auf.

Sonea nickte. »Die haben die Diener ebenfalls erwähnt. Sonst noch etwas?«

Lilia schüttelte den Kopf.

»Keine anderen Freunde – vielleicht solche, mit denen sie nicht länger befreundet war?«

»Nein. Obwohl … in der Gilde ging das Gerücht, sie sei mit einer Dienstmagd befreundet gewesen, aber ihr Vater habe die Familie hinausgeworfen.«

»Ja, wir haben uns mit ihnen in Verbindung gesetzt, und sie haben Naki ebenfalls nicht gesehen. Gab es irgendwelche Jungen, die sie umworben haben, auch wenn sie kein Interesse an ihnen hatte?«

Lilia senkte den Blick und wurde rot. »Nicht dass ich wüsste.«

»Hatte sie … hatte sie irgendwelche Beziehungen zu Verbrechern – vielleicht Feuelverkäufern?«

»Ich … ich weiß es nicht. Ich vermute, sie musste das Feuel von irgendjemandem kaufen. Sofern sie nicht die Vorräte ihres Vaters gestohlen hat.« Lilia blickte auf. »Habt Ihr schon etwas über seinen Mörder in Erfahrung gebracht?«

Sonea hielt inne, ein wenig verärgert über den Themenwechsel. Aber sie wird darauf brennen, Neuigkeiten zu hören, da ihre Freundin sie für die Tat verantwortlich gemacht hat. 

»Nein«, antwortete Sonea. »Zumindest war es, falls die Magier, die die Nachforschungen anstellen, etwas erfahren haben, nicht wichtig genug, um es den Höheren Magiern zu berichten.«

»Also … stellt Ihr nicht selbst Nachforschungen an?«

Sonea lächelte schief. »Ich wünschte, ich könnte, aber ich muss einen wilden Magier finden. Es ist Schwarzmagier Kallens Verantwortung.«

»Aber Ihr geht der Frage nach, wo Naki ist.«

»Ich habe mich erboten, Euch zu befragen, da wir bereits ein wenig miteinander geredet haben.«

Lilia nickte.

»Den Dienern zufolge hat Naki Briefe erhalten, die sie aufgeregt haben. Sie hat sie schon einige Zeit vor Lord Leidens Tod erhalten, bis zu dem Tag, an dem sie zu Hause das letzte Mal gesehen wurde. Wisst Ihr etwas über diese Briefe?«

Lilia schüttelte den Kopf, dann seufzte sie. »Ich bin Euch nicht von großem Nutzen, nicht wahr?«

»Was jemand nicht weiß, kann genauso nützlich sein wie das, was er weiß«, erwiderte Sonea. »Es ist interessant, wenn man bedenkt, wie bereitwillig Naki Euch das Wissen über das Buch mit den Anweisungen für die Anwendung von schwarzer Magie anvertraut hat, ohne Euch jemals von den Briefen zu erzählen. Das lässt auf ein weit größeres Geheimnis schließen.«

»Was könnte schlimmer sein als schwarze Magie?«, fragte Lilia kleinlaut.

»Ich weiß es nicht.« Sonea stand auf. »Aber ich habe die Absicht, es herauszufinden. Danke für Eure Hilfe, Lilia. Wenn Euch irgendetwas einfällt, lasst die Wachen jemanden zu mir schicken.«

Lilia nickte. »Das werde ich.«

Sonea, die den Blick des Mädchens spürte, verließ den Raum. Als der Wächter die Tür hinter ihr verschloss, betrachtete sie die Tür daneben. Lorandra. Hat es irgendeinen Sinn, sie noch einmal zu besuchen? Ich schätze, da ich schon einmal hier bin … 

Was tust du, Naki? Wo bist du? Bist du aus freien Stücken dort, oder hat dich jemand verschleppt? 

Bist du überhaupt noch am Leben? 

Einmal mehr krampfte Lilias Magen sich zusammen. Den ganzen Tag über waren ihr diese Fragen wieder und wieder durch den Kopf gegangen. Zuerst hatte sie sie willkommen geheißen und gehofft, dass die Antworten sich irgendwie an die Oberfläche ihres Geistes erheben würden und dass sie nach Welor würde rufen und ihn zu Sonea schicken können. Mit ihrer Hilfe würde Naki gerettet werden – oder schlicht und einfach gefunden. Ihre Freundin würde vielleicht begreifen, dass sie ihr niemals etwas antun würde. Oder aber die Gilde würde für Lilias Hilfe dankbar sein und sie vielleicht …

Mich hier herauslassen? Das bezweifle ich.  Lilia seufzte. Das wird nur geschehen, wenn ich irgendwie vergesse, wie man schwarze Magie benutzt. 

Sie zwang sich, mit ihrer rastlosen Wanderung durch den Raum aufzuhören, setzte sich hin und griff nach einem der Bücher. Obwohl sie begonnen hatte zu verstehen, warum es Welor gefiel – die Schlachtenbeschreibungen waren offensichtlich mit einiger Wonne niedergeschrieben worden –, hätte nicht einmal die aufregendste Geschichte ihre Aufmerksamkeit lange fesseln können. Nicht, solange die Person, die sie auf der Welt am meisten liebte, verschwunden war. Sie legte das Buch wieder beiseite.

Ein Geräusch aus dem benachbarten Zimmer lenkte ihren Blick auf die Nebentür. Sie hatte gelauscht, als Sonea mit Lorandra gesprochen hatte. Es war ein seltsames Gespräch gewesen, größtenteils einseitig, da Lorandra nicht geneigt war, Soneas Fragen zu beantworten, und wenn sie doch gesprochen hatte, hatte sie häufig vollkommen das Thema gewechselt. Obwohl beide nichts gesagt hatten, was als unhöflich oder bedrohlich gelten konnte, vermittelte die ganze Begegnung Lilia einen Eindruck von Feindseligkeit. Lorandra wollte nicht mit der Gilde zusammenarbeiten. Es überraschte Lilia nicht, als Sonea aufgab und ging.

Jetzt, da es nichts mehr zu lauschen gab, wanderte sie wieder rastlos in ihrem Zimmer herum. Ein Klopfen an der Tür ließ Lilia zusammenzucken.

»Seid Ihr jetzt mit Eurem endlosen Auf und Ab fertig?«, fragte eine gedämpfte Stimme.

Lilia lächelte schief. Wenn sie es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, die andere Frau zu belauschen, dann war es keine Überraschung, dass Lorandra ihrerseits das Gleiche tat.

»Für den Augenblick«, sagte sie und ging zur Tür hinüber.

»Ihr habt schlechte Nachrichten erhalten?«

»Ja. Meine Freundin ist verschwunden.« Lilia hatte Lorandra zwar von Naki erzählt, sie dabei aber immer nur als enge Freundin beschrieben.

»Wisst Ihr, wo sie ist?«

»Nein.« Lorandra muss gehört haben, wie ich das sagte … aber ich nehme an, sie hat nicht wissen können, ob ich gelogen habe. 

»Ich wette, Ihr wünscht, Ihr könntet in die Stadt gehen und nach ihr suchen.«

»Das tue ich. Sehr sogar.« Lilia seufzte. »Aber selbst wenn ich nicht hier eingesperrt wäre, wüsste ich nicht, wo ich nachsehen sollte.«

»Was haltet Ihr für wahrscheinlicher – dass sie gegen ihren Willen fortgebracht wurde oder dass sie sich versteckt?«

Lilia überlegte. »Warum sollte sie sich verstecken? Wenn sie schwarze Magie erlernt hätte, würde das Sinn ergeben, aber Schwarzmagierin Sonea hätte es in ihrem Geist gesehen. Also ist es wahrscheinlicher, dass man sie gegen ihren Willen …« Lilia konnte den Satz nicht beenden. Sie schauderte. Und doch fühlte sie sich ein klein wenig besser. Dies war zumindest eine Antwort. Selbst wenn es keine gute war.

»Wer sollte das tun wollen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was hat sie, das andere haben wollen könnten?«

»Geld. Sie hat das Vermögen ihres Vaters geerbt, als dieser starb.« Lilias Herz verkrampfte sich. »Vielleicht hat sie herausgefunden, wer ihn getötet hat!«

»Wenn es so ist, ist sie wahrscheinlich tot.«

Lilia schluckte schwer. Sie wollte nicht darüber nachdenken.

»Was ist, wenn sie nicht tot ist?«, fragte Lilia. »Was ist, wenn sie gefangen gehalten wird? Was, wenn sie erpresst wird?« Was, wenn jemand versucht, sie dazu zu zwingen, ihm von den Anweisungen in dem Buch über schwarze Magie zu erzählen? 

Lorandra schwieg mehrere Atemzüge lang. »Ich nehme an, Ihr werdet es nicht erfahren, es sei denn, die Gilde findet es heraus und macht sich die Mühe, es Euch zu erzählen. Denkt Ihr, dass man das tun wird?«

Lilias Schultern sanken herab. »Ich weiß es nicht.«

»Es klang so, als hätte Sonea ihre Zweifel.«

»Wirklich?« Lilia dachte zurück. Sie konnte sich nicht erinnern. Der Schreck und die Sorge um Naki hatten ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht.

»Ja.« Lorandra klopfte leise an die Tür, als trommele sie nachdenklich mit den Fingern. »Früher wäre ich in der Lage gewesen, es für Euch herauszufinden. Ich habe Beziehungen in der Stadt. Viele, viele Beziehungen. Die meisten sind nicht besonders respektabel, aber das ist zum Teil der Grund, warum ich hier bin. Wenn ich frei wäre, würde ich Euch helfen, Eure Freundin zu finden, oder in Erfahrung bringen, was mit ihr geschehen ist.«

Lilia lächelte, obwohl sie wusste, dass die Frau es nicht sehen konnte. »Danke. Es ist schön zu wissen, dass Ihr das tun würdet, wenn Ihr dazu in der Lage wärt.« Wie seltsam, dass diese Frau, die die Gilde für eine Verbrecherin hält, besser als jeder andere versteht, was ich durchmache. Nun, es heißt wohl nicht umsonst, dass für die Diebe und die ganze Unterwelt Loyalität sehr wichtig ist. 

»Man hat Eure Kräfte blockiert, bevor man Euch hierherbrachte, nicht wahr?«

»Natürlich.« Lilia runzelte angesichts des Themenwechsels die Stirn.

»Habt Ihr je versucht, die Blockade zu durchbrechen oder an ihr vorbeizukommen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich … warum sollte ich mir die Mühe machen? Schwarzmagierin Sonea hat meine Kräfte blockiert. Ich werde ihre Blockade wohl kaum durchbrechen können. Ich würde bei dem Versuch nur Kopfschmerzen bekommen.«

»Also … es macht einen Unterschied, wie stark der Magier ist, der eine Blockade einrichtet? Oder ob es sich bei diesem Magier um einen Schwarzmagier handelt?«

Lilia schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die Blockade den eigenen Willen von der Macht des Betreffenden trennt, also spielt es keine Rolle, wie stark man ist.«

»Eine Blockade kann jedoch nicht alle Kontrolle abtrennen. Anderenfalls wären wir tot.«

»Natürlich.«

»Wie machen sie das?«

»Ich weiß es nicht.« Lilia seufzte. Sie hatte heute ziemlich oft »Ich weiß es nicht« gesagt.

»Mir scheint, dass Schwarzmagier nicht nur stärker sind als gewöhnliche Magier, sondern auch über eine andere Art von Magie gebieten. Eine andere Art, ihre Magie zu kontrollieren.«

»Sie sind nicht stärker, es sei denn, sie nehmen Macht von anderen Leuten«, korrigierte Lilia sie. »Obwohl sie beide stärker waren als die meisten anderen Magier, bevor sie schwarze Magie erlernten. Es ist Sonea und Kallen nicht gestattet, ohne Erlaubnis Macht zu nehmen, und man würde sie ihnen nur geben, wenn das Land angegriffen würde oder einer anderen Bedrohung gegenüberstünde.«

»Wirklich ? Dann habe ich recht. Es ist eine andere Art von Magie.«

Lorandras Tonfall war der eines Menschen, der gerade etwas erfahren hatte und sehr zufrieden damit war. Wenn sie das nicht wusste … hätte ich es ihr erzählen sollen? Sie hat recht – ich habe die schwarze Magie nicht erlernt, indem ich Macht genommen habe, sondern indem ich eine andere Weise, meine Macht zu spüren, ausprobiert habe. 

»Also sind ihre Kräfte von anderer Art«, bemerkte Lorandra. »Sie können Dinge tun, die andere Magier nicht tun können. Wie Gedankenlesen. Sie können die Schutzwälle eines anderen umgehen, im Gegensatz zu gewöhnlichen Magiern.«

»Ja.« So viel war offensichtlich.

Lorandra hielt abermals inne, aber nicht so lange wie zuvor. »Ich habe folgende Idee: Wenn Ihr mit Eurem Geist andere Dinge tun könnt, sollte das bedeuten, dass jedwede Blockade in Eurem Geist ebenfalls von anderer Art sein müsste. Hat Sonea Euren Geist auf die gewöhnliche Art blockiert? Nein, antwortet mir nicht«, fügte sie hinzu. »Ich denke nur laut. Aber beantwortet dies, wenn Ihr könnt: Hat schon zuvor jemand die Kräfte eines Schwarzmagiers blockiert?«

»Nicht dass ich wüsste. In den Geschichtslektionen wird das nicht erwähnt.«

»Ich denke, Ihr solltet versuchen, an der Blockade vorbeizukommen. Wenn noch nie jemand die Kräfte eines Schwarzmagiers blockiert hat und Schwarzmagier normale Hindernisse überwinden können, woher wollen sie dann wissen, ob sie es richtig hinbekommen haben?«

Lilia starrte auf die Tür. Ihr Herz schlug ein wenig schneller. Sie wollte einwenden, dass Sonea die Blockade einfach neu einrichten könnte. Falls sie herausfände, dass sie verschwunden ist. Solange ich niemals Magie benutze, wenn jemand hier ist, würde niemand davon erfahren.  Aber sie ignorierte die augenfällige Konsequenz eines Erfolgs: Lorandra würde sich nicht damit zufriedengeben, im Ausguck zu bleiben. Sie will, dass ich uns hier herausbringe. 

Normalerweise hätte Lilia abgelehnt. Normalerweise wäre sie geblieben, wo sie war, wohl wissend, dass Sonea und Kallen Jagd auf sie machen und sie finden würden und dass die Strafe für eine Flucht schlimmer sein würde als bloße Einkerkerung.

Sie würden mich wahrscheinlich hinrichten. 

Aber wenn sie Naki fand, war es das vielleicht wert. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie die Stadt nicht gut genug kannte, um Naki zu finden, bevor die Gilde sie einfing, aber hier war eine Frau, die die Stadt sehr gut kannte. Die die Unterwelt kannte, wo Naki höchstwahrscheinlich gefangen war. Eine Frau, die Lilia helfen wollte.

Mehr als alles andere auf der Welt wollte Lilia Naki finden. Aber was wollte Lorandra?

Nun, sie will mir helfen, wenn ich sie im Gegenzug aus diesem Gefängnis befreie,  dachte Lilia. Ich sollte sie dazu bringen, einigen Bedingungen zuzustimmen. 

»Was denkt Ihr, wie lange es dauern wird, Naki zu finden?«

Lorandra kicherte. »Ihr seid ziemlich schnell, Lady Lilia. Ich kann Euch das nicht genau sagen. Ich werde meine Leute aufspüren müssen, und wenn sie es nicht bereits wissen, würden sie einige Zeit darauf verwenden müssen, es herauszufinden.«

»Denkt Ihr, wir könnten uns jede Nacht davonstehlen und am Morgen zurückkehren, ohne dass die Wachen es bemerken?« Das würde uns mehr Zeit verschaffen als die Alternative: wenn wir verschwänden und die Gilde anfangen würde, Jagd auf uns zu machen. Wir könnten wochenlang nach Naki suchen, wenn es nötig wäre. Und wenn sie dann entdecken, dass wir uns davongeschlichen haben, werden sie mir vielleicht verzeihen, weil wir jedes Mal zurückgekehrt sind. Wir könnten Naki sogar finden, ohne dass die Gilde davon erfährt, dass wir den Ausguck jemals verlassen haben. 

»Wahrscheinlich.« Lorandras Tonfall war schwer zu deuten. »Es hängt davon ab, ob wir hier hinaus- und wieder hereinkommen können, ohne dass jemand es bemerkt. Wenn ich Zugang zu meinen Kräften hätte, könnte ich schweben.«

»Ich kann das tun«, sagte Lilia schnell. Sie wollte sich nicht dazu überreden lassen, die Blockade von Lorandras Kräften zu entfernen. Es war schlimm genug, die Frau auf freien Fuß zu setzen, aber eine ganz andere Sache war es, sie auf die Stadt loszulassen, wenn sie die volle Kontrolle über ihre Kräfte hatte. »Also … wenn ich uns hier herausbringe, versprecht Ihr mir dann, mir bei der Suche nach Naki zu helfen?«

»Ja.«

»Und wir werden versuchen, uns davonzustehlen und zurückzukehren, ohne dass irgendjemand es bemerkt?«

»Ja.«

»Dann werde ich es tun. Falls ich die Blockade entfernen kann.«

»Wenn Ihr schwarze Magie schon beim ersten Versuch erlernt habt, wird es bei der Blockade vermutlich das Gleiche sein. Entweder schafft Ihr es sofort oder gar nicht.«

»Das hoffe ich. Während ich es versuche, denkt Ihr darüber nach, wie wir hier herauskommen.«

»Das mache ich. Viel Glück.«

Lilia trat von der Tür weg. Sie schaute sich um, dann ging sie zu dem Stuhl am Fenster und setzte sich. Nachdem sie die Augen geschlossen hatte, begann sie mit einer Atemübung, um ihren Geist zu beruhigen und zu konzentrieren.

Als sie sich bereit fühlte, sandte sie ihre Aufmerksamkeit nach innen. Sofort nahm sie die Blockade wahr. Wann immer sie das bisher getan hatte, hatte sie unverzüglich den Ball aus Energie in sich entdeckt. Jetzt war etwas im Weg. Es war wie ein magischer Schild oder eine Barriere und doch wieder ganz anders.

Sie stieß sanft dagegen. Die Blockade widersetzte sich. Sie versuchte es nachdrücklicher, aber es war wie eine harte, kalte Mauer. Ich muss mir mehr Mühe geben. Es wird wehtun. Darauf muss ich gefasst sein.  Sie versuchte, sich gegen den Schmerz zu wappnen, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie das tun sollte. Es war nicht so, als hätte ihr Geist Muskeln, die sie anspannen konnte.

Sie nahm ihre ganze Entschlossenheit zusammen und warf ihre Willenskraft gegen die Mauer. Sofort explodierte ein scharfer Schmerz in ihrem Geist. Sie keuchte auf, öffnete die Augen und hielt sich den Kopf, der jetzt schlimmer wehtat als bei jedem Kopfschmerz, den sie je zuvor erlitten hatte.

Oh. Das war unangenehm.  Sie wiegte sich hin und her, konzentrierte sich auf ihre Atmung und wartete ab, während der Schmerz langsam verebbte. Dann schloss sie erneut die Augen und betrachtete die Blockade. Ein mächtiges Widerstreben überkam sie, ihre Sinne noch einmal auch nur in die Nähe dieser Mauer auszustrecken.

Ich liebe Naki. Ich muss ihr helfen. Ich muss einen Weg finden. 

Sie sondierte die Blockade. Wie stark ist sie?  Sie vermittelte kein Gefühl von Stärke. Sie war einfach da. 

Sie dachte über Lorandras Worte nach, dass schwarze Magie eine andere Art von Magie sei. Und sie erinnerte sich an die Anweisungen in dem Buch.

»Im frühen Stadium der Ausbildung lehrt man einen Novizen, sich seine Magie als ein Gefäß vorzustellen – vielleicht eine Schachtel oder eine Flasche. Während er mehr lernt, begreift er, was seine Sinne ihm sagen: Dass sein Körper das Gefäß ist und dass die natürliche Barriere der Magie an der Haut seine Macht im Inneren festhält.« 

Mein Körper ist das Gefäß,  sagte sie sich und suchte dann nach diesem sich ausdehnenden Bewusstsein, das sie schon früher kennengelernt hatte. Es kam sofort, und eine Woge der Erregung schlug über ihr zusammen. Sie suchte nach der Blockade. Sie war immer noch da.

Aber jetzt war sie bedeutungslos. Die Blockade beschützte den Ort, an dem man sie nach Magie zu suchen gelehrt hatte, aber ihr ganzer Körper  war voller Magie. Sie konnte sie von überall anzapfen …

Lilia öffnete die Augen. Sie griff nach Magie und spürte, wie die Magie reagierte. Sie kanalisierte sie nach außen und benutzte sie, um Welors Bücher vom Tisch zu heben. Ein Gefühl des Triumphs durchfuhr sie.

Ich habe es geschafft! 

Sie sprang vom Stuhl und eilte zur Tür.

»Ich habe es geschafft!«, rief sie aus. »Ihr hattet recht!«

»Gut gemacht. Jetzt geht von der Tür weg und seid leise«, flüsterte Lorandra. »Ich kann jemanden kommen hören.«

Lilias Herz setzte einen Schlag aus. Sie wich von der Tür zurück und lauschte. Und tatsächlich, das schwache Geräusch der Schritte einer einzelnen Person war zu vernehmen.

»Abendessen«, sagte sie. »Ich werde später mit Euch reden.«

»Braves Mädchen.«

Lilia wandte sich von der Tür ab, ging zu dem kleinen Tisch, an dem sie aß, und wartete darauf, dass Welor eintrat, im einen Augenblick voller Jubel über ihre Leistung, während sie im nächsten die Schuldgefühle wegen der Dinge, die sie zu tun beabsichtigte, von sich schob.

Ich tue es für Naki,  sagte sie sich. Es spielt keine Rolle, was anschließend mit mir geschieht, Hauptsache, sie ist in Sicherheit. 

Lorkin hatte das Gefühl, dass er schon tagelang darauf wartete, dass jemand ihn tötete – immer in der Ungewissheit, ob er noch Minuten oder Stunden zu leben hatte. Obwohl er die Panik, die ihn ständig zu überwältigen drohte, erfolgreich niederkämpfte, verebbte die Übelkeit keinen Moment lang. Wann immer das Brennen eines Schn


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itts auf seiner Haut ankündigte, dass jemand seine wiedererwachenden Kräfte anzapfen würde, fragte er sich, ob er diesmal nicht nur erschöpft, sondern bewusstlos zurückbleiben würde. Jedes Mal, wenn die Prozedur endete, verspürte er eine bittere Erleichterung.

Ich bezweifle, dass die Wachen diejenigen sein werden, die mir den Rest geben,  überlegte er. Das wird Kalia selbst übernehmen wollen. 

Oder vielleicht nicht? Es war wahrscheinlich sicherer, wenn eine geringere Magierin ihn erledigte. Dann konnte sie argumentieren, dass nicht sie  diejenige gewesen sei, die ihn ermordet hatte, falls man seinen Tod verdächtig fand. Wenn man jedoch ihre Gedanken las, konnte er sich nicht vorstellen, wie sie die Tatsache verbergen wollte, dass sie den Befehl zu seiner Ermordung gegeben hatte.

Dann hörte er, wie die Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde, und sein Herz begann zu rasen. Einen Moment später erklang die Stimme, die ihm einen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagte: Kalias Stimme.

»Ist es so weit?«, fragte eine seiner Wächterinnen.

»Noch nicht. Ich will sicher sein, dass ich alles habe, was ich brauche.«

Lorkin wurde flau im Magen. Er hörte Schritte näher kommen und war nicht überrascht, als eine Macht ihn auf den Boden presste. Dann bescherte es ihm ein schwaches Gefühl der Befriedigung, das Ächzen der Anstrengung wahrzunehmen, als Kalia sich hinhockte. Kalte Finger berührten seine Stirn, und er schauderte, als ihre widerwärtige Präsenz seinen Geist erfüllte.

Sofort spürte er, dass sie in Eile war. Sie tastete seine Erinnerungen hastig ab und griff nach jenen, die die Heilkunst betrafen, dann schien sie sich zu zwingen, sich mehr Zeit zu nehmen, und untersuchte, was sie am Tag zuvor erfahren hatte. Er wusste, dass sie erkennen konnte, dass die Anwendung des Wissens der Krankheit und dem Zustand des Patienten entsprechend geformt und dosiert werden musste, aber sie hatte keine Zeit, ihm die Einzelheiten zu entlocken. Den Rest würde sie durch Experimentieren in der Praxis herausfinden müssen. Im Moment wollte sie lediglich wissen, wie sie es am besten vermeiden konnte, Schaden anzurichten.

»Sprecherin …«

Die Stimme der Wächterin klang wie aus weiter Ferne, als stehe sie auf der anderen Seite einer Wand oder einer Tür. Kalia hielt inne, dann ließ sie Lorkins Geist widerstrebend los und verschwand aus seinen Sinnen.

Er verspürte einen müden, siedenden Zorn. Falls du jemals die Wahrheit herausfindest, Tyvara,  dachte er, sorg dafür, dass sie bekommt, was sie verdient. 

»Es gibt keinen anderen Weg aus … «

»Sei still«, blaffte Kalia. Ihre Stimme klang nah, als beuge sie sich noch immer über ihn. Dann hörte er, worauf die Frauen gelauscht hatten. Schritte. Stimmen.

Kalia fluchte.

Das Geräusch der Tür, die geöffnet wurde, drang an seine Ohren. Jemand schnappte erschrocken nach Luft.

»RUNTER von ihm!« 

»Nein, Tyvara«, befahl eine andere Stimme.

Tyvara!  Lorkins Herz machte einen Satz. Die Macht, die ihn zu Boden drückte, verschwand. Er rappelte sich in eine sitzende Position hoch und versuchte, mithilfe der rauen Wand in seinem Rücken die Augenbinde loszuwerden. Plötzlich strichen abermals Finger über sein Gesicht, nur dass sie diesmal warm waren.

»Warte. Lass mich das abnehmen«, murmelte Tyvara. Die Augenbinde wurde nach oben geschoben und gab ihn widerstrebend frei. Er blinzelte in dem hellen Licht, dann grinste er, als er sah, dass Tyvara vor ihm hockte, das Gesicht voller Sorge.

»Bist du verletzt?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Nicht jetzt, da du hier bist.« Er konnte nicht aufhören zu lächeln. »Wirst du nun Schwierigkeiten bekommen, weil du mit mir gesprochen hast?«

»Sei nicht albern. Dreh dich um.«

Er gehorchte, und die Fesseln an seinen Handgelenken fielen zu Boden. Gleichzeitig spürte er, wie ein kleiner Teil seines Geistes von einer Fessel befreit wurde, derer er sich kaum bewusst gewesen war. Als er auf die Verbände hinabschaute, sah er zwischen den Stoffbahnen einen hellgelben Edelstein.

Sie haben mich mit Verbänden gefesselt.  Der Umstand, dass sie für das Heilen bestimmte Materialien als Fesseln für ihn benutzt hatten, weckte noch größere Verachtung in ihm. Hat der Stein mich daran gehindert, Gedankenrede zu benutzen? Ich nehme an, sie mussten etwas in dieser Art schaffen, für den Fall, dass sie einen Gefangenen daran hindern mussten, ihren Standort preiszugeben. 

Tyvara erhob sich und half ihm aufzustehen. Ihm war schwindlig. Die Erleichterung darüber, sich keine Sorgen mehr darum machen zu müssen, was als Nächstes geschehen würde, schlug über ihm zusammen. Er widerstand einem jähen Drang, Tyvara zu küssen. Sie wandte das Gesicht dem Raum zu, und er riss widerstrebend den Blick von ihr los, um die anderen Verräterinnen im Raum zu betrachten.

Zwei Sprecherinnen standen vor Kalia. Eine war Savara. Die andere war Halana. Weitere Magierinnen standen hinter ihnen im Flur.

»Hast du von ihm gelernt, wie man mit Magie heilt?«, fragte Savara.

Kalia zuckte die Achseln. »Möglicherweise.«

Savara sah Lorkin an. »Hat sie es gelernt?«

Er nickte, dann schauderte er bei der Erinnerung an den fremden Geist in seinem. Die Erleichterung und der Jubel über seine Rettung verebbten. Das ist etwas, das ich niemals vergessen werde,  dachte er. Es würde in seinen Albträumen zu ihm zurückkehren.

»Du hast unser Gesetz gebrochen«, sagte Savara zu Kalia. »Du wirst verurteilt werden.«

»Natürlich«, erwiderte Kalia. »Dann bringen wir es hinter uns.« Das Kinn hoch erhoben stolzierte sie aus dem Raum. Halana folgte ihr.

Savara schaute noch einmal zurück, um die beiden Wächterinnen anzusehen. »Ergreift sie ebenfalls«, befahl sie. Die wartenden Magierinnen traten ein und führten die beiden aus dem Raum.

Tyvara machte keine Anstalten zu folgen. Lorkin sah sie an. Sie musterte ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck.

»Was?«

Sie lächelte. Dann umfasste sie seinen Kopf mit beiden Händen und küsste ihn.

Begehren durchströmte ihn, gefolgt von Schwindel. Er ergriff ihre Arme ebenso sehr, um sie an sich zu ziehen, wie um zu verhindern, dass er der Länge nach hinfiel. Sie kicherte und schob ihn ein kleines Stück von sich.

»Du bist nicht vollkommen unverletzt, oder?«, fragte sie. »Sie werden dich ständig geleert haben. Haben sie dir überhaupt etwas zu essen gegeben?«

»Ähm«, brummte er, dann zwang er sich, über ihre Fragen nachzudenken. »Doch, ja und nein.«

»Geleert ist nicht das, was ich unverletzt nennen würde«, beschied sie ihm.

»Ich bezweifle, dass deine Mitverräterinnen dir da zustimmen würden.«

»Selbst Kalia würde zustimmen, dass es einem Menschen Schaden zufügt, wenn man ihn gegen seinen Willen leert. Was der Grund ist, warum wir Gesetze dagegen haben. Sie wird …«

Die Spitzfindigkeiten waren zu viel für ihn. Er schnitt ihr mit einem weiteren Kuss das Wort ab. Der Kuss war lang und scheinbar endlos, und zu seiner Überraschung war er derjenige, der sich schließlich löste.

»Die Bücher liegen vollkommen falsch«, sagte er.

Sie runzelte die Stirn. »Bücher? Welche Bücher?«

»Die, die kyralische Frauen so sehr mögen. In diesen Büchern werden Frauen immer von Männern gerettet. Sie sagen, die Geschichten würden niemals andersherum erzählt, weil das nicht aufregend sei und niemand die Bücher lesen würde.«

»Und du bist nicht dieser Meinung?«

»Nein.« Er grinste. »Es ist sehr  aufregend.«

Sie verdrehte die Augen und zog sich ungeachtet seiner Proteste aus seinen Armen zurück. »Komm. Wir haben hier einen sehr aufregenden Skandal, der in Bälde das ganze Sanktuarium auf die Beine bringen wird, und die Leute werden deine Seite der Geschichte hören wollen.«

»Kann das nicht warten?«

»Nein.«

Er seufzte. »Na schön. Ich schätze, ich habe Angst, dass du mich nicht mehr wirst küssen wollen, wenn wir diesen Raum verlassen. Was hat dich dazu gebracht, deine Meinung über mich zu ändern?«

Sie lächelte. »Ich habe meine Meinung über dich gar nicht geändert. Ich habe meine Meinung darüber geändert, was ich mit dir anfangen soll.«

»Klingt so, als sollte ich mich dafür bei Kalia bedanken.«

Tyvara schob ihn aus dem Raum. »Wag es ja nicht.«

18

Auf der Jagd

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Es war sehr warm in Administrator Osens Büro. Zu warm, fand Sonea. Sie fragte sich, ob Osen dafür verantwortlich war oder einer der anderen Höheren Magier. Es war leicht, mit Magie Wärme zu produzieren, aber viel schwieriger, die Dinge abzukühlen.

Die Höheren Magier hatten ihre gewohnten Plätze eingenommen. Wie immer bedeutete das, dass sie und Kallen zu beiden Seiten von Osens Schreibtisch standen. Alle warteten still und mit grimmiger Miene.

Die Tür des Büros wurde geöffnet, und alle Anwesenden beobachteten, wie Hauptmann Sotin und ein junger Wachposten den Raum betraten, in Begleitung des Kriegers, der in der vergangenen Nacht Dienst im Ausguck gehabt hatte. Alle drei wurden unter der Musterung der Höheren Magier ein wenig bleich. Das Trio ging auf Osens Schreibtisch zu und blieb dann stehen, offenkundig unsicher, ob sie sich an den Administrator oder die übrigen Magier wenden sollten.

Der Hauptmann entschied sich dafür, sich vor Osen zu verneigen, und der Wachposten folgte hastig seinem Beispiel.

»Administrator«, sagte der Hauptmann forsch.

»Hauptmann Sotin«, erwiderte Osen. »Danke, dass Ihr hierhergekommen seid. Und das ist?« Osen blickte zu dem Wachposten auf.

»Wachmann Welor, Administrator. Er war dafür verantwortlich, sich um Lady Lilias Bedürfnisse zu kümmern. Er war gestern Nacht nicht im Dienst, ist – war – aber der einzige Wachmann, der regelmäßig Kontakt zu ihr hatte.«

Osen nickte und deutete zu den übrigen Magiern. »Erzählt uns, was Ihr wisst, Hauptmann.«

Der Mann wandte sich an die übrigen Anwesenden im Raum. »Die Männer, die Dienst hatten, berichten, dass niemandem etwas aufgefallen sei, und alle schwören, dass keiner von ihnen eingeschlafen sei, getrunken habe oder auf andere Weise von seiner Pflicht abgelenkt worden sei. Es gab keine Geräusche von den Gefangenen oder von außerhalb des Turms. Aber irgendwann wurde die Tür zu Lady Lilias Zimmer geöffnet, ebenso wie die Innentür zwischen den Räumen von Lady Lilia und Lorandra.«

»Was denkt Ihr, wie sie geöffnet wurden?«, fragte der Hohe Lord Balkan.

»Das kann ich nicht sagen. Es gab keine Spuren von Gewalt. Die Schlüssel fehlen nicht. Also wurden sie entweder mit einem Dietrich oder mithilfe von Magie geöffnet.« Der Hauptmann verzog das Gesicht. »Wir hatten ein zweites Schloss an Lorandras Tür, außer Reichweite, so dass man es nicht öffnen konnte, aber an der inneren Tür hatten wir kein zusätzliches Schloss.«

»Und die Haupttür zu Lilias Zimmer?«

Der Hauptmann zuckte die Achseln. »Wir hatten diese Tür früher auch mit zwei Schlössern versperrt. Sobald sie dort war … Nun, wir haben vermutet, dass sie nicht wissen würde, wie man Schlösser aufbricht.«

»Da keine der beiden Frauen Magie benutzen kann, müssen wir davon ausgehen, dass Lorandra sowohl die innere Tür als auch die Haupttür zu Lilias Zimmer geöffnet hat«, sagte Lady Vinara. »Sobald sie ihre Zimmer verlassen hatten, wie sind sie aus dem Turm gekommen?«

»Sie können nicht über die Treppe zum Erdgeschoss geflohen sein, da sie beim Büro endet und sich dort immer Männer befinden«, erwiderte der Hauptmann. »Wir denken, sie sind übers Dach geflohen. Wir hatten dort oben keine Wachen, aber die Luke zum Dach war auf der Innenseite verschlossen und mit Magie blockiert …« Er sah den Krieger an, der Dienst gehabt hatte.

»Beides war unversehrt«, murmelte der junge Mann.

»Aber wir haben entdeckt, dass die alte Observatoriumskuppel sich gelöst hatte und weit genug nach oben gestemmt werden konnte, um eine Person von schmalem Körperbau hinauskriechen zu lassen«, erklärte der Hauptmann.

»Sie ist aus Glas und sehr schwer«, bemerkte Lord Peakin kopfschüttelnd. »Ich bezweifle, dass Lady Lilia und die alte Frau in der Lage gewesen wären, sie anzuheben, selbst mit vereinten Kräften.«

»So muss es aber gewesen sein«, sagte Vinara.

»Wie sind sie dann vom Dach heruntergekommen?«, fragte Lord Garrel. »Gibt es irgendwelche Spuren, die auf die Benutzung von Seilen oder Leitern hindeuten?«

Der Hauptmann schüttelte den Kopf.

»Ihr seid Euch sicher, dass Eure Männer die Wahrheit sagen?«, fragte Lady Vinara den Hauptmann.

Der Mann richtete sich auf und nickte. »Ich vertraue ihnen allen. Es sind ehrliche Männer.« Er hielt inne. »Und wenn sie es nicht wären und den Gefangenen die Flucht ermöglicht hätten, hätten sie gewiss eine Geschichte erfunden, dass man sie mit Drogen betäubt habe, oder irgendeine andere Ausrede parat gehabt. Sie sind verwirrt und beschämt, und ich musste einigen von ihnen ausreden, den Dienst zu quittieren.«

Der Wachposten neben ihm senkte den Kopf.

»Wachmann Welor«, sagte Osen. »Ist Euch irgendetwas an Lady Lilias Verhalten aufgefallen, das darauf hinweisen könnte, dass sie möglicherweise eine Flucht geplant hat?«

Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass sie schon Zeit hatte, darüber nachzudenken. Sie war immer noch damit beschäftigt zu begreifen, was ihr zugestoßen war. Ich habe heute Morgen diesen Brief gefunden.« Er zog ein Stück Papier aus seiner Brusttasche, entfaltete es und reichte es Osen. »Er lag in einem Buch, das ich ihr gegeben habe, also denke ich, sie wollte, dass ich das Schreiben finde.«

Der Administrator las die Notiz und zog die Augenbrauen hoch.

»Muss Naki finden. Werde morgen früh wieder zurück sein«,  las er laut.

»Sie ist nicht zurückgekommen«, sagte Vinara. »Entweder sie hat gelogen, oder sie wurde an einer Rückkehr gehindert.«

»Warum sollte sie lügen?«, fragte Peakin.

»Vielleicht dachte sie, das würde ihr mehr Zeit verschaffen«, erwiderte Garrel. »Wenn wir ihr Verschwinden in der vergangenen Nacht entdeckt hätten, hätten wir vielleicht abgewartet, ob sie zurückkommen würde.«

»Aber wie sind sie vom Dach heruntergekommen?«, warf Osen ein. »Wie weit ist es bis zum Boden – oder bis zu den nächsten Bäumen?«

»Wenn sie hinuntergeklettert wären, hätten die Wachen unten sie bemerkt. Die Bäume befinden sich erheblich weiter unten am Hang und sind daher niedriger als der Turm«, sagte der Hauptmann. »Ein Seil hätte sehr straff gespannt sein müssen, und dann wären sie eher daran heruntergerutscht als geklettert. Dann wäre da noch das Problem gewesen, überhaupt ein Ende des Seils auf den Turm zu bekommen, ohne dass jemand es bemerkt.« Er schüttelte den Kopf. »Wir haben immer erwartet, dass Skellin, sollte er versuchen, seine Mutter über das Dach zu retten, dort hinaufschweben würde.«

»Ich möchte wetten, dass er das getan hat, und niemand hat es bemerkt«, sagte Vinara. »Aber warum sollte er Lilia mitnehmen …?« Entsetztes Begreifen zeichnete sich auf ihren Zügen ab. »Oh.«

Es wurde sehr still im Raum. Sonea sah Kallen an und fragte sich, ob er bereits bedacht hatte, was Vinara gerade klar geworden war. Seine Miene zeigte erzwungene Geduld. Ja, er ist sich der Gefahr durchaus bewusst – und er brennt darauf, etwas zu unternehmen.  Sie widerstand der Versuchung zu lächeln, da sie wusste, dass es falsch verstanden werden würde.

»Warum hat man die beiden eigentlich in benachbarten Räumen untergebracht?«, fragte Garrel plötzlich. »Eine gerissene wilde Magierin und eine leicht zu manipulierende junge Frau. Gewiss war eine Katastrophe zu erwarten. Lilia könnte Lorandra erklärt haben, wie man schwarze Magie benutzt, auch ohne dass die beiden dazu ihre Räume hätten verlassen müssen.«

Einige der Höheren Magier sahen den Hauptmann an. Garrel und ein paar andere schauten zu Sonea und Kallen hinüber. Sonea sah Rothen an, der ihrem Blick mit wissender Miene begegnete. Er hatte sie gewarnt, dass man ihr mühelos die Schuld an Lilias Flucht geben könnte, da sie Lorandra und Lilia besucht und keine Schwachstellen in ihren Kerkern entdeckt hatte.

»Man hat uns aufgetragen, dafür zu sorgen, dass sie gut behandelt werden«, sagte der Hauptmann. »Wir dachten, da beide Gefangene Frauen waren, könnten sie einander Gesellschaft leisten. Ich … ich sehe jetzt, dass das ein Fehler war.«

Soneas Herz flog dem Mann entgegen. Es war gewiss nicht allein seine Schuld, dass die beiden entkommen waren. Sie runzelte die Stirn. Versucht er, die Schuld auf sich zu nehmen, um seine Männer zu retten? 

»Jetzt leisten Lilia und Lorandra Skellin Gesellschaft«, bemerkte Osen. »Ich …«

Er hielt inne, weil es an der Tür klopfte. Im nächsten Moment blickte er auf, kniff die Augen zusammen und schaute zur Tür hinüber. Sie schwang auf.

Dorrien trat ein. »Verzeiht die Störung, Administrator«, begann er. »Aber ich habe Informationen, die für dieses Gespräch von Bedeutung sein könnten.«

Die Tür schloss sich hinter ihm, und Osen winkte ihn heran. »Was gibt es, Lord Dorrien?«

»Eine Frau, die in einem der Häuser in der Inneren Stadt dient, die vor der Gildemauer liegen, ist heute Morgen ins Hospital gekommen«, sagte er. »Es hat einige Zeit gedauert, bis sich eine Heilerin um sie kümmerte, da sie offensichtlich nicht krank war«, fügte er trocken hinzu. »Sie hat uns erzählt, dass sie in der vergangenen Nacht zwei Frauen über die Mauer habe klettern sehen, einige Stunden nach Einbruch der Dunkelheit. Eine sei alt gewesen und habe dunkle Haut gehabt, die andere sei jung und blass gewesen. Als sie von den Gefangenen hörte, die der Gilde entkommen waren, erinnerte sie sich daran und kam zu uns, um uns davon zu berichten.«

»Sonst war niemand bei ihnen?«, hakte Osen nach.

»Nein.«

Sonea runzelte die Stirn. Wenn also Skellin sie nicht gerettet hat, wie sind sie dann …?  Als sie ein jäher Verdacht beschlich, kam es ihr in dem Raum mit einem Mal nicht mehr so warm vor. Gewiss nicht … 

»Warum ist sie ins Hospital gegangen?«, fragte Lord Peakin. »Warum ist sie nicht hierhergekommen?«

Dorrien lächelte schief. »Ihre Dienste sind nicht von der respektablen Art.«

»Woher wisst Ihr, dass sie die Wahrheit sagt? Hat sie Geld verlangt?«, fragte Garrel.

»Ich weiß es nicht, und nein, sie hat kein Geld verlangt«, antwortete Dorrien. »Die Vorstellung, dass eine wilde Magierin und eine Schwarzmagierin frei in der Stadt umherspazieren, hat ihr, wie wahrscheinlich allen anderen in der Stadt, Angst gemacht.«

»Wie konnte diese Neuigkeit sich so schnell verbreiten?«, fragte Vinara und schaute in die Runde.

Osen seufzte. »Es ist jemandem herausgerutscht, da bin ich mir sicher«, sagte er. »Nun, konzentrieren wir uns lieber darauf, was die Information dieser Frau bedeutet. Lord Dorrien, ich bin Euch dankbar, dass Ihr damit zu uns gekommen seid.«

Dorrien neigte den Kopf und verließ den Raum. Der Administrator wandte sich dem Hauptmann und seinem Wachposten zu, ebenso dem Krieger aus dem Ausguck, und dankte ihnen für ihre Unterstützung. Das Trio verstand das Stichwort und zog sich ebenfalls zurück. Sobald nur noch Höhere Magier zugegen waren, trat Osen vor seinen Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Uns bleibt noch ein einziger kleiner Hoffnungsschimmer. Falls Skellin Lilia und Lorandra nicht ihrer Wege geschickt hat, nachdem er sie befreit hatte, hat er nichts mit der Befreiung zu tun, und sie haben ihn noch nicht gefunden. Wichtiger, als herauszufinden, wie sie aus dem Ausguck geflohen sind, ist etwas anderes: Wie finden wir sie, bevor sie sich Skellin anschließen?« Er sah Kallen an. »Das ist Eure Aufgabe. Findet sie.«

Kallen neigte den Kopf und ging dann auf die Tür zu.

Osen wandte sich an Sonea. »Eure Aufgabe heißt nach wie vor Skellin. Findet ihn.«

Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um Zweifel zu wecken, indem sie erklärte, dass sie, wenn es so einfach wäre, Skellin bereits gefangen hätte – ebenso wenig wie es der richtige Zeitpunkt war, Groll darüber zu zeigen, dass Osen sie herumkommandierte wie einen vernunftlosen Soldaten. Sie drehte sich um und stolzierte auf die Tür zu.

Ich  bin ein vernunftloser Soldat, soweit es die Gilde betrifft,  dachte sie erbittert, als sie in den Flur hinaustrat. Das ist der Grund, warum sie mir erlaubt haben zu bleiben. Ich bin ihre Schwarzmagierin, die sie für sich in den Kampf schicken können, und es ist ihnen bei weitem lieber, ich täte, was sie sagen, statt vorzuschlagen, wie man die Dinge angehen sollte. Nun, sie werden akzeptieren müssen, dass ich die Dinge manchmal auf meine Weise angehe, wenn sie wollen, dass ich mein Leben riskiere, um ihr Leben zu retten. 

Dorrien wartete auf der Treppe zur Universität auf sie, wo eine Gildekutsche bereitstand.

»Ich dachte, du möchtest vielleicht in die Stadt mitgenommen werden«, bemerkte er.

Sie verspürte einen jähen, verrückten Drang, ihn zu umarmen, widerstand jedoch, da sie wusste, wie Alina es auffassen würde, falls jemand die Umarmung sah und ihr gegenüber erwähnte.

»Wir müssen ein Treffen mit Cery arrangieren«, sagte sie, während sie in die Kutsche kletterte. »So bald wie möglich.«

»Das dachte ich mir«, erwiderte Dorrien. »Ich hoffe, es war richtig von mir, aber ich habe ihm bereits eine Nachricht geschickt.«

Sie nickte. »Danke. Aber ob es das Richtige ist … ich hoffe es. Falls Anyi stirbt, weil die Gilde will, dass wir die Dinge vorantreiben, glaube ich nicht, dass ich mir verzeihen könnte.«

Dorriens Miene wurde ernst. »Ich ebenso wenig.«

Wenn auch eher klein für ein Schiff und vor allem auf Geschwindigkeit ausgelegt, bot die Inava  dennoch überraschend viel Platz. Die Sklavenmannschaft schlief unter Deck. Dannyl hatte einmal durch die Luke einen Blick in diesen Teil des Schiffes werfen können: Reihen von Hängematten, die wie schlaffe, leere Hülsen irgendwelcher exotischen Baumfrüchte hin- und herbaumelten. Über Deck befanden sich nur zwei anständige Kabinen – die des Kapitäns und eine für Gäste.

In der Gästekabine standen zwei einzelne Klappbetten und ein Tisch, den man zu einem größeren Bett umbauen konnte. Nur Tayends Bett war während der letzten drei Tage benutzt worden, da er die gesamte Zeit ihrer Seereise unter dem Einfluss der Droge gegen Seekrankheit verschlief. Nachts waren sie stets an Land gewesen, auf verschiedenen Höfen entlang der Küste.

Die Droge gegen Seekrankheit, die Achati Tayend gegeben hatte, machte ihn benommen und schläfrig, aber der Elyner hatte dies ohne Klage akzeptiert und zumeist leise schnarchend im Bett gelegen. Dannyl und Achati beschäftigten sich bei gutem Wetter auf Deck oder während Stürmen im Innern des Schiffes. Der Morgen des dritten Tages hatte Regen und einen kühlen Wind von Süden gebracht, also blieben sie heute im Warmen.

»Ashaki Nakaro hat mir dies gestern Abend gegeben«, sagte Achati sehr leise, um Tayend nicht zu stören. Er legte ein Buch auf den Tisch. »Er meinte, wir könnten darin vielleicht etwas Nützliches über die Duna finden.«

Dannyl griff nach dem Buch. Es hatte keinen Titel, aber das Fehlen eines solchen erklärte sich, als Dannyl den Band aufschlug und die Daten neben den Einträgen sah. Es war ein weiteres Tagebuch. Die Seiten hatten sich an einer Stelle geöffnet, an der ein schmales, schwarzes geflochtenes Band lag, ein Lesezeichen, wie Dannyl es schon oft in sachakanischen Aufzeichnungen gefunden hatte.

Wir sind im Lager eingetroffen. Mein erster Eindruck ist, dass es zu groß ist, um es noch länger so zu nennen, und viele der Ashaki übernehmen jetzt die Gewohnheit der Sklaven, es als Lagerstadt zu bezeichnen. Ich gehe davon aus, dass es in Bälde nach irgendjemandem benannt werden wird. Nicht nach dem König, für den Fall, dass sich das Unternehmen als Fehlschlag erweisen sollte. Wohl eher nach Ashaki Haniva. 

»Haniva«, sagte Dannyl. »Ist das nicht die Stadt, zu der wir fahren?«

Achati nickte. »Es ist die Hafenstadt, die den Duna-Ländern am nächsten liegt. Das Lager befand sich weiter landeinwärts, über dem Steilabfall, aber Haniva war klug genug zu vermeiden, dass es nach ihm selbst benannt wurde. Er wusste, dass Versuche der Sachakaner, die Duna zu regieren und ihr Land zu besiedeln, in der Vergangenheit viele Male fehlgeschlagen waren, und er wollte das Risiko nicht eingehen, dass sein Name in Verbindung mit einem weiteren Fehlschlag in die Geschichte einging.«

Dannyl blickte auf das Buch hinab, blätterte in den Seiten und überflog den Text. »Dies ist also eine Aufzeichnung über diesen Versuch?«

»Ja. Eher ein Tagebuch als ein systematischer Bericht.«

»Es ist noch keine hundert Jahre alt.«

Achati nickte. »Wir haben diese Dummheit selbst in jüngeren Zeiten noch wiederholt. Irgendjemand findet, dass durch eine Eroberung Ruhm zu gewinnen sei, und Duna scheint die beste Möglichkeit zu sein, diesen Ruhm zu erringen. Viel einfacher als Kyralia oder Elyne. Tatsächlich hat mehr als ein König in der Vergangenheit einen übermäßig ehrgeizigen Ashaki nach Duna geschickt, um ihm etwas zu tun zu geben.«

»Ich bin mir sicher, dass die Duna ihnen dafür dankbar waren.«

»Sie haben sich überraschend gut gehalten. Als ein Land primitiver Bewohner mit nur wenig Magie, sollte man denken, dass sie gewiss nicht viel Widerstand leisten können. Aber genauso besiegen sie uns: Sie kämpfen nicht. Sie ziehen sich in die vulkanischen Gebiete zurück und warten, während wir versuchen, ihr Land zu besetzen, was immer dazu führt, dass wir verhungern, unsere Sachen packen und wieder nach Süden gehen.« Achati stieß ein kurzes, säuerliches Lachen aus. »Dass Kariko sich dafür entschieden hat, in Kyralia einzumarschieren, war ungewöhnlich schlau und kühn.«

»Aber es wurde, so hoffe ich, trotzdem nicht als gute Idee betrachtet«, bemerkte Dannyl.

»Nein.« Achati lachte leise. »Obwohl ich vermute, dass König Amakira ein Gedanke durchaus gekommen ist: Wenn er es mit einem übertrieben ehrgeizigen Emporkömmling von einem Ashaki zu tun bekommt, der zu klug ist, um sich dazu überlisten zu lassen, in Duna einzumarschieren, dann scheint Kyralia gut in der Lage zu sein, sich zu verteidigen …«

Dannyl spürte, wie ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief. Er sah Achati an, der schief lächelte.

»Lasst uns diese Idee nicht auf die Probe stellen«, erwiderte Dannyl und wählte seine Worte vorsichtig. »Nicht zuletzt deswegen, weil er, wenn er sich irrt, einen übertrieben ehrgeizigen Emporkömmling von einem Ashaki in einer besseren Position als zuvor haben wird, um ihm Scherereien zu machen, aber auch deshalb, weil wir, wenn wir ihn besiegen, anschließend vielleicht nicht die stillen, grollenden Nachbarn wären, die die Duna gewesen sind.«

»Ich versichere Euch, er betrachtet es nicht als eine ernsthafte Möglichkeit.«

»Das ist gut zu wissen.«

Achati deutete auf das Buch. »Lest«, forderte er ihn auf.

Dannyl setzte seine Lektüre fort. Der Tagebuchschreiber berichtete zu seiner Überraschung, dass Duna dafür bezahlt wurden, Nahrungsmittel aus dem Tal unter dem Steilhang heraufzubringen. Hatten die Duna nicht geahnt, was der Sachakaner vorhatte?

Es wurde klar, dass diese Anführer keine uneingeschränkte Autorität über ihre Leute hatten und daher den Besitz von Land nicht übereignen konnten. Die Autorität schien mit Stammesangehörigen geteilt zu werden, die sie die Hüter der Legende nannten. Ashaki Haniva bat um ein Treffen mit den Hütern. Dies war anscheinend unmöglich. Nach großer Verwirrung und einigen falschen Übersetzungen wurde offenbar, dass niemand wusste, wer die Hüter waren. Dies war sehr zermürbend. 

Während Dannyl weiterlas, ermutigte es ihn zu erfahren, dass Haniva versucht hatte, eine friedliche Inbesitznahme des Landes auszuhandeln. Dies war keine brutale Eroberung … noch nicht. Haniva versuchte es viele Male und mit verschiedenen Methoden, aber obwohl die Duna für die Idee, Land zu verkaufen, zugänglich schienen, gab es keinen eindeutigen Besitzer des Landes.

Es scheint, als gehöre das Land in ihren Augen gleichzeitig jedem und niemandem. Als Ashaki Haniva fragte, ob das bedeute, dass es auch ihm gehöre, sagten sie ja. Vielleicht ist das der Grund, warum sie zuvor nie Widerstand geleistet haben, wenn wir versuchten, die Kontrolle über das Land zu übernehmen. 

Dannyl bedachte diese seltsame Art, Land zu betrachten. Es war, als sei das Land in den Augen der Duna »unbesitzbar«. Es war eine faszinierende Vorstellung. Und es unterscheidet sich nicht allzu sehr von der Idee, dass man einen anderen Menschen nicht besitzen sollte. Kein Wunder, dass die Sachakaner mit ihrer Akzeptanz der Sklaverei die Haltung der Duna nicht erfassen konnten. 

Während Dannyl sich durch das Tagebuch arbeitete, erfuhr er, dass Haniva und seine Ashaki-Partner schließlich den Versuch aufgaben, ein offizielles Dokument zu erhalten, in dem festgestellt wurde, dass sie das Land gekauft, die Duna vertrieben und sich dort niedergelassen hatten. Am Ende der Aufzeichnungen gab es bereits Anzeichen dafür, dass die Ernten nicht so gediehen, wie er es gehofft hatte.

Achati hatte in seinem eigenen Tagebuch geschrieben, während Dannyl gelesen hatte, und als Dannyl das Buch von sich schob, blickte er auf und


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legte seinen Stift beiseite.

»Was haltet Ihr davon?«

»Die Duna sind ein interessantes Volk. Sie haben eindeutig eine ganz andere Art zu denken.«

Achati nickte. »Es ist ein Wunder, dass sie so lange überlebt haben.«

»Diese Hüter der Legende sind diejenigen, mit denen wir sprechen müssen – falls es sie noch gibt.« Dannyl runzelte die Stirn. »Aber das könnte schwierig zu arrangieren sein, wenn niemand weiß, wer sie sind.«

»Schwierig? Es wird unmöglich sein.«

»Ich nehme an, die Hüter wissen, wer sie sind.«

Der Sachakaner blickte nachdenklich drein, dann lächelte er. »Natürlich. Also stellen wir einfach weiter unsere Fragen und finden heraus, ob irgendjemand es zugibt.«

»Ich vermute, sie werden es nicht zugeben, es sei denn, man lässt ihnen ein wenig Zeit zum Nachdenken, und sie kämen zu dem Schluss, dass wir keine Bedrohung darstellen. Wir sollten bekannt geben, dass wir mit einem der Hüter sprechen wollen, und feststellen, ob irgendjemand an uns herantritt.«

Achati runzelte die Stirn. »Das könnte lange dauern. Und alle Duna betrachten Sachakaner als eine Bedrohung.«

»Trotzdem arbeiten sie für Euch. Unh zum Beispiel. Und die Händler auf den Märkten.«

»Wenn man Fährten verfolgt, braucht man dazu nicht die Geheimnisse seines Volkes preiszugeben. Das Gleiche gilt für den Handel.«

»Das ist richtig«, stimmte Dannyl ihm zu. »Und es ist der Grund, warum wir ihnen erlauben müssen, zu uns zu kommen. Dies ist nichts, wozu wir sie zwingen können. Anderenfalls hättet Ihr es bereits getan.«

Achati nickte. »Richtig. Wir Sachakaner sind kein geduldiges Volk.« Er schaute zu Dannyl hinüber und lächelte. »Ich habe keinen Zweifel, dass Ihr sie mit Eurem Charme dazu überreden könntet, mit Euch zu sprechen. Ich hoffe, dass meine Anwesenheit das nicht verhindert.«

Dannyl hielt seinem Blick stand. »Werdet Ihr gekränkt sein, wenn ich es allein versuche?«

Der Mann schüttelte den Kopf. Dannyl sah ihm weiter in die Augen.

»Und wenn ich nicht alles, was ich erfahre, mit Euch teile?«

Achati zog die Augenbrauen hoch, und ein harter Ausdruck trat in seine Augen, aber er schüttelte den Kopf. »Ich werde akzeptieren, dass es politisch notwendig sein könnte, dass Ihr das nicht tut. Aber es wäre besser, wenn Ihr es mir einfach nicht erzählen würdet, wenn es etwas gäbe, das Ihr für Euch behalten müsst. Ich hoffe doch, Ihr werdet alles preisgeben, was für die Sicherheit Sachakas von Bedeutung ist – oder vielmehr würde ich das von einer Nation erwarten, die das Bestreben hat, unser Verbündeter zu werden.«

Dannyl nickte. »Wir sind uns darüber im Klaren, dass alles, was Sachaka gefährden könnte, wahrscheinlich auch eine Gefahr für Kyralia darstellen würde. Ich stehe in Eurer und in König Amakiras Schuld, weil Ihr mich überhaupt nach Duna gebracht habt.«

Achati lächelte und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nicht der Rede wert. Wenn Ihr es als eine Gefälligkeit betrachtet, für die Ihr Euch gern erkenntlich zeigen würdet, versprecht mir, dass Ihr mich eines Tages durch Kyralia führen werdet. Ich würde liebend gern Eure Gilde sehen.«

Dannyl neigte mit der bewussten kyralischen Höflichkeit den Kopf. »Nun, das  kann ich versprechen.«

Lilia hatte keine Ahnung, wo sie war.

Sie war erschöpft und verängstigt und voller Zweifel, ob die Flucht mit Lorandra eine gute Idee gewesen war. Sie wusste nicht mehr, wie oft sie sich schon gesagt hatte, dass sie dies alles tat, um Naki zu retten. Und sie hatte den Überblick über die Zahl der Orte verloren, an denen sie und Lorandra sich aufgehalten hatten. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand, nur dass sie irgendwo in der Stadt war.

Als Erstes waren sie in das gleiche Glühhaus in der Inneren Stadt gegangen, in das auch Naki Lilia gebracht hatte. Man hatte Lorandra sofort erkannt und sie mit Respekt behandelt. Während ein Mann sie beiseitegenommen hatte, war ein anderer erschienen, hatte Lilia gesehen, innegehalten und sie angestarrt und gegrinst. Er hatte nichts gesagt, sondern nur grinsend dagestanden, bis Lorandra zurückgekehrt war. Dann war er erbleicht und davongeeilt.

Eine Kutsche hatte Lilia und Lorandra zu einem Ort außerhalb der alten Stadtmauern gebracht. In den Räumen dort war viel gelacht worden, und das scheinbar unheilverkündende Stöhnen, das sie hinter einer Tür gehört hatte, hatte Lilia beunruhigt, bis sie an einer offenen Tür vorbeigingen und sie einen Blick auf die spärlich bekleidete Frau in dem Raum werfen konnte.

Danach kam sie sich sehr naiv und einfältig vor, aber es sollte noch schlimmer werden. Ein Fußmarsch führte sie durch kalte, mit Schlamm und Abfällen übersäte Gassen, gelegentlich vorbei an einem zitternden, in einer Tür kauernden Menschen. Am Ende versteckten sie sich in der Dunkelheit und warteten, bis drei Straßenräuber damit fertig waren, einen anderen Mann besinnungslos zu schlagen. Lilia war entsetzt, als Lorandra die Männer ansprach, aber ihr Entsetzen steigerte sich noch, als sich herausstellte, dass sie die alte Frau kannten.

Die Männer hatten Lorandra in ein Haus eingeladen, das sich als das Heim einiger Mitglieder einer Bande erwies, die sich gegen Bezahlung bereitfanden, »schwere Arbeit« zu tun. Lilia, die stumm lauschte, vermutete, dass diese Männer gelegentlich Dinge heben und tragen mussten, dass ihre Arbeit im Allgemeinen jedoch auch darin bestand, Menschen zu schlagen und zu töten.

Sie waren überraschend freundlich zu ihr, fragten sie, ob sie Hunger habe, und boten ihr den am wenigsten abgenutzten Sessel im Gästezimmer an. Obwohl sie Lorandras Beispiel folgte und behauptete, keinen Hunger zu haben, schickte ihr Anführer einen Mann der Gruppe aus, um bei dem Bäcker um die Ecke warmes Brot zu kaufen, und als er ihr einen Becher Bol in die Hand drückte, kam sie zu dem Schluss, dass es nicht klug wäre abzulehnen.

