Book title in original: Max Frei,. Volontäre der Ewigkeit

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Max Frei


Die Volontäre der Ewigkeit


Das Echo-Labyrinth 4


Aus dem Russischen übertragen


von Anna Serafin



blanvalet

Die russische Originalausgabe erschien


bei Amphora Publishers, St. Petersburg


Verlagsgruppe Random House Schweden


Das für dieses Buch verwendete Fsc-zertifizierte Papier


Holmen Book Cream liefert


Holmen Paper, Hallstavik, Schweden. 1. Auflage


Deutsche Erstveröffentlichung August 2008


bei Blanvalet, einem Unternehmen


der Verlagsgruppe Random House GmbH, München


Copyright © der Originalausgabe 2003 by Max Frei


Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2007


by Verlagsgruppe Random House GmbH, München


Umschlaggestaltung: HildenDesign, München


Umschlagillustration: Eigenarchiv HildenDesign +


Daniel Kvasznicza


Redaktion: Andreas Heckmann


UH Herstellung: Heidrun Nawrot


Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin


Druck und Einband: GGP Media GmbH, Pößneck


Printed in Germany


ISBN 978-3-442-24475-1

www.blanvalet.de

Das Buch

Die skurrilen Begebenheiten und fantastischen Erlebnisse, mit denen es Max in Echo zu tun bekommt, reißen nicht ab. So begegnet er eines Tages dem gleichermaßen genialen wie nörgeligen Restaurantchef Mochi Fo, der bei Vollmond seltsam schwach wird und niemandem eine Bitte abschlagen, geschweige denn einen Befehl verweigern kann. Mochi ist ein Nachfahre des einst mächtigen Clans der Mondbullen, die in bestimmten Vollmondnächten sehr beeinflussbar sind. Und natürlich gibt es im Hintergrund einen geheimnisvollen Drahtzieher, der mit den Nachfahren des Mondbullenclans etwas ganz Besonderes vorhat. Außerdem taucht auf Echos schönstem Friedhof eine Horde Zombies auf, denen weder mit Kugelblitzen noch mit anderen magischen Mitteln beizukommen ist. Max muss zur Erde zurückreisen und Weihwasser besorgen, das bewährteste Instrument zur Abwehr von Bösem ...

Der Autor

Seit Max Frei 1995 das Licht der Welt erblickte, ranken sich zahlreiche Spekulationen um die wahre Identität des Autors. Spuren finden sich überall im Osten Europas, von Odessa am Schwarzen Meer bis ins litauische Vilnius. Bei der Suche stößt man auf viele interessante literarische Projekte, auch auf eine beliebte Radio-Talkshow, und Werke des Künstlers Max Frei finden sich sogar in deutschen Museen. Nachdem der erste Band mit den kriminalistisch-fantastischen Abenteuern aus dem mysteriösen Echo-Labyrinth erschienen war, wurde Max Frei in Russland schlagartig berühmt und zu einer regelrechten Kultfigur. Und auch in Deutschland nimmt die Zahl seiner Fans mit jedem Tag zu.


Von Max Frei bei Blanvalet bereits erschienen:

Das Echo-Labyrinth:

1. Der Fremdling (24413)


2. Die Reise nach Kettari (24465)


3. Die Füchse von Mahagon (24457)

Die Brille von Baka Bugwin

Max, du siehst ja die ganze Zeit auf die Straße. Gibt's da draußen was Besonderes?«

Ich zuckte zusammen und wäre beinahe aus dem Fenster gefallen. »Hast du mich aber erschreckt, Kofa! Du bist wirklich unglaublich leise.«

»Das gehört zu meinem Beruf - das weißt du doch«, sagte Kofa Joch, stellte seine Tasse mit Kamra auf den Tisch und machte es sich in meinem Sessel gemütlich. »Nun sag schon - was hast du da draußen gesehen?«

»Dass fast Vollmond ist und eine herrliche Sommernacht in schönster Blüte steht. Solche einfachen Dinge berühren mich immer tief. Zwar lassen sie in mir keinen Dichter erwachen und auch keinen Gott, der davon träumt, aus dem Totenreich zurückzukehren und wieder an die Macht zu gelangen, aber ... Ich rede Unsinn, stimmt's?«

»Ein bisschen«, sagte Kofa lächelnd, »doch es hält sich in Grenzen. Und die Nacht ist wirklich prächtig - wie geschaffen, mit einer wunderbaren Frau spazieren zu gehen, statt im Büro zu sitzen.«

»Ach, so einen Spaziergang könnte ich zu jeder Tagesund Nachtzeit machen«, seufzte ich. »Aber meine Freundin ist kein Fan von Mondscheinaktivitäten. Darum kann ich mit ihr nur zwischen Küche und Schlafzimmer promenieren - und das auch eher selten, da ich tagsüber schlafe und abends ins Büro gehe. Außerdem hat Lady Techi ihre Lebenseinstellung geändert und vertraut niemandem mehr, der nicht wenigstens ab und zu in den eigenen vier Wänden übernachtet. Mein Leben ist also ziemlich grausam.«

»Jammere nicht so viel, Max - das kauf ich dir nicht ab. Auf deiner Stirn steht in Großbuchstaben, dass du glücklich bist. Und weißt du was? Ich bin entschlossen, deine Gier nach romantischen Spaziergängen zu befriedigen.«

»Willst du mir zu diesem Zweck etwa die Dame deines Herzens überlassen?«, fragte ich erstaunt. »Du bist wirklich ein Freund!«

»Ach, nein. Du sollst mich nur begleiten. Das Schiff aus Arwaroch ist schon über zwei Wochen weg, und wir beide sind seither nicht mehr abends ausgegangen. Keine Ausflüchte - das hast du mir schon vor langer Zeit versprochen.«

»Sündige Magister - lieber sterbe ich, als dass ich diesen Eid nicht erfülle.«

In letzter Zeit war es im Haus an der Brücke schick, die seltsamen Besucher aus Arwaroch nachzuahmen, und man zitierte ihre pompösen Sprüche gern.

Ich trank meine Kamra aus, verließ den Platz am Fenster, legte den Todesmantel ab und hüllte mich in das unauffällige Grün meines dienstlichen Lochimantels. Er gefiel mir zwar überhaupt nicht, war für nächtliche Streifzüge aber bestens geeignet.

»Ich bin zu allem bereit, Kofa. Wohin führst du mich?«

»Dorthin, wo du noch nie gewesen bist - in eine Kneipe, die etwa hundert Jahre vor deinem seltsamen Auftauchen, pardon: vor deiner eigenartigen Ankunft in Echo, aus der Mode gekommen ist. Inzwischen gehen nur noch die Nachbarn dorthin. Und alte Romantiker wie ich. Denk dir - das ist der einzige Ort in der Hauptstadt, an dem ich ohne Probleme mein wahres Gesicht zeigen kann. Dort muss ich niemanden verfolgen und keine Ermittlungen anstellen, und alle Gäste kennen sich seit einer Ewigkeit.«

»Klingt interessant. Und was ist das für eine Kneipe?«

»Sie heißt Juffins Dutzend und ist eins der kleinsten Gasthäuser in Echo. Aber das bedeutet nicht, dass die Küche zu wünschen übrig ließe.«

»Wie heißt sie? Juffins Dutzend! Warum das denn? Ist die Besitzerin etwa scharf auf unseren Chef?«

»Die Besitzerin ist ein Mann.«

Wir gingen auf die Straße.

»Lass ihn stehen«, meinte Kofa und hielt mich zurück, als ich in meinen Wagen einsteigen wollte. »Du hast dich doch eben noch beklagt, dass niemand nachts mit dir durch die Stadt spazieren will. Wir gehen zu Fuß.«

»Ach, das war nur ein blinder Reflex.«

»Seine Reflexe sollte man beherrschen - vor allem, wenn sie unnütz sind. Wer nur aus Reflex handelt, bemerkt die Welt ringsum gar nicht.«

»Du redest schon wie Lonely-Lokley«, brummte ich. »Dabei ist die Nacht viel zu hübsch, um ihn nachzuahmen. Erzähl mir lieber mehr über dieses Wirtshaus.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Es gehört einem Mann namens Mochi Fa, der - unter uns gesagt - mit unserem Chef verwandt ist. Kurz nach seiner Ankunft aus Kettari hat Juffin diesem Mochi ein Dutzend Kronen geliehen und dann rasant Karriere gemacht. Damals bin ich ihm ständig nachgehetzt«, sagte Kofa mit nostalgischem Lächeln, berichtigte seine Erinnerung aber rasch: »Wenn ich's mir recht überlege, war Juffin damals schon Chef unserer Behörde. Das Ganze trug sich ja am Anfang der Epoche des Gesetzbuchs zu. Tagsüber, musst du wissen, hat Juffin fleißig gearbeitet, und abends hat er in ganz Echo Mau-Mau gespielt und dabei unverschämte Beträge gewonnen.«

»War das, bevor Seine Majestät Gurig VII. ihm verboten hat, in der Öffentlichkeit Mau-Mau zu spielen? Hat er das nicht mit Sorgen um die ökonomische Stabilität der Hauptstadt begründet?«

»Genau. Jeden Abend gab es mehr bankrotte Hauptstädter, und Juffin verließ jedes Mal eine andere Gaststätte mit einem Rucksack voller Geld. Und in seinen unschuldigen Augen stand stets nur die Frage: «Wer hat diesen Dummköpfen bloß Mau-Mau beigebracht?« Aber eines Tages traf er den groß gewachsenen Mochi, der ihm prompt vorhielt, es sei eine Schande, sein fürstliches Gehalt noch beim Kartenspiel aufzubessern - es gebe in Echo einfach keine soziale Gerechtigkeit. Juffin stellte daraufhin resolut fest, er habe die Welt nicht gemacht, und die Diskussion wurde hitzig. Ich glaube, das hat beiden richtig Spaß gemacht. Aber du kennst ja die Leute aus Kettari: Sie können sich überall verständigen - und am besten außerhalb ihrer Heimatstadt. Irgendwann jedenfalls tippten sie sich an die Nasenspitze, und die Sache war erledigt. Mochi überzeugte unseren Chef davon, man müsse sein Geld mit anderen Menschen teilen. Er ist wirklich enorm beredsam. Und noch eins musst du wissen: Damals war eine Krone viel mehr wert als heute. Viele rebellische Magister hatten große Geldreserven dabei, als sie das Vereinigte Königreich in aller Eile verließen. Damals reichten zwölf Kronen voll und ganz, um ein stattliches Haus zu kaufen und eine Stiftertafel am Eingang anzubringen, die den Namen des Wohltäters verzeichnete. Und dann war noch immer Geld genug da, um einen anständigen Koch und ein sechsköpfiges Orchester zu bezahlen. Na ja, die ersten Jahre jedenfalls leistete Mochi sich ein Orchester, merkte dann aber, dass es für ihn zu teuer wurde. Eigentlich schade, weil das eine gute Idee war. Aber das Wirtshaus namens Juffins Dutzend floriert noch heute - falls so ein kleines Wirtshaus überhaupt florieren kann. Dort gibt es nur zwölf Tische, und an den letzten setzt sich nie jemand. Er steht nur für den Fall bereit, dass Sir Juffin vorbeischaut.«

»Und? Taucht unser Chef dort oft auf?«

»Du kennst diesen Snob doch. Er lässt sich zu keinem Essen überreden, das nicht von unserer wunderbaren Madame Ziiinda stammt«, brummte Kofa. »Eigentlich geht er nur ins Fressfass. Zum letzten Mal hat man ihn meines Wissens vor fünfzig Jahren im Juffins Dutzend gesichtet.«

»Warum hast du mir diese Kneipe eigentlich nicht schon früher gezeigt?«

»Die dortige Küche kennen zu lernen, mein Junge, ist wie ein Ritterschlag«, stellte Sir Kofa mit Nachdruck fest. »Es ist unmöglich, dort mit einem Novizen hinzugehen.«

»Bin ich jetzt also reif genug dafür?«

»Das wohl nicht, aber ich bin heute milde gestimmt«, meinte Kofa lächelnd. »Schwein gehabt.«

In diesem Moment erreichten wir das Tor zu den drei Brücken. Doch statt in die Neustadt zu gehen, spazierten wir an der Stadtmauer entlang, traten in einen spärlich beleuchteten Torweg und landeten vor einer massiven Tür.

»Sind wir etwa schon da?«, fragte ich erstaunt.

»Kaum zu glauben, was? Ich habe mehrmals versucht, Mochi zu überreden, endlich eine Laterne neben den Eingang zu hängen. Tagsüber sieht man hier kaum etwas, und nachts

»Ja, ich an seiner Stelle würde nicht so geizig mit der Werbung in eigener Sache sein.«

»Das Problem ist, dass Mochi Ratschläge kaum erträgt und lieber den ganzen Tag welche erteilen würde. Außerdem kennen seine Stammkunden das Lokal gut, und neue Gäste braucht er ohnehin nicht. Er hat nur zwölf Tische, und einen davon muss er für Juffin frei halten. Aber jetzt komm endlich rein, Max.«

Mein Freund drückte mühsam die Klinke und öffnete nicht minder mühsam die Tür zum Paradies.

Ich kam in einen dunklen Raum und blinzelte verlegen, während meine Augen sich ans Dämmerlicht gewöhnten. Sir Kofa stupste mich in den Rücken und begrüßte die übrigen Gäste freundlich. Ich erkannte kein einziges Gesicht, leistete aber keinen Widerstand, setzte mich auf den ersten freien Stuhl, der sich als erstaunlich bequem erwies, und sah mich um.

Das Juffins Dutzend war ein kleines, nettes Wirtshaus nach meinem Geschmack. Die Einrichtung war schlicht, und an den Wänden hingen hübsche Bilder. Nur da und dort tummelte sich ein wenig Kitsch. Die wenigen Besucher erschienen mir wie Mitglieder eines elitären Clubs - keine auferstandenen Kreuzritter oder Träger des hiesigen Nobelpreises zwar, aber angenehm reservierte und doch sympathische Intellektuelle vom Schlage unseres Sir Kofa.

»Mein Leben lang habe ich geträumt, an einen Ort wie diesen zu geraten«, flüsterte ich ihm zu.

»Gefällt es dir hier wirklich?«, fragte er erfreut. »Ich war mir nicht sicher, ob du das alles zu schätzen weißt, aber jetzt bin ich froh. Hallo, Sir Kima, sind Sie aus Ihrem Keller geflüchtet? Daran haben Sie recht getan! So eine Nacht sollte man nicht allein in der Burg Jafach verbringen. Wollen Sie uns nicht Gesellschaft leisten?«

Ich erblickte einen älteren Mann in schlichtem Mantel. Er hatte so intensiv leuchtende blaue Augen, dass ich ganz verwirrt war.

»Kennen Sie sich noch nicht?«, fragte Kofa erstaunt. »Das ist Sir Kima Blimm, der Großvater von Lady Melamori. Du hast schon einiges aus seinem Keller gekostet, Max.«

»Wir kennen uns gut, aber nur vom Hörensagen. Jetzt können wir den offiziellen Begrüßungsritus durchführen«, erklärte der blauäugige Sir Kima lächelnd. »Du bist es wirklich!«, rief er dann und setzte hinzu: »Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich dich duze, Max.«

»Aber nicht doch. Wer so oft mit Sir Melifaro zu tun hat wie ich, ist gegen Beleidigungen immun.«

»Das verstehe ich gut«, meinte Kima kichernd und fragte dann deutlich besorgt: »Wie geht es meiner Enkelin? Könntet ihr mir ein wenig über sie erzählen?«

»Was gibt es da schon zu berichten?«, meinte Kofa achselzuckend. »Wenn sie ins Haus an der Brücke kommt, hat sie dieses seltsame Wesen aus Arwaroch auf dem Rücken. Und regelmäßig verirrt sie sich auf die Flure der Stadtpolizei, wo sie die Mitarbeiter von General Bubuta erschrickt, von denen einige echte Angst vor ihr haben. Das macht ihr einen Heidenspaß. Sehen Sie Ihre Enkelin so selten, Sir Kima?«

»Leider praktisch gar nicht. Das Mädchen hat sich mit ihren Eltern gestritten, als ihr Vater ein paar Bemerkungen über ihren exotischen Liebhaber machte. Ich war von Anfang an dafür, die Sache mit Geduld anzugehen. Dieser groß gewachsene junge Mann - wie heißt er noch ... ach ja, Alotho - geht jetzt endlich nach Arwaroch, und die Sache ist bald vergessen. Wie ist meine Enkelin bloß auf die Idee gekommen, den Streit mit ihrem Vater auf mich zu übertragen? Früher hat sie mich oft besucht und mir von ihren Problemen erzählt, aber das hat sich inzwischen alles geändert.«

Kima Blimm ließ den Kopf hängen und sagte dann: »Sündige Magister, ich rede zu viel. Wir sollten das Thema wechseln.«

»Der grausame Mochi kommt auf uns zu - da haben wir sowieso keine andere Wahl. Die nächste halbe Stunde sprechen wir nur übers Essen.«

Ein blonder Mann mit vielen grauen Haaren trat zu uns an den Tisch. Seine blauen Augen musterten uns streng. Er trug eine Brille mit viereckigem Metallgestell und einen schwarzen Lochimantel aus Leder. Aus der Enzyklopädie der Welt von Sir Manga Melifaro wusste ich, dass diese Kleidung typisch für Seeleute war, hatte in Echo bisher aber noch keinen solchen Ledermantel gesichtet.

»Mochi hält diese Sachen für praktischer. Wenn er einen Soßenfleck oder so was abbekommt, muss er den Mantel nicht ausziehen, sondern wischt ihn bloß ab und arbeitet weiter«, erklärte mir Kofa flüsternd.

»So einen vernünftigen Menschen hab ich hier schon lange nicht mehr getroffen«, rief ich begeistert.

»Guten Abend, Kofa! Guten Abend, Kima! Ich freue mich, Sie mal wieder zu sehen. Guten Abend, Max! Ich habe Sie auch ohne Ihren Todesmantel erkannt. Schön, dass Sie bei mir vorbeischauen.«

Alle diese Nettigkeiten hatte Mochi so gereizt gesagt, als hielte er uns am Ohr und wollte uns zwingen, eine Pirogge zu essen.

»Nimm das nicht so ernst, Max. So redet er mit allen«, meldete sich Sir Kofa per Stumme Rede, und ich merkte, dass ich mein Staunen nicht hatte verbergen können.

»Schon in Ordnung. Langsam gefällt mir das sogar. Er näselt so hübsch und vermeidet es, mich mit >Sir« anzureden. Das klingt angenehm demokratisch. Außerdem habe ich eine Vorliebe für Menschen, die vor mir und meiner Funktion keine Angst haben.«

»Da Sie heute erstmals bei mir sind, fühle ich mich verpflichtet, Ihnen bei der Auswahl des Menüs zu helfen«, sagte Mochi streng.

»Hör nicht auf ihn, Junge«, mischte Kofa sich ins Gespräch. »Ich weiß besser, womit du anfangen solltest.«

»Nein, Kofa, das wissen Sie nicht. Zurzeit wohnt die Schwester meiner Frau bei mir. Sie hat einen Mann aus Tulan geheiratet, und so haben Sie heute die einmalige Chance, einige Gerichte der dortigen Küche zu probieren. Das ist eine großartige Gelegenheit, Ihren Horizont zu erweitern.«

»Hört sich spannend an«, meinte ich.

»Das klingt nur so«, meinte Kofa skeptisch. »Diese Frau ist schon seit einem halben Jahr hier, und ich hatte bereits mehrfach Gelegenheit, die Küche von Tulan kennen zu lernen. Sie ist ganz einfach und völlig unspektakulär. Kushi auf kumanische Art dagegen - das ist wirklich etwas Besonderes. Oder Honigpute auf isamonische Art. Hast du schon bemerkt, dass es hier vor allem exotische Gerichte gibt?«

»Ich tue mein Bestes, die Leute davon zu überzeugen, dass wir nicht nur in einem Vereinigten Königreich leben, sondern in einer großen, rätselhaften Welt voller Völker, deren Kultur unsere Aufmerksamkeit verdient«, sagte der Wirt, und seine Stimme klang erneut gereizt. »Aber ich muss noch mal betonen, dass man all die Gerichte, von denen Sie eben gesprochen haben, Kofa, immer wieder bestellen kann, während die tulanische Küche

»Zu den Magistern mit Ihnen, Mochi! Servieren Sie mir also eine Spezialität aus Tulan. Davon werde ich schon nicht sterben«, sagte ich resigniert. »Schließlich hab ich mal fünf Hamburger auf einmal gegessen und überlebt.«

»Was hast du gegessen, Max?«, fragte Kima interessiert.

»Hamburger sind eine Spezialität der Leeren Länder, auf die wir sehr stolz sind«, sagte ich aufgeblasen. »Ich habe zwar den Verdacht, dass dabei nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht, aber beweisen kann ich nichts.«

»Polemik gehört jedenfalls nicht zu deinen Stärken, Max«, seufzte Kofa enttäuscht. »Ich hätte nie gedacht, dass du so leicht zu überzeugen bist. Aber mach, was du willst - ich nehme Kushi.«

»Auf kumanische Art?«, fragte der Wirt so gereizt wie zuvor und notierte die Bestellung.

»Jedenfalls nicht auf tulanische Art.«

»Für mich bitte das Gleiche«, sagte Kima Blimm, der auch endlich einen Wunsch äußern musste. »Du, Kofa, bist in diesem Bereich der größte Experte. Deshalb ist deine Wahl für mich absolut verbindlich.«

»Siehst du?«, meinte Kofa und wandte sich mit einem viel sagenden Blick an mich. »So handeln kluge Menschen.«

»Macht nichts«, antwortete ich und winkte resigniert ab. »Ich habe mir ohnehin vorgenommen, alle Gerichte in diesem wunderbaren Wirtshaus zu probieren. In einem Jahr erkennst du mich nicht wieder. Dann bin ich der Stammgast hier und obendrein der Dickste im Lokal.«

»Gratuliere, Mochi. Sie haben einen neuen Stammkunden«, meinte Kofa lächelnd. »Und das ist mein Verdienst, denn ich habe ihn mitgebracht.«

»Besser spät als nie«, brummte der Wirt und nahm mir die Speisekarte weg, für die ich ohnehin keine Zeit hatte. »Wissen Sie schon, was Sie trinken wollen?«

Der Klang seiner Stimme ließ vermuten, er würde uns auspeitschen, wenn wir keine Antwort parat hätten.

»Nichts«, sagte mein Kollege und lächelte breit. »Im Prinzip sind Max und ich dienstlich hier, dürfen also keine gefährlichen Getränke zu uns nehmen. Und auch Kima wird sich beherrschen, da er Zugang zum Weinkeller des Siebenzackigen Blattes hat.«

»Du hast nicht über mich zu verfügen«, protestierte Kima lächelnd. »Ich wollte Mochi gerade um ein paar edle Tropfen bitten. Man kann doch mal probieren.«

»Und ich trinke Kamra«, rief ich.

»Vor dem Essen? Sir Max, haben Sie denn keine Angst vor den Dunklen Magistern?«, fragte der Wirt streng.

Er schien drauf und dran, mir mit dem Zeigefinger zu drohen.

»Natürlich vor dem Essen«, rief ich. »Und nach dem Essen selbstverständlich auch. Seien Sie froh, dass ich mich beim Essen mit dem Trinken zurückhalte.«

»Danke für Backobst«, sagte der Wirt gereizt wie immer und zuckte die Achseln.

Obwohl er die ganze Zeit mufflig war, hatte ich seine Augen hinter der Brille ausgesprochen freundlich funkeln sehen. Mochi Fa hatte einen seltsamen, sehr rauen Charme. Ich verstand gut, warum mein Chef ihm vor langer Zeit Geld für dieses Wirtshaus geliehen hatte. Auch ich wäre an seiner Stelle weich geworden.

Mochi kam nach wenigen Minuten wieder an unseren Tisch, stellte ein paar Tassen mit Kamra vor uns ab, schüttelte erstaunt den Kopf, enthielt sich aber jeden Kommentars. Kima Blimm bekam ein kleines, dunkles Fläschchen.

»Das ist Wein aus Iraschi«, sagte der Wirt streng zu ihm. »Anders als die Kamra ist der Wein von dort durchaus genießbar - genau wie die Süßigkeiten.«

Das Essen kam eine halbe Stunde später. Mein namenloses Gericht aus Tulan erwies sich als verführerisch duftender Pilaw. Meine Gesprächspartner schüttelten den Kopf, aber ich war zufrieden.

»Und so was schmeckt dir?«, fragte Kofa erstaunt. »Na, mein Kushi ist sicher besser.«

»Ach, das probiere ich bestimmt auch mal. Weißt du, ich glaube, ich schaffe es sogar, Juffin mal wieder hierherzubringen.«

»Wirklich?«

»Vergiss bitte nicht, dass ich inzwischen Zugang zu den größten Geheimnissen von Lojso Pondochwa habe«, sagte ich augenzwinkernd. »Wenn etwas passiert, befindet sich sein einziges Kind in meiner Macht. Und eines Tages werde ich so überzeugt von mir sein, dass ich Juffin einfach mitbringe.«

»Kofa, kennst du den Herrn dort?«, fragte Kima Blimm plötzlich.

»Den mit der Brille? Nein. Der schreckliche Mochi hat heute offenbar Glück und gewinnt lauter neue Gäste.«

»Der Kerl hat sogar die gleiche Brille wie der Wirt«, sagte ich erstaunt und schaute mir den Mann genau an, dessen Lochimantel für die Jahreszeit etwas zu warm war.

»Worüber staunst du denn?«, schnaufte Kofa. »Das ist die Standardbrille. Wir haben in Echo nur einen Optiker.«

»Und der fertigt alle Brillen an?«

»Das reicht doch völlig. Es gibt nicht viele, die eine Brille tragen möchten. Und es gibt etliche Wege, das Sehvermögen zu verbessern. Aber manche Exzentriker behaupten, eine Brille würde ihnen stehen«, erklärte Sir Kofa.

»Nuli Karif trägt aber eine ganz andere Brille«, wandte ich ein. »Eine mit rundem Gestell.«

»Natürlich. Er ist Leiter unserer Zollbehörde und hat seine Brille bestimmt von einem Schmuggler bekommen, nachdem die beiden sich sechs Stunden lang prima unterhalten haben. Das jedenfalls würde zu ihm passen. Abes. jetzt trink deine Kamra, damit wir verschwinden können. Unter uns gesagt: Ich muss noch ein wenig arbeiten.«

»Du bist ja heute inkonsequent«, seufzte ich. »Erst willst du dich partout erholen, und jetzt musst du plötzlich arbeiten. Für mein schlichtes Gemüt ist das zu kompliziert.«

»Ich muss mich schon jetzt von euch verabschieden«, sagte Kima Blimm und gähnte herzhaft. »Ich gehöre ins Bett. Richtet meiner Enkelin einen schönen Gruß aus. Ich weiß, dass es sinnlos ist, sie von etwas überzeugen zu wollen. Also sagt ihr bitte nur, dass ich mich nach ihr sehne.«

»Aber gern«, meinte ich nickend. »Wenn Sie wollen, kann ich bei Lady Melamori auch ein gutes Wort für Sie einlegen. Manchmal bin ich ganz gut im Reden.«

»Das habe ich schon gemerkt«, lächelte Kima Blimm. »Ich würde mich freuen, wenn dir das gelingt.«

Er stand auf und verabschiedete sich, während Sir Kofa und ich noch eine Stunde sitzen blieben, da der strenge Mochi beschlossen hatte, wir dürften auf keinen Fall gehen, ohne eines seiner ausgezeichneten Desserts probiert zu haben. Zum Abschied schenkte Mochi mir einen besonders strengen Blick.

»Hat es Ihnen bei mir gefallen?«, fragte er gereizt.

»Und wie.«

»Dann kommen Sie ruhig öfter«, murmelte er und öffnete uns dabei die schwere Tür, als wollte er uns rauswerfen.

»Kofa«, seufzte ich müde zum Abschied, »du bist ein echter Wohltäter. Was kann ich dir als Gegenleistung bieten?«

»Befolge nächstes Mal meinen Rat und bestelle hier Kushi auf kumanische Art - das ist mir Lohn genug. Ich bin etwas verärgert darüber, dass du das heute nicht getan hast.«

In der Morgendämmerung kehrte ich ins Haus an der Brücke zurück und schlüpfte möglichst leise in meinen Todesmantel, um Kurusch nicht zu wecken. Durchs Fenster sah ich es langsam hell werden und fragte mich, warum ich mich überhaupt noch umgezogen hatte. Aber vielleicht würde ich unterwegs ja den letzten Nachtschwärmer treffen. Ein bisschen Spaß hatte ich schließlich verdient.

Ich beschloss, auf Techi zu hören und bei mir zu übernachten. Natürlich hatte ich dabei einen Hintergedanken: Ich wollte wissen, ob meine Süße mich vermisste oder Gefallen daran fand, allein zu sein. Ich hätte meine Seele darauf wetten können, dass man mich demnächst unter einem nichtigen Vorwand ins Haus an der Brücke riefe. Und Techi würde mir sicher bald erklären, sie habe sich daran gewöhnt, morgens über meine Schuhe zu stolpern, und wolle darauf nicht mehr verzichten.

Unterwegs kam mir der Gedanke, mein Haus in der Straße der gelben Steine wäre der ideale Ort für einen Horrorfilm, weil es dort still, leer und dunkel war. Selbst meine Katzen waren schon zu Techi umgezogen. Anders als ich fütterte meine Freundin die Tiere regelmäßig. Zudem hatte ich den Eindruck, dass Armstrong und Ella sich immer in dem nach ihnen benannten Wirtshaus aufhalten sollten. Das war auch die beste Werbung für das Lokal, denn inzwischen konnte man bei Techi abends keinen freien Tisch mehr finden. Es kamen immer wieder Schaulustige, um die seltsamen Katzen des nicht minder seltsamen Sir Max zu sehen. Ich nehme an, sie spekulierten vor allem darauf, mich anzutreffen. Durch meine Funktion nahm ich bei den Bewohnern von Echo einen Platz ein, der in meiner alten Heimat Politikern oder Schauspielern Vorbehalten war. Sie suchten keinen Kontakt zu mir, fanden es aber reizvoll, Freunden und Bekannten erzählen zu können, sie hätten mich dort gesehen. Dadurch florierte das Geschäft meiner Freundin, und selbst ich war mal zu etwas nutze.

Während ich über Werbetricks und meinen Status als halber Popstar nachdachte, betrat ich mein Haus, wischte Staub von den leeren Regalen, öffnete die Fenster und legte mich zufrieden schlafen.

Gegen Mittag weckte mich furchtbarer Lärm. Im Halbschlaf ging ich die Treppe runter und überlegte mir, was ich mit dem Gift machen sollte, das sich in meinem Gaumen gesammelt hatte. Sollte ich die Übeltäter anspucken oder ihnen besser einen Kugelblitz verpassen? Am besten wäre es vielleicht, mich zu beherrschen, in Ruhe zu frühstücken und zu schauen, wie es weiterging.

Im Wohnzimmer allerdings war nichts Besonderes passiert. Nur Techi saß auf dem Boden und sah empört auf meinen Sessel. Was dieses Möbelstück angeht: Wenn es reden könnte, hätte es sicher darüber geschimpft, so verlottert zu sein. Aber den Magistern sei Dank: Es blieb still.

»Max, du hast wahnsinnig eifersüchtige Möbel. Dieser Sessel hat mich umbringen wollen«, sagte Techi anklagend.

»Wieso das denn?«, fragte ich verwirrt.

»Ich hab bei dir vorbeigeschaut, um dir Guten Tag zu sagen, und gemerkt, dass ich etwas früh dran war. Ich weiß doch, dass du jeden knallhart abweist, der vormittags bei dir klingelt. Also hab ich mich entschieden, dich noch eine Stunde schlafen zu lassen, bin in dein Wohnzimmer gegangen, hab mir ein paar Zeitschriften gesucht und mich in den schrecklichen Sessel gesetzt. Er hat sehr seltsam reagiert. Der ist bestimmt verzaubert.«

Du hast Recht, und ich hab meine Ruhe, dachte ich bei diesem Gerede nur. Zu so brutaler Morgenstunde sind meine Geisteskräfte noch unterentwickelt.

»Das hast du davon, mich in meine Wohnung geschickt zu haben«, meinte ich dann. »So bist du gezwungen, hierherzukommen und dein Leben zu riskieren.«

»Ich wollte schon längst auf deine Kosten frühstücken«, erklärte Techi. »Und jetzt hab ich einen wunderbaren Grund dazu. Weißt du, was in der neuesten Ausgabe der Königlichen Stimme steht? Das wird dich interessieren.«

»Was steht denn da?«, fragte ich desinteressiert.

»Deine Untertanen proben den Aufstand.«

»Gegen wen?«, fragte ich baff.