Das Bol war widerlich süß und machte sie schläfrig. Die späte Stunde schien Lorandra nichts auszumachen, denn die alte Frau redete unermüdlich und ging im Raum auf und ab. Es folgte ein längerer Weg, und Lilia ging hinter ihrem Führer durch eine verwirrende Abfolge von Räumen, Fluren und Tunneln und trat gelegentlich für einige Schritte hinaus an die frische Luft. Zu guter Letzt machten sie in einem warmen Raum Halt, und als Lorandra auf einen Sessel deutete, ließ Lilia sich hineinfallen.

Der Sessel war überraschend bequem. Und er war auch nicht so alt wie die in den anderen Häusern, durch die sie gekommen waren. Lilia schaute auf und bemerkte, dass die Möbel und die Einrichtung des Raums teuer waren. Dann hörte sie ihren Namen und stellte fest, dass der Mann, der ihr gegenübersaß und sie mit schmalen Augen beobachtete, in der Tat sehr gut gekleidet war. Er lächelte, und sie zwang sich, sein Lächeln zu erwidern.

»Die Freundin dieses verschwundenen Mädchens«, erklärte Lorandra ihm.

Er nickte, und seine Miene wurde ernst, als er sich zu ihr umwandte. »Dann müssen wir Naki finden. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel. Eure Flucht liegt viele Stunden zurück. Ich habe hier Zimmer, in denen Ihr schlafen könnt, wenn Ihr wünscht.«

Lorandra zögerte.

Die Sonne ist schon aufgegangen?  Lilia fuhr hoch. Der letzte Teil ihres Weges hatte sie durch lange Gänge und Tunnel geführt, und sie begriff, dass sie seit Stunden den Himmel nicht mehr gesehen hatte. »Aber wir müssen zurück!«, rief sie.

»Es tut mir leid, Lilia«, sagte Lorandra. »Die Morgendämmerung ist schon seit Stunden vorbei. Wir haben unsere Chance verpasst zurückzukehren. Ich habe nicht geglaubt, dass es so lange dauern würde, jemanden zu finden, der uns helfen kann. Wollt Ihr jetzt zurückkehren?«

Lilia starrte die Frau an. Wenn wir jetzt zurückkehren, wird die Gilde dafür sorgen, dass wir nie wieder entkommen. Wir werden Naki nicht helfen können. 

Sie hätte wissen sollen, dass dies geschehen würde. Sie hatte erwartet, dass sie jede Nacht Nachforschungen anstellen und in den Ausguck zurückkehren würden, bevor man ihre Abwesenheit bemerkte, bis sie Naki gefunden und gerettet hatten. Aber selbst als sie sich und Lorandra vom Dach des Ausgucks hatte hinabschweben lassen, hatte sie gewusst, dass es nicht leicht werden würde, dieses Unterfangen zu wiederholen. Sie hatten Glück gehabt, dass eine der Wachen mehr oder weniger im Stehen geschlafen und weit seltener zum Turm als in den Wald geblickt hatte. Er hatte nicht aufgeschaut, als sie zu den Baumwipfeln hinübergeschwebt waren. Möglicherweise würden sie nicht noch einmal solches Glück haben.

»Nein«, antwortete Lilia.

Lorandra lächelte und nickte anerkennend. »Keine Bange, wir werden Naki finden. Sie werden Euch verzeihen, dass Ihr weggelaufen seid, wenn Ihr sie ihnen zurückbringt.«

Lilia brachte ein Lächeln zustande. »Danke, dass Ihr uns helft.«

Lorandra wandte sich wieder dem Mann zu. Er ist wahrscheinlich ein Dieb,  dachte Lilia. Aber andererseits ist sie eine wilde Magierin. In was für einer prächtigen Gesellschaft ich mich befinde. Naki fände das sicher erheiternd. 

Imardins Unterwelt in Lorandras Gesellschaft zu betreten hatte Lilia größere Angst gemacht als jeder ihrer Streifzüge mit Naki. Aber andererseits waren Glühhäuser wahrscheinlich die sichersten Orte, um auf Verbrecher zu stoßen. Der Handel dort war dazu bestimmt, Kunden anzuziehen, nicht abzustoßen. Sie und Naki waren tatsächlich nur an den Rand dieser Welt vorgedrungen. Lorandra hatte Lilia mitten hineingeführt.

Sie  braucht mir nicht zu helfen. Ich habe meinen Teil getan: Ich habe sie aus dem Ausguck geholt. Wenn sie nicht vertrauenswürdig wäre, hätte sie mich einfach irgendwo zurückgelassen und wäre verschwunden. Aber sie tut, was sie versprochen hat: Sie hilft mir bei der Suche nach Naki. 

Das Wissen, dass Lorandra sich an ihren Teil der Abmachung hielt, war das einzig Beruhigende in dieser unvertrauten, gefährlichen Welt. Es war ein Risiko gewesen, ihr zu vertrauen, aber Lilia war der Meinung gewesen, dass es das wert war.

Und wie seltsam ist es, dass die Dummheit, die auszuprobieren Naki mich überredet hat – schwarze Magie zu erlernen –, genau das war, was mich aus dem Ausguck und in die Gesellschaft von jemandem gebracht hat, der sie retten kann. 

19

Flucht

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Als Lorkin die Augen öffnete, sah er, dass Tyvara an seinem Bett saß, und lächelte. »Ich dachte, du dürftest mich nicht sehen?«

Sie blickte ihn mit großen Augen an und beugte sich über ihn. »Wie fühlst du dich?«, fragte sie.

»Gut. Besser. Hast du die ganze Zeit dort gesessen, während ich geschlafen habe?«

Sie zuckte die Achseln und sah sich im Raum um. »Es gibt nicht viel anderes zu tun.« Dann wandte sie sich wieder ihm zu, und ihre Lippen zuckten. »Besser, als die Kanalisation zu beobachten.«

»Freut mich, dass du das denkst.« Er richtete sich auf, reckte sich und erinnerte sich gerade noch rechtzeitig, dass er unter der Bettdecke nackt war. Tyvaras Blick fiel auf seine Brust, und sie zog die Augenbrauen hoch. Dann stand sie auf und deutete auf einen Stuhl, über dem eine frische Hose und eine Robe hingen. »Du solltest dich besser waschen und diese Sachen anziehen. Kalias Verhandlung wird bald beginnen, und du riechst genauso übel wie die Kanalisation.«

Sie schlüpfte aus dem Raum und schloss die Tür hinter sich. Lorkin stand auf, entdeckte in einer Nische eine große Schale mit Wasser und einen Waschlappen und benutzte beides. Seine Entführer hatten ihm einen Eimer gegeben, aber keine Anstalten gemacht, ihm dabei zu helfen, sich zu erleichtern, was mit verbundenen Augen und hinter dem Rücken gefesselten Händen schwierig gewesen war. Es überraschte ihn nicht, dass er stank.

Er hatte unmittelbar nach seiner Rettung und Einnahme einer kleinen Mahlzeit nur noch genug Energie gehabt, um seine Kleider abzuschälen und ins Bett zu fallen, bevor er eingeschlafen war. Jetzt blickte er sich um und fragte sich, wo er war. Der Raum war klein, und abgesehen vom Bett stellten zwei Stühle die einzigen weiteren Möbelstücke dar.

Sobald er angekleidet war, öffnete er die Tür des Raums und blinzelte überrascht. Sie führte in einen Flur, der voller Menschen war. Tyvara stand neben der Tür und hakte ihn unter, als er hinaustrat.

»Du kommst genau zur richtigen Zeit«, bemerkte sie und führte ihn nach rechts. Die Menschen im Flur schauten ihm nach. Einige wirkten freundlich, andere feindselig. Seine Entführung durch Kalia war mehr als ein bloßer Skandal, und mitten im Winter, da die meisten den größten Teil der Zeit drinnen verbrachten, würde das Geschehen mehr Aufsehen erregen, als es das vielleicht in den Sommermonaten getan hätte.

Es hat die Verräterinnen wahrscheinlich noch weiter gespalten,  überlegte er. Ich hoffe, das führt nicht zu noch schlimmeren Problemen für sie, was erneut etwas wäre, wofür sie mir die Verantwortung zuschieben könnten. 

Es dauerte nicht lange, bis er und Tyvara den Eingang zur Halle der Sprecherinnen erreichten. Sie gingen hindurch, und sofort zog eine Magierin sie heran und bat sie, sich an die Wand auf einer Seite des unteren Bereichs zu stellen. Sobald er seine Position eingenommen hatte, schaute Lorkin sich im Raum um.

Alle Sprecherinnen saßen auf ihren Plätzen, bis auf Kalia, die an der Tyvara und Lorkin gegenüberliegenden Seite des Raums stand, flankiert von zwei Magierinnen. Der Rest des Raums war voller Menschen, die alle standen und deren Stimmen zu einer lärmenden Geräuschkulisse verschwammen.

Eine Glocke ertönte. Köpfe wurden gedreht, und die Stimmen verstummten. Lorkin sah, dass die Vorsitzende Riaya eine Glocke in der Hand hielt, die viel kleiner war, als sie es normalerweise hätte sein müssen, um das Geräusch hervorzubringen. Jene Zuschauer, die auf den gestuften Zuschauerrängen standen, begannen sich zu setzen, während die Übrigen sich an die Wände zurückzogen. Als fast alle Platz genommen hatten, betrat eine weitere Person den Raum. Beinahe sofort senkte sich absolute Stille herab, die letzten noch stehenden Zuschauer setzten sich hastig, und die Sprecherinnen erhoben sich von ihren Plätzen, um die Königin zu begrüßen, die steif zu ihrem Stuhl ging.

Bevor sie sich setzte, wandte Zarala sich ihrem Volk zu. Alle Anwesenden legten die Hände aufs Herz. Lorkin folgte ihrem Beispiel. Die Königin nickte zuerst den Zuschauern zu, dann den Sprecherinnen, dann nahm sie Platz. Die Sprecherinnen setzten sich ebenfalls.

»Wir beginnen mit der Verhandlung von Sprecherin Kalia, die angeklagt ist, einen Verräter entführt und mit Gewalt seine Gedanken gelesen zu haben. Ich rufe Lorkin auf.«

Aller Augen wandten sich Lorkin zu, als er vortrat und vor den Sprecherinnen stehen blieb.

»Erzähl uns, was dir widerfahren ist.«

Lorkin erzählte seine Geschichte von dem Moment an, als man ihn in der Dunkelheit angesprungen hatte. Er beschrieb, wie er erwacht war und festgestellt hatte, dass er gefesselt war, eine Augenbinde trug und außerstande war, mittels Gedankenrede um Hilfe zu rufen. Dann streckte er die Arme aus, um die Schnittwunden zu zeigen – Tyvara hatte ihm gesagt, er solle sie nicht heilen –, und erklärte, dass seine Entführer ihn schwach gehalten hätten, indem sie ihm regelmäßig Macht abzapften.

Er schob seinen Widerwillen beiseite, um zu beschreiben, wie Kalia seine Gedanken gelesen und ihm das Wissen über die Heilung mittels Magie entzogen hatte, während sie außerdem in seinen Erinnerungen nach allem gesucht hatte, was man vielleicht gegen ihn verwenden könnte. Dies entlockte dem Publikum ein Raunen. Als Nächstes berichtete er ihnen von Kalias Absicht, ihn zu töten und zu behaupten, er habe das Sanktuarium verlassen. Daraufhin senkte sich seltsamerweise Schweigen über den Raum. Er sah Erschrecken auf vielen Gesichtern, aber Ungläubigkeit auf anderen. Am Ende erzählte er, wie Tyvara und Savara sie gefunden hatten.

»Du hast weder deine Erlaubnis gegeben noch angedeutet, dass du damit einverstanden bist, dass jemand Magie von dir nimmt oder deine Gedanken liest?«

»Nein.«

»Hat man dir zu essen und zu trinken gegeben?«

»Nein.«

»Wie viele Magierinnen haben über dich gewacht und dich geleert?«

»Ich weiß es nicht. Zwei waren immer da, aber ich weiß nicht, ob es immer dieselben waren. Sie müssen in Schichten gearbeitet haben, da die Entleerungen auch in den Nächten fortdauerten.«

Riaya warf den Sprecherinnen einen vielsagenden Blick zu, dann wandte sie sich wieder zu ihm um. »Wirst du dich bereit erklären, einer Magierin zu erlauben, deine Gedanken zu lesen, um deine Geschichte zu beweisen?«

Er dachte über die Frage nach. Obwohl ihm bei der Vorstellung, eine weitere Person könne in seinen Erinnerungen stöbern, ein Schauer über den Rücken lief, wollte er lieber das ertragen, als zu riskieren, dass Kalia vielleicht auf freiem Fuß blieb und für ihre Verbrechen nicht bestraft wurde. Jede Verräterin, die er in seinen Geist ließ, war eine weitere, die Kenntnis der magischen Heilung gewinnen würde, aber diese Kenntnisse hatte man ihm bereits gestohlen. Hatte Kalia sie weitergegeben? Vielleicht hatte sie keine Gelegenheit dazu gehabt. Aber wenn sie eine Gedankenlesung gestattete, würde das Wissen ohnehin weitergegeben werden.

Er konnte die Blicke der Anwesenden spüren. Du musst Zeit gewinnen,  sagte er sich. Bring sie dazu, zuerst zu versuchen, die Wahrheit auf anderem Wege ans Licht zu bringen. 

»Ich werde zustimmen, aber nur, wenn es keine andere Möglichkeit gibt«, erwiderte er.

Erneut sah Riaya die Sprecherinnen an. »Noch weitere Fragen?«

Die Frauen schüttelten den Kopf, und Riaya nickte Lorkin zu. »Du darfst gehen.«

Er kehrte an Tyvaras Seite zurück. Sie nickte ihm zu und schenkte ihm ein Lächeln.

»Ich rufe Sprecherin Savara auf, um über ihren Anteil an dem Geschehen zu berichten.«

Savara erhob sich. Während sie sprach, erfuhr Lorkin, dass Evar sie auf sein Verschwinden aufmerksam gemacht hatte. Sie hatte überprüft, ob er das Sanktuarium verlassen hatte, und hatte in der Stadt nach ihm gesucht; außerdem hatte sie veranlasst, dass jede Person, die in jüngster Zeit gegen ihn gesprochen hatte, überwacht wurde. Dies führte sie zu einer verlassenen Höhle in der Nähe eines instabilen Teils der Stadt, wo sie Kalia dabei entdeckte, wie sie Lorkins Gedanken las.

Die Vorsitzende erklärte Savara, sie dürfe Platz nehmen, und wandte sich dann an Kalia. »Tritt vor und empfange dein Urteil.«

Kalia stolzierte in die Mitte des Raums und drehte sich dem Tisch zu. Ihr Rücken war gerade und ihre Miene hochmütig.

»Ist Lorkins Bericht wahr?«, fragte Riaya.

Kalia hielt inne und nickte dann. »Ja.«

»Bist du schuldig oder unschuldig an der Entführung eines Verräters und daran, die Gedanken dieses Verräters gegen seinen Willen gelesen zu haben?«

»Schuldig – das heißt, falls du ihn als einen Verräter betrachtest.«

Riaya faltete die Hände. »Dann besteht keine Notwendigkeit, weitere Nachforschungen in dieser Angelegenheit anzustellen.«

»Darf ich das Wort an die Zuschauer richten?«, fragte Kalia.

Riaya sah die Sprecherinnen an. Die sechs Frauen wirkten nicht überrascht. Sie alle nickten, einige eifrig, andere resigniert.

Kalia wandte sich dem Publikum zu. »Mein Volk, ich habe mich um euretwillen dazu getrieben gesehen, unsere Gesetze zu brechen. Ich habe eine Pflicht als eure Heilerin, sicherzustellen, dass euch kein Schaden widerfährt, wenn ihr ins Krankenzimmer kommt. Unlängst hat der Kyralier Lorkin magische Heilung eingesetzt, eine Fähigkeit, die an uns weiterzugeben er sich geweigert hat. Wie konnte ich sicher sein, dass das, was er tat, ungefährlich war? Dass es nicht mehr Schaden als Nutzen haben würde? Er hat behauptet, diese Art der Heilung habe ihre Grenzen, aber wie können wir sicher sein, dass das wahr ist, sollte seine Magie einem von uns jemals Schaden zufügen oder ihn gar töten? Ich habe ihn aus Freundlichkeit einem Neuankömmling gegenüber aufgenommen und ihm eine Beschäftigung gegeben. Ich habe ihm alles Wissen und alle Kenntnisse angeboten, die meine Vorgängerinnen und ich stets geteilt haben. Als Gegenleistung hat er mir den Gehorsam verweigert und mir getrotzt, hat unerprobte Magie ohne Leitung oder Erlaubnis eingesetzt. Wenn er sich weigerte, den Sitten der Verräterinnen zu folgen, ist er dann wahrhaft einer von uns? Ich sage, er ist es nicht. Und wenn er kein Verräter ist, dann war mein Tun nicht ungesetzlich. Es war gerechtfertigt und notwendig, zur Verteidigung unseres Volkes.«

Lorkin sah viele nachdenkliche Mienen unter den Zuschauern. Er blickte zu den Sprecherinnen hinüber, die die Stirn runzelten.

»Darf ich etwas sagen, Vorsitzende?«

Die Stimme gehörte Savara. Kalia drehte sich um, um ihre Feindin mit schmalen Augen anzustarren.

»Das darfst du, Sprecherin Savara«, erwiderte Riaya. »Sprecherin Kalia, räum bitte deinen Platz.«

Wieder erhob sich Savara. Ihre Lippen waren zu einer entschlossenen Linie zusammengepresst. Sie wartete, bis Kalia ihre frühere Position eingenommen hatte, dann reckte sie das Kinn.

»Als Lorkin beschloss, ins Sanktuarium zu kommen, hatte ich meine Zweifel, was ihn betraf«, begann sie. »Warum sollte ein Magier aus einer kultivierten, mächtigen Nation den Wohlstand und die Macht opfern, die er besaß, und die Einschränkungen akzeptieren, die wir ihm auferlegen würden? Er wusste wenig über uns. Es war ein großes Risiko, das er eingegangen ist, als er darauf vertraute, dass wir ein gerechtes und gutes Volk sind. Warum hat er es getan? Um eine Verräterin zu verteidigen. Um ein Mitglied einer Nation zu retten, die nicht einmal die seine war, einfach weil es das Richtige war. Wie viele von uns würden das tun? Es ist nicht an ihm, das Geheimnis der magischen Heilung weiterzugeben. Sollte sich eine von uns in der Situation wiederfinden, in der er ist, würden wir erwarten, dass sie unsere Geheimnisse nicht preisgibt. Wir würden erwarten, dass ihre Gastgeber das respektieren, statt unsere Geheimnisse zu verlangen oder zu stehlen.« Savaras Stimme wurde laut und streng. »Dies ist nicht nur ein Verbrechen einer einzelnen Person gegen eine andere. Dies ist ein ungesetzlicher Akt einer Nation gegen eine andere. Kalia hat nicht nur Wissen von Lorkin gestohlen; die Verräterinnen haben Geheimnisse von Kyralia gestohlen und von den Ländern, mit denen Kyralia verbündet ist – von denen eins direkt hinter den Bergen liegt. Es sind Länder, die nicht unsere Feinde sind, obwohl sie uns nach unserer Behandlung Lorkins zu Recht als Feind betrachten könnten. Lasst uns hoffen, dass wir uns wegen Kalia nicht für lange Zeit vor Ländern auf allen Seiten verstecken müssen und nicht nur vor dem Rest Sachakas.«

Schwaches Wispern war alles, was die folgende Stille durchbrach. Savara setzte sich wieder und nickte Riaya zu.

»Sprecherin Kalia gibt die Verbrechen zu, deren sie beschuldigt wird«, sagte die Vorsitzende. »Wir Sprecherinnen müssen jetzt ihre Bestrafung erörtern.«

Während die Sprecherinnen und die Vorsitzende zu reden begannen, explodierte lautes Stimmengewirr im Raum, denn fast alle Anwesenden hatten das Bedürfnis, über das Gesagte zu diskutieren. Lorkin spürte, wie Tyvaras Schulter seine berührte, als sie sich zu ihm vorbeugte.

»Mach dir keine zu großen Hoffnungen«, murmelte sie.

Er sah sie an. Ihre Miene war säuerlich. »Wie meinst du das?«

»Sie werden Kalia nicht hinrichten«, antwortete sie und wandte den Blick ab.

»Nun …« Er schaute zu Kalia hinüber und schauderte. »Das ist wahrscheinlich gut so. Selbst wenn sie tatsächlich geplant hat, mich zu töten. Es bedeutet, dass die übrigen Verräterinnen bessere Menschen sind als sie.«

Eine Glocke ertönte, und er schaute überrascht zu den Sprecherinnen hinüber. Das ging aber schnell. 

»Wir haben entschieden«, erklärte Riaya, und es wurde still im Saal. »Sprecherin Kalia wird ihr Titel und Rang genommen; sie wird nie wieder das Amt einer Sprecherin bekleiden. Sie wird für ein Jahr niedere Arbeiten verrichten, zum Wohle der Stadt. Es ist ihr verboten, heilende Magie zu benutzen oder zu lehren, es sei denn, es wird ihr befohlen. Falls sie sich als vertrauenswürdig erweist, darf sie einen Antrag stellen, um wieder auf der Krankenstation zu arbeiten, aber niemals mehr in einer führenden Position.«

Protest wurde im Publikum laut. Lorkin hatte das Gefühl, als habe ihm jemand einen Hieb in den Magen versetzt. Das ist keine Strafe. Es ist eine Verzögerung. Irgendwann, wenn sie ihre Zerknirschung hinreichend zur Schau gestellt haben, werden sie ihr erlauben, das Wissen zu benutzen, das sie mir gestohlen hat.  Er fühlte sich verraten. Überlistet. Vielleicht war das die ganze Zeit über der Plan.  Er dachte an Tyvaras Warnung …

Die Proteste brachen ab, und er schaute sich um, um die Ursache dafür zu finden. Die Königin hatte sich von ihrem Platz erhoben und eine Hand auf die Armlehne des Stuhls gelegt, um sich abzustützen.

»Als Entschädigung für die Qualen, die er erlitten hat«, sagte sie, »und für die Geheimnisse, die ihm genommen wurden, wird man Lorkin die Kunst des Steinemachens lehren.«

Lorkin starrte die Königin überrascht an. Sie begegnete seinem Blick, und ihre Augen leuchteten vor Erheiterung. Als ihm bewusst wurde, dass er sie angaffte, riss er sich hastig zusammen und senkte den Blick. Prickelnde Erregung durchlief ihn. Endlich! Neue Magie, um sie nach Hause zu bringen, nach …  So schnell sie gekommen war, verebbte die Aufregung. Er konnte das Wissen nicht zur Gilde bringen. Er saß hier im Sanktuarium fest, und es war ihm verboten fortzugehen. Und außerdem würde ein Verlassen des Sanktuariums bedeuten, dass ich auch Tyvara verlassen müsste. 

Da die Verräterinnen nun im Besitz der Heilkunst waren, hatte er nichts mehr, womit er sie dazu verlocken könnte, Handel mit der Gilde und den Verbündeten Ländern zu treiben. So betrachtet wurde ihm klar, dass er gescheitert war. Die Verräterinnen hatten Kenntnisse der magischen Heilkunst gewonnen, und die Gilde konnte noch immer keine Steine machen.

Aber ich darf die Hoffnung nicht verlieren. Vielleicht werden sie mich eines Tages gehen lassen. Ich könnte davonlaufen, aber wenn ich scheitere, werden sie mir nie wieder vertrauen. Ich muss Geduld haben. 

Erneut blickte er zu der Königin auf. Sie nickte knapp, dann wandte sie sich abermals an die Sprecherinnen.

Die Gesichter der sechs Frauen spiegelten zutiefst unterschiedliche Regungen wider. Einige wirkten entsetzt, einige zustimmend, und Savara wirkte tatsächlich überrascht und ein wenig besorgt. Der Audienzsaal war erfüllt von aufgeregten Gesprächen. Lorkin fing Blicke der Sorge und des Abscheus auf, aber auch zustimmendes Lächeln.

Wieder erklang Riayas Glocke. Sie stand auf.

»Das Urteil über Kalia ist gesprochen. Die Strafe ist entschieden. Diese Verhandlung ist beendet, und die Gesetze des Sanktuariums wurden gewahrt. Mögen die Steine weiter singen.«

Das Publikum murmelte voller Begeisterung die Antwort, dann erfüllte eine Kakophonie von Stimmen und Schritten den Raum, und die Menschen begannen, sich auf die Türen zuzubewegen. Lorkin hörte Rufe von draußen, als die Neuigkeit in den Fluren weitergegeben wurde.

»Nun, ich bin froh, dass es vorüber ist«, sagte er.

»Noch nicht ganz«, erwiderte Tyvara.

Er sah sie an.

»Irgendjemand muss dich das Steinemachen lehren.«

»Du?«

Sie schüttelte den Kopf. »Man lehrt Menschen, die man ausschickt, damit sie als Spione unter den Feinden leben, nicht seine größten Geheimnisse. Und ich hatte nie die Geduld dafür.«

»Du hast dich lieber als Sklavin ausgegeben, als Steine zu machen?« Er runzelte die Stirn. »Wie schwierig ist es?«

Sie tätschelte seinen Arm. »Keine Bange. Es ist wirklich nicht so gefährlich, sobald man weiß, was man tut. Komm, im Gegensatz zu dir hatte ich kein Frühstück, und ich konnte auch nicht ausschlafen. Besorgen wir uns etwas zu essen.«

Mit diesen Worten hakte sie sich erneut bei ihm unter und zog ihn in den Strom von Menschen, die sich in den Flur ergossen, wo ihm zu seiner freudigen Überraschung viele Verräterinnen entschuldigend und mitfühlend auf die Schulter klopften. Trotz all ihrer Fehler waren sie gute Menschen, befand er. Vor allem wenn er sich daran erinnerte, dass das, was Kalia ihm angetan hatte, jeden Tag im übrigen Sachaka Tausenden von Sklaven angetan wurde.

»Ach, und übrigens«, erklärte Tyvara ihm beiläufig, »darf ich dich jetzt ganz offiziell sehen und mit dir sprechen.«

Er grinste sie nur an, und sie lächelte.

Sonea klopfte an die Tür des Behandlungsraums. Die Tür wurde geöffnet, und zu ihrer Erheiterung wirkte Dorrien erleichtert.

»Ah, gut«, sagte er. »Dann ist meine Schicht also zu Ende?«

»Ja. Wie kommst du zurecht?«, fragte sie.

Er seufzte. »Es ist ziemlich anstrengend, nicht wahr?«, erwiderte er. »Am Ende des Tages kann ich spüren, wie verbraucht meine magischen Reserven sind.«

»Ja, an Tagen, an denen viel los ist.« Sonea zuckte die Achseln und setzte sich auf einen der für Patienten bestimmten Stühle. »Wenn wir unsere Macht nicht jeden Tag benutzen, wird sie verschwendet.« Obwohl er mir, wenn er sich hier allzu sehr verausgabt, nicht von Nutzen sein wird, sollten wir Skellin stellen. Ich muss einmal mit den Heilern hier über seinen Ant


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eil an der Arbeit reden.
 

»Oh, ich beklage mich gar nicht. Ich gebe dir recht. Ich bin es nur nicht gewohnt.« Er verzog das Gesicht. »Alina und die Mädchen sind es auch nicht gewohnt.«

Sonea runzelte die Stirn. »Du musst zu Hause Magie benutzen? Ich schätze, wir könnten dir weniger …«

»Nein, das ist es nicht. Ich … ich vermute, die Müdigkeit macht mich ein wenig mürrisch. Alina kann …« Er machte eine Handbewegung und zog die Brauen zusammen, als suche er nach dem richtigen Wort. Sonea wartete. Obwohl ihr einige Wörter in den Sinn kamen – eifersüchtig, besitzergreifend, unsicher  –, waren sie nicht gerade eine höfliche Art, das Verhalten seiner Frau zu beschreiben.

»Sie hat eine Menge Dinge, an die sie sich gewöhnen muss«, bemerkte sie stattdessen. »Ein müder Ehemann, der viel länger als sonst von zu Hause fort ist, eine Stadt, die sie nicht kennt, die Trennung von Menschen, die sie verstehen – und ich bin mir sicher, sie hat auch Angst um dich.«

Dorrien nickte. »Manchmal …«

Sonea wartete abermals ab, aber Dorrien blickte gequält drein und schüttelte den Kopf.

»Manchmal was?«, drängte sie ihn sanft.

Er schaute auf den Tisch hinab. »Manchmal«, sagte er mit einer leisen, von Schuldgefühlen gezeichneten Stimme, »wünschte ich, ich hätte sie nicht geheiratet.«

Sonea sah ihn überrascht an. Sie hatte ihn zum Sprechen gedrängt, weil sie angenommen hatte, er wolle zugeben, dass auch er Angst hatte. Er schaute zu ihr auf, seine Augen umschattet und undeutbar.

»Ich hätte eine Magierin heiraten sollen. Wir hätten … mehr gemeinsam gehabt.«

Sonea wandte den Blick ab und griff nach dem ersten Thema, das ihr einfiel, um ihn von diesem Gedankengang abzubringen. So wenig sie Alina mochte, sie wollte nicht miterleben, wie Dorrien seine Familie verletzte. Der Umzug in die Stadt hatte die Unterschiede zwischen ihm und seiner Frau deutlicher zutage treten lassen. Er hatte ihn von den Gemeinsamkeiten, die sie teilten, abgelenkt.

»Ihr habt das Dorf gemeinsam und die Liebe zum Landleben. Das mag jetzt weniger bedeutsam erscheinen, aber du hast immer das Gefühl gehabt, dass du dort hingehörst.«

Dorrien betrachtete sie unglücklich, dann sackten seine Schultern herunter, und er nickte. »Du hast recht. Es ist so, als wecke Alinas Misstrauen in mir die Frage, ob sie vielleicht etwas sieht, das ich nicht sehen kann. Ich bin ihrer Fragen müde.«

»Dreht es sich bei diesen Fragen um das Hospital? Und um die Suche?«

Er nickte. »Unter anderem.«

»Dann bring sie doch irgendwann einmal mit hierher. Zeig ihr, was wir tun. Zumindest kannst du einem Aspekt deiner Arbeit das Rätselhafte nehmen.«

Ein nachdenklicher Ausdruck glitt über seine Züge, dann sah er sie an und stand auf. »Nun, ich schätze, wir sollten die Plätze tauschen.«

Sie nickte, erhob sich und wartete, bis er hinter dem Tisch hervorgekommen war, bevor sie an ihm vorbeischlüpfte und sich auf den Stuhl setzte, auf dem zuvor er gesessen hatte.

»Keine Nachrichten von Cery?«, fragte sie.

»Nein«, antwortete er.

Sie seufzte. »Der Administrator hat beschlossen, jeden Tag unsere Fortschritte zu begutachten«, warnte sie ihn. »Du darfst nicht überrascht sein, wenn er bei dir zu Hause vorbeikommt.«

Dorrien zuckte zusammen. »Das wird Alina wunderbar  finden. Gute Nacht, Sonea.«

Sie lächelte. »Gute Nacht, Dorrien.«

Als die Tür sich hinter ihm schloss, schaute Sonea sich kurz im Raum um, um sich davon zu überzeugen, dass sie alle Heilmittel, Bandagen und Werkzeuge zur Hand hatte, die sie vielleicht brauchen würde, dann nahm sie wieder Platz. Es dauerte nicht lange, bis es zum ersten Mal an der Tür klopfte.

Sie zog Magie in sich hinein und sandte sie zur Tür. Zu ihrer Überraschung standen dort Dorrien und Heilerin Nikea.

»Es ist gerade eine Nachricht eingetroffen«, erklärte er ihr.

»Bring sie herein.«

Nikea reichte Dorrien ein Stück Papier, dann lächelte sie Sonea an und kehrte wieder in den Flur zurück. Dorrien trat ein und schloss die Tür hinter sich. Dann reichte er Sonea das Papier.

Großes Treffen heute Abend. Komm zum Abendessen. Bring Süßigkeiten mit. 

Sie schaute zu Dorrien auf, und ihr Herzschlag beschleunigte sich.

»Das ist es«, sagte sie. »Die Gelegenheit, auf die wir gehofft haben.«

Sie hatte einige verschlüsselte Ausdrücke mit Cery vereinbart: Jedes bestätigte Arrangement zwischen Skellin und Anyis neuem Arbeitgeber oder dem Dieb, für den dieser arbeitete, wurde als »groß« bezeichnet. »Abendessen« bedeutete eine Stunde nach Sonnenuntergang. Eine Bitte um Süßigkeiten bedeutete, dass sie ihn in dem Raum unter dem Süßigkeitenladen treffen sollte.

»Ich sollte mich über diese Nachricht mehr freuen, als ich es tue«, murmelte Dorrien.

Sonea lächelte grimmig. »Keine Sorge. Ich werde feststellen, ob einer der Heiler hier sich uns anschließen kann. Ich würde lieber jemanden aus der Gilde anfordern, aber dafür haben wir keine Zeit. Obwohl wir vielleicht trotzdem eine Nachricht zur Gilde schicken sollten, ob nicht jemand aus dem Heilerquartier heute Abend hier aushelfen kann.«

Dorrien nickte. »Einen Versuch ist es wert.«

Lilia war viel ruhiger, jetzt, da sie einige Stunden Schlaf und eine Mahlzeit mit Menschen gehabt hatte, die nicht kurz zuvor einen Mann vor ihren Augen halbtot geschlagen hatten. So ließen sich ihre Befürchtungen um die Konsequenzen ihrer versäumten Rückkehr in den Ausguck leichter beiseitedrängen. Stattdessen erschien es ihr jetzt wichtiger, sich über die Menschen, denen sie wohl oder übel vertraut hatte, einige Gedanken zu machen.

Obwohl sie zuversichtlich war, dass sie ihr nichts antun konnten, da sie schließlich ihre Magie hatte, könnte es andere Möglichkeiten geben, wie sie sie vielleicht ausnutzen würden. Sie konnte nur hoffen, dass Lorandra sich an ihre Abmachung halten würde. Obwohl die alte Frau das zu tun schien, bezweifelte Lilia, dass sie ihre Bemühungen fortsetzen würde, wenn die Suche nach Naki sie mit einem Verbündeten in Konflikt brachte oder einen zu hohen Preis forderte.

Die Anstrengungen, die sie auf sich nimmt, um mir zu helfen, scheinen größer zu sein als das, was ich getan habe, um ihr zu helfen. Ich habe sie lediglich aus dem Gefängnis befreit. Dazu brauchte ich niemanden um Gefälligkeiten zu bitten. Jetzt, da ich die Welt gesehen habe, in die sie gehört, denke ich nicht, dass sie das Opfer zu schätzen weiß, das ich gebracht habe, indem ich etwas getan habe, was mir noch mehr Schwierigkeiten mit der Gilde eintragen wird. Sie versteht nicht, dass ich in die Gilde zurückkehren will und darauf hoffe, dort eines Tages wieder aufgenommen zu werden, denn sie hat der Gilde ja niemals angehören wollen. 

Der Dieb, dessen Name Jemmi war, hatte ein Treffen mit einem anderen Dieb arrangiert, der vielleicht wusste, wo Naki war. Er, Lorandra, Lilia und ein Mann und eine Frau, bei denen es sich um Leibwächter zu handeln schien, waren vor etwa einer Stunde aufgebrochen und hatten sich über eine unterirdische Route in ein Lagerhaus begeben. Von dort traten sie auf die dunklen Straßen hinaus, in schwere Kapuzenumhänge gehüllt, während sie durch den Regen zu einem Bolhaus eilten.

Sie alle gingen hintereinander eine Treppenflucht hinauf und in einen kleinen Raum, der zwei Stühle und einen Tisch enthielt. Es war kalt, und Lilia fühlte sich versucht, die Luft zu erwärmen, aber Lorandra hatte sie davor gewarnt, ihre Magie zu benutzen, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Der männliche Leibwächter rückte näher an Jemmi heran und sagte etwas. Der Dieb runzelte die Stirn und wandte sich an Lorandra.

»Wir müssen ein Honorar vereinbaren, bevor wir weitermachen.«

»Was für ein Honorar?« Lorandras seltsam geformte Augen wurden schmal. Sie sah Lilia an. »Bleibt, wo Ihr seid«, sagte sie. »Wir werden nicht weit entfernt sein.«

Sie ging auf die Tür zu. Jemmi betrachtete den männlichen Leibwächter und machte eine ruckartige Kopfbewegung zum Zeichen, dass er ihn nach draußen begleiten solle. Der Leibwächter sah seine Kollegin an und gab ihr ein kurzes Zeichen, bevor er in den Flur trat und die Tür schloss.

Verwundert setzte Lilia sich auf einen der Stühle.

Die Leibwächterin ging zur Tür und lauschte offenkundig auf die Stimmen dahinter. Lilia beobachtete sie und fragte sich, wie eine Frau zu einer solchen Arbeit kommen mochte. Sie ist jünger, als ich zuerst dachte,  überlegte Lilia. Als sie noch genauer hinschaute, bemerkte sie an den Händen und am Hals der Frau einige Narben. Die Art, wie der Stoff des Umhangs von ihren Schultern hing und sich bewegte, ließ darauf schließen, dass darin Gegenstände verborgen waren. Messer vielleicht? Gewiss kein Schwert … 

Die Frau drehte sich um und sah Lilia an. Ihre Miene verriet Unentschlossenheit. Sie schüttelte den Kopf, dann seufzte sie.

»Weißt du, wem man dich übergeben wird?«

Lilia blinzelte. »Mich?«

»Ja. Dich.«

»Sie bringen mich zu einem Treffen mit einem anderen Dieb.«

»So drücken sie es aus.« Die Frau schürzte die Lippen. »Der Name des Diebs ist Skellin. Weißt du, wer er ist?«

Skellin? Lorandras Sohn war ein Dieb? Lilia spürte den kalten Hauch der Angst auf ihrer Haut. Warum hat Lorandra mir nicht erzählt, dass sie mich zu ihrem Sohn bringt? Dachte sie, ich würde Angst bekommen und versuchen wegzulaufen?  Sie schluckte. Ich denke, damit läge sie richtig. Er ist furchteinflößender als sie, da er seine magischen Kräfte gebrauchen kann. 

Die Frau blickte sie erwartungsvoll an.

»Ich dachte, sie würde mir helfen, Naki zu finden, bevor sie zu ihrem Sohn geht«, erklärte Lilia. »Sie sagte, wir würden uns mit jemandem treffen, der eine bessere Chance hätte, sie zu finden, und vielleicht ist er der Beste …«

»Skellin ist ein Magier.« Die Frau entfernte sich von der Tür, legte die Hände um die Armlehnen von Lilias Stuhl und schaute auf sie herab.

»Ich weiß …«

»Und du  verstehst dich auf schwarze Magie. Denkst du wirklich, er wird deine Freundin finden, ohne einen Preis zu verlangen? Er wird überhaupt nichts für dich tun, bevor du ihn nicht schwarze Magie gelehrt hast.«

»Ich werde mich weigern, solange er Naki nicht gefunden hat.«

Die Frau zuckte nicht mit der Wimper. »Angenommen, er ließe sich darauf ein – was dann?«

Lilia errötete. Die Leibwächterin blickte wieder zur Tür hinüber, dann seufzte sie abermals.

»Du brauchst nicht alle zu verraten, um deine Freundin zu finden«, sagte sie. »Es gibt andere, die dir helfen können. Andere, die dich nicht erpressen werden, weil sie wissen, dass es für alle besser ist, wenn die Diebe keinen Zugang zur Magie haben. Insbesondere zu schwarzer Magie.«

»Das … das wusste ich nicht.«

Die Frau ließ den Stuhl los und richtete sich auf. »Das hatte ich mir gedacht.«

Lilia schüttelte den Kopf. Sie kam sich töricht und hilflos vor, und sie hatte Angst. »Ich … jetzt ist es zu spät, nicht wahr? Was kann ich sonst tun?«

Die Leibwächterin schaute zur Tür hinüber, dann wieder zu Lilia. »Es ist noch nicht zu spät.« Ihr Wispern war drängend. »Ich kann dich von hier wegbringen und dich mit Menschen bekannt machen, die deine Freundin finden können, ohne von dir zu verlangen, dass du irgendjemanden schwarze Magie lehrst. Aber nur, wenn du jetzt  mit mir kommst.«

Lilia blickte zur Tür. Lorandra hatte sich bereit erklärt, ihr zu helfen. Sie hatte einen Handel abgeschlossen und schien sich daran zu halten. Aber um Skellins Hilfe zu bekommen … er wird wahrscheinlich seinen eigenen Handel machen wollen … Falls es eine Chance gibt, von hier wegzukommen, muss ich es versuchen. 

»Bist du sicher, dass du Naki finden kannst?«

»Ja.« Der Blick der Frau war ruhig und ihre Stimme voller Zuversicht. In der Hoffnung, dass sie es nicht bereuen würde, stand Lilia auf. »In Ordnung.«

Die Frau bedachte sie mit einem wilden Grinsen. »Folge mir.«

Mit einer einzigen anmutigen Bewegung stieg sie auf den Tisch und streckte die Arme zur Decke. Lilia hatte die Luke dort nicht bemerkt. Sie ließ sich lautlos öffnen. Die Frau streckte die Hand aus und half Lilia hinauf, dann packte sie sie an den Schenkeln und schob sie hoch. Lilia unterdrückte ein überraschtes Keuchen, ihr Kopf und ihre Schultern steckten im Dachraum. Sie stützte sich auf den Rahmen der Luke und zog sich mithilfe eines Stoßes von unten hinein.

Die Frau erschien in der Öffnung der Luke, schwang sich hoch und zog sie hinter sich zu. Sie legte einen Finger an die Lippen, dann kroch sie langsam und lautlos durch den Hohlraum zu der gegenüberliegenden Wand hinüber. Lilia, die ihr folgte, konzentrierte sich darauf, Hände und Knie vorsichtig auf die Deckenpaneele zu setzen und nicht mit den Füßen darüber zu scharren. Sie lauschte auf Geräusche, die vielleicht verrieten, dass ihr Verschwinden entdeckt worden war, aber keine Rufe drangen an ihr Ohr.

Was tue ich hier? Ich hätte bei Lorandra bleiben sollen.  Aber irgendetwas sagte ihr, dass diese Frau recht hatte. Lorandra wäre vielleicht in der Lage gewesen, ihr zu helfen, Naki zu finden, aber der Preis wäre schrecklich gewesen. Diese Leibwächterin sollte sich jedoch besser nicht irren. Wenn sie Naki nicht finden kann, werde ich von ihr verlangen, dass sie mich zu Lorandra zurückbringt. 

Am Ende des Gebäudes erreichten sie eine dreieckige Mauer. Ein einziges Fenster befand sich in der Mitte dieser Mauer, und die Frau strebte darauf zu. Kalte Luft und windgepeitschter Regen strömten herein, als das Fenster wie eine Tür nach innen aufschwang. Die Frau ging in die Hocke, schob erst ein Bein hindurch, dann den Leib und das andere Bein.

Lilia folgte ihr und fand sich im nächsten Moment auf einem Dach wieder. Die Leibwächterin ging am Dachfirst entlang, und an dessen Ende kauerte sie sich hin. Aufgrund der Lücke zwischen dem Dach und der Mauer des nächsten Gebäudes vermutete Lilia, dass sich unter ihnen eine Straße befand. Sie wählte ihre Schritte sehr bedächtig, denn durch den Regen waren die Dachpfannen rutschig geworden. Als Lilia die Leibwächterin erreichte, trat diese vom Rand des Daches zurück.

»Ich würde uns gern in dieses Haus dort hineinbringen.« Sie zeigte über die Straße auf ein dreistöckiges, steinernes Gebäude. »Siehst du diese Seile?«

Die Frau deutete auf zwei Seile, die sich über die Lücke zwischen einigen Häusern weiter unten in der Straße spannten. Sie nickte.

»Daran können wir hinüberkommen, dann über die Dächer zurück und durch das Dachfenster hinein, das du an der Seite gerade noch erkennen kannst.«

Lilia betrachtete die Seile, und eine unerwartete Welle der Bewunderung für die junge Frau stieg in ihr auf.

»Du machst so etwas ständig, nicht wahr?«

Die Leibwächterin lächelte. »Wir haben die Seile dort gespannt. Man kann nie wissen, wann man von irgendwo verschwinden muss.«

Lilia deutete mit dem Kopf auf die Straße. »Schaut jemand zu?«

Die Frau beugte sich über den Rand, blickte die Straße entlang und schüttelte dann den Kopf.

»In diesem Fall habe ich eine bessere Möglichkeit«, erklärte Lilia. »Halt dich an mir fest und schrei nicht.«

Sie zog Magie in sich hinein und schuf eine Scheibe unter ihren Füßen. Die Frau streckte unsicher die Arme aus, und Lilia hielt sie fest, um sie zu stützen. Dann befahl sie der Scheibe, sich zu erheben, und trug sie über die Straße auf das Dach auf der anderen Seite. Die Frau starrte sie an, als ihre Füße auf die Dachpfannen stießen.

»Rek hat sich geirrt. Du hast  deine Kräfte zurück.«

Lilia nickte, bevor sie noch einmal zu dem Dach des Bolhauses hinüberschaute. »Sie nicht.«

»Das ist die beste Neuigkeit, die ich in dieser ganzen Nacht gehört habe.« Die Frau stellte sich vor das Dachbodenfenster. Es war von innen mit Brettern zugenagelt. Sie entfernte das Hindernis mit einem einzigen schnellen Tritt. Als Lilia ihr in den dunklen Raum folgte, eilte sie zur Tür, öffnete sie und lauschte. Dann schlich sie weiter ins Haus hinein und spähte durch Türen. »Nichts. Sieht nicht so aus, als sei jemand zu Hause. Das ist die zweitbeste Nachricht dieser Nacht.«

»Du bist eingebrochen, ohne zu wissen, ob jemand zu Hause ist?«

Die Frau zuckte die Achseln. »Ich wäre schon damit fertig geworden.«

Lilia kam zu dem Schluss, dass sie gar nicht wissen wollte, wie. Sie folgte ihrer Retterin in ein Schlafzimmer. Die Frau näherte sich vorsichtig dem Fenster.

»Geh nicht zu nah heran«, warnte sie. Dann verkrampfte sie sich. »Ah. Da sind sie. Wenn wir auch nur einen Moment länger gebraucht hätten, hätten sie uns entdeckt.«

Lilia trat an die Seite des Fensters und spähte hinaus. Gestalten streiften unter ihnen durch die Straße. Eine Bewegung weiter oben lenkte ihre Aufmerksamkeit auf das Dach, wo zwei Personen balancierten; eine deutete auf die Seile, und die andere starrte über die Dächer.

»Ich sollte dieses Fenster besser wieder verschließen«, murmelte die Frau. Sie eilte die Treppe hinauf, und schon bald hörte Lilia ein gedämpftes Hämmern, von dem sie hoffte, dass man es außerhalb des Hauses nicht wahrnehmen konnte. Es hatte heftiger zu regnen begonnen. Vielleicht würde das Prasseln das Geräusch übertönen.

Die Frau kam zurück, diesmal mit zwei Stühlen, die sie zu beiden Seiten des Fensters hinstellte. Sie ließ sich auf einen fallen, und Lilia nahm auf dem anderen Platz.

»Wir werden hierbleiben«, erklärte sie Lilia, während sie abermals den Blick über die Straße wandern ließ. »Sie gehen die bekannten Routen ab und werden keine Häuser durchsuchen.« Sie grinste. »Ich nehme an, wenn ich gewusst hätte, dass du deine Kräfte zurückhast und Lorandra nicht, dann wären wir einfach dort hinausspaziert, aber in dem Fall wären sie uns gefolgt. Und es hat etwas höchst Befriedigendes, einem Feind davonzulaufen und sich dann direkt vor seiner Nase zu verstecken.« Plötzlich verblasste ihr Lächeln, und sie zog die Brauen zusammen, als sei ihr ein schlimmer Gedanke gekommen.

»Was ist los?«

Die Frau schnitt eine Grimasse. »Abgesehen davon, dass ich gerade meine Stellung verloren habe, gab es andere Dinge, die ich hätte tun sollen. Einige Leute werden auf meine Nachricht warten, und wenn sie nicht kommt, werden sie sich um mich sorgen.«

»Oh.« Lilia hatte Gewissensbisse. »Nun … danke, dass du mir geholfen hast – und auch für dein Angebot, Naki zu finden. Bist du dir sicher , dass du sie finden kannst?«

»Wir werden sie finden. Und wir werden dich zu diesem Zweck nicht bitten, die Verbündeten Länder zu verraten.« Die Frau richtete sich auf. »In der Zwischenzeit können wir uns geradeso gut miteinander bekannt machen. Obwohl ich schon erraten habe, wer du bist.«

»Ja. Ich bin Lilia, die Novizin, die versehentlich schwarze Magie erlernt hat«, sagte sie trocken.

»Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen, Lady Lilia.« Die Frau verbeugte sich schwach. »Mein Name ist Anyi.«

20

Keine Wiederkehr

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Es war eine raue Nacht auf See gewesen, und es hatte Dannyl erleichtert, als die Inava  am frühen Nachmittag in eine kleine, geschützte Bucht eingelaufen war. Obwohl Achati geplant hatte, dass sie die meisten Nächte an Land verbrachten, wurde die Entfernung zwischen den Hafenstädten immer größer, je weiter sie nach Norden segelten. Tayend hatte am Abend zuvor eine zusätzliche Dosis von der Droge gegen Seekrankheit eingenommen und war prompt eingeschlafen, eine Fähigkeit, um die Dannyl ihn irgendwann zu beneiden begann. Obwohl Dannyl die unangenehmen Begleiterscheinungen einer Seereise mit Magie heilen konnte, kostete es manchmal einige Anstrengung, in dem in den Wellen auf- und absteigenden Schiff im Bett zu bleiben. Einige Stunden vor Tagesanbruch legte sich der Sturm endlich, und er bekam ein wenig Schlaf, aber nur allzu bald mussten sie wieder aufstehen.

Achati hatte dafür gesorgt, dass sie auf dem Anwesen eines Freundes Quartier nehmen konnten, der gegenwärtig zu Besuch in der Stadt weilte. Sie hatten das Haus ganz für sich allein – bis auf die Sklaven natürlich. Die Sklaven, denen man aufgetragen hatte, die Gäste ihres Herrn gut zu behandeln, hielten ein köstliches Mahl bereit und begleiteten sie zu Bädern, die um eine natürliche heiße Quelle herum erbaut waren. Achati sagte, dass sie sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen dürften.

Es sah jedoch so aus, als würde Tayend genau das tun. Ein Sklave hatte ihn mehr oder weniger vom Schiff tragen müssen und ihn dann in die wartende Kutsche gehoben. Den ganzen Weg bis zu dem Besitz, der ihr Ziel war, schnarchte er laut vor sich hin und wachte nur lange genug auf, um einem Sklaven in die Gästequartiere zu folgen. Die Sklaven berichteten, dass er eingeschlafen sei, sobald er das nächste Bett erreicht hatte.

Achati und Dannyl gingen gemeinsam zu den Bädern. Diese erwiesen sich als ein einziger langgestreckter Raum mit einer Tür an jedem Ende und ohne Fenster. Dafür gab es in der Decke eine Öffnung, die den sternenübersäten Nachthimmel preisgab. Dampfende Wasserbecken zogen sich durch die gesamte Länge des Raums; das heiße Wasser floss vom einen ins andere, und neben den Becken wand sich ein Pfad entlang, der über eine Buckelbrücke, die eins der Becken überspannte, einmal die Seiten wechselte. In der Luft lag ein metallischer, salziger Geruch.

»Das erste Becken ist warm«, erklärte Achati, als er sich zu entkleiden begann. »Es dient der Reinigung und hat einen eigenen Abfluss. Sobald Ihr sauber seid, könnt Ihr mit dem nächsten Becken anfangen und Euch den Raum hinunterbewegen, bis Ihr eines findet, das Euch gefällt. Die Becken in der Mitte sind heiß, dann werden sie wieder kühler, bis zum letzten, das kalt ist.«

»Sie beenden ihr Bad mit einem kalten  Becken?«

»Ja. Um einen zu wecken. Es ist sehr erfrischend. Aber wenn Ihr nach dem Bad unverzüglich schlafen gehen wollt, ist es empfehlenswert, mit einem der wärmeren Becken zu enden. Dort unten befinden sich Umhänge, in denen Ihr Euch warmhalten könnt.« Achati, der sich aller Kleider bis auf seine Hose bereits entledigt hatte, sah Dannyl an, der noch nicht begonnen hatte, sich auszuziehen. »Die Sklaven werden Eure Kleider säubern und sie in Euer Zimmer bringen.«

Dannyl nickte, dann entkleidete er sich. Öffentliche Bäder waren in Imardin vor ungefähr hundert Jahren aus der Mode gekommen. Es war allenthalben bekannt, dass Bäder (und einige Dokumente behaupteten ziemlich herablassend, das Baden ebenfalls) von Sachakanern eingeführt worden waren, als sie Kyralia erobert hatten. Das Baden erfreute sich weiterhin einiger Beliebtheit, aber nicht der öffentliche Aspekt. Die Bäder der Gilde waren in private Räume unterteilt, ebenso wie die Einrichtungen in der Stadt – obwohl er gehört hatte, dass einige Badehäuser, die mit Bordellen verbunden waren, größere Becken für gemischte Gruppen besaßen.

In Elyne gab es noch immer einige öffentliche Bäder, aber Männer und Frauen benutzten sie getrennt und trugen ein züchtiges Hemd aus schwerem Tuch. Dannyl hatte sie einige Male mit Tayend besucht, als er Gildebotschafter in Elyne gewesen war. Es war gängig gewesen zu beklagen, dass die guten alten Tage des Nacktbadens vorbei waren, aber das schwere Tuch abzulegen kam dennoch niemandem in den Sinn …

Von all den anstößigeren sachakanischen Gewohnheiten – Sklaverei, schwarze Magie – sollte diese diejenige sein, an die man sich am leichtesten gewöhnen kann. Obwohl ich in Arvice nichts von öffentlichen Bädern gehört habe. Vielleicht sind sie auch in Sachaka aus der Mode geraten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihren Frauen erlauben, öffentlich zu baden. 

Achati hatte jetzt all seine Kleider abgelegt und trat in das erste Becken. Seine dunklere Haut war plötzlich offensichtlicher, und obwohl Achati verglichen mit dem durchschnittlichen Sachakaner eher klein war, hatte er die gleichen breiten Schultern und den kräftigen Körperbau. Mit einem tiefen Atemzug streifte Dannyl die Magierrobe ab und entledigte sich seiner Hose. Er zwang sich, sich umzudrehen, zu dem Becken zu gehen und ins Wasser zu treten.

Er hatte Hitze erwartet, aber das Wasser war lauwarm. Achatis Gesichtsausdruck war neutral, als er auf eine Schale am Rand des Beckens deutete, in der sich Seifenstücke befanden. Er war umgeben von glitschigem Seifenschaum, der seinen Körper unter dem Wasser verbarg. Das Becken war groß. Reichlich Platz für sie beide – wahrscheinlich genug für vier Personen. Dannyl konzentrierte sich auf die Einzelheiten, weil er nicht allzu viel über die Tatsache nachdenken wollte, dass er sich nackt in der Gesellschaft eines Mannes befand, der angedeutet hatte, dass er sich mehr als bloße Freundschaft zwischen ihnen wünsche.

Die Seife war seltsam. Sie enthielt Sand, der Dannyl die Haut zerkratzte und rote Linien hinterließ. Als Achati aus dem Becken trat, bemerkte Dannyl, dass auf der Haut des Sachakaners keine solchen Male zu sehen waren.

Er schrubbte sich ab, dann stand er auf und folgte Achati zum nächsten Becken.

Dieses war heiß, und in die Seiten waren Sitze eingebaut. Dannyls Haut brannte aufgrund der hohen Temperatur. Achati blieb nicht lange dort, sondern ging von Becken zu Becken, bis er eines fand, von dem er erklärte, es sei das behaglichste.

»Heiß genug?«, fragte er Dannyl.

Dannyl nickte. »Sehr heiß.«

»Geht weiter ins nächste Becken. Ich werde hierbleiben. Wir können jeder eins mit Beschlag belegen und trotzdem weiterplaudern.«

Also stieg Dannyl in das nächste Becken hinunter, das angenehm warm war. »Ah, ja. Das ist das Richtige.« Er ließ sich in einer Sitznische nieder, in der er sich mühelos umdrehen konnte, um mit Achati zu reden. Obwohl er sich langsam daran gewöhnte, unbekleidet zu sein, musste er sich eine gewisse Erleichterung darüber eingestehen, dass sie jetzt durch die niedrige Wand des oberen Beckens voneinander getrennt waren.

Achati lachte leise.

»Was ist los?«, fragte Dannyl, als sein Gefährte ihm die Quelle seiner Erheiterung nicht erklärte.

Der Sachakaner lächelte schief. »Ihr. Ich dachte, Ihr würdet kehrtmachen und weglaufen.«

»Davor?« Dannyl zuckte die Achseln. »Ich gebe zu, es ist eine neue Erfahrung und keine ganz und gar behagliche.«

»Und doch habt Ihr es geschafft. Noch dazu in meiner Anwesenheit.«

Dannyl versuchte, darüber nachzudenken, wie er am besten darauf antworten sollte, aber bevor es ihm gelang, sprach Achati weiter.

»Ihr habt Euch sehr geschickt darin erwiesen, mich auf Armeslänge von Euch fernzuhalten.«

Auch darauf fiel Dannyl keine kluge Erwiderung ein. »Ach ja?«, brachte er heraus.

»Ja. Es war ein gerissener Schritt, Tayend zu bitten, uns zu begleiten.«

Dannyl richtete sich überrascht und entrüstet auf. »Ich habe Tayend nicht gebeten mitzukommen.« Er runzelte die Stirn. »Auf diese Idee ist er ganz allein gekommen.«

Achati zog die Augenbrauen hoch. Dann sah er Dannyl nachdenklich an. »Ich denke, ich glaube Euch.«

»Es ist wahr«, sagte Dannyl und versuchte, mit mäßigem Erfolg, nicht gekränkt zu klingen. »Obwohl es auch wahr ist, dass ich Euch auf Armeslänge von mir ferngehalten habe.«

»Warum?«

Dannyl wandte den Blick ab und seufzte. »Konsequenzen. Sich widersprechende Loyalitäten. Dergleichen Dinge.«

»Ich verstehe«, sagte Achati leise. Er schwieg eine Weile, dann stand er plötzlich auf und stieg in Dannyls Becken. Nachdem er sich gesetzt hatte, stieß er einen tiefen Seufzer aus. »So ist es besser.« Dann sah er Dannyl an. »Ihr macht Euch wegen der falschen Dinge Sorgen, Botschafter Dannyl.«

Dannyl blickte Achati in die Augen. »Tue ich das?«

»Ja. Meine Loyalität gilt zuerst Sachaka und meinem König.« Achatis Augen blitzten. »Eure gilt Kyralia, Eurem König, der Gilde und den Verbündeten Ländern – wenn auch nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge. Nichts wird jemals etwas daran ändern, und nichts sollte etwas daran ändern.« Er lächelte dünn. »Betrachtet es einmal so: Falls mein König mir befehlen sollte, Euch zu töten, würde ich gehorchen. Ohne zu zögern.«

Dannyl starrte den Mann an. Achatis Augen waren hart und seine Miene herausfordernd. Er meint ernst, was er sagt, aber andererseits – würde ich nicht das Gleiche tun, sollten wir zu Feinden werden? Vermutlich. Ich hätte ein schlechtes Gefühl deswegen, aber … wie wahrscheinlich ist das?  Er schob diesen Gedanken beiseite. Eines stimmt allerdings: Ich hätte ein schlechtes Gefühl deswegen, ganz gleich wie nah wir uns stünden, und es ist nicht so, als könnten wir jemals etwas tun, das andere an unserer Loyalität zweifeln ließe – wir können zum Beispiel keine Kinder bekommen oder heiraten … 

Es war nicht so, als wollte Achati überhaupt irgendeine Bindung. Ausnahmsweise einmal gefiel ihm das. Obwohl Dannyl eigentlich entsetzt über das Eingeständnis des Mannes sein sollte, dass er ihn töten würde, falls er den Befehl dazu bekäme … war es auch seltsam erregend.

»Also … Ihr würdet nicht zögern? Nicht einmal ein klein wenig?«, fragte er.

Achati lächelte, stieß sich von der Wand ab und bewegte sich in die Mitte des Beckens.

»Nun, vielleicht ein klein wenig. Ihr könntet hierherkommen und mich davon überzeugen, wie lange ich zögern sollte.«

Mit einem leisen Lachen angesichts der Einladung seines Freundes rutschte Dannyl eben


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falls in die Mitte des Beckens. Für einige Herzschläge sahen sie einander an. Die Zeit schien stehen zu bleiben.

Dann erstarrten beide, als vom Eingang des Badehauses gedämpfte Stimmen erklangen. Sie rückten hastig auseinander und standen auf, damit sie sehen konnten, wer sich dort näherte. Dannyl war erleichtert festzustellen, dass die Tür noch immer geschlossen war.

Die Stimmen verstummten, dann erklang ein Klopfen an der Tür. Achati sah Dannyl an, und sein Ärger war befriedigend offenkundig. »Ich habe den Sklaven den Befehl gegeben, uns auf keinen Fall zu stören, es sei denn, es wäre dringend.«

»Dann solltet Ihr besser herausfinden, was los ist«, erwiderte Dannyl.

Achati stieg aus dem Becken und holte sich mithilfe von Magie einen Umhang heran. Er warf ihn sich über und ging zur Tür.

»Herein.«

Die Tür wurde geöffnet. Dannyl bemühte sich hastig um einen neutralen Gesichtsausdruck, als er Tayend durch die Öffnung spähen sah. Je verärgerter ich wirke, desto argwöhnischer wird er sein.  Im Innern hatte er das Gefühl, als koche sein Blut vor Zorn.

»Störe ich?«, fragte Tayend. »Die Sklaven sagten, Ihr wärt hier, und nachdem Ihr erzählt habt, wir müssten diese Bäder ausprobieren, schien es mir unhöflich, nicht herzukommen und sie mir anzusehen.«

»Natürlich stört Ihr nicht«, antwortete Achati. Er führte Tayend zu dem Reinigungsbad und erläuterte die Prozedur.

Als er dann zu Dannyl zurückkehrte, lächelte er und formte mit den Lippen lautlos ein Versprechen.

Später. 