»Ach, das sind interne Konflikte - Auseinandersetzungen innerhalb des Stamms. Ein Teil deines Volkes meint, man solle dich auch gegen deinen Willen zum König krönen. Die anderen bestehen darauf, dein Wunsch habe Gesetzeskraft.«

»Das finde ich auch«, sagte ich lächelnd. »Wenn alle Welt das doch so sehen würde!«

»Ach ja?«, meinte Techi und zog amüsiert eine Braue hoch. »Das kann ich mir vorstellen. Wie auch immer: Deine Untertanen kämpfen gegeneinander. Ist dir das wirklich egal?«

»Eigentlich ja«, seufzte ich. »Und würden sie keinen Gefallen daran finden, hätten sie sicher längst damit aufgehört. Wichtig ist, dass Seine Majestät König Gurig nicht auf die Idee kommt, ich solle dorthin reisen und Ordnung schaffen. Ich habe bessere Pläne für meine Zukunft.«

»Welche denn?«, fragte Techi kokett.

»Ach, nichts Besonderes. Gestern Abend hat mir Sir Kofa ein bezauberndes Plätzchen gezeigt, und jetzt möchte ich es auch in deiner Gesellschaft besuchen.«

»In meiner Gesellschaft? Aber ...«

»Es gibt kein Aber«, sagte ich streng. »Meine Wünsche sind Gesetz. Willst du etwa einen Konflikt herauf -beschwören?«

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p>»Lieber nicht. Doch ich habe ein eigenes Wirtshaus, das abends geöffnet sein sollte. Wer wird mich dort vertreten? Deine Katzen etwa?«

»Bist du noch nie auf die Idee gekommen, dein Lokal einen Tag pro Woche geschlossen zu halten?«

»Eigentlich nicht. Soll ich das ausprobieren? Aber das ginge frühestens morgen. Schließlich müssen meine Kunden Bescheid wissen.«

»Na gut, morgen klingt besser als nächstes Jahr«, sagte ich gnädig. »Hoffentlich kommt Sir Juffin nicht auf geniale Ideen, was meine Person anlangt. Dagegen nämlich bin selbst ich machtlos.«

»Na schön, um den morgigen Tag mache ich mir jetzt noch keine Sorgen. Willst du mir nicht etwas zu essen anbieten?«, fragte Techi. »Schließlich hätte ich meinen Besuch bei dir fast mit dem Leben bezahlt.«

Ich bemühte mich also, weder meine Erwartungen noch die meiner Freundin zu enttäuschen. Das war nicht leicht, doch ich schaffte es.

Um auch die Ansprüche meines Chefs zu erfüllen, tauchte ich kurz nach Sonnenuntergang im Haus an der Brücke auf. Eigentlich hatte ich kaum Verspätung -höchstens anderthalb Stunden.

»Seid Ihr beschäftigt, Majestät?«, fragte mich Sir Juffin spöttisch. »Grübelt Ihr womöglich über das traurige Schicksal Eures armen Volkes nach?«

Natürlich las auch mein Chef Zeitung.

»Mein Herz blutet«, rief ich wie ein erfahrener Demagoge. »Mein kleines Volk hat den letzten Rest seines gesunden Menschenverstands verloren«, seufzte ich und warf mich theatralisch in meinen Sessel. Endlich konnte ich leidenschaftlich Trübsal blasen. »Ich mache mir Sorgen und verteidige meine Freiheit. Und was meinen Sie,

Juffin? Was könnte passieren, wenn die Anhänger der Monarchie gewinnen? Könnten mich diese netten Leute gegen meinen Willen zum König erklären? Werden sie meinetwegen in Echo einmarschieren? Oder schicken sie mir einen Killer und stopfen meine Leiche wie eine Trophäe aus? Oder haben sie womöglich vor, mich erneut zu entführen?«

»Warum so nervös, Max?«, fragte Juffin verständnislos. »Das ist doch eine lustige Geschichte, findest du nicht?«

»Meistens bin ich Ihrer Meinung, aber nicht immer. Ich fürchte schon den ganzen Tag, Sie und der König könnten mich in die Leeren Länder schicken, um diese armen Menschen zu versöhnen.«

»Wirklich? Na, dann hast du seltsame Vorstellungen von der Politik des Vereinigten Königreichs«, meinte Juffin kichernd. »Wen interessieren schon innere Konflikte in den Grenzgebieten? Soll sich der Dunkle Sack damit auseinandersetzen. Der langweilt sich ohnehin schon seit geraumer Zeit.«

»Welcher Sack?«, fragte ich erstaunt.

»Na, der Dunkle Sack - Graf Richiri Gatschilo Wuk, einziger Lord dieses hinterwäldlerischen Gebiets und früherer Erzieher unseres hochgeschätzten Friedenskönigs Gurig VII., ein echter Held der Vergangenheit und überhaupt eine starke Persönlichkeit. Ich muss euch irgendwann miteinander bekannt machen. Unter uns gesagt: Seine Heimat ist eine sehr hübsche Gegend. An deiner Stelle würde ich Sonderurlaub beantragen, um mir einen Eindruck von diesem Gebiet zu verschaffen.«

»Ich habe hier genug zu tun - den Magistern sei Dank«, widersprach ich entschieden. »Soll ich etwa nach dem ersten Abendessen im Juffins Dutzend die Stadt verlassen? Niemals!«

»Interessant, wohin es dich wieder mal verschlagen hat! Hat dich Sir Kofa etwa dorthin geschleppt?«

»Sie jedenfalls nicht! Warum besuchen Sie dieses Wirtshaus eigentlich nicht? Dort haben Sie doch einen eigenen Tisch. Ich an Ihrer Stelle würde

»Das kann ich mir nur zu gut vorstellen«, unterbrach mich Juffin spöttisch. Dann lächelte er breit und sagte: »Um ehrlich zu sein, meide ich dieses Lokal, um nicht die Hälfte oder mehr von Mochis Kundschaft zu verscheuchen. Seine Gäste blicken etwas enttäuscht zu meinem Platz herüber, freuen sich aber doch, dass er leer ist.«

»Warum das denn?«, fragte ich naiv.

»Weil ich ein schrecklicher Mensch bin«, sagte Juffin und zog dabei eine wüste Grimasse, die ihm ausgesprochen gut gelang. Dann machte er wieder ein normales Gesicht und zuckte die Achseln.

»Natürlich bin ich sehr nett, aber in dieser Welt gibt es nur wenige, die in das größte Geheimnis eingeweiht sind. In Mochis Wirtshaus verkehren fast nur Menschen, die im Einklang mit dem Gesetz leben und die Gesellschaft von Sir Kofa deshalb gern und vollauf genießen. Und meine Wenigkeit mit ihrer dunklen Vergangenheit trägt ganz und gar nicht dazu bei, dass die Besucher sich bei Mochi wohl fühlen.«

»Zu meinem persönlichen Wohlgefühl tragen Sie ungemein viel bei«, seufzte ich schmeichlerisch. »Sie haben also nicht vor, mit mir dorthin zu gehen?«

»Jedenfalls nicht heute. Sieh mich bitte nicht so erschrocken an, Max. Ich muss ein spannendes Verhör mit einem älteren Romantiker beenden, der in den letzten dreihundert Jahren mehrfach versucht hat, den Großen Magister Nuflin Moni Mach zu töten. Für mein Empfinden ist das ein klarer Beweis dafür, dass er in die nächste Psychiatrie gehört. Aber Nuflin war wirklich erschrocken und hat mich gebeten, mich dieses Falls persönlich anzunehmen. Zudem will ich meinem Landsmann nicht das Geschäft verderben. Dieser Mochi ist ein sehr ungewöhnlicher Mensch.«

»Genau darum geht es.«

»Ich hatte nie bezweifelt, dass du das einschätzen kannst. Also nimm's mir nicht krumm, Max. Außerdem bin ich nicht der Einzige, dessen Anwesenheit dir Freude macht.«

»Was meine Freundin Techi anlangt, habe ich den starken Verdacht, dass nicht Lojso Pondochwa ihr leiblicher Vater ist, sondern Sie, denn eure Seelenverwandtschaft macht mich stutzig. Auch sie sagt gern »Jedenfalls nicht heute«, wenn ich vorschlage, in eine nette Kneipe zu gehen.«

»Sei froh, dass es sich nur um Kneipenbesuche handelt«, kicherte Juffin. »Na schön, Max - mach jetzt, was du willst. Ich bleib noch zwei Stunden. Dann musst du wieder auftauchen. So stelle ich es mir jedenfalls vor.«

»Eine sehr originelle Idee!«, meinte ich kopfschüttelnd.

»Also geh essen und störe die arbeitende Bevölkerung nicht länger«, sagte mein Chef mit Nachdruck.

Allein, doch hoch erhobenen Hauptes machte ich mich auf den Weg in mein neues Stammlokal. Weil ich in Echo viele Freunde und Kollegen hatte, war ich fast nie allein unterwegs und hatte - was das anging - inzwischen einiges nachzuholen. Und wer wusste schon, wann das Schicksal mir wieder das kostbare Geschenk machen würde, allein sein zu können.

Beinahe hätte ich den Weg verfehlt, aber dann gelang es mir doch noch, mich im Gewirr der Gassen zu orientieren und Juffins Dutzend zu finden. Dabei half mir vor allem der verführerische Duft, den ich schon von weitem erkannte.

»Jetzt weiß ich, dass es Ihnen bei mir gefällt«, fuhr Mochi Fa mich an.

Er musterte mich so vorwurfsvoll, als hätte ich der Menschheit seit meinem letzten Besuch in seinem Lokal etwas Schreckliches angetan. Schuldbewusst zuckte ich zusammen, setzte mich auf den nächsten freien Platz und hoffte, nicht aus dem Gasthaus geworfen zu werden.

Diesmal gelang es mir, eine Expedition in die Wunderwelt der tolanischen Küche abzulehnen, und ich bestellte das von Sir Kofa gepriesene Kushi auf kumanische Art.

»Möchten Sie die Kamra auch heute wieder vor dem Essen?«, fragte mich Mochi spöttisch.

»Selbstverständlich - und nach dem Essen auch.«

Kaum war ich wieder allein, sah ich mich um. Das Wirtshaus war fast leer - natürlich kamen die Stammgäste eher spät am Abend. Aber an einem der weiter entfernten Tische saß der Mann, der mir schon am Vortag aufgefallen war und den selbst Sir Kofa nicht hatte identifizieren können. Ich erkannte ihn an Lochimantel und Brille - der gleichen, die auch Mochi Fa trug. Ich spürte Sympathie für den Unbekannten, weil auch er dieses Wirtshaus ins Herz geschlossen hatte.

Ich bekam meine Kamra, rauchte genüsslich eine Zigarette und stellte mich darauf ein, lange auf mein Essen warten zu müssen. Aber hier erfüllte mich selbst das Warten mit sinnlichem Behagen. Mich befiel die wohlige Trägheit, die nur Besucher guter Restaurants kennen. Allenfalls bereute ich ein wenig, keine Zeitung dabeizuhaben.

»Guten Abend, Sir Max. Wie ich sehe, kennen auch Sie dieses Wirtshaus.«

Ein groß gewachsener, gut aussehender Mann im schwarzen Lochimantel begrüßte mich freundlich vom Eingang her und trat an meinen Tisch.

»Sir Rogro!«, rief ich erstaunt. »Ich freue mich, Sie hier zu treffen, und muss sagen, dass Sie ein ausgezeichnetes Gedächtnis haben.«

»Sie haben mich ja auch nicht vergessen«, entgegnete der Besitzer und Chefredakteur der Königlichen Stimme, der auch anonymer Mehrheitsaktionär beim Trubel von Echo war.

Wir waren uns so gut wie unbekannt, da wir uns nur ein paar Mal flüchtig begegnet waren, doch Melamori hatte mir seine Biografie in aller Ausführlichkeit geschildert, vor allem, was seine stürmische Jugend anging, die mir den groß gewachsenen Intellektuellen sehr sympathisch gemacht hatte.

»Ich dachte gerade, es wäre eigentlich nicht schlecht, eine Zeitung dabeizuhaben«, sagte ich lächelnd zu ihm.

»Was dieses Lokal anlangt, haben Sie völlig Recht. Hier wartet man nämlich lange aufs Essen«, pflichtete der Pressezar mir bei.

»Setzen Sie sich doch zu mir«, schlug ich vor. »Sofern Sie nichts anderes Vorhaben, versteht sich.«

»Stellen Sie sich vor: Ich habe nichts anderes vor. Eigentlich hatte ich erwartet, allein zu essen, da ich sehr früh dran bin. In Juffins Dutzend gleich nach Sonnenuntergang einzukehren, ist eine ziemlich dumme Idee, aber was bleibt mir übrig? Wenn ich nicht vor Mitternacht in der Redaktion erscheine, bricht alles zusammen. Kennen Sie das?«

»Natürlich. Ich erlebe Nacht für Nacht nichts anderes - mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass sich ohne mich rein gar nichts bewegt.«

»Sie Glücklicher, Max! Ohne mich bricht alles zusammen - davon habe ich mich schon mehrmals überzeugen müssen.«

Mochi Fa trat zu uns, wünschte dem Neuankömmling etwas, das nach »Guten Abend!« klang, gab ihm eine umfangreiche Speisekarte und verschwand.

»Wie geht es meinem Protege?«, fragte ich vorsichtig. »Ich hoffe, Sie nehmen mir nicht übel, dass ich Ihnen einen neuen Mitarbeiter vermittelt habe.«

»Sie meinen Ande Pu? Nein, nein - ich bin sehr zufrieden mit ihm, denn seine Anwesenheit traumatisiert die übrigen Angestellten. Leider taucht er recht selten am Arbeitsplatz auf. Immerhin kann er aber sehr gut schreiben.« Rogro hielt kurz inne und fuhr dann flüsternd fort: »Das wollte ich Sie schon lange fragen: Im Frühling letzten Jahres ist Ande Pu mit Ihnen in den Wald von Mahagon gefahren. Danach hat er ein paar wirklich sensationell gute Artikel verfasst, in denen er vor allem von seinen eigenen Erfolgen berichtet hat - hat er das wirklich selbst erlebt?«

Ich erinnerte mich daran, wie mutig der kleine runde Ande Pu in die Senke gesprungen war, in der immerfort Tote auftauchten, und nickte energisch.

»Ja, das ist wirklich so gewesen. Er hat anderen ein ausgezeichnetes Beispiel gegeben. Ohne ihn hätte ich nicht gewusst, wie ich es je nach Hause hätte schaffen sollen.«

»Tja«, seufzte Rogro begeistert. »Ich wusste immer, dass er zu denen gehört, die zwar viel Wirbel machen, sich in ernsten Situationen aber als tapfer erweisen.«

»Er ist ein Musterbeispiel natürlicher Verwegenheit«, meinte ich. »Er kann zwar nicht allzu gut kämpfen, ist aber sehr geschickt darin, dem Gegner das Leben schwer zu machen.«

»Das glaube ich«, sagte Sir Rogro lächelnd. »Als er bei mir auftauchte und meinte, er wolle Sie daheim besuchen, um einen Artikel über Sie und Ihre Katzen zu schreiben, wirkte er, als stünde er kurz vor seiner Hinrichtung. Damals hätte ich wetten mögen, dass er sich nicht trauen würde, Sie zu besuchen, sondern sich in eine gemütliche Kneipe setzt und sich alles ausdenkt.«

»Ach«, sagte ich und musste lächeln, weil ich mich an sein plötzliches Auftauchen erinnerte. »Vielleicht hätte er das besser getan.«

Wieder unterbrach Mochi unser Gespräch und beugte sich streng über unseren Tisch. Er sah aus, als wollte er zwei dreiste Lumpen zurechtweisen, brachte uns aber nur das Essen und verlor dabei ein paar knappe Worte über die Länder, aus denen die Gerichte stammten, mit denen er uns verwöhnte. Dann ließ er uns gnädigerweise mit dem Essen allein.

Begeistert sah ich dem majestätisch wirkenden Wirt nach und merkte, dass er zu dem Gast im dunklen Lochimantel ging, ein paar Worte mit ihm wechselte und sich dann mit dem Zeigefinger an die Schläfe tippte. Offenbar war diese Geste nicht nur in meiner alten Heimat bekannt. Dann verließ Mochi rasch den Tisch, und der Mann im dunklen Mantel stand auf und verließ das Lokal. Meine Neugier war erwacht, und ich nahm mir vor, Mochi zu fragen, was der Brillenträger Dummes gesagt hatte.

Sir Rogro und ich begannen zu essen. Als wir unser Gericht vertilgt hatten, beschlossen wir, uns zu duzen. So demokratisierend wirkt die Atmosphäre in Juffins Dutzend! Der langsame Prozess, aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft werden zu lassen, war auf gutem Weg. Ich begann, mich in diesem Lokal als Stammgast zu fühlen, entspannte mich, lächelte breit und hätte beinahe zu schnurren begonnen.

Den Zwischenfall mit dem Brillenträger allerdings vergaß ich dennoch nicht, und als Mochi mir die zweite Portion Kamra brachte, sagte ich zu dem finster blickenden Wirt: »Ich bin der neugierigste Mensch in dieser schrecklichen Stadt und brenne auch jetzt wieder vor Wissbegier. Erzählen Sie mir doch, was Ihnen der Mann in Brille und Lochimantel gesagt hat. Ich habe Sie beide zufällig beobachtet.«

»Ich weiß selber nicht, was ich davon halten soll«, brummte Mochi. »Er wirkte ganz normal und hat brav das Essen gelobt. Alles war wie üblich. Aber dann hat er eine Grimasse gezogen und >Komm mit!< gesagt. Ich dachte erst, ich hätte mich verhört, und fragte: »Was, bitte, soll ich tun, Sir?« Er sah mich an wie die Schlange das Kaninchen und wiederholte den Befehl. Das war ein Verrückter, und das hab ich ihm auch gesagt. Daraufhin war er still, bezahlte und verschwand. Halten Sie das etwa für normal?«, fragte Mochi irritiert.

»Eigentlich nicht. Aber vielleicht war er von Ihrer Küche so begeistert, dass er Sie unbedingt in sein eigenes Wirtshaus mitnehmen wollte.«

»Meinen Sie?«, fragte Mochi leicht geschmeichelt, fuhr dann aber in seinem üblichen Ton fort: »Ich brauche kein anderes Wirtshaus. Ich bin mit meinem Lokal sehr zufrieden.«

»Das ist gut so«, sagte ich erfreut. »Wenn Sie Ihren Laden schließen, muss ich mich im Churon ertränken gehen.«

»Schau an, wie gut es Ihnen hier gefällt!««, frotzelte Mochi, und wer ihn dabei durchs Fenster beobachtet hätte, hätte denken können, ich hätte ihm gerade eine böse Überraschung beschert.

Rogro und ich verließen zusammen das Lokal.

»Wenn du willst, kann ich dich zum Haus an der Brücke fahren«, schlug er mir vor. »Anders als du bin ich mit dem Wagen gekommen.«

»Nicht nötig«, sagte ich dankend. »Ich habe - den Magistern sei Dank! - keine Eile. Und der Spaziergang zum Haus an der Brücke ist meine einzige Chance, die wunderbare Nacht nicht zu versäumen. Der wahnsinnige Vollmond versetzt mich immer wieder in Verzückung.«

»Stimmt, die Nacht ist sehr hübsch, aber Vollmond ist erst morgen«, bemerkte Sir Rogro.

»Tatsächlich?«, fragte ich. »Dabei wirkt der Trabant kreisrund!«

»Tja, in solchen Fragen ist nicht das menschliche Auge maßgebend, sondern die Berechnungen der Astronomen. Infolge verschiedener kosmischer Kräfte unterscheiden sich bestimmte Mondphasen nicht sehr stark. Unser himmlischer Begleiter will uns nach wie vor ein Rätsel bleiben. Zwischen zwei Vollmonden vergehen gewöhnlich sechsunddreißig Tage. Doch ich bin kein Experte, interessiere mich aber für Astronomie.«

»Ach, auch davon hast du Ahnung?«, fragte ich.

»Warum nicht? Das ist ein Hobby wie jedes andere. Als ich noch im Orden des Siebenzackigen Blattes war, hat Astronomie sogar zu meinen Hauptbeschäftigungen gehört. Damals habe ich aber vor allem an Zank und Streit gedacht. Übrigens kenne ich mich auch mit Astrologie aus - soll ich dir vielleicht dein Horoskop stellen?«

»Vielen Dank, aber daraus wird nichts. Ich kenne weder Tag noch Ort meiner Geburt«, log ich. Schließlich konnte ich unmöglich einem Journalisten erzählen, dass ich durch die Hintertür nach Echo gekommen war.

Sir Juffin begegnete mir auf der Türschwelle.

»Auf die Minute pünktlich«, nickte er respektvoll. »Gute Nacht, Max.«

»Gute Nacht«, echote ich.

Ich durfte davon ausgehen, dass niemand meine Nachtruhe störte. Erst Techi würde mich am nächsten Morgen wecken, und dagegen hatte ich natürlich nichts.

Tatsächlich störte mich niemand. Nur das Licht des fast vollen Mondes klopfte leise an meine Lider und ließ

mein Blut rauschen. Mir war rasch klar, dass ich mich vom Fenster wegdrehen musste. Ich machte es mir im Sessel bequem, legte den Turban als Kissenersatz auf den Tisch, kuschelte mich in den Todesmantel und war Minuten später selig eingeschlummert.

Deshalb war ich am nächsten Morgen in Topform und beschloss sogar, auf meinen Chef zu warten, um ihm zu sagen, dass er am Abend nicht mit meiner Anwesenheit würde rechnen können. Ich hatte nämlich vor, Techi in ein wunderbares Wirtshaus zu führen, und sie hatte nichts dagegen.

»Eigentlich fangen alle normalen Menschen genau damit an«, begann Juffin schon an der Tür.

»Wie bitte?«, fragte ich ratlos.

»Erst füttern sie ein nettes Mädchen, dann verführen sie es. Aber bei dir ist es natürlich umgekehrt - wie immer.«

Ich sah verlegen drein. »Haben Sie etwa schon wieder meine Gedanken gelesen? Selbst solche Dummheiten?«

»Zu den Magistern mit dir, Junge. Das habe ich gar nicht nötig - du denkst nämlich manchmal laut«, klärte mein Chef mich auf. »Na schön, viel Spaß heute Abend. Und jetzt geh. Immerhin hast du nur selten Ideen, die so gut sind, dass ich ihre Verwirklichung nicht verhindern will. Kofa ist sicher entzückt, wenn er den Grund deiner heutigen Abwesenheit erfährt. Er glaubt nämlich, das Essen und die Liebe seien die wichtigsten Dinge des Lebens. Denk bitte ein wenig über die Reihenfolge nach.«

»Vielen Dank«, sagte ich lächelnd. »Nachdem es mir gelungen ist, Techi dazu zu bringen, ihr Gasthaus einen Abend in der Woche zu schließen, überkommen mich - offen gesagt - merkwürdige Ahnungen. Was passiert wohl, wenn so ein Narr ins Wirtshaus geht und beschließt, mittels Magie 5861. Grades unsere schöne Welt in Schutt und Asche zu legen?«

»Das droht dir nicht«, lächelte Juffin tröstend. »Die menschlichen Möglichkeiten sind auf Magie 234. Grades beschränkt, und man kann nicht annehmen, dass sich irgendwer so viel Mühe gibt, bloß um dir den Abend zu verderben.«

»Sie kennen die Menschen nicht gut genug«, seufzte ich. »Um dieses Zieles willen sind sie zu fast allem bereit - da habe ich meine Erfahrungen.«

»Jetzt hab ich schon fast Mitleid mit dir«, gab mein Chef zu. »Aber keine Sorge - sollte heute wirklich jemand ganz Echo zum Teufel schicken wollen, versuche ich, die Stadt ohne deine Hilfe zu retten.«

Rasch sprang ich in den Saal der allgemeinen Arbeit und konnte mein Glück kaum fassen. Das Wort von Sir Juffin Halli ist viel wert, denn man kann sich immer darauf verlassen.

Bevor es mir aber gelang, nach Hause zu gehen, musste ich noch eine Tasse Kamra mit meinen Kollegen trinken, die nacheinander auftauchten. Schließlich rief mich die erstaunte Techi per Stumme Rede: »Max, ist etwas passiert?«, fragte sie. »Ich bin wieder bei dir zu Hause und möchte den Zustand deiner Möbel prüfen. Eigentlich hatte ich dich bei dieser Gelegenheit wecken wollen. Weißt du, frühmorgens machen solche Gemeinheiten besonders viel Spaß.«

»Es ist nichts passiert. Ich habe durchschlafen können. Und jetzt gehe ich nach Hause. Bleib also tapfer und hüte dich vor meinen Möbeln.«

»Ich werde mein Möglichstes tun, aber beeil dich bitte, denn deine Möbel sind verhext, und ich bin schutzlos.«

Ich sprang von Melifaros Sessel. Die Schlafmütze kam als Letzter zum Dienst, und ich blieb bis kurz vor Mittag in seinem Büro. Das Tagesantlitz von Sir Juffin lebte in meiner Gegenwart geradezu auf und meinte: »Du denkst wohl, solange du nicht auf die Straße gehst, bleibt die Zeit stehen, was?«

»Beinahe. Ich fürchte, ich habe die Gesellschaft einer wunderbaren Lady dem Anblick deiner Fratze geopfert. Das war dumm von mir - findest du nicht?«

»Meine Fratze ist gar nicht so unansehnlich«, sagte Melifaro beleidigt.

»Stimmt eigentlich«, pflichtete ich ihm bei. »Aber ich bevorzuge Abwechslung.«

Techi saß in meinem Wohnzimmer und las den Trubel von Echo. Ihre herrlichen Silberlocken sahen nur gerade eben hinter der Zeitung hervor. Meine wunderbare Lady hatte sich auf dem Stuhl ausgestreckt, als wäre er ein Sofa.

»Ach deshalb«, seufzte ich vorwurfsvoll.

Die Zeitung flatterte zu Boden, und ich erblickte eines der schönsten Frauengesichter von Echo.

»Was redest du da, Max?«

»Nichts Besonderes«, meinte ich lächelnd. »Es ist nur so, dass es in Echo nun ein Geheimnis weniger gibt. Jetzt ist mir klar, warum meine Stühle immer kaputtgehen.

Ich hoffe, deine Kunden wissen, dass dein Lokal heute geschlossen ist.«

Techi nickte und fragte dann vorsichtig: »Max, hättest du etwas dagegen, wenn ich mir für den Abend ein anderes Gesicht zulegen würde?«

»Warum sollte ich? Dein Gesicht versetzt mich zwar in Euphorie, aber mach, was du willst. Was ist? Hast du Angst vor Klatschmäulern?«

Techi zuckte kühn die Achseln. »Unsinn. Ich werde nur nicht gern angestarrt. Weißt du, mein Leben lang bin ich aus den verschiedensten Gründen angeglotzt worden. Lojso Pondochwas Tochter zu sein, ist eben kein Zuckerschlecken. Und wenn ich auch dich bäte, dir ein neues Gesicht zuzulegen - wäre das zu viel verlangt?«

»Mach mit mir, was du willst. Aber in Juffins Dutzend essen nur nette Leute - die starren niemanden an.«

»Gut möglich. Ich würde mich aber trotzdem freuen, wenn du meine Bitte erfüllst«, meinte Techi.

»Na schön. Das wird wirklich spaßig, wenn statt uns zwei andere Gestalten dort essen. Ich werde Kofa Joch bitten, aus mir einen Schönling zu machen. Hast du besondere Ansprüche an deinen Begleiter?«

»Du brauchst Sir Kofa wegen dieser Kleinigkeit nicht zu bemühen. Ich kann auch einiges.«

»Wirklich?«, fragte ich erstaunt. »Das ist ja eine Neuigkeit. Umso besser! Dann werde ich im Spiegel also den Mann deiner Träume sehen. Ich zittere schon vor Angst.«

»Nein, das geht nicht«, entgegnete Techi und lachte los. »Um aus dir den Mann meiner Träume zu machen, müsste ich nur eine Kleinigkeit verändern, und nach diesem Eingriff würde dich weiterhin jeder erkennen.«

»Und welcher Eingriff wäre das?«, wollte ich wissen.

»Ich müsste nur deine Zunge verkürzen.«

»Du könntest wirklich netter zu mir sein! Ich habe eben mit Melifaro gesprochen. Im Vergleich zu ihm bin ich geradezu still.«

Techi schwieg und umarmte mich herzlich. Das war auch besser so.

Nachdem wir den ganzen Tag bei mir verbracht hatten, erschien mir das Haus in der Straße der gelben Steine endlich gemütlich. Zum ersten Mal empfand ich Gefallen an meiner so praktischen wie geräumigen Wohnung. Für mich allein hatte ich zwar zu viel Platz, aber zu zweit war es durchaus gemütlich. Das erschien mir eine gute Voraussetzung, um in meinen vier Wänden gemeinsam glücklich zu sein.

Gleich nach dem Frühstück begann Techi zu zaubern. Sie konnte ihre Klienten zwar nicht so gut maskieren wie Sir Kofa und brauchte für das, was bei ihm nur Sekunden dauerte, viel mehr Zeit und Anstrengung, aber ihre Bemühungen waren alles andere als vergeblich. Nach einer halben Stunde sahen wir völlig verändert aus.

Für meinen Geschmack hatte Techi ein wenig übertrieben. Wir waren ein absolut unauffälliges Paar, und mein neues Gesicht erweckte bei niemandem große Begeisterung. Doch auch Techi hatte sich in eine sympathische, dabei aber ganz durchschnittliche Frau verwandelt. Solche angenehmen, aber völlig ausdruckslosen Gesichter trifft man in Echo überall. Doch meine Freundin war mit dem Ergebnis sehr zufrieden, und auch ich leistete keinen Widerstand. Schließlich wollte ich alles tun, damit aus unserem ersten gemeinsamen Ausgehen ein unvergessliches Erlebnis wurde. Schon jetzt wünschte ich mir, die einmalige Prozedur zur Gewohnheit zu machen.

»Ich habe das seltsame Gefühl, fremde Leute gehen für uns essen, und wir müssen dafür zahlen«, sagte ich angesichts unserer Metamorphose.

»Das macht doch nichts. Schließlich bist du ziemlich reich, mein Nachtantlitz«, entkräftete eine Unbekannte meine finanziellen Bedenken.

Glücklicherweise war es Techi nicht gelungen, sich auch von ihrem Charakter zu trennen. Das machte mir die Frau mit dem fremden Gesicht viel sympathischer.

Wir traten auf die Straße.

»Ich fürchte, wir müssen zu Fuß gehen, meine Partisanin, denn mein Wagen fällt garantiert auf«, sagte ich.

»Natürlich machen wir das. Es ist ja nicht weit. Außerdem erwarte ich, von dir aufs Beste unterhalten zu werden. Wenn ich dir sage, seit wie vielen Jahren es mir nicht mehr vergönnt war, mit einem Mann Hand in Hand durch die nächtliche Stadt zu spazieren, wird mein Greisenalter dich die Flucht ergreifen lassen.«

»Nie und nimmer, Liebste. Unter uns gesagt: Du weißt auch nicht, wie alt ich bin.«

Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie sie reagieren würde, wenn sie erführe, wie alt ich wirklich war. In dieser Welt kommt ein Mensch von zweiunddreißig Jahren gerade erst in die Schule. Daher musste mein Alter in unserer Beziehung eines der wenigen süßen Geheimnisse bleiben.

Nachdem ich es einmal mehr geschafft hatte, mich zu verirren, erreichten wir schließlich Juffins Dutzend. Erst beim vierten Anlauf fand ich den Eingang, doch Techis Geduld war unendlich, und sie tat, als wäre mein fieberhaftes Suchen ganz normal.

»Hier ist es aber gemütlich«, sagte sie, kaum dass wir das Lokal betreten hatten. »Du hast Recht - das ist ein sehr nettes Wirtshaus.«

»Es ist immer wieder schön, wenn die Meinung eines Profis mit der eines Laien übereinstimmt«, erklärte ich und führte sie am Ellbogen an einen Tisch. »Mach dich auf einen Kampf gefasst, Liebste. Gleich kommt der grausame Sir Mochi und versucht, uns von der tolanischen Küche zu überzeugen. Dagegen müssen wir uns mit Händen und Füßen wehren.«

»Ich hab noch nie tolanisch gegessen. Ist das wirklich so schlimm?«

»Na ja, eigentlich schmeckt es wunderbar.«

»Dann verrate mir doch bitte, Liebster, wogegen wir uns wehren sollen.«

»Keine Ahnung. Wir bräuchten Sir Kofa. Der würde uns das sicher erklären. Ich kann seine Worte nur wiederholen, ohne sie zu verstehen.«

»Guten Abend, meine Herrschaften.«

Mochi Fa sah mich gleichmütig an, und ich merkte, dass er mich nicht erkannte. Techi hatte sich nicht umsonst bemüht.

»Ich bin Max, aber behalten Sie das bitte für sich«, flüsterte ich ihm zu. »Heute bin ich inkognito unterwegs, weil meine Begleiterin von ihrem und meinem Gesicht tödlich gelangweilt ist.«

»Natürlich«, sagte Mochi und nickte freundlich. »Hier ist die Karte.«

Unser Wirt war heute seltsam sanftmütig, und das ließ mich die Ohren spitzen. Er stand still an unserem Tisch, ohne sich in die Bestellung einzumischen. War er etwa krank?

»Ich würde gern einen anständigen Wein trinken«, sagte Techi verträumt. »Etwas Südliches. Haben Sie vielleicht Weine aus Tascher?«

»Natürlich.«

»Dann nehme ich den besten.«

»Den Strui Gaparochi also«, sagte Mochi, nickte ergeben und verschwand.