Nicht lange nachdem er auf der Krankenstation eingetroffen war, kam eine Magierin, um Lorkin zu den Höhlen der Steinemacher zu begleiten. Es widerstrebte ihm ein wenig fortzugehen, da die Frau, die an Kalias Stelle getreten war, immer noch dabei war, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wo alles aufbewahrt wurde und von welchen Gebrechen sich die Patienten in den verschiedenen Betten erholten. Aber als die Begleitung eintraf, scheuchte sie Lorkin davon.

»Geh«, befahl sie. »Ich komme schon mit allem klar.«

»Ich werde später zurückkehren«, versprach er.

Die Magierin, die ihn begleiten sollte, lächelte ihn schüchtern an und sprach wenig, während sie ihn zu den Höhlen führte. Es war so ungewöhnlich, dass eine Verräterin scheu und verlegen war, dass er der Versuchung widerstand, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Wenn eine Jugend an einem Ort, an dem Frauen Macht besaßen, ihr nicht geholfen hatte, kühn und selbstbewusst zu werden, dann musste die Verlegenheit sehr tiefe Wurzeln haben – und es würde vielleicht mehr schaden als nutzen, diesbezüglich etwas zu unternehmen.

Sie führte ihn weit in die Stadt hinein, in eine Tiefe im Berg, in der die meisten Verräterinnen nicht mehr gern lebten. Der Gang wurde kurvig, und sie kamen an Öffnungen von Höhlen zu beiden Seiten vorbei. Bei seinem letzten Besuch hier, als man ihn aus der Höhle eskortiert hatte, die Evar ihm gezeigt hatte, war es ihm nicht klug erschienen, allzu großes Interesse an diesen Höhlen zu zeigen. Jetzt stand es ihm frei hineinzuschauen.

Die Höhlen waren von unterschiedlicher Größe und Form. Man hatte sich offensichtlich einige Mühe gegeben, den Boden an manchen Stellen zu ebnen, aber die ungleichmäßigen, kantigen Wände waren unberührt geblieben. In einem größeren Raum bemerkte Lorkin, dass Plankenwege an die Wände gehängt worden waren, um die höheren Wandabschnitte zugänglich zu machen.

In allen Höhlen sah er Flächen glitzernder Farben, an Wänden, an der Decke und in manchen Fällen sogar auf den Böden.

Keine der Höhlen hatte Türen. Es schien eine seltsame Unterlassung in einem Teil der Stadt zu sein, der solche magischen Geheimnisse barg. Aber vielleicht kann man die Geheimnisse den Steinen nicht abringen. Vielleicht können sie nur von einem Geist an den anderen weitergegeben werden, wie schwarze Magie.  Oder vielleicht wurden sie irgendwo in einem sicheren Raum in Büchern aufbewahrt.

Der gewundene Gang endete in einer weiteren Höhle. Die Führerin durchquerte sie, und sie kamen in die nächste Höhle und in die übernächste. In den Wänden und dem Boden des Gangs befanden sich Risse, über die man leicht hinwegsteigen konnte. Dann kamen sie auch über breitere Risse, die mit Steinplatten – aus dem gleichen Fels wie die Wände – überbrückt worden waren.

Und dann erreichten sie eine Tür.

Seine Begleiterin klopfte an, schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln und ging hastig davon, bevor er sich bei ihr bedanken konnte. Er drehte sich wieder um und stellte fest, dass die Tür geöffnet worden war. Eine Stimme erklang.

»Komm herein, Lorkin.«

Er erkannte die Stimme. Sprecherin Savara. Als er in den Raum trat, sah er, dass sie und Sprecherin Halana sich auf zwei Sitzen eines Kreises von fünf Plätzen niedergelassen hatten. Savara deutete auf einen der Stühle, und er setzte sich.

»Weißt du über die Verantwortungsbereiche jeder Sprecherin Bescheid?«, fragte sie.

Er nickte. »Ja. Nun, zumindest in einigen Fällen. Sprecherin Riaya organisiert Zusammenkünfte, Wahlen, Gerichtsverhandlungen und dergleichen, Sprecherin Kalia war für die Gesundheit der Menschen verantwortlich, Sprecherin Shaiya beaufsichtigt die Produktion von Nahrungsmitteln und den Wasservorrat, und du bist für die Verteidigung zuständig.«

»Das ist korrekt. Sprecherin Lannas Verantwortungsbereich sind die Wohnverhältnisse, und Sprecherin Yvali kümmert sich um die Ausbildung. Sprecherin Halana«, sie deutete mit dem Kopf auf die andere Frau, »beaufsichtigt die Herstellung der Steine.«

Er sah die Frau an und neigte respektvoll den Kopf. »Also wirst du meine Lehrerin sein?«

Die Frau nickte. »Ja. Falls du damit einverstanden bist.«

Er lächelte. »Ich kann mir keinen Grund denken, warum ich nicht einverstanden sein sollte.«

Halana erwiderte sein Lächeln nicht, obwohl in ihren Augen ein Anflug von Erheiterung lag. Etwas an ihrem Gesichtsausdruck ließ einen Schauer der Warnung über seinen Rücken laufen. Er runzelte die Stirn und blickte Savara an.

» Gibt es einen Grund, warum ich nicht einverstanden sein sollte?«

Sie lächelte schief. »Wahrscheinlich. Ich habe vielleicht schon einmal erwähnt, dass ich einst Kyralia bereist habe. Ich war für eine Weile in Imardin, vor und während der Zeit, die du die Ichani-Invasion nennt.«

Er sah sie überrascht an. »Du hast die Invasion miterlebt?«

Ihre Miene war jetzt ernst. »Ja. Wir halten ein Auge auf die Ichani, da sie ständig in Bewegung sind und dem Sanktuarium manchmal zu nahe kommen. Größtenteils sind sie harmlos, zu sehr damit beschäftigt, gegeneinander zu kämpfen, um uns Schwierigkeiten zu machen. Aber jedwede Anzeichen dafür, dass sie sich vereinen, sind, wie du dir vorstellen kannst, besorgniserregend. Zu unserem Glück bestand ihre Absicht bei ihrem letzten Versuch in dieser Richtung nicht darin, uns Schwierigkeiten zu machen. Zum Pech für dein Volk hatten sie ihre Aufmerksamkeit auf Kyralia gerichtet. Wir bemerkten, dass sie Sklaven nach Kyralia schickten, also reiste ich dorthin, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Ereignisse, die ich miterlebt habe, machten ganz deutlich, dass die Gilde höhere Magie nicht benutzt und sogar verbietet.«

Lorkin nickte und senkte den Blick. »Man nennt sie schwarze Magie. Und sie ist nicht länger verboten.«

Ihre Augen wurden schmal. »Und doch darf sie nur eingeschränkt benutzt werden. Nur wenige Personen verstehen sich auf ihre Benutzung.«

»Ja.«

»Und wenn unsere Spione recht haben, ist auch das Wissen dieser wenigen Personen unvollständig.«

Er sah ihr in die Augen. »Ich weiß es nicht, da ich keiner der wenigen bin, denen es gestattet ist, schwarze Magie zu kennen.«

»Bist  keiner von ihnen«, sagte sie und hielt seinen Blick fest, »oder warst  du keiner?«

Er schaute beiseite. Sie fragte … was fragte sie? Ob er sich immer noch als Gildemagier betrachtete. Aber dahinter steckte eine unausgesprochene Frage: Wollte er sich die Möglichkeit offenhalten, jemals wieder einer zu sein? Wenn er schwarze Magie erlernte, würde er niemals in die Gilde zurückkehren können.

Erbot sie sich schlicht, ihn schwarze Magie anstelle  der Herstellung von Steinen zu lehren? Das bezweifelte er.

Oder war dies eine Prüfung, um herauszufinden, ob er beabsichtigte, die Kenntnisse über die Herstellung von Steinen direkt zur Gilde zurückzubringen? Aber das ergab keinen Sinn. Die Königin hatte nichts davon gesagt, dass es ihm nicht gestattet sei, das Wissen weiterzugeben. Aber sie hatte ihm auch nicht ausdrücklich erlaubt, es zu tun.

»Ich frage dich das«, sagte Savara leise, »weil wir dich, um dich das Steinemachen zu lehren, höhere Magie lehren werden müssen.«

Er sah sie überrascht an. »Oh.«

»Und ich frage, ob dich das daran hindern würde, jemals in die Gilde zurückzukehren.«

»Ich verstehe …« Plötzlich ergab alles einen Sinn. Die Königin hatte das Gefühl, dass sie ihm als Entschädigung für die Kenntnis der heilenden Magie, die man ihm gestohlen hatte, etwas von gleichem Wert schuldig waren. Die einzige Magie, die er nicht besaß, waren schwarze Magie und die Magie zur Herstellung von Steinen. Da er Ersteres brauchte, um Letzteres zu erlangen, hatten sie beide denselben Preis: Er konnte nie mehr nach Hause zurückkehren. Und das muss bedeuten, dass sie die Möglichkeit erwogen haben, mich eines Tages vielleicht gehen zu lassen … Wie würde die Gilde auf seine Kenntnis schwarzer Magie reagieren? Würden sie es verzeihen, wenn er offenbarte, dass er eine neue Möglichkeit für sie gefunden hatte, sich zu verteidigen?  Dann sanken seine Schultern herab. Ich hatte gehofft, einen Weg zu finden, schwarze Magie zu ersetzen, nicht sie zu benutzen. Wenn die Herstellung von Steinen den Einsatz von schwarzer Magie erfordert, dann bin ich gescheitert. Die Gilde würde es vielleicht nicht akzeptieren. 

Im nächsten Moment begriff er, dass er das nicht wirklich glaubte. Die Gilde würde niemals die Gelegenheit ablehnen, eine neue Art von Magie zu erlernen, vor allem wenn die Benutzung  der Steine keine Benutzung von schwarzer Magie erforderlich machte. Sie würde nur den Kreis jener beschränken, die die Steine herstellten .

Wenn sie von den magischen Edelsteinen profitieren wollten, würde die Gilde akzeptieren müssen, dass Lorkin schwarze Magie erlernt hatte, damit sie diese Steine bekommen konnten. Wenn sie es nicht taten … Nun, sie können mich und die Edelsteine haben oder keins von beidem. Geradeso wie ich akzeptieren muss, dass ich Steinmagie und schwarze Magie haben kann oder weder das eine noch das andere.  

Und wenn die Gilde ihn zurückwies … Nun, er würde ins Sanktuarium zurückkehren. Die Gesellschaft der Verräterinnen war nicht ohne Fehler, aber welches Land oder welches Volk konnte das von sich behaupten? Doch bei dem Gedanken, niemals mehr nach Imardin zurückzukehren, durchzuckte ihn ein Stich des Bedauerns. Es musste irgendeine Möglichkeit geben, wie er seine Mutter, Rothen und seine Freunde besuchen konnte.

Das ist etwas, über das ich mir später Gedanken machen muss. Dies hier ist wichtiger. Es könnte katastrophal sein, wenn die Ashaki diese Magie vor der Gilde entdecken. Ich kann mich nicht mit Osen in Verbindung setzen und ihn bitten, eine Versammlung abzuhalten, um zu einer Entscheidung zu kommen. Ich muss diese Gelegenheit nutzen, die Herstellung von Steinen zu erlernen, und hoffen, dass die Gilde mich dafür nicht zurückweisen wird. 

Er sah Savara an. »Die Kenntnis schwarzer Magie könnte mich auf Dauer daran hindern zurückzukehren«, erklärte er. »Ich würde meiner Heimat in Zukunft vielleicht nur kurze Besuche abstatten können. Ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen, wenn du mir versicherst, dass es für mich im Sanktuarium immer ein Zuhause geben wird.«

Sie sah ihm direkt in die Augen, dann schaute sie zu Halana hinüber. Die andere Frau nickte. Savara drehte sich wieder um und lächelte. »Solange du niemals unsere Gesetze brichst, wirst du willkommen sein, unter uns zu leben.«

»Danke.«

»Und jetzt«, sagte sie, stand auf und gab Halana ein Zeichen. »Jetzt wird es Zeit, dass wir deine Ausbildung vollenden.« Im Vorbeigehen klopfte sie ihm auf die Schulter. »Ohne Zweifel machst du dir größere Sorgen wegen der höheren Magie. Keine Bange. Das ist der einfache Teil.«

Halana verdrehte die Augen und schnalzte mit der Zunge. »Beachte sie gar nicht«, sagte sie. »Sie hat recht damit, dass höhere Magie einfach zu erlernen ist, aber das Steinemachen ist wirklich nicht so schwierig, wenn du Geduld hast, sorgfältig bist und dich konzentrierst.«

Lorkin schaute noch einmal zu Savara hinüber. Die Frau schüttelte den Kopf, als sei sie anderer Meinung, dann schloss sie die Tür. »Und wenn man diese Eigenschaften nicht hat?«, fragte er und wandte sich wieder an Halana.

Die Frau zuckte die Achseln. »Das hängt von dem Stein ab, den du wachsen lässt. Wenn er dazu bestimmt ist, Wärme zu produzieren, und du dich nicht konzentrierst … Kannst du mit deinen heilenden Kräften Brandwunden behandeln?«

Er schluckte. »Ja.«

Sie lächelte. »Nun denn. Mit einem solchen Vorteil auf deiner Seite hast du keinen Grund zur Sorge.«

Es hatte Sonea nicht überrascht festzustellen, dass Cery nicht unter dem Süßigkeitenladen auf sie wartete und sie stattdessen eine Nachricht entdeckte, die ihnen Anweisungen gab, wie sie ihn finden konnten. Sie, Dorrien und Nikea hatten sich als ein Ehepaar mit Tochter verkleidet, das sein Gewerbe – das Sammeln von Lumpen und deren Vorbereitung für die Papierherstellung – auszudehnen bestrebt war. Cerys Nachricht führte sie in ein Bolhaus, über einen kleinen Abendmarkt und in ein Badehaus, bevor sie aus einem Keller stiegen, um festzustellen, dass Cery sich für die Nacht ein adrettes und überraschend gut eingerichtetes Haus organisiert hatte.

Wo die Bewohner waren, wollte Sonea gar nicht fragen. Überall waren Spuren von ihnen zu entdecken, angefangen von den Spielzeugen, die man durch die offene Tür eines Schlafzimmers sehen konnte, bis hin zu dem halbverzehrten Mahl auf dem Tisch. Sie fanden Cery in einem verdunkelten Raum, wo er am Fenster saß. Gol hatte sie im Keller erwartet und gewarnt, kein Licht zu schaffen.

»Das Treffen findet angeblich in diesem Raum dort drüben statt, im ersten Stock«, erklärte Cery und deutete aus dem Fenster.

Sonea blickte hinüber und erkannte auf der anderen Gassenseite ein von Lampen erhelltes Gästezimmer. Die Gasse war so schmal, dass sie mit wenigen Schritten in den anderen Raum hätte hineintreten können, wären nicht zwei Mauern dazwischen gewesen.

Sie erörterten, wie man in das andere Gebäude hineingelangen und die offenkundigen Fluchtwege abschneiden konnte. Cery hatte niemanden nahe genug heranbringen können, um nach verborgenen Fluchtrouten Ausschau zu halten, ohne dass der Betreffende das Risiko eingegangen wäre, gesehen zu werden. Das Haus, in dem sie sich befanden, brachte sie ihrem Ziel so nahe, wie er es wagte. Es war die Aufgabe der Magier, ihren Weg hinüber in den gegenüberliegenden Raum zu finden, sobald das Treffen begann.

Sonea entwarf zusammen mit Dorrien und Nikea einen Plan, aber sie bekamen keine Gelegenheit, ihn in die Tat umzusetzen. Der Raum gegenüber blieb leer.

Die Nacht verstrich langsam, und mit jeder Stunde zog Cery sich weiter in sich selbst zurück. Er sprach immer seltener, und schließlich verfielen sie alle in Schweigen, weil sie ihre Befürchtungen nicht in Worte fassen wollten. Schultern sanken herab, und Gesichter wurden lang vor Enttäuschung, als klar wurde, dass es kein Treffen geben würde, und keine Gefangennahme Skellins oder irgendeiner anderen Person. Als die Mauern außerhalb des Fensters heller wurden, brach Nikea schließlich das Schweigen.

»Was denkt Ihr? Sollten wir den Schluss ziehen, dass das Treffen abgesagt wurde?«

Alle tauschten Blicke, bis auf Cery, der ins Leere starrte.

»Wir werden auf Neuigkeiten warten«, erwiderte Sonea.

»Falls es Anyi gelungen ist, sich davonzustehlen oder eine Nachricht zu schicken, wo würden wir sie finden?«, fragte Dorrien Cery.

Die Falte zwischen Cerys Brauen vertiefte sich. »Sie würde nicht hierherkommen oder eine Nachricht hierherschicken, um keine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.« Er stand auf, eine Bewegung, die nach Stunden der Stille und der Reglosigkeit abrupt wirkte. »Folgt mir.«

Sie gehorchten, kehrten in den Keller zurück und gingen wieder in das Badehaus. Dort trat die nicht mehr ganz junge Frau, die das Haus führte, nervös an Cery heran und reichte ihm ein Stück Papier.

»Es tut mir leid. Es ist vor einigen Stunden gekommen«, erklärte sie. »Ich wusste nicht, was ich damit anfangen soll. Ihr habt nie gesagt, dass ich vielleicht Nachrichten bekommen würde oder wo ich sie hinschicken sollte.«

»Ich habe nicht erwartet, dass Ihr in diese Lage kommen würdet«, erwiderte er. »Aber danke, dass Ihr darauf aufgepasst habt.«

Sie wirkte erleichtert und zog sich hastig aus dem Raum zurück. Cery las das Schreiben und seufzte vor Erleichterung.

»Sie lebt und ist in Sicherheit«, berichtete er ihnen. »Aber sie haben entdeckt, dass sie eine Spionin war.« Er schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, ich hätte Schreibunterricht für sie arrangieren können.« Er hielt das Stück Papier mit zwei Kritzeleien darauf hoch. »Wir haben einen Code erarbeitet, aber er gibt nicht viele Einzelheiten preis.«

»Werdet Ihr sie treffen und herausfinden können, was geschehen ist?«, fragte Dorrien.

Cery nickte. »Wie bald dieses Treffen stattfinden kann, wird davon abhängen, wie viel ihr Arbeitgeber und der Dieb, der ihm seine Befehle gibt, über sie wissen und ob sie nach ihr suchen.« Seine Miene wurde wieder grimmig. »Ich werde euch Bescheid geben, sobald ich etwas in Erfahrung bringe.«

Sonea legte eine Hand auf seine. »Ich hoffe, es geht ihr gut. Und richte ihr unseren Dank aus.«

Er brachte ein hohles Lächeln zustande. »All das, und wir haben Skellin nicht gefangen.«

»Nun, lass uns hören, was sie sagt, bevor wir es als einen vollkommenen Fehlschlag bezeichnen. Vielleicht hat sie einige Informationen aufgeschnappt, die wir trotzdem benutzen können.«

Er nickte. »Dann sollte ich euch besser zur Gilde zurückbringen, in der gleichen Maskerade, in der ihr hierhergekommen seid.« Er machte ihnen ein Zeichen. »Kommt. Ich habe einige Arrangements getroffen.«

21

Lügen, verborgene Wahrheiten und Täuschungen

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Nach einer nervösen Nacht, in der sie schweigend auf dem Dachboden des Hauses gewartet hatten, nachdem die Bewohner – eine Familie mit lärmenden kleinen Kindern – zurückgekehrt waren, folgte ein Tag rastlosen Schlafs in einem winzigen Zimmer unter einem Bolhaus. Lilia begann sich zu fragen, ob ihr Leben in Zukunft dauerhaft einem nächtlichen Zeitplan folgen würde.

Falls es so war, dann hoffte sie, dass sie sich schnell daran gewöhnen würde. Obwohl Anyi ihr versichert hatte, dass sie den Besitzer des Bolhauses kenne, und zuversichtlich genug war, um auf einem der schmalen Betten sofort einzuschlafen, wurde Lilia von jedem Geräusch geweckt. Und wenn man unter einem Bolhaus schlief, bedeutete das, dass es jede Menge Geräusche gab, von denen man erwachen konnte. Sie musste sich jedoch daran gewöhnt haben, denn irgendwann musste Anyi sie wachrütteln.

»Zeit aufzustehen«, sagte Anyi. »Ich habe dir einige Kleider beschafft, dann werden wir mit der Frau, die das Haus führt, zu Abend essen.«

Lilia richtete sich auf, gähnte und ergriff das oberste Kleidungsstück in dem Haufen am Fußende des Bettes. Ein schweres Robenoberteil. Sie runzelte die Stirn. Es war sauber, aber fadenscheinig an den Ellbogen.

»Deine Kleidung ist zu gut«, erklärte ihr Anyi. »Die Leute werden erkennen, dass du nicht hierhergehörst, sobald sie dich sehen. Wenn du verborgen bleiben willst, bis wir deine Freundin gefunden haben, wirst du dich kleiden müssen, als gehörtest du hierher.«

Lilia nickte. »Wenn Schwarzmagierin Sonea das kann, dann kann ich es ebenfalls.«

Anyi kicherte. »Ich werde rausgehen, während du dich umziehst.«

Die alten Kleider rochen nach Holzrauch und Seife. Obwohl sie von rauerem Tuch waren als die Kleider, die man Lilia im Ausguck zu tragen gegeben hatte, weckte etwas daran ein Gefühl behaglicher Vertrautheit in ihr.

Sie erinnern mich an mein Leben, bevor ich Novizin wurde. Sie sind wie die Kleider, die die Dienstboten getragen haben, die die gröberen, schmutzigen Arbeiten erledigt haben. 

Sobald sie fertig war, ging sie zur Tür und öffnete sie einen Spaltbreit. Anyi wartete draußen und winkte ihr zu, als sie sie sah.

»Komm nach oben«, sagte sie. Der kleine Raum lag unter einer Treppe, und jetzt gingen sie in die Etage zwei Stockwerke darüber. Anyi klopfte an eine Tür, und als jemand »Herein« rief, lächelte sie Lilia zu, öffnete die Tür und trat ein.

»Hier ist sie, Donia«, sagte sie und deutete auf Lilia. Eine Frau in mittleren Jahren stand vor einigen im Halbkreis aufgestellten Gästezimmerstühlen. »Das ist Lilia.«

Die Frau verneigte sich. »Lady Lilia, ich denke, das ist der korrekte Titel.«

Lilia errötete. »Nicht direkt. Ich bin keine Magierin mehr. Zumindest keine Gildemagierin.«

Anyi deutete auf die Frau. »Das ist Donia, die Besitzerin diese Bolhauses und eine Kindheitsfreundin von Schwarzmagierin Sonea.«

Lilia sah Anyi überrascht an. »Ist das wahr?«

»Nicht direkt.« Donia schüttelte den Kopf und lächelte traurig. »Ich habe einen ihrer alten Freunde geheiratet, und er ist vor einigen Jahren gestorben. Bitte, nehmt doch Platz. Ich habe etwas zu essen heraufbringen lassen. Möchtet ihr ein Glas Wein?«

Lilia zögerte. Das letzte Mal hatte sie in der Nacht, bevor Nakis Vater gestorben war, Wein getrunken. Ihre Erinnerungen an diese Nacht wurden unterbrochen, als Anyi sie zu den Stühlen hinüberscheuchte.

»Ich werde ein wenig Bol trinken«, sagte Anyi zu Donia. »Falls du welchen anbietest.«

Donia lächelte. »Natürlich. Würdest du Bol vorziehen, Lilia? Ich fürchte, das Wasser hier ist nicht so gut trinkbar wie in den besseren Teilen der Stadt.«

»Wein wäre schön«, erwiderte Lilia bei der Erinnerung an das widerlich süße Getränk, das die Schläger ihr gegeben hatten, und es gelang ihr, nicht zu schaudern.

Donia trat vor einen schmalen Tisch und tippte gegen einen kleinen Gong. Draußen vor der Tür wurden Schritte laut, dann spähte eine jüngere Frau herein, eine Augenbraue fragend hochgezogen.

»Einen Becher Bol, zwei Gläser und eine Flasche von dem guten Wein«, sagte Donia. Die Frau nickte und schloss die Tür. Mit einem Seufzen nahm Donia Platz. »Sie wird nicht lange brauchen. Also … Lilia. Kannst du uns erzählen, wie du in die Stadt gekommen bist, auf dem Weg zu einem Treffen mit Skellin?«

Die Frage wurde sehr sanft gestellt, und Lilia vermutete, dass die Frau, wenn sie sagte, sie könne nicht antworten, dies akzeptieren würde. Aber sie verspürte den Drang zu sprechen, irgendjemandem zu erzählen, was ihr widerfahren war, und herauszufinden, ob ihre Entscheidungen richtig gewesen waren oder nicht. War es klug, mit dieser Fremden zu sprechen?

Es schien, dass es immer neue Schwierigkeiten brachte, wenn irgendjemand wollte, dass sie etwas tat. Zuerst war es Naki gewesen, die sie gedrängt hatte zu versuchen, schwarze Magie zu erlernen. Danach war Lorandra gekommen und hatte sie zu einer Flucht aus dem Ausguck überredet.

Ich kenne Donia nicht. Ich kenne auch Anyi nicht, doch aus irgendeinem Grund vertraue ich ihr. Sie hätte mich direkt zur Gilde bringen können, aber das hat sie nicht getan.  Tatsächlich hatte es ihr bisher geholfen, aus Schwierigkeiten herauszukommen, indem sie tat, was Anyi wollte. Ich habe ohnehin keine andere Wahl, als ihr zu vertrauen. Entweder das, oder ich muss versuchen, Naki allein zu finden.  

»Du kannst Donia vertrauen«, sagte Anyi. »Sie hat sich jahrelang um mich gekümmert. Je mehr wir wissen, umso größer wird die Chance sein, dass wir deine Freundin finden.«

Lilia nickte. Sie begann mit der Nacht, in der sie und Naki in die Bibliothek gegangen waren und die Anweisungen für die Benutzung von schwarzer Magie ausprobiert hatten. Sie begann dort, weil sie ihnen von der Ermordung Lord Leidens erzählen musste, die vielleicht mit Nakis Verschwinden zusammenhing. Anschließend erzählte sie ihnen alles bis zu dem Punkt, an dem Anyi sie vor der bevorstehenden Begegnung mit Skellin gerettet hatte. Sie hielt nur dann inne, als die Dienerin mit den Getränken kam und später zwei männliche Diener das Essen hereinbrachten. Der Wein löste ihre Zunge noch mehr, und sie gestand einige dunklere Gedanken, die sie bisher für sich behalten hatte, wie zum Beispiel ihre Angst, dass sie Nakis Vater doch getötet und es dann wegen des Feuels und des Weins vergessen hatte.

»Feuel«, sagte Anyi mit unverhohlenem Abscheu. »Es würde mich nicht überraschen, wenn es dich dazu gebracht hätte, ihn zu töten.«

Lilia zuckte zusammen. »Dann denkst du also, ich habe es getan?«, fragte sie kleinlaut.

Anyis Augen weiteten sich. »Nein! Ich denke nicht, dass du das tun könntest. Es ist nur … es veranlasst die Menschen, Dinge zu tun, die sie normalerweise nicht tun würden. Ich denke jedoch nicht, dass es sie diese Taten vergessen lässt.« Dann wurde ihre Miene nachdenklich. »Hast du seit jener Nacht noch einmal Feuel benutzt?«

Lilia schüttelte den Kopf.

»Und … willst du mehr? Verspürst du ein Verlangen danach?«

Lilia überlegte kurz, dann schüttelte sie abermals den Kopf.

Anyi zog die Augenbrauen hoch. »Interessant. Angeblich wirkt es bei Magiern nicht anders als bei gewöhnlichen Leuten.«

»Einige Menschen leiden nicht so stark unter dem Verlangen wie andere«, bemerkte Donia.

Anyi sah die Frau an. »Du scheinst dir da sehr sicher zu sein.«

Donia nickte. »Ich habe es bei den Kunden gesehen. Manche Leute können nicht aufhören, andere können es durchaus. Es ist genauso wie beim Alkohol, obwohl ich wette, dass Feuel mehr Menschen süchtig macht, als Alkohol es tut.« Sie zuckte die Achseln. »Es ist ein elendes Pech, wenn man einer dieser Leute ist oder einer ihrer Angehörigen.« Sie sah Lilia an und runzelte nachdenklich die Stirn. »Da hast du ja ein schönes Abenteuer erlebt. Viele Dinge ergeben keinen Sinn. Du sagst, du hättest mühelos schwarze Magie erlernt, aber deine Freundin hat die gleichen Anweisungen befolgt und sie nicht erlernt. Ihr Vater wurde durch schwarze Magie getötet, aber weder du noch deine Freundin habt es getan – was wahr sein muss, denn Sonea hat auch ihre Gedanken gelesen. Es gibt nur zwei andere Schwarzmagier, aber die Gilde glaubt nicht, dass sie die Schuldigen sind. Also muss es da draußen noch einen weiteren Schwarzmagier geben.«

»Wenn das so ist, hat Skellin keine Kontrolle über diesen Magier, sonst wäre Lorandra nicht so erpicht darauf gewesen, Lilia zu ihm zu bringen«, sagte Anyi. »Und er kann aus demselben Grund nicht der Schwarzmagier sein.«

»Nakis Vater wurde getötet, nachdem man Lorandra in den Ausguck gesperrt hatte«, bemerkte Donia. »Wenn sie gewusst hätte, dass Skellin schwarze Magie erlernt hätte, würde Sonea das erfahren haben, als sie Lorandras Gedanken las. Aber wenn Skellin erst nach ihrer Gefangennahme schwarze Magie erlernt hätte, würde sie nichts darüber wissen.«

Anyis Augen weiteten sich. »Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Wer weiß, was er mit Lilia gemacht hätte, wenn er sie nicht brauchte? Wahrscheinlich hätte er sie getötet.«

»Falls er dazu in der Lage gewesen wäre. Sie ist ebenfalls eine Schwarzmagierin«, rief Donia ihr in Erinnerung.

»Ja, aber Lilia hat sich nicht gestärkt, indem sie Magie von anderen genommen hat.« Anyi wandte sich an Lilia. »Oder?«

Lilia schüttelte den Kopf.

»Und dieser andere Schwarzmagier hat es getan, weil er Nakis Vater getötet hat.« Anyi verzog das Gesicht. »Vielleicht ist es eine gute Sache, dass das Treffen nicht stattgefunden hat. Was wäre, wenn sich ein Schwarzmagier dort eingefunden hätte und er stärker gewesen wäre als Sonea und die anderen Magier?«

Donia breitete die Arme aus. »Was geschehen ist, ist geschehen.«

Lilia blickte zwischen der älteren und der jungen Frau hin und her. »Sonea  sollte an dem Treffen teilnehmen?«

Anyi zuckte zusammen. »Ja. Nun, sie sollte weniger daran teilnehmen  als es unterbrechen. Verstehst du, ich habe als Leibwächterin für Rek gearbeitet, damit ich bei ihm spionieren konnte. Mein eigentlicher Auftraggeber – die Person, die dir helfen wird, Naki zu finden – hat Sonea bei der Suche nach Skellin unterstützt.«

Lilia runzelte die Stirn. »Du arbeitest für die Gilde?«

»Nein. Ich arbeite für jemanden, der für die Gilde arbeitet – aber keine Sorge. Ich werde dich ihnen nicht ausliefern.«

»Warum nicht?«, fragte Lilia.

»Weil … weil ich versprochen habe, Naki für dich zu finden, und ich breche keine Versprechen.« Anyi lächelte schief. »Sie muss dir viel bedeuten, dass du so große Risiken für sie eingehst.«

Unerwartet wurde Lilias Gesicht warm. Sie nickte, wandte den Blick ab und schob die Erinnerung an einen Kuss beiseite. »Sie ist meine Freundin. Sie würde für mich das Gleiche tun.«

»Du musst es Cery erzählen«, sagte Donia.

Anyi richtete sich höher auf. »Nein. Er wird sie e


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infach Sonea ausliefern.«

Donia lächelte. »Er wird es tun wollen, aber du wirst ihn überzeugen müssen, es bleiben zu lassen.«

Anyi lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, legte die Hände zusammen und trommelte die Fingerspitzen gegeneinander. »Ich werde ihm sagen, ich hätte Lilia versprochen, dass er Naki finden würde. Gewiss würde er nicht wollen, dass ich ein Versprechen breche.«

»Du hast ihn offensichtlich noch nicht gut genug kennengelernt.« Donia kicherte. »Wenn du denkst, dass das funktionieren wird … Du musst darauf hinweisen, dass es für ihn von größerem Nutzen ist, Lilia bei sich zu behalten, als sie der Gilde zu übergeben.«

Lilia sah Donia entsetzt an. Diese Person namens Cery schien noch skrupelloser und selbstsüchtiger zu sein, als Anyi bisher hatte durchblicken lassen.

Anyi kniff die Augen zusammen. »Das kann ich tun.« Sie sah Lilia an, und ein Ausdruck der Sorge glitt über ihre Züge. »Keine Bange. Dazu wird keine schwarze Magie vonnöten sein. Oder irgendetwas, das du nicht tun darfst oder tun willst.«

Donia blickte Lilia an und nickte. »Sie hat recht. Im Gegensatz zu den meisten Männern in seiner Position hat er Grenzen, die er nicht überschreitet.«

»Sie sind lediglich ein wenig flexibler als die der meisten Menschen.« Anyi grinste und wandte sich an Donia. »Kann Lilia in der Zwischenzeit hierbleiben?«

»Natürlich.« Donia lächelte Lilia an. »Wenn du es wünschst, bist du hier willkommen. Du wirst allerdings wieder unter der Treppe schlafen müssen. Wir haben keine weiteren freien Betten.«

Lilia blickte zwischen Anyi und Donia hin und her, dann nickte sie. »Vielen Dank. Ich werde bleiben, und wenn es irgendetwas gibt, das ich tun kann, um für mein Quartier und mein Essen zu bezahlen …«

Donia machte eine wegwerfende Handbewegung. »Eine Freundin von Anyi ist eine Freundin von mir, und ich würde niemals auf die Idee kommen, eine Freundin bezahlen zu lassen.«

Anyi schnaubte. »Ich sollte Cery erzählen, dass du das gesagt hast.«

Die Frau sah Anyi mit schmalen Augen an. »Nicht wenn du nicht vorhast, für dein Bol zu bezahlen.«

Wieder im Hauptraum des Gästeflügels hörte Dannyl sich Achatis Beschreibung der Eskapaden an, in die er und der Besitzer des Gutes als junge Männer verwickelt gewesen waren. Eine Bewegung an der Tür erregte Dannyls Aufmerksamkeit, und er winkte, als er einen Sklaven zaudernd dort stehen sah.

Der Mann warf sich zu Boden. »Das Abendessen ist fertig, Meister, falls Ihr jetzt zu speisen wünscht.«

»Ja!«, sagte Achati. Er sah Dannyl an. »Ich habe mir einen gesunden Appetit geholt.«

Dannyl lächelte still in sich hinein bei dem Gedanken an Achatis stummes Versprechen. Zwar hatte Tayend den Ashaki den ganzen Tag über mit Beschlag belegt, aber irgendwann würde auch der Elyner schlafen müssen.

Vielleicht würde die Affäre mit Achati kurz sein, vielleicht würde sie in der Zukunft peinliche Konsequenzen haben, aber für den Augenblick fühlte sich alles richtig an. Außerdem,  überlegte Dannyl, waren Tayend und ich jahrelang zusammen, und die Beziehung hat trotzdem ein Ende gefunden. Und nicht ohne Schmerz und Bedauern. 

Als hätten seine Gedanken ihn herbeigerufen, kam Tayend aus seinem Zimmer. Er blinzelte sie an, und sein Blick wanderte von Achati zu Dannyl. »Tragt Ihr immer noch diese Badehausumhänge?«

Dannyl blickte an seinem Bademantel herab. Achati hatte keine Anstalten gemacht, seine übliche feine Kleidung wieder anzulegen, und so hatte auch Dannyl darauf verzichtet – und es tat ihm gut, einmal etwas anderes zu tragen als die immer gleichen Magierroben.

Achati lachte. »Es schien keinen Sinn zu machen, sich anzukleiden. In ein paar Stunden werden wir ohnehin zu Bett gehen.«

Tayend rümpfte die Nase. »Ich denke, ich werde aufbleiben. Ich habe in letzter Zeit so viel geschlafen.«

Dannyl spürte, wie seine gute Laune die ersten Risse bekam, als ihn ein bestimmter Verdacht beschlich. Er widerstand der Versuchung, zu Achati hinüberzuschauen, um festzustellen, ob diesem der gleiche Gedanke gekommen war. Wenn Tayend lange aufblieb …

»Zeit fürs Abendessen.« Achati winkte, als ein weiterer Sklave in der Tür des Hauptraums erschien. »Habt Ihr auch Hunger, Tayend?«

Ein köstlicher Geruch wehte in den Raum. Interesse spiegelte sich auf Tayends Gesicht, als er das Tablett in den Händen des Sklaven beäugte.

»Ja.«

»Dann setzt Euch und esst mit«, lud Achati ihn ein.

Tayend ließ sich auf einem Hocker nieder, und sie begannen zu essen und zu reden.

»Wie fühlt Ihr Euch?«, fragte Achati Tayend nach einer Weile. »Gab es keine Probleme mit dem Mittel gegen Seekrankheit?«

»Nein.« Der Elyner zuckte die Achseln. »Ich habe mich unmittelbar nach dem Wachwerden etwas benommen gefühlt, aber das ist nach dem Bad besser geworden. Wann brechen wir wieder auf?«

»Morgen früh.«

Tayend nickte. »Hoffen wir, dass es keine Stürme geben wird.«

»Da kann ich Euch nur zustimmen.«

»Ich werde heute Nacht wahrscheinlich lesen. Ich hatte seit unserer Abreise nur wenig Gelegenheit dazu.«

»Braucht Ihr etwas zu lesen?«, erkundigte sich Achati.

Dannyl hörte zu, während sie über Bücher sprachen und den Bericht über den Versuch, die Duna-Stämme niederzuschlagen, den Achati ihm gegeben hatte. Achati schenkte Tayend seine ungeteilte Aufmerksamkeit, aber es war auch sehr wahrscheinlich, dass Tayend den ganzen nächsten Tag verschlafen würde – und jeden weiteren Tag, den sie mit dem Schiff reisten. Falls er diesem Muster weiter folgte, würde er nicht viele Gelegenheiten bekommen, um mit Achati oder Dannyl zu reden.

Was mich, wie ich zugeben muss, selbstsüchtigerweise freut. Ich habe Achatis Aufmerksamkeit fast ganz für mich, selbst wenn wir nicht allein sind, da Tayend die meiste Zeit schläft, während wir wach sind. Alles dank des Heilmittels gegen die Seekrankheit …  

Ein Heilmittel, das Achati Tayend gegeben hat. Ich nehme doch nicht an … Könnte Achati dies beabsichtigt haben? War es eine gerissene Methode, um zu verhindern, dass Tayend ihm in die Quere kommt? Uns in die Quere kommt?  

Vielleicht war es nur eine bequeme Nebenwirkung. Schließlich hatte Achati gesagt, dass das Heilmittel nicht bei allen Menschen so stark wirke. Dannyl hatte sich erboten, Tayends Seekrankheit mithilfe von Magie zu heilen, aber der Elyner hatte abgelehnt. Tayend war zu stolz, um wegen magischer Erleichterung zu ihm zu kommen. Nicht wenn es eine Alternative gab. Hatte Achati ihn so weit durchschaut?

Was würde Tayend sagen, wenn er wüsste, worüber Achati und ich im Bad gesprochen haben?  Schwache Gewissensbisse durchzuckten Dannyl, aber er war sich nicht sicher, ob sie von der Möglichkeit herrührten, Tayend könne sich darüber aufregen, dass er einen neuen Geliebten hatte, oder ob sie ihren Ursprung darin hatten, dass er Tayends Warnung vor Achati ignorierte.

Irgendwann wird Tayend schon dahinterkommen, oder aber ich werde es ihm sagen müssen. Für den Augenblick hat Achati recht: Es wäre besser, es Tayend mitzuteilen, wenn wir nicht gerade stundenlang auf einem Schiff eingepfercht sind. Tayend wird gewiss einige missbilligende Dinge dazu zu sagen haben. Ich werde einfach erklären müssen, dass ich ihn verstehe und dass es kein Arrangement von Dauer ist. 

Bei dem letzten Gedanken durchzuckte Dannyl ein Stich. Was war, wenn es aufhörte, kein Arrangement von Dauer zu sein?

Darüber werde ich mir Sorgen machen, wenn es geschieht, denn anderenfalls werde ich kein unterhaltsamer Reisebegleiter sein. Wieder einmal.  

Im Lagerraum des Hospitals hatten sich diesmal nicht zwei, sondern vier Personen eingefunden. Sie standen um einen Tisch nahe der Tür, Sonea und Dorrien auf der einen Seite, Cery und Anyi auf der anderen. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, auf dem einzigen Stuhl Platz zu nehmen. Der andere Stuhl war verschwunden. Sonea nahm sich vor, einem der Heiler diesbezüglich Bescheid zu geben.

»Ich wünschte nur, ich hätte gewusst, dass Lorandra ihre Kräfte nicht wiederhatte«, jammerte Anyi. »Dann wäre ich nicht fortgegangen, und Ihr hättet die beiden vielleicht erwischt. Aber ich wusste nicht, ob Ihr in der Lage sein würdet, es mit beiden gleichzeitig aufzunehmen. Ich musste Euch warnen.«

Sonea lächelte. »Du konntest es nicht wissen«, erwiderte sie. »Es muss ein Schock für dich gewesen sein, dich im selben Raum mit ihr wiederzufinden. Bist du dir sicher, dass sie dich nicht von der Anhörung erkannt hat?«

Anyi runzelte die Stirn. »Ich denke nicht. Sie hat sich nicht so benommen, als habe sie mich wiedererkannt, aber sie könnte sich verstellt haben, damit ich blieb. Und sobald wir Skellin getroffen hätten, hätte sie es ihm überlassen, sich um mich zu kümmern.«

»Dann kann sie kein großes Zutrauen gehabt haben, dass Jemmi und Rek ihr glauben würden, wenn sie ihnen erklärt hätte, dass du eine Spionin seist.«

»Vielleicht haben sie sie davon überzeugt, dass ich mich gegen Cery gestellt hätte.«

»Ich an ihrer Stelle hätte darauf bestanden, dass Jemmi andere Leibwächter findet«, sagte Cery.

»Da sie das nicht getan hat, halte ich es für wahrscheinlicher, dass sie Anyi nicht erkannt hat«, erklärte Dorrien. »Sie hätte sich unwohl in der Nähe eines Menschen gefühlt, von dem sie wusste, dass er in der Vergangenheit für die Gilde gearbeitet hat, und sei es auch nur indirekt, vor allem wenn sie sich mit ihrem Sohn treffen wollte.«

»Was immer der Grund gewesen sein mag, wir haben unsere Chance, Skellin zu fangen, verpasst«, erwiderte Cery und seufzte. Dann sah er Sonea an. »Kann Skellin die Blockade in Lorandras Geist entfernen?«

»Wahrscheinlich.« Sonea blickte zu Anyi. »Hat irgendjemand Lilia erwähnt?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Nun, wollen wir hoffen, das bedeutet, dass Lorandra sich Lilias entledigt hat, sobald sie ihr nicht mehr von Nutzen war. Oder dass Lilia klug genug war, um sich von Lorandra zu trennen.«

»Oder dass Lorandra sie getötet hat, sobald sie ihr nicht mehr von Nutzen war«, fügte Dorrien grimmig hinzu.

Sonea verzog das Gesicht. »Zumindest bedeutet es, dass Lilia Lorandra nicht verraten hat, dass sie schwarze Magie erlernt hat. Oder Lorandra war nicht klar, dass das bedeutete, dass Lilia sie unterweisen könnte. Wenn sie es gewusst hätte, hätte sie Lilia nicht gehen lassen.«

»Lorandra kann nicht gewusst haben, weshalb Lilia eingekerkert worden war, wenn nicht Lilia selbst oder eine der Wachen es ihr erzählt hat«, sagte Dorrien nachdenklich. »Aber jetzt, da sich die Gerüchte über die Flucht der beiden verbreiten, wird Lorandra bald erfahren, was Lilia weiß. Wir müssen hoffen, dass sie keine Ahnung hat, wo Lilia ist, und zurückkehrt, um sie zu holen. Wir müssen Lilia so schnell wie möglich finden.«

»Nein. Müssen wir nicht.« Sonea seufzte, als alle in ihre Richtung schauten. »Schwarzmagier Kallen muss das tun. Ich soll Skellin finden.«

»Ich nehme an, das bedeutet, dass du dich mit Kallen treffen und ihm erzählen musst, was gestern Nacht geschehen ist«, vermutete Cery.

»Ja. Ohne weitere Verzögerung.«

Er nickte und machte eine Handbewegung, als wolle er sie aus dem Raum scheuchen. »Dann geh.« Er sah Anyi an. »Wir haben dir sonst nichts zu sagen.« Anyi schüttelte zustimmend den Kopf.

»Geh doch selber«, erwiderte Sonea und ahmte seine Handbewegung nach. »Du bist in meinem  Hospital, schon vergessen?«

Er grinste. »Oh, das ist richtig.«

Er drehte sich um und führte Anyi zu der Geheimtür, durch die er den Raum betreten hatte. Sonea wartete, bis die beiden verschwunden waren und die Tür geschlossen, dann wandte sie sich an Dorrien. »Hat man dich Kallen schon vorgestellt?«

Er trat vor und öffnete ihr die Tür. »Nein. Sollte ich irgendetwas wissen, bevor ich ihm begegne?«

Sie ging in den Flur hinaus, sah eine Heilerin näher kommen und änderte ihre Meinung, was das betraf, was sie zu sagen beabsichtigte.

»Nur dass er nicht viel Sinn für Humor hat.«

»Das habe ich schon einmal gehört«, bemerkte Dorrien, während er ihr den Flur entlang folgte. »Obwohl, wenn ich jetzt darüber nachdenke, du warst diejenige, die das gesagt hat.«

»Er nimmt seine Aufgabe sehr ernst.«

»Das ist doch gewiss gut so.«

Sonea sah ihn an. Er grinste. Sie schüttelte den Kopf. »Es gibt Grenzen.«

»Was die Frage betrifft, eine Aufgabe ernst zu nehmen?«

»Was die Frage betrifft, mich aufzuziehen und damit durchzukommen«, erwiderte sie schroff. Sie traten auf die Straße hinaus. Die Kutsche, in der sie gekommen war, wartete dort, da Sonea für gewöhnlich darauf bestand, dass Dorrien seine Schicht beendete und nach Hause fuhr, sobald sie eingetroffen war. Sie wies den Fahrer an, zur Gilde zurückzukehren, dann stieg sie hinter Dorrien in den Wagen.

»Irgendetwas an dieser ganzen Angelegenheit kommt mir merkwürdig vor«, sagte Dorrien, nachdem die Kutsche losgefahren war.

Sie sah ihn an. »Wovon sprichst du?«

»Von gestern Nacht.« Er runzelte die Stirn und schaute aus dem Fenster, aber die Art, wie er das tat, legte die Vermutung nahe, dass er in Gedanken versunken war. »Anyis Geschichte. Vielleicht war es die Art, wie sie sie erzählt hat. Sie hat Dinge immer wieder neu formuliert oder mitten im Satz innegehalten, als müsse sie sich daran hindern, etwas zu sagen.«

Sonea dachte an die Begegnung zurück. Ihr war nichts Seltsames in Anyis Benehmen aufgefallen. Anyis Beschreibung der Ereignisse war stockend gewesen, aber Sonea hatte angenommen, dass der Grund dafür ihre Schwierigkeiten waren, ihre Verdächtigungen und die impulsiven Entscheidungen, die sie getroffen hatte, in Worte zu fassen.

»Vielleicht war sie nervös«, sagte Sonea. »Sie weiß, dass ich früher in den Hüttenvierteln gelebt habe, dass du jedoch aus den Häusern stammst.« Sie hielt das zwar nicht für wahrscheinlich, aber vielleicht hing Anyis normalerweise so direktes Benehmen auch davon ab, mit wem sie zu tun hatte.

Die Falte zwischen Dorriens Augen verschwand nicht. Er schüttelte den Kopf. »Mag sein. Aber ich denke, es steckt mehr dahinter, als sie uns erzählt hat. Hältst du es für möglich, dass sie erpresst wird?«

Soneas Magen krampfte sich zusammen. Seltsamerweise ließ diese Idee sie an Lorkin denken. Obwohl er gesagt hat, er werde sich den Verräterinnen aus freien Stücken anschließen, bedeutet es immer noch, dass andere sein Leben in Händen halten. Ich wünschte, ich hätte eine Nachricht von ihm bekommen.  

»Alles ist möglich«, antwortete sie. »Aber wenn Skellin jemanden erpressen wollte, hätte ich erwartet, dass es Cery sein würde. Und wenn er Cery erpresst hätte, hätte er Anyi irgendwo eingesperrt und gedroht, sie zu töten, falls Cery nicht tat, was er wollte.«

Dorrien wirkte keineswegs überzeugt, aber er sagte nichts mehr. Die Straßen Imardins waren still. Jene, die die Wahl hatten, hielten sich in ihren Häusern auf, wo es warm war. Als die Kutsche durch das Gildetor rumpelte, begann es leicht zu schneien.

Sie gingen durch die Universität, über den Innenhof und zu den Magierquartieren. Sonea führte Dorrien zu Schwarzmagier Kallens Tür und klopfte an. Als die Tür nach innen aufschwang, drang ein würziger, rauchiger Geruch an ihre Nase.

Ein kalter Schauer überlief sie. Sie hatte noch nie den Rauch von Feuel gerochen, aber sie hatte viele, viele Male die Reste der Droge an Kleidungsstücken wahrgenommen. Bei der Erinnerung an Anyis Geschichte, dass sie Schwarzmagier Kallen beim Erwerb von Feuel beobachtet habe, verwandelte sich Soneas Erschrecken in Abscheu, als sie sah, dass Kallen und zwei mit ihm befreundete Magier und Assistenten in seinem Gästezimmer saßen und an kunstvoll verzierten Rauchpfeifen saugten. Kallen nahm seine Pfeife aus dem Mund und lächelte höflich.

»Schwarzmagierin Sonea«, begrüßte er sie und stand auf. »Und Lord Dorrien. Kommt herein.«

Sonea zögerte, dann zwang sie sich, den Raum zu betreten. Angesichts ihrer Kenntnisse über Feuel wollte sie nichts von dem Rauch einatmen, selbst wenn er wahrscheinlich zu schwach war, um sich auf ihren Geist auszuwirken.

»Was können wir für Euch tun?«, fragte Kallen.

»Wir sind hergekommen, um Euch über einen gescheiterten Hinterhalt zu berichten, den wir in der vergangenen Nacht versucht haben«, antwortete Dorrien. Sonea sah ihn an, und er erwiderte ihren Blick mit einem Kopfschütteln.

Nachdem sie sich wieder auf den Grund ihres Besuchs besonnen hatte, beschrieb Sonea das geplante Treffen und warum es gescheitert war. Kallen stellte alle Fragen, die sie erwartet hatte, und sie war erleichtert, als klar wurde, dass sie fertig waren und sie gehen konnten. Kallen bedankte sich bei ihr für die Informationen und versicherte ihr, dass er alles in seiner Macht Stehende tun werde, um Lilia und Naki zu finden.

Wieder im Flur ließ Sonea ihrem Zorn freien Lauf. »Ich kann nicht fassen, dass er in seinem eigenen Quartier  gesessen und Feuel geraucht hat!«, sagte sie. Was als ein Flüstern gedacht gewesen war, kam jedoch als ein Zischen über ihre Lippen.

»Es gibt kein Gesetz dagegen«, bemerkte Dorrien. »Tatsächlich lassen diese Pfeifen es beinahe respektabel aussehen.«

»Aber … begreift denn niemand, wie gefährlich es ist?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Selbst jene, die sehen, dass es eine üble Wirkung auf gewöhnliche Menschen hat, gehen davon aus, dass es nicht schlimmer als Alkohol sei, wenn es in Maßen und von vernünftigen Leuten benutzt wird – wie von Magiern.« Dorrien sah sie an. »Wenn es wirklich gefährlich ist, dann sollte Lady Vinara das ganz klar sagen.«

Sonea seufzte. »Das wird nicht geschehen, es sei denn, Magier finden sich bereit, sich untersuchen zu lassen. Diejenigen, die Feuel benutzen, weigern sich, und es wäre ungerecht, die, die es eigentlich nicht benutzen, möglicherweise in eine dauerhafte Abhängigkeit zu führen.«

»Das könnte sich ändern. Du brauchst nur einen Magier, der versucht, sich die Droge abzugewöhnen, und feststellt, dass er dazu nicht in der Lage ist.« Er blickte nachdenklich drein. »Ich werde mich umhören. Es könnte sein, dass sich einige bereits an diesem Punkt befinden und es ihnen zu peinlich ist, etwas zu sagen.«

Sie brachte ein Lächeln zustande. »Danke.«

»Als ob du noch ein weiteres drängendes Problem in deinem Leben gebrauchen könntest«, fügte er hinzu. Dann stahl sich ein wachsamer, zögernder Ausdruck in seine Züge.

»Was?«, fragte sie.

»Es ist nur … nun … wusstest du, dass das Parfüm, das du benutzt, aus Feuel-Blüten gewonnen wird?«

Sonea blieb stehen und starrte ihn an. »Nein …«

Er wandte schuldbewusst den Blick ab. »Ich hätte es dir schon früher sagen sollen. Ich war vor ein oder zwei Wochen in einer Parfümerie, und ich habe den Duft erkannt. Also habe ich gefragt, was es ist.«

Sie schüttelte den Kopf und schloss die Augen. »Von allen Parfüms kaufe ich ausgerechnet dieses. Aus einer Laune heraus. Nur weil ich beschäftigt wirken musste. Ich schätze, ich sollte es wegwerfen.«

»Das wäre schade.«

Sie blinzelte ihn fragend an. Zu ihrer Erheiterung wandte er den Blick ab.

»Es gefällt dir?«

Er schaute sie an, dann sah er wieder weg. »Ja. Du hast früher nie Parfüm benutzt. Es ist … schön.«

Erheitert setzte sie sich wieder in Bewegung. Sie verließen die Magierquartiere und gingen auf die Universität zu.

»Also, warum warst du in einer Parfümerie? Um ein Geschenk für Alina zu kaufen?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich wollte sehen, ob ich vielleicht etwas für Tylia bekommen kann. Für ihre Aufnahmezeremonie.«

»Ah.« Sie nickte. »Also nicht der übliche elegante Schreibstift?«

»Nein.«

Den Rest des Weges bis zur Kutsche schwieg er; wahrscheinlich dachte er darüber nach, dass er eine Tochter hatte, die bereits alt genug war, um Novizin zu werden. Sie erinnerte sich daran, wie sie sich gefühlt hatte, als Lorkin sein Gelübde abgelegt und seine ersten Roben bekommen hatte. Der Stolz, den sie empfunden hatte, wurde getrübt durch die Erinnerung daran, dass sie dieses Gelübde gebrochen hatte, die Erinnerung an den Tag, an dem die ganze Gilde vorbeimarschiert war und ihre und Akkarins Roben in einer symbolischen Geste der Zurückweisung zerrissen hatte, bevor man sie beide in die Verbannung schickte.

Wie damals schob sie diese Erinnerung beiseite. Lorkin mochte in eine verborgene Rebellenstadt gegangen sein, aber es hatte keine ernsthaften Gespräche darüber gegeben, ihn aufgrund seiner Entscheidung zu verbannen. Was beruhigend war. Wenn die Gilde immer noch glaubte, dass er den Weg zurück nach Hause finden würde, dann fiel es ihr selbst viel leichter, es ebenfalls zu glauben.

22

In guter Gesellschaft

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Etwas strich über Lorkins Sinne. Er ignorierte es, aber das Gefühl kam wieder, und etwas daran ließ seine Haut kribbeln. Die Störung war ärgerlich, aber wie man ihn gelehrt hatte, akzeptierte er sie und löste seinen Geist vorsichtig von dem wachsenden Edelstein.

Während seine Umgebung wieder in sein Bewusstsein drang, öffnete er die Augen und hielt in der Höhle Ausschau nach der Quelle der Störung. Es waren nicht die Steinemacher, die in der Nähe saßen. Sie sahen sich auf die gleiche Weise um wie er. Er war sich ziemlich sicher, dass es auch nicht die beiden Magierinnen an der Tür waren, obwohl ihre Haltung darauf schließen ließ, dass sie miteinander geredet hatten. Er hatte schon vor Tagen gelernt, Gespräche in der Nähe auszublenden.

Jetzt lauschte er und stellte fest, dass er ein schwaches, leises Geräusch hören konnte. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er unter den Händen, den Füßen und durch den Stuhl eine Vibration spüren konnte.

Sofort begann sein Herz zu rasen, und er zog hastig Magie in sich hinein und umgab sich mit einer starken Barriere.

Ein Beben,  dachte er. Wie schlimm es wohl sein mag? 

Nicht schlimm genug, um die anderen Magier dazu zu treiben, aus der Stadt zu fliehen, wie er feststellte. Wurden die Nichtmagier gerade in diesem Moment evakuiert? Als er das Tal draußen das letzte Mal gesehen hatte, hatte es unter einer tiefen Schneedecke gelegen. Der Gedanke an das, was geschehen könnte, sollte die ganze Stadt einstürzen und die gesamte Einwohnerschaft in der grimmigen Kälte enden, ließ ihn schaudern. Die Stadt hatte über viele Jahrhunderte hinweg überlebt, wenn auch mit einigen Zerstörungen. Das bedeutete nicht, dass es niemals einen Tag geben würde, da ein Beben stark genug war, um sie zu vernichten …

Es unterstreicht, warum einige Menschen hier glauben, dass die Verräterinnen das Sanktuarium irgendwann verlassen müssen.  

Er schaute sich im Raum um. An den Wänden glitzerten kristalline Punkte reflektierten Lichts. Diese Auswüchse waren für ihn nicht länger lediglich ein buntes Geheimnis. Er wusste, was aus den Steinen jeden Bereichs einmal werden sollte – für welche magische Aufgabe sie herangebildet wurden.

Zwei Arten wurden hergestellt: gemusterte und mit Macht erfüllte. Den gemusterten Steinen hatte man lediglich die Fähigkeit zur Formung von Magie verliehen. Der Benutzer sandte Magie in den Stein, und der Stein formte diese Macht zu etwas Körperlichem: Gewalt, Hitze, Licht und verschiedenen vertrauten Kombinationen. Die Intensität des Ergebnisses wurde damit kontrolliert, wie viel Magie man in den Stein gab. Das war es, was Magier taten, wenn sie Magie aus sich selbst heraus kanalisierten, so dass die gemusterten Steine für einen Magier keinen großen Nutzen hatten, es sei denn, er oder sie hatte noch nicht gelernt, wie man Magie zu einem bestimmten Zweck formte, oder beherrschte dieses Formen noch nicht ausreichend. Für einen Nichtmagier waren diese Steine vollkommen nutzlos, da sie keine Magie aus sich selbst heraus kanalisieren konnten und ohnehin kaum über formbare Magie verfügten.

Ich habe nicht lange gebraucht, um zu begreifen, wie nützlich es wäre, Edelsteine für die Heilung zu züchten, also vermute ich, dass das auch einigen Verräterinnen bereits in den Sinn gekommen ist. Aber die Komplexität der Aufgabe, für die man einen Stein züchten kann, scheint ihre Grenzen zu haben; wenn also heilende Steine gemacht würden, könnten sie nur grundlegende Aufgaben erfüllen. 

Die zweite Art von Steinen – die, die mit Macht gefüllt wurden – war für einen Magier von weitaus größerem Nutzen. Man lehrte sie, die gleiche Art von Aufgaben zu erfüllen, aber zusätzlich tränkte der Schöpfer sie mit seinem eigenen Vorrat an Magie. Doch diese Magie wurde mit der Verwendung erschöpft. Wenn Steine gut gemacht waren, konnte man sie von neuem mit Magie tränken; weniger erfolgreiche Steine taugten nur für eine einmalige Benutzung. Manchmal stellte man bewusst solche Steine her, wenn das, wozu sie benutzt wurden, sie zerstörte, aber die Mehrheit der mit Macht getränkten Steine war dazu bestimmt, wieder aufgefüllt zu werden.

Ganz ähnlich hält die Gilde die Arena aufrecht und jedwede andere mit Magie gestärkten Gebäude. Die Gebäude verlieren sehr langsam Magie, aber die Arena und die Barriere um sie herum werden während Kriegerlektionen und beim Training gelegentlich attackiert und müssen ständig neu gestärkt werden. 

Die beiden Nutzungsweisen von Magie – zur Stärkung von Gebäuden und zur Herstellung von Steinen – waren einander so ähnlich, dass Lorkin es erstaunlich fand, dass die Gilde noch nie zuvor über Letzteres gestolpert war, bis ihm der Gedanke kam, dass es in Kyralia keine Höhlen voller natürlich auftretender Edelsteine gab. Sie konnten nicht mit importierten Steinen arbeiten, da diese, bis sie in Form von Schmuck in die Hände von Magiern gelangten, zu alt waren, um noch wirksam beeinflusst werden zu können.

Das andere Hindernis war der Umstand, dass der Architekt, der die Methode erfunden hatte, Stein mit Magie zu stärken, in einer Ära gelebt hatte, in der schwarze Magie verboten gewesen war. Ein Frösteln überlief Lorkin, als er sich daran erinnerte, wie mühelos und schnell er die Idee hinter der schwarzen Magie begriffen hatte. In weniger als einer Stunde hatte er seine Gelübde als Magier und ein jahrhundertealtes Tabu gebrochen.

Und trotz allem war es eine gewisse Enttäuschung. Ich bin nicht stärker geworden. Ich habe keine neuen Fähigkeiten gewonnen. Die schwarze Magie versetzt mich lediglich in die Lage, den Prozess des Steinemachens leichter zu verstehen und anzuwenden – einen Prozess, der für die Gilde nur von begrenztem Nutzen sein wird, es sei denn, man entdeckte in Kyralia Höhlen mit Edelsteinen oder fände heraus, wie man solche Steine sonst noch züchten könnte. 

Außerdem hatte das Erlernen von schwarzer Magie ihm eine realistischere Anschauung der Magie in ihm selbst vermittelt, eine realistischere Betrachtung seiner eigenen Stärken und Verletzbarkeiten. Er hielt es für möglich, einen Stein großzuziehen, um eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, ohne schwarze Magie zu kennen, aber es wäre wahrscheinlich so, als arbeite er blind – unmöglich zu erkennen, ob er es richtig hinbekam, wie viel Magie der Stein aufnehmen konnte oder wann er einsatzbereit war.