»Denken Sie bitte an meine Kamra vor dem Essen«, rief ich ihm nach.

»Natürlich.«

Seine immer gleiche Antwort warf mich aus der Bahn. Schließlich prägte seine gereizte und herablassende Art sonst die Atmosphäre des Lokals, und das nicht zu knapp.

»Ich glaube, er ist heute nicht in Form«, meinte ich schuldbewusst zu Techi. »Schade - ich dachte, du würdest mehr Spaß mit ihm haben.«

»Keine Sorge, es gefällt mir hier wirklich«, meinte sie lächelnd. »Außerdem können wir dieses Abenteuer jederzeit wiederholen. Du kannst sogar als Erster kommen und ihn zur Weißglut treiben, damit er völlig durchdreht, wenn ich dann auftauche - falls dir wirklich so viel daran liegt, dass er mich beschimpft.«

»Unbedingt«, nickte ich. »So machen wir es demnächst.«

Mochi kehrte mit unseren Getränken zurück. Der Wein Strui Gaparochi erwies sich als dickflüssig, bernsteinfarben und likörähnlich.

»Ich möchte die tolanische Küche probieren«, verkündete Techi. »Sie brauchen den Koch aber nicht anzutreiben, denn wir haben vor, länger zu bleiben - stimmt's, Max?«

»Genau«, sagte ich lächelnd. »Ich habe keine weiteren Pläne für den Abend.«

»Wie Sie wünschen«, nickte Mochi phlegmatisch und verschwand wieder Richtung Küche. Ich sah ihm perplex nach. Woher mochte sein Stimmungswechsel rühren?

Endlich beschloss ich, mich nicht länger mit so dummen Sachen zu beschäftigen, und sah mich ein wenig um. Zu meinem Erstaunen entdeckte ich erneut den Mann mit dem dunklen Lochimantel und der Brille. Er saß an seinem Lieblingsplatz am Fenster. Ich erinnerte mich an das lustige Ereignis vom Vortag und erzählte Techi davon, doch sie lachte nicht, sondern zog die Stirn kraus.

»Warte mal, Max - diese Geschichte erinnert mich an etwas. Aber woran?«

»Vielleicht hat er dir den gleichen Vorschlag gemacht.«

»Unsinn, ich sehe ihn zum ersten Mal. Aber deine Geschichte habe ich schon gehört.«

»Weißt du, ich habe die blöde Angewohnheit, ein und dasselbe mehrmals am Tag zu erzählen.«

»Nein, das war vor Jahren. Aber ich kann mich


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wirklich nicht genau daran erinnern. Zu den Magistern mit dem Mann mit Brille - es gibt Interessanteres auf der Welt.«

Das sah ich genauso. Aber ehrlich gesagt beschäftigte mich diese Geschichte so sehr, dass ich mir vornahm, dem Unbekannten zu folgen. Wer weiß - vielleicht würde sich dabei etwas Aufregendes ergeben.

Nach einer halben Stunde rief Techi den Wirt zu sich.

»Der Wein aus Tascher, den Sie mir serviert haben, war ganz in Ordnung. Aber wissen Sie - ich glaube, ich bin zu sehr an meine Weinsorte gewöhnt, also an Oskij Ash. Könnten Sie mir davon ein Glas bringen?«

»Natürlich«, sagte Mochi, nickte und verließ energischen Schrittes sein Wirtshaus.

»Wo läuft er denn hin?«, fragte ich ratlos.

»Keine Ahnung. Aber irgendwann kehrt er sicher zurück, und dann kannst du ihn verhören«, meinte Techi achselzuckend. »Max, warum sitzt du eigentlich die ganze Zeit wie auf glühenden Kohlen da? Liegt das am Vollmond?«

»Wie jeder vom Kleinen Geheimen Suchtrupp werde auch ich misstrauisch, wenn ich ein mysteriöses Verhalten beobachte«, antwortete ich belustigt und setzte nach einer kurzen Denkpause hinzu: »Weißt du, das ist ein Reflex bei mir. Etwa um diese Zeit beginnt normalerweise mein Dienst.«

»Verstehe. Du bist gerade angriffslustig und suchst nach einem Geheimnis, das du lüften kannst«, meinte Techi. »Zum Glück bin ich in ganz anderer Stimmung. Um diese Zeit könnte ich literweise Getränke aller Art ausschenken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der hiesige Wirt darauf spekuliert, ich würde mich für ihn hinter die Theke stellen. Er hat das Gesicht eines Menschen, der jeden für sich einzuspannen vermag.«

»Nach meiner Einschätzung würde er dir allerdings mindestens die Hälfte deines Trinkgelds wieder abnehmen.«

Mochi kehrte binnen weniger Minuten zurück und war ganz durchnässt. Allem Anschein nach hatte es zu gießen begonnen.

»Hier ist Ihr Wein, Lady«, sagte er und zog eine Flasche aus dem Mantel.

Wir sahen erstaunt drein.

»Sind Sie etwa meinetwegen einkaufen gegangen?«, fragte Techi. »Vielen Dank, aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie diesen Wein nicht führen, hätte ich etwas anderes bestellt.«

»Natürlich. Nächstes Mal sage ich Ihnen Bescheid«, antwortete Mochi und nickte ergeben. »Aber Sie haben mich um Oskij Ash gebeten, und ich habe ihn für Sie besorgt - also trinken Sie ihn jetzt bitte.«

»Vielen Dank«, wiederholte Techi leicht erschrocken. »Sehr nett von Ihnen. Ist unser Essen schon fertig?«

»Vermutlich. Soll ich es Ihnen bringen?«

»Ja, bitte.«

Techi war so gerührt, dass sie beinahe geweint hätte. Ich auch - aber nur, weil ich da noch nicht wusste, was es mit dem Verhalten des Wirts auf sich hatte. Wir warfen Mochi einen ungläubigen Blick nach.

»Er ist in dich verliebt, meine Liebe«, sagte ich mit lindem Spott. »Das ist die einzig denkbare Erklärung. Hättest du dein Gesicht nicht verändert, hätte ich ihn womöglich zum Duell gefordert, aber so lohnt sich das nicht.«

»Du kennst dich bei Frauengesichtern wirklich nicht aus«, seufzte Techi. »Ich habe mich hübsch gemacht, und du redest Unsinn, statt mir etwas Nettes zu sagen.«

»Etwas muss ich ja reden, wenn Mochi nicht in Form ist«, rechtfertigte ich mich.

Unser Wirt erschien erneut, diesmal mit zwei Tellern. Techi machte sich gleich über die so gelobte tolanische Spezialität her. Ich musterte Mochi unverwandt. Mein Herz klopfte wie verrückt und hätte sich am liebsten losgerissen - meine beiden Herzen, um genau zu sein.

Der Wirt beugte sich wieder zu dem Besucher im schwarzen Lochimantel, wechselte ein paar Worte mit ihm und trat dann rasch auf die Straße.

»Jetzt reicht's mir aber«, flüsterte ich Techi zu. »Er ist schon wieder nach draußen gegangen. Was ist heute bloß mit ihm los?«

»Er hat offenbar sehr anspruchsvolle Gäste«, erklärte meine Freundin. »Dieser großartige Wirt fürchtet anscheinend um die Reputation seines Lokals. Nach meinem Empfinden tut er das zu sehr. Aber jetzt iss, mein Lieber - ich hätte es nie für möglich gehalten, dass du es schaffen würdest, eine geschlagene Minute vor einem vollen Teller zu sitzen, ohne davon zu kosten.«

Schuldbewusst beugte ich mich vor und begann zu essen.

Wer hätte gedacht, dass ich mich als stolzer Besitzer von Geheimratsecken und einer Fellmütze aus Isamon in diesem Gasthaus so prächtig ernähren kann, dachte ich beim Schlemmen und überlegte, den Koch zu mir nach Hause zu entführen.

Nichtsdestotrotz ließ ich den seltsamen Besucher im dunklen Lochimantel nicht aus den Augen. Weil ich zugleich auch die Tür, durch die Mochi verschwunden war, im Blick behalten musste, wünschte ich mir sehnlich, der Wirt möge bald zurückkehren. Seine Abwesenheit verdarb mir den Appetit. Aber er kam nicht wieder, und plötzlich stand auch der Mann im Lochimantel auf und verließ das Lokal.

»Sieh mal, der Mann mit der Brille ist auch weg«, sagte ich und schüttelte erschüttert den Kopf.

»Der hat sein Essen bestimmt nicht bezahlt«, seufzte Techi. »Armer Mochi Fa! In dieser schrecklichen Stadt gibt es wirklich ungemein viele Gauner. Er hätte besser eine Aufsicht eingestellt.«

»Sir Kofa hat erzählt, dieses Lokal sei ein klassischer Familienbetrieb, in dem niemand arbeitet, der nicht eng mit dem Besitzer verwandt ist. Seine Frau werkelt in der Küche, ihre Schwestern helfen ihr dabei, und die Kinder stören. Mochi pendelt zwischen Restaurant und Küche. Außerdem essen hier nur Stammgäste, die sich untereinander kennen - außer uns und dem Mann mit der Brille natürlich. Diese Geschichte gefällt mir nicht.«

»Wirklich nicht?«, fragte Techi und sah mich aufmerksam an. »Quäl dich doch nicht so. Folge dem seltsamen Kerl ruhig und frag ihn, warum er sich so merkwürdig verhält. Oder hast du Angst vor dem Regen?«

»Unsinn! Warum sollte ich davor Angst haben?«, fragte ich gereizt. »Aber wie sieht das denn aus? Ich kann dich doch nicht erst ausführen und dann verschwinden - das ist nicht mein Stil. So bin ich nicht erzogen.«

»Um mich brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ich hab ein paar Zeitungen dabei, die ich deinetwegen heute Morgen nicht zu Ende lesen konnte.«

»Meinetwegen? Immer bin ich an allem schuld! Willst du mich wirklich loswerden?«

»In diesem Zustand ja. Es ist für mich viel besser, wenn du jetzt losziehst und nicht bleibst und mir mit deiner ungestillten Neugier auf die Nerven fällst. Übrigens ist dein Teller noch immer voll. Geh am besten dem geheimnisvollen Mann nach. Oder such Mochi Fa - ein aufmerksamer Wirt wie er darf wirklich nicht so lange abtauchen.«

»Na, wenn du meinst«, sagte ich und stand entschieden auf. Doch dann fiel mir etwas ein, und ich setzte mich wieder.

»Du willst den Geheimnissen also doch ihren Lauf lassen und in Ruhe essen?«, fragte Techi erfreut. »Ich hab ja geahnt, dass du klüger bist, als es den Anschein hat.«

Im Gegenteil - ich bin viel dümmer als ich aussehe, dachte ich verstohlen. Aber weil ich so mächtig bin, habe ich aufgehört, über mein Handeln nachzudenken. Womöglich sollte ich mich ab und an besinnen.

Das eigentliche Problem bestand nämlich darin, dass ich nicht einfach jemandem auf die Spur treten durfte, denn das tötete durchschnittlich gesunde Menschen binnen Minuten - und ich konnte nicht sicher sein, den Mann im Lochimantel so rasch zu finden, und wusste nicht, ob Mochi Fa, dessen Leben mir immer wichtiger wurde, so kerngesund war, wie es schien. Ich kenne so manchen, der kräftig und gesund aussieht, aber ein schwaches Herz hat.

Also beschloss ich, unsere Verfolgungsmeisterin Lady Melamori Blimm zu rufen. Ich meldete mich per Stumme Rede bei ihr und versuchte, ihr die komplizierte Situation in aller Kürze zu schildern. Es war zwar noch nichts Ernstes geschehen, doch meine Ahnungen täuschten mich nie. Davon konnte Melamori inzwischen ein Lied singen.

Ihre Reaktion war für mich völlig überraschend.

»Max«, sagte sie streng, »gib mir bitte dein Ehrenwort, dass mein Großvater Kima Blimm nicht neben dir sitzt und dir eingeredet hat, er wünsche sich nichts mehr, als sich mit mir zu versöhnen. Ich kenne seine Tricks - so was würde gut zu ihm passen.«

»Wie kommst du denn darauf? Seit wann bist du so misstrauisch? Dein Opa ist nirgendwo zu sehen. Außerdem bin ich im Moment gar nicht zu erkennen, da Techi mein Gesicht verändert hat. Ich habe kleine Augen, eine durchschnittliche Nase und einen sehr markanten Unterkiefer - vermutlich den hübschesten von Echo.«

»Du hast dein Äußeres verändert?«, fragte Melamori erstaunt. »Na gut, ich komme. Geh mir doch entgegen, um mich abzuholen. Ich kenne den Weg zu Juffins Dutzend nämlich nicht. Warum hast du überhaupt dein Aussehen geändert? Hast du von vornherein mit etwas Unangenehmem gerechnet?«

»Nein, das war Techis Idee. Sie hat mich heute wohl zum ersten Mal bei Tageslicht gesehen und daraufhin beschlossen, alle Fehler, die die Natur bei mir gemacht hat, zu verbessern. Aber ich fürchte, das hat nicht hingehauen.«

»Wirklich nicht? Ich hätte schwören mögen, es könnte nicht schlimmer werden als es war.«

»Ach, hör schon auf, dich über mich lustig zu machen. Komm besser möglichst schnell zu mir. Ende.«

Nach diesem merkwürdig bezaubernden Gespräch sah ich Techi schuldbewusst an und sagte: »Jetzt gehe ich wirklich. Ich habe eben Melamori per Stumme Rede gerufen und muss ihr entgegenlaufen.«

»Mochi Fa ist tatsächlich nicht zurückgekehrt«, seufzte Techi. »Deine Vorahnungen haben nicht getrogen - leider.«

»Wirst du meine Abwesenheit denn überleben?«, fragte ich, weil ich um jeden Preis Kavalier bleiben wollte.

»Das schaffe ich schon«, meinte sie nur und winkte ab. »Ich habe schließlich auch deine Anwesenheit überlebt.«

Trotz ihrer Kulleraugen und ihrer wie gemeißelt wirkenden Nase war meine Techi noch immer, wie sie eigentlich war, nämlich wunderbar.

Als ich auf die Straße kam, bog eben Lady Melamoris Wagen um die Ecke. Das Wetter war nicht gerade für Abenteuer gemacht, denn es regnete stark. Aber ich hatte keine Wahl.

»Toll!«, rief ich Melamori zu. »Du fährst von Tag zu Tag schneller.«

»Und du siehst wirklich lustig aus«, sagte sie kichernd. »Hat Techi dich so zugerichtet? Profiarbeit!«

»Was hast du denn erwartet?«, brummte ich. »Na schön, lass uns Mochi suchen.«

»Gut, Max. Vergiss bitte, was ich dir über Kima erzählt habe. Was den angeht, hat mich der Vorfolgungswahn gepackt, fürchte ich. Aber in den letzten Tagen hat meine Familie alles Mögliche unternommen, um sich mit mir zu versöhnen. Sie war über Alothos Abreise ganz erleichtert - als ob seine Abwesenheit etwas an meinen Gefühlen für ihn ändern könnte.«

Melamori zog ihre Schuhe aus, machte ein paar unentschiedene Schritte auf den Eingang von Juffins Dutzend zu und sah mich dann erschrocken an.

»Ich glaube, ich hab gefunden, was wir suchen. Mochi hat vor etwa einer halben Stunde vor dem Lokal gestanden und ist dann weggegangen. Ich entdecke sicher gleich, wohin.«

Meine beiden Herzen schienen aneinanderzustoßen. »Gibt es außer Mochis Spur vielleicht noch eine andere?«

»Ja.«

Aus meinen Ahnungen wurde langsam ein unbestimmter, aber begründeter Verdacht. Die Sache sah böse aus.

»Gehört die zweite Spur etwa einem mächtigen Zauberer? «

»Mir kommt sie eher wie die Spur eines ganz normalen Menschen vor. Allerdings hat sie etwas Abstoßendes, das aber nicht von Zauberei herrühren dürfte. Genauer kann ich das leider nicht sagen.«

»Schön«, meinte ich und nickte. »Wir sollten uns diesen Mochi auf jeden Fall genauer ansehen. Mit der anderen Spur können wir uns später beschäftigen.«

»Mochi ist vor dem Lokal in ein A-Mobil gestiegen und weggefahren«, stellte Melamori Sekunden später fest. »Aber er saß nicht am Steuer - da bin ich mir sicher. Max, klemm dich hinter den Lenker meines Wagens und folge meinen Anweisungen. So sind wir schneller.«

Ich erfüllte ihre Bitte, und binnen Sekunden nahmen wir die Verfolgung auf.