Er schaute auf den kleinen grünen Edelstein in seinen Händen hinab. Während des größten Teils des Prozesses musste er damit arbeiten, während die Steine noch an der Wand saßen, und einige Male hatte er sie unter den Massen von Steinen dort verloren. Wenn er genügend lange auf sie eingewirkt hatte, konnten sie abgenommen und am Tisch weiterbearbeitet werden.

Lange Phasen ungebrochener Konzentration waren vonnöten. Er verstand jetzt, warum Tyvara gesagt hatte, sie habe keine Geduld für diese Arbeit. Sprecherin Halana hatte ihm außerdem erklärt, dass die Herstellung von Steinen, die Hitze oder explosive Gewalt produzierten, gefährlich sein konnte, wenn der Schöpfer in seiner Konzentration nachließ, zu viel Magie in einem Stein gelagert wurde oder der Stein mangelhaft war. Das war der Grund, warum ein Teil des Prozesses in entlegenen Höhlen vonstattenging, zu denen jeweils nur die dort arbeitenden Steinemacher Zutritt hatten.

Lorkin stellte gerade einen Leuchtstein her. Obwohl es schwieriger war, lehrte man ihn auch, wie er ihn mit Magie tränken konnte. Außerdem war es ein wenig gefährlich für einen noch in der Lehrzeit befindlichen Steinemacher, einen mit Macht getränkten Stein herzustellen, denn wenn er die Steine mit zu viel Macht tränkte oder nicht konzentriert genug arbeitete, konnte der Stein explodieren. Er hätte für diese Aufgabe auch einen Duplikatorstein benutzen können, mit dem sich beliebig viele Kopien des in ihnen gespeicherten Musters schaffen ließen – insbesondere solche Steine, die für eine komplexe Magie herangebildet werden sollten. Sprecherin Halana bestand jedoch darauf, dass alle Schüler zuerst lernten, wie man einen Stein ohne die Hilfe von Duplikatoren schuf, damit sich niemand allzu sehr auf diese Methode verließ.

Die Vibrationen waren jetzt verebbt. Lorkin blickte sich im Raum um. Die anderen Steinemacher waren an ihre Arbeit zurückgekehrt und hielten den Kopf über die Tische gesenkt. Er holte tief Luft und begann mit einer geistberuhigenden Übung. Er wusste nicht, ob die Verräterinnen ähnliche Übungen kannten, aber die einfachen Übungen, die man ihn an der Universität gelehrt hatte, erwiesen sich jetzt als sehr nützlich.

Als er gerade seinen Geist wieder in den Stein senden wollte, hörte er, wie jemand seinen Namen murmelte. Er


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schaute auf. Sprecherin Halana kam auf ihn zu.

»Wie kommst du zurecht, Lorkin?«, fragte sie, als sie seinen Tisch erreichte.

»Gut, Sprecherin Halana«, antwortete er. »Nun, bisher ist nichts schiefgegangen.«

Sie lächelte schwach, mit einem inzwischen vertraut gewordenen dunklen Humor, und griff nach dem Stein. Alle bis auf die jüngsten Steinemacher hatten einen ähnlichen fatalistischen Humor, wie ihm aufgefallen war. Obwohl Unfälle selten waren, kamen sie durchaus vor. Lorkin hatte einige übel vernarbte Frauen durch die Höhlen gehen sehen. Einmal hatte eine der jüngeren Steinemacherinnen ihm zugeflüstert, dass einige ihrer Kolleginnen nicht nur deshalb allein arbeiteten, weil sie gefährliche Ablenkungen vermeiden wollten, sondern weil sie es vorzogen, wenn andere ihre Narben nicht sahen. Einige von ihnen aßen, schliefen und arbeiteten auf Dauer in den inneren Höhlen, die sie so gut wie nie verließen.

Nachdem Halana den Stein aufmerksam betrachtet hatte, legte sie ihn wieder auf den Tisch. »Du machst deine Sache gut«, sagte sie. »Er ist ein wenig besser als die ersten Steine. In einigen Tagen sollten wir in der Lage sein, ihn zu aktivieren.«

Er lächelte. »Und dann?«

Sie hielt seinem Blick stand, hielt kurz inne und zuckte dann die Achseln. »Dann wirst du zu größeren Aufgaben weitergehen. Ich werde morgen wieder nach dir sehen.«

Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging zur nächsten Schülerin weiter. Lorkin beobachtete sie und stellte Spekulationen über diese Pause nach seiner Frage an. Es war beinahe so, als habe die Frage sie überrascht, als habe sie angenommen, dass er es bereits wüsste.

Vielleicht hat sie nicht so weit vorausgedacht. Oder sie ist nicht an Schüler gewöhnt, die wissen wollen, was sie als Nächstes lernen werden. Oder die Antwort ist ziemlich offensichtlich. 

Achselzuckend wandte er sich wieder dem Stein zu und beschloss, später darüber nachzudenken.

Mit ein wenig Magie erwärmte Lilia das Wasser in dem Eimer. Sie wagte nicht, es zu sehr zu erhitzen, damit die Diener das Wasser nicht dampfen sahen und daraus schlussfolgerten, dass Lilia nicht in die Küche gegangen war, um es zu erwärmen. In diesem Fall würden sie anfangen, sich Fragen zu stellen, was sie betraf. Sie kniete sich auf den Boden, tauchte ein Tuch in das Wasser und begann zu wischen und zu schrubben.

Eine Woche lang lebte Lilia nun schon in dem Bolhaus, schlief unter der Treppe und tat so, als sei sie eine der Putzfrauen. Donia war überrascht gewesen, als Lilia diese List vorgeschlagen hatte, bis sie erfuhr, dass Lilia aus einer Familie von Dienstboten stammte. Anyi war nach dem ersten Abendessen verschwunden, und als sie am nächsten Morgen zurückgekommen war, hatte es sie verärgert zu sehen, dass Lilia in der Küche Töpfe schrubbte. Lilia musste ihr die Idee ausreden, Donia zurechtzuweisen.

»Du bist eine Magierin«, sagte Anyi so leise, dass die anderen Diener es nicht hören konnten. »Es sollte keine Rolle spielen, ob du als Dienstbotin geboren wurdest oder nicht.«

»Tatsächlich bin ich keine Magierin – jedenfalls keine Gildemagierin«, bemerkte Lilia. »Sie haben mich hinausgeworfen, erinnerst du dich? Es macht mir nichts aus, diese Arbeiten zu verrichten, und ich kann kaum erwarten, ohne Gegenleistung hierbleiben zu dürfen.«

Anyi hatte Lilia von ihrem Treffen mit Cery erzählt. Er hatte sich einverstanden erklärt, der Gilde nicht zu verraten, dass Anyi Lilia gerettet hatte und wusste, wo sie war. Lilia konnte sich einer gewissen Neugier, was den Mann betraf, nicht erwehren. Anyi hatte klare Ansichten darüber, was Recht und was Unrecht war, und Lilia konnte sich nicht vorstellen, dass sie für jemanden arbeitete, der ihren Idealen nicht zustimmte. Nach dem, was Anyi von Cery erzählt hatte, arbeitete er unter großen Risiken für sich selbst darauf hin, dass die Unterwelt keine Magie in die Hände bekam. Donia dagegen schien Cery für pragmatischer – vielleicht sogar für skrupelloser – zu halten, als Anyi glaubte.

Ein Stiefel tauchte an ihrer Seite auf. Erschrocken zuckte sie zusammen, und ein schriller kleiner Schrei drang ihr über die Lippen. Als sie aufblickte, sah sie zu ihrer Überraschung, dass der Stiefel Anyi gehörte.

»Du hast mich erschreckt«, sagte sie tadelnd und warf den Lappen wieder in den Eimer. »Kannst du nicht ein ganz klein wenig Lärm machen, wenn du hinter mich trittst?«

»Tut mir leid.« Anyi sah jedoch nicht so aus, als täte es ihr leid. Sie wirkte selbstgefällig. »Teil meiner Arbeit. Ich vergesse, dass ich es tue.« Sie betrachtete den Eimer und den nassen Boden. »Sieht so aus, als käme ich genau zum richtigen Zeitpunkt. Was ist es diesmal, das Donias Gäste dir zum Saubermachen dagelassen haben?«

Lilia verzog das Gesicht. »Das willst du gar nicht wissen. Und es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, wenn du hergekommen wärst, bevor  ich die Schweinerei sauber machen musste.«

»Ich entschuldige mich dafür. Das nächste Mal werde ich versuchen, rechtzeitig aufzutauchen.« Sie grinste. »Bist du fertig? Wir müssen zu einem Treffen gehen.«

Lilias Herz setzte einen Schlag aus. »Ein Treffen mit Cery?«

»Ja.« Anyi zog die Augenbrauen hoch. »Du scheinst ganz erpicht darauf zu sein, ihn kennenzulernen.«

Lilia stand auf. »Nur weil du ihn so schilderst, als sei er ein interessanter Mensch.«

»Tue ich das? Nun, verrat ihm das nicht.« Anyi bückte sich, um den Eimer hochzuheben, aber Lilia schob ihn mit Magie außer Reichweite.

»Ich  bin die Dienerin, vergiss das nicht. Ich stelle eben noch schnell den Eimer weg, bevor wir gehen.« Sie hob ihn hoch und machte sich auf den Weg die Treppe hinunter. Anyi brummte leise vor sich hin, während sie ihr folgte.

Sobald sie den Eimer ausgespült und auf den Eimerstapel zurückgestellt hatte, borgte Lilia sich einen schweren Umhang von Donia, dann führte Anyi sie durch eine Hintertür in eine Gasse hinaus, nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass niemand sie beobachtete. Die Luft war sehr kalt, und Lilia musste der Versuchung widerstehen, sie zu erwärmen. Um ihr Unbehagen und ihre Frustration darüber, keine Magie benutzen zu können, noch zu verschlimmern, begann es zu regnen.

Die Gasse war menschenleer, wenn auch voller Abfälle und Kisten.

»Du musst einige Dinge wissen«, sagte Anyi leise. »Ich habe versucht, dieses Treffen zu verhindern, und zwar aus zwei Gründen …«

Sie hielt inne, als sie das Ende der Gasse erreichten, und überprüfte die Querstraße, bevor sie in eine weitere, noch schmalere Gasse traten.

»Erstens, mein Arbeitgeber versteckt sich ebenfalls. Es ist ein Risiko, dich zu ihm zu bringen. Dahinter steht folgende Überlegung: Wenn man zwei gesuchte Personen zusammenbringt, verdoppelt sich das Risiko, dass sie beide gefunden werden. Aber es ist sicherer, dich zu ihm zu bringen, als andersherum. Die Leute, die dich finden wollen, wollen dich einsperren. Die, die ihn finden wollen, wollen ihn töten.«

»Skellin will …?«

»Psst. Sprich seinen Namen nicht aus. Der Regen überdeckt unsere Stimmen, aber einige Worte erregen größere Aufmerksamkeit als andere. Doch … ja.« Anyi spähte um eine Ecke, dann ging sie weiter. »Er ist sehr mächtig, musst du wissen.« Anyi sah Lilia an. »Der mächtigste Dieb in der Stadt. Er hat überall Verbündete, hochgestellte und niedere.«

»Also … wenn dein Arbeitgeber sich versteckt und der mächtigste Dieb – der außerdem ein Magier ist – ihm im Nacken sitzt, wie wird er mir dann helfen können, Naki zu finden?«

Anyi blieb stehen und drehte sich zu Lilia um. »Er hat ebenfalls Verbündete. Nicht so viele, aber es sind verlässliche Leute. Die übrigen würden dich sofort ihm  übergeben wollen.«

Lilia starrte die Frau an. Sie hatte Anyi offensichtlich gekränkt, indem sie Cerys Fähigkeiten infrage stellte. Was durchaus in Ordnung ist … Aber irgendetwas sagt mir, dass hinter ihrer Beziehung zu diesem Cery mehr steckt, als sie erkennen lässt. 

»Du bist ihm sehr treu ergeben, nicht wahr?«, bemerkte sie.

Anyi holte tief Luft und stieß den Atem dann wieder aus. »Ja. Ich schätze, das bin ich.« Ihr Gesichtsausdruck war seltsam nachdenklich, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung.

Lilia bemerkte, dass es aufgehört hatte zu regnen, was eigentlich eine Erleichterung hätte sein sollen, nur dass es jetzt schneite und noch kälter wurde. Sie stieß die Hände tief in die Umhangtaschen und bedauerte es dann, als sich ihre Fingernägel an deren Grund in Sand bohrten.

»Gut«, sagte Anyi, mehr zu sich selbst als zu Lilia. »Ich hatte auf Schnee gehofft. Er wird die Leute von der Straße fernhalten.« Sie zog sich die Kapuze ihres Umhangs über den Kopf.

»Also, was ist der zweite Grund?«, fragte Lilia.

Anyi runzelte die Stirn. »Der zweite Grund wofür?«

»Dieses Treffen zu vermeiden.«

»Ach ja.« Anyi verzog das Gesicht. »Obwohl er gesagt hat, er würde es nicht tun, war ich mir nicht ganz sicher, ob er dich nicht doch ausliefern würde.«

An die Gilde,  beendete Lilia im Geiste den Satz. »Also bist du ihm treu ergeben, aber du vertraust ihm nicht.«

»Oh doch, das tue ich«, versicherte Anyi ihr. »Ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Das Problem ist, ich würde ihm nicht das Leben der meisten anderen Menschen anvertrauen.«

»Das ist nicht sehr beruhigend.«

»Das ist mir klar. Aber du solltest es wissen. Er ist, was er ist.«

Eine Möglichkeit blitzte in Lilias Geist auf. »Ein Dieb?«

Anyi sah Lilia an und runzelte die Stirn. »War ich so durchschaubar?«

Lilia lächelte. »Entweder das, oder ich werde langsam besser in diesem Spiel.«

»Macht es dir etwas aus?«

»Nein. Ich habe erwartet, dass ich, um Naki zu finden, mit einigen zwielichtigen Leuten würde zusammenarbeiten müssen.«

»Ich dachte mir, dass du mit so etwas gerechnet hast, da du bereit warst, diesem mörderischen Weib zu vertrauen, obwohl du gewusst hast, wer sie war.«

»Ich habe L… dieser Frau nicht vertraut«, korrigierte Lilia sie. »Ich bin ein Risiko eingegangen, weil mir keine andere Möglichkeit einfiel, Naki zu finden.« Sie sah Anyi an. »Also, woher weißt du, dass Cery mich heute nicht an die Gilde ausliefern wird?«

Anyi kicherte. »Ich habe ihm einen guten Grund gegeben, dich zu behalten.«

»Was ist das für ein Grund?«

»Wir werden dich als Köder benutzen, um Skellin in die Falle zu locken.«

Lilia blieb stolpernd stehen. »Ihr werdet …«

»Anyi!«

Eine Frau war vor ihnen in die Gasse getreten, wo sie auf eine andere Straße traf. Sie drehten sich beide zu ihr um. Die Frau war hochgewachsen und sehr dünn, und nachdem sie einen flüchtigen Blick auf Lilia geworfen hatte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Anyi.

Anyi fluchte leise. »Heyla. Folgst du mir?«

Die Frau zuckte nicht mit der Wimper. »Ja. Ich will mit dir reden.«

Anyi verschränkte die Arme vor der Brust. »Dann rede.«

Heyla sah Lilia an. »Unter vier Augen.«

Seufzend ging Anyi bis zur Ecke und blieb stehen. »Das muss reichen.«

Die Frau machte ein Gesicht, als würde sie vielleicht protestieren, doch dann schüttelte sie den Kopf und eilte zu Anyi hinüber.

Die beiden begannen sich leise zu unterhalten. Lilia konnte nur einige wenige Worte auffangen. Heyla sagte mehrmals: »Es tut mir leid.« Während Lilia das Gesicht der Frau beobachtete, las sie in deren Zügen Schuldgefühle, Bedauern und, seltsamerweise, Verlangen. Die Schultern der Frau hingen herunter. Ihre Hände bewegten sich schnell, und an einem Punkt streckte sie den Arm nach Anyi aus, nur um ihn hastig zurückzureißen.

Anyi dagegen wirkte gelassen und aufmerksam, aber etwas an der Anspannung in ihrem Kiefer und ihren schmalen Augen deutete darauf hin, dass sie sich über irgendetwas ärgerte und diesen Ärger verbarg. Je länger Lilia Anyi beobachtete, umso größer wurde ihre Überzeugung, dass sie im Gesicht ihrer Retterin noch etwas anderes sah. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob es Hoffnung oder Schmerz war. Dann sagte die Frau etwas, und Anyi zuckte zusammen und schüttelte den Kopf.

Plötzlich deutete die Frau mit einer aggressiven Gebärde auf Anyi und murmelte einige leise Worte.

Anyi lachte bitter auf. »Wenn du ihn finden kannst, sag ihm, er sei ein Bastard. Er wird wissen, warum.«

Die Frau drehte sich wieder zu Lilia um. »Was ist mit ihr? Ist sie eine Kundin? Sollte ich sie warnen, ihr Schlafzimmer verschlossen zu halten? Oder ist sie meine Nachfolgerin?«

»Nun, sie hat sich noch nicht in eine verräterische, diebische Fäule-Süchtige verwandelt«, knurrte Anyi zur Antwort.

Heyla fuhr zu Anyi herum, eine Hand zur Faust geballt. Aber mit einer winzigen Veränderung ihrer Haltung war Anyi plötzlich kampfbereit. Heyla stutzte und trat zurück.

»Hure!«, zischte sie, dann stolzierte sie davon.

Anyi schaute der Frau nach, bis sie ein gutes Stück weit die Durchgangsstraße hinunter verschwunden war, dann winkte sie Lilia heran. »Wir sollten besser die Augen offen halten«, sagte sie. »Sie könnte versuchen, uns zu folgen – oder uns von jemand anderem beobachten lassen.«

Sie ging wieder in die Gasse, dann nahm sie einen schmalen, überdachten Durchgang zwischen zwei Gebäuden, der in eine weitere Gasse führte.

»Wer ist sie?«

»Eine alte Freundin, ob du es glaubst oder nicht.« Anyi seufzte. »Wir haben uns einmal nahegestanden. Dann hat sie versucht, mich an unsere Feinde zu verkaufen, für Geld zum Kauf von Fäule.«

»Was wollte sie gerade?«

»Geld. Wieder einmal.«

»Sie hat dich bedroht?«

»Ja.«

»Wenn du mir diese Bemerkung verzeihen willst«, sagte Lilia, »aber du hast ungefähr genauso viel Glück bei der Wahl deines Umgangs wie ich.«

Anyi lächelte nicht. Stattdessen blickte sie bekümmert drein, und Lilia bereute ihre Worte.

»Es tut mir leid.«

»Schon gut. Ich bin über sie hinweg«, sagte Anyi und beschleunigte ihre Schritte. Lilia fiel zurück, dann zwang sie ihre Beine, sich schneller zu bewegen, damit sie Anyi einholen konnte.

Ich bin über sie hinweg?,  dachte sie. Das klingt nach etwas, das Leute sagen, wenn … Moment mal. Was hat Heyla noch gesagt? ›Sollte ich sie warnen, ihr Schlafzimmer verschlossen zu halten? Oder ist sie meine Nachfolgerin?‹ Das konnte etwas anderes bedeuten, aber … 

Als ihr eine andere mögliche Bedeutung hinter den Worten der Frau dämmerte, konnte sie nicht umhin, nach vorn zu blicken, zu ihrer Führerin, und zu spekulieren. Vielleicht liege ich falsch mit dem, was ich über sie und Cery gedacht habe.  Anyi war keine große Schönheit, aber sie war … beeindruckend.  Gefasst, stark und klug. Tatsächlich, wenn Naki nicht wäre … Nein, denk so etwas nicht. 

Denn es war nicht nur treulos gegenüber Naki, sondern würde eine Zusammenarbeit mit Anyi auch viel zu verwirrend machen.

Tayend, der blass und krank aussah, trat zu Dannyl und Achati an die Reling. Er hatte an diesem Morgen beschlossen, dass er nur eine halbe Dosis der Droge gegen die Seekrankheit einnehmen würde, damit er nicht so benommen war, wenn sie ihr Ziel erreichten. Dannyl wurde mit fatalistischer Klarheit bewusst, dass Tayend am Abend hellwach sein und jede Zweisamkeit zwischen Achati und ihm verhindern würde. Aber solche Zweisamkeit würde ohnehin folgenlos bleiben, denn Achati hat uns ja schon vorgewarnt, dass unser nächster Gastgeber ein – wie hatte er sich ausgedrückt? – »säuerlicher Moralist« sei. 

»Willkommen in Duna«, erklärte Achati und deutete auf den vor ihnen liegenden Hafen.

Die Inava  segelte auf ein breites Tal zu. Zu beiden Seiten wurde es von verwitterten Felsen gesäumt, die in mehreren Stufen aufstiegen. In der Mitte ergoss sich ein breiter, schlammiger Fluss ins Meer; sein braunes Wasser schob sich ein Stück weit ins Salzwasser hinein, bevor es sich mit dem Ozean vermischte.

Achati hatte sich bei seiner Erklärung nicht ganz korrekt ausgedrückt. Das Tal lag nicht an der Grenze des Landes der Duna. Das Schiff war schon während der vergangenen Tage an von Duna besiedeltem Land vorbeigesegelt; feste Grenzpunkte gab es nicht. Aber das Tal vor ihnen war der Ort, an dem die meisten Besucher von Bord gingen, wenn sie übers Meer kamen, und wenn die Duna überhaupt eine Hauptstadt hatten, dann war es die Siedlung in diesem Tal.

Im Gegensatz zu dem Wüstenland und den rauen Felsen, die sie während des größten Teils der Reise auf ihrer Linken gesehen hatten, war das Tal mit dichter, grüner Vegetation bedeckt. Die Häuser standen auf hohen Stelzen, an denen die Hochwassermarken von weit über Manneshöhe deutlich erkennbar waren. Leitern boten zu einigen davon Zutritt, während andere grobe Treppen aus zusammengebundenen Holzstämmen hatten. Die Hüttensiedlung wurde Haniva genannt, und das Tal hieß Naguh-Tal.

Der Kapitän rief den Sklaven Befehle zu, die sich daraufhin in Bewegung setzten, den Anker fallen ließen und die Segel strichen und bargen.

»Näher kommen wir ans Ufer nicht heran«, erklärte Achati. »Der Schlick des jährlichen Hochwassers macht das Wasser zu flach. Gelegentlich spülen Stürme einen Teil davon wieder weg, aber da sie wahrscheinlich jede Hafenanlage, die wir bauen könnten, zerstören würden, lohnt sich der Versuch nicht, die Bucht mit Magie freizuhalten.«

Als das Schiff gesichert war, ließen die Sklaven ein kleineres Ruderboot zu Wasser. Dannyl, Tayend und Achati bedankten sich bei dem Kapitän, dann kletterten sie über eine Strickleiter in das Boot hinunter. An Land warteten sie ab, während die Sklaven zum Schiff zurückkehrten, um ihre Reisetruhen zu holen, dann folgten sie den Sklaven, die die Truhen trugen, nach Haniva.

Die Stadt hatte keine Straßen, nur Pfade, die lediglich durch Benutzung erhalten wurden, und die Häuser schienen willkürlich verteilt zu sein – häufig in Gruppen, die durch schmale Gehwege miteinander verbunden waren. Offensichtlich rechnete man in der nächsten Zeit nicht mit Überschwemmungen, vermutete Dannyl aufgrund des Getreides, das rund um die Häuser wuchs. Das Getreide war so gepflanzt, dass es den gewaltigen Bäumen Platz ließ, von denen Früchte in Büscheln herabhingen. Die Bäume hatten glatte Stämme, über die sich ein regenschirmähnliches Geflecht von Ästen und gewaltigen Blättern wölbte. Hohe Dornen, die aus dem Boden schossen, verwirrten Dannyl zuerst, bis er sah, dass an einigen der größeren Blätter wuchsen. Er begriff, dass es sich um Wurzelsprosse der Bäume handelte, die ihre ganze Energie zunächst darauf verwendeten, hoch genug zu werden, um Überschwemmungen zu entgehen, bevor sie Blattwerk bildeten.

Als sie Menschen sahen, die auf dem Feld arbeiteten, fiel ihm auf, dass ihre Haut und ihr Körperbau einer Mischung zwischen den stämmigen, braunen Sachakanern und den grauhäutigen, schlanken Duna entsprachen. Er vermutete, dass die Rassen sich im Laufe der Jahrhunderte vermischt hatten. Normalerweise hatten die Duna nicht die Gewohnheit, sich in Ortschaften fest anzusiedeln, das wusste Dannyl aus dem, was er gelesen oder erzählt bekommen hatte. Sie waren ein Nomadenvolk.

Vielleicht könnte man diese Menschen als eine neue Rasse betrachten,  überlegte er. Vielleicht könnte man sie »Naguhs« oder »Hanivaner« nennen. 

Nachdem sie an einigen Dutzend Häusern vorbeigekommen waren, steuerten die Sklaven eine Gruppe von Gebäuden an, die allein auf einem Feld standen. Es war sofort offenkundig, dass diese Gebäude anders waren, obwohl sie aus den gleichen Materialien erbaut waren und ebenfalls auf Stelzen standen. Ihr Arrangement war jedoch symmetrisch, mit einem Haus von etwa dem Dreifachen der hier normalen Größe in der Mitte und kleinen Häusern zu beiden Seiten und hinter dem Haupthaus. Dazwischen lagen Gehwege. Eine breite Treppe führte zu dem Haus in der Mitte, und der Pfad, über den man dorthin gelangte, war gerade. Als die Sklaven ihn erreichten, blieben sie stehen und warteten darauf, dass Achati, Dannyl und Tayend vor ihnen hinaufstiegen.

Auf der Treppe änderte sich nicht nur der Ausblick auf die Stadt, sondern auch die Art, wie Dannyl die Stadt sah. Er konnte mehr Häuser erkennen, und er konnte die Menschen in den Häusern erkennen, ebenso wie die Arbeiter auf den Feldern. Plötzlich erschien ihm Haniva viel dichter bevölkert und einer Stadt ähnlicher.

Ein Haussklave kam heraus und warf sich mit dem Gesicht nach unten auf die hölzerne Plattform am oberen Ende der Treppe.

»Bring mich zu Ashaki Vakachi oder zu der Person, die in seiner Abwesenheit für ihn spricht«, befahl Achati.

Der Mann sprang auf und führte sie hinein. Im Innern waren die Wände weiß gestrichen und führten einen Flur entlang zu einem großen Raum. Wie in einem typischen sachakanischen Haus, nur dass die Wände gerade sind.  Im Herrenzimmer erwartete sie ein Mann. Seine Haut hatte einen Anflug von staubigem Grau, und seine Schultern waren schmal, was auf ein wenig Duna in seinem Blut schließen ließ.

»Willkommen, Ashaki Achati«, sagte der Mann, und nachdem Achati sich bei ihm bedankt hatte, wandte er sich dessen beiden Begleitern zu. »Und Ihr müsst Botschafter Dannyl und Botschafter Tayend sein.«

»So ist es«, erwiderte Dannyl. »Und es ist uns eine Ehre, bei Euch wohnen zu dürfen.«

Der Mann lud sie ein, Platz zu nehmen. »Ich habe veranlasst, dass ein leichtes Mahl aufgetragen wird, und dann wird man jeden von Euch in Euer eigenes Obin  bringen – eins der freistehenden Häuser, die Ihr zweifellos bei Eurer Ankunft bemerkt habt. Sie sind eine Erfindung der Einheimischen, im Allgemeinen erbaut für die Benutzung eines Sohnes nach dessen Verehelichung oder für einen ältlichen Verwandten, nachdem der Sohn das Haus geerbt hat – aber auch, um die unverheirateten jungen Männer und Frauen im Auge zu behalten.«

»Ist das eine Duna-Tradition?«, wollte Tayend wissen.

Vakachi zuckte die Achseln. »Ja und nein. Der Stamm des Naguh-Tals hat seine eigenen Traditionen, die sich von der der übrigen Duna unterscheiden. Obwohl sie ein niedergelassener Stamm sind und zivilisierter als ihre Vettern, betrachtet man sie als minderwertig, und sie zahlen denen vom Steilabbruch Tribut.«

»Ist es möglich, dass sich unter ihnen Hüter der Legende befinden?«, fragte Dannyl.

Vakachi hob die Hände. »Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Da die Hüter sich verborgen halten, indem sie ein gewöhnliches Leben führen und nichts von ihrem Status verlauten lassen, könnten einige von ihnen hier sein, aber niemand weiß es.« Er lächelte. »Nein, Eure beste Chance auf eine Begegnung mit einem Hüter besteht darin, den Steilabbruch hinaufzusteigen und unter den reinblütigen Stämmen nach einem zu suchen. Und selbst dort stehen Eure Chancen nicht gut. Die Duna haben die Gewohnheit, sich außerordentlich sperrig zu zeigen.«

»Das habe ich gehört und gelesen«, sagte Dannyl.

Vakachi nickte. »Trotzdem, es ist möglich, dass ein Fremdländer größeres Glück haben wird als ein Sachakaner. Ich habe für Euch alle den Transport zum Steilabbruch arrangiert; Ihr werdet morgen aufbrechen. Es wird einige Tage in Anspruch nehmen. In der Zwischenzeit«, er deutete auf die Sklaven, die hintereinander in den Raum traten, »esst, ruht aus und seid mir willkommen.«

23

Gute und schlechte Neuigkeiten

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Als Sonea den Behandlungsraum betrat, musterte Dorrien sie eingehend und runzelte die Stirn.

»Du siehst blass aus«, sagte er.

»Mir geht es gut«, erwiderte sie, während sie sich hinsetzte.

»Wann hast du das letzte Mal Sonnenlicht gesehen?«

Sonea dachte nach. Sie arbeitete jetzt seit einigen Wochen in der Nachtschicht und nahm sich nur dann frei, wenn sie sich mit Cery treffen musste. Der Morgen nach dem gescheiterten Versuch, Skellin zu fangen, war der letzte Tag gewesen, an dem sie Sonnenlicht gesehen hatte, obwohl sie gewiss …

»Wenn es so lange her ist, dass du dich nicht mehr richtig daran erinnerst, war es zu lange«, erklärte Dorrien ihr streng.

Sonea zuckte die Achseln. »Die kurzen Wintertage bedeuten, dass es dunkel ist, wenn ich die Gilde verlasse.«

»Wenn du wartest, bis die Tage länger werden, wirst du die Sonne vielleicht wochenlang nicht zu Gesicht bekommen.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Du bist wie eine unheimliche nächtliche Kreatur, und die schwarzen Roben und die schwarze Magie machen diesen Eindruck nicht gerade besser.«

Sie lächelte. »Du hast doch keine Angst vor mir, oder?«

Er kicherte. »Kein bisschen. Aber ich würde zögern, dich zum Abendessen einzuladen. Du könntest die Mädchen erschrecken.«

»Hmm … ich bin wahrscheinlich an der Reihe, ein Abendessen zu veranstalten.«

»Du brauchst die Einladung nicht zu erwidern«, erklärte er ihr. »Du hast zu viele andere Dinge im Kopf. Hast du in letzter Zeit etwas von Cery gehört?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nur einige rätselhafte Nachrichten. Er glaubt, dass Lorandra sich inzwischen Skellin angeschlossen haben wird.«

»Wie läuft Kallens Suche nach Lilia und Naki?«

»Er und seine Assistenten haben Flugblätter mit Zeichnungen und Beschreibungen der Mädchen erstellt und einige Leute angeheuert, die sie in der Stadt verteilen. Mehrere Leute haben berichtet, sie hätten eins der Mädchen oder beide gesehen, aber diese Hinweise haben zu nichts geführt.«

»Man hat Naki gesehen? Das bedeutet zumindest, dass sie lebt.«

»Falls das Mädchen, das die Leute gesehen haben, Naki war.  Wie dem auch sei, die Wache hat keine Leichen von jungen Frauen gefunden, die wie sie aussehen.«

Dorrien blickte nachdenklich drein. »Wir sollten einige dieser Flugblätter in den Hospitälern aufhängen.«

Sonea nickte. »Das ist eine gute Idee.«

»Ich werde einen Boten zu Kallen schicken, bevor ich aufbreche. Ein Jammer, dass wir kein Bild von Lorandra haben anfertigen lassen, bevor sie entflohen ist.«

»Ihr Aussehen ist sehr viel auffälliger als das der Mädchen, und das Gleiche gilt für Skellin, aber die Beschreibungen, die wir von den beiden in Umlauf gebracht haben, haben ebenfalls zu nichts geführt.«

»Nein, ich nehme an …«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn. Sonea drehte sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie die Tür aufschwang. Heiler Gejen nickte ihr höflich zu.

»Schwarzmagierin Sonea«, sagte er ehrerbietig, bevor er sich an Dorrien wandte. »Eure Frau ist hier, um Euch zu sehen, Lord Dorrien.«

»Sagt ihr, ich werde kommen, sobald ich Sonea Bericht erstattet habe«, erwiderte Dorrien.

Als die Tür geschlossen wurde, seufzte Dorrien. »Ich habe mich gefragt, wie lange es dauern würde, bis sie den Mut aufbringt, hier nach mir zu sehen.«

»Nach dir zu sehen?«

»Ja. Um sich davon zu überzeugen, dass wir nichts treiben, das sie missbilligen würde.«

Sonea schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht. Was denkt sie denn, was wir hier tun? Hat sie Angst, dass ich einen schlechten Einfluss auf dich haben werde?«

»In gewisser Weise, ja.«

»Sie denkt, ich könnte dich vielleicht schwarze Magie lehren?« Sonea warf verärgert die Hände hoch. »Wie kann ich sie dazu bringen, mir zu vertrauen?«

»Es ist nicht so, dass sie dir misstraut. Sie hat große Ehrfurcht vor dir. Und sie ist eifersüchtig.«

Sie musterte Dorrien. Er hatte eine Miene aufgesetzt, die sie schon früher bei ihm gesehen hatte. Bevor sie seinen Gesichtsausdruck einordnen konnte, begann er wieder zu sprechen.

»Ich bin derjenige, dem sie nicht vertraut.«

»Du? Warum denn das?«

»Weil …« Er hielt inne, dann sah er sie unsicher an, als falle es ihm schwer, ihrem Blick standzuhalten. »Weil sie weiß, dass ich, sollte sich jemals eine Chance bieten, mit dir zusammen zu sein, diese Chance ergreifen würde.«

Sie starrte ihn an, überrascht und schockiert. Plötzlich verstand sie den Ausdruck auf seinem Gesicht. Schuldgefühle. Und eine vorsichtige Sehnsucht.  Plötzlich regten sich auch in ihr Gewissensbisse, und sie musste den Blick abwenden. All diese Jahre, und er hat niemals aufgehört, mich zu wollen. Ich dachte, er hätte mich überwunden, als er Alina begegnete und sie heiratete. Ich war erleichtert, frei von der Last zu sein, seine Gefühle nicht zu erwidern. 

Sie war damals tief in Trauer gewesen, weil sie immer noch den Mann liebte, den sie verloren hatte. Es hatte keinen Platz in ihrem Herzen gegeben, um einen anderen in Erwägung zu ziehen.

Gab es diesen Platz jetzt?

Nein,  dachte sie. Doch gleichzeitig regte sich in ihr ein verräterisches Gefühl, dem zu widersprechen. Einen Moment lang geriet sie in Panik, dann schob sie die Regung beiseite. Ich darf Dorrien nicht begehren. Er ist verheiratet. Das würde die Dinge für uns alle nur peinlich und schmerzhaft machen.  Sie musste irgendetwas sagen, das dieser Möglichkeit einen Riegel vorschob, bevor sie sich in ihrem Denken einnisten konnte. Etwas Taktvolles, aber Deutliches. Etwas … aber ihr fielen die richtigen Worte nicht ein.

Dorrien stand auf. »So. Ich habe es ausgesprochen. Ich …« Er brach ab, als sie aufblickte und ihm in die Augen sah, dann lächelte er schief. »Ich sehe dich morgen«, murmelte er. Er ging zur Tür, öffnete sie und verließ den Raum.

Es spielt keine Rolle, was ich sage,  begriff sie. Es ist bereits peinlich und schmerzhaft, und es ist schon seit Monaten so. Ich habe die Situation lediglich erst jetzt begriffen


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Cerys Heim war ein Loch im Boden. Es war jedoch ein überraschend luxuriöses Loch, mit allen Annehmlichkeiten eines Herrenhauses in der Inneren Stadt. Es war so luxuriös, dass es Lilia leichtfiel zu vergessen, dass sie sich unter der Erde befand. Die einzige Erinnerung daran war die geringe Größe des Hauses – es enthielt nur wenige Zimmer – und sein Mangel an Dienstboten.

Hätte er Dienstboten eingestellt, hätte das bedeutet, dass Menschen kamen und gingen, und das wäre dem Ziel, ein geheimes Versteck zu haben, nicht dienlich gewesen. Cerys Leibwächter, Gol, hatte ihr versichert, dass es Nahrungsmittelvorräte gebe wie getrocknete Bohnen und Getreide, gesalzenes Fleisch und konservierte Früchte und Gemüse, die hier gelagert wurden, sollte es irgendwann einmal zu gefährlich werden, das Versteck zu verlassen. Sie hatte aber nie erlebt, dass irgendjemand etwas kochte. Stattdessen brachte Gol alle paar Tage frisches Essen in das Versteck.

Jetzt, da Lilia und Anyi dort wohnten, musste er häufiger Essen bringen, was es gewiss schwieriger machte, das Versteck geheim zu halten, oder zumindest das Risiko vergrößerte, dass jemand ihn erkannte und ihm folgte. Cery war jedoch sehr beharrlich gewesen mit seiner Forderung, dass sie blieben. Anyi hatte mit ihm gestritten und verloren.

Es hatte Lilia erstaunt zu sehen, wie unerschrocken Anyi mit ihrem Arbeitgeber umging, wenn man bedachte, dass der Mann ein Dieb war. Die junge Frau legte in Cerys Nähe eine Mischung aus Loyalität, Beschützerinstinkt und Trotz an den Tag, und er duldete Letzteres mit überraschender Geduld. Statt seinen Willen mit Befehlen und Disziplin durchzusetzen, gelang es ihm, ihre Forderungen oder Einwände geschickt zu umschiffen.

Anyi dazu zu bringen, sich bereit zu erklären hierzubleiben, hatte er nicht einmal versucht. Er hatte sich einfach an Lilia gewandt und einen Handel vorgeschlagen: Er würde ihr helfen, Naki zu finden, und sie sowohl vor der Gilde als auch vor Skellin versteckt halten, wenn sie als Gegenleistung dafür ihn und Anyi beschützte. Sie hatte zugestimmt.

Die beste Möglichkeit, Anyi zu beschützen, so stellte sich heraus, war die, sie dazu zu bringen, im Versteck zu bleiben. Die einfachste Möglichkeit, wie Lilia sie im Versteck festhalten konnte, bestand darin, selbst hierzubleiben. So  einfach war es jedoch nicht. Je eingeengter Anyi sich fühlte, desto mehr war sie geneigt, ihre überschüssige Energie auf Widerspruch zu richten. Als Gol am Abend mit dem Essen zurückkam, umkreiste sie ihn voller Eifer.

»Hast du irgendein Zeichen dafür entdeckt, dass Lorandra, Jemmi oder Rek nach mir oder Lilia suchen?«, fragte sie.

»Nein«, antwortete er, ging um sie herum und stellte einen Sack auf den niedrigen Tisch zwischen den Gästezimmerstühlen.

Anyi wandte sich an Cery. »Siehst du? Wenn sie die Verbindung hergestellt hätten, würden sie gewiss nach uns suchen.«

»Skellin ist nicht dumm«, erwiderte Cery. »Er weiß, dass du entweder bei mir bist oder allein draußen in der Stadt. Wenn du draußen wärst, wären die Chancen größer, dass jemand dich sehen und es ihm berichten würde. Wenn du bei mir bist … nun, er hat bereits jede Menge Leute, die nach mir suchen.«

»Aber was ist, wenn Rek Lorandra nicht erzählt hat, dass ich früher für dich gearbeitet habe?«

»Was soll er ihr und Jemmi denn sonst erzählen, um sie davon zu überzeugen, dass es nicht von Anfang an seine Idee war, dass du Lilia weggebracht hast?«

»Vielleicht hat er es nur Jemmi erzählt.«

Cery deutete auf einen Stuhl. »Setz dich, Anyi«, befahl er.

Sie gehorchte, starrte ihn aber weiter an, während Gol begann, gut eingepackte fertige Speisen aus dem Sack zu nehmen und die Verpackung aufzureißen. Sie sollte verhindern, dass der Geruch der Speisen entwich und eine Spur durch die Tunnel zum Versteck bildete. Köstliche Gerüche erfüllten den Raum.

»Jemmi wird Lorandra erzählt haben, dass du meine Spionin sein musst, in der Hoffnung, sie davon zu überzeugen, dass es keine Verschwörung gab«, fuhr Cery fort. »Ob es dir gefällt oder nicht, Anyi, sie wissen, dass dein Verrat nicht echt war. Du sitzt hier bei mir fest.«

Ein Stich des Mitgefühls durchzuckte Lilia, als Anyis Schultern heruntersackten. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob Anyi Cery von ihrer Begegnung mit Heyla erzählt hatte.

»Ich habe nicht gehört, dass irgendjemand nach dir sucht«, sagte Gol zu Anyi. »Aber ich habe gehört, dass die Leute nach jemandem suchen, bei dem es sich der Beschreibung nach um Naki handeln könnte. Es sind nicht unsere Leute oder die Gilde, denke ich. Es sind Leute, von denen sie meiner Meinung nach wirklich nicht will, dass sie sie finden.«

Lilia richtete sich höher auf. »Es sucht sonst noch jemand nach ihr?«

Gol nickte, dann sah er Cery an. Die Augen des Diebs wurden schmal.

»Also beginnt das Wettrennen«, sagte er.

»Wer sucht nach ihr?«, fragte Lilia. »Und warum?«

»Skellin«, antwortete Cery. »Es ist kein Geheimnis, dass Naki verschwunden ist und dass sie und Lilia versucht haben, schwarze Magie zu erlernen. Die Tatsache, dass Naki keinen Erfolg hatte, macht sie nur zu einer geringfügig weniger erstrebenswerten Gefangenen als Lilia. Sie kann Skellin trotzdem alles erzählen, was sie gelesen und getan hat. Wenn Lilia mit der gleichen Information Erfolg hatte, besteht schließlich die Chance, dass er es ebenfalls schaffen würde. Wenn er es nicht tut«, Cery sah Lilia an und verzog das Gesicht, »weiß er doch, dass Lilia etwas an Naki liegt. Er wird versuchen, sie dazu zu erpressen, ihn schwarze Magie zu lehren, im Austausch für Naki.«

»Wir müssen Naki als Erste finden«, stellte Anyi fest.

»Ja.« Cery lächelte dünn. »Skellins Suche nach ihr könnte uns helfen. Ich habe Leute, die seine Leute beobachten. Wenn sie den Eindruck erwecken, als hätten sie Antworten gefunden, werden meine Leute denselben Leuten dieselben Fragen stellen. Wenn sie den Eindruck erwecken, als stünden sie im Begriff, an einem anderen Ort zu suchen, werden meine Leute sie beobachten, bereit, Naki bei der Flucht zu helfen.«

Irgendwo hinter den Mauern läutete eine Glocke. Cery sah Gol an, der einen bedauernden Blick auf die geöffneten Päckchen mit Essen warf.

»Wir werden dir etwas aufheben«, versprach Cery.

Der massige Mann seufzte und eilte zu der versteckten, in die Vertäfelung des Raums eingebauten Tür. Anyi stand auf, nahm einige Teller und Besteck aus einem Seitenschrank und verteilte sie, bevor sie sich zu ihnen setzte. Lilia und Cery begannen sich zu bedienen und zu essen. Gol hatte mehrere gebackene Fische in süßsaurer Soße mitgebracht, außerdem gebratenes Wintergemüse und frisch gebackenes Brot.

Kurze Zeit später kehrte Gol zurück. Diesmal war es Cery, der enttäuscht wirkte, als er und Gol fortgingen. Sobald sie allein waren, sah Lilia Anyi an.

»Denkst du, Heyla ist da draußen und erzählt herum, dass sie uns gesehen hat?«

Anyis Miene verdüsterte sich. »Wahrscheinlich. Sie hat es schon früher getan. Wenn sie es tut, wird sie sich größeren Ärger einhandeln, als ihr bewusst ist.«

»Weiß Cery über sie Bescheid?«

»Irgendwie schon.« Anyi blickte gequält drein. »Ich habe angefangen für Cery zu arbeiten, als Heyla und ich bereits nicht mehr befreundet waren. Ich habe ihm erzählt, dass eine Freundin versucht habe, mich zu verkaufen, aber ich habe ihm nicht gesagt, wer sie war.«

»Wenn du nicht für Cery gearbeitet hast, wieso wusste sie dann über ihn Bescheid?«

Anyi stutzte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. »Oh, ich kannte ihn. Aus der Ferne. Wie dem auch sei … ich würde lieber nicht über sie reden.«

Lilia nickte. »Deine Geheimnisse sind bei mir sicher.«

Anyi schaute zu Lilia auf, aber sie lächelte nicht. Stattdessen musterte sie Lilia mit nachdenklicher Miene, in der ein Anflug von Spekulation lag.

»Was?«, fragte Lilia.

»Nichts.« Anyi wandte den Blick ab, dann sah sie sie wieder an. »Wie nah hast du Naki gestanden?«

Lilia blickte auf ihren Teller. »Sehr nah. Nun, nicht mehr so nah, nachdem sie dachte, ich hätte ihren Vater getötet.«

Anyi verzog mitfühlend das Gesicht. »Ja, das wäre  eine Prüfung für eine Freundschaft. Nicht nur für sie, weil sie gedacht hat, du hättest es getan – es muss dich ebenfalls verletzt haben, dass sie auch nur diesen Verdacht haben konnte.«

Lilia sah Anyi nachdenklich an. Sie hat nicht ganz unrecht,  ging es Lilia durch den Kopf. Wie konnte Naki denken, ich hätte es getan? Vor allem, nachdem Schwarzmagierin Sonea meine Gedanken gelesen und gesagt hat, ich sei es nicht gewesen. 

Das gewohnte Muster von Glockengeläut und Klopflauten warnte sie, dass sich jemand dem Versteck näherte. Anyi sprang auf, antwortete ihrerseits mit einem mehrfachen Klopfen und bediente die Mechanismen, um Cery und Gol wieder in den Raum zu lassen.

»Das war ein Bote«, eröffnete Cery ihnen. »Von dem Dieb, Enka, der einer der wenigen ist, die Skellin noch nicht vollkommen in der Tasche hat. Er will, dass ich ihm helfe, ein Problem zu lösen, das er mit seinem Nachbarn hat, der behauptet, eine Magierin arbeite für ihn. Er denkt, ich könne veranlassen, dass die Gilde sie sucht.«

»Eine Magierin?«, fragte Lilia aufgeregt. »Ist es Naki?«

»Er hat von einer Magierin gesprochen«, erwiderte Gol. »Und seine Beschreibung passt kaum zu Lorandra.«

»Lorandra kann keine Magie mehr wirken«, bemerkte Anyi.

»Inzwischen kann sie es wahrscheinlich wieder«, meinte Lilia. »Skellin könnte die Blockade entfernt haben. Aber Nakis Kräfte sind nach wie vor blockiert.«

Cery runzelte die Stirn. »Vielleicht hat sie die Blockade selbst entfernt, genau wie du es gemacht hast.«

»Das war mir nur möglich, weil ich schwarze Magie erlernt hatte. Das hat Naki nicht.«

»Dann muss sie sich wohl auf ihren Ruf verlassen, um andere einzuschüchtern, und vielleicht verwendet sie auch irgendwelche Tricks, um die Leute glauben zu lassen, sie habe ihre Kräfte zurückgewonnen. Enka hat gesagt, er habe sie noch keine Magie wirken sehen. Wir sollten uns versichern, dass sie es tatsächlich ist, bevor wir uns zeigen, und natürlich vorbereitet sein für den Fall, dass es sich um eine von Skellin gestellte Falle handelt. Zumindest wissen wir, dass er und Lorandra nicht selbst auftauchen werden, weil er damit rechnet, dass auch Gildemagier kommen werden. Und wir haben Lilia, um uns vor nichtmagischen Angriffen zu beschützen«, fügte er hinzu und verbeugte sich vor ihr.

»Warum weihst du die Gilde nicht ein?«, fragte Gol stirnrunzelnd. »Das würde uns die Scherereien und das Risiko ersparen.«

Cery lächelte und sah Lilia an. »Weil die Gilde Lilias Flucht aus dem Ausguck milder betrachten wird, wenn sie Naki rettet.«

Lilia lächelte ihrerseits. Ich kann nicht glauben, dass ich dies über einen Dieb denke, aber ich fange wirklich an, Cery zu mögen. 

Der Dieb rieb sich die Hände und ging zurück zu den Stühlen. »Kommt alle hier herüber. Beenden wir unsere Mahlzeit. Wir müssen raffinierte Pläne aushecken.«

»Also«, erklang eine vertraute Stimme. »Ich höre, du hast deinen ersten Stein fertiggestellt.«

Als Lorkin sich umdrehte, sah er Evar hinter ihm durch den Korridor kommen. Er grinste und verlangsamte seinen Schritt, um sich seinem Freund anzuschließen.

»Neuigkeiten verbreiten sich schnell in den Höhlen der Steinemacher«, bemerkte er.

Evar nickte. »Wir waren neugierig zu erfahren, wie es dir ergangen ist. Die Herstellung von Steinen ist nichts für jeden.«

»Ich kann verstehen, warum. Es bedarf großer Konzentration.« Lorkin musterte Evar kritisch. Der junge Mann wirkte gesund und entspannt. »Ich habe dich seit einer ganzen Weile nicht mehr gesehen. Ich dachte, wir würden einander in den Höhlen begegnen.«

Evar lächelte. »Du wirst mich in den Höhlen der Schüler nicht finden. Ich arbeite an viel raffinierteren Steinen.«

»Zu beschäftigt, um bei einem Freund vorbeizuschauen?«

»Vielleicht.«

Lorkin hielt inne. »Einen Moment mal. Du bist ein Mann, also kennst du keine schw… höhere Magie. Wie kannst du Steine machen?«

Das Lächeln verschwand aus Evars Zügen. Er biss sich auf die Unterlippe, dann blickte er entschuldigend drein. »Ähm … ich könnte meine Rolle dabei übertrieben haben.«

Lorkin starrte seinen Freund an, dann brach er in Gelächter aus. »Was tust du …? Nein, ich werde dir eine Antwort ersparen, indem ich gar nicht erst frage.«

»Ich bin ein Assistent«, sagte Evar und reckte in gespieltem Hochmut das Kinn vor. »Manchmal stelle ich zusätzliche Magie bereit.«

»Und was tust du bei anderen Gelegenheiten?«

»Die Höhlen erwärmen sich nicht von selbst, und Steinemacher haben die lästige Angewohnheit zu vergessen, eine Mahlzeit zu sich zu nehmen.«

Lorkin schlug ihm sanft auf die Schulter. »Alles wichtig für die Prozedur.«

»Ja.« Evar richtete sich auf. »Das ist wahr.«

In behaglichem Schweigen gingen sie weiter und bogen von dem kleineren Gang in eine breitere, belebtere Passage ein. Lorkin hatte erst wenige Schritte gemacht, als er jemanden seinen Namen rufen hörte. Er schaute sich um und sah die Magierin, die vor einigen Wochen vor den Räumen der Königin Wache gestanden hatte. Sie winkte ihn heran.

»Ich muss gehen«, sagte er zu Evar. »Vielleicht sehe ich dich morgen?«

Evar zuckte die Achseln. »Das bezweifle ich. Ich muss früh anfangen. Wir haben im Moment ziemlich viel zu tun.«

Lorkin nickte, dann eilte er auf die Magierin zu.

»Du sollst dich bei der Königin einfinden«, informierte sie ihn. Sie drehte sich um und setzte sich in Bewegung. Sie bahnten sich einen Weg zwischen den Menschen hindurch, die ebenfalls durch den breiten Flur gingen. An einem Punkt führte sie ihn durch eine Tür, durch die sie in einen verlassenen, schmalen Gang gelangten.

»Ich wusste gar nicht, dass dieser Gang existiert«, murmelte er, als sie in vertrautere Teile der Stadt gelangten.

»Abkürzung«, sagte sie und lächelte knapp.

Einige Biegungen später erreichten sie die Tür zu den Räumen der Königin. Die Magierin klopfte an und trat zurück, als die Tür geöffnet wurde. Zu Lorkins Überraschung und Freude stand dort Tyvara. Sofort hob sich seine Stimmung, ungeachtet der Tatsache, dass er ohnehin bereits guter Laune gewesen war.

»Tyvara«, sagte er lächelnd.

Nur ihre Mundwinkel zuckten empor, wie sie es immer taten, wenn sie versuchte, ernst zu wirken.

»Lorkin. Komm herein.«

Wie zuvor saß die Königin auf einem der schlichten Stühle, die in einem Kreis aufgestellt waren. Er legte eine Hand aufs Herz, und anders als bei seinem vorherigen Besuch nickte sie höflich als Antwort.

»Nimm bitte Platz, Lorkin«, sagte sie und deutete auf den Stuhl neben ihr.

Er gehorchte. Tyvara setzte sich auf die andere Seite der alten Frau. Eine Bewegung in der Tür zum Nebenzimmer erregte seine Aufmerksamkeit. Als er aufblickte, sah er Pelaya, die Assistentin der Königin, in den Raum spähen. Sie lächelte und zog sich wieder zurück.

»Ich höre, du hast einen Stein vollendet«, sagte die Königin.

Neuigkeiten verbreiten sich schnell.  »Ja.«

»Zeig ihn mir.«

Er griff in die Tasche seines Gewands und nahm den winzigen Kristall heraus. Die Königin streckte eine runzelige Hand aus, und er ließ den Stein hineinfallen.

Sie betrachtete den Stein einen Moment lang, und er begann zu leuchten. Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus, und sie sah Lorkin mit leuchtenden Augen an.

»Gut gemacht. Nicht viele Schüler bringen bei ihrem ersten Versuch einen makellosen Stein zustande. Einige hier würden sagen, Steine lägen dir im Blut.« Sie zuckte die Achseln. »Offensichtlich nicht buchstäblich.« Sie gab ihm den Stein zurück. Er verblasste bereits. »Ich bin sehr erfreut, und nicht nur deshalb, weil du empfangen konntest, was wir dir als Entschädigung für das Wissen angeboten haben, das dir genommen wurde. Ich habe eine Aufgabe für dich.«

Er blinzelte überrascht, dann wurde ihm ein wenig flau im Magen.

»Du zögerst«, bemerkte sie. Ihre Augen wurden schmal. »Was ist los?«

»Nichts«, sagte er und fügte dann, weil das offensichtlich nicht der Wahrheit entsprach, hinzu: »Ich habe mich darauf gefreut, einen weiteren Stein zu machen. Mehr zu lernen. Aber das kann warten.«

Zarala lachte leise. »Ach ja? Nun, was Kalia dir genommen hat, waren grundlegende Kenntnisse der magischen Heilkunst. Wir haben dir grundlegende Kenntnisse der Fertigung von Steinen gegeben. Ich fürchte, du wirst, genau wie sie, mithilfe von Experimenten mehr lernen müssen, ohne die Unterstützung von in Generationen gesammeltem Wissen.«

Lorkin nickte, obwohl er nicht glücklich war – man würde ihn nicht nur nichts mehr lehren, Kalia würde es auch gestattet sein zu benutzen, was sie ihm gestohlen hatte.

»Außerdem hast du keine Zeit mehr, alles zu lernen, was wir über die Herstellung von Steinen wissen«, fuhr sie fort. »Es gibt dringendere Angelegenheiten, um die du dich kümmern musst. Das ist der Grund, warum ich dir befehle, das Sanktuarium zu verlassen und nach Kyralia zurückzukehren.«

Er sah sie überrascht und, unerwarteterweise, entsetzt an. Er wollte nicht fortgehen. Nein, das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Ich will durchaus gehen. Ich will meine Mutter und meine Freunde wiedersehen. Aber ich will auch ins Sanktuarium zurückkehren können.  Er schaute Tyvara an. Werde ich sie wiedersehen?  Sie lächelte. Es war ein beruhigendes Lächeln. Es schien zu sagen: »Abwarten.«

Ein wissender Ausdruck trat in die Züge der Königin und vielleicht ein Anflug von Schelmerei. Sie richtete den Blick auf Tyvara, dann wieder auf ihn. Ihre Miene wurde erneut ernst. »Wenn du dort eintriffst und gut aufgenommen wirst, sollst du ein Bündnis zwischen uns und den Verbündeten Ländern aushandeln.«

Lorkin konnte es nicht verhindern: Er keuchte vor Überraschung leise auf. Das ist es, worauf ich gehofft habe! Nun, ich hatte gehofft, die Verräterinnen und die Gilde würden magisches Wissen  nach einem Bündnis austauschen, nicht vorher, aber … 

»Tyvara wird dich aus den Bergen führen, dann wirst du nach Arvice reisen, um dich wieder dem kyralischen Botschafter anzuschließen. Um das, was du über uns weißt, geheim zu halten, werden wir dir einen Blockadestein geben. Obwohl es für den König und die Ashaki von politischem Schaden wäre, wenn jemand gegen deinen Willen deine Gedanken läse, könnten sie zu dem Schluss kommen, es sei die Sache wert, um die Chance zu erhalten, uns zu finden. Wir würden dich direkt zu dem Pass bringen, der nach Kyralia führt, aber zu dieser Zeit des Jahres ist eine Reise über die Berge zu gefährlich, denn die Ichani werden kühner, wenn der Hunger sie plagt.« Sie musterte ihn mit ihren leuchtenden Augen. »Wirst du es tun?«, fragte sie.

Er nickte. »Mit Freuden.«

»Gut. Also, ich muss dir etwas geben.«

Sie griff nach einem kleinen Beutel, der auf ihrem Schoß lag und den er zuvor nicht bemerkt hatte. Nachdem sie die Schnüre gelöst hatte, kippte sie den Beutel, und ein Ring fiel in ihre Hand. Sie hielt den Ring hoch und musterte ihn, ihre Miene nachdenklich und traurig, dann streckte sie Lorkin die Hand hin.

Er nahm den Ring entgegen. Er war aus Gold, aber sehr grob gearbeitet, als habe ein Kind ihn aus Ton gefertigt. In den Ring eingelassen war ein dunkelroter Edelstein.

»Dein Vater hat mir diesen Ring vor langer Zeit geschenkt. Tatsächlich habe ich ihn gelehrt, ihn zu machen. Natürlich funktioniert er nicht mehr.«

Ein Frösteln überlief Lorkin, und sein Herz setzte einen Schlag aus. Vater hat diesen Ring gemacht!  Er drehte ihn hin und her, und der Stein fing das Licht auf. Hatte sein Vater sich auf die Herstellung von Steinen verstanden? Gewiss nicht.  Die Antwort war ihm plötzlich klar. Es muss ein Blutstein sein.  Die Konsequenzen dieser Erkenntnis trafen ihn wie ein Schlag. »Du hast die ganze Zeit über mit ihm in Verbindung gestanden!«

Zarala nickte. Ihre Augen waren umwölkt. »Ja. Für eine Weile.«

»Also weißt du, warum er nicht hierher zurückgekehrt ist!«

»Falls er diesbezüglich jemals eine Entscheidung getroffen hat, hat er es mir nicht mitgeteilt.« Sie seufzte. »Ich weiß, dass er aus Furcht vor einer Invasion der Ichani nach Hause zurückgekehrt ist, und ich war nicht seiner Meinung. Ich glaubte nicht, dass die Gefahr unmittelbar drohte. Anschließend … es gab immer irgendetwas, das ihn daran hinderte, Kyralia zu verlassen. Und bei unserem Handel ging es um mehr als um einen Austausch von höherer Magie und Freiheit als Gegenleistung für die magische Heilkunst.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich war nie in der Lage, meine Seite des Handels einzuhalten. Es ging mir wie ihm: Die Situation daheim war schwieriger zu überwinden, als ich gehofft hatte. Nach dem Tod meiner Tochter habe ich … habe ich aufgehört, mich mit ihm in Verbindung zu setzen. Ich wusste, dass ich zum Teil mitschuldig war an ihrem Tod, weil ich zu viel von ihm verlangt und mich meinerseits verpflichtet hatte, als Gegenleistung zu viel zu geben.« Die alte Königin holte tief Luft und stieß den Atem dann wieder aus. Ihre mageren Schultern hoben und senkten sich. »Wir waren beide jung und idealistisch und dachten, wir könnten mehr ausrichten, als in unserer Macht stand. Ich glaube, es war seine Absicht zurückzukehren. Mein Volk glaubte das nicht, und ich konnte es nicht vom Gegenteil überzeugen, ohne zu offenbaren, was es war, das mir zu tun misslungen war.« Sie beugte sich vor, legte beide Hände um Lorkins Hand und schloss sie um den Stein. Über ihre Hände hinweg schaute sie ihn an, und ihr Blick war fest. »Indem ich dich nach Kyralia schicke, werde ich zu einem guten Teil einhalten, wozu ich mich bereitgefunden habe. Ich hoffe nur, dass ich anders als dein Vater lange genug leben werde, um mein Versprechen zu halten. Und nun geh.« Sie ließ seine Hände los und richtete sich auf. »Tyvara hat die Vorbereitungen getroffen, und heute ist eine klare Nacht. Sei vorsichtig und gib auf dich acht.«

Er erhob sich, verneigte sich respektvoll und verließ hinter Tyvara den Raum und die Stadt, von der er erwartet hatte, dass sie erheblich länger als nur einige Monate sein Zuhause sein würde.

24

Ein Treffen

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Die Pferde, die die Menschen die Straße am Steilabbruch hinauftrugen, waren kleine, stämmige Tiere. Dannyl war davon überzeugt, dass seine Füße über den Boden scharren würden, wäre sein Reitpferd nicht so breit gewesen. Die Tiere trugen nicht häufig Menschen, da Besucher in Duna – oder in dessen trockeneren Gebieten – selten waren. Sie waren mehr daran gewöhnt, Nahrungsmittel und andere Vorräte zu tragen.

Kutschen waren zu breit für die schmale Straße, die sich zudem in sehr engen Kurven emporwand. Es ging ständig so dicht an der Felswand entlang, dass Dannyl gelegentlich mit einem Stiefel dagegenschrammte. Der andere Stiefel schwebte derweil über dem Abgrund.

Obwohl er keine Höhenangst kannte, machte ihm die ständige Drohung eines Absturzes zu schaffen. Achati schien mit den Zähnen zu knirschen und hielt den Blick entschlossen auf die Straße vor ihm gerichtet. Tayend machte das ganze Unternehmen offenbar überhaupt nichts aus, obwohl er nicht über beruhigende Magie verfügte, die er hätte heraufbeschwören können, sollte er oder sein Pferd ausrutschen.

Der Vorteil der ungeschützten, gefährlichen Route war die Aussicht.

Die Straße hatte etwa auf halber Länge des Tals ihren Ausgang genommen. Hinter ihnen lag der breitere Teil des Talgrunds, unterteilt in Felder, an deren Rändern in Gruppen Häuser standen. Ein bleiches Band aus grauem Sand trennte am Ende das grüne Land vom blauen Meer. Vor ihnen wurde das Tal schmaler, und die Felsen rückten von beiden Seiten her immer dichter zusammen. Ein Band aus Wasser schlängelte sich durch die ganze Länge des Tals und glitzerte, wann immer die Sonne sich auf seiner Oberfläche spiegelte.

Dannyl, der geradeaus blickte, sah, dass an der nächsten Biegung mehrere Menschen standen. Die einzigen Stellen des Pfades, die breit genug waren, dass Reisende aneinander vorbeigehen konnten, waren die Haarnadelkurven. Die Menschen, die dort warteten, waren offensichtlich Duna: schlank, mit grauer Haut und nur mit einem Tuch bekleidet, das sie sich um die Lenden schlangen. Sie trugen auf den Schultern große Säcke.

Der Führer rief einige Grußworte, als er näher kam. Die Duna – allesamt Männer – antworteten nicht und bewegten sich auch nicht. Vielleicht machten sie zum Gruß irgendein Zeichen, denn der Führer lächelte, als er sich umdrehte und den nächsten Teil der Straße hinaufritt. Achati drehte sich als Nächster um, und die grimmige Entschlossenheit in seinen Zügen, die er an den Tag gelegt hatte, seit sie mit dem Aufstieg begonnen hatten, veränderte sich nicht. Dannyl lächelte die Männer im Vorbeireiten an. Sie starrten zurück, und ihre Gesichter waren leidenschaftslos, verrieten weder Feindseligkeit noch Freundlichkeit. Er fragte sich, ob ihre Neugier auf ihn genauso groß war wie seine Neugier auf sie. Hatten je zuvor Kyralier ihre Länder besucht? Hatten Gildemagier es getan? Ich bin vielleicht der erste. 

Er schaute zurück und sah Tayend lächeln, als sein Pferd hinter Dannyl einbog. Der Elyner sah, dass Dannyl ihn beobachtete, und grinste. »Aufregend, hm?«

Dannyl lächelte unwillkürlich zurück. Als er sich abwandte, verspürte er eine unerwartete Welle der Zuneigung zu seinem früheren Geliebten. Er nimmt das Leben, als sei alles ein großes Abenteuer. Diese Eigenschaft ist es, die ich durchaus vermisse. 

»Und wir sind fast da«, fügte Tayend hinzu.

Dannyl blickte auf und sah, dass der nächste Abschnitt der Straße kurz war. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er beobachtete, wie der Führer nach rechts abbog und verschwand. Achati folgte ihm, danach war Dannyl an der Reihe.

Nach einem ganzen Tag im Sattel war die Veränderung ihrer Umgebung so abrupt, dass Dannyl für einen Moment die Orientierung verlor. Plötzlich war der Horizont zurückgekehrt. Das Land war flach ; zwischen Dannyl und der Linie, an der die graue Erde auf den Himmel traf, war nichts.

Nichts bis auf eine Menge Zelte,  korrigierte er sich, während sein Pferd wendete, um Achatis zu folgen. Die Ansammlung provisorischer Unterkünfte vermischte sich mit der Farbe des Landes. Das Ganze sah aus wie ein Gewirr aus Tuch und Pfählen.

»Es ist heiß hier oben«, bemerkte Tayend, der jetzt neben Dannyl herritt. »Wenn das Wetter im Winter schon so ist, bin ich froh, dass wir nicht im Sommer hergekommen sind.«

»Wir müssen ungefähr so weit nördlich sein wie Lonmar«, erwiderte Dannyl. »Der Unterschied zwischen den Jahreszeiten ist dort nicht so groß wie im Süden. Für Duna könnte das Gleiche gelten.«

Er fügte nicht hinzu, dass es das Ende des Tages war und die Hitze, die die jetzt tief am Himmel hängende Sonne spendete, vielleicht nicht so stark war, wie sie es mittags sein würde. Wie in Lonmar war die Luft trocken, aber hier hatte sie einen anderen Geschmack.

Asche,  dachte er. Sie wehte ihm ins Gesicht, feiner als der Sand, der in Lonmar in alles hineinkroch. Ich frage mich, ob sie hier die gleichen heftigen Staubstürme haben. 

Die Zelte reichten bis auf einige hundert Schritt an den Steilabbruch heran. Als die Reiter näher kamen, hielten die Duna inne, um sie anzustarren. Der Führer rief einige Grußworte, dann ließ er sein Pferd ein Dutzend Schritte vor der Versammlung stehen bleiben.

»Diese Leute sind hergekommen, um mit den Stämmen zu sprechen«, sagte er, leiser jetzt und respektvoll. »Wer hat die Stimme?«

Zwei Männer deuteten auf eine Lücke zwischen den Zelten. Der Führer bedankte sich bei ihnen, dann lenkte er sein Pferd auf die Öffnung zu. Achati, Dannyl und Tayend folgten ihm. Etwa alle zehn Zelte wiederholte der Führer die Frage, und jedes Mal ritt er dann in die Richtung, in die die Duna zeigten.

Schon bald waren sie umringt von Zelten. Dannyl konnte nicht erkennen, wo das Lager aufhörte. Einige der Zelte waren zerlumpt und gut geflickt; andere sahen neuer aus. Alle waren bedeckt mit grauem Staub, und alle waren ungefähr gleich groß und schienen von Großfamilien bewohnt zu werden, von kleinen Kindern bis hin zu verhutzelten alten Männern und Frauen. Die meisten gingen irgendwelchen Arbeiten nach – sie kochten, nähten, webten, schnitzten, wuschen oder flickten Zelte –, aber alle taten dies mit langsamen, stetigen Bewegungen. Einige Duna hielten in ihrer Arbeit inne, um die Fremden vorbeireiten zu sehen. Andere machten weiter, als seien die Besucher vollkommen uninteressant.

Eine kleine Schar von Kindern begann ihnen zu folgen. Es schlossen sich ihr schnell weitere an, aber obwohl sie kicherten und redeten und mit dem Finger zeigten, waren sie nicht ungezogen oder laut.

Als sie ihr Ziel erreichten, stand die Sonne dicht über dem Horizont. Draußen vor einem Zelt, das nicht ungewöhnlicher war als die übrigen, saßen in einem Kreis im Schneidersitz einige alte Männer auf einer Decke auf dem Boden. Der Führer schwang sich aus dem Sattel.

»Diese Leute sind gekommen, um mit den Stämmen zu sprechen«, erklärte er ihnen und deutete auf Achati, Dannyl und Tayend. »Sie haben Fragen. Wer hat die Stimme? Wer kann die Fragen beantworten?«

»Wir sind heute die Stimme«, antwo


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rtete einer der alten Männer. Er stand auf und ließ den Blick von dem Führer zu Achati, Dannyl und Tayend wandern, während sie dem Beispiel ihres Führers folgten und absaßen. »Wer stellt die Fragen?«

Der Führer drehte sich um und nickte Achati zu. »Stellt Euch vor«, wies er ihn leise an. »Nur Euch selbst, nicht Eure Gefährten.«

Achati trat vor. »Ich bin Ashaki Achati«, sagte er. »Berater von König Amakira und Begleiter von … diesen Männern.«

Dannyl stellte sich neben ihn und neigte nach kyralischer Art den Kopf. »Ich bin Botschafter Dannyl von der Magiergilde Kyralias.«

Tayend folgte mit einer höfischen Verneigung. »Ich bin der elynische Botschafter Tayend. Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen.«

Der alte Mann tauschte einen Blick mit seinen Gefährten, die nickten. Sie bewegten sich rückwärts, um den Kreis zu vergrößern. »Setzt Euch«, lud er sie ein.

»Wir haben Geschenke mitgebracht«, sagte Achati. Er ging zu den Satteltaschen seines Pferdes, nahm ein Päckchen heraus, kehrte dann zurück und stellte es in die Mitte des Kreises.

»Ihr kennt unsere Sitten«, bemerkte der Sprecher. »Und folgt ihnen.« Letzteres kam mit einem Anflug trockener Überraschung heraus. Einer der anderen alten Männer griff nach dem Päckchen und öffnete es. Darin befanden sich elegant gefertigte Messer, eine Schachtel mit einer gläsernen Linse, eine Rolle hochwertigen Papiers und Schreibutensilien, bestehend aus Feder und Tinte. Die alten Männer brummten vor Freude. Die Art, wie sie die Gegenstände handhabten, machte klar, dass ihr Verwendungszweck ihnen bekannt war, obwohl diese Dinge gewiss in Duna nicht leicht zu haben sein würden. Der Sprecher nickte.

»Stellt Eure Fragen. Wisset, dass wir vielleicht nicht sofort antworten werden. Wir werden vielleicht überhaupt nicht antworten.«

Achati sah Dannyl an und nickte. Dannyl ging im Geiste all die Herangehensweisen durch, die er sich während der Reise zurechtgelegt hatte.

»Vor vielen Jahren habe ich mit einer Arbeit begonnen«, erklärte er. »Ich habe eine Geschichte der Magie geschrieben. Dafür habe ich nach der Antwort auf viele Fragen gesucht, die sowohl alte wie auch jüngere Ereignisse betreffen, und …« Er seufzte. »Die Antworten haben zu weiteren Fragen geführt.«

Dies entlockte einigen der alten Männer ein schwaches Lächeln.

»Die verwirrendste Entdeckung, die ich gemacht habe, betraf den Umstand, dass mein Volk vor vielen Hunderten von Jahren etwas besaß, das sich Lagerstein nannte. Der Stein wurde in Arvice aufbewahrt, bis ein Magier ihn aus Habgier oder Wahnsinn stahl. Die Unterlagen aus jener Zeit legen die Vermutung nahe, dass er ihn benutzt hat, vielleicht in einer Auseinandersetzung mit seinen Verfolgern, vielleicht versehentlich, vielleicht sogar absichtlich, um das Ödland zu schaffen, das an die Berge zwischen Sachaka und Kyralia angrenzt.«

Die alten Männer nickten. »Wir wissen von diesem Ödland«, sagte der Anführer.

»Meine Fragen sind … was war dieser Lagerstein? Gibt es noch weitere seiner Art? Existiert noch immer das Wissen, wie man solche Steine macht? Wenn ja, wie könnte irgendein Land sich gegen seine Verwendung verteidigen?«

Der Sprecher lachte leise. »Ihr habt viele Fragen.«

»Ja«, pflichtete Dannyl ihm bei. »Sollte ich sie begrenzen?«

»Ihr dürft so viele stellen, wie Ihr wünscht.«

»Ah, das ist gut.« Dannyl lächelte dankbar. »Ich habe eine Menge Fragen. Nun, vor allem möchte ich etwas über magische Edelsteine wissen. Es geht mir natürlich nicht um die Geheimnisse ihrer Herstellung. Aber sie sind für mich eine neue Art von Magie. Was können sie ausrichten? Welches sind ihre Grenzen? Ein Duna-Fährtensucher namens Unh hat mir erzählt, dass die Verräterinnen Euch einen Teil dieses Wissens gestohlen haben. Wie viel wissen sie?«

Der alte Mann sah Achati an. »Das ist eine Frage, auf die Ihr ebenfalls gern eine Antwort hättet.«

Achati nickte. »Natürlich. Aber wenn Ihr wünscht, mit Dannyl allein zu sprechen, dann werde ich gehen.«

Der alte Mann zog die Augenbrauen hoch und sah seine Gefährten der Reihe nach an. Sie zeigten keine Reaktion, die Dannyl wahrnehmen konnte, aber irgendwie übermittelten sie ihm ihre Gefühle. Als er den letzten von ihnen angeschaut hatte, blickte er zu Dannyl auf.

»Sind das alle Fragen, die Ihr habt?«

Dannyl nickte, dann lächelte er schief. »Es sei denn, die Antworten werfen weitere Fragen auf.«

»Wir müssen erörtern und entscheiden, welche Antworten wir Euch geben können«, sagte der Mann. »Und einige Fragen können nur von einem Hüter der Legende beantwortet werden, der sich vielleicht nicht bereit erklären wird, mit Euch zu sprechen. Wir haben hier ein Zelt für Gäste, in dem Ihr gern schlafen könnt, während Ihr wartet.«

Dannyl sah Achati an, der nickte. »Es wäre uns eine Ehre – und wir wären sehr dankbar dafür«, erwiderte Dannyl.

Der alte Mann rief einige Worte, und ein junger Mann kam aus einem Zelt geeilt. »Gan wird Euch dort hinführen«, sagte der Sprecher und deutete auf den Neuankömmling.

Achati, Dannyl und Tayend erhoben sich und schlossen sich ihrem Führer an, der dem jungen Mann in den Wald aus Zelten folgte.

Die spätnachmittägliche Sonne tauchte die Gärten der Gilde in ein warmes Licht. Bäume und Hecken warfen tiefe Schatten, und Sonea hatte eine Weile gebraucht, um eine Bank zu finden, die noch von der Sonne beschienen wurde. Glücklicherweise hielten sich nur wenige Magier in den Gärten auf, da in der Luft noch immer eine scharfe, winterliche Kühle lag. Sie konnte die Kälte der Holzleisten durch den Stoff ihrer Roben spüren.

Es waren zwei Tage vergangen, seit sie mit Dorrien gesprochen hatte. Am vergangenen Abend hatte sie ihre Ankunft im Hospital so lange hinausgezögert, bis er mit Sicherheit fort war. Aus Feigheit, das wusste sie.

Aber ich habe noch nicht entschieden, was ich ihm sagen will.  Sie wusste, dass sie ihm sagen sollte, dass sie keine andere Beziehung als Freundschaft mit ihm haben konnte. Aber er wird erkennen, dass das eine ausweichende Antwort ist. »Nicht haben können« war etwas anderes als »nicht haben wollen«.  Er würde von ihr verlangen klarzumachen, dass sie seine Gefühle, die er ihr eingestanden hatte, nicht erwiderte. Und wenn ich ihm das sage, wird er meine Unsicherheit und meine Zweifel wahrnehmen. 

Als sie die Idee erwog, verspürte sie eine verräterische Sehnsucht, aber sie war sich auch in diesem Fall nicht sicher, was deren Quelle war. Habe ich einfach das Verlangen nach Gesellschaft? Nach jemandem, zu dem ich nach Hause kommen kann?  Oder wollte sie einfach körperliche Nähe?

So viel zu meiner Bemerkung Rothen gegenüber, ich wolle keinen Ehemann. Und doch … ich will auch keinen. 

Gesellschaft und Verlangen waren nicht alles, was eine Beziehung dieser Art brauchte. Es musste auch Liebe im Spiel sein. Romantische Liebe. Und das ist der Punkt, an dem ich stolpere. Liebe ich Dorrien? Ich weiß es nicht. Gewiss würde ich es wissen, wenn ich ihn liebte … 

Die andere Zutat, die sie für überaus wichtig hielt, war Respekt, und das machte ihr die größten Schwierigkeiten. Dorrien ist verheiratet. Wenn er Alina mit mir betröge, würde ich den Respekt vor ihm verlieren. Und vor mir selbst. 

Wenn sie sich vorstellte, ihm das zu sagen, verspürte sie ein solches Widerstreben, die Dinge zu verderben, dass sie Zweifel an ihren eigenen Zweifeln bekam. Wie konnte sie sich nicht sicher sein, ob sie ihn liebte, während es ihr gleichzeitig so sehr widerstrebte, jedwede Möglichkeit von Liebe zwischen ihnen zu zerstören?

Wie sehr ich mir wünschte, ich könnte mit Rothen darüber sprechen.  Er würde es missbilligen, das wusste sie. Gleichzeitig würde er – vielleicht indirekt – darauf hinweisen, dass es allein ihre Schuld sei, weil sie ihre Chance bei Dorrien ungenutzt gelassen hatte. Es würde ihn außerdem aus der Ruhe bringen, dass Dorrien und Alina nicht gut miteinander auskamen.

Ich wünschte, Dorrien würde mit seiner Frau einfach zurück in ihr Dorf gehen,  dachte sie, aber sofort meldete sich ihr Gewissen. Zumindest wäre Alina dort glücklicher,  konnte sie nicht umhin, im Geiste hinzuzufügen. Dorrien wäre es nach einer Weile ebenfalls. Das ist der Ort, von dem er immer fand, dass er dort hingehöre. 

Er hatte sich jedoch bemerkenswert gut an das Leben in der Stadt gewöhnt. Vielleicht war er dem Leben auf dem Lande nicht so tief verbunden, wie er immer behauptet hatte. Dies war ein glücklicher Umstand, da sie seine Hilfe bei der Suche nach Skellin so dringend benötigte.

Aber brauche ich seine Hilfe wirklich? Cery erledigt nach wie vor den größten Teil der Arbeit. Zwei Magier konnten es niemals mit dem Netzwerk der Spione eines Diebes aufnehmen. Aber ich brauche trotzdem jemanden, der mir hilft, Skellin gefangen zu nehmen – umso mehr jetzt, da Lorandra entkommen ist. Ich darf nicht zulassen, dass irgendwelche Gefühle zwischen Dorrien und mir uns daran hindern, die wilden Magier zu fangen. 

Indem sie nicht mit Dorrien redete, tat sie genau das.

Die Schatten waren jetzt so lang, dass das Sonnenlicht nur noch Soneas Schultern streifte. Seufzend stand sie auf und ging auf den Pfad zu, der neben der Universität verlief. Ich kann die ganze Angelegenheit ebenso gut hinter mich bringen.  Sie erreichte den Pfad und ging auf die Vorderseite des Gebäudes zu. Wenn sie jetzt aufbrach, würden noch ein oder zwei Stunden bleiben, bevor ihre Schicht offiziell begann. Reichlich Zeit, diese Sache zu klären.

Das Warten auf die Kutsche und die Fahrt zum Hospital schienen länger zu dauern als gewöhnlich. Ihr Herz schlug ein wenig zu schnell, als sie durch den Flur des Hospitals zu dem Raum ging, in dem Dorrien arbeitete. Sie klopfte an die Tür und holte tief Luft, als sie geöffnet wurde.

»Schwarzmagierin Sonea«, erklang hinter ihr eine unerwartete Stimme. Sie erhaschte einen Blick auf Dorriens Gesicht – das gleichzeitig Hoffnung und Schuldbewusstsein widerspiegelte –, bevor sie sich zu dem Sprecher umdrehte. Es war ein junger Heiler – ein schüchterner Lonmar, der nach seinem Abschluss beschlossen hatte, ein wenig Erfahrung mit der Arbeit unter gewöhnlichen Menschen zu sammeln, bevor er in seine Heimat zurückkehrte.

»Ja?«

Der Mann verbeugte sich, reichte ihr einen zusammengefalteten und mit Wachs versiegelten Bogen Papier, errötete und eilte davon.

Sie brach das Siegel auf und las den Brief. Ein Schauer der Erwartung überlief sie, als sie Cerys Anweisungen studierte, ungeachtet der Tatsache, dass Nachrichten wie diese in der Vergangenheit zu Enttäuschungen geführt hatten. Sie wandte sich Dorrien zu, der sie nachdenklich musterte.

»Du bist für heute hier fertig, Dorrien«, sagte sie. »Aber du solltest besser Alina eine Entschuldigung schicken, weil du das Abendessen versäumen wirst. Wir müssen in der Stadt etwas erledigen.«

»Wartet hier.«

Obwohl er klein und dünn war, legte der Mann, den der Dieb namens Enka ausgeschickt hatte, damit er sie zu dem Treffpunkt führte, eine Kälte und Effizienz an den Tag, die ihn für Lilia beängstigender machten als Cerys massigen Leibwächter.

Er hat etwas an sich, das mich beunruhigt,  ging es ihr durch den Kopf. Ich schätze, er würde  alles tun, was sein Arbeitgeber ihm befiehlt, und es würde ihm nichts ausmachen. Überhaupt nichts.  

Er führte sie, Anyi, Cery und Gol in ein halbzerstörtes, leeres Lagerhaus auf einem der weniger häufig benutzten Kais des Hafens. Anyi hatte ihr versichert, dass noch weitere von Cerys Leuten an der Sache beteiligt waren und in diskreter Entfernung folgten. Sie würden Plätze finden, von denen aus sie das Geschehen verfolgen konnten, Plätze, von denen sie schnell zu Hilfe eilen konnten, falls Cery mit einem Signal darum bat.

»Wo sollen wir uns postieren?«, fragte Anyi. Sie blickte auf. »Ein Jammer, dass wir nicht dort oben hinauf können.«

Lilia folgte dem Blick der jungen Frau. Das Grundgerüst des Lagerhauses – Außenmauer, Balken und Pfosten – war gut erkennbar, da die Zwischendecken und Wände, wo es welche gegeben hatte, inzwischen weitgehend fehlten. Und die starken Balken wirkten mehr als stabil genug, um das Gebäude noch für eine lange Zeit aufrechtzuerhalten. Am Ende des Baus hatte sich früher einmal ein Zwischengeschoss mit einer Reihe von Fenstern befunden, aber die Dielenbretter von dessen Boden waren verfault oder gestohlen worden. Sie konnte erkennen, warum Anyi der Platz an den Fenstern gefiel. Von dort aus würde man den Kai und das Hafenbecken überblicken können.

Der Mond schien durch die Fenster und machte es schwer, im Gegenlicht Einzelheiten der Fensterwand von innen zu erkennen. Als sie die Augen beschattete, sah Lilia, dass einer der großen Balken unterhalb der Fensteröffnungen an der Außenmauer entlanglief.

»Wenn wir hinaufkämen, könnten wir dann auf diesem Balken Halt finden?«, fragte Lilia.

Anyi trat neben sie, blickte noch einmal hinauf und zuckte die Achseln. »Ohne Weiteres.« Sie sah Cery und Gol an. »Was ist mit euch beiden?«

Cery erwiderte ihren Blick und lächelte. »Ich schätze, ich würde zurechtkommen. Gol?«

»Ich denke ja. Aber wie kommen wir dort hinauf?«

»Ganz einfach, mit Lilias Hilfe«, sagte Anyi. Lilia blickte zwischen Anyi und Gol hin und her und verbarg ein Lächeln. Dies war nicht das erste Mal, dass sie eine gewisse Rivalität zwischen den beiden wahrnahm. Sie folgte Anyi zu der Mauer mit den Fenstern im Zwischengeschoss. Die Frau drehte sich um und fasste Lilia an den Armen.

»Mach dein Ding, Lilia.«

Lilia schuf eine Scheibe aus Magie unter ihren Füßen und hob sie beide zu dem Balken empor. Anyi trat grinsend darauf, und Lilia schwebte wieder hinab.

Mit einem kaum merklichen Achselzucken ergriff Cery Lilias Arme. Sie ließ ihn mit sich zu dem Balken hinaufschweben, und als er sicher darauf stand und sich am Rahmen des nächstgelegenen Fensters festhielt, ließ sie sich wieder auf den Boden hinab.

Gol sah sie mit großen Augen an, dann schaute er zu Cery empor. Er trat einen Schritt zurück, die Hände in einer abwehrenden Geste.

»Ich werde nicht …«

»Komm hier rauf, Gol«, befahl Cery angespannt. Lilia blickte auf. Cery spähte durch eins der Fensterlöcher nach draußen.

Sie hörte, dass Gol wieder näher trat, und richtete ihre Aufmerksamkeit erneut auf ihn. Er zögerte abermals. Dann hörte sie von draußen Schritte.

»Sofort«, zischte Cery.

Irgendjemand kam.

Lilia trat vor, packte Gol an den Armen und hoffte, dass er nicht vor Entrüstung oder Furcht aufschreien würde. Sie ließ sich mit ihm emporschweben. Er gab, das musste man ihm lassen, nur ein leises Aufjaulen der Überraschung von sich. Sie schwebte bis zu einer Stelle auf dem Balken, wo ein Pfosten ihm Halt geben würde, und er schlang sofort die Arme darum.

Sobald sie selbst auf dem Balken stand, dehnte sie die Scheibe aus, um einen Schild zu formen, der sie alle umschloss, wobei sie sorgfältig darauf achtete, den Schild unsichtbar zu machen.

Die Tür unter ihnen wurde geöffnet. Drei Männer traten ein.

»Still«, sagte einer von ihnen. »Die Angeln sind geölt worden.«

»Für das heutige Treffen oder für ein anderes?«

Niemand antwortete, und die drei schauten sich im Lagerhaus um. Einer sah sogar zu den Fenstern hinauf, schien sie aber nicht zu bemerken. Wahrscheinlich geblendet vom Mondlicht, so wie wir es waren.  

Die Männer gingen. Lilia stieß den Atem aus, den sie angehalten hatte, und schob sich an eines der Fenster. Glas und Fensterkreuz hatten diese schon vor langer Zeit eingebüßt. Sie spähte vorsichtig an der Kante des Fensterlochs vorbei, und was sie draußen sah, ließ ihr Herz aussetzen.

Ein Fischerboot hatte am Kai festgemacht. Die drei Männer, die das Lagerhaus in Augenschein genommen hatten, gingen auf vier weitere Personen zu, die paarweise zusammenstanden. Einer davon war ein schlanker, alter Mann, den sie für Enka hielt, weil ihr Führer in das Lagerhaus, Enkas Leibwächter, sich dicht bei ihm hielt.

Das andere Paar bestand aus einem ziemlich fetten, gut gekleideten Mann und einer schlanken Frau, die im Mondschein noch schöner zu sein schien als bei Tageslicht. Lilia hatte das Gefühl, als beginne ihr das Herz im Leib zu glühen.

Naki! Endlich habe ich sie gefunden! 

Weitere Männer hielten sich im Hintergrund. Lilia vermochte nicht zu erkennen, ob sie zu Nakis Dieb oder zu Enka gehörten.

Es spielt keine Rolle,  dachte sie. Sie sind keine Magier. Sie können mich nicht aufhalten.  Sie stieg mit einem Fuß auf das Fenstersims, dann hielt sie inne.

»Dein Einsatz«, wisperte eine Stimme neben ihr. Sie drehte sich um und sah, dass Anyi sich über den Balken ebenfalls an das Fensterloch geschoben hatte. »Cery sagt, du sollst daran denken, Enka und seinen Helfer zu beschützen.«

Lilia nickte dankbar, dann zog sie Magie in sich hinein und sandte sie aus, um Cerys Verbündete und Naki mit ihrem Schutz zu umgeben. Sie stieg ganz auf das Sims, zog den Kopf ein, um sich unter dem Fenstersturz hindurchzuducken, und trat auf die Scheibe, die sie direkt vor dem Fenster mit ihrer Magie schuf.

Die Menschen draußen bemerkten nicht, dass sie zu Boden schwebte, aber Naki schaute sich um – sie hatte den Schild um sie herum wahrgenommen, als er gegen ihren eigenen gestoßen war. Oh, gut,  dachte Lilia. Sie kann sich selbst schützen.  Sie ließ den Schild fallen. Irgendetwas an Nakis Schild beunruhigte sie jedoch. Halb verborgen hinter den drei Männern, die das Lagerhaus untersucht hatten, ging sie auf Naki zu.

»Hier ist ein weiterer Magier«, sagte Naki mit warnender Stimme.

Sofort schauten alle Übrigen sich um und entdeckten Lilia. Die drei Männer wichen angstvoll und unsicher zurück, als Lilia zwischen ihnen hindurchschritt.

»Naki«, sagte Lilia lächelnd. Ihre Freundin starrte sie überrascht an. »Es ist so schön, dich wiederzusehen. In was für Schwierigkeiten hast du dich diesmal gebracht?«

»Lilia.« Naki sprach den Namen zu Lilias Erleichterung nicht hasserfüllt oder anklagend aus. Aber es lag auch keine Zuneigung in ihrer Stimme. »Warum bist du hier?«

»Um dir zu helfen.«

Naki sandte einen Lichtblitz durch ihren Schild. »Wie du erkennen kannst, brauche ich deine Hilfe nicht.«

Lilia sah ihre Freundin an und begriff, was sie beunruhigt hatte. Sie hat recht. Sie braucht meine Hilfe nicht. Sie hat Magie. Irgendwie hat sie oder jemand anders ihre Blockade entfernt. Das ist es, was so seltsam an ihrem Schild war – sie sollte nicht in der Lage sein, einen heraufzubeschwören.  Und dann traf sie die wahre Bedeutung hinter Nakis Worten mit voller Wucht.

Naki will nicht gerettet werden. Sie ist völlig zufrieden, für einen Dieb zu arbeiten. Tatsächlich ist sie wahrscheinlich mit Absicht verschwunden. Es sei denn …?  

Dann ging Lilia ein Risiko ein. Sie benutzte ihre Gedankenstimme, so leise wie möglich und in der Hoffnung, dass niemand in der Gilde es hören würde.

Wirst du erpresst? 

Naki lachte. »Nein, du begriffsstutzige Närrin. Genau das habe ich die ganze Zeit geplant: von der Gilde und ihren Regeln wegzukommen, von ihrem erstickenden Urteil, und die Freiheit zu haben, zu tun, was immer ich will.«

Ihr Blick war jetzt voller Hass. Eine vertraute Woge von Schuldgefühlen schlug über Lilia zusammen, aber sie widerstand dem Drang wegzuschauen. Ich habe ihren Vater nicht getötet,  sagte sie sich. Sie hat keinen Grund, mich zu hassen.  Aber die Ungewissheit blieb. Naki wollte offensichtlich nicht gerettet werden. Was tue ich jetzt?  

Naki brach das Gesetz. Und sie wusste es. Sie darauf hinzuweisen würde sie nicht dazu bringen, in die Gilde zurückzukehren. Wenn sie jedoch erfuhr, worauf Skellin aus war, würde sie es vielleicht tun. Sie würde den Schutz der Gilde brauchen. Es sei denn … Was, wenn Naki mit Freuden einen Dieb als Arbeitgeber gegen einen anderen einzutauschen bereit war? Lilia begriff, dass sie es auf eine andere Weise versuchen musste. Eine, die Nakis Wesen entsprach.

»Bist du wahrhaft frei?«, fragte Lilia. Sie sah den fetten Dieb vielsagend an.

Naki lächelte. Offenkundig hatte sie diesen Einwand erwartet. »So frei ich sein will. Freier, als ich es in der Gilde wäre.«

»Aber für wie lange?«, hakte Lilia nach. »Es sind Leute hinter dir her. Nicht die Gilde. Mächtige wilde Magier.«

»Wunderbar.« Naki zuckte die Achseln. »Wir werden zusammen etwas trinken und uns Geschichten erzählen.«

»Sie sind nicht auf Gespräche aus«, erklärte Lilia, verärgert über Nakis Weigerung, diese Gefahr zu erkennen. »Sie werden dich zwingen, ihnen zu sagen, was in dem Buch stand, und dann werden sie dich töten.«

Naki runzelte die Stirn. »Das Buch?« Vom Lagerhaus gellte ein durchdringender Pfiff, und Naki schaute in diese Richtung, bevor sie sich wieder an Lilia wandte. »Oh, du meinst schwarze Magie? Wirklich, denkst du, ich würde sie das lehren?«

Etwas begann gegen den Schild zu dreschen, den Lilia um Cerys Verbündete gelegt hatte. Sie schaute zur Seite und sah, dass der mit Cery befreundete Dieb und sein Helfer sich zu befreien versuchten. Dann bemerkte sie, dass der fette Dieb sich mit seinen Männern zu dem Fischerboot zurückzog. In der Hoffnung, dass niemand mehr übrig war, um Cerys Verbündeten etwas anzutun, ließ sie den Schild um sie sinken.

Naki kam auf sie zu. Die Schatten ließen ihr Lächeln wie ein wahnsinniges Grinsen aussehen.

»Weißt du«, sie neigte den Kopf zur Seite, und ihre Miene wurde nachdenklich, »wenn der Preis stimmte, könnte mich das vielleicht in Versuchung führen, mit den wilden Magiern zusammenzuarbeiten.«

Naki befand sich nur noch wenige Schritte entfernt. Ihr Blick war raubtierhaft und gefährlich. Lilia wich unwillkürlich zurück. Und stärkte den Schild, der sie selbst umgab.

»Das würdest du nicht tun.«

»Oh, natürlich nicht. Es wäre nicht klug, nicht wahr? Ich würde mir potenzielle Feinde schaffen, die genauso mächtig wären wie ich.«

»Genauso mächtig wie …« Lilia hörte auf zurückzuweichen. »Du hast doch  in dieser Nacht schwarze Magie erlernt!«

»Nein.« Nakis schöner Mund verzog sich zu einem hässlichen, selbstzufriedenen Lächeln. »Das habe ich mir beigebracht, bevor wir beide uns überhaupt kennengelernt haben.«

Sie spreizte die Finger, und ein magischer Schlag krachte gegen Lilias Schild. Dies war kein vorsichtiger Übungsangriff im Kriegskunstunterricht. Es war ein Schlag, der Lilia zurückzwang, bevor sie verzweifelt mehr Macht in sich hineinzog, als sie jemals zuvor benötigt hatte, um ihren Schild aufrechtzuerhalten.

Ich sollte zurückschlagen.  Die Erinnerung an ihre Lektionen trat an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Ein Schild erforderte mehr Magie als ein Schlag. Wenn zwei Kämpfer gleich stark waren, würde derjenige, der sich mehr auf seinen Schild konzentrierte, als erster scheitern.

Aber es ist Naki. Was ist, wenn ich sie verletze? Was ist, wenn ich sie töte?  

Naki hatte offensichtlich nicht die gleichen Zweifel. Ihre Worte hallten in Lilias Kopf wider. Das habe ich mir beigebracht, bevor wir beide uns überhaupt kennengelernt haben.  Das bedeutete, dass Naki gewusst hatte, dass die Anweisungen in dem Buch funktionieren würden. Sie hatte gewusst, dass sie Lilias Leben zerstörte. Lilia spürte, wie sie vor dem Gedanken zurückschreckte. Warum sollte Naki das tun? Um das Verbrechen mit einem anderen zu teilen? Was bedeutete, dass Lilia in der Nacht der Ermordung Lord Leidens nicht die einzige Person im Haus gewesen war, die sich auf schwarze Magie verstand.

Aber gewiss würde sie doch nicht ihren eigenen Vater töten …  

Wer hätte es sonst gewesen sein können? Plötzlich musste Lilia es mit Bestimmtheit wissen – und die einzige Möglichkeit, wie sie das tun konnte, bestand darin, dass sie Nakis Gefangennahme sicherstellte, damit Schwarzmagierin Sonea ihre Gedanken lesen konnte. Oder ich. Ich könnte ihre Gedanken lesen.  Und die beste Chance, die sie hatte, um das zu tun, war ein Gegenangriff.

Vorsichtig. Sie würde die Wahrheit niemals erfahren, wenn Naki starb.

Also schleuderte sie Naki Magie entgegen. Zuerst waren ihre Schläge schwach im Vergleich zu Nakis Angriffen, und das andere Mädchen lachte, aber Lilia gewöhnte sich schnell daran, mehr Macht zu benutzen. Nakis Schläge waren achtlos, was Lilia mit einem Anflug von Furcht erfüllte.

Ist sie vielleicht stärker geworden, wenn sie die schwarze Magie schon so lange beherrscht? Ich habe kein einziges Mal schwarze Magie benutzt. Ich bin nur so stark, wie ich es aus mir selbst heraus bin, und ich habe eine Menge Kraft auf das Schweben verwendet. 

Bei diesem Gedanken schlug eine Welle der Panik über Lilia zusammen. Sie schob die Regung beiseite, so gut sie konnte. Obwohl sie zitterte, gelang es ihr, ihre Schläge akkurat und ihren Schild ruhig zu halten. Ein Teil von ihr war erheitert zu sehen, dass Naki sich, obwohl Kriegskunst ihre beste Disziplin gewesen war, nicht die Mühe machte, etwas Trickreiches oder Raffiniertes zu tun, aber ihre Erheiterung löste sich in Luft auf, als sie begriff, dass Naki es deshalb nicht tat, weil sie es nicht nötig hatte. Sie wollte diese Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen.

Als Lilia das nächste Mal nach Macht griff, musste sie feststellen, dass ihre Reserven erschöpft waren. Sie schnappte vor Entsetzen und Ungläubigkeit nach Luft, als ihr Schild zusammenbrach, und wappnete sich gegen den Schlag, der sie töten würde. Naki heulte triumphierend auf, aber der Schlag kam nicht. Zu Lilias ungeheurer Erleichterung hörte das Mädchen auf, sie anzugreifen, und kam auf sie zu.

»Du hast keine Magie genommen, nicht wahr?«, fragte Naki und griff nach Lilias Arm. Sie schüttelte den Kopf. »Du warst die ganze Zeit frei und hast kein einziges Mal Macht genommen. Du warst schon immer dumm und leichtgläubig.« Mit einem Stoß drehte sie Lilia um und drückte ihr den Arm hinter den Rücken. Schmerz durchzuckte Lilias Arm und Schulter.

»Wenn du so klug bist, warum arbeitest du dann für einen Dieb?«, erwiderte Lilia. »Warum arbeitet er nicht für dich?«

Naki lachte leise. »Oh, ich lerne gerade erst die Grundlagen des Gewerbes.«

Sie bewegte sich, und etwas Kaltes, Scharfes berührte Lilias Hals. Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, wie sich das Mondlicht auf der Schneide eines Messers fing. Ein kalter Schauer überlief sie, als sie begriff, was Naki vorhatte, gefolgt von einem tiefen, reißenden Schmerz in der Brust. Sie wird mich doch töten. Die ganze Zeit habe ich gehofft, dass sie sich in einen ihrer verrückten Pläne verstrickt hat. Dass sie leichtsinnig ist und mich nicht wirklich verletzen will. Aber sie liebt mich nicht. Sie hat es vermutlich nie getan. 

Sie hat recht. Ich bin dumm …  

Dann riss Naki Lilia zurück und ließ sie los. Lilia hörte ein Krachen, als sie, aus dem Gleichgewicht gebracht, stolperte und auf den Rücken fiel.

Irgendwo in der Nähe fluchte jemand leise. Rufe erklangen, dann das Geräusch von Menschen, die rannten. Als Lilia sich umschaute, sah sie Anyi, Gol und Cery herbeieilen. Aus einer anderen Richtung kam eine Magierin, deren schwarze Roben hinter ihr herflatterten.

Sonea? 

Die Schwarzmagierin eilte an Lilia vorbei, ohne sie zu beachten. Lilia drehte sich um und sah, dass Sonea sich neben Naki auf die Knie geworfen hatte; Naki lag auf dem Kai, und Sonea hielt den Kopf des Mädchens umfangen, der in einem ungewöhnlichen Winkel vom Körper abstand.

Vor ihren Augen bewegte sich der Kopf langsam wieder zurück in eine natürliche Position, und die Farbe kehrte in Nakis Züge zurück. Das Mädchen stöhnte und öffnete die Augen. Als sie zu Sonea aufschaute, stöhnte sie abermals.

»Ja. Ich.« Der erleichterte Ausdruck in Soneas Zügen verschwand, und an seine Stelle trat Grimm. Sie stand auf. »Ihr werdet es mir vermutlich nicht danken, dass ich Euch das Leben gerettet habe.«

Naki richtete sich auf und rieb sich den Hals. »Warum sollte ich? Ihr hättet mich beinahe getötet.«

Sonea sah sie an, als wolle sie mehr sagen, besann sich aber eines anderen. Sie griff Naki am Arm und zog sie auf die Füße, bevor sie sich Lilia zuwandte. »Cery versichert mir, dass Ihr jetzt freiwillig in die Gilde zurückkehren werdet.«

Lilia folgte ihrem Blick und sah, dass Cery, Anyi und Gol direkt hinter ihr standen, zusammen mit zwei in grüne Roben gekleideten Magiern, die sie noch nie zuvor gesehen hatte.

»Ja«, erwiderte Lilia. »Jetzt, da ich sie gefunden habe.«

Anyi streckte die Hand aus und half Lilia auf die Füße. »Irgendetwas gebrochen?«, murmelte sie.

»Nur mein Stolz.«

»Und dein Herz, denke ich.«

Lilia starrte Anyi an, die sie mit einem wissenden Blick bedachte, bevor sie zurücktrat. »Nun wirst du wohl in die Gilde zurückkehren. Komm ab und zu mal vorbei. Du wirst immer willkommen sein.«

Lilia zuckte die Achseln. »Ich denke nicht, dass ich viel Gelegenheit bekommen werde, irgendjemanden zu besuchen.«

Anyis Lächeln verblasste. »Nun denn … in dem Fall werden wir einfach bei dir vorbeikommen müssen.«

Sonea blickte nachdenklich zwischen Anyi und Lilia hin und her, bevor sie sich an Cery wandte. »Wir beide müssten mal ein Wort miteinander reden.«

Er lächelte. »Jederzeit gern. Aber jetzt würde ich lieber warten, bis du nicht mehr alle


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Hände voll zu tun hast, und die Gilde wird bestimmt erpicht darauf sein, dieses Früchtchen hier wieder in die Finger zu bekommen.« Er deutete mit dem Kopf auf Naki.

Sie nickte. »Das ist gewiss richtig. Gut, dann bis bald.«

Er nickte und trat mit einer höflichen Geste zurück. »Gute Nacht.«

Als die Schwarzmagierin sich zum Gehen wandte, tätschelte Anyi Lilias Schulter. »Sie sollen dich besser gut behandeln, oder ich werde persönlich kommen, um dich rauszuholen.«

»Ich werde schon zurechtkommen«, erwiderte Lilia, aber sie war sich keineswegs sicher, ob dem wirklich so war.

Als sie sich Sonea, Naki und den anderen Magiern anschloss, machten Cery, Gol und Anyi sich auf den Weg zurück in das Lagerhaus. Plötzlich kam Lilia ein Gedanke. Sie hatte das Trio ja dort oben zurückgelassen. »Wie seid ihr von dem Balken heruntergekommen?«, rief sie ihnen nach.

Anyi blieb stehen, drehte sich um und grinste. »Ich mit weniger Mühe und Flüchen als die anderen.«

Dann verschwand sie in der Dunkelheit, und Lilia fragte sich, ob sie ihre Retterin jemals wiedersehen würde.

25

Geben und Zurückhalten

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Die Gegend außerhalb des Sanktuariums hatte sich seit Lorkins Ankunft dort so sehr verändert, dass es fast schien, das Tal sei auf unerklärliche Weise in eine völlig andere Umgebung versetzt worden. Alles war schneebedeckt. Der Schnee sammelte sich in hohen Wechten und klebte an den felsigen Hängen. Eiszapfen hingen von jedem Vorsprung und jedem vom Wind verkrümmten Baum.

Als sie die Stadt verlassen hatten, hatte Tyvara ihm eine Augenbinde umgelegt und ihn durch einen langen Flur aus einem weiteren geheimen Eingang ins Freie geführt. Sobald sie draußen waren, hatten sie sich an die Täler gehalten und den trügerischen Schnee auf den Bergen gemieden, der wahrscheinlich dem Druck eines Fußes nicht standgehalten hätte. Auch ihr Transportmittel war ein anderes. Jeder von ihnen hatte ein glattes Brett, das vorn gebogen war, während auf dem hinteren Teil Vorräte festgezurrt waren. Darauf hügelabwärts zu gleiten war berauschend und eindeutig besser, als die Schlitten durch den Schnee bergauf hinter sich herzuziehen.

Drei Tage waren sie so gereist und langsam, aber stetig vorangekommen. In jeder Nacht rollten sie die Matratzen aus, die Teil der Reiseausrüstung einer Verräterin waren, und schliefen unter den Sternen, wobei sie sich mit Magie warm hielten. Von Zeit zu Zeit redeten sie miteinander, wenn das Schlittenfahren oder die Anstrengung, durch den Schnee zu stapfen, sie nicht daran hinderte, aber bei Nacht waren sie beide zu erschöpft für Gespräche.

Am dritten Tag waren sie noch nicht lange unterwegs, als der Himmel sich verdunkelte und ein immer heftigerer Wind sie zu beuteln begann. Die Schneeflocken verdichteten sich bald zu einem wirbelnden Vorhang, der ihre Sicht auf einige wenige Schritte beschränkte. Tyvara führte ihn auf einen schmalen Pfad, der an einer Felswand entlang hinabging. Sie mussten die Schlitten tragen, was den Abstieg noch gefährlicher machte. Er fragte sich, warum Tyvara nicht stehen blieb und ein geschütztes Plätzchen suchte, wo sie den Sturm abwarten konnten, aber bevor er diesen Vorschlag machen konnte, waren sie am Eingang zu einer Höhle angelangt.

Ohne zu zögern, traten sie in die Dunkelheit und den Schutz der Höhle. Tyvara hielt kurz inne, um eine Lichtkugel zu schaffen, in deren Schein sie Einzelheiten erkennen konnten. Die Höhle war langgestreckt, fast tunnelartig, und eine ihrer Wände bestand aus Eis. Dies ist wahrscheinlich ein Überhang,  dachte Lorkin, während er Tyvara folgte. Sie ging auf einen flachen Bereich der Höhle zu und stellte dort ihren Schlitten ab. Er ließ seinen neben ihren fallen und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Wir können hierbleiben, bis das Wetter besser wird«, sagte sie.

Lorkin nickte zustimmend. Während Tyvara die Schlafmatratzen auf dem Boden ausrollte, hob sich seine Stimmung langsam. Zumindest konnten sie jetzt ein wenig Zeit miteinander verbringen, in der sie nicht entweder erschöpft waren oder damit beschäftigt, ihre nächste Reiseetappe zu bewältigen. Und es würde den Moment hinauszögern, in dem sie sich trennen mussten.

Er setzte sich auf seine Matratze und machte sich daran, ein wenig Wasser zu erhitzen und Raka zu kochen. Sie lächelte, als er ihr einen dampfenden Becher reichte.

»Dies ist der Beginn eines größeren Tals, das sich bis in das sachakanische Flachland hinab erstreckt«, erklärte sie. »Du wirst mühelos hinuntergelangen, auf die Straße.«

»Dann wirst du mich also nur bis hierher begleiten?«

Sie sah ihn mit undeutbarer Miene an. »Ja.«

Was dann?,  fragte er sich. Werden wir einander jemals wiedersehen? Wird sie mich überhaupt vermissen?  Eine Mischung von Gefühlen stieg in seiner Kehle auf: Sehnsucht, Zweifel, Bedauern, sogar Verbitterung. Er wollte ihr das alles irgendwie übermitteln, aber dann erinnerte er sich daran, was Chari über Tyvara gesagt hatte. Sie wollte nicht belastet werden. Wenn er sie an sich zu binden versuchte, würde er sie damit nur vertreiben.

»Ich …«, begann sie. Er wartete darauf, dass sie weitersprach, aber sie runzelte die Stirn und verfiel in Schweigen.

»Ja?«, fragte er. Jemanden nicht an sich zu binden ist eine Sache, aber ihn mit geheimnisvollen, unvollendeten Sätzen davonkommen zu lassen, eine ganz andere. 

Tyvara schüttelte den Kopf. »Ich wusste, dass dies geschehen würde. Ich wollte mich nicht an dich binden, weil ich wusste, wenn ich es täte, würde dich irgendetwas mir wegnehmen.«

Plötzlich konnte er nicht mehr aufhören zu lächeln. Sie blickte auf und runzelte die Stirn.

»Was ist daran so komisch?«

»Ich liebe dich auch«, sagte er.

Sie starrte ihn an, dann breitete sich langsam ein Lächeln auf ihren Zügen aus. »Ich mache das nicht besonders gut, oder?«

Er schüttelte den Kopf. »Grauenhaft.«

»Nun … so ist es eben. Was für ein Paar wir abgeben. Nur dass wir kein Paar sind, da du nach Hause gehst und ich … nun, ich gehe ebenfalls nach Hause.«

»Wenn es dir hilft, werde ich versprechen zurückzukommen.«

Sie streckte die Hand aus und berührte seinen Mund. »Gib keine Versprechungen.«

Er machte einen Laut des Protestes und ergriff ihre Hand. »Keine Versprechungen? Ich würde zumindest gern wissen, ob du dich zu jemand anderem ins Bett legst, während ich fort bin.«

Sie stieß ein kurzes Lachen aus. »Trotz all unserer Bemühungen, die Rollen, die Männer in anderen Gesellschaften spielen, zu übernehmen, ist es uns Verräterinnen nicht gelungen, uns alle abscheulichen Angewohnheiten der Männer anzueignen. Obwohl ich zugebe, dass es gewiss einige Frauen gibt, die erpicht zu sein scheinen, jeden Mann im Sanktuarium in ihr Bett zu holen«, fügte sie mit einer Grimasse hinzu.

Er sah sie an. »Das ist kein Versprechen.«

»Das ist alles, was du bekommen wirst«, entgegnete sie.

Er zuckte die Achseln und nippte an seinem Raka. Nun, es ist nicht so, als hätte ich sie gebeten, mich zu heiraten. Ich bin mir nicht einmal sicher, wie das hier funktioniert. Frauen wählen ihre Männer aus, also nehme ich an, dass sie mich fragen müsste. 

»Du solltest Macht von mir nehmen, bevor du gehst«, sagte sie leise.

Überrascht sah er sie an. »Ich soll schwarze Magie benutzen?«

»Natürlich. Da es nicht in der Öffentlichkeit geschieht, ist es dir nicht aufgefallen, aber die Nichtmagier unter den Verräterinnen spenden den Magiern regelmäßig Macht. Vor unserem Aufbruch blieb keine Zeit, das für dich zu arrangieren. Ich habe jede Menge zusätzlicher Macht, und ich kann sie, wenn ich zurückkehre, leicht genug ersetzen. Du solltest dich nicht nach Sachaka hineinwagen, ohne zuerst deinen Vorrat an Macht zu vergrößern. Den Ashaki könnte ein kyralischer Magier, der ohne Roben durch ihr Land wandert, verdächtig vorkommen. Sie könnten dich erkennen und, da sie wissen, wo du gewesen bist, wie einen Verräter behandeln. Der Stein, der deinen Geist abschirmt, wird sie daran hindern, durch Gedankenlesen etwas über uns in Erfahrung zu bringen, aber es wird sie nicht daran hindern, diese Informationen auf andere Weise aus dir herauszuholen. Wenn du jetzt zusätzlich etwas Macht von mir nimmst, wirst du sie damit nicht lange aufhalten können, aber es wird möglicherweise reichen, damit du das Weite suchen kannst, wenn sie nicht damit rechnen.«

Ein Schauer überlief Lorkin. Er wandte den Blick ab und hoffte, dass sie ihm seine Furcht nicht ansah.

»Ist das erlaubt?«, fragte er.

»Natürlich ist es erlaubt. Tatsächlich hat die Königin es vorgeschlagen. Sie hat auch vorgeschlagen, dass ich dich den Liebestod lehre.«

Er drehte sich um und starrte sie an, dann schoss ihm die Wärme ins Gesicht. »Mit … dir?«

Sie lächelte. »Wer ist denn sonst noch hier?«

»Aber …« Sie wollte offensichtlich nicht, dass er sie tötete, und er hoffte gewiss, dass die Königin nicht beabsichtigte, dass Tyvara ihn tötete.

Tyvara lächelte. »Keine Sorge«, sagte sie. »Der Name ist nicht gerade reizvoll, aber es ist nicht nur nützlich, um Leute zu töten oder sie bis zur Erschöpfung zu leeren. Für die meisten Paare oder Liebenden ist es einfach die vergnüglichste Methode, Macht zu geben oder zu empfangen.« Bei den Worten »vergnüglichste Methode« hatte sie die Brauen hochgezogen, und jetzt sah sie ihn kokett an, ihre Augen dunkel und einladend.

Sein Herz begann zu rasen. Er glaubte zu wissen, was sie vorschlug. Aber er konnte sich irren …

»Also. Willst du, dass ich es dich lehre?«

Er nickte.

»Es erfordert eine gewisse Selbstbeherrschung des Mannes, um eine Frau zu dem Punkt zu bringen, an dem er Macht von ihr nehmen kann. Denkst du, du schaffst das?«

Er lächelte und nickte abermals.

»Nun, dann lass uns mit der Lektion beginnen.«

Für die nächste Zeit – und wen scherte es, wie lange es war? – lernte er mehr als eine exotische Art von Magie kennen. Wie befohlen stimmte er sich auf ein vollkommen neues Bewusstsein der Macht in seinem Körper ein und auf das Gefühl dafür, wo diese Macht ihre berührte. Als er spürte, wie ihre natürliche Barriere ins Wanken geriet … es war auf allen möglichen Ebenen faszinierend, und er vergaß beinahe zu versuchen, Macht von ihr zu nehmen.

Und dann spürte er, wie das Nehmen von Macht den Augenblick für sie in die Länge zog, und er begriff, warum Evar seine fast vollständige Entleerung nicht allzu sehr bekümmert hatte. Plötzlich freute er sich wirklich darauf zu lernen, wie es war, Macht zu geben. Er hörte auf, von ihr zu nehmen, der Überlegung folgend, dass er nicht wusste, wie viel Macht er sich gefahrlos einverleiben konnte.

»Vertraust du mir?«, fragte sie, als sie wieder sprechen konnte.

Er nickte hastig. Sie lachte und lehrte ihn dann, warum Geben noch besser war als Nehmen.

Trotz der harten, schmalen Betten, Tayends Schnarchen und des ständigen, lästigen Gefühls von Staub in Nase und Lunge schlief Dannyl tief und fest. Als er erwachte, fiel Sonnenlicht durch die halb geschlossene Lasche des Zelts. Er erhob sich und trat ins Freie. Eine Decke lag ausgebreitet vor dem Zelt, und er schüttelte den Staub davon ab, bevor er sich hinsetzte, um das Treiben im Lager zu beobachten.

Nicht lange danach spähte eine Frau um das Zelt, sah ihn, lächelte und verschwand. Kurz darauf kehrte sie mit einem gewebten Beutel voller Speisen und einer Schale Wasser zurück. Das Essen war die gleiche Art von Kost, die der Führer ihnen angeboten hatte – Früchte und getrocknetes Fleisch aus dem Canyon unter ihnen. Hier oben kann eigentlich nicht viel wachsen, und obwohl ich einige Haustiere bemerkt habe, habe ich noch keine Pflanzen gesehen, die sie fressen könnten. 

Er grübelte verwundert darüber nach, wie die Duna aus dem Lager sich selbst und ihre Tiere wohl ernährten, bis zwei weitere Bewohner des Zeltes zum Vorschein kamen. Tayend und Achati blinzelten in der Morgensonne, dann setzten sie sich zu Dannyl auf die Decke. Achati hatte zuvor noch ihren Führer geweckt.

Der Mann kam murrend heraus, machte aber schnell ein fröhlicheres Gesicht, als er den Beutel mit Essen sah. Er ging durch die Zelte davon, dann kam er mit einem Päckchen voller Essgeschirr zurück. Als Becher und eine Tüte Raka-Pulver auftauchten, nahm Dannyl sie in Empfang und begann das Getränk vorzubereiten, indem er zuerst mit Magie das Wasser erhitzte und es dann in die Becher über einige Löffel voll Raka schüttete.

Sie aßen. Sie warteten. Die Sonne stieg höher, und sie mussten sich in das Zelt zurückziehen, um der Hitze zu entfliehen. Im Zelt war es ebenso stickig wie heiß, aber zumindest verbrannte ihre Haut nicht.

Kurz nachdem die Sonne ihren Zenit überschritten hatte, trat der Stammesälteste, der am vergangenen Abend für die Gruppe gesprochen hatte, ins Zelt.

»Wenn wir als eine Stimme sprechen, sind wir namenlos«, sagte er. »Aber jetzt spreche ich als eine Stimme. Ich heiße Yem.« Er berührte mit einer knochigen Hand kurz seine Brust, dann wurde seine Miene ernst. »Wir haben geredet, bis die Sonne zurückkam, dann haben wir eine Entscheidung getroffen. Wir haben unsere Entscheidungen der Prüfung von Schlaf und einem zweiten Gespräch unterzogen. Sie sind unverändert geblieben. Wir werden unsere Antworten nur einem Mann geben.« Er wandte sich an Dannyl. »Botschafter Magier Dannyl.«

Dannyl sah Achati an, der die Achseln zuckte. Ich nehme an, das kann keine Überraschung für ihn sein. Die Duna haben kaum einen Grund, ihm zu vertrauen. Aber andererseits haben sie auch keinen Grund, mir zu vertrauen.  Tayend hatte den Mund geöffnet, als wolle er protestieren, sagte jedoch nichts. Yems Blick wanderte zu ihm hinüber.

»Habt Ihr ebenfalls Fragen?«

Tayend schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin nur neugierig auf die Antworten.«

»Es wird Botschafter Magier Dannyls Entscheidung sein, ob Ihr sie hören dürft«, erklärte Yem.

Dannyl griff nach seinem Notizbuch und stand auf. »Es ist mir eine Ehre, dass Ihr mich erwählt habt, um von Euch und Eurem Volk zu hören.«

Yem lächelte, dann winkte er ihn heran und trat aus dem Zelt. Als Dannyl sich kurz umdrehte, sah er, dass Achati ermutigend lächelte; Tayend wirkte bereits gelangweilt. Er wandte sich ab und folgte Yem durch die Zelte.

»Wir haben eine Hüterin der Legende gefunden, die bereit ist, mit Euch zu sprechen«, erklärte Yem. »Schwört Ihr, nicht nach ihrem Namen zu forschen oder anderen von ihr zu erzählen?«

»Ich schwöre, dass ich nicht nach ihrer Identität forschen oder sie enthüllen werde«, erwiderte Dannyl.

Sie umrundeten ein weiteres Zelt und befanden sich plötzlich draußen in der grauen Wüste. Vor sich sah Dannyl einen Unterschlupf, der aus Pfosten bestand, über die eine große Stoffbahn gespannt war. Deren Ecken waren an kurze Pflöcke im Boden gebunden. Die Erde unter seinen Füßen war hart und staubig. Ist es eigentlich eine Wüste, wenn überhaupt kein Sand vorhanden ist?,  fragte sich Dannyl.

Die Sonne brannte unbarmherzig. Dannyl spürte, wie sich auf seiner Stirn Schweiß bildete, und er wischte ihn mit dem Handrücken ab.

Yem lachte leise. »Es ist heiß.«

»Ja«, stimmte Dannyl zu. »Und doch haben wir Winter.«

Der alte Mann zeigte nach Westen. »Weit entfernt in dieser Richtung sind die Vulkane mit Schnee bedeckt. Es ist hoch und kalt.«

»Ich wünschte, ich könnte das sehen.«

Yem zog die Schultern hoch. »Wenn die Vulkane erwachen, schmilzt der Schnee. Dann haben wir Überschwemmungen. Sehr gefährlich. Aber nicht so gefährlich wie die Fluten aus geschmolzenem Stein.« Er sah Dannyl an. »Wir nennen die Fluten ›Vulkantränen‹, und die roten Flüsse sind ›Vulkanblut‹.«

»Und die Asche?«

»Der Vulkan niest.«

Dannyl lächelte erheitert. »Er niest?«

Yem lachte – ein schnelles Bellen, das Dannyl an Unh erinnerte. »Nein. Ich lüge. Wir haben viele Namen für Asche. Es gibt viele Arten von Asche. Heiße Asche und kalte Asche. Neue Asche und alte Asche. Asche, die trocken herabfällt, und Asche, die nass herabfällt. Asche, die den Himmel erfüllt. Wir haben für jede Art einen Duna-Namen. Vor mehr als fünfzig Wintern ist einer der Vulkane explodiert, und der Himmel war viele Monate lang voller Asche.«

»Das muss der Vulkanausbruch gewesen sein, der die langen Winter in Kyralia verursacht hat.«

»Die Reichweite dieses Vulkanausbruchs war so groß?« Yem nickte vor sich hin. »Es ist ein mächtiger Vulkan.«

Dannyl erwiderte nichts, da sie den Unterstand erreicht hatten. Als er in dessen Schatten trat, stieß er einen Seufzer der Erleichterung aus. Dieselben alten Männer, mit denen er am vergangenen Abend gesprochen hatte, saßen im Kreis auf einer Decke, aber es waren noch zwei Männer und eine Frau hinzugekommen. Yem bedeutete Dannyl, sich in einer Lücke zwischen zwei Männern niederzulassen. Er selbst ging um den Kreis herum, um sich auf der gegenüberliegenden Seite auf einen freien Platz zu setzen.

Yem schaute jeden der Männer einzeln an, dann wandte er sich an die Frau.

»Sprich, Hüterin. Gib Botschafter Magier Dannyl deine Antworten.«

Die Frau hatte Dannyl angestarrt, ihr Blick scharf und forschend. Obwohl ihre Miene undeutbar war, hatte ihr Verhalten etwas Ängstliches und Missbilligendes.

»Ihr wünscht zu erfahren, was Steine tun können?«, fragte sie.