»Da vorne rechts ... Fahr nicht so schnell - ich schaffe es ja kaum, dir rechtzeitig zu sagen, wo du abbiegen sollst. Wir holen die beiden noch rasch genug ein ... Jetzt wieder rechts.«

»Was ist überhaupt zwischen dir und deinem Großvater vorgefallen? Ihr habt euch doch früher nie gestritten! Ich finde ihn sehr sympathisch und verstehe gar nicht, dass du dich mit ihm zanken kannst.«

»Eigentlich hast du Recht ... Hier links ... Kima und ich waren wirklich befreundet - diesen Eindruck jedenfalls hatte ich. Und deshalb bin ich jetzt auch so sauer auf ihn. An die Dummheiten meiner Eltern bin ich ja gewöhnt, aber von ihm hätte ich das nicht gedacht. Er hat zwar immer an mir herumkritisiert, aber etwas anderes hatte ich ohnehin nicht erwartet. Er hat immer so getan, als sei alles in Ordnung, und mich dabei doch ständig zu belehren versucht. Und natürlich hat er gedacht, ich würde seine Schulmeisterei nicht bemerken. Genau das hat mich jetzt wütend gemacht.«

»Wir verlassen ja die Stadt!«, rief ich erstaunt.

»Na und? Die Menschen, die wir suchen, sind ganz in der Nähe. Das spüre ich.«

»Prima. Was hat dir Kima überhaupt unterjubeln wollen?«

»Das fragst du ihn am besten selbst. Er hat bestimmt gedacht, er sollte mir ein paar Lebensweisheiten beibringen. Als Alotho nach Arwaroch reiste, besuchte ich noch am selben Tag meinen Großvater. Das hatte ich schon als Kind getan. Wenn etwas nicht stimmte, konnte ich immer zu ihm gehen. Aber in diesem Fall hätte ich besser mit dir geredet.«

»Sündige Magister - was hat er dir denn gesagt?«

»An sich nichts Besonderes. Aber es hat mich trotzdem auf die Palme gebracht. Er hat lange um den heißen Brei herumgeredet und gemeint, er verstehe mich sehr gut. Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass Echo voller Menschen ist, die genau wissen, was mit dir los ist? Und dann hat mein Großvater auch noch gesagt: >Du glaubst, dir widerfährt etwas ganz Außergewöhnliches. Dabei ist das, was du erlebst, völlig normal. Liebe ist nämlich eine Falle der Natur, um uns dazu zu verleiten, Nachkommen in die Welt zu setzen.« Genau das hat er gesagt! Es fällt mir schwer, dir zu erklären, warum mich ausgerechnet dieser Satz so wütend gemacht hat, Max.«

»Na ja, er ist ziemlich zynisch«, meinte ich. »Verliebte sind sich in der Regel nicht darüber im Klaren, wie banal ihre Geschichte auf Außenstehende wirkt. Hätte mir jemand vor einigen Jahren so etwas gesagt, wäre ich sofort ausgerastet.«

»Und wie würdest du heute reagieren?«, fragte Melamori vorsichtig. »Würdest du solche Äußerungen jetzt gelassen nehmen?«

Ich zuckte die Achseln. »Inzwischen ist mir die Meinung anderer zu diesem Thema egal. Aber vielleicht überschätze ich meine Geduld, weil sich seit langem niemand mehr so massiv in mein Leben hat einmischen wollen.«

»Übrigens«, begann Melamori lächelnd, »siehst du den Wagen dort vorn? Dein kostbarer Mochi sitzt drin - darauf gebe ich dir Brief und Siegel.«

»Ausgezeichnet. Und jetzt, Unvergessliche?«

»Jetzt lassen wir uns überraschen«, meinte Melamori leichthin, denn als typische Verfolgungsmeisterin dachte sie in diesem Moment nur daran, die Jagd zu beenden und sich die Beute zu schnappen. So war die Welt nun mal. Ich musste mich also auf eigene Faust vor eventuellen Gefahren schützen.

Das war leichter gesagt als getan. Ich wusste nicht mal, ob Mochi überhaupt Hilfe brauchte. Vielleicht hatte er etwas Wichtiges zu tun oder sich hier zu einem Schäferstündchen verabredet. Doch es war zu spät, die Geschichte auf sich beruhen zu lassen. Deshalb machte ich, was mir als Erstes in den Sinn kam: Ich beschleunigte, überholte das für uns so interessante A-Mobil, kehrte um und fuhr Mochi entgegen. Ich spürte, dass Melamori neben mir in Deckung ging und kaum mehr atmete. Meine einzige Hoffnung war, dass der Fahrer des anderen Wagens kein Kamikaze war.

Der Mann mit der Brille war zwar kein Kamikaze, aber so erschrocken, dass er beschleunigte, statt zu bremsen, und bei dem Versuch, mir auszuweichen, im Graben landete. Ich hielt fluchend an und lief zu dem anderen Wagen.

In diesem Moment interessierte mich nur, ob Sir Mochi den Unfall gesund überstanden hatte. Ich hoffte innig, mein neues Lieblingsgasthaus müsste nicht wegen eines Todesfalls geschlossen werden. Sofort beugte ich mich über unseren Wirt. Er war bewusstlos, und ich befürchtete das Schlimmste.

»Mochi, ich verbiete Ihnen zu sterben«, flüsterte ich mit zitternder Stimme.

Das war womöglich nicht sehr intelligent, funktionierte aber seltsamerweise. Mochi öffnete die Lider und sagte demütig: »Wie Sie wünschen.«

Ich atmete erleichtert auf. »Alles in Ordnung?«

»Ich weiß es nicht.«

Jetzt erst merkte ich, dass sein Gesicht ganz blutig war. Das sah nicht gut aus.

»Ich fahre mit Ihnen zu Sir Juffin«, sagte ich fröhlich. »Der bringt Sie sicher wieder auf die Beine.«

»Wie Sie wünschen«, sagte Mochi und nickte matt. Dann rappelte er sich auf und kam zu unserem Wagen.

Nun erst dachte ich daran, mir auch den Fahrer anzusehen, doch der Platz am Steuer war leer. Offenbar war der Brillenträger getürmt, als ich mich um Mochi gekümmert hatte.

Doch der mysteriöse Mann hatte es nicht weit geschafft, sondern lag einige Schritte entfernt im Graben. Er war tot - das war sofort klar. Sicher war er aus dem Wagen geschleudert worden und hatte sich beim Aufprall das Genick gebrochen.

Eigentlich hätte mich sein Tod betrüben sollen, aber meine beiden Herzen reagierten darauf seltsam gleichgültig. Irgendwie war ich mir sicher, dass der Tod dieses Menschen im Lochimantel kein bedeutendes Ereignis war.

Ich wunderte mich über meine Gelassenheit, zuckte die Achseln und ging zu meinem A-Mobil.

»Was ist mit dem Fahrer?«, fragte Melamori.

»Er ist tot. Das ist sicher schlimm, aber irgendwie ist es mir egal. Außerdem kenne ich seine Rolle in diesem Spiel ganz und gar nicht.« Ich wandte mich an Mochi, der es sich auf dem Beifahrersitz bequem gemacht hatte.

»Wie geht es Ihnen?«

»Gut, danke. Aber ich kann nichts sehen - meine Brille, wissen Sie?«

»Ach, verzeihen Sie. Ich bin wirklich ein Dummkopf -die hab ich ganz vergessen.«

Ich suchte den Straßengraben ab, setzte mich dann in den Unfallwagen und sah mich sorgfältig um. Direkt neben der Fahrertür lag eine Brille. Ich hob sie auf und suchte weiter. Immerhin waren hier zwei Brillenträger verunglückt, und ich vermutete, bisher nur die Brille des Toten gefunden zu haben. Die zweite lag hinterm Beifahrersitz. Ich staunte, denn alle vier Gläser waren heil geblieben. Nur ein Gestell war etwas verbeult. Wir Menschen sind zerbrechlich, dachte ich, aber unser Besitz ist zäh.

Ich kehrte zu meinem Wagen zurück und zeigte dem Wirt beide Brillen: »Die sind für Sie, Mochi. Ich weiß leider nicht, welche Ihnen gehört.«

Er nahm die linke Brille und setzte sie auf. »Die ist es jedenfalls nicht, denn damit sehe ich noch weniger als ohne.« Dann schob er sich die rechte Brille auf die Nase und nickte zufrieden.

Gedankenverloren hielt ich die überflüssige Brille in Händen. Sie hatte dem Mann im Lochimantel gehört und sich binnen Minuten in ein sentimentales Andenken verwandelt.

Melamori musterte mich so neugierig wie gelassen. Offenbar kamen ihr die Geschehnisse nicht weiter ungewöhnlich vor. Mochi hantierte indessen die ganze Zeit mit seiner Brille herum. Offenbar hatte er nichts Wichtigeres im Kopf.

Mit der Rückfahrt beeilte ich mich nicht und fragte mich ohnehin, ob Mochi überhaupt medizinische Hilfe benötigte, da er inzwischen wieder recht gut aussah. Er benahm sich nur noch etwas seltsam.

Ich beschloss, mich ein wenig mit ihm zu unterhalten.

»Warum waren Sie eigentlich mit diesem Kerl unterwegs? Angesichts des vollbesetzten Lokals hat mich Ihr plötzliches Verschwinden so erstaunt, dass ich Ihnen gefolgt bin. Was hat Ihnen der Mann im dunklen Lochimantel denn erzählt?«

»Er hat nur >Komm mit!< gesagt«, erklärte Mochi, »und mich gebeten, am Eingang auf ihn zu warten. Genau das hab ich getan.«

»Moment mal«, unterbrach ich ihn. »Hier stimmt doch was nicht. Er hat Ihnen doch gestern genau das Gleiche gesagt, und da haben Sie ihn zum Teufel geschickt! Können Sie mir Ihren Sinneswandel erklären?«

»Nein.«

»Warte, Max - du stellst die falschen Fragen«, mischte Melamori sich ein. »Sir Mochi, sagen Sie uns doch bitte, warum Sie mit dem Unbekannten weggegangen sind.«

»Wie Sie wünschen. Ich kann heute einfach niemandem etwas abschlagen. Ich habe das Gefühl, es wird etwas Furchtbares passieren, wenn ich eine Bitte ablehne. Verstehen Sie mich nun besser?«

»Mehr oder weniger«, sagte Melamori, sah den Wirt aber bestürzt an.

»Wie bist du auf die Idee gekommen, ihm ausgerechnet diese Frage zu stellen«, wollte ich von ihr per Stumme Rede wissen, da es mir taktlos erschienen wäre, in Mochis Beisein über ihn zu reden.

»Darauf hättest du von allein kommen können. Du hast ihn doch selbst angefleht, wieder lebendig zu werden, und auch dieser Bitte hat er brav Folge geleistet.«

»Was?«, fragte ich frappiert.

»Du hast dich nicht verhört. Ich war noch auf seiner Spur, als der Unfall passierte - also irre ich mich nicht. Mochi starb tatsächlich, wurde aufgrund deiner Bitte aber wieder lebendig. Nach meinem Eindruck geht es ihm inzwischen wieder so gut, dass wir ihn nicht mal zu Sir Juffin bringen müssen. Noch vorhin hatte er eine blutende Wunde, und jetzt ist nur noch eine Schramme zu sehen -und zwar nicht, weil du ein grandioser Heiler bist, sondern weil Mochi alles tut, worum du ihn bittest.«

»Tja«, seufzte ich, »mein Kopf ist vermutlich zu klein, um so komplizierte Dinge zu verstehen.«

Ich wandte mich wieder an Mochi: »Aber gestern Abend hatten Sie noch nicht das Bedürfnis, jede Bitte zu erfüllen, oder? Ich kenne Sie ein bisschen und weiß, dass das nicht Ihr Stil ist.«

»Stimmt. So was passiert mir - den Magistern sei Dank -nicht jeden Tag«, sagte Mochi und nickte freundlich.

»Also kennen Sie das schon?«, fragte ich erstaunt.

»Das geschieht mir seit der Kindheit - aber nur selten. Wissen Sie, Sir Max, dieser Zustand dauert bei mir immer nur einen Tag, und meine Familie ist froh, wenn es mal wieder so weit ist.«

»Das verstehe ich gut«, meinte ich und lachte herzlich. Auch Mochi lächelte höflich. Melamori nahm mir die Brille des Unbekannten ab und untersuchte sie.

»Ich kann nicht herausfinden, woher der Tote stammt. Die Spur eines Toten verschwindet sehr schnell. Nur sein Eigentum kann einem dann noch behilflich sein. Max,

vielleicht hast du ja mehr Glück. Du zeigst uns doch so oft, wie leicht es ist, die menschlichen Möglichkeiten zu übertreffen. Aber dafür müssen wir in Juffins Dutzend zurück, weil sich nur dort die Reste der Spur befinden -wenn überhaupt.«

»Also fahren wir wieder dorthin. Das ist auch besser für Mochi. Nach diesem anstrengenden Abenteuer kommt er endlich nach Hause.«

»Wir müssen den Toten noch einpacken«, erinnerte mich Melamori. Sie hatte einen schuldbewussten Blick, weil immer ich solche unangenehmen Aufgaben zu erfüllen hatte. Ich seufzte, ging wieder zum Straßengraben und machte die mir so geläufige Handbewegung. Sekundenbruchteile später war die Leiche zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken verschwunden. Dass ich sofort das starke Bedürfnis hatte, mir die Hände zu waschen, zeigte mir, wie blank meine Nerven mal wieder lagen.

»Lasst uns fahren, Leute«, rief ich mit forcierter Munterkeit und setzte mich ans Steuer.

»Prima«, rief Melamori und sah wieder zufrieden aus, da sie das Ende unserer unerwarteten nächtlichen Rallye schon absehen konnte. »Schön, Max«, sagte sie lächelnd zu mir. »Endlich bist du wieder der Alte. Es ist eine echte Freude, dich anzuschauen.«

»Wirklich? Tja - Techi hat zwar ihr Bestes getan, konnte aber nicht damit rechnen, dass ich um diese Zeit noch immer nicht zuhause bin. Sie ist zwar keine Hellseherin, aber mir reicht schon, dass sie die Tochter von Lojso Pondochwa ist.«

»Hellseherei hat noch nie zu den Stärken des Ordens der Wasserkrähe gehört«, stellte Melamori erstaunlich ernst fest. »Dafür haben seine Mitglieder andere Qualitäten. Vielleicht sollte ich mir auch eine Brille anschaffen, Max - was meinst du?«, fragte sie, nachdem sie die ganze Zeit mit der Brille des Toten hantiert hatte.

»Manche Leute wirken damit plötzlich sehr intelligent. Setz das Ding doch mal auf. Wenn ich dann nicht erschrocken wegschaue, kannst du davon ausgehen, dass sie dir steht.«

Melamori setzte die Brille auf und zupfte mich am Lochimantel. »Na, Max - wie gefall ich dir?«

»Nicht schlecht, aber irgendwie ähnelst du Sir Mochi. Hoffentlich haben seine Frau und seine Kinder jetzt keine Probleme, Original und Fälschung zu unterscheiden.«

»Mochi, dieser schreckliche Mensch behauptet, ich würde Ihnen ähnlich sehen - stimmt das?«, fragte Melamori, sah den Wirt dabei an und rief entsetzt: »Max, halt sofort an!«

Ich bremste erst und erschrak dann - gut, dass es nicht umgekehrt war. Der Wirt allerdings wirkte völlig normal: lebendig, gesund und höflich erstaunt. Melamori sah ihn nun ohne Brille an.

»Entschuldigen Sie, meine Herren«, sagte sie und lächelte schuldbewusst. »Mit Herrn Mochi ist offenbar alles in Ordnung - anders als mit meinen Nerven ... oder mit dieser Brille.« Sie sah erneut hindurch und reichte sie mir dann: »Überzeug dich selbst, Max.«

Ich setzte die Brille auf und sah Melamori an. »Tja, ich glaube, das ist Fensterglas.«

»Du sollst nicht mich anschauen, sondern Sir Mochi. Um ihn geht es doch die ganze Zeit.«

Ich tat, wie mir geheißen, und staunte: Sein Gesicht leuchtete im Halbdunkel in einem seltsamen Blau. Das sah zwar sehr hübsch aus, beunruhigte mich aber nicht wenig.

»Na«, meinte ich, als ich die Brille absetzte. »Das wird ja immer interessanter. Melamori - hast du schon mal etwas Ähnliches erlebt?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Was ist denn mit meinem Gesicht?«, wollte Mochi wissen.

»Mit dem ist alles in Ordnung«, beruhigte ich ihn. »Aber die Brille lässt es verändert erscheinen. Am besten bringen wir Sie ins Haus an der Brücke, damit Sir Juffin sich damit beschäftigt. Er kann nämlich selbst kniffligste Fälle lösen.«

»Aber am liebsten würdest du selber die Lösung finden, stimmt's?«, fragte Melamori verständnisvoll.

»Ja«, seufzte ich und drehte einen kleinen Dolch mit Magieanzeiger in den Händen.

Jetzt war zu klären, ob es sich bei der Brille um einen mittels verbotener Magie hergestellten Gegenstand handelte. Das jedenfalls konnte ich auch ohne meinen Chef feststellen.

Der Zeiger zitterte zunächst ein wenig und sprang dann vehement auf die weiße Hälfte des Anzeigefelds.

»Seltsam, oder?«, fragte Melamori und zog ein finsteres Gesicht. »Wir sind daran gewöhnt, dass zur Herstellung auffälliger Gegenstände immer schwarze Magie vonnöten ist.«

»Aber hier ist weiße Magie im Spiel!«, rief ich. »Weiße Magie 18. Grades, um genau zu sein. Die ist zwar offiziell auch verboten, aber seitdem Köche sie in gewissen Fällen einsetzen dürfen, sieht man das nicht mehr so eng.«

»Du hast Recht. Wir achten nicht mehr auf den Einsatz von weißer Magie - so verbreitet ist er schon. Aber Magie 18. Grades kann gefährlich sein und zu ganz anderen Zwecken dienen als nur dazu, ausgefallene Gerichte zuzubereiten.«

»Siehst du - noch ein Indiz dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Also auf zu Sir Juffin.«

Wenige Minuten später bremste ich vor Juffins Dutzend. Diesmal fand ich den Eingang sofort.

Techi saß noch immer dort, was mich sehr erstaunte. Ihr Gesicht nahm langsam wieder seinen Normalzustand an, doch sie war noch nicht ganz die Alte. An ihrem Tisch saßen inzwischen drei sympathische Männer in mittleren Jahren. Einer davon war mein Bekannter Rogro Schill, der es heute offenbar geschafft hatte, die neueste Ausgabe der Königlichen Stimme sich selbst zu überlassen. Vielleicht hatte er seine Redakteurspflichten aber auch schon erledigt. Die beiden anderen Männer kannte ich nicht, hatte aber den Eindruck, sie schon gesehen zu haben - vielleicht sogar hier. Die ganze Gesellschaft lachte fröhlich, und die leere Flasche Oskij Ash bezeugte, dass die vier ihre Zeit nicht vergeudet hatten.

»Sie kommen gerade noch rechtzeitig, Sir Mochi«, rief Techi. »Ich hatte schon Ihren Posten übernehmen wollen. Jemand muss sich schließlich um die Getränke kümmern. Max, dass du den Wirt gefunden hast, ist wirklich eine Heldentat. Jetzt weiß ich endlich, was für ein Glück ich hatte, dich kennen zu lernen.«

»Ich hab ihn gefunden!«, protestierte Melamori, streckte mir die Zunge heraus und verbarg sich hinter dem Rücken des Wirts.

»Das sind goldene Worte, Lady. Vielen Dank, dass Sie alle auf mich gewartet haben«, sagte Mochi höflich, fuhr dann jedoch mit ersten Anzeichen seiner üblichen Gereiztheit fort: »Aber es wäre ja wohl noch schöner, wenn meine Besucher sich eigenhändig in meinem Weinkeller bedienen würden. Wo kämen wir da hin?«

»Jetzt möchte auch ich einen guten Tropfen trinken«, sagte ich und ließ mich müde auf dem Stuhl neben Techi nieder. »Schenken Sie mir bitte etwas Kräftiges ein, Mochi - aber nicht zu viel.«

»Gut«, nickte der Wirt. »Normalerweise schließe ich um diese Zeit, aber heute ist offenbar alles anders. Wie lange war ich denn weg?«

»Zwei Stunden, glaube ich«, sagte Sir Rogro.

»Zweieinhalb«, korrigierte ihn Techi.

»Ich fühle mich verpflichtet, mich bei Ihnen für meine lange Abwesenheit zu entschuldigen. Lady Techi, verraten Sie mir bitte, was meine Frau in dieser Zeit gemacht hat. Hat sie nach mir gesucht?«


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»Ja, aber ich habe sie beruhigt und gesagt, Sie seien mit Sir Max unterwegs, und in seiner Gesellschaft könne Ihnen nichts zustoßen. Aus Dankbarkeit hat sie uns mit einer Spezialität des Hauses verwöhnt.«

Langsam fand Mochi zu seiner Form zurück, verschwand brummelnd in der Küche und kam mit einem Fläschchen zurück.

»Ich hab etwas für Sie, Sir Max: Bomboroki! Ein wirklich gepfeffertes Tröpfchen von einer Insel im Ukumbrisehen Meer. Ich hab es eigentlich selbst trinken wollen, doch ich glaube, heute Abend kann ich Sie verwöhnen -schließlich haben Sie mir das Leben gerettet.«

»Ich muss nur herausfinden, welchen Umständen Sie fast zum Opfer gefallen wären. Die Brille des Toten gefällt mir gar nicht.«

Schnell trank ich mein Glas leer, stand auf und ging zu dem Tisch, an dem der Mann im dunklen Lochimantel gesessen hatte. Ich wollte den Fall möglichst rasch lösen.

Die Spur eines Toten ähnelt der eines Lebenden ganz und gar nicht. Es ist leicht, sie zu finden, aber sehr unangenehm, sie zu untersuchen.

Ringsum und in meinem Innern war es ganz leer. Ich spürte mit jeder Faser meines Körpers, dass ich eines Tages sterben musste und auch alle anderen einmal von der Bühne würden abtreten müssen. Das vermittelte mir ein erschlagendes Gefühl von Sinnlosigkeit.

Ich quälte mich einige Minuten mit diesem deprimierenden Gefühl herum, bis mir die Atemübungen von Sir Schürf Lonely-Lokley einfielen. Er hatte mich früher hartnäckig zwingen müssen, sie regelmäßig zu machen, doch nach ein paar tiefen Atemzügen spürte ich, dass meine düstere Stimmung zwar nicht vergehen, aber keine so große Rolle mehr spielen würde.

»Na, Max, bestimmt hast du die Spur des Toten schon entdeckt«, meinte Melamori. »Wie leicht dir alles fällt! Kannst du mir nicht beibringen, wie du das machst?«

»Lieber nicht.« Ich musste mit Worten geizen, weil mir das Reden sehr schwerfiel. »Ich mag gar nicht sagen, wie schlimm das alles hier ist. Kannst du dich noch daran erinnern, wie du auf die Spur von Dschifa Savancha - dem Anführer der Räuber von Mahagon - getreten bist? Ich glaube, mir geht es jetzt noch schlimmer.«

»Wenn das so ist, solltest du dich mit solchen Sachen besser nicht beschäftigen.«

»Ich schaff das schon.«

Ich sprang von der ekelhaften Spur des Toten ab, atmete tief durch, wechselte von einer gequälten zu einer ausgeglichenen Stimmlage und stellte fest: »Ich muss mich auch endlich mal nützlich machen. Außerdem ist der Mensch ein seltsames Wesen, das sich sogar an das Schlimmste gewöhnen kann. Schluss damit - ich muss jetzt ins Haus an der Brücke. Ich hab schließlich noch immer einen Toten in der Handfläche. Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn Juffin ihn sich mal ansehen würde. Melamori, kannst du mich hinfahren?«

»Gern, aber wenn du nichts dagegen hast, trinke ich noch ein Gläschen. Dir könnte das auch nicht schaden.«

»Jetzt könnte ich einen Schluck Kachar-Balsam gebrauchen - mehr als alles andere. Ich glaube, ich hab zuhause noch ein allerletztes Tröpfchen davon. Das ist zwar meine einzige, dafür aber ziemlich teure Sucht.«

»Du hast noch ganz andere Süchte«, mischte Techi sich belustigt ein, lächelte über den Tisch hinweg und sah mich dabei aus dunklen Augen vorsichtig und aufmerksam an.

»In einer halben Stunde komme ich wieder. Schließlich endet die Spur des Toten hier«, sagte ich laut und meldete mich dann per Stumme Rede bei meiner Freundin: »Mach dir keine Sorgen um mich.«

Melamori erreichte das Haus an der Brücke binnen fünf Minuten - gut möglich, dass selbst ich es nicht schneller geschafft hätte.

»Toll!«*, rief ich. »Warte in meinem Büro auf mich, ja?«

Sie nickte, und ich ging direkt ins Leichenschauhaus, wo ich die Linke energisch schüttelte, was den Toten im dunklen Lochimantel in Normalgröße auf den Boden purzeln ließ.

Dann wusch ich mir die Hände, um zwischen mich und den Tod zumindest eine Seifenschicht zu legen, und ging hinauf in mein Büro.

Dort saß Melamori auf Juffins Sessel und strich dem schläfrigen Kurusch zärtlich übers Federkleid. Der Vogel war für seine Verhältnisse zu früh wach und darum schlecht gelaunt und plusterte sich deshalb etwas auf.

Zuerst ging ich zu Juffins Schreibtisch, zog die Flasche Kachar-Balsam aus ihrem Versteck, nahm einen großen Schluck, spürte sofort die wohltuende Wirkung der besten Arznei dieser Welt und fühlte mich beinahe wie neu geboren.

»Was hast du eigentlich vor?«, fragte mich Melamori.

»Als Erstes fahre ich noch mal in Mochis Lokal und trete dem Verstorbenen auf die Spur, um herauszufinden, von woher er in die Stadt gekommen ist.«

»Wäre es nicht besser, damit auf Juffin zu warten? Er kommt sicher gleich. Wir können ihm die seltsame Brille zeigen und ihm die fangfrische Leiche präsentieren. Womöglich kennt er den Toten sogar. Auf alle Fälle kann er uns sagen, wie wir weiter vorgehen sollen.«

»Da hast du sicher Recht, aber ich will keine Zeit verlieren. Je schneller wir mit dieser Geschichte fertig werden, desto besser für uns. Darum machen wir es so: Ich beschäftige mich weiter mit diesem unangenehmen Fall, und du informierst Juffin per Stumme Rede über den Stand der Dinge. Sollte unser Chef finden, dass ich der Sache nicht gewachsen bin, meldet er sich sicher umgehend bei mir. Und sollte er meinen, dass ich alles richtig mache, bin ich unterdessen schon ein gutes Stück weiter. Einverstanden?«

»Natürlich«, sagte Melamori. »Ich will nur nicht, dass du dich mit dieser schrecklichen Spur beschäftigst. Das tut dir nicht gut.«

»Keine Sorge«, meinte ich und winkte ab. »Ich weiß, was ich mir Zutrauen kann.«

»Dann will ich dich nicht weiter aufhalten. Nur eine Frage habe ich noch: Magst du dich nicht umziehen? Seit Stunden bist du wieder im Dienst und trägst noch immer Zivil. Sir Juffin hätte dich dafür schon längst ein paar Tage ins Cholomi-Gefängnis geschickt - zur Abschreckung.«

»Ein Ausflug ins Gefängnis ist so etwa das Letzte, wovon ich träume. Danke, dass du mich daran erinnert hast.«

Schnell zog ich meinen dunkelblauen Lochimantel aus und schlüpfte in den schwarzgoldenen Todesmantel. Er war warm und trocken, also ideal. Zum Abschied schob ich mir noch ein Fläschchen Kachar-Balsam in die Manteltasche. Womöglich würde es mir bei der Bewältigung meiner Aufgabe noch wertvolle Hilfe leisten - wie die Atemübungen von Sir Lonely-Lokley.

Lady Melamori blickte finster. »Dieser seltsame Fall macht mich fertig«, murmelte sie. »Wenn dir nichts zustößt, versöhne ich mich mit meinem Großvater - Ehrenwort.«

»Versprichst du das etwa mir?«, fragte ich erstaunt. »Dabei ist mir euer Streit ziemlich egal.«

»Nein, das gelobe ich mir selbst. Als Kind hab ich das oft getan. Man muss dafür nur etwas wählen, das man ungern tun würde.«

»Vielen Dank«, lächelte ich. »Jetzt bin ich sicher, dass mir nichts Böses zustoßen kann.«

In Juffins Dutzend war es fast leer. Nur Rogro Schill saß gähnend neben Techi. Der tapfere Kämpfer für das Chrember-Gesetzbuch erwies sich als besterzogener Gentleman diesseits und jenseits des Churon. Zwar schlief er beinahe im Sitzen ein, wollte seine Begleiterin aber nicht allein im Lokal hocken lassen.

»Willst du dich noch ein wenig zu uns setzen?«, fragte mich Lady Techi. »Oder ruft die Pflicht?«

»Natürlich ruft die Pflicht, aber wer hört schon auf sie? Ich trinke gerne mit euch beiden eine Tasse Kamra -schließlich bin ich seit gestern Morgen ununterbrochen auf den Beinen. Ich hoffe, Mochi hat noch genug Energie, mir eine anständige Kamra zu machen.«

»Der ist längst schlafen gegangen, hat uns aber freundlicherweise diesen Krug hingestellt. Da ist sicher noch eine Portion für dich drin.«

»Ihr seid so nett, dass ich gleich vor Rührung weine. Es ist wirklich liebenswürdig, Rogro, dass du die Lady nicht allein hier sitzen lässt, denn das könnte sie auch zuhause tun. Ich hatte Techi eingeladen, musste aber aus beruflichen Gründen verschwinden.«

»Ich brauche von dir kein Dankeschön, denn ich liebe es, mit einer hübschen Frau zu flirten.«

»Ach, ich dachte, du interessierst dich nur für die Wissenschaften, vor allem für Astronomie.«

»Mit den Sternen beschäftige ich mich, wenn keine hübsche Frau in der Nähe ist. Das passiert zum Glück selten.«

»Was Astronomie angeht, habe ich noch eine Frage«, sagte ich, da mir plötzlich etwas einfiel. »Gestern Abend glaubte ich, wir hätten Vollmond, und du meintest, es sei frühestens heute Nacht so weit. Sag mir doch, ob ich wirklich zu dumm bin, den Vollmond zu erkennen.«

»Zu dumm nicht, Max, aber es ist für Laien wirklich kaum sicher einzuschätzen, ob der Mond ganz rund ist.«

»Schön«, meinte ich erfreut. »Dann mag sich der Mann im dunklen Lochimantel letzte Nacht auch geirrt haben. Und noch eine Frage, diesmal an euch beide: Techi, gestern Abend hast du im Scherz gesagt, der Vollmond beeinflusse mich womöglich. Was meint ihr zwei - ist das wirklich so?«

Meine Gesprächspartner nickten energisch.

»Aber natürlich können bei Vollmond mit jedem seltsame Dinge geschehen«, erklärte Techi.

»Ich muss euch noch was sagen. Gestern habe ich einige interessante Details über den Wirt erfahren. Von Zeit zu Zeit widerfährt ihm etwas Ungewöhnliches: Er kann einen Tag lang niemandem etwas abschlagen - egal, worum man ihn bittet. Ich will euch drastische Einzelheiten ersparen, aber eines möchte ich wissen: Kann dieses seltsame Verhalten mit den Mondphasen Zusammenhängen?«

••Durchaus«, sagte Rogro. »Jeder psychische Zustand, der sich periodisch wiederholt, ist dem Mond zuzurechnen. Ich hoffe, dir ist damit geholfen, Max. Jedenfalls wirkst du zufrieden wie eine Katze, die einen Truthahn verspeist hat.«

»Macht Truthahn Katzen glücklich?«, fragte Techi amüsiert. »Na, jetzt weiß ich, womit ich Ella und Armstrong füttern werde, Max.«

»Armstrong ist der Gefräßigere«, stellte ich fest. »Aber vielen Dank für eure Hilfe. Rogro, was meinst du - vielleicht sollte ich Urlaub nehmen und mir von dir ein paar Stunden lang Astronomie erklären lassen. Ich habe immer davon geträumt, mehr über das Universum zu erfahren.«

Techi beobachtete mich nach wie vor, sah aber nicht mehr so ängstlich drein. Offenbar traute sie mir - den Magistern sei Dank! - wieder mehr zu.

»Ich sehe, ihr seid gut drauf - vor allem die Dame meines Herzens«, meinte ich. »Dann kann ich dich ja guten Gewissens nach Hause gehen lassen - sogar in Gesellschaft dieses dir noch recht unbekannten Mannes.«

»Das kann ich auch allein«, meinte Techi kopfschüttelnd. »Du bist heute vielleicht gnädig!«

»Aber Sir Rogro ist ein Gentleman alter Schule und wird sicher nicht zulassen, dass du einsam durch Dunkelheit und Regen ziehst. Er kann dich gegen jeden Angriff verteidigen.«

»Du bist wirklich ein Hellseher, Max«, stellte der Chefredakteur der Königlichen Stimme feierlich fest.

»Sieh dich aber vor, wenn du auf die Spur des Toten trittst«, sagte Techi im Ton einer Lehrerin.