Er nickte. »Ja.«

»Sie tun, was immer Magier tun können«, erklärte sie ihm. »Sie verwandeln Magie in Hitze. Sie können wie ein Damm sein oder wie ein Schild. Sie machen Licht. Sie können etwas festhalten.« Ihr Blick konzentrierte sich auf einen fernen Punkt, und ihre Stimme nahm den Tonfall einer Lehrerin an, die eine vertraute Lektion herunterspulte. »Zwei Arten von Steinen können geschaffen werden. Einen kann man eine Aufgabe lehren, aber die Magie muss von seinem Besitzer kommen. Einen kann man eine Aufgabe lehren, und er trägt die Magie für die Aufgabe in sich. Beide können so geschaffen werden, dass man sie ein einziges Mal oder viele Male benutzen kann, aber der Vorrat muss wieder aufgefüllt werden, wenn er geleert ist.« Sie blinzelte und sah ihn an. »Versteht Ihr?«

»Ich denke, ja«, erwiderte er. »Wenn also ein Stein einen Vorrat an Magie enthalten kann, ist es ein Lagerstein?«

Sie reckte das Kinn vor. »Nicht ein solcher Stein wie der, von dem Ihr gestern Abend gesprochen habt. Ein vorsichtiger Steinemacher macht einen Stein so, dass er gerade genug enthält. Die meisten Steine können nur eine gewisse Menge aufnehmen, sonst zerbrechen sie. Um das Zerbrechen zu verhindern, werden sie so geschaffen, dass sie nur gerade genug enthalten.« Sie legte die Hände zusammen. »Der Stein, von dem Ihr gesprochen habt, hatte keine Grenze.« Sie breitete die Arme aus und spreizte die Finger. »Steine, die nicht zerbrechen, sind selten. Wir wissen nicht, wie wir erkennen können, ob sie es nicht tun werden. Und selbst wenn sie es nicht tun, sind sie trotzdem gefährlich. Je mehr Magie sich in dem Stein befindet, desto gefährlicher ist es – geradeso, wie es gefährlich ist, wenn ein Magier zu viel Macht nimmt und in sich festhält. Es ist leicht, die Kontrolle zu verlieren.«

Dannyl richtete sich interessiert auf. »Ihr sagt, dass ein Schwarzmagier – ein Magier, der sich auf höhere Magie versteht – so viel Macht nehmen kann, dass seine Kontrolle darüber ins Wanken gerät?«

Sie hielt inne und ließ sich offensichtlich Zeit, um die weniger vertrauten Worte, die er benutzt hatte, zu übersetzen. Dann nickte sie. »Vor sehr, sehr langer Zeit lebten viele Völker dort, wo jetzt die Duna und die Sachakaner sind. Sie hatten Städte in den Bergen, in denen die Steine gemacht wurden, und lagen ständig im Krieg miteinander. Wer immer die meisten Steine hatte, war der Stärkste. Eine Königin verlor ihre Steinhöhlen und trachtete danach, selbst zu einem Stein zu werden. Sie nahm immer mehr und mehr Magie von ihren Untertanen. Aber sie verlor die Kontrolle über diese Macht und verbrannte, und da wurde der erste Vulkan geboren. Er färbte ihr Volk in der Farbe von Asche.« Sie nahm eine Hautfalte ihres Arms zwischen Daumen und Zeigefinger und lächelte. »Lagersteine sind wie Magier. Es ist besser, nur wenig Macht zu haben und sie dann zu benutzen und wieder aufzufüllen.«

Ich frage mich, wie viel Macht ein Schwarzmagier haben muss, um die Kontrolle zu verlieren,  überlegte Dannyl. Offensichtlich mehr als das, was Sonea und Akkarin genommen haben, um Imardin zu verteidigen. Hm, ich sollte Sonea besser darüber in Kenntnis setzen. Wir wollen schließlich nicht, dass Imardin sich in einen Vulkan verwandelt. 

»Habt keine Furcht«, sagte die Frau, die seinen besorgten Gesichtsausdruck falsch deutete. »Niemand macht heute noch Lagersteine. Sie haben aufgehört, es zu versuchen, weil es zu gefährlich war, und dann haben sie vergessen, wie man es macht.«

Er nickte. »Das ist gut zu wissen.« Ein neuer Gedanke kam ihm, und er runzelte die Stirn. »Wenn man einen Stein alles lehren kann, wozu ein Magier imstande ist, kann man ihn dann auch schwarze Magie lehren? Das, was die Sachakaner höhere Magie nennen? Können Steine von einer Person Magie nehmen?«

Sie lächelte. »Ja und nein. Ein Stein kann dazu geschaffen werden, Magie aufzunehmen, aber er würde nur funktionieren, wenn die Haut der Person, die ihn berührt, aufgeschnitten würde, oder man den Betreffenden dazu überlisten oder zwingen würde, ihn zu verschlucken. Der Stein wird nur so viel Magie aufnehmen, wie aufzunehmen er geschaffen wurde, oder er würde zerbrechen. Er würde sehr viel Magie aufnehmen müssen, um einen Magier zu töten.«

Dannyl schauderte bei dem Gedanken, einen mit schwarzer Magie getränkten Stein im Magen zu haben, der ihm das Leben aussaugte. Aber vielleicht würde der Stein nicht in der Lage sein, genug Macht von ihm zu nehmen, um ihn zu töten, und er würde ihn bald auf natürliche Weise ausscheiden. Trotzdem, es würde eine Person schwächen und eine Menge Schaden in ihrem Inneren anrichten, wenn der Stein zerbräche. 

»Was geschieht, wenn ein Stein bricht?«, fragte er.

»Er kann in viele Stücke zerbrechen«, sagte sie und hielt die Finger beider Hände hoch. »Oder er könnte Risse bekommen. Wenn Magie darin gelagert ist, kann sie auf viele Arten freigesetzt werden. Vielleicht so, wie es dem Zweck des Steins entspricht, vielleicht ungeformt, vielleicht auf eine andere Weise geformt.«

Dannyl nickte. Also hat man entweder ein warmes Leuchten in sich oder wird in Fetzen geschnitten und verbrannt. Hübsch. Mir scheint, dass diese Steine uns viel mehr Möglichkeiten geben, Schaden anzurichten, als Gutes zu tun. 

»Wie viel wissen die Verräterinnen über die Herstellung von Steinen?«

Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Alles, was wir wissen, und noch mehr. Sie haben früher mit uns gehandelt, aber unser Vertrauen missbraucht, indem sie uns unsere Geheimnisse genommen haben.«

Dannyl nickte mitfühlend. Es entsprach der Wahrheit. Er dachte darüber nach, was er als Nächstes fragen sollte. Er wollte wissen, wie einfach oder zeitaufwendig die Herstellung der Steine war, aber er vermutete, dass er damit zu sehr in die Einzelheiten gehen würde. Wenn die Herstellung der Steine schwierig war, könnte dieses Wissen gegen die Duna benutzt werden. Nein, wenn er irgendwelche neuen Fragen stellen wollte, sollte er die Gelegenheit nutzen, um nach etwas zu suchen, mit dem er sein Buch ergänzen konnte.

»Was glauben die Duna, wie das Ödland geschaffen wurde?«

»Wir wissen nur das, was Ihr uns erzählt habt«, sagte sie achselzuckend. »Vorher wussten wir nur, dass die Gilde es geschaffen hat.«

Was sonst konnten ihm diese Leute über die Geschichte der Magie erzählen? Er würde gern mehr über ihre Ursprünge erfahren. Vielleicht konnten sie ihm auch etwas über die alten Völker erzählen, die in den Bergen gelebt hatten. Vielleicht über das, das einst die Ruinen von Armje in Elyne bewohnt hatte.

»Ich würde gern mehr über das Volk erfahren, von dem Ihr gesprochen habt, das Volk, das vor langer Zeit in den Bergen lebte.«

»Was wir wissen, sind nur Geschichten«, warnte sie ihn.

»Trotzdem, sie sind alles, was wir aus diesen Zeiten haben, und Geschichten, die so lange überdauern, sind im Allgemeinen gute Geschichten.«

Sie lächelte. »Also schön.« Dann sah sie Yem an. »Aber es gibt sehr viele Geschichten. Vielleicht werde ich sie Euch ein andermal erzählen.«

»Nachdem dieses Treffen beendet ist«, pflichtete Yem ihr bei. Er sah Dannyl abschätzend an. »Es gibt noch mehr, was wir Euch zu erzählen wünschen«, fuhr er fort. »Andere Dinge als die Antworten auf Eure Fragen.«

Dannyl schaute die alten Männer an, die ihn jetzt alle aufmerksam beobachteten. »Ja?«

»Ihr wisst, dass die Verräterinnen uns unsere Geheimnisse gestohlen haben. Heute wissen sie mehr, als wir jemals gewusst haben. Wir sind in der Lage, Steine zu machen, die einen Magier daran hindern, Gedanken zu lesen. Sie haben Steine, die diesen Magier dazu bringen können, Gedanken zu sehen, die er erwartet.«

Dannyls Herz setzte einen Schlag aus. Auf diese Weise vermeiden Spione also eine Entdeckung und halten ihre wahre Heimat geheim!  Dann durchströmte ihn ein Gefühl der Kälte. Wenn Achati dies erführe … er würde es seinem König erzählen und dann vielleicht noch anderen Ashaki. Sie würden ihre Sklaven nach Steinen durchsuchen und sie ihnen abnehmen. Sie würden Tausende von Sklaven töten – nachdem sie ihre Gedanken gelesen hatten. Das Bollwerk der Verräterinnen würde gefunden und vernichtet werden – und Lorkin mit ihm. 

Was bedeutete, dass er es Achati nicht erzählen konnte. Selbst wenn Lorkin in Sicherheit gewesen wäre, hätte Dannyl nicht die Verantwortung für den Tod so vieler Menschen tragen können. Eine derart wichtige Entscheidung steht ohnehin nicht mir zu.  Eine Mischung aus Schuldbewusstsein und Erleichterung überkam ihn. Es muss der Gilde überlassen bleiben, und sie würde sich wahrscheinlich den Wünschen des kyralischen Königs unterwerfen, wenn nicht den Wünschen aller Regenten der Verbündeten Länder. 

Wenn den Männern und der Hüterin der Legende Dannyls Überraschung und Erschrecken aufgefallen waren, so machten sie keine Bemerkung darüber.

»Vor einem halben Mondzyklus kamen die Verräterinnen in unsere Steinhöhlen und zerbrachen alle Steine«, fuhr Yem fort. Dannyl schaute auf, begegnete dem Blick des alten Mannes und begriff, was das für die Duna bedeuten musste. »Wir fürchten, dass sie planen, einen Krieg zu führen. Vielleicht gegen Duna. Vielleicht gegen die Ashaki.«

»Warum sollten sie Eure Steine zerbrechen, wenn sie einen Bürgerkrieg mit den Ashaki beginnen wollen?«

»Um sicherzustellen, dass keine magischen Steine gegen sie benutzt werden können.«

»Wenn sie in Duna einfielen, würden die Ashaki etwas dagegen unternehmen.«

Yem nickte. »Ein Kampf mit Duna ist ein Kampf mit den Ashaki, ob wir es wünschen oder nicht.«

Dannyl bedachte diese Neuigkeiten. Gewiss würden die Verräterinnen sich nicht die Mühe machen, in Duna einzumarschieren, bevor sie die Ashaki angriffen. Aber vielleicht gab es einen strategischen Grund dafür, das zu tun … Er würde darüber nachdenken müssen. Die Motive der Duna waren jedoch klar.

»Habt Ihr mir von den Steinen erzählt, die verhindern, dass man die Gedanken ihres Besitzers lesen kann, damit ich den sachakanischen König warne?«, fragte er.

»Nein«, sagte Yem entschieden. »Wir suchen Freundschaft mit Kyralia und den Verbündeten Ländern.«

Dannyl schaute überrascht in die Runde. Alle Anwesenden erwiderten erwartungsvoll seinen Blick.

Yem nickte. »Wir haben lange darüber debattiert. Die Ashaki haben gelernt, dass ein Einmarsch in Duna einen hohen Preis hat. Die Verräterinnen wissen das nicht. Aber die Ashaki sind grausamer als die Verräterinnen. Wir wissen, wen wir als Nachbarn bevorzugen, aber sie wollen uns nicht.« Er lächelte grimmig. »Falls Kyralia und Elyne zustimmen, können wir einander vielleicht helfen.«

Dannyl sah den alten Mann an, der seinen Blick fest erwiderte, während er über all die Dinge nachdachte, die ihm angeboten und ausgesprochen worden waren. Ein Bündnis. Mit einem Volk, das über Kenntnisse in der Herstellung von Steinen verfügt.  Er lächelte.

»Es wäre mir eine Ehre, ein solches Bündnis auszuhandeln«, erklärte er. »Und es würde mir große Freude machen, wenn ich eine solche Freundschaft zwischen unseren Völkern schmieden könnte.«

Das Lächeln, mit dem der alte Mann ihm antwortete, war breit und zeigte seine Zahnlücken.

Und während sie besprachen, wie ihre Völker einander helfen könnten, stellte Dannyl fest, dass eine Reise, die ausschließlich Forschungszwecken hatte dienen sollen, sich plötzlich um alles drehte, was seine Aufgaben als Botschafter umfasste.

Keiner der Magier im Büro des Administrators gab einen Laut von sich, als Lilia zu sprechen aufhörte. Sie sah sich schnell um. Einige von ihnen starrten sie an, andere wirkten distanziert und nachdenklich.

Jetzt, nachdem sie alles berichtet hatte, was sich zugetragen hatte, seit sie zum ersten Mal mit der Frau im Ausguck gesprochen hatte, fühlte sie sich vollkommen erschöpft. Ihre Müdigkeit kam nicht von magischer Erschöpfung, da ihre Kräfte sich nach dem Kampf mit Naki zum größten Teil erholt hatten. Sie war auch nicht körperlicher Natur, da sie Heilung benutzt hatte, um gegen die aus Schlafmangel res


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ultierende Müdigkeit zu kämpfen. Sie fühlte sich ausgelaugt von all der Hoffnung, der Furcht, der Kränkung, den Schuldgefühlen, der Wut, der Erleichterung und der Dankbarkeit, die sich im Laufe des vergangenen Tages ihrer bemächtigt hatten.

Jetzt schwankte ihre Stimmung zwischen Ergebenheit und einem dumpfen Sichabfinden. Sie war sich nicht sicher, ob es ihr egal war, was die Gilde tun würde, um sie dafür zu bestrafen, dass sie aus dem Ausguck geflohen und eine wilde Magierin geworden war, oder ob sie sich einfach nicht dazu überwinden konnte, darüber nachzudenken. Sie war der Geheimnisse müde und dankbar, dass sie sich ihrer entledigen konnte.

Sie hatte wohl daran gedacht, die Tatsache zu verbergen, dass sie die Blockade ihrer Magie erfolgreich gebrochen hatte, aber sie vermutete, dass Sonea früh genug zur Stelle gewesen war, um sie mit Naki kämpfen zu sehen. Was das für ihre Zukunft bedeutete, konnte sie nicht erahnen. Sie konnten sie und Naki einsperren, aber es würde nicht einfach sein, sie festzuhalten.

Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Nakis Verrat zurück.

»Das habe ich mir beigebracht, bevor wir beide uns überhaupt kennengelernt haben.« 

Warum hatte Naki ihre Freundschaft gesucht? Entsprachen die Gerüchte, nach denen sie andere Frauen mochte, überhaupt der Wahrheit, oder waren ihre Küsse Teil der Täuschung gewesen? Warum hatte sie Lilia ermutigt – vielleicht sogar überlistet –, schwarze Magie zu erlernen? Hatte sie ihren Vater durch ein Versehen getötet und es so arrangiert, dass man Lilia dafür verantwortlich machen würde?

Das ergab keinen Sinn. Zum einen hatte Lord Leiden noch gelebt, als Lilia ihn das letzte Mal gesehen hatte, und danach war sie jeden Moment mit Naki zusammen gewesen bis nach ihrem Versuch, schwarze Magie zu erlernen.

Dann muss sie  geplant haben, ihn zu töten und mir die Schuld an dem Vorhaben zuzuschieben. 

Aber gewiss musste Naki gewusst haben, dass es keinen Beweis für Lilias Schuld geben würde, wenn sie sich nicht daran erinnern konnte, Lord Leiden getötet zu haben. Vielleicht hatte sie gehofft, dass das andere Indiz – das Blut an Lilias Händen – ausreichen würde, um zu ihrer Verurteilung zu führen.

Wie ist dieses Blut überhaupt an meine Hände gekommen? 

»Wie kann es so viele Unterschiede zwischen Lilias Geschichte und dem geben, was Schwarzmagierin Sonea nach Lord Leidens Tod in Nakis Gedanken gelesen hat?«, sprach Lady Vinara die Frage aus, die Lilia die ganze Zeit über zu schaffen gemacht hatte.

»Ich kann nur drei Möglichkeiten erkennen, und keine ist wahrscheinlich«, erwiderte Administrator Osen. »Entweder war Schwarzmagierin Sonea nicht erfolgreich, als sie Nakis Gedanken gelesen hat, oder Naki ist in der Lage, eine Gedankenlesung zu vereiteln, oder Lilia ist dazu in der Lage.«

»Dann schlage ich vor, dass Schwarzmagier Kallen jetzt die Gedanken der beiden jungen Frauen liest«, sagte der Hohe Lord Balkan.

Osen blickte sich im Raum um. Alle Magier nickten, Sonea eingeschlossen. Lilia unterdrückte einen Seufzer und wappnete sich gegen einen weiteren Geist, der in den ihren eindringen würde.

Was immer nötig ist,  dachte sie. Ich werde jede Strafe akzeptieren, die ich verdiene, solange ich nicht für etwas bestraft werde, das ich nicht getan habe.  Mehr wollte sie nicht, jetzt, da sie Naki nicht länger liebte. Ich dachte zwar schon, ich würde mir das nur selber einreden, aber ich glaube, ich liebe sie wahrhaftig nicht mehr. Es ist schwierig, jemanden zu lieben, der versucht hat, einen zu töten. Die Liebe ist doch nicht so bedingungslos, wie es die Lieddichter immer behaupten. 

»Lasst Naki herholen«, sagte Osen. Dann nickte er Kallen zu. »Ihr habt meine Erlaubnis, Lilias Gedanken zu lesen.«

Schwarzmagier Kallen trat von der Wand weg, an der er gestanden hatte, und ging um die Stühle herum zu Lilia, die vor Osens Schreibtisch stand. Er musterte sie nachdenklich, dann legte er beide Hände an ihren Kopf. Sie schloss die Augen.

Diesmal war die Erfahrung auf kaum merkliche Weise anders als beim letzten Mal. Seine Suche war langsamer, obwohl das daran liegen mochte, dass er sorgfältiger zu Werke ging, da er ja wusste, dass Soneas Lesung nichts über ihre Schuld zutage gefördert hatte. Kallen betrachtete all ihre Erinnerungen, aber sie spürte nichts von ihm, und er sprach sie nicht ein einziges Mal an. Der einzige Hinweis auf eine Reaktion war der Umstand, dass er ihre früheren Gefühle für Naki ziemlich schnell überging, sobald er auf sie traf.

Sie begriff erst, dass es vorüber war, als der Druck seiner Hände auf ihre Schläfen nachließ. Sie öffnete die Augen und blickte zu Kallen auf. Er sah sie stirnrunzelnd an.

»Ich sehe nichts, was sie uns nicht erzählt hat«, stellte er fest. »Keine Täuschung. Alles, was sie gesagt hat, hält sie für die Wahrheit.«

Kallen trat beiseite. Sie sah, dass die Höheren Magier sich umgedreht hatten, um auf die gegenüberliegende Seite des Raums zu schauen, und als sie bemerkte, was sie beobachteten, krampfte ihr Herz sich zusammen.

Gleichzeitig überkam sie eine merkwürdige Panik, und die unangenehm lebhafte Erinnerung an das Gefühl der kalten Klinge an ihrem Hals beherrschte ihr Denken.

»Bringt sie her«, befahl Osen.

Nakis Gesicht war bleich und mürrisch. Als einer der beiden Magier, die links und rechts von ihr gestanden hatten, sie energisch an ihren Platz schob, runzelte sie finster die Stirn. Ihr Blick flackerte zu Lilia herüber und wurde höhnisch, und ihre Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Grinsen.

Sie ist nicht länger schön,  durchzuckte es Lilia. Etwas hat sie verändert. Etwas hat sich  in ihr verändert.  Schockiert und von einem Gefühl der Übelkeit befallen bewegte sie sich so weit von Naki fort, wie sie das tun konnte, ohne den Ring der Magier zu verlassen.

Kallen legte Naki die Hände an die Schläfen und starrte sie eine Zeitlang an. Alle beobachteten sie schweigend. Naki hielt die Augen offen und schaute auf einen Punkt irgendwo hinter Kallens Brust. Ihre Miene war ausdruckslos, obwohl eine kleine Falte der Konzentration zwischen ihre Brauen trat.

Nach einer unerträglich langen Zeit ließ Kallen sie los. Er machte einen Schritt zurück und schaute Naki stirnrunzelnd an, offensichtlich nicht glücklich, bevor er sich umdrehte.

»Sie hat vor Lord Leidens Tod schwarze Magie mithilfe von Experimenten erlernt, aber ihr war nicht klar, dass sie Erfolg hatte. Anderenfalls hätte sie Lilia nicht ermutigt, es auszuprobieren. Ein Dieb hat von ihr gehört und sie erpresst, damit sie für ihn arbeitete. Er hat ihr auch befohlen, Lilia zu töten.«

»Wie hat sie die Blockade ihrer Magie entfernt?«, fragte Sonea.

»Sie denkt«, sagte Kallen und drehte sich zu ihr um, »dass die Blockade erst gar nicht richtig funktioniert hat, dass sie nicht anständig eingerichtet worden ist.«

Sonea zog die Augenbrauen hoch, erwiderte jedoch nichts darauf.

»Ich denke, diese beiden jungen Frauen sollten am besten in ihre derzeitigen Zellen zurückgebracht werden«, stellte Osen fest. »Dann werden wir diese Angelegenheit ausführlich erörtern.«

Naki wurde als Erste hinausgeführt, und Lilia war erleichtert, als sie fort war. Da Sonea Lilia zu dem Treffen gebracht hatte, wurden andere Magier herbeigerufen, um Lilia wegzubringen, damit Sonea bleiben konnte.

Es dauerte nicht lange, da ging Lilia den Flur der Universität hinunter, wobei sie die beiden Magier, die sie bewachten, kaum beachtete, während sie über die Tatsache nachgrübelte, dass weder Sonea noch Kallen in Nakis Gedanken hatten schauen können.

Und wenn sie es selbst mit schwarzer Magie nicht konnten, sollte ich mich dann wirklich so schlecht fühlen, weil ich es auch nicht konnte? 

26

Ringe und Steine

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Lorkin schreckte jäh aus dem Schlaf hoch und stellte fest, dass sein Bein zwischen den beiden Schlafmatten hindurchgerutscht und in Berührung mit dem eisigen Stein darunter gekommen war. Er rollte sich wieder auf die Matte und starrte zum Dach der Höhle empor. Licht drang durch die Wand aus Eis und tauchte alles in einen kühlen blauen Schimmer. Als er genauer hinschaute, konnte er erkennen, wo die Wärme von Tyvaras Schild die kühle Luft von außen so weit erwärmte, dass sie dampfte.

Tyvara … 

Er drehte sich zu ihr um; sie lag halb unter der Decke. Die Decke war nicht notwendig, da die Luft innerhalb des Schildes ja warm war, aber er musste zugeben, dass sie einen Eindruck von Schutz vermittelte, den er zu schätzen gelernt hatte, während die Sturmwinde draußen pfiffen und heulten. Sein Verstand konnte die Überzeugung nicht abschütteln, dass es kalt war und daher unvernünftig, seine Haut entblößt zu lassen.

Sein Körper wusste Tyvaras Mangel an Bekleidung jedoch zu schätzen. Er sehnte sich danach, sie zu berühren, doch er widerstand der Versuchung. Je früher sie aufwachte, umso früher würden sie sich trennen müssen. Also lag er da, betrachtete sie und hoffte, dass dieses Bild ihm für alle Zeit im Gedächtnis haften bleiben würde.

Ich werde zurückkommen,  sagte er sich. Wenn mein Vater einen solchen Grund gehabt hätte, wäre er gewiss ebenfalls zurückgekehrt. 

Seit seinem letzten Gespräch mit der Königin hatte er sich gefragt, ob irgendetwas zwischen ihr und seinem Vater gewesen war, und war zu dem Schluss gekommen, dass es unwahrscheinlich war. Sie waren sich nur kurz begegnet, und es musste ein beträchtlicher Altersunterschied zwischen ihnen bestanden haben. Vielleicht hatten sie durch den Blutring ein gewisses Band entwickelt, aber wenn es so war, hörte es sich an, als habe der tragische Tod der Tochter der Königin dieses Band zerrissen.

Er betrachtete den Blutring. Er war nutzlos, jetzt, da sein Schöpfer tot war. Trotzdem hatte die Königin ihn nicht weggeworfen. Vielleicht hatte er die Vereinbarung symbolisiert, die sie mit Akkarin getroffen hatte. Was war ihre Seite ihrer Vereinbarung gewesen? Was hatte sie nicht zu tun vermocht und hoffte sie jetzt zu erreichen, indem sie Lorkin nach Hause schickte?

Vielleicht ein Bündnis zwischen unseren Ländern. Dazu hätte sie ihr Volk davon überzeugen müssen, dass es eine gute Idee war. Keine einfache Aufgabe, aber sie war damals jünger und hatte vielleicht nicht begriffen, wie schwer es sein würde. 

Tyvaras Lider öffneten sich flatternd, und ein schwaches Gefühl der Mutlosigkeit stieg in ihm auf, aber als sie sich umdrehte und ihn anlächelte, verschwand das Gefühl wieder. Sie rollte sich herum, und sie küssten sich eine Weile. Als er dachte, dass dies vielleicht zu mehr führen würde, löste sie sich von ihm und stand auf. Die Decke fiel herunter. Tyvara musterte die Wand aus Eis und seufzte.

»Wir haben länger geschlafen, als wir es hätten tun sollen«, sagte sie, bevor sie begann, sich anzuziehen. »Ich hätte nach Hause gehen sollen, sobald sich der Sturm gelegt hatte. Zu dieser Jahreszeit weiß man nie, wie viel Zeit einem bis zum nächsten Sturm bleibt.«

Ein Stich der Sorge um sie durchzuckte Lorkin, eine Sorge, die er auch dann nicht zur Gänze abschütteln konnte, als er sich ins Gedächtnis rief, dass sie eine mächtige Magierin war und durchaus imstande, Stürme zu überleben. Er stand auf und begann sich anzukleiden. »Bist du häufig im Winter unterwegs?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nicht wenn ich es vermeiden kann.«

Er sah sie streng an. »Nun, ich bin froh, ein Weilchen länger mit dir zusammen sein zu können, aber wenn es bedeutet, dass du vielleicht nicht sicher nach Hause kommen wirst, dann fürchte ich, muss ich darauf bestehen, dass du auf der Stelle aufbrichst.«

Sie lachte, doch dann verblasste ihr Lächeln schnell. Sie trat dicht vor ihn und küsste ihn entschlossen. »Gib du ebenfalls auf dich Acht. Du bist noch nicht ganz aus den Bergen heraus.«

»Das mache ich«, versprach er. »In Kyralia gibt es übrigens ebenfalls Schnee und Berge.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Berge, die du nie besucht hast – außer auf dem Weg nach Sachaka zu einer Jahreszeit, als es dort keinen Schnee gab.«

»Verflixt. Das hätte ich dir nicht erzählen sollen.«

Sie schüttelte den Kopf und ging zu den Schlitten hinüber. »Soll ich dir noch einmal den Weg beschreiben, wie du zurück nach Arvice kommst?«, fragte sie, während sie die Schlafmatten und das Geschirr von der Mahlzeit des vergangenen Abends wegpackte.

»Ich fahre mit dem Schlitten ins Tal hinunter zu der Hütte des Jägers. Den Schlitten lasse ich dort zurück und gehe zur Straße. Sklaven werden mich erwarten, um mich zum nächsten Landgut zu bringen, und von dort aus meine Weiterreise arrangieren.«

»Das ist richtig. Wenn du sie aus irgendeinem Grund verfehlst, ist es das Gut mit vier großen Bäumen zu beiden Seiten der Zufahrtsstraße. Du solltest eigentlich auf keinen Ashaki treffen; sie reisen zu dieser Zeit des Jahres gewöhnlich kaum. Solltest du doch einem Ashaki begegnen, sag ihm, wer du bist, und bitte darum, dass man dich zum Gildehaus zurückbringt. Sie werden aus politischen Gründen verpflichtet sein, dir zu helfen.«

Obwohl sie zuversichtlich klang, stand in ihren Augen ein besorgter Ausdruck. Was ist das Schlimmste, was geschehen könnte?,  fragte er sich. Die Ashaki könnten politische Verpflichtungen in den Wind schlagen, zu dem Schluss kommen, dass ich jetzt ein Verräter sei und nicht mehr geschützt durch irgendwelche diplomatischen Regeln, und versuchen, mich zu töten. Aber das würden sie wahrscheinlich nicht tun, ohne zuvor meine Gedanken zu lesen.  Er rieb sich den Daumen, wo unter dem Muskel der Stein lag, der eine Gedankenlesung blockieren würde. Es juckte noch immer ein wenig, obwohl er die Schnittwunde geheilt hatte. Tyvara hatte die Position dafür empfohlen, da neue Steine oft etwas juckten und ein Sklave, der sich wunde Hände rieb, nichts Ungewöhnliches war.

Er hatte nicht viel Zeit gehabt, um zu lernen, wie man einem Gedankenleser gefälschte Gedanken zuspielte. Selbst mit Tyvaras Magie bezweifle ich, dass ich den Angriff eines Ashaki lange abwehren könnte. Wenn der Ashaki dann spürt, dass seine Gedankenlesung scheitert, könnte er versuchen, mich zu foltern, um die Informationen aus mir herauszuholen. Ich weiß nicht, ob ich dem trotzen könnte oder wie lange ich standhalten würde. Besser ist es auf jeden Fall, ungesehen zum Gildehaus zu kommen und mich unter Botschafter Dannyls Schutz zu stellen. 

»Ich werde tun, was ich kann, um außer Sicht zu bleiben«, versicherte er ihr. »Und diesmal versucht nicht die Hälfte der Spione der Verräterinnen, uns zu finden und auszuliefern.«

Sie nickte. »Trotzdem, sei vorsichtig damit, wem du vertraust. Kalias Fraktion mag geschwächt sein, aber es gibt immer noch Verräterinnen, die dich für das hassen, was dein Vater getan hat. Sie werden nichts unternehmen, was das Sanktuarium in Gefahr bringen könnte, aber sie könnten dir das Leben unangenehm machen.«

Er zuckte die Achseln. »Ich habe in einem Loch in der Erde geschlafen. Mit ein wenig Unbehagen werde ich schon fertig.« Er runzelte die Stirn. »Ich habe nachgedacht … Ist es klug, dass Kalia die Einzige ist, die weiß, wie man mit Magie heilt?«

Tyvara hob die Augenbrauen. »Ich bin mir sicher, dass der Königin lieber wäre, sie wäre nicht die Einzige, aber in diesem Punkt haben wir keine Wahl.«

»Nun … du könntest eine Wahl haben … wenn ich dich heilende Magie lehre, bevor du gehst.«

Ihre Augen weiteten sich ein wenig, dann lächelte sie und schüttelte den Kopf. »Nein, Lorkin. Dafür haben wir keine Zeit.«

»Wir könnten noch eine Nacht hierbleiben.«

Ihr Lächeln wurde breiter. »So reizvoll das klingt, ich muss trotzdem jetzt gehen. Es gibt andere Gründe, warum ich schnell zurück sein muss. Die Tatsache, dass Kalia diesen einen kleinen Vorteil uns gegenüber hat, ist das Einzige, was ihre Gruppe glücklich macht.«

»Niemand muss es erfahren.«

Sie kicherte. »Zarala hat gesagt, dass du das vielleicht anbieten würdest.«

»Wirklich?« Er fühlte sich seltsam gekränkt. War er denn so  berechenbar?

»Ja. Sie hat mir aufgetragen, das Angebot abzulehnen.« Dann hob sie die Zugseile der Schlitten hoch und reichte eins davon Lorkin. »Lass uns aufbrechen.«

Sie gingen zum Eingang der Höhle und traten hinaus in eine Landschaft, die bedeckt war von frischem, makellosem Schnee. Helles Morgenlicht färbte alles blendend weiß. Die Wände des Tals waren steil und nah, wurden jedoch breiter, wo sie nach Osten führten. Er konnte die Linie des Pfades ausmachen, den sie genommen hatten, um in das Tal hinabzusteigen, und einen weiteren schmalen Pfad, der zu dem Talboden und einem gefrorenen Fluss hinunterführte.

Sie wandten sich einander zu. Sie sahen einander an. Keiner von ihnen sprach.

Dann ließ ein fernes Rumoren sie beide zum Himmel aufblicken. Sie waren zu tief im Tal, um das kommende Wetter zu sehen. Tyvara fluchte leise.

»Ich werde zuerst aufbrechen, damit ich keinen Schnee auf dich hinabwerfe«, sagte sie. »Versuch, die Hütte des Jägers vor dem nächsten Sturm zu erreichen.«

Er nickte. Sie ging davon und schob mit Magie Schnee von ihrem Pfad. Er schaute ihr nach und hatte das Gefühl, dass jeder Schritt, den sie machte, ein unsichtbares Band zwischen ihnen in die Länge zog. Sie drehte sich nicht noch einmal um, und er konnte sich nicht entscheiden, ob er enttäuscht oder erleichtert war.

Als sie endlich das obere Ende der steilen Wand erreicht hatte, blieb sie stehen. Sie blickte zu ihm herunter und hob einen Arm, um ihm zuzuwinken. Es war weniger eine Geste des Abschieds als eine Geste der Ungeduld. Seine Fantasie beschwor ihre Stimme und ihre Miene herauf. »Worauf wartest du? Setz dich in Bewegung!«  Er lachte leise und machte sich auf den Weg ins Tal, wobei er den Schnee mit Magie vor sich herschob. Unten angekommen blickte er nach oben.

Sie war fort. Er verspürte eine seltsame Leere.

Dann wurde sein Blick auf die Wand aus Eis gelenkt, die eine Seite der Höhle bedeckte, in der sie den letzten Tag und die letzte Nacht verbracht hatten, und er schnappte nach Luft. Er sah einen gefrorenen Vorhang aus Wasser vor sich.

Ein Wasserfall,  dachte er. Er ist wunderschön. 

Er wünschte, Tyvara wäre bei ihm gewesen, um es ebenfalls zu sehen. Aber andererseits war sie wahrscheinlich schon früher über diesen Weg gereist und hatte den Wasserfall bereits gesehen. Trotzdem, es wäre schön gewesen, einen solchen Anblick mit ihr teilen zu können. 

Er seufzte. Es hatte keinen Sinn, sich zu wünschen, die Dinge stünden anders, und er musste alle romantischen Vorstellungen beiseiteschieben und sich darauf konzentrieren, nach Kyralia zurückzukommen. Vor ihm lagen raue und gefährliche Zeiten und, wenn alles gutging, wichtige Treffen und Verhandlungen.

Er drehte sich um und zog seinen Schlitten in die Richtung, die nach Hause führen würde.

Der Weg den Pfad hinunter ins Tal schien viel gefährlicher zu sein als der Weg nach oben.

Achati war noch schweigsamer und schmallippiger als zuvor. Tayend war untypisch still. Niemand wollte sich im Sattel umdrehen, um jemand anderen anzusehen, aus Angst, die Bewegung könnte die Pferde aus dem Gleichgewicht bringen und zu nahe an den Abgrund führen.

Dies gab Dannyl viele Stunden Zeit, um darüber nachzudenken, was er von den Duna erfahren hatte.

Es war schon spät gewesen, als er sich in der vergangenen Nacht wieder zu Achati und Tayend gesellt hatte, nachdem er viele Stunden damit verbracht hatte, zuzuhören und die Legenden und Geschichten der Hüterin niederzuschreiben. Er erzählte ihnen, was er über Lagersteine erfahren hatte, und teilte seine Erleichterung mit ihnen, dass ihre Herstellung so schwierig und gefährlich war und dass Steine, die solche Macht in sich bergen konnten, sehr selten vorkamen.

Er erwähnte nicht, dass die Verräterinnen Steine hatten, die eine Gedankenlesung blockieren und einem Gedankenleser die Dinge präsentieren konnten, die er vielleicht erwarten würde. Der Umstand, dass er eine solche Information vor Achati verborgen hielt, bescherte ihm Gewissensbisse, aber er wusste, dass er sich viel schlimmer fühlen würde, wenn er sie weitergab und Tausende von Sklaven und Rebellen deswegen niedergemetzelt wurden. Obwohl Dannyl es den Verräterinnen verübelte, dass sie Lorkin fortgeholt hatten, hatten sie den jungen Mann nicht getötet und verdienten es gewiss nicht, gejagt und ermordet zu werden.

Es gab auch jede Menge strategischer Gründe, das Wissen zu verbergen. Wenn die Ashaki den Verräterinnen das Wissen über die Herstellung magischer Steine stahlen, würde Kyralias ehemaliger Feind noch stärker werden und noch weniger geneigt sein, seine Gepflogenheiten zu ändern, um den Verbündeten Ländern beizutreten. Die Duna hatten ihm die Informationen in der Hoffnung anvertraut, dass sie freundschaftliche Bande zu den Verbündeten Ländern würden knüpfen können. Vielleicht würden sie als Gegenleistung für irgendetwas die Kenntnis der Herstellung von Steinen eintauschen.

Was könnten wir ihnen dafür anbieten?,  überlegte er. Schutz? Wie könnten die Verbündeten Länder den Duna jemals helfen, solange die Ashaki sich zwischen Duna und Kyralia befinden und nur zwei Gildemagier schwarze Magie benutzen dürfen? 

Überhaupt nicht. Kyralia besaß keine Höhlen voller Steine, soweit er wusste, daher würden die Kenntnisse des Steinemachens für die Gilde gleichermaßen nutzlos sein. Aber es könnte Höhlen in Elyne oder in anderen der Verbündeten Länder geben. Die Höhle der höchsten Strafe könnte ein solcher Ort sein.  Doch was das betraf, hatte er seine Zweifel. Die Höhle hatte zu symmetrisch ausgesehen, um natürlichen Ursprungs zu sein. Er vermutete, dass sie erbaut oder aus dem Fels gehauen worden war und dass irgendjemand die Kristalle später an den Wänden befestigt hatte.

Die Duna wussten, dass die Verbündeten Länder ihnen keinen ausreichenden Schutz bieten konnten. Sie wollten Handel. Sie würden die Gilde mit magischen Steinen versorgen – sobald ihre eigenen Höhlen sich von dem Angriff der Verräterinnen erholt hatten. Es war Sache der Gilde, etwas zu finden, das die Duna im Austausch für die Steine würden haben wollen.

Die Hüterin hatte ihm erzählt, dass die Verräterinnen immer darauf hingearbeitet hätten, magische Steine, die die Ashaki den Duna gestohlen hatten, zu vernichten oder ihrerseits zu stehlen, und die Duna gewarnt hätten, sie würden versuchen, jeden Handel der Wüstenbewohner mit Kyralia zu verhindern. Die Duna erlaubten ihrem eigenen Volk normalerweise nicht, magische Steine aus ihren geheimen Verstecken zu holen. Es würde ein Weg gefunden werden müssen, die Steine außer Landes zu bringen, ohne den Verdacht der Verräterinnen oder Sachakas zu erregen.

Solche Vorsichtsmaßnahmen sowohl auf Seiten der Duna als auch auf Seiten der Verräterinnen erklärten, warum die Ashaki praktisch vergessen hatten, dass solche Steine existierten.

Es würde mich nicht überraschen, wenn einige auf ihren Anwesen einen geheimen Schatz versteckt hätten. Vielleicht geben sie das Wissen, wie man sie benutzt, an ihre Erben weiter, vielleicht haben sie vergessen, dass sie etwas Größeres in ihrem Besitz haben als nur hübschen Schmuck. 

Wenn die Gilde vergessen konnte, dass sie jemals schwarze Magie benutzt hatte, war es schließlich auch möglich, dass die Ashaki vergessen hatten, dass sie den Duna jemals magische Edelsteine gestohlen hatten.

Dannyl hoffte, dass es so war, denn anderenfalls könnte es schwierig werden, die Steine von Duna nach Kyralia zu schaffen, ohne dass die Ashaki es bemerkten. Es musste nur eine einzige Schiffsladung entdeckt werden, um ihn in eine diplomatisch peinliche und gefährliche Situation zu bringen. Achatis Ärger würde dann die geringste von Dannyls Sorgen sein.

Er hatte noch keine Chance gehabt, sich mit Administrator Osen in Verbindung zu setzen. Im Zelt war er in Versuchung gewesen, hatte sich aber Sorgen gemacht, dass Achati denken würde, er habe es ungewöhnlich eilig, seinen Vorgesetzten Bericht zu erstatten, obwohl er im Wesentlichen nur erfahren hatte, dass Lagersteine keine Bedrohung darstellten, und der Rest der Informationen sich lediglich auf seine Forschungsarbeiten bezog.

Wie wäre es jetzt?,  fragte er sich. Er musste zugeben, der Gedanke gefiel ihm nicht, seine Aufmerksamkeit an einen anderen Ort zu lenken, wenn nur wenige Schritte entfernt ein tödlicher Abgrund lauerte. Der Führer hatte ihnen versichert, dass die Pferde den Weg von allein fanden. Sie kannten den Pfad und waren ebenso erpicht darauf, nicht abzustürzen, wie ihre Reiter es waren. Ich werde einfach darauf vertrauen müssen, dass mein Reittier nicht spürt, dass ich mit meinen Gedanken woanders bin, und mich nur zum Spaß abwirft.  Obwohl diese Pferde bisher ein verlässliches, friedliches Temperament an den Tag gelegt hatten, waren ihm in seinem Leben genug andere Tiere begegnet, um den Verdacht zu haben, dass die Spezies als Ganzes einen schelmischen Sinn für Humor hatte und geneigt war, Streiche zu spielen, sobald die Aufmerksamkeit ihres Reiters nachließ.

Er schob sein Widerstreben beiseite, holte Osens Ring aus seiner Robe, streifte ihn über einen Finger und schloss die Augen.

– Osen? 

– Dannyl! 

– Könnt Ihr frei reden? Ich habe einige Informationen für Euch. 

– Wir warten auf den Beginn einer Anhörung, und bis es so weit ist, habe ich ein wenig Zeit. Ich könnte das Gespräch jedoch abrupt beenden müssen. 

– Ich werde mich so präzise ausdrücken, wie ich kann. 

Dannyl beschrieb seine Begegnung mit den Duna-Sprechern und der Hüterin und berichtete von ihrem Vorschlag.

– Wie interessant.  

Osens Erregung war schwach wahrnehmbar wie das Geräusch einer fernen Vibration.

– Ein Stein, der eine Gedankenlesung blockiert und falsche Gedanken übermittelt. 

Dannyl verspürte Erheiterung und ein wenig Frustration. Er hatte erwartet, dass der Vorschlag eines Handels mit Duna Osen mehr interessieren würde.

– Wie ich schon sagte, wenn die Ashaki und der sachakanische König dies herausfinden, werden sie … 

– Die Anhörung beginnt. Entschuldigt mich, Dannyl. Ich muss gehen. Nehmt bitte den Ring ab. 

Dannyl öffnete die Augen, streifte den Ring wieder vom Finger und steckte ihn ein. Zweifel nagte an ihm. Hatte Osen die Bedeutung dessen, was Dannyl ihm erzählt hatte, begriffen? Hatte er das Potenzial erkannt, das ein Handel mit den Duna darstellte? Und wichtiger noch, begriff er die Gefahren eines solchen Unternehmens und der Möglichkeit, dass die Ashaki etwas über die Steine erfahren könnten, die eine Gedankenlesung blockierten?

Ich werde darauf vertrauen müssen, dass er es tut – oder tun wird, wenn er die Gelegenheit bekommt, darüber nachzudenken. 

Dannyl verdrängte die Zweifel. Ich wünschte doch, ich könnte dies mit irgendjemandem besprechen, aber ich kann mich nicht einmal Tayend anvertrauen. Nicht jetzt, da er ein elynischer Botschafter ist. 

Die einzige Person in Sachaka, mit der er über die Steine hätte sprechen können, war Lorkin, und dieser war weit fort in den Bergen, ein freiwilliger Gefangener der Verräterinnen.

Stimmengewirr erfüllte die Gildehalle, während die Magier darauf warteten, dass die Anhörung begann. Sonea, die vorn an einer Seite der Halle stand, blickte zu den Höheren Magiern empor und bemerkte auf ihren Gesichtern die gleiche Mischung aus Sorge und Ungeduld, die in ihr selbst wuchs.

Wo ist Osen? Warum sind Kallen und Naki noch nicht eingetroffen?  

Lilia, die neben ihr stand, schien von der wachsenden Anspannung nichts mitzubekommen. Die junge Frau hatte ihren Blick auf ein anderes Ziel gerichtet. Ihre Miene war traurig und resigniert.

Sie ist in diesen letzten Monaten sehr erwachsen geworden,  ging es Sonea durch den Kopf. Die verwirrte, benommene junge Frau, deren Gedanken Sonea nach Lord Leidens Ermordung gelesen hatte, war naiv und kurzsichtig gewesen – wie es eine Person gewiss sein musste, um mit schwarzer Magie zu experimentieren, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Um gerecht zu sein, sie war von Feuel benommen und vollkommen vernarrt gewesen. Eins dieser Dinge allein könnte die meisten Novizen zu Dingen verleiten, die sie später bereuen würden. 

Lilia war jedoch reifer geworden. Sie hatte gelernt, innezuhalten und zu versuchen, die Auswirkungen ihrer Taten im Voraus abzuschätzen. Sie war weniger vertrauensvoll. Sie hatte eine Entscheidung getroffen, als sie sich bereitfand, mit Lorandra zu fliehen, obwohl sie gewusst hatte, dass die Frau vielleicht nicht vertrauenswürdig war. Auch wenn es eine schlechte Entscheidung gewesen war, war es Lilias Meinung nach die beste Chance gewesen, ihre Freundin zu retten.

Was mich beeindruckt, ist die Tatsache, dass sie bereit war, ihre eigene Zukunft – und vielleicht ihr eigenes Leben – zu opfern, um Naki zu finden. Ich wünschte nur, sie hätte mir in Bezug auf Lorandra vertraut. Aber andererseits ist es vielleicht meine Schuld, dass ich sie nicht davon überzeugt habe, dass ich alles in meiner Macht Stehende tat, um N


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aki zu finden.
 

Was nicht viel gewesen war, gestand Sonea sich ein. Sie hatte die Angelegenheit Kallen überlassen. Diesen Fehler würde sie nicht noch einmal machen.

Nicht einmal Cery hat mir genug vertraut, um mir zu offenbaren, dass er Lilia bei sich hatte. Vielleicht hat er uns beide beschützt. Solange ich nichts darüber wusste, fühlte ich mich nicht verpflichtet, mich darum zu kümmern. Es macht mir allerdings Sorgen, dass er Lilia ausgeschickt hat, um Naki zu retten. Ist ihm denn nicht der Gedanke gekommen, dass Naki vielleicht nicht gerettet werden wollte? Wenn ich nicht da gewesen wäre, hätte Naki Lilia getötet.  

Sie konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob Cery gehofft hatte, Lilia für sich behalten zu können. Hätte Lilia dem zugestimmt?

Was Naki betraf, so war das einzige Verbrechen, das sie zugegeben hatte, das Erlernen und die Benutzung von schwarzer Magie. Sie hatte dies aus dem gleichen törichten Drang heraus getan, der auch Lilia dazu verleitet hatte, diese Dinge zu lernen. Ihre Geschichte über Erpressung und die Arbeit für einen Dieb war ein wenig dürftig. Sonea, Dorrien und Nikea hatten Naki zu Lilia sagen hören, dass sie gerade erst die Grundlagen des Gewerbes erlerne. Vielleicht hatte Naki die Hoffnung aufgegeben, aus der Unterwelt zu entkommen, und sich überlegt, dass ihre einzige Zukunft in ebendieser Welt lag – selbst bis zu dem Punkt, an dem sie einen Befehl, Lilia zu töten, befolgen würde.

Womit der Dieb ihr auch immer gedroht hat, falls sie nicht für ihn arbeitete, es war jedenfalls nicht die Ermordung Lilias gewesen. Was für eine Drohung war es dann gewesen? Kallen hat nichts darüber gesagt. 

Nachdem Naki und Lilia die Zusammenkunft der Höheren Magier in Osens Büro verlassen hatten, hatte Kallen ihnen berichtet, dass Naki die Gilde für ihre Situation verantwortlich machte. In ihren Augen trug die Gilde die Schuld daran, dass sie erpressbar und für Verbrecher zu leicht erreichbar war, indem sie sie gezwungen hatte, außerhalb der Gilde zu leben.

Sonea argwöhnte, dass viele Verständnis für diese Sicht der Dinge haben würden. Obwohl Naki genau wie Lilia mithilfe törichter Experimente schwarze Magie erlernt hatte, war sie dazu gezwungen worden, für einen Dieb zu arbeiten. Lilias Position war ein wenig heikler. Sie war absichtlich davongelaufen – und hatte dabei auch Lorandra befreit. Sie hätte einwenden können, dass Lorandra sie überredet habe zu gehen – das entsprach zum Teil der Wahrheit –, aber das würde den positiven Aspekt ihrer Hingabe an die Suche nach ihrer Freundin auslöschen. Trotzdem, die Tatsache, dass Lilias einziges Motiv die Suche nach Naki gewesen war und dass sie Erfolg gehabt hatte, würde ihr beträchtliche Unterstützung eintragen.

Beide jungen Frauen verstanden sich auf schwarze Magie. Wenn die Gilde sich entschied, sie dafür zu bestrafen, war das Geringste, was sie erwarten könnten, eine Einkerkerung. Das Problem war, dass die Blockade ihrer Magie gescheitert war. Sonea wusste, dass einige Magier behaupteten, sie habe in diesem Punkt schlechte Arbeit geleistet. Sie wünschen, dass es so wäre, daher glauben sie, dass es sich so verhielt,  dachte sie. Zweifellos würde Kallen beim nächsten Mal die Blockade vornehmen. Sie glaubte nicht, dass er Erfolg haben würde. Was würde geschehen, wenn Kallens Blockade versagte? Wenn sich herausstellte, dass die Kräfte eines Schwarzmagiers nicht blockiert werden konnten, was würde dann mit den Mädchen geschehen? Man könnte sie trotzdem einkerkern, aber ihre Wachen würden Magier sein müssen, und …

Der Nebeneingang auf der anderen Seite der Halle wurde geöffnet. Ein Novize spähte nervös in den Raum, doch als sein Blick auf Sonea fiel, richtete er sich auf. Er zeigte auf sie, dann auf Lilia, dann winkte er sie heran.

Ihr Herz verkrampfte sich. Hatte Kallen irgendwelche Probleme mit Naki?  

Sonea sah Lilia an, die den Novizen offensichtlich bemerkt hatte und besorgt wirkte.

»Kommt mit mir«, sagte Sonea.

Das Summen der Stimmen verebbte, als sie durch die Halle gingen. Der Novize war ein hochgewachsener, schlaksiger junger Mann, der sich verneigte und dann vorbeugte, um Sonea ins Ohr zu flüstern.

»Der Administrator möchte, dass Ihr Lilia in sein Büro bringt, Schwarzmagierin Sonea.«

Sonea nickte. Sie ging, gefolgt von Lilia, zur Tür und schlüpfte hinaus in die Große Halle.

Die Stille dieses Raums war dramatisch nach dem Lärm in der Gildehalle. Sonea bedeutete Lilia, neben sie zu treten, dann ging sie zur Stirnseite der Universität. Als sie die Eingangshalle erreichten, eilte sie durch den Bogengang zu ihrer Rechten und blieb vor Osens Tür stehen. Sie schwang auf ihr Klopfen hin nach innen auf.

Zu ihrer Erleichterung standen Kallen und Naki gelassen da. Kallen fing ihren Blick auf, aber er sah ebenso neugierig und besorgt aus wie sie selbst. Naki wirkte gelangweilt.

»Schwarzmagierin Sonea«, begann Osen. »Ich habe gerade etwas sehr Interessantes erfahren, und es hat eine Frage aufgeworfen, die ich beantwortet wissen will, bevor die Anhörung beginnt.« Er wandte sich an Kallen. »Bitte, nehmt Naki den Ring ab.«

Sofort weiteten sich Nakis Augen. Sie presste die Hände auf die Brust, so dass eine die andere bedeckte, und blickte zwischen Osen und Kallen hin und her.

»Nein! Es ist der Ring meines Vaters. Das einzige Erinnerungsstück, das ich von ihm habe.«

Osen zog die Augenbrauen hoch. »Abgesehen von einem ganzen Herrenhaus und all seinen Besitztümern – abgesehen von einem gewissen Buch, das Anweisungen über schwarze Magie enthält.«

Kallen ergriff Nakis Arm. Sie widersetzte sich, als er die verborgene Hand unter der anderen hervorzog. Etwas fing das Licht auf und warf es zurück. Sonea hörte, wie Lilia scharf die Luft einsog. Sie drehte sich zu dem Mädchen um.

»Was ist los?«

»Das ist der Ring, der mit dem Buch in dem Schrank war.« Sie sah Sonea an. »Sie hat gesagt, er habe ihrer Großmutter gehört und besitze magische Eigenschaften.«

Kallen zog Naki den Ring vom Finger und reichte ihn Osen. Der Administrator untersuchte ihn eingehend. Er streifte ihn selbst über, und ein Ausdruck der Konzentration glitt über seine Züge, dann zuckte er die Achseln und nahm den Ring ab.

»Ich kann nichts Magisches daran spüren.«

»Natürlich nicht«, sagte Naki und bedachte ihn mit einem gezwungenen Lächeln. »Sie war eine verrückte alte Frau, die gern Geschichten für Kinder gesponnen hat.«

Osen betrachtete sie, sein Blick hart und abschätzend, und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Dann schaute er zu Kallen hinüber.

»Lest ihre Gedanken.«

Sowohl Kallen als auch Naki erstarrten. Kallen wirkte überrascht; Naki wurde langsam weiß. Sie erholte sich als Erste.

»Nein«, sagte sie zornig und zog an der Hand, die sie noch immer am Arm festhielt. »Wie viele Male muss ich es noch zulassen, dass jemand in meinen Kopf eindringt?«

Die beiden Männer tauschten einen Blick. Osens Miene verhärtete sich, und er nickte zum Zeichen, dass Kallen fortfahren solle. Kallen zog Naki näher heran.

»Wartet!«, rief sie, Panik in ihrer Stimme. »Ist es nicht genug, dass ein Dieb mich entführt und gezwungen hat, für ihn zu arbeiten? Ist es nicht genug, dass … dass mein Vater  ermordet wurde?« Sie deutete mit der freien Hand auf Lilia. »Von ihr.  Ihr solltet noch einmal in ihre Gedanken schauen. Ihr solltet …«

»Falls es in Euren Gedanken nichts Neues zu sehen gibt, dann erlaubt Kallen, sie zu lesen«, erwiderte Osen.

»Nein!«, schrie Naki. Sie wand sich, um von Kallen wegzukommen. »Ich bin in Trauer! Ich will nicht, dass Ihr das seht! Lasst mich in Ruhe!« Sie schlug sich die freie Hand vors Gesicht und begann zu schluchzen.

Kallen runzelte die Stirn. Zu Soneas Überraschung sah er fragend zu ihr herüber. Sie begegnete seinem Blick und bemerkte das Widerstreben in seinen Augen. Als sie sich zu Osen umdrehte, überlief sie ein kleines Frösteln, weil in seinen Zügen keinerlei Mitgefühl lag. Er griff nach Nakis freier Hand und zog sie von ihrem Gesicht.

Da waren keine Tränen. Naki starrte die Männer einen nach dem anderen an, die Augen vor Angst geweitet.

»Tut es, Kallen«, sagte Sonea leise. Naki bekämpfte ihn mit Magie, aber der Kampf währte nicht lange. Als er ihren Kopf ergriff, sah Sonea Lilia an, besorgt darüber, dass das Mädchen Angst haben könnte, aber Lilia beobachtete das Geschehen mit gelassener Eindringlichkeit.

Nach einem langen Schweigen ließ Kallen Naki mit einem Laut des Abscheus los. Er wandte sich an Osen.

»Ihr hattet recht. Der Ring verbirgt die wahren Gedanken und Erinnerungen des Trägers.«

Osen blickte auf den Ring hinab, und seine Lippen verzogen sich in grimmigem Triumph. »Was hat sie verborgen?«

Kallen holte tief Luft und stieß den Atem wieder aus. »Sie hat tatsächlich schwarze Magie gelernt, bevor sie Lilia begegnet ist – mit Absicht. Sie verübelte die Einschränkungen, die ihr Vater und die Gilde ihr auferlegt hatten, und wollte frei sein zu tun, was immer ihr beliebte.« Seine Miene verdüsterte sich. »Sie hat sich mit Lilia angefreundet und sie dazu verleitet, schwarze Magie zu erlernen, damit sie Leiden töten konnte und ein anderer unter Verdacht geraten würde – außerdem hat sie Lilia Drogen eingeflößt und Blut auf ihre Hände gestrichen, damit sie schuldig wirkte.« Er sah Lilia mitfühlend an, dann richtete er den Blick wieder auf Osen. »Inspiriert hat sie Skellin, den sie bewundert hat, weil er sich so lange einer Gefangennahme entziehen konnte. Die Blockade ihrer Magie war etwas, das sie nicht eingeplant hatte, aber es war einfach, daran vorbeizukommen – ich vermute, dass bei einem Schwarzmagier keine gewöhnliche Blockade wirkt. Dann fand Naki einen Dieb, der bereit war, sie zu lehren, wie man in der Unterwelt überlebte – als Gegenleistung für magische Dienstleistungen.« Kallen drehte sich voller Verachtung zu Naki um. »Er hat ihr Leute gebracht, die niemand vermissen würde, so dass sie deren Kraft nehmen konnte, und er hat dafür gesorgt, dass die Leichen niemals gefunden wurden.«

Sonea starrte das Mädchen an, während ihre Entrüstung über deren grausame Manipulationen und die Ermordung des eigenen Vaters sich in Entsetzen verwandelte. Wie konnte sie das tun? Menschen töten, die ihr nichts Böses wollten …  Naki stand jetzt mit steifem Rücken und vor der Brust verschränkten Armen da, ihre Lippen in mürrischem Trotz verzogen. Alles, damit sie tun konnte, was ihr gefiel. 

»Sonea«, sagte Osen.

Sie riss den Blick von Naki los und sah ihn an. Er hielt den Ring hoch.

»Ich möchte, dass Ihr versucht, meine Gedanken zu lesen.«

Sie blinzelte überrascht, dann verstand sie, als er den Ring wieder überstreifte. Sie trat vor, legte ihm beide Hände an die Schläfen und schloss die Augen.

Nachdem sie ihren Geist ausgesandt hatte, schlüpfte sie an den Schutzwällen seines Geistes vorbei und suchte nach seinen Gedanken. Sie nahm ein starkes Gefühl seiner Persönlichkeit wahr, aber die wenigen Gedanken, die sie auffing, waren vage und bruchstückhaft. Sie zog ihr Bewusstsein zurück und öffnete die Augen.

»Das ist … seltsam. Eure Gedanken waren unzusammenhängend, als hättet Ihr Mühe, Euch zu konzentrieren.«

Er lächelte dünn. »Ich habe an Lorlen gedacht.«

Sie musterte ihn nachdenklich. Osen hatte den ehemaligen Administrator bewundert und jahrelang mit ihm zusammengearbeitet, und er betrauerte seinen Tod zutiefst. Es bestand keine Chance, dass sie diese Gedanken und die dazugehörigen Gefühle übersehen hätte – nicht ohne irgendeine Art von magischer Einmischung.

»Ich habe diese Zusammenhanglosigkeit nicht gespürt, als ich zum ersten Mal Nakis Gedanken gelesen habe«, bemerkte Kallen.

»Ich auch nicht«, erwiderte Sonea und drehte sich zu ihm um. »Vielleicht gibt es irgendeinen Trick oder eine besondere Fähigkeit für die Benutzung des Rings.«

»Nach dem, was ich erfahren habe, ist genau das der Fall«, erklärte Osen ihnen. Er lächelte, als sie ihn beide ansahen. »Botschafter Dannyl hat mir Bericht erstattet, als ich mich gerade für die Anhörung fertig machte. Er hatte von der Existenz von Steinen erfahren, die das Gedankenlesen blockieren. Da es so viele Ungereimtheiten zwischen dem gab, was Sonea und Kallen in Nakis und Lilias Gedanken gelesen haben, habe ich beschlossen, zu überprüfen, ob eins der Mädchen einen Edelstein trug, bevor wir weitermachten.«

»Was tun wir jetzt?«, fragte Kallen.

»Wir beginnen die Anhörung«, sagte Osen, den Blick auf Naki gerichtet. Sie funkelte ihn an. Er wandte sich an Sonea. »Ihr und Lilia kehrt als Erste zurück. Ich werde mit Kallen nachkommen.«

Sie nickte. Er ging zur Tür, und zu ihrer Überraschung folgte er ihr und Lilia hinaus und schloss die Tür hinter sich.

»Bevor Ihr geht«, sagte er mit leiser Stimme. Sein Blick wanderte von Sonea zu Lilia und zurück, um anzudeuten, dass er das Wort an sie beide richtete. »Erwähnt diesen Ring noch niemandem gegenüber.« Er schaute Sonea an. »Errichtet eine Barriere des Schweigens und sagt den Höheren Magiern, dass Kallen Nakis Gedanken gelesen habe, nachdem eine Blockade entfernt wurde, die eine Gedankenlesung verhinderte. Erklärt ihnen, dass man ihnen die Einzelheiten nach der Anhörung mitteilen werde.«

Sie nickte, und als er ihr bedeutete, dass sie gehen konnten, eilte sie mit Lilia an ihrer Seite davon.

»Also«, sagte Lilia, als sie die Große Halle betraten. »Wenn Naki des Mordes für schuldig befunden wird … des Mordes mithilfe von schwarzer Magie …«

Ein Schauer überlief Sonea. Die Strafe würde eine Hinrichtung sein. Sie sah Lilia an, und eine Woge des Mitgefühls schlug über ihr zusammen. Sie hat sich für ihre Vernarrtheit definitiv das falsche Mädchen ausgesucht.  Lilia war nicht nur das Herz gebrochen worden, sie hatte auch herausfinden müssen, dass das Objekt ihres Verlangens andere ermordet, sie selbst in eine Falle gelockt und dann versucht hatte, sie zu töten. Jetzt ist es wahrscheinlich, dass ihre Freundin hingerichtet wird. Ich hoffe, sie wird damit zurechtkommen. Ich sollte ein Auge auf sie halten …  

Das Mädchen wandte den Blick ab.

»Der König könnte ihr einen Straferlass gewähren«, sagte Sonea.

Lilia stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. »Das wird nicht geschehen.«

Sonea seufzte. »Nein, es ist nicht wahrscheinlich.«

Als sie die Tür zur Gildehalle erreichten, kam Sonea ein anderer Gedanke, der sie innehalten ließ. Plötzliches Grauen erfüllte ihr Herz.

Wer wird die Hinrichtung durchführen müssen? 

27

Unvorhergesehener Beistand

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Lorkin, der vor der Hütte des Jägers stand, schaute sich um und fragte sich, wie spät es sein mochte. Er wusste nur, dass die Sonne aufgegangen war, denn der Nebel um ihn herum war zu hell, als dass er von Mondlicht erleuchtet werden konnte.

Soll ich hierbleiben, bis der Nebel sich hebt? 

Weil der Sturm Tyvara und ihn aufgehalten hatte, gingen seine Vorräte langsam zu Neige. Obwohl er bereit war, einen Tag lang zu hungern, wusste er, dass unten am Ende des Tals als Sklavinnen getarnte Verräterinnen auf ihn warteten. Je länger er brauchte, um dort anzukommen, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass man sie auf dem Besitz, zu dem sie gehörten, vermissen würde.

Solange ich immer hügelabwärts gehe, dürfte ich mich eigentlich nicht verirren. Tyvara sagte, ich würde nicht vom Weg abkommen, wenn ich bei Nacht marschiere, weil die Straße den Eingang des Tals kreuzt. Sie sagte, ich solle einfach weitergehen, bis ich auf die Straße stoße, und dann soll ich mich links halten und ihr folgen. 

Er schaute zu der Hütte zurück, die größtenteils durch den Nebel verborgen war. Den Schlitten hatte er Tyvaras Rat folgend unter dem Schnee vergraben. Irgendjemand würde ihn schon bald ins Sanktuarium zurückbringen, vermutete er. Er hatte auch seinen Rucksack zurückgelassen und die Art Kleider angezogen, die Jäger normalerweise im Winter trugen – eine grob geschneiderte Hose und ein Gewand, über dem er einen Kapuzenumhang aus zusammengenähten Tierhäuten trug. Seine Stiefel waren aus Leder, mit dem Fell auf der Innenseite. Außerdem hatte er schlichte Handschuhe aus Tierhaut. Jäger waren eine weitere Gruppe von Sachakanern, die nicht recht in die simple Unterteilung in Sklaven und Ashaki hineinpassten. Sie waren freie Männer, aber sie waren keine Magier. Sie lebten auf Gütern, im Austausch gegen Felle, Fleisch und andere Produkte, die sie eintauschen konnten, aber sie wurden nicht als Sklaven betrachtet. Da sie einen großen Teil des Jahres an entlegenen Orten verbrachten, würde es für einen Herrn schwierig werden, sie unter Kontrolle zu halten. Außerdem hatten sie eine Art Übereinkunft mit den Verräterinnen, die sie in Ruhe ließen, solange sie sich von bestimmten Gebieten in den Bergen fernhielten. Einige unterstützten die Verräterinnen aktiv, indem sie ihnen erlaubten, ihre Hütten zu benutzen. Obwohl sie in diesem Punkt vielleicht keine große Wahl hatten: Wenn sie frei sein wollten, um in den Bergen zu jagen, mussten sie sich mit den Magiern, die dort lebten, gutstellen.

Die Aufmachung eines Jägers war die perfekte Tarnung für Lorkin. Falls irgendein Ashaki ihn sah, würde er ihn ignorieren, und es war nicht allzu seltsam, dass ein Jäger allein im Freien unterwegs war. Nicht dass jemand ihn heute sehen würde.

Er wandte den Bergen den Rücken zu und setzte sich in Bewegung. Der Nebel war so dicht, dass er auf dem Boden ständig Ausschau nach Hindernissen halten musste. Nachdem er in Senken gestolpert war und über den Rand des Flusses, der unter dem Schnee verborgen lag, brach er einen Ast von einem der dürren Bäume ab und benutzte ihn, um die Verwehungen vor ihm abzutasten. Das verlangsamte sein Vorankommen, daher rechnete er nicht damit, die Straße in nächster Zeit zu finden. Als leichtes Vorwärtskommen auf einem ebenen Teilstück ihn zu einer Stelle brachte, an der sein nächster Schritt ins Nichts geführt hätte, blieb er stehen und sah sich um. Als er sich nach links und rechts bewegte, stellte er fest, dass der flache Bereich sich beiderseits fortsetzte. Das musste die Straße sein.

Tyvara hat gesagt, ich soll mich links halten. Wenn ich mich irre und dies nicht die Straße ist, wird das flache Gelände bald enden, und ich werde auf den Seitenhang des Tals stoßen.  

Also ging er über den flachen Streifen Land in die ihm gewiesene Richtung. Nach mehreren hundert Schritten entspannte er sich ein wenig. Die Oberfläche blieb gerade und, abgesehen von einer gelegentlichen Furche oder Pfütze, eben. Da er hier nicht mehr nach Hindernissen Ausschau halten musste, konnte er sich umsehen und in dem Nebel nach irgendwelchen Spuren von den Verräterinnen suchen, die auf ihn warteten.

Nach einer Weile begann er sich zu sorgen, dass er unbemerkt an ihnen vorbeiwandern würde. Obwohl der Nebel Geräusche erstickte, erschienen ihm seine Schritte, die durch den Schnee knirschten und gelegentlich auf eine Pfütze trafen, sehr laut, und er musste der Versuchung widerstehen, sich leiser zu bewegen.

Zumindest sollte ich eine Kutsche früh genug hören, um von der Straße verschwinden und mich verstecken zu können. Es wird auch keine Rolle spielen, dass es nichts gibt, wohinter ich mich verstecken könnte. Ich brauche lediglich in die Hocke zu gehen und reglos sitzen zu bleiben, und falls irgendjemand mich sieht, wird er mich wahrscheinlich für einen Steinbrocken halten. 

Hinter ihm wurde eine Stimme laut, und Lorkin erstarrte. Er konnte nicht ausmachen, was die Stimme sagte, aber es war definitiv eine Person gewesen, die nach einer anderen gerufen hatte.

Nach mir? 

Er überdachte, was Tyvara über die Wahrscheinlichkeit gesagt hatte, Ashaki zu begegnen. »Du solltest auf keinen Ashaki treffen. Sie reisen zu dieser Zeit des Jahres gewöhnlich kaum.«  Er bezweifelte, dass irgendjemand sich bei diesem Nebel freiwillig hinauswagen würde, und er hatte weder das Knarren und Rumpeln einer Kutsche noch Hufschläge gehört. Die einzigen Menschen, die bei diesem Wetter draußen sein würden, waren wahrscheinlich die Personen, die nach ihm suchten. Vielleicht hatten sie seine Spuren gesehen und begriffen, dass er an ihnen vorbeigegangen war.

Die Stimme erklang abermals, weiter entfernt diesmal. Lorkin ging voran. Binnen weniger Schritte sah er etwas, das sich bewegte. Er machte eine Gestalt aus, die auf ihn zukam. Ein zuversichtlich ausschreitender Mann. Bekleidet mit Hose und einer kurz geschnittenen Jacke.

Ashaki.  

Er blieb stehen, aber es war zu spät. Der Mann hatte ihn gesehen. Lorkins Herz begann zu rasen. Sollte er sich zu Boden werfen und hoffen, dass der Mann ihn für einen Sklaven hielt? Aber ein Jäger würde das nicht tun.

»Ihr seid nicht Chatiko«, sagte der Mann und hielt inne. Dann kam er näher und beugte sich vor, während er Lorkin anstarrte. »Ich kenne Euch. Ich habe Euch schon einmal gesehen.« Seine Augen weiteten sich vor Überraschung. »Ihr seid dieser kyralische Magier! Der, der verschwunden ist!«

Es hatte keinen Sinn, es abzustreiten. Tyvaras Worte stiegen aus seiner Erinnerung empor.

»Solltest du doch einem Ashaki begegnen, sag ihm, wer du bist, und bitte darum, dass man dich zum Gildehaus zurückbringt. Sie werden aus politischen Gründen verpflichtet sein, dir zu helfen.« 

»Ich bin Lord Lorkin von der Magiergilde Kyralias«, sagte er. »Ich ersuche Euch förmlich darum, mich zum Gildehaus in Arvice zurückzubringen.«

Der Mann lächelte und klopfte ihm auf die Schulter. »Nun, heute ist Euer Glückstag. Wir sind selbst in diese Richtung unterwegs. Wir wollten eigentlich abwarten, bis das Wetter sich bessert, aber Meister Vokiro hat darauf bestanden, dass wir beim ersten Tageslicht aufbrechen. Ich bin Meister Akami.«

Lorkin suchte nach irgendeiner Erwiderung. Zwei von ihnen sind Meister. Sie stehen im Rang nicht so hoch wie Ashaki. Das könnte für mich von Vorteil sein.  Er brachte ein Lächeln zustande.

»Vielen Dank, Meister Akami.«

Der Sachakaner warf Lorkin angesichts seiner kyralischen Manieren einen vertraut erheiterten Blick zu, dann deutete er die Straße hinunter. »Die Kutsche steht dort drüben. Meister Chatiko hat angehalten, um sich zu erleichtern.« Lorkin schloss sich dem Mann an. »Er hat so lange gebraucht, dass ich mich auf die Suche nach ihm gemacht habe. Versteht Ihr jetzt, welches Glück Ihr hattet? Wir hätten vorbeifahren können, ohne Euch zu sehen. Ah! Da ist er ja wieder.«

Neben der Kutsche stand ein anderer Mann. Als er Lorkin sah, musterte er ihn von Kopf bis Fuß, und auf seinem Gesicht spiegelten sich Erstaunen und Abscheu wider.

»Sieh dir an, was ich gefunden habe«, erklärte Meister Akami. »Einen verschollenen kyralischen Magier! Und ich wette, er hat einige Geschichten zu erzählen. Er wird uns den ganzen Weg bis zurück in die Stadt unterhalten!«

Kaum waren die Reisetruhen auf das Deck der Inava  geschleppt worden, hievten die Schiffssklaven auch schon den Anker hoch und setzten Segel.

Dannyl, Tayend und Achati wurde an Deck ein Platz zugewiesen, wo sie dem Kapitän und seiner Sklavenmannschaft nicht im Weg waren.

Achati sah Dannyl an. »Also, seid Ihr zufrieden mit dem, was Ihr hier erfahren habt, Botschafter?«

Dannyl nickte. »Ja, obwohl ich gern noch einmal herkommen und weitere dieser Duna-Legenden aufzeichnen würde. Ich habe darum gebeten, die Geschichten über Magie zu hören, aber es muss jede Menge weiterer Legenden geben, die nichts mit Magie zu tun haben. Ich schätze, das ist ein Buch, das ein anderer schreiben muss.«

Achati nickte. »Vielleicht könnte Eure Assistentin ein solches Buch schreiben. Sie scheint sich sehr für die Stämme zu interessieren.«

Dannyl verspürte leise Gewissensbisse, weil er Merria zurückgelassen hatte. Aber irgendjemand musste im Gildehaus bleiben.  »Ja, das stimmt.«

»Und was ist mit Euch, Botschafter Tayend?«, fragte Achati den Elyner.

Tayend machte eine vage Handbewegung, die viele Dinge hätte bedeuten können. Er wirkte ein wenig bleich, wie Dannyl auffiel.

»Habt Ihr das Heilmittel gegen Seekrankheit genommen?«, erkundigte sich Achati.

»Noch nicht«, gestand Tayend. »Ich wollte den letzten Ausblick auf all das hier nicht versäumen …« Er schluckte und deutete auf das Tal. »Ich werde das Mittel nehmen, sobald wir die Bucht verlassen haben.«

Achati runzelte besorgt die Stirn. »Es wird eine gewisse Verzögerung geben, bevor das Mittel wirkt, und es wird überhaupt keine Chance haben, wenn Ihr es nicht unten behalten könnt.«

»Ashaki Achati«, rief der Kapitän.

Sie drehten sich um und sahen, dass der Mann zur Nordseite der Bucht zeigte. Seine Augen leuchteten, und sein Gesicht zeigte ein grimmiges Lächeln. Schwarze Wolken verdunkelten den Himmel, und der Horizont verschwamm hinter Strömen von Regen.

Achati lachte leise. »Da braut sich ein Sturm zusammen.« Er machte einen Schritt auf den Kapitän zu. »Ich werde Euch Beistand leisten.«

Der Mann musterte den Ashaki. »Ihr habt Erfahrung?«

Achati grinste. »Zur Genüge.«

Der Mann nickte, und sein Lächeln kehrte zurück. Als Achati sich abwandte, glänzten seine Augen vor Erregung. Dannyls Haut kribbelte.

»Wir kehren nicht um?«, fragte Tayend mit einem Anflug von Panik in der Stimme.

»Nein«, erwiderte Achati. »Ihr solltet dieses Heilmittel besser sofort einnehmen.«

»Ihr und der Kapitän freut Euch darüber, nicht wahr?«, fragte Dannyl, als der Elyner davoneilte.

Achati nickte. »Das stimmt. Stürme sind zu dieser Jahreszeit alltäglich. Wir nutzen sie seit Jahrhunderten. Jeder Ashaki, der mit einem Schiff reist – das heißt, jeder, dem sein Leben teuer ist –, lernt, diese Stürme zu reiten. Mit Magie, die das Schiff zusammenhält, und einem erfahrenen Kapitän, der das Schiff steuert, kann man binnen weniger Tage von Duna nach Arvice segeln.«

Wie um diesen Punkt zu betonen, drosch eine Sturmböe auf das Schiff ein, als es den Schutz der Bucht verließ. Dannyl und Achati hielten sich an der Reling fest.

»Kann ich irgendwie behilflich sein?«, fragte Dannyl. Er musste rufen, um sich im Sturm Gehör zu verschaffen.

In Achatis Lachen lag ein Anflug von Zuneigung wie von Geringschätzung. »Keine Sorge. Der König wird sicherstellen, dass das, was der Kapitän und ich an Magie benutzen, ersetzt werden wird.«

Mit anderen Worten, nur ein höherer Magier besitzt die Stärke für ein solches Tun. 

Es war Dannyl noch nie so bewusst gewesen, dass er kein Schwarzmagier war. Seltsamerweise war das der Grund, warum es ihm widerstrebte, sich in den Schutz der Kajüte zu stehlen.

»Dann werde ich bleiben und zusehen«, sagte er.

»Später«, erwiderte Achati kopfschüttelnd. »Das Heilmittel gegen Seekrankheit kann kein Wunder vollbringen. Tayend wird Eure Hilfe brauchen.«

Dannyl sah dem Sachakaner in die Augen und las Sorge darin. Seufzend nickte er und folgte dem elynischen Botschafter in die Kajüte.

Als Sonea sich dem Ende des Flurs näherte, sah sie durch die Eingangshalle der Universität eine Kutsche vorfahren. Der Augenblick, in dem das Fenster des Wagens sichtbar war, reichte, um in der Kutsche ein vertrautes Gesicht auszumachen.

Dorrien. 

Sie fluchte leise. Wenn sie die Halle durchquerte, würde er sie bemerken und mit ihr reden wollen. Sie war nicht in der Stimmung für eine solche Begegnung, die voller unausgesprochener Fragen, Schuldgefühle und Verlangen sein würde. Nicht jetzt, da das Grauen, das sich während der Anhörung ihrer bemächtigt hatte, sie schon den ganzen Tag nervös machte.

Also drehte sie sich um, ging durch den Flur wieder zurück und schlüpfte in ein leeres Klassenzimmer. Die Novizen waren längst fort. Die Reihen von Tischen und Stühlen brachten Erinnerungen zurück, angenehme wie unangenehme.

Oder wäre es treffender zu sagen,  erträglicheund unangenehme? Obwohl ich es durchaus genossen habe, Magie zu erlernen, hatte ich davon abgesehen mit meinen Mitnovizen nicht viel Spaß, selbst wenn sie mir das Leben nicht schwer machten, mich geringschätzig behandelten oder, in Regins Fall, neue und zunehmend demütigende und schmerzhafte Methoden fanden, mich zu quälen.  

Nachdem sie wieder in die Gilde aufgenommen worden war, war die Beendigung ihrer Ausbildung schwierig gewesen, da sie ihre Lektionen lernen musste, ohne dass irgendein Lehrer ihr die komplexeren Konzepte direkt in ihre Gedanken übermittelt hätte. Sie hatte es geschafft, trotz dieser Erschwernis. Und trotz der Trauer um Akkarins Tod. Und ihrer Schwangerschaft mit Lorkin.

Regin hat sich zu einem guten Mann entwickelt,  ging es ihr unwillkürlich durch den Kopf. Dann lächelte sie schief. Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal denken würde. Oder dass ich ihn vermissen würde. 

Was sie in gewisser Weise tat. Während der Suche nach dem wilden Magier war es besser gewesen, einen Gehilfen zu haben, der nicht in sie vernarrt war. Die Situation mit Dorrien war viel zu kompliziert geworden. Sie wünschte, sie könnten sich beeilen und Skellin und Lorandra finden. Oder dass Dorriens Tochter früher der Gilde beitrat, so dass er und Alina aufs Land zurückkehren konnten.

Ich schätze, das bedeutet, dass ich nicht in ihn v


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erliebt bin,
 begriff sie. Vielleicht wäre ich es gewesen, wären da nicht so viele Umstände, die alles verdarben. Oder vielleicht … wenn es Liebe wäre, dann wären diese Dinge nicht in der Lage, es zu verderben. Anscheinend haben Leute ständig Affären. Die Vorstellung, einen Ehemann oder eine Ehefrau zu betrügen oder einen Skandal zu verursachen, genügt nicht, um sie abzuschrecken. 

Sie seufzte und ging auf die Klassenzimmertür zu. Dorrien sollte die Halle inzwischen durchquert haben. Sie hielt inne, als sie Stimmen und Schritte näher kommen hörte; sie wollte nicht, dass jemand sah, dass sie sich in einem Klassenzimmer versteckte.

»… hat Euch das  nicht davon überzeugt, dass Ihr aufhören müsst, Feuel zu nehmen?«, fragte eine Frau.

Die Stimme war vertraut. Noch während sie begriff, dass es Lady Vinara war, die sprach, hörte sie eine andere Stimme antworten und erschrak leicht, als sie auch diese erkannte.

»Ich bin überzeugt, aber dies ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt«, erwiderte Schwarzmagier Kallen, als sie an dem Klassenzimmer vorbeikamen. »Ich darf mich jetzt nicht ablenken lassen …«

»Es gibt niemals  einen guten Zeitpunkt«, unterbrach ihn Vinara. »Denkt Ihr, ich höre das nicht jeden Tag von …«

Die Stimme der Heilerin verklang, während die beiden sich rasch entfernten. Sie waren sicher auf dem Weg zu Osens Büro, wo auch Sonea hinwollte.

Sie zählte bis fünfzig, dann trat sie aus dem Raum und setzte ihren Weg fort. Triumph und Sorge vermischten sich miteinander, während sie über das nachdachte, was sie eben gehört hatte. Triumph, dass sie recht gehabt hatte: Kallens Feuelgebrauch war  ein Problem. Sorge, dass sie recht hatte: Kallens Benutzung war ein Problem.  Was es, weil er ein Schwarzmagier war, auch zu ihrem Problem machte.

Die Tür zu Osens Büro war noch nicht wieder zugefallen, als Sonea sie erreichte, so dass sie sich gerade noch hindurchschieben konnte. Rothen war bereits anwesend. Sie lächelte ihm im Vorbeigehen zu. Die Oberhäupter der Disziplinen saßen auf ihren gewohnten drei Stühlen. Kallen stand an der Wand. Der Administrator saß. Er schaute ihr in die Augen, und sie tauschten ein Nicken, dann nahm sie ihren gewohnten Platz neben seinem Schreibtisch ein.

Die wenigen noch fehlenden Höheren Magier trafen kurz darauf ein, und Osen begann die Besprechung, indem er erklärte, was vor der Anhörung geschehen war: Dannyls Informationen, woraufhin er Kallen mit Naki und Sonea mit Lilia gerufen hatte, und was Kallen in Nakis Geist gesehen hatte, sobald ihr Ring entfernt worden war.

»Der König hat Naki keinen Gnadenerlass gewährt«, eröffnete Osen ihnen, nachdem er mit seinen Erklärungen zum Ende gekommen war.

Stille folgte dieser Ankündigung. Sonea betrachtete die Gesichter der Magier. Einige nickten und waren wenig überrascht. Andere wirkten schockiert. Rothen beobachtete sie mit mitfühlender, besorgter Miene. Ihr wurde flau im Magen, und ihr Mund wurde trocken.

Was werde ich tun, wenn sie mich bitten, die Hinrichtung vorzunehmen?  Sie hatte bereits beschlossen, nicht dagegen zu protestieren, falls man es ihr befahl, aber wenn man ihr die Gelegenheit gab, es zu vermeiden, dann würde sie diese Gelegenheit nutzen. Es gibt keine richtige Entscheidung in diesem Fall. Entweder, ich tue es und bin für einen weiteren Tod verantwortlich, oder ich weigere mich und zwinge einen anderen, diese Bürde auf sich zu nehmen. 

Der andere würde höchstwahrscheinlich Kallen sein. Er hatte noch nie zuvor jemanden getötet – gewiss nicht mit schwarzer Magie, und wenn Naki sterben sollte, ohne dass ihre Magie entfesselt wurde, dann musste man ihr vorher ihre Kräfte nehmen. Naki war kein feindlicher Eindringling, sie war eine junge Frau und Kyralierin. Obwohl Sonea den Mann nicht mochte, würde sie ihm die Bürde, jemanden töten zu müssen, nicht wünschen.

Wenn ich es tue, werden die Menschen mich anders sehen. Als gnadenlos und kalt. Wenn ich vor dieser Pflicht zurückschrecke, werden sie mich als illoyal und feige betrachten. Sie werden … 

»Ich habe die Angelegenheit mit Schwarzmagier Kallen und dem Hohen Lord Balkan besprochen«, sagte Osen. »Kallen wird Nakis Macht nehmen, und Balkan wird die Strafe ausführen.«

Sonea blinzelte überrascht, noch während Erleichterung sie durchflutete. Sie war nicht die Einzige im Raum, deren Ausatmen eher wie ein Stöhnen klang.

»Der König hat zugestimmt, dass es keine öffentliche Hinrichtung sein sollte«, fuhr Osen fort. »Trotz der abschreckenden Wirkung, die eine solche Hinrichtung vielleicht haben würde.« Alle Magier im Raum nickten zustimmend. »Es wird noch heute Abend geschehen. Die Existenz dieser Edelsteine, die eine Gedankenlesung blockieren, muss ein Geheimnis bleiben«, sprach Osen energisch weiter. »Außer den hier Anwesenden darf niemand davon erfahren. Die Sachakaner wissen nichts von ihnen, und wenn sie von dieser Art von Magie erfahren, könnten die Konsequenzen katastrophal sein.«

Er nahm sich die Zeit, jedem Magier in die Augen zu sehen, bis er von allen ein Nicken oder ein verständnisvolles Murmeln erhalten hatte; dann entspannte er sich und forderte zu Fragen auf. Sonea hörte nicht, was gefragt wurde, so sehr war sie mit ihrer eigenen Erleichterung beschäftigt.

Verspätet begriff sie die Überlegungen hinter Osens Entscheidung: Balkan war als Hoher Lord der Anführer der Gilde und als Krieger ausgebildet, daher war es passend, dass er dem Gesetz Genüge tat. Sie und Kallen waren nur deshalb als Schwarzmagier akzeptiert worden, damit sie die Gilde gegen eine Invasion verteidigen konnten. Wenn Kallen Naki ihre Macht nahm, war das eine praktische Maßnahme und unterschied sich kaum von dem, was er und Sonea für sterbende Magier taten, um sicherzustellen, dass sie aus dem Leben schieden, ohne dass die in ihnen verbliebene Magie irgendwelche Zerstörungen anrichtete.

Dann stahl sich eine törichte Sorge in Soneas Gedanken. Haben sie geglaubt, ich könne oder wolle es nicht tun? Dachten sie, man könne mir nicht trauen? 

Oh, gib Ruhe,  sagte sie sich.

Kurz darauf war die Zusammenkunft beendet. Rothen schloss sich Sonea an, als sie das Büro verließ.

»Gehst du heute Abend ins Hospital?«, fragte er.

Sie begaben sich in die Eingangshalle und blieben in den geöffneten Türen der Universität stehen. Beide schauten in den Wald hinaus, der von Schnee überstäubt war.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Sonea. »Ich habe heute nicht geschlafen. Ich könnte in meine Räume zurückkehren, aber damit ist nichts getan. Natürlich könnte ich ins Hospital gehen, aber ich habe den Verdacht, dass ich … ein wenig abgelenkt sein werde.«

Er brummte. »Ich denke, das werden wir alle sein, bis die Tat getan ist.«

»Und noch für ein Weilchen danach. Wie lange ist es her, seit die Gilde zum letzten Mal ein Mitglied – oder ein ehemaliges Mitglied – hinrichten musste?«

Er zuckte die Achseln. »Sehr lange. So lange, dass ich es in einem Geschichtsbuch nachschlagen musste.«

Sonea blickte über ihre Schulter. Die Eingangshalle war verlassen, nachdem die Höheren Magier alle gegangen waren.

»Ich gebe zu, dass ich erleichtert über Osens Wahl des Henkers bin«, murmelte sie. »Obwohl es hart für Kallen sein wird, dort zu sein und eine Rolle dabei zu spielen. Er hat nie … er ist unerfahren.«

»Viele sind der Ansicht, dass man dir bereits eine Menge abverlangt hat«, erwiderte Rothen leise. »Sie fühlen sich schuldig wegen Lorkin.«

Sie drehte sich um, um ihm in die Augen zu sehen. Sie  sollten sich schuldig fühlen, dass sie Lorkin nach Sachaka geschickt haben,  dachte sie triumphierend, aber nicht ohne Verbitterung. Rothens Augen blickten ruhig und deuteten noch mehr an. Sie fragte sich, wie oft die Höheren Magier über sie sprachen.

»Ist das der Grund, warum sie Lorkin noch nicht offiziell aus der Gilde verstoßen haben?«, fragte sie.

Er nickte.

»Oder haben sie Angst vor dem, was ich sagen und tun würde, falls sie ihn ausschließen sollten?«

Rothen lachte leise. »Das auch.« Dann wurde seine Miene wieder ernst. »Ich hatte noch keine Gelegenheit, dir eine traurige Nachricht zu übermitteln – es geht um jemand anderen, nicht um Lorkin.«

»Was ist denn passiert?«

»Regins Frau hat versucht, sich das Leben zu nehmen.«

»Oh! Wie schrecklich.«

»Anscheinend versucht sie es schon seit Jahren. Dies ist das erste Mal, dass es … öffentlich geschehen ist. Es hat Gerüchte gegeben, aber …« Rothen verzog das Gesicht. »Ich mochte ihnen keine große Beachtung schenken.«

»Armer Regin«, sagte sie.

»Ja«, entgegnete Rothen. »Aber … nicht ganz aus dem Grund, den du im Sinn hast, vermute ich.«

»Wie meint Ihr das?«

Rothen seufzte. »Einigen Gerüchten zufolge fanden ihre Selbstmordversuche immer dann statt, wenn er von einem ihrer Geliebten erfahren und ihn davongejagt hatte.«

Sonea zuckte zusammen. »Oh.«

»Ich habe Berichte gehört, nach denen er auf dem Rückweg nach Imardin ist und um Räume in der Gilde gebeten hat. Er hat sein Haus in Elyne der einen Tochter gegeben und seinen Familiensitz in Imardin der anderen.«

»Die Tat eines zornigen Mannes.«

»So ist es.«

Ein wenig passender und leicht verräterischer Hoffnungsfunke glomm in Sonea auf. Außerdem ein Mann, der etwas braucht, womit er sich beschäftigen kann – wie die Jagd auf einen wilden Magier. 

»Gibt es eine Menge Eheleute, die im Moment Probleme haben, oder kommt mir das nur so vor?« Sie hakte sich bei Rothen unter und zog ihn zurück zum Flur der Universität.

»Wer hat denn sonst noch Probleme in seiner Ehe?«, fragte er.

Sie zuckte die Achseln. »Nur … irgendwelche Leute. Und was Personen betrifft, die nach Hause zurückkehren, gibt es da etwas, worüber ich mit Euch sprechen wollte. Etwas, das uns mit vereinten Kräften gelingen sollte, ohne Anstoß zu erregen.«

28

Eine willkommene Rückkehr

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Zu Lilias Erleichterung wurde sie in einem Raum in der Universität festgehalten und nicht in der stickigen Kuppel. Dies schenkte ihr ein klein wenig Hoffnung, dass die Gilde ihre jüngeren Verbrechen mit etwas mehr Nachsicht betrachten würde und dass ihre Absicht, in ihr Gefängnis zurückzukehren, nachdem sie Naki gefunden hatte, sie davon überzeugt hatte, dass man ihr keine härtere Strafe zu geben brauchte.

Was diese Hoffnung schwächte, war die Tatsache, dass man ihr seit der Anhörung nichts mehr erzählt hatte. Diener hatten ihr ihre Mahlzeiten gebracht und was sie sonst noch benötigte, aber sie weigerten sich zu sprechen, selbst wenn Lilia ihnen Fragen stellte. Die Magier, die ihre Tür bewachten, geboten ihr Schweigen, wenn sie klopfte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

Ihr blieb wenig anderes zu tun übrig, als über Naki nachzudenken. Obwohl ihr Herz immer noch wehtat, galt dieser Kummer einer Person, die nie wirklich existiert hatte. Naki hatte sich nicht deshalb mit Lilia angefreundet, weil sie sie gemocht hatte.

Wie konnte sie ihren eigenen Vater töten? Aber ich nehme an, er war nicht ihr richtiger Vater. Er war nur der Mann, der ihre Mutter geheiratet hat. Sie hat mir erzählt, er habe ihr nicht geglaubt, als sie sagte, ihr Onkel habe sie missbraucht. War das überhaupt wahr gewesen? Vielleicht. Ich weiß nicht, ob er ihren Hass verdient hat. Ich schätze, ich werde es nie erfahren. 

Zorn wirkte der Kränkung darüber, von Naki hereingelegt und verraten worden zu sein, entgegen. Sie war es müde, von Menschen manipuliert zu werden. Zuerst Naki, dann Lorandra. Cery und Anyi waren zumindest ehrlich mit dem gewesen, was sie von ihr wollten. Soweit sie wusste.

Ich werde mich nicht noch einmal von irgendjemandem benutzen und täuschen lassen. Die Menschen werden ihre Vertrauenswürdigkeit beweisen müssen, bevor ich ihnen vertraue. Zumindest bedeutet die Gefangenschaft hier, dass ich viel weniger Menschen begegnen werde, über deren Vertrauenswürdigkeit ich mir Sorgen machen muss. 

Schritte und Stimmen draußen vor der Tür lenkten sie von ihren Gedanken ab. Die Tür wurde geöffnet, und Schwarzmagierin Sonea trat ein. Lilias Herz sang vor Hoffnung, nur um sofort wieder in Mutlosigkeit zu verfallen, als sie die Miene der Frau sah. Sie stand auf und verneigte sich hastig.

»Lilia«, sagte Sonea. »Es scheint, ich muss mich im Namen der Gilde dafür entschuldigen, dass man Euch über die Ereignisse des letzten Tages in Unkenntnis gelassen hat. Das Problem ist, dass wir noch nicht entschieden haben, was wir mit Euch tun werden.«

Lilia wandte den Blick ab. Es konnte kein gutes Zeichen sein, wenn sie Mühe hatten, zu einer Entscheidung zu kommen. Soweit sie sehen konnte, bestanden ihre Alternativen darin, sie hinzurichten oder einzukerkern, und da man ihre Kräfte nicht blockieren konnte, würde Letzteres bedeuten, dass zwei Magier als Wachen fungieren mussten. Auf Dauer.

»Ich kann Euch versichern, dass niemand die Todesstrafe für Euch vorgeschlagen hat«, fuhr Sonea fort.

Erleichterung durchströmte Lilia wie die Wärme eines geheizten Raums nach einem Spaziergang durch die winterliche Kälte. Ein Aufkeuchen der Erleichterung drang ihr über die Lippen, dann errötete sie angesichts der unbeabsichtigten Zurschaustellung von Gefühlen.

»Der Punkt, in dem wir keine Einigkeit erzielen können, ist die Frage, was mit Euch geschehen soll. Einige Magier wollen Euch wieder in den Ausguck sperren. Andere wollen Euch wieder in der Gilde sehen.«

Überrascht blickte Lilia auf.

Sonea lächelte. »Natürlich unter strengen Auflagen.«

»Natürlich«, wiederholte Lilia.

»Ich bin für letztere Lösung. Was der Grund ist, warum ich veranlasst habe, dass Ihr in meinen Räumen wohnen werdet, bis die Entscheidung getroffen ist.«

Lilia starrte Sonea ungläubig an. Sie konnte nicht entscheiden, ob dies etwas Gutes oder etwas Schlechtes war. Es würde bequemer und weniger einsam sein als dieser Raum, und es deutete darauf hin, dass die Gilde ihr vielleicht hinreichend vertraute, um davon auszugehen, dass sie nicht noch einmal versuchen würde zu fliehen. Aber sie würde bei Sonea  wohnen. Bei einer Schwarzmagierin. 

Was genau das ist, was du ebenfalls bist,  rief sie sich ins Gedächtnis.

Trotzdem fanden alle Novizen die beiden Schwarzmagier ein wenig beängstigend. Und sie hatte den Verdacht, dass es etlichen Magiern, die ihren Abschluss hatten, nicht viel anders erging. Sonea hatte schwarze Magie benutzt.  Sie hatte damit getötet. 

Nur zur Verteidigung Kyralias. Nicht wie Naki es getan hat. 

Sonea winkte sie heran. »Kommt. Ich bringe Euch zu meinen Räumen.«

Lilia, die ihrer Stimme nicht traute, nickte nur und folgte der schwarz gewandeten Frau aus ihrem Gefängnis. Die beiden Wachen beäugten Sonea nervös, was Lilia nicht gerade ermutigte. Sie folgte Sonea gehorsam durch die Gänge und Flure der Universität und über den Innenhof zu den Magierquartieren.

In dem breiten Flur des Gebäudes kamen sie an zwei Alchemisten vorbei. Der Mann und die Frau nickten Sonea höflich zu, aber ihr Blick wanderte zu Lilia. Sie erwartete Missbilligung oder Argwohn. Stattdessen wirkten die beiden grimmig und mitfühlend.

Erst als sie oben an der Treppe angelangt war, kam sie dahinter, warum.

»Naki«, entfuhr es ihr.

Sonea sah sie an. »Ich habe auch sie betreffend Neuigkeiten. Aber kommt zuerst herein.«

Sofort erfüllte Lilia ein tiefes Grauen. Die Neuigkeiten werden nicht gut sein,  dachte sie. Es sollte mir gleichgültig sein, was mit Naki geschehen ist, nach dem, was sie mir angetan hat.  Aber sie wusste, dass es ihr nicht gleichgültig sein würde.

Sie blieben vor einer Tür stehen, die nach innen aufschwang. Sonea bedeutete Lilia voranzugehen. Lilia tat wie geheißen. Sie nahm die schlichte, aber luxuriöse Umgebung wahr und stellte fest, dass jemand vor den Stühlen im Gästezimmer stand. Als sie die Frau erkannte, machte ihr Herz einen Satz.

»Anyi!«

Die junge Frau lächelte, trat vor und umarmte Lilia schnell. »Lilia«, sagte sie. »Ich musste  sehen, wie es dir geht.« Sie blickte Sonea an. »Habt Ihr es ihr schon gesagt?«

Sonea schüttelte den Kopf. »Ich wollte es gerade tun.« Sie schaute Lilia in die Augen, ihre Miene ernst und mitfühlend. »Ihr hattet recht: Der König hat Naki keinen Gnadenerlass gewährt. Sie ist gestern am späten Abend hingerichtet worden.«

Obwohl Lilia es erwartet hatte, war die Nachricht dennoch ein Schock. Sie setzte sich auf den ihr am nächsten stehenden Stuhl. Für eine Weile konnte sie nichts anderes tun, als zu atmen.

Tot. Naki ist tot. Sie war so jung. Wie sie sagen, hatte sie großes Potenzial. Aber vielleicht ist es etwas Gutes, dass ihr Potenzial ungenutzt geblieben ist. Wer weiß, wie viele weitere Menschen sie getötet hätte? 

Jemand legte ihr eine Hand auf den Rücken. Ihr wurde bewusst, dass Anyi neben ihr saß. Die junge Frau lächelte, aber ihre Augen waren voller Sorge.

»Ich werde schon zurechtkommen«, sagte Lilia.

»Ich lasse euch beide jetzt allein, damit ihr miteinander reden könnt«, meldete Sonea sich zu Wort. Dann öffnete sie die Tür und schlüpfte hinaus.

Lilia starrte auf die Tür.

»Was ist los?«, fragte Anyi.

»Sie hat mich allein hier zurückgelassen.«

»Allein? Ich bin hier.«

Lilia schüttelte den Kopf. »Entschuldigung. Ich meinte, unbewacht. Von Magiern.« Sie sah Anyi mit schmalen Augen an. »Es sei denn, es gibt da etwas, das du mir nicht erzählt hast.«

Anyi lachte. »Es gibt immer etwas, das ich irgendjemandem nicht erzähle. Das ist Teil meiner Arbeit. Aber nein, ich bin keine Magierin. In mir ist kein Funken Magie. Ich habe mich einmal testen lassen, als ich noch ein Kind war. Ich dachte, wenn ich in die Gilde aufgenommen würde, wäre das eine großartige Methode, um Cery eins auszuwischen.«

»Um Cery eins auszuwischen? Warum sollte dir das gelingen, indem du der Gilde beitrittst?«

Überraschung zeichnete sich in Anyis Zügen ab, dann Begreifen. Sie fluchte und schlug sich mit der Hand an die Stirn.

»Was ist los? Du hast gerade etwas verraten, nicht wahr?« Lilia dachte über Anyis Worte nach. »Du hast Cery schon gekannt, als du noch ein Kind warst.« Kein Wunder, dass Anyi so loyal war. Nur dass sie früher einmal den Wunsch gehabt hatte, ihm eins auszuwischen. Als ob … »Er ist dein Vater!«

Anyi stieß ein Stöhnen aus und nickte. »Ich bin als Leibwächterin offensichtlich viel besser als in der Wahrung von Geheimnissen.«

»Warum sollen die Leute nicht wissen, dass dein Vater ein Dieb ist?«

Anyi verzog das Gesicht. »Skellin hat Cerys zweite Ehefrau und meine Halbbrüder ermorden lassen.«

»Oh.« Lilias Befriedigung darüber, die Wahrheit erraten zu haben, schmolz dahin. »Also hast du Angst, dass er, wenn er herausfindet, dass du Cerys Tochter bist, versuchen wird, auch dich zu töten.«

Anyi zuckte die Achseln. »Er würde mich ohnehin töten, wenn er die Chance bekäme, weil ich Cerys Leibwächterin bin. Wenn er herausfände, dass wir verwandt sind, ist es wahrscheinlicher, dass er mir etwas antun wird, um Cery zu verletzen oder zu erpressen.«

»Nun … dein Geheimnis ist bei mir sicher. Obwohl, wenn Kallen oder Sonea jemals meine Gedanken lesen sollte …«

»Sonea weiß es. Kallen dagegen …« Anyi runzelte die Stirn, dann zog sie eine Augenbraue hoch und sah Lilia an. »Ich nehme nicht an, dass du Lust hättest, mit mir davonzulaufen? Mit Cerys Hilfe kann ich dich an einen Ort bringen, an dem die Gilde dich niemals finden würde.«

Lilias Herz schlug einen Purzelbaum. »Nein. Es ist verlockend, aber hierzubleiben ist … es ist einfach das Richtige. Früher war es mir nie allzu wichtig, das Richtige zu tun, aber heute sehe ich das anders.«

»Selbst wenn sie dich wieder in den Ausguck sperren? Wie kann das richtig sein? Es wäre eine Verschwendung.«

»Nein.« Lilia schüttelte den Kopf. »Ich habe ein Gesetz gebrochen und meinen Schwur. Ich habe es aus Dummheit getan, nicht aus Bosheit, aber die anderen Magier müssen sehen, dass ich bestraft werde, damit Novizen wie Naki nicht ebenfalls die Dinge tun, die sie getan hat.« Sie schauderte. »Die Gilde kann es sich eigentlich nicht leisten, Zeit und Magie auf mich zu verschwenden, während sie alle ihre Kräfte benötigt, um Skellin und Lorandra zu finden.«

Aber wenn ich doch fortginge,  dachte Lilia plötzlich, könnte ich helfen, Anyi zu beschützen. Und Cery. Ich könnte mich für die Dinge erkenntlich zeigen, die sie für mich getan haben … 

Anyi nickte langsam. »Nun, es ist deine Entscheidung.« Sie ergriff Lilias Hand und drückte sie. »Ich hoffe, sie sperren dich nicht ein, denn ich mag dich inzwischen recht gern. Ich würde mich freuen, wenn ich dich wiedersehen könnte.«

Lilia lächelte dankbar. »Mir geht es genauso.«

Ein Klopfen an der Tür erregte ihre Aufmerksamkeit. Anyi ließ Lilias Hand los und stand gerade in dem Moment auf, als Sonea eintrat.

»Entschuldigt die Störung«, sagte Sonea und sah Anyi an. »Ich habe gerade eine ziemlich rätselhafte Nachricht von Cery erhalten.« Sie reichte der jungen Frau einen kleinen Zettel. »Ich denke, er möchte, dass du zurückkehrst.«

Anyi las die Notiz und nickte. »Er will, dass ich unterwegs ein paar süße Brötchen besorge.« Anyi drehte sich wieder zu Lilia um und lächelte. »Viel Glück.«

Zu Lilias Erheiterung winkte Sonea und führte sie in ein kleines Schlafzimmer. Dann schloss sie die Tür.

»Hier werdet Ihr schlafen«, erklärte Sonea. Sie beugte sich zur Tür vor, offensichtlich um zu lauschen. »Cery nimmt immer einen anderen Weg als den Flur, um in den Raum zu gelangen, und ich vermute, Anyi hat dieselbe Methode benutzt«, fuhr sie fort. »Ich will nicht wissen, wie, für den Fall, dass jemals jemand meine Gedanken lesen sollte.«

Lilia hörte einen dumpfen Aufprall. Dies musste ein Signal gewesen sein, da Sonea die Klinke drehte und die Tür öffnete. Das Gästezimmer war jetzt leer.

Sonea schaute Lilia an. »Geht es Euch gut?«

»Ja.« Lilia nickte. Obwohl die Nachricht über Nakis Hinrichtung ein Schock gewesen war, fühlte sie sich besser, als sie erwartet hatte. Sie war nicht glücklich, akzeptierte jedoch den Gang der Dinge und hoffte, dass die Zukunft besser sein würde.

»Mir geht es gut«, sagte sie. »Danke. Danke, dass Ihr mir erlaubt, hier zu wohnen.«

Sonea lächelte. »Hoffentlich werden wir bald ein dauerhafteres Zuhause für Euch haben. In der Zwischenzeit macht es Euch hier bequem.«

Lorkin fuhr jäh aus dem Schlaf hoch.

Er schaute sich um und erkannte im schwachen Licht des Wageninneren seine »Retter« und Mitreisenden. Alle schliefen. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

Die drei Meister hatten ihn bedrängt, Geschichten aus seiner Zeit bei den Verräterinnen zu erzählen, seit er sich ihnen angeschlossen hatte. Er hatte sich geweigert, sich selbst zu den nichtigsten Einzelheiten des Lebens der Verräterinnen zu äußern, und erklärt, er wage es nicht, irgendetwas zu sagen, bevor Botschafter Dannyl es ihm erlaubte. Glücklicherweise gingen ihre fortgesetzten Versuche, Informationen aus ihm herauszuholen, eher auf eine Art sportlichen Ehrgeiz zurück als auf das ernsthafte Verlangen, etwas Wichtiges zu finden. Sein Schweigen zu dem Thema war eine Herausforderung für sie, aber sie wollten nicht den Tadel jener riskieren, die weiter oben in der sachakanischen Hierarchie standen – und vor allem wollten sie den König nicht verärgern.

Die drei Männer waren entschlossen, Lorkin so schnell wie möglich nach Arvice zu bringen. Lorkin hoffte, dass ihr Motiv in dem Wunsch bestand, diejenigen zu sein, die die Anerkennung für seine Rettung und sichere Rückkehr einheimsten; dieses Motiv war ihm lieber als die andere Möglichkeit: dass sie erwarteten, dass der König Lorkin so schnell wie möglich in die Hände bekommen wollte, um ihn auszuhorchen. Meister Akami hatte den Sklaven befohlen, die Kutsche im höchsten Tempo zu fahren, das möglich war, ohne die Pferde zu ruinieren, und bei den Besitzen entlang des Weges Halt zu machen, um die Pferde gegen frische auszutauschen. Die Sklaven fuhren abwechselnd, wobei sich jene, die sich ausruhten, an den Außensitz am hinteren Teil der Kutsche banden, damit sie nicht herunterfielen, wenn sie einnickten.

Im Wagen hatte sich ein unangenehmer Geruch ausgebreitet, was nicht besser wurde durch den Gestank der Jägerkleider, die Lorkin trug. Sie hatten darauf bestanden, dass er den Kapuzenumhang wegwarf, aber als sie ihm typische sachakanische Gewänder anboten, hatte er dankend abgelehnt mit der Begründung, es sei passender, wenn seine nächsten frischen Kleider Gilderoben sein würden.

Als Lorkin nun aus dem Kutschenfenster schaute, sah er, dass das Land draußen in ein helles Licht getaucht war. Es beleuchtete Mauern zu beiden Seiten der Straße, und das konnte nur eines bedeuten.

Arvice! Wir haben die Stadt erreicht! In nur zwei Tagen und Nächten. 

Es schien unglaublich, wenn man bedachte, wie lange er gebraucht hatte, um von der Stadt in die Berge zu kommen, aber er und Tyvara waren zu Fuß unterwegs gewesen, nicht in Kutschen, die im größtmöglichen Tempo fuhren und frische Pferde bekamen, wann immer die alten Tiere müde waren.

»Wir sind zurück«, sagte jemand. Lorkin schaute auf und stellte fest, dass Meister Akami wach war. Der junge Mann streckte Arme und Beine aus und gähnte gleichzeitig. Dann lächelte er, klopfte ans Dach der Kutsche und rief: »Zum Palast!«

Ein Schauder überlief Lorkin. »Direkt zum Palast?«, fragte er.

Akami nickte. »Wir sollten Euch so bald wie möglich abliefern.«

»Aber … ich habe darum gebeten, zum Gildehaus gebracht zu werden. Es wäre besser, wenn ich baden und Roben anziehen könnte, bevor ich mich dem König präsentiere.« Lorkin verzog das Gesicht. »Es ist noch früh, und wenn ich der König wäre, würde ich nicht im Morgengrauen geweckt werden wollen, nur um von einem verdreckten kyralischen Magier begrüßt zu werden.«

Akami runzelte die Stirn, während er darüber nachdachte.

»Er hat recht.«

Lorkin drehte sich um und stellte fest, dass auch Meister Chatiko jetzt wach war. Der Mann rieb sich die Augen. »Man wird den Palast über die Rückkehr von Lord Lorkin verständigen müssen, aber er braucht nicht dort herumzulungern, bis der König auftaucht.« Chatiko gähnte. »Und wahrscheinlich würden alle ihre Zeit verschwenden, da Lord Lorkin vermutlich verpflichtet ist, sich mit dem Botschafter zu beraten, bevor er mit dem König spricht.«

Akami blickte nachdenklich drein. Er stieß Meister Voriko mit dem Fuß an, und der dritte junge Meister tauchte widerstrebend aus dem Schlaf auf.

»Was denkst du, Vori? Bringen wir Lorkin zum Palast oder zum Gildehaus?«

Voriko musste dreimal gefragt werden, bevor er wach genug war, um zu verstehen. Er schaute zwischen Lorkin und Akami hin und her, wobei er die Augenbrauen hochzog, als hielte er seinen Freund für einen Idioten.

»Wir bringen ihn natürlich zum Gildehaus. Sie werden ihn in seinem Zustand gar nicht erst in den Palast hineinlassen. Vielleicht würden sie ihn nicht einmal erkennen.«

Akami zuckte die Achseln, dann nickte er. Er klopfte erneut ans Dach. »Bringt uns zum Gildehaus.«

Als die Kutsche wendete, konnte Lorkin einen Blick auf die Kreuzung werfen, auf die sie zugefahren waren. Die Bäume und Blumen waren vertraut. Es war die Prachtstraße, die direkt zum Palast führte. Das war knapp. 

Er hoffte, dass er nicht allzu erleichtert wirkte.

Eine stille Wartezeit folgte, in der alle außer Lorkin und Akami wieder einschliefen. Als die Kutsche endlich das Tor des Gildehauses passierte, stieß Lorkin einen – wie er hoffte, stummen – Seufzer der Erleichterung aus.

»Da wären wir, Lord Lorkin«, sagte Akami, bevor er den Wagenschlag mit Magie öffnete. Die anderen erwachten und richteten sich auf. »Willkommen daheim.«

»Danke«, erwiderte Lorkin. »Und danke, dass Ihr mich hergebracht habt.«

Akami lächelte und tätschelte Lorkin die Schulter, der bereits aus der Kutsche stieg. »Wir werden im Palast Bescheid geben, dass Ihr zurück seid.«

Lorkin drehte sich um und schaute der abfahrenden Kutsche nach. Die Sklaven des Gildehauses schoben die Tore hinter der Kutsche zu. Als er sich umwandte, sah er zwei Sklaven mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen. Einer war der Türsklave. Er erinnerte sich an den Mann.

»Steht auf«, befahl er.

Die beiden Sklaven erhoben sich, hielten den Blick jedoch gesenkt. Er verspürte lange vergessenen Abscheu und Ärger über ihre Situation, gefolgt von Neugier. War einer dieser Männer vielleicht ein Spion der Verräterinnen?

»Ich bin Lord Lorkin, Botschafter Dannyls Assistent«, sagte er. »Bringt mich zu Botschafter Dannyl.«

»Botschafter Dannyl ist nicht hier«, sagte der Türsklave.

»Oh. Nun. Bringt mich hinein. Ich würde mich gern waschen und saubere Roben anziehen.«

Der Türsklave winkte und ging auf das Gildehaus zu. Lorkin folgte ihm. Beim Anblick des Herrenzimmers und der sanft gekrümmten Wände bemächtigten sich seiner machtvolle, sentimentale Empfindungen.

Ich habe es geschafft. Ich bin endlich wieder dort, wo alles begonnen hat. 

Der Mann, der ihn durchs Haus geführt hatte, blieb stehen, um


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mit einer Sklavin zu flüstern. Sie nickte und eilte davon. Eine weniger angenehme Erinnerung setzte ihm zu, als der Türsklave ihn in seine alten Räume führte: die Erinnerung an eine tote Frau, die nackt auf seinem Bett lag. Dieser Raum war dunkel. Der Sklave führte ihn zu einem anderen Schlafzimmer in dieser Gruppe von Räumen, dann warf er sich zu Boden. Lorkin schickte ihn weg.

Er schuf eine Lichtkugel, schaute sich um und nickte. Es war sehr rücksichtsvoll von dem Sklaven gewesen, einen anderen Raum auszuwählen.

Die Sklavin kehrte mit einer großen Wasserschüssel und einigen Handtüchern zurück, dann ging sie wieder. Eine weitere Sklavin brachte frische Roben. Lorkin erwärmte das Wasser mit Magie, dann streifte er das Jägergewand ab und begann sich zu waschen.

Ein Geräusch lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tür. Er erwartete einen weiteren Sklaven, aber stattdessen fand er sich einer Frau in grünen Roben gegenüber. Sie starrte ihn mit dem gleichen Erstaunen und einer Spur Feindseligkeit an.

Dann begriff er, wer sie sein musste.

»Ihr seid meine Nachfolgerin«, rief er aus. Eine weibliche Assistentin? Hier in Sachaka?  Sofort verspürte er Bewunderung für ihren Mut, sich freiwillig für eine solche Aufgabe zu melden.

Sie blinzelte, dann dämmerte ihr die Erkenntnis. »Lord Lorkin! Ihr seid zurück!«

Er nickte. »Ja. Wo ist Botschafter Dannyl?«

Sie verdrehte die Augen. »In Duna, wo er sich damit amüsiert, die Einheimischen kennenzulernen. Er hat mich ganz allein zurückgelassen, damit ich mich um alle anfallenden Dinge kümmere.« Sie senkte den Blick auf die Jägerhose, dann schaute sie ihm wieder ins Gesicht. »Wie zum Beispiel um Euch.«

Duna! Es könnte Wochen dauern, bis er zurückkommt. Was werde ich tun, wenn der König mich vor Dannyls Rückkehr rufen lässt? 

»Ich heiße übrigens Merria«, sagte sie und lächelte. »Ich lasse Euch jetzt allein, damit Ihr Euch ankleiden könnt. Wenn Ihr fertig seid, schickt einen der Sklaven zu mir. Ich werde im Herrenzimmer sein. Wir sollten uns besser überlegen, was wir tun wollen. Braucht Ihr zuerst ein wenig Schlaf?«

»Nein, aber etwas zu essen wäre schön.«

Sie nickte. »Ich werde dafür sorgen.«

Dannyl, der gerade aus einem Nickerchen erwacht war, blickte sich in der Kajüte um. Von Tayends Bett kam ein leises Schnarchen. Das Stampfen und Rollen des Schiffes war immer noch sehr deutlich, aber es hatte jetzt schon vor einiger Zeit aufgehört, in allen Fugen zu beben und zu ächzen. Dannyl hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Mehr als nur einige wenige Tage, vermutete er.

Er hörte schwere Schritte, dann wurde ihm bewusst, dass dies das Geräusch war, das ihn geweckt hatte. Die Tür der Kajüte wurde geöffnet. Achati hielt auf der Türschwelle inne, dann ließ er den Rahmen los, taumelte vorwärts und hielt sich an der Kante seines Bettes fest. Er kroch hinein und ließ sich mit dem Gesicht nach unten auf die Matratze fallen.

Dannyl erhob sich aus dem Sessel und ging auf den Sachakaner zu. »Ist alles in Ordnung mit Euch?«, erkundigte er sich.

Achati stöhnte, dann seufzte er. »Ja. Nur … müde.« Mit Mühe rollte er sich auf den Rücken. »Der Sturm ist weitergezogen. Seht es Euch auf Deck an, wenn Ihr wollt.«

Dannyl, der sich ein Kichern verkniff, verließ die Kajüte durch die offene Tür und zog sie hinter sich zu. Dann ging er die kurze, steile Treppe zum Oberdeck hinauf und trat durch die Luke ins Sonnenlicht.

Die wenigen Sklaven, die noch auf Deck waren, standen mit herabgesunkenen Schultern da und hielten sich an Seilen oder an der Reling fest, als seien sie zu schwach, um ihr eigenes Gewicht zu tragen. Der Kapitän schaute zu, während ein anderer Sklave das Steuerrad hielt, und unter seinen Augen lagen dunkle Ringe. Als der Mann Dannyls Blick auffing, nickte er. Dannyl erwiderte die Geste. Ein schwaches Lächeln umspielte die Lippen des Kapitäns, dann verschwand es wieder.

Während Dannyl sich auf dem Schiff umschaute, konnte er keine Spuren von irgendwelchen Schäden entdecken. Er hob den Blick und sah, dass der Himmel im Südosten dunkel von Wolken war. Der Sturm, vermutete er, der über sie hinweggezogen war.

Aufgrund der Position der Sonne ging er davon aus, dass es mitten am Nachmittag war. Rechts von ihm war die Küste zu sehen. Ein Land ohne besondere Merkmale, das zur See hin ein flaches, von den Wellen schon sehr mitgenommenes Kliff begrenzte. Nachdenklich schätzte er die Höhe der Klippe ab. Auf der Reise nach Norden war ihm aufgefallen, dass die Klippen stetig höher geworden waren. Wenn er etwas entdeckt hätte, das ihm als Maßstab ihrer Größe hätte dienen können, wäre es ihm möglich gewesen, ihre Entfernung von Arvice grob zu schätzen.

»Sind wir schon da?«

Überrascht drehte Dannyl sich um und sah Tayend durch die Luke aufs Deck treten. Der Elyner wirkte müde und krank, aber nicht so müde wie Achati und nicht so krank, wie er es gewesen wäre, hätte Dannyl seit ihrem Aufbruch aus Duna seine Seekrankheit nicht mit Magie geheilt.

»Ich habe keine Ahnung«, gestand Dannyl.

»Achati schläft.« Tayend trat neben Dannyl und schaute sich um. »Der Sturm ist weitergezogen.«

Seine Beobachtungen schienen keiner Antwort zu bedürfen, daher sagte Dannyl nichts darauf. Sie starrten aufs Meer. In behaglichem, freundschaftlichem Schweigen,  dachte Dannyl, aber er stellte fest, dass er, je länger ihr Schweigen währte, sich Tayends Anwesenheit deutlicher bewusst wurde.

»Wie fühlst du dich?«, fragte er schließlich.

»Gar nicht so schlecht.« Tayend zuckte die Achseln. »Ich werde wahrscheinlich bald etwas von diesem Heilmittel einnehmen.«

»Das brauchst du nicht«, versicherte ihm Dannyl.

»Nein, ist schon gut. Ich könnte ein wenig Schlaf gebrauchen.«

Dannyl nickte. »Also, hat dir die Reise Spaß gemacht?«

Tayend antwortete nicht, und als Dannyl sich umwandte, um ihn anzuschauen, sah er, dass der Elyner nachdenklich die Lippen geschürzt hatte.

»Ja und nein«, erwiderte Tayend. »Ich bin ein wenig enttäuscht, weil ich einen so großen Teil der Zeit unter Drogen gestanden habe. Als wir nach Duna kamen, war es besser, obwohl dieser Ritt den Canyon hinauf ziemlich beängstigend war. Die Stämme waren interessant, aber wir sind nur für einen Tag dort geblieben, und sie haben nur mit dir gesprochen.«

Dannyl seufzte. »Das tut mir leid.«

»Oh, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Es war nicht deine Entscheidung.«

Sie verfielen wieder in Schweigen. Tayend drehte sich im Kreis, betrachtete das Schiff und hielt nach der Küste Ausschau. Er blieb stehen und wandte sich zu Dannyl um.

»Und du?«, fragte er. »Bist du zu irgendeiner Entscheidung gelangt?«

In seiner Frage lag ein anklagender Unterton. Dannyl runzelte die Stirn. Der Blick des Elyners war scharf und ruhig. Obwohl Dannyl wusste, dass Tayend sehr viel klüger war, als man das aus seinem Benehmen häufig schließen konnte, stellte er plötzlich fest, dass sein ehemaliger Geliebter wie ein vollkommen anderer Mensch wirkte. Ein älterer Mensch,  dachte er. Ein reiferer Mensch. 

»Ich weiß  es, Dannyl«, sagte Tayend mit leiser Stimme. »Ihr zwei seid definitiv mehr als … Freunde. Denkst du, ich würde es nicht merken können, nachdem ich so lange mit dir zusammengelebt habe?«

Dannyl wandte den Blick ab, aber nicht um Schuldgefühle zu verbergen, begriff er. Er wollte es vermeiden, Tayend zornig anzufunkeln.

Er widerstand dem Drang, zu dem Kapitän hinaufzuschauen oder zu den Sklaven, um festzustellen, ob irgendjemand etwas gehört hatte. Stattdessen schuf er eine Barriere um sie beide herum, die keinen Laut nach außen dringen ließ.

»Es ist nichts passiert.«

Tayend rümpfte angewidert die Nase. »Nein?«, sagte er. Dannyl hielt seinem Blick stand. Tayends Augen wurden schmal, dann lächelte er dünn. »Ah, gut. Dann habe ich es also geschafft, einen Teil deiner Dummheiten zu verhindern.«

»Du hast  uns also auseinandergehalten?«, entgegnete Dannyl anklagend. »Ich dachte, du würdest vielleicht eifersüchtig sein, aber das ist ja wohl …«

»Mit Eifersucht hat das nicht das Geringste zu tun«, zischte Tayend. »Er ist ein Sachakaner . Ein Ashaki . Ein Schwarz magier.«

»Du denkst, mir wäre das nicht aufgefallen?«, erwiderte er.

»Offenbar nicht«, sagte Tayend mit ernster Miene. »Denn anderenfalls müsste ich drei Möglichkeiten in Erwägung ziehen: Entweder bist du senil geworden, oder du bist blind vor Liebe, oder du bist zum Verräter geworden. Für die ersten beiden Möglichkeiten habe ich keine Beweise, was mich als Botschafter in eine heikle Situation bringt.«

»Ich werde nicht zum Verräter«, entgegnete Dannyl. »Soweit ich weiß, ist es kein Akt des Verrats, einen fremdländischen Geliebten zu haben, denn anderenfalls hätte ich nie das Bett mit dir geteilt.«

Tayend verschränkte die Arme vor der Brust. »Das hier ist etwas anderes. Unsere Länder sind Verbündete. Sachaka ist …«

Als Tayend den Satz nicht beendete, zog Dannyl die Augenbrauen hoch. »Der Feind? Es wird immer unser Feind sein, wenn wir niemals aufhören, es als solchen zu behandeln.«

»Es wird niemals unser Verbündeter sein, solange Sachakaner wie Achati Sklaven halten und schwarze Magie benutzen.« Tayends Augen wurden schmal. »Erzähl mir nicht, dass du deine Position auch in diesen Punkten verändert hast.«

Dannyl schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht.«

»Gut. Denn ich behalte dich im Auge, Botschafter Dannyl. Sobald du dich in einen Sachakaner verwandelst, werde ich es wissen.« Tayend wandte sich ab und ging zurück zur Luke, so dass Dannyl gezwungen war, seinen schallschluckenden Schild rasch zu senken. »Jetzt werde ich ein wenig schlafen.«

Als die Luke sich schloss, wandte Dannyl sich ab, um wieder aufs Meer hinauszublicken.

Mich in einen Sachakaner verwandeln. Wie lächerlich. 

Aber wie es ihm so oft mit Tayend geschah, spürte er, dass ein kleiner Same des Zweifels Wurzeln schlug. Was, wenn er es wirklich tat? War Achati der Grund? Oder lag es einfach daran, dass er sich allzu sehr an die sachakanischen Sitten und Gepflogenheiten gewöhnte?

Wenn das so ist, dann besteht kein Grund zur Sorge. Sobald wir wieder im Gildehaus sind, wird Normalität einkehren. 