»Diesen Rat nehme ich mir zu Herzen und gebe dir dafür auch einen: Wenn du zuhause bist, leg dich sofort ins Bett und warte nicht sehnsüchtig auf mich.«

»Nach so viel Alkohol bleibt mir ohnehin nichts anderes übrig«, meinte Techi achselzuckend. »Und glaub nicht, dass ich morgen schmachtend am Fenster stehe und dich erwarte - das ist wirklich nicht mein Stil.«

Ich winkte den beiden zum Abschied und ging an den Tisch, an dem am Abend zuvor der Unbekannte im Lochimantel gesessen hatte. Zuerst nahm ich einen großen Schluck Kachar-Balsam, dann machte ich fleißig einige von Lonely-Lokleys Atemübungen. Ein paar Sekunden lang schnaufte ich laut, aber langsam fand ich mein Leben wieder ganz erträglich. Ich merkte, dass ich meine Krise überwunden hatte, und trat vorsichtig auf die Spur des Toten, ohne mich von meiner Angst lähmen zu lassen.

Sir Juffin erreichte mich noch rechtzeitig per Stumme Rede. Ich stieg gerade in meinen Dienstwagen, denn auch der Tote war im A-Mobil zum Wirtshaus gefahren. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, woher er gekommen war.

»Guten Tag, Max.«

»Was? Ist schon heller Tag?«, fragte ich erstaunt.

»Wenn man mich aus dem Bett zerrt und ins Haus an der Brücke zwingt, hat offenbar ein neuer Tag begonnen. Du weißt doch, dass ich es nicht ertragen kann, nachts zu arbeiten.«

»Schon gut. Was wissen Sie eigentlich über den Toten?«

»Wenig. Aber diese Brille, Max - du bist schon wieder ein Glückspilz, denn du bist auf etwas sehr Interessantes gestoßen. Aber davon später mehr. Was machst du gerade? Plünderst du meinen Vorrat an Kachar-Balsam?«

»Na ja, im Augenblick hetze ich eher durch die Gegend, um die Spur des Toten zurückzuverfolgen. Deshalb kann ich mich auch schlecht mit Ihnen unterhalten. Am besten sagen Sie mir einfach, was ich tun soll.«

»Das wüsste ich selber gern. Bleib ihm ruhig auf der Spur. Ich hoffe, das fällt dir nicht allzu schwer.«

»Eigentlich nicht. Wie Sie wissen, war ich schon mal tot. Insofern ist er mein Seelenverwandter.«

»Gut. Sag mir Bescheid, wenn du an ein Ziel gelangst. Und geh bitte auf keinen Fall in ein unbekanntes Haus, ohne mit mir Rücksprache zu halten. Ich habe schon einiges erlebt und neige inzwischen zu besonderer Vorsicht.«

»Ich verspreche Ihnen, auf mich Acht zu geben. Das Leben ist kurz, und ich habe noch nicht vor zu sterben. Richten Sie Melamori einen schönen Gruß aus. Ende.«

Dann nahm ich den letzten Schluck Kachar-Balsam und beschleunigte kräftig. Je schneller ich diesen Fall löste, desto besser.

Zum Glück musste ich die Stadt diesmal nicht verlassen. Die Spur führte aufs linke Flussufer. Ich überquerte die Brücke namens Kamm von Echo und befand mich nun inmitten kleiner Gassen und wunderbarer Obstgärten. Ich irrte etwas herum und landete plötzlich vor einem baufälligen Tor.

Ich stieg aus und sprang ein gutes Stück zur Seite. Das ist die beste Methode, um die Spur zu verlassen, auf der man sich gerade befindet. Es gibt zwar Menschen, die -wie Lady Melamori - dafür nur die Schuhe ausziehen müssen, aber ich gehöre nicht dazu.

Das Frühlicht war herrlich. In der Viertelstunde, in der ich der Spur des Toten mit dem Wagen gefolgt war, hatte ich vergessen, wie wunderbar die Welt sein konnte und wie toll es war, quicklebendig und heiter mit nackten Füßen im Gras zu stehen und den Morgenhimmel auf sich wirken zu lassen.

Ich setzte mich auf den feuchten Boden und rauchte eine Zigarette. Dass ich zitterte, lag weder an den unangenehmen Erlebnissen noch an meiner Verzückung. Dennoch beschloss ich, erneut ein paar Atemübungen zu machen. Die Situation war so absurd, dass ich paradoxerweise wieder zur Besinnung kam. Wie besprochen, meldete ich mich per Stumme Rede bei Juffin.

»Meine Suche ist zu Ende. Ich stehe hier vor einem Haus am linken Flussufer.«

»Fein. Kannst du mir etwas genauer sagen, wo du bist?«

»Ganz in der Nähe des Petow-Friedhofs. Mehr weiß ich auch nicht. In den Gassen hier finde ich mich nicht zurecht.«

»Kein Wunder. Aber in der Gegend dort kenne ich nicht ein einziges verdächtiges Haus - außer der Residenz von Sir Maba Kaloch natürlich. Doch ich habe Sir Schürf gebeten, dir Gesellschaft zu leisten. Du kannst bald mit ihm rechnen.«

»Das freut mich aber«, sagte ich. »Was meinen Sie -kann ich das Grundstück betreten, oder soll ich besser warten?«

»Das kann ich von hier aus nicht sagen. Bleib besser an Ort und Stelle. Ich kenne dich ja schon ein wenig und weiß, dass du etwas übermütig bist.«

Ehrlich gesagt: Seine Vermutung, ich könnte auf eigene Faust weiterermitteln, schmeichelte mir.

»Jedenfalls kann ich dir einige interessante Neuigkeiten über den Toten und seine Brille erzählen«, fuhr mein Chef fort. »Der Mann, den du gestern getötet hast, ist ein ganz normaler, völlig unauffälliger Mensch. Und das verstehe ich nicht. Soweit ich weiß, steht das Haus, vor dem du wartest, seit Jahren leer. Wenn du es mit Schürf betrittst, versuch auf alle Fälle, die Spur des Hauseigentümers ausfindig zu machen. Vielleicht habt ihr Glück und könnt noch weitere Spuren entdecken. Ich wünsche dir viel Erfolg. Und wenn ihr Probleme habt, meldet euch bitte sofort per Stumme Rede bei mir. Ich versuche jetzt, im Großen Archiv weitere Details über den Besitzer herauszufinden. Ende.«

»Was würde ich bloß ohne Sie anfangen!«, rief ich und griff zur nächsten Zigarette.

Ich rauchte, faulenzte ein wenig und dachte, ich könnte eigentlich etwas Vernünftiges tun, solange Lonely-Lokley noch nicht da war - zum Beispiel ins Haus gehen.

Das Tor ließ sich leicht öffnen, da das Schloss nur provisorisch war. Ohnehin ist es in Echo unüblich, sein Grundstück zu sichern. Manchmal passieren zwar auch hier Einbrüche, aber viele Leute finden es trotzdem ausreichend, ihr Haus nur mit einem Talisman zu schützen.

Plötzlich hörte ich ein Knurren, drehte mich um und erstarrte. Aus einer Ecke gähnte mir das Maul eines riesigen Hundes entgegen. Ich war auf alles Mögliche gefasst, aber nicht darauf, so einem Monster zu begegnen. Außerdem habe ich Angst vor Hunden - sogar mehr als vor Ratten. Die Bestie, die mich da anstarrte, war zweifelsohne ein aufs Töten gedrillter Kampfhund.

»Oje«, seufzte ich. Das war zwar nicht besonders geistesgegenwärtig, aber mein Kopf war völlig leer. Ich erinnerte mich rasch der Ratschläge, die ich als Kind für diese Situation bekommen hatte: dem Hund nicht den Rücken zuwenden; keine schnellen Bewegungen machen; möglichst ruhig und selbstsicher stehen bleiben.

Als ich mir all dies vor Augen geführt hatte, kam das Tier auf mich zu. Es war ein wunderschöner, riesiger Hund, der in meinen erschrockenen Augen einem Bären ähnelte. Er schaute mich ruhig an und bellte nicht einmal, doch ich merkte, dass ich vor Angst wie gelähmt war.

Aber spucken konnte ich doch noch! Plötzlich fiel mir auf, dass ich schon lange kein erschrockener, hilfloser Junge mehr gewesen war.

Natürlich spuckte ich, traf das Tier aber nicht. Nur das Holztor bekam ein kleines Loch, doch mehr konnte ich nicht ausrichten. Ich wäre liebend gern geflohen - am besten durch die Luft. Aber ich beherrschte mich, blieb, wo ich war, und spuckte erneut.

Ich hätte nicht gedacht, in so kurzer Zeit die ganze Palette von Gefühlen zu erleben: Kaum sah ich den Hund tot am Boden liegen, verwandelte sich meine lähmende Angst in geradezu euphorische Erleichterung.

Das Monster mit der schwarzen Schnauze war erst das zweite Lebewesen, das ich mit meiner Spucke getötet hatte. Ich hatte also zu wenig Opfer auf dem Gewissen, um mir etwas darauf einbilden zu können. Wenn ich aber all die dazuzählte, die ich auf andere Weise ums Leben gebracht hatte, konnte ich allmählich beginnen, meinen Todesmantel mit Stolz zu tragen.

Nun kam ein A-Mobil um die Ecke. Es fuhr so langsam, dass es fast nicht zu hören war. Verwundert stellte ich fest, dass Sir Schürf in der Nuckelpinne saß.

»Guten Tag, Max«, sagte er beim Aussteigen, und sein Blick verweilte sekundenlang auf dem toten Hund. »Ich hatte dich immer für tierlieb gehalten.«

»Und ich dachte immer, die Tiere lieben auch mich. Aber so täuscht sich der Mensch. Kurusch würde sich über diese Einsicht sicher freuen.«

»Hat der Hund dich angegriffen? Interessant. Gut, gehen wir ins Haus. Sir Juffin vermutet, dass es leer steht, aber sei trotzdem vorsichtig und bleib hübsch hinter mir. Du hast dein Soll an Selbstverteidigung für heute erfüllt.«

»Das sehe ich auch so. Ich hätte nicht einmal etwas dagegen, wenn du allein ins Haus gehen würdest.«

»Ich fürchte, deine Anwesenheit ist unentbehrlich«, entgegnete Schürf und gab sich Mühe, seiner versteinerten Mimik etwas Mitleid abzuringen.

Der Schnitter des Lebensfadens zog die Schutzhandschuhe aus, und seine tödlichen weißen Handschuhe schimmerten, als wollten sie der aufgehenden Sonne Konkurrenz machen.

Allem Anschein nach war der große Hund der einzige Bewohner des Hauses. Entgegen Juffins Ankündigung konnte ich keine Spur eines mächtigen Zauberers entdecken.

»Mist!«, rief ich und trat ärgerlich gegen einen Stuhl, der mitten im Wohnzimmer stand.

Als er zerbrach, zuckte ich zusammen. Meine Nerven lagen blank.

»Was ist los, Max?«, fragte Lonely-Lokley. »In so einem Zustand sehe ich dich zum ersten Mal.«

»Und - gefalle ich dir so?«, fragte ich lächelnd.

Ehrlich gesagt: Ich fühlte mich besser, denn ich hatte all meinen Ärger an dem Möbelstück ausgelassen.

»Ob du mir gefällst? Geschmackssache. Ich glaube, es hat dir nicht sehr gut getan, dem Toten auf die Spur zu treten. An deiner Stelle würde ich ein paar Atemübungen machen. Ich kann ja währenddessen mal durchs Haus gehen. Vielleicht entdecke ich einen zweiten Eingang. Nach meinem Gefühl muss es hier so was geben.«

Schürf verschwand, und ich befolgte seinen klugen Rat. Zwar hatte er ein ausgesprochenes Faible für seine Übungen, doch sie hatten auch mir stets geholfen.

Nach wenigen Minuten war ich bester Laune, was ganz und gar nicht zu den Ereignissen passte. Ich war womöglich sogar etwas übermütig, aber das ist ja keine Sünde.

»Max, kannst du zu mir kommen?«, hörte ich Lonely-Lokley aus dem Keller fragen. »Ich hab hier unter der Treppe eine Geheimtür gefunden, die wir uns genauer ansehen sollten.«

Sekunden später quetschte ich mich durch eine Tür, die allenfalls die Größe eines Toilettenfensters hatte.

»Schürf, was ist denn das für ein ...?«, begann ich, verstummte aber, weil mir alles klar vor Augen lag.

»Hast du noch nie Menschenknochen gesehen? Oder bist du nie auf die Idee gekommen, dass wir alle mit so einem Skelett rumlaufen?«, fragte Schürf gelassen.

Offenbar machte er sich nicht über mich lustig, sondern erwog diese Möglichkeiten ganz sachlich.

»Natürlich weiß ich, dass der Mensch aus vielen Knochen besteht«, sagte ich und erschrak über meinen lehrerhaften Ton. »Aber so viele Skelette habe ich noch nie gesehen. Was mag hier los gewesen sein? War das etwa ein Kannibalentreff?«

»Möglich«, meinte Lonely-Lokley ungerührt. »Nach meinem Eindruck hat es hier allerdings nur einen Kannibalen gegeben, denn ich entdecke keine weiteren Spuren.«

»Stimmt. Die anderen Spuren gehören zu den Skeletten, und das zehrt an meinen Nerven. Sind wir wirklich in die Höhle eines Kannibalen geraten? Ich folge jetzt der Spur des toten Brillenträgers - mal sehen, was dabei herauskommt.«

»Manchmal erschrickst du mich«, seufzte Schürf. »Willst du dieses Risiko tatsächlich eingehen? Übrigens habe ich mich gerade per Stumme Rede bei Juffin gemeldet, und er befiehlt uns, sofort ins Haus an der Brücke zurückzukehren.«

»Warum das denn? Was ist passiert?«

»Bis jetzt noch nichts. Juffin ist der Meinung, es gibt effektivere Methoden, diesen Fall zu lösen. Zum Beispiel will er den unbekannten Toten, den du in deiner Handfläche zu uns gebracht hast, wieder zum Leben erwecken. Dann kannst du dich mit ihm unterhalten. Vielleicht erzählt er dir einiges. Du hast schließlich einen guten Draht zu den Toten - das war ja schon im Wald von Mahagon so.«

»Na, keine Spuren gefunden?«, fragte Juffin uns schon an der Tür. »Unser Gegner ist offenbar klüger als wir dachten. Unsere Chancen, seine Spur komplett zurückzuverfolgen, waren ohnehin nie günstig. Max, dein trauriges Gesicht passt mir nicht. Arbeite bitte an deiner Mimik.«

»Wenn Sie die Knochen gesehen hätten, würden Sie anders reden.«

»Ich habe in meinem Leben schon viele Menschenknochen gesehen - das kannst du mir glauben, Freundchen. Doch im Gegensatz zu dir macht mir dieser Anblick nichts aus. Also gut, geht Kamra trinken und esst was. Schürf, versuch doch, dieses Nervenbündel ein wenig aufzubauen. Ich gehe derweil ins Leichenschauhaus. Ich denke, in einer halben Stunde ist unser toter Freund gesprächig. Es gibt also noch was für dich zu tun, Max.«

»Wollen nicht Sie mit ihm reden?«, fragte ich erstaunt.

»Wenn du willst, kann ich mit jedem reden, auch mit Magister Nuflin Moni Mach. Aber bei wiedererweckten Toten ist das eher aussichtslos. Die reagieren auf alle Fragen ganz gleichgültig, weil sie - wie soll ich sagen? -nichts zu verlieren haben. Aber du bist ein Glückspilz, und darum gelingt es dir vielleicht, ihm etwas zu entlocken.«

Fassungslos sah ich meinen Chef an. »Das ist ja ganz was Neues. Ist diese Verantwortung nicht etwas zu groß für mich?«

»Du musst dich wohl langsam daran gewöhnen«, meinte Juffin, lächelte spöttisch und verschwand im Flur. Schürf und ich blieben mit einem Tablett aus dem Fressfass zurück. Trotz all der nekrophilen Eindrücke war mein Appetit zum Glück nicht geringer geworden.

»Schürf, findest du die ganze Geschichte nicht ziemlich seltsam, selbst für hiesige Verhältnisse? In Echo lebt ein gewisser Mochi Fa. Er ist eigenwillig und nörglerisch, spürt aber ab und an das Bedürfnis, jede Bitte zu erfüllen - von Befehlen ganz zu schweigen. Ich bin mir sicher, dass er diese weiche Phase nur bei Vollmond erlebt. Und unser Kannibale hat offenbar davon gewusst -auch dessen bin ich mir gewiss. Er war aber nicht fit in Astronomie, und das wurde ihm zum Verhängnis. Er kam einfach zu früh zu Mochi, um »Komm mit!* zu sagen. Mochi war empört. Ich habe zufällig selbst gesehen, wie er seinem Gast den Vogel gezeigt hat. Zum Glück konnte ich