29

Die Entscheidung

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Die meisten Novizen bekommen diesen Raum niemals zu sehen,  dachte Lilia, während sie Schwarzmagierin Sonea in Administrator Osens Büro folgte. Ich habe ihn öfter gesehen, als ich es jemals wollte. 

Der Administrator saß hinter seinem Schreibtisch, und Schwarzmagier Kallen hatte auf einem der Stühle für Gäste Platz genommen, aber als sie und Sonea eintraten, standen beide Männer auf. Ein dritter Magier, verborgen hinter der Rückenlehne des Stuhls, auf dem er saß, erhob sich. Zu ihrer Überraschung war es Universitätsdirektor Jerrik.

»Lilia«, sagte Osen, als er um seinen Schreibtisch herumging und auf sie zukam. »Wie fühlt Ihr Euch?«

Sie blinzelte ihn an, ein wenig überrascht angesichts einer solch höflichen Frage.

»Mir geht es gut, Administrator Osen«, erwiderte sie. Ich bin es müde, darauf zu warten zu erfahren, ob ich wieder eingesperrt werde,  fügte sie im Stillen hinzu.

»Das freut mich«, sagte er. »Wie Ihr wisst, haben wir darüber gesprochen, was mit Euch geschehen soll. Ich bin glücklich, Euch berichten zu können, dass wir zu einer Entscheidung gelangt sind und dass der König sie gebilligt hat.« Er lächelte. »Ihr dürft in die Gilde zurückkehren und Eure Ausbildung vollenden.«

Sie sah ihn ungläubig an, dann sprang ein Lächeln auf ihre Lippen. »Danke.«

Seine Miene wurde ernst. »Das Angebot ist jedoch mit einigen Bedingungen verbunden. Ihr werdet das Gelübde der Novizen noch einmal ablegen müssen.«

Lilia nickte zum Zeichen, dass sie dazu bereit war.

»Es wird Euch nicht gestattet sein, das Gelände der Gilde zu verlassen, es sei denn, Ihr hättet die Erlaubnis von mir persönlich, dem Hohen Lord Balkan, Schwarzmagier Kallen oder Schwarzmagierin Sonea«, fuhr Osen fort. »Es wird Euch nicht gestattet sein, schwarze Magie zu benutzen, es sei denn, der König würde irgendwann in Zukunft zustimmen, dass Ihr die Position einer Schwarzmagierin einnehmt. Um Euch als eine Person zu identifizieren, die sich auf schwarze Magie versteht, werdet Ihr ein schwarzes Band an den Ärmeln Eurer Roben tragen.«

Lilia nickte abermals und hoffte, dass man ihr ihre Enttäuschung nicht anmerkte. Seit sie mit Anyi gesprochen und von der Gefahr gehört hatte, die ihr und ihrem Vater von Skellin drohte, hatte Lilia gehofft, eine Möglichkeit finden zu können, ihr zu helfen. Wenn sie das Gelände der Gilde nicht verlassen durfte, wie konnte sie das dann tun?

»Wegen Eurer Kenntnisse der schwarzen Magie werdet Ihr nicht an Lektionen teilnehmen können, die eine Verbindung von Geistern verlangen. In diesen Situationen wird Schwarzmagier Kallen oder Schwarzmagierin Sonea Euch die Lektion erteilen.«

Sie versuchte, bei dem Gedanken an weitere geistige Verbindungen zu diesen beiden Magiern nicht zusammenzu-zucken. Aber eine Gedankenlesung ist etwas ganz anderes als die von Geist zu Geist erteilten Lektionen, die ich in der Vergangenheit hatte. Trotzdem … ich hoffe, Sonea ist diejenige, die mich unterrichtet. Kallen ist so streng und missbilligend. 

»Kallen hat sich erboten, Euer Mentor zu werden. Wir denken, dass ein Mentor in Eurem Fall den Leuten klarmachen wird, dass wir Euch fest in der Hand haben.« Osens Tonfall klang beinahe unbeschwert, als er das sagte. »Da wir Proteste von den Eltern erwarten, wenn Ihr in den Novizenquartieren bleibt, werdet Ihr weiterhin in Schwarzmagierin Soneas Räumen wohnen.«

Lilia unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. Einen Moment lang hatte sie befürchtet, sie würde vielleicht bei Kallen wohnen müssen, aber jetzt, da sie darüber nachdachte, wusste sie, dass es als unpassend für eine junge Frau erachtet werden würde, im Quartier eines ledigen Mannes zu leben, ganz gleich wie groß der Altersunterschied zwischen ihnen sein mochte.

»Akzeptiert Ihr diese Bedingungen?«, fragte Osen.

»Ja«, erwiderte sie und nickte abermals.

»Dann schwört es.«

Sie hielt inne, als sie begriff, dass er von ihr erwartete, dass sie sich an das Gelübde der Novizen erinnerte. Zu ihrer Überraschung fielen ihr die Worte mühelos wieder ein.

»Ich schwöre, dass ich niemals einem anderen Mann oder einer anderen Frau Schaden zufügen werde, es sei denn, zur Verteidigung der Verbündeten Länder«, sagte sie. »Ich werde die Regeln der Gilde befolgen. Ich werde den Befehlen jedes Magiers der Gilde gehorchen, es sei denn, ich müsste zu diesem Zweck ein Gesetz brechen. Ich werde niemals Magie benutzen, es sei denn, ein Gildemagier fordert mich dazu auf.«

Osen lächelte anerkennend. Dann wandte er sich an Direktor Jerrik und nickte ihm zu. Der Mann ging zu dem Stuhl zurück, auf dem er gesessen hatte, und hob etwas auf. Als er zurückkam, hielt er es Lilia hin.

Es war ein Bündel Novizenroben. Dankbarkeit überspülte sie wie eine warme Welle. Zu ihrer Verlegenheit spürte sie in den Augenwinkeln das Brennen von Tränen.

»Danke«, krächzte sie.

Osen legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter. »Willkommen zurück.«

Die anderen Magier murmelten dieselben Worte. Lilia war so überwältigt, dass sie nicht sprechen konnte. Sie spürte Soneas Hand auf ihrem Arm.

»Ich denke, das war es.« Sie sah die anderen an, die nickten. »Lasst uns in Euer Zimmer zurückkehren, damit Ihr Euch umziehen könnt.«

In stummer Dankbarkeit ließ Lilia sich von der Frau aus dem Raum führen und zurück in ein Leben als Gildemagierin. Obwohl meine Kenntnisse der schwarzen Magie bedeuten, dass ich immer unter größeren Auflagen stehen werde als die meisten anderen Magier,  dachte sie. Das ist erheblich besser, als eingesperrt zu sein. Oder tot. 

Und vielleicht konnte sie irgendwie trotzdem eine Möglichkeit finden, Anyi zu helfen.

Als die Kutsche vor dem Nebeneingang des Hospitals anhielt, schob Sonea ein nagendes Widerstreben beiseite und stieg aus. Sie lächelte und nickte den Heilern und den Helfern zu, die sie begrüßten, beantwortete Fragen und erkundigte sich, was sie seit ihrem letzten Besuch dort verpasst habe.

Ihre Freundlichkeit machte sie glücklich, und sie war einmal mehr dankbar dafür, dass man ihr nicht die Aufgabe gegeben hatte, Naki hinzurichten. Sie ging zur Tür des Behandlungszimmer, nahm all ihre Entschlossenheit zusammen und klopfte an.

Die Tür schwang nach innen auf. Dorrien winkte sie lächelnd herein. Sie ging durch den Raum und setzte sich.

»Warum der ernste Blick?«, fragte er.

Sie holte Luft, um zu antworten, dann geriet ihr Mut ins Wanken. Wir sollten ein wenig plaudern, bevor ich ihm die schlechten Neuigkeiten überbringe. 

»Ich habe mich gefragt, wie die Leute reagieren würden, hätte man mich zu Nakis Henker bestimmt«, sagte sie.

Er bedachte sie mit einem nachdenklichen Blick. »Ernste Gedanken, in der Tat.« Während er überlegte, schaute er sie nicht an. »Ich glaube nicht, dass sie es dir übelgenommen hätten.«

»Aber sie hätten zwangsläufig daran gedacht, wenn ich in der Nähe gewesen wäre. Sie hätten mich noch mehr gefürchtet.«

»Dich gefürchtet ? Sie fürchten dich nicht«, sagte er.

Sie sah ihn ungläubig an. Er erwiderte ihren Blick, dann schüttelte er den Kopf.

»Du schüchterst sie ein, Sonea. Das ist etwas anderes. Sie haben Angst vor schwarzer Magie, aber sie haben nicht Angst vor dir. Du hast ihnen bewiesen, dass schwarze Magie einen Menschen nicht zum Mörder macht.«

»Ich habe sie benutzt, um zu töten«, bemerkte sie.

Er breitete die Arme aus. »Das ist etwas anderes. Du hast es zur Verteidigung Kyralias getan. Sie würden an deiner Stelle das Gleiche tun.«

Sie sah ihn nicht an. »Ich habe auch magische Heilkunst benutzt, um zu töten. Das kommt mir noch viel schlimmer vor.« Sie blickte sich im Raum um. »Ich bin eine Heilerin. Ich soll Menschen gesund machen, nicht töten. Wenn ich Naki hätte hinrichten müssen, denke ich, wäre es den Menschen schwergefallen, diese beiden Dinge miteinander in Einklang zu bringen.«

Dorriens Kiefermuskeln verspannten sich. »Sie hat mit Absicht schwarze Magie gelernt und zu ihrem eigenen Nutzen damit getötet.«

Sonea zuckte die Achseln. »Trotzdem, ich glaube, es hätte die Art, wie die Menschen mich sehen, verändert. Ich habe nie eine Chance gehabt, eine Disziplin zu wählen. Ich hätte mich dafür entschieden, Heilerin zu werden. Ich arbeite als Heilerin, aber ich darf niemals die grünen Roben tragen. Ich bin eine Schwarzmagierin. Obwohl ich nicht zögern würde, Kyralia abermals zu verteidigen, habe ich diese Rolle nicht gewählt.«

Er lächelte schief. »Ich ziehe es vor zu denken, dass die Heilkunst mich erwählt hat.«

Sie nickte. »Und mich ebenfalls, obwohl du da auch ein starker Einfluss warst.«

Sie musterten einander voller Zuneigung. Vielleicht mit zu viel Zuneigung in Dorriens Fall.  Sie nahm ihren Mut und ihre Entschlossenheit zusammen. Es wird Zeit, dem hier ein Ende zu machen. 

»Dorrien, ich habe viel über … uns … nachgedacht.«

»Es gibt kein ›uns‹, oder?«, fragte er.

Sie sah ihn überrascht an. Er lächelte hohl.

»Vater ist zu mir gekommen. Er hat mir die guten Neuigkeiten überbracht. Tylia wird sich den Novizen anschließen, die im Winter der Gilde beitreten. Kallen wird wahrscheinlich die Suche nach Skellin übernehmen. ›Warum kehrst du nicht in dein Dorf zurück?‹, hat er vorgeschlagen.«

Sonea starrte ihn an. »Kallen  wird die Suche nach Skellin  übernehmen?«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Das hast du nicht gewusst? Vater hat nicht gesagt, dass es mit Gewissheit feststeht.«

»Nein.« Sie widerstand dem Drang, von ihrem Stuhl aufzuspringen und direkt in Osens Büro zurückzumarschieren. Es sei denn … Rothen könnte das erfunden haben, damit Dorrien keinen weiteren Vorwand mehr hat, in Imardin zu bleiben. Aber das schien etwas weit zu gehen. Vielleicht … Ich habe ihm nie von Dorriens Vernarrtheit in mich erzählt, aber hat er es möglicherweise erraten?  Sie sah Dorrien wieder an.

Erneut lächelte er schwach. »Er mag alt sein, aber es ist immer noch sehr schwierig, Geheimnisse vor ihm zu verbergen.«

Sie bewegte sich auf ihrem Stuhl und schob ihre Verärgerung beiseite. »Ich habe ihn nur gebeten festzustellen, ob Tylia nicht schon im Winter beitreten könnte.«

»Warum?«

Sie zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. »Damit du frei wärst, nach Hause zurückzukehren, falls die Zusammenarbeit mit mir für dich unerträglich werden sollte, nachdem ich dir gesagt habe, dass … nun … dass es kein ›uns‹ geben wird.«

Er zuckte zusammen. Sie konnte erkennen, dass er versuchte, diese Regung zu unterdrücken, doch ohne Erfolg. »Warum kann es das nicht geben?«

»Weil du verheiratet bist. Weil mir zwar die Idee an ein ›uns‹ gefällt, sie mir aber nicht so gut gefällt, dass ich Alina und deinen Töchtern wehtun würde. Und weil ich die Achtung vor dir verlieren würde, wenn du ihnen wehtun würdest. Und die Achtung vor mir selbst.«

Er senkte den Blick. »Ich verstehe. Vater sagte auch etwas in der Art. Er hat außerdem darauf hingewiesen, dass meine Beziehung zu Alina sich erst so verschlechtert hat, nachdem wir nach Imardin gekommen sind.« Er seufzte. »Ich war bereit, es mit dem Leben in der Stadt zu versuchen. Sie nicht.« Er brachte ein schuldbewusstes Lächeln zustande. »Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass mir durchaus etwas an ihr liegt?«

Ein Stich der Zuneigung zu ihm durchzuckte sie. »Das würde ich.«

Er nickte. »Ich muss es versuchen. Das ist nur gerecht. Wir waren schon früher unterschiedlicher Meinung, aber wir haben es immer überwunden.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist ein Jammer, dass sie so eifersüchtig auf dich war. Sie ist für gewöhnlich so nett zu den Menschen.«

Sonea zuckte die Achseln. »Ich kann ihr keinen Vorwurf daraus machen. Auch wenn sie nicht so scharfsichtig ist wie Rothen, müsste sie immer noch all diese schwarze Magie und meinen Ruf als Mörderin übersehen können.«

Dorrien drohte ihr spielerisch mit dem Finger. »Lass das. Vergiss nicht, du bist das, was zu sein du dich entschieden hast. Deine Roben mögen schwarz sein, aber du hast das Herz einer Heilerin.«

Sonea senkte den Blick und zuckte erneut die Achseln. »Nun, zumindest lassen sie mich größer erscheinen.«

Er lachte leise, dann stand er auf. »Ich sollte wohl besser nach Hause fahren und anfangen, Pläne für unsere Rückkehr ins Dorf zu machen.«

Sonea erhob sich, und sie tauschten die Plätze. »Wann werdet ihr aufbrechen?«

»Einige Wochen nachdem Tylia der Universität beigetreten ist.«

»Denkst du, sie wird sich gut einleben?«

Er nickte. »Sie hat bereits einige Freunde gefunden, sowohl unter den zukünftigen Novizen, die zur gleichen Zeit anfangen werden wie sie, als auch unter denen, die im Sommer an der Universität begonnen haben. Rothen wird ein Auge auf sie halten.«

»Und wir wissen beide, dass er seine Sache ganz hervorragend machen wird.«

Er lächelte. »Das wird er. Gute Nacht, Sonea.«

»Gute Nacht, Dorrien.«

Als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, betrachtete Sonea noch eine Weile den verwaisten Stuhl, auf dem er gesessen hatte. Es war nicht so schmerzhaft gewesen, wie sie befürchtet hatte. Für einen Moment durchzuckte sie ein Stich des Bedauerns. Wenn Dorrien nicht verheiratet gewesen wäre … 

Sie schob diesen Gedanken weit von sich, ging zur Tür und öffnete sie; dann winkte sie einem Heiler zu, zum Zeichen, dass sie bereit war, Patienten zu empfangen.

Lorkin schlüpfte in seine Roben, strich den feinen, in einem kräftigen Purpurton gefärbten Stoff glatt und seufzte sowohl vor Dankbarkeit als auch vor Wehmut. Es war seltsam tröstlich, wieder in Roben gekleidet zu sein. Nachdem er in sein neues Zimmer zurückgekehrt war, um ein wenig Schlaf nachzuholen, hatte er sogar, wenn auch nur kurz, erwogen, in ihnen zu schlafen.

Die Jägerkleider hatten so viel mehr gejuckt, und doch fühlte sich die Masse an Tuch unmäßig luxuriös und schwer an nach den schlichten, praktischen Gewändern der Verräterinnen. Er konnte jedoch nicht umhin, die volle, dunkle Farbe auszukosten. Obwohl die Farben, die im Sanktuarium hergestellt wurden, sanfte Töne ergaben und er gelernt hatte, die ästhetische Schönheit in ungefärbtem Stoff zu erkennen, hatte das Purpur der Alchemisten etwas zutiefst Befriedigendes.

Und doch, ich sollte sie nicht tragen. Ich sollte überhaupt keine Roben tragen.  Nicht nur weil er durch sein Versprechen gebunden war, in das Sanktuarium und zu Tyvara zurückzukehren, sondern weil er eins der höchsten Gesetze der Gilde gebrochen hatte. Ich habe schwarze Magie erlernt. Selbst wenn sie es über sich bringen könnten, mir das zu verzeihen, würden sie jetzt wahrscheinlich darauf bestehen, dass ich schwarze Roben trage. 

Wie und wann er es ihnen erzählen würde, hatte er noch nicht entschieden.

Lorkin ging in den zentralen Raum der Wohnung hinüber; Merria, die darin auf und ab gegangen war, blieb stehen, als sie ihn bemerkte.

»Ah, Lorkin. Ihr seid wach. Gut.« Sie eilte auf ihn zu. »Da ist etwas, das mir erst eingefallen ist, als Ihr schon geschlafen habt. Dies hier.«

Sie hielt ihm einen Ring hin. Ein Blutstein glitzerte in der Fassung. Lorkins Herz machte einen Satz, und er streckte die Hand danach aus.

»Der Blutring meiner Mutter?«

»Ja. Da Botschafter Dannyl Administrator Osens Ring mitgenommen hat, hat er diesen hier zurückgelassen, damit ich mich mit der Gilde in Verbindung setzen kann.« Sie musterte ihn eindringlich. »Ihr werdet ihr erzählen wollen, dass Ihr wieder da seid, aber ich sollte den Ring wahrscheinlich trotzdem behalten. Ist das in Ordnung?«

Er lächelte. »Natürlich. Ich werde sowieso nirgendwo hingehen, bis Dannyl zurück ist.«

Sie wirkte erleichtert. »Das ist gut zu wissen.« Sie sah zuerst den Ring an, dann ihn, und schließlich lächelte sie. »Ich werde Euch jetzt allein lassen.« Sie verließ den Raum.

Lorkin setzte sich, starrte auf den Ring und sammelte seine Gedanken. Dann streifte er ihn über.

– Mutter? 

– Lorkin? Lorkin! Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut? 

– Ja. Alles ist bestens. Kannst du frei reden? 

– Natürlich! Warte … ich habe einen Patienten. Ich werde nur … 

Eine lange Pause folgte.

– Jetzt bin ich allein. Wo bist du? Kannst du es mir erzählen? 

– Ich bin im Gildehaus in Arvice. 

– Nicht mehr bei den Verräterinnen? 

– Nein. Königin Zarala hat mich hierhergeschickt. Sie hat mich mit einer Art Mission betraut. 

– Königin Zarala? 

– Von den Verräterinnen. 

– Du arbeitest jetzt für sie? 

– Ja. Aber sie weiß, dass ich niemals irgendeiner Aufgabe zugestimmt hätte, die eine Gefahr für die Verbündeten Länder bedeutet hätte. 

– Wie rücksichtsvoll von ihr. 

Er nahm einen Anflug von Missbilligung und Groll im Tonfall seiner Mutter wahr. Er lächelte. Alles andere hätte ihn auch überrascht.

– Wie geht es dir?,  fragte er.

– Gut. Während der letzten Tage konnte die Gilde einige Probleme lösen. Ich fürchte, wir haben eine weitere Schwarzmagierin. Zwei Novizinnen ist es gelungen, aus einem Buch schwarze Magie zu erlernen. Eine hat es mit Absicht gelernt und damit getötet und die andere dazu überlistet, es zu lernen, damit man dieses zweite Mädchen für einen der Morde verantwortlich machte. Die erste Novizin wurde gefangen und hingerichtet. Die andere … sie hat sich als so ehrenhaft erwiesen, dass die Gilde und die Universität sie wieder aufgenommen haben, wenn auch unter einigen Vorbehalten. 

Bei dieser Mitteilung regte sich eine schwache Hoffnung in Lorkin. Wenn die Gilde einer Novizin das Erlernen von schwarzer Magie verziehen hatte, weil sie sich als ehrenhaft erwiesen hatte, würden sie dann auch ihm verzeihen, dass er es gelernt hatte, um ihnen die Magie zu bringen, mit der sie magische Edelsteine herstellen konnten?

Sie werden ohnehin flexibler werden müssen, was schwarze Magie betrifft, wenn sie die Magie zur Fertigung von Steinen annehmen wollen,  rief er sich ins Gedächtnis. Und wenn sie nicht flexibler werden, werde ich ohnehin ins Sanktuarium zurückkehren. 

– Hört sich so an, als hättest du aufregende Zeiten hinter dir,  sagte er.

– Das meiste weißt du gar nicht. Wir haben außerdem fremdländische wilde Magier in der Stadt, die den größten Teil der Unterwelt beherrschen. Aber diese Geschichte werde ich aufsparen, bis du wieder hier bist. 

– Ich freue mich darauf, sie zu hören. 

– Also, was ist das für eine Mission, mit der die Königin der Verräterinnen dich betraut hat? 

– Ich soll ein Bündnis zwischen den Verräterinnen und den Verbündeten Ländern aushandeln. 

Sonea schwieg mehrere Herzschläge lang.

– Ich nehme an, das betrifft nicht den Rest von Sachaka.

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– Nein. 

– Was wohl bedeutet, dass aufregende Zeiten vor uns liegen. 

– Ja. 

– Willst du, dass ich Osen und Balkan diese Neuigkeit übermittle? 

– Ja. Die Königin hat mich hierhergeschickt, weil die Route zum Pass um diese Jahreszeit nicht sicher ist. Ich vermute, wenn ich versuchen sollte, Arvice zu verlassen, werden die Sachakaner mich aufhalten. Ich sitze hier fest, bis Dannyl zurückkehrt und mir offiziell eine Heimkehr nach Kyralia befiehlt. 

– Ich werde mich sofort darum kümmern. Also, was ist der Anlass zu dieser Bereitschaft, ein Bündnis anzustreben? Ich hatte den Eindruck, dass die Verräterinnen zu heimlichtuerisch sind, um eine Verbindung mit der Außenwelt zu wollen. 

– Ja und nein. Es hat etwas mit Vater zu tun. 

– Ah. Dannyl hat mir ausgerichtet, was du ihm erzählt hast: dass Akkarin ihnen als Gegenleistung für die schwarze Magie etwas versprochen, es ihnen dann aber nicht gegeben hat. 

– Er hat versprochen, sie die magische Heilkunst zu lehren, aber er ist in die Gilde zurückgekehrt, weil er alle vor den Ichani warnen wollte. Zarala hat mir einen Blutring gegeben, der ihm gehört hat … 

– Oh! Er sagte, er habe drei Blutringe gemacht, aber er hat nie erwähnt, wo der dritte war. 

– Sie hat ihn benutzt, um mit ihm Verbindung zu halten. Sie sagte, dass irgendetwas ihn stets daran gehindert habe zurückzukehren, und nach dem Tod ihrer Tochter habe sie aufgehört, den Ring zu benutzen. Eine Krankheit hatte die Verräterinnen befallen und viele von ihnen getötet, und man hat Vater die Schuld daran gegeben, weil sie glaubten, man hätte sie mit Magie heilen und retten können. Das war jedoch nicht alles, worum es bei ihrem Handel ging. Zarala hat Vater versprochen, dass sie noch etwas anderes tun würde, und sie ist gescheitert. Sie hat mir nicht erzählt, was es war, aber es war so geheim, dass sie es nicht einmal ihren Leuten sagen konnte. Sie meinte, dass sie mich jetzt ausschickt, ein Bündnis auszuhandeln, habe etwas mit dem Versuch zu tun, das zu erreichen, was sie versprochen hatte. 

Lorkin wartete ab, während seine Mutter all das in sich aufnahm.

– Ich würde diese Frau wirklich gern kennenlernen,  sagte sie schließlich. Was nicht das war, womit er gerechnet hatte. Er hatte damit gerechnet, dass sie etwas in der Art sagen würde, dass sein Vater vor ihnen allen Geheimnisse gehabt hatte …

– Hoffentlich kann ich das arrangieren. Sie ist jedoch sehr alt. Ich weiß nicht, ob sie in der Lage sein wird, es zu einem Treffen zu schaffen. 

– Alt, sagst du? Also muss sie erheblich älter gewesen sein als Akkarin, als die beiden sich begegnet sind. Kennst du irgendwelche Einzelheiten, was die vorgeschlagenen Bedingungen des Bündnisses betrifft? 

– Nein. Das Spionagenetzwerk unter den Sklaven ist bereit, Anweisungen weiterzugeben. Wir lassen sie wissen, ob und wann die Gilde so weit ist, sich mit den Verräterinnen zu treffen, und die Verräterinnen werden einen sicheren Ort auswählen. Aber eines kann ich dir sagen: Ich habe während meiner Zeit dort gelernt, Edelsteine mit magischen Eigenschaften zu fertigen. 

– Dannyl hat vor kurzem von diesen Edelsteinen erfahren, als er in Duna war. Er sagte, die Verräterinnen hätten den Duna das Wissen gestohlen. Es wird ihn sehr interessieren, dass sie es dir gegeben haben. Nun, die ganze Gilde wird sich dafür interessieren. 

– Du hast von ihm gehört? 

– Er hat sich vor einigen Tagen mit Osen in Verbindung gesetzt. 

– Er war noch in Duna? 

– Ja. 

Lorkin murmelte einen Fluch. Dannyl würde viele Tage brauchen, um nach Arvice zurückzukehren.

– Könntest du Osen bitten, Dannyl wissen zu lassen, dass ich hier bin? Und dass er sich beeilen und zurückkommen soll. 

– Natürlich. Bieten die Verräterinnen uns für ein Bündnis noch andere Dinge an? 

– Nun … die Herstellung von Steinen ist nutzlos, wenn man keinen Vorrat an Edelsteinen hat, und vielleicht beinhaltet sie ein Risiko, das die Gilde nicht einzugehen bereit sein wird. Ich glaube, die Verräterinnen würden es in Erwägung ziehen, Steine gegen irgendetwas einzutauschen. Sie verfügen jetzt über grundlegende Kenntnisse der magischen Heilkunst, aber sie könnten von der Hilfe guter Lehrer profitieren. Sie werden uns vielleicht außerdem Hilfe anbieten, falls Sachaka die Verbündeten Länder jemals wieder angreifen sollte. 

– Oh, die Gilde wird begeistert davon sein! Gibt es sonst noch irgendetwas? Ich sollte es ihnen sofort mitteilen. 

– Ich glaube nicht. Wenn mir etwas einfällt, werde ich den Ring überstreifen. Und ich werde mich alle paar Stunden bei dir melden, falls die Gilde irgendwelche Fragen hat oder du mit mir sprechen musst. 

– Das ist eine gute Idee. Und, Lorkin? 

– Ja? 

– Ich bin so glücklich, dass du zurück bist. Und ich liebe dich, und ich bin sehr stolz auf dich. 

– Noch bin ich nicht zurück, Mutter. Aber … danke. Ich liebe dich auch. 

Er nahm den Ring ab und schob ihn in die Tasche. Ihm wurde bewusst, dass er lächelte, obwohl niemand da war, der es sah. Aufregende Zeiten,  dachte er. Glücklicherweise habe ich diesen Ring und kann über Mutter Verhandlungen führen, sonst könnte ich, während ich auf Dannyls Rückkehr warte, nichts anderes tun, als zu essen, zu schlafen und mit Merria zu reden. 

Nach dem unablässigen Geplapper zu schließen, dass Dannyls neue Assistentin an diesem Morgen von sich gegeben hatte, vermutete er, dass die Heilerin, die mit nur wenig Arbeit und ohne Gesellschaft im Gildehaus festsaß, sich seit Dannyls Fortgang sehr gelangweilt hatte und einsam gewesen war. Obwohl sie zumindest einige Freundinnen unter den Sachakanerinnen gefunden hatte, hatte sie das Gildehaus in Dannyls Abwesenheit nicht verlassen können.

Er musste jedoch zugeben, dass er darauf brannte, nach all dieser Zeit mit einem anderen Gildemagier zu sprechen. Es würde guttun, genauere Berichte über die Ereignisse in Imardin zu erhalten. Und herauszufinden, welche Fortschritte Dannyls Forschungen gemacht hatten, seit Lorkin fortgegangen war – insbesondere in Bezug auf den Lagerstein.

30

Die Wahl

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Lilia saß zusammengesunken auf dem Stuhl, betrachtete den Stapel Bücher und Papiere auf dem Schreibtisch und seufzte.

Sie hatte sich am Morgen mit Universitätsdirektor Jerrik getroffen, vor ihrer ersten Unterrichtsstunde, seit sie schwarze Magie erlernt hatte. Er hatte ihr erklärt, dass er ihre Lehrer befragt und eine Sammlung von Übungen, praktischen Aufgaben und Aufsätzen zusammengetragen habe, die ihr helfen würden, Versäumtes nachzuholen und den Anschluss an ihre Mitschüler zu finden. Da sie die Winterprüfungen versäumt hatte, würde sie auch dafür lernen müssen. Wenn man bedachte, dass sie der Universität nur ein oder zwei Monate ferngeblieben war, schien das eine Menge Arbeit zu sein, und sie musste diese Dinge neben der Arbeit für ihre täglichen Kurse erledigen. In den nächsten Wochen würde sie sehr viel zu tun haben.

Zumindest konnte sie die zusätzlichen Arbeitsstunden in ihrem Zimmer verbringen, das an Soneas Gästezimmer angrenzte. Dort war es still, und die Mätzchen der anderen Novizen würden sie nicht ablenken. Nach dem heutigen Unterricht hatte sie den Verdacht, dass sie dafür noch doppelt dankbar sein würde. Die anderen Novizen hatten sie ignoriert, wenn sie ihr nicht gerade düstere, argwöhnische Blicke zugeworfen hatten. Ihre alten Freunde hatten klargemacht, dass sie nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten. Würden sie irgendwann vergessen, was sie getan hatte, oder würden sie ihr weiterhin ihre Missbilligung und Furcht zeigen, vielleicht auf andere, bösartigere Weise?

Ein gedämpfter Aufprall aus dem Gästezimmer ließ sie zusammenzucken. Mit rasendem Herzen stand sie auf und ging zur Tür. Dann legte sie das Ohr dagegen und lauschte eingehend.

Und zuckte zusammen, als jemand laut an die Tür klopfte.

»Lilia? Bist du da?«

Beim Klang der vertrauten Stimme wurde Lilia leichter ums Herz. Sie öffnete die Tür.

»Anyi!«

Das hochgewachsene Mädchen blickte grinsend auf sie herab, dann trat es ein, drehte sich im Kreis und streckte die Arme aus. Lilia lächelte, als sie den langen Mantel aus schwarzer Tierhaut erkannte, den sie Anyi als Dankeschön geschickt hatte. Zu ihrer Erleichterung passte er perfekt. Tatsächlich wirkte Anyi darin noch atemberaubender.

»Ich liebe diesen Mantel«, sagte Anyi.

»Er steht dir«, erwiderte Lilia.

»Ich weiß«, pflichtete Anyi ihr bei und strich über die Ärmel. Lilia lachte über die freudige Eitelkeit der jungen Frau. »Cery sagt, ich soll dir für die Messer danken.«

»Sonea hat mir geholfen, sie auszusuchen.«

Anyi kicherte. »Ja, sie weiß genau,  was seinem Geschmack entspricht.« Dann sah sie Lilia gedankenvoll an. »Du weißt doch, dass Sonea und Cery als Kinder befreundet waren, oder?«

Lilia schüttelte den Kopf. »Nein. Ich wusste, dass sie aus den alten Hüttenvierteln stammt und während der Invasion mit den Dieben zusammengearbeitet hat.«

»Ja, Cery war ihre wichtigste Kontaktperson unter den Dieben. Akkarin hat ihn rekrutiert, um ihm bei der Jagd auf sachakanische Spione zu helfen.«

»Also sind sie über all die Jahre hinweg in Verbindung geblieben?«

Anyi zuckte die Achseln. »Ich schätze, so ist es. Als Cery mir erzählte, wie ich hierherkomme, habe ich ihn gefragt, warum er sich all diese Mühe gemacht habe. Er sagte, dass Sonea bis vor kurzem das Gelände der Gilde nicht verlassen durfte – so wie du jetzt. Die einzigen anderen Orte, die sie aufsuchen durfte, waren die Hospitäler.«

»Was meinst du mit ›all diese Mühe‹?«

Anyi streifte den Mantel ab. »Man muss ein wenig klettern, und anscheinend neigen die Tunnel heutzutage dazu einzustürzen. Er würde etwas dagegen unternehmen, wenn er sich nicht vor Skellin verstecken müsste.« Sie warf den Mantel über die Rückenlehne eines Stuhls, dann zögerte sie und schaute genauer hin. »Verflucht. Die Rückseite ist auf dem Weg nach oben ein wenig zerkratzt worden.«

Lilia setzte sich auf einen der Sessel im Gästezimmer, und Anyi ließ sich auf den daneben fallen. »Sonea hat mir erzählt, sie gehe immer ins Schlafzimmer, wenn Cery aufbricht, damit sie nicht sieht, auf welchem Wege er hereinkommt. Ich nehme an, ich sollte das Gleiche tun, wenn du gehst.«

Anyi nickte. »Er hat mir geraten, so vorzugehen.«

»Klingt so, als hättest du die Absicht, mich regelmäßig zu besuchen.«

»So ist es.« Anyi lächelte. »Wenn du das möchtest.«

Lilia nickte. »Sehr gern sogar. Die Freunde, die ich hier hatte, habe ich verloren. Die anderen in meiner Klasse wollen nicht mit mir reden. Naki ist … fort. Ich denke nicht, dass irgendjemand anders mein Freund sein will …« Sie hob die Arme, um die schwarzen Bänder vorzuzeigen, die auf die Ärmel genäht waren. »Jetzt, da ich schwarze Magie beherrsche. Selbst wenn sie es wollten, würden ihre Eltern es ihnen verbieten. Und wenn sie es trotz allem wollten, müsste ich mir Sorgen machen, welches ihre wahren Absichten sind.«

Anyi sah Lilia mitfühlend an. »Das dürfte hart werden.«

»Es wird auch nicht aufhören, wenn ich meinen Abschluss habe.«

»Zumindest ist Sonea bereit, dir zu vertrauen.« Anyi blickte sich im Raum um. »Sie hat Freunde, hier und außerhalb der Gilde. Selbst wenn andere darin kein gutes Zeichen sehen, solltest du es tun. Du solltest außerdem wissen …« Anyi beugte sich über die Armlehne ihres Sessels und streckte die Hand aus, um Lilias Wange zu berühren.

Überrascht sah Lilia Anyi in die Augen. Die Miene der Frau war nachdenklich und eindringlich. Anyi ließ sich von ihrem Sessel gleiten und kniete sich mit einer anmutigen Bewegung neben Lilia. Sie nahm die Hand dabei nicht von Lilias Wange und löste den Blick nicht von Lilias Gesicht.

»Du solltest auch dies wissen«, sagte sie.

Sie beugte sich vor und küsste Lilia. Es war ein langsamer, gründlicher Kuss. Es war definitiv nicht der Kuss bloßer Freundschaft, und Lilia konnte nicht anders, als entsprechend darauf zu reagieren. Es bestätigte alles, was sie in Bezug auf Anyi geahnt und in Bezug auf sich selbst vermutet hatte. Es war nicht nur Naki,  ging es ihr durch den Kopf. Ich bin es – und Anyi ist es. Und es könnten ich  und Anyi sein. 

Anyi zog sich ein wenig zurück, dann lächelte sie und ließ sich wieder in ihren Sessel sinken. Sie wirkte, überlegte Lilia, ziemlich selbstgefällig.

»Ich weiß, es ist noch zu früh nach Naki«, sagte sie. »Aber ich fand, du solltest es wissen. Für den Fall, dass du Interesse hast.«

Lilia legte eine Hand auf ihr Herz. Es schlug sehr schnell. Sie fühlte sich beschwingt und verwegen. Sie lachte leise in sich hinein, dann sah sie Anyi an.

»Ich habe definitiv Interesse – und es ist nicht zu früh nach Naki.«

Anyis Lächeln wurde breiter, aber dann wandte sie den Blick ab und runzelte die Stirn. »Trotzdem, ich fände es grässlich, wenn Sonea uns erwischen würde …«

»Sie ist bei einer Versammlung und geht anschließend direkt ins Hospital. Nachtschicht. Wird vor morgen früh nicht zurück sein.«

»… oder ihre Diener«, fügte Anyi hinzu. Sie klopfte mit den Fingern auf die Kante des Sessels, dann hielt sie inne und lächelte. »Verrate mir, wie viel weißt du über die Tunnel unter der Gilde?«

»Ich weiß von ihrer Existenz, aber ich habe sie nie gesehen. Niemand darf dort unten sein.«

»Nun, sofern es dir nicht wirklich ernst damit ist, keine Regeln mehr brechen zu wollen, könnte ich dich ein wenig herumführen.«

Lilia betrachtete die Kratzer auf der Rückseite von Anyis Mantel, dann sah sie ihre Freundin an.

»Ich … ich werde darüber nachdenken.«

Sonea setzte sich mit stummer Befriedigung auf den Stuhl, den Osen ihr angeboten hatte. Der Administrator hatte dafür gesorgt, dass weitere Stühle in sein Büro gebracht wurden, und die Diener hatten sie im Kreis vor seinem Schreibtisch aufgestellt. Osen hatte darauf bestanden, dass Kallen nicht länger an der Wand stehen solle, was bedeutete, dass Sonea sich ebenfalls nicht mehr verpflichtet fühlte, stehen zu bleiben.

Jetzt saßen sie und Kallen links und rechts von Osen und Balkan. Die übrigen Höheren Magier hatten sich, wie Sonea bemerkte, nicht in einer bestimmten Rangfolge platziert. Im Allgemeinen scharten sich die Oberhäupter der Disziplinen umeinander. Sie erwartete jedoch, dass sie bei diesem Treffen die stimmgewaltigsten sein würden. Manche Dinge änderten sich nie.

Rothen schaute zu ihr auf und lächelte. Unwillkürlich sprang auch auf ihre Lippen ein Lächeln. Er war überglücklich gewesen, von Lorkins Rückkehr zu hören, und seit er erfahren hatte, dass Lorkin versuchen würde, ein Bündnis auszuhandeln, und dass er der Gilde eine neue Art von Magie zu bringen beabsichtigte, war er vor Stolz fast geplatzt. An einem Punkt hatte er geseufzt und bekümmert dreingeblickt, und als Sonea sich erkundigt hatte, was ihn bedrücke, hatte er sie entschuldigend angesehen. Sie zuckte zusammen, als sie sich an seine Worte erinnerte.

»Es ist ein Jammer, dass sein Vater das nicht miterleben kann.« 

Was ihr aus mehr als den offenkundigen Gründen wehtat. Dass Rothen dies von Akkarin sagen konnte, deutete auf ein Ausmaß der Vergebung für den ehemaligen Hohen Lord hin, von dem Sonea nie gedacht hatte, dass Rothen es jemals erreichen würde.

So sehr Lorkin die anderen auch beeindruckt haben mochte, Sonea war sich nur allzu deutlich darüber im Klaren, dass er noch nicht in Sicherheit war. Was er tat, war riskant. Selbst wenn die Sachakaner nichts davon wussten, mussten sie ihn dennoch als eine potenzielle Informationsquelle betrachten, was die Verräterinnen betraf. Er würde erst sicher sein, wenn er nach Kyralia zurückkehrte.

»Der König ist zu einer Entscheidung gelangt«, eröffnete Osen ihnen. Er wandte sich an Balkan. »Der Hohe Lord hat sich heute Abend noch einmal mit ihm getroffen. Was hat er gesagt?«

»Er konnte die Zustimmung der anderen Anführer der Verbündeten Länder gewinnen«, berichtete Balkan. Sonea verspürte ein seltsames Gefühl irgendwo zwischen Stolz und Bedauern. Vor zwanzig Jahren wäre es nicht möglich gewesen, sich so schnell mit dem Rest der Verbündeten Länder zu beraten. Jetzt bekamen alle Gildebotschafter Blutringe, damit sie sich mit dem Hohen Lord in Verbindung setzen konnten, wann immer die Notwendigkeit dazu gegeben war. »Das Treffen wird stattfinden, und man wird in Verhandlungen eintreten. Sie haben ihre bevorzugten Bedingungen dargelegt. Sie haben sich damit einverstanden erklärt, dass ein Gildemagier die Verbündeten Länder repräsentieren wird. Der König hat die Wahl des Repräsentanten uns überlassen.«

»Das Risiko bei der ganzen Angelegenheit ist nicht gering«, sagte Osen. »Wenn König Amakira von dem Treffen erfährt, wird er versuchen, es zu verhindern. Er könnte es als einen kriegerischen Akt ansehen. Schließlich erwägen wir ein Bündnis mit den Leuten, die er als Rebellen und Verräter betrachtet.«

»Wen wir auch schicken, er wird verletzbar sein. Wir könnten die ganze Gilde schicken und nicht stark genug sein, um einen Angriff abzuwehren«, bemerkte Balkan, dann lächelte er schief. »Amakira würde es wohl kaum übersehen, wenn wir ihm eine Armee von Magiern schickten. Aus diesem Grund haben wir beschlossen, dass nur zwei Magier gehen werden.«

»Allerdings«, fuhr Osen fort, »haben zwei von uns das Potenzial, so stark zu sein wie eine ganze Armee von Gildemagiern.«

Sonea stockte der Atem. Gewiss würden sie nicht sie selbst und Kallen nach Sachaka schicken? Wer würde dann übrig bleiben, um Kyralia zu verteidigen? Lilia war viel zu unerfahren und nicht einmal ausgebildet …

»Wir werden einen Schwarzmagier und einen Assistenten hinschicken«, sagte Balkan. »Der Assistent muss bereit sein, wenn nötig seine magische Stärke zur Verfügung zu stellen. Da das Risiko besteht, dass die beiden Magier im Falle eines Angriffs einer Gedankenlesung unterzogen werden, darf der Assistent kein Höherer Magier sein und auch nicht mehr über den Zweck der Mission erfahren, als unbedingt notwendig ist. Der Schwarzmagier wird durch Lord Leidens Ring vor dem Lesen seiner Gedanken geschützt sein.«

Osen lächelte dünn. »Also, wie Ihr sehen könnt, beschränken sich unsere Wahlmöglichkeiten auf einen von zwei Schwarzmagiern.« Er sah Kallen an, dann Sonea. »Seid Ihr beide bereit, diese Rolle auszuüben?«

»Ja«, erwiderte Sonea. Kallen sagte das Gleiche.

Osen schaute in die Runde. »Dann müssen wir Übrigen jetzt die Entscheidung treffen. Ich werde Euch alle nacheinander bitten, Eure Meinung zu sagen. Lady Vinara?«

Sonea war wie erstarrt, während die Höheren Magier recht offen erörterten, warum sie lieber sie oder Kallen als ihren Repräsentanten sahen. Es überraschte sie nicht, als Lord Garrel unumwunden die Frage ihrer Vertrauenswürdigkeit aufwarf und Bezug nahm auf ihre Entscheidung, schwarze Magie zu lernen, und ihre Weigerung, der Gilde zu gehorchen, was zu ihrer Verbannung geführt hatte. Die anderen protestierten nicht und stimmten auch nicht zu, sondern gingen lediglich zu anderen Fragen über, als sei das, was er gesagt hatte, nicht wichtig. Als die Diskussion sich dem Ende näherte, war sie sich nicht sicher, ob die Mehrheit der Höheren Magier sich für sie oder für Kallen ausgesprochen hatte.

»Ich denke, wir haben alle Fragen erörtert«, sagte Osen. »Jetzt werden wir zur Abstimmung kommen. Alle, die dafür sind, dass Schwarzmagierin Sonea die Verbündeten Länder in diesen Verhandlungen vertritt, heben bitte die Hand.«

Sonea zählte. Sie bemerkte, dass einige der Magier, die sich für sie ausgesprochen hatten, ihre Meinung geändert hatten, und umgekehrt. Sie lag mit einem Handzeichen zurück. Soneas Herz schlug noch schneller vor Aufregung und Sorge. Osen wandte sich an den Hohen Lord Balkan.

»Habt Ihr Eure Meinung geändert?«

Balkan sah Sonea an und schüttelte den Kopf.

»Meine Stimme und die des Hohen Lords gehören Sonea«, erklärte Osen. »Was zu ihren Gunsten den Ausschlag gibt.« Er sah sie an und lächelte grimmig. »Herzlichen Glückwunsch.«

Sie nickte, zu überwältigt, um zu sprechen. Auch wenn sie gehofft hatte, dass man sich für sie entscheiden würde, damit sie Lorkin so bald wie möglich sehen und beschützen konnte, war die Last der Verantwortung, nicht nur die Gilde und Kyralia, sondern auch die gesamten Verbündeten Länder zu repräsentieren, einschüchternd. Das Gleiche galt für die Aussicht auf eine Rückkehr nach Sachaka, obwohl sie diesmal keine Verbannte sein und nicht von Ichani gejagt werden würde.

Nach allem, was ich Dorrien darüber gesagt habe, dass ich Heilerin sein wolle, habe ich eine Aufgabe übernommen, die die Benutzung von schwarzer Magie notwendig machen wird. Aber ich werde nicht töten müssen. Jene, die mir Macht geben, werden das aus freien Stücken tun, und hoffentlich werde ich auch diese Macht nicht benutzen müssen, um zu töten. 

»Es müssen Einzelheiten geklärt und Vorbereitungen getroffen werden«, richtete Osen das Wort an sie alle. Er stand auf. »Schwarzmagierin Sonea wird so bald wie möglich aufbrechen, aber ich nehme an, dass das noch mindestens einige Tage dauern wird. Vielleicht einige Wochen. Lorkin wird unsere Entscheidung über das Netzwerk der Sklavenspione an die Verräterinnen weitergeben und auf eine Antwort warten müssen. Außerdem muss noch ein Assistent ausgewählt werden, und das wird weitere Erörterungen und Beratungen erfordern. Vielen Dank für Eure Vorschläge und Euren Rat. Ich brauche Euch nicht daran zu erinnern, dass dies alles streng geheim ist. Gute Nacht.«

Als die Magier sich erhoben, trat Balkan vor und berührte Sonea an der Schulter. »Bleibt«, murmelte er.

Sie nickte, keineswegs überrascht. Als die letzten Höheren Magier mit Ausnahme von Osen und Balkan den Raum verlassen hatten, ließ sie sich mit einem Seufzen wieder auf den Stuhl fallen.

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich Euch gratulieren soll oder nicht«, bemerkte Osen, während er zu seinem Platz zurückkehrte.

Sonea lächelte schief. »Es ist beruhigend und sogar schmeichelhaft, dass Ihr bereit seid, mir diese Aufgabe anzuvertrauen. Vor allem, da ich bei der letzten Aufgabe, die Ihr mir übertragen habt, gescheitert bin.«

Osen runzelte die Stirn, dann zog er die Augenbrauen hoch. »Ihr sprecht von der Suche nach Skellin?« Er zuckte die Achseln. »Das ist eine schwierigere Aufgabe als die, die Ihr jetzt habt.«

»Wer wird sie übernehmen?«

»Höchstwahrscheinlich Schwarzmagier Kallen«, erwiderte er. »Werden Eure Verbindungsmänner bereit sein, mit ihm zusammenzuarbeiten?«

Sonea dachte nach. »Ja, ich denke schon. Es bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig. Darf ich einen Vorschlag machen?«

Er nickte. »Natürlich.«

»Lilia hat sich, während sie nach Naki suchte, mit einer der loyalen Mitarbeiterinnen meines Verbindungsmannes angefreundet. Da Kallen außerdem ihr Mentor ist, könnte es für alle von Nutzen sein, wenn Lilia seine Assistentin würde – oder eine seiner Assistentinnen.«

Osen blickte nachdenklich drein, dann nickte er. »Ich werde es erwägen und Kallen vorschlagen. Es würde nicht gegen die Einschränkungen verstoßen, die wir ihr in Bezug auf ihre Bewegungsfreiheit auferlegt haben, wenn sie unter Kallens Befehl stünde.«

Sonea versuchte, sich ein Treffen zwischen Cery und Kallen vorzustellen, und scheiterte. Sie bemühte sich, nicht zusammenzuzucken.

Tut mir leid, Cery, aber ich kann nicht gleichzeitig an zwei Orten sein. Wenn Kallen irgendetwas ist, dann gründlich und gewissenhaft. Ich bin mir sicher, dass er Skellin irgendwann finden  wird. Sie fragte sich, ob sie sonst noch etwas tun konnte, um ihm zu helfen.

»Nun, habt Ihr jemand Bestimmten im Sinn, den Ihr gern als Assistenten mitnehmen würdet?«

Sie zwang sich, sich auf ihre neue Aufgabe zu konzentrieren, dachte über die Frage nach und nickte.

Alles wurde von Lampenlicht erhellt. Als die Inava  am Kai längsseits ging, warfen die Sklaven auf Deck Festmachleinen an Land, die dort von eifrigen Helfern an Pollern belegt wurden. Dannyl hielt sich abseits des Geschehens, um niemandem in die Quere zu kommen, und blickte auf die Stadt. Es gab nicht viel zu sehen. Da die Mehrzahl der Gebäude in Arvice einstöckig war, bot sich ihm ein ziemlich langweiliger Ausblick auf ähnliche Dächer.

»Ah, seht«, sagte Achati. »Die Kutsche des Gildehauses ist eingetroffen. Ich hätte Euch anderenfalls mit meiner nach Hause gebracht.«

Dannyl musterte den Sachakaner und runzelte besorgt die Stirn. »Vielleicht ist es besser, dass Ihr auf direktem Weg nach Hause fahrt. Ihr seht immer noch sehr müde aus.«

Achati lächelte. »Ich bin auch ein wenig müde, aber nicht weil ich zu viel Macht gebraucht hätte. Das Reisen erschöpft mich heutzutage mehr als früher. Wie Ihr wisst, habe ich gestern Nacht nicht viel Schlaf bekommen.«

Ein erheitertes Glitzern war in seine Augen getreten. Dannyl lächelte und wandte den Blick ab. Am Tag nachdem der Sturm weitergezogen war, hatte das Schiff bei einem Besitz Halt gemacht, der einem Freund von Achati gehörte. Sie waren auf die angebotenen Betten gefallen, hatten bis spät in den nächsten Tag hinein geschlafen und dann beschlossen, am darauf folgenden Tag früh morgens aufzubrechen, um nicht bei Nacht segeln zu müssen. Trotzdem hatten ungünstige Winde dazu geführt, dass sie Arvice zu später Stunde erreicht hatten.

Der Besitz war luxuriös und riesig gewesen. Es hatte Dannyl nicht überrascht, dass Tayend, nachdem er festgestellt hatte, dass ihr Gastgeber möglicherweise über Waren verfügte, die sich für den Handel mit Elyne eigneten, darauf bestanden hatte, dass Achati ihm bei allen Gesprächen über dieses Thema zur Seite stand. Und die Gespräche hatten bis tief in die Nacht angedauert.

»Sieht so aus, als müssten wir von hier aus getrennt weiterfahren«, bemerkte Tayend, als er durch die Luke an Deck kam und seine Umgebung in sich aufnahm. Dann wandte er sich lächelnd an Achati. »Vielen Dank, Ashaki Achati, dass Ihr dieses Abenteuer für uns arrangiert und uns herumgeführt habt.«

Achati neigte nach kyralischer Sitte den Kopf. »Es war mir eine Freude und eine Ehre«, erwiderte er.

»Werden wir Euch bald im Gildehaus begrüßen können?«

»Ich hoffe es«, antwortete Achati. »Ich werde natürlich zuerst meinem König Bericht erstatten und mich um die Dinge kümmern, die während meiner Abwesenheit liegen geblieben sind. Sofern diese Dinge nicht einen von Euch oder Euch beide betreffen, werde ich Euch, sobald es mir freisteht, einen freundschaftlichen Besuch abstatten.«

Der Kapitän trat an sie heran, um ihnen zu berichten, dass das Schiff gesichert sei und sie von Bord gehen könnten. Sie tauschten noch einige Höflichkeiten aus, während ihre Reisetruhen von Bord getragen wurden, dann folgten sie ihrem Gepäck in ihre jeweiligen Kutschen.

Sobald sie in die Kutsche des Gildehauses gestiegen waren, wurde Tayend untypisch still. Dannyl erwog, ihn in ein Gespräch zu verstricken, während der Wagen durch die Straßen rollte, aber der Elyner machte den Eindruck, als sei er tief in Gedanken versunken. Schweigend beobachteten sie, wie die Mauern von Arvice an ihnen vorbeizogen.

Als sie schließlich durch die Tore des Gildehauses fuhren, holte Tayend tief Luft und seufzte. Er sah Dannyl lächelnd an.

»Nun, das war gewiss ein interessantes Abenteuer. Ich kann jetzt sagen, ich hätte sechs Länder besucht, obwohl ich annehme, dass Duna streng gesehen nicht als ein Land eigenen Rechts gilt.«

Dannyl schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich nehme an, das könnte es geradeso gut sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ashaki es jemals wirklich beherrschen werden – oder auch nur den Wunsch danach verspüren, falls sie vernünftig sind.«

Tayend drückte die Tür auf und stieg aus. Dannyl folgte ihm und bemerkte die Sklaven, die auf dem Boden lagen.

»Steht auf«, befahl er. »Kehrt zu euren Pflichten zurück.«

Der Türsklave eilte zum Eingang und führte sie hinein. Sie traten vom Ende des Eingangsflurs in das Herrenzimmer. Heilerin Merria erwartete sie … und ein weiterer Magier. Dannyl sah den Alchemisten an und riss erstaunt die Augen auf.

»Lorkin!«

Der junge Magier lächelte. »Botschafter. Ihr habt ja keine Ahnung, wie erleichtert ich bin, Euch zu sehen. Wie war Eure Reise?«

Dannyl umfasste Lorkins Arm zum Gruß mit beiden Händen. »Nichts im Vergleich zu Eurer, davon bin ich überzeugt. Ihr habt ja keine Ahnung, wie erleichtert ich  bin, Euch  zu sehen.«

Lorkin grinste. »Oh, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es erraten kann. Wollt Ihr Euch gern waschen und etwas essen, bevor ich Euch von meinen Neuigkeiten berichte?«

Dannyl ging zu einem der Hocker hinüber und setzte sich.

Lorkin lachte. »Ich nehme an, das ist ein ›Nein‹.«

»Wenn Ihr nichts dagegen habt«, sagte Tayend, »ich würde mich gern waschen und etwas essen. Ihr könnt mir gewiss später alles erzählen.«

»Natürlich«, erwiderte Dannyl. »Gib den Sklaven Anweisung, dass sie etwas vorbereiten sollen.«

Der Elyner eilte den Flur zu


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seinem Zimmer entlang. Lorkin und Merria nahmen Platz, und Dannyl bemerkte, dass beide besorgt dreinblickten.

»Also, bringt Ihr gute oder schlechte Nachrichten?«

Lorkin lächelte schief. »Sowohl als auch. Die schlechte Nachricht ist dies hier …«

Er reichte Dannyl einen Brief. Dannyl bemerkte das Siegel des sachakanischen Königs, das bereits gebrochen worden war, dann öffnete er den Brief und las. Ein kalter Schauer überlief ihn.

»Aha«, sagte er. »Er verbietet Euch, das Land zu verlassen, und befiehlt Euch, sich bei ihm einzufinden, sobald ich zurückgekehrt bin. Das ergibt durchaus einen Sinn. Ihr habt viele Monate bei den Rebellinnen verbracht, also will der König natürlich alles wissen, was Ihr herausgefunden habt.«

»Ihr erwartet doch nicht von mir, dass ich es ihm erzähle, oder?«

»Nein, es sei denn, die Gilde – nein, unser  König – würde es Euch befehlen.«

Lorkin sah ihn besorgt an. »Kann er mich daran hindern, das Land zu verlassen? Muss ich mich mit ihm treffen?«

»Das hängt davon ab, wie weit er den Frieden zwischen unseren Ländern auf die Probe zu stellen bereit ist.« Dannyl runzelte die Stirn. »Die Tatsache, dass Ihr fortgegangen seid, um bei den Rebellinnen zu leben, hat diesen Frieden bereits ziemlich auf die Probe gestellt. Wenn wir diesen Befehl ignorieren und Euch nach Hause schicken, wird das eine noch größere Beleidigung sein.«

»Also, was tun wir?«

»Ihr zeigt Euch entgegenkommend. Ihr bleibt hier. Ihr trefft Euch mit ihm. Ihr erzählt ihm nichts, und das tut Ihr respektvoll und höflich. Wir – ich selbst, die Gilde und der König und jeder andere, den wir überreden können, uns zu helfen – werden uns bemühen, ihn dazu zu bewegen, Euch gehen zu lassen.«

»Das könnte lange dauern.«

Dannyl nickte. »Höchstwahrscheinlich.«

Lorkin wirkte jetzt noch ängstlicher. Er sah Merria an, dann schaute er zu der Tür hinüber, durch die Tayend verschwunden war.

»Da ist … noch etwas. Da Ihr überrascht wart, mich hier zu sehen, nehme ich an, dass Ihr keinen Kontakt zu Osen gehabt habt?«

Ein weiteres Frösteln überlief Dannyl. »Nein. Wir hatten einen Sturm, und … ich war zu beschäftigt, um den Ring anzulegen.« Er verwünschte sich im Stillen. Die Blutringe waren so nützlich und gleichzeitig so beschränkt. Wenn es ihm nur gestattet gewesen wäre, selbst einen Blutring zu machen und dem Administrator dazulassen, dann hätte Osen ihn von sich aus kontaktieren können.

Lorkin sah Dannyl mit ernster Miene in die Augen. Er wirkte plötzlich viel älter, als er war – oder älter, als Dannyl ihn eingeschätzt hatte.

»Ich kann hier nichts davon direkt mit Euch besprechen, da wir belauscht werden könnten. Ihr müsst Euch mit Osen in Verbindung setzen«, sagte Lorkin. »Sofort.«

Epilog

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Ein Geräusch weiter unten im Gang erregte Cerys Aufmerksamkeit, bevor er das Licht sah. Erleichtert stand er auf und wartete darauf, dass Anyi ihn erreichte. Als sie näher kam, sah er sie lächeln, und er seufzte vor Erleichterung.

Es war gut, sie so glücklich zu sehen. Gut, dass sie eine Freundin hatte. Es gefiel ihr nicht, in dem Versteck eingepfercht zu sein, und ganz gleich wie viel er und Gol mit ihr trainierten, sie würden nicht in der Lage sein, ihr rastloses Wesen zu bezähmen.

Die einzig echte Gefahr bei diesen Besuchen bei Lilia ist die Stabilität der Gänge.  Kein Dieb hat es gewagt, sie für sich zu fordern. Die Schleichen, die Kinder aus den Hüttenvierteln, für die Teile der Straße der Diebe ein Zuhause geworden waren, besaßen angeblich die Fähigkeit, instabile Bereiche instinktiv zu erkennen und zu meiden. Anyi hatte Lilia nach unten in die Tunnel geführt, und sie hatten beide begonnen, Reparaturen vorzunehmen. Er hoffte, dass sie wussten, was sie taten.

»Du brauchst nicht auf mich zu warten«, sagte Anyi, und nicht zum ersten Mal.

Cery zuckte die Achseln. »Es macht mir nichts aus.«

»Ich war stundenlang fort.«

Er sah Gol an. »Wir haben uns beschäftigt.«

Sie seufzte und ging an ihm vorbei. »Wohin jetzt?«

»Nach Hause«, antwortete er.

Während sie unterwegs waren und die Straße der Diebe verließen, sobald sie einen sicheren Platz erreicht hatten, dachte er über Soneas Nachricht nach. Er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, dass sie die Gelegenheit nutzte, Lorkin zu sehen. Er hätte das Gleiche getan.

Aber er vertraute Kallen nicht so, wie er ihr vertraute. Nicht nur weil ich ihn nicht so kenne, wie ich Sonea kenne, oder weil er nicht aus der unteren Hälfte der imardischen Gesellschaft stammt, und nicht einmal wegen seiner Vorliebe für Feuel. Der Mann ist zu …  Er suchte nach einem Wort und entschied sich schließlich für »starr«. Cery hegte keinen Zweifel an dem Versprechen des Mannes, seine Suche nach Skellin niemals aufzugeben, aber dieses Versprechen wurzelte zuerst in einer Hingabe an das Gesetz und daran, was richtig war, und nicht in dem Verlangen, andere zu beschützen. Er bezweifelte, dass Kallen jemals das Gesetz beugen oder von seiner Vorstellung abrücken würde, was richtig war, und das konnte dazu führen, dass Menschen Schaden nahmen. Die Menschen, die am ehesten Schaden nehmen dürften, sind Anyi, Gol und ich. 

Schließlich erreichten sie den Eingang zum Versteck. Draußen war es kalt gewesen, und die Kälte steckte ihnen in den Gliedern. Sie waren alle erpicht darauf, hineinzugelangen und sich aufzuwärmen, zwangen sich jedoch, sämtliche Vorsichtsmaßnahmen zu beachten und mit ihren tauben Fingern alle Sicherungen sorgfältig zu überprüfen. Sobald sie in dem Versteck war, machte Anyi sich daran, ein Feuer anzuzünden, während Gol nachsah, ob ihre Fluchtrouten unentdeckt geblieben waren.

Cery setzte sich. Jemand hatte eine Flasche Wein und drei Gläser auf den Tisch gestellt. Er seufzte. Im Moment wollte er nur eins: ein gewärmtes Glas Bol.

»Gibt es etwas zu feiern?«, fragte er und sah Anyi und Gol an.

Sie musterten ihn mit verwirrter Miene.

Cery deutete auf die Flasche. »Eure Idee?«

Die beiden schüttelten den Kopf.

Er drehte sich um und starrte die Flasche an. Sein Herz krampfte sich zusammen. Ein Rauschen erfüllte seine Ohren. An einer Schnur um den Hals der Flasche hing ein Zettel. Darauf waren drei Worte gekritzelt. Er schaute genauer hin.

Für deine Tochter. 

Taumelnd erhob er sich auf die Füße.

»Raus«, stieß er hervor. »Hier war jemand. Wir müssen hier raus.«


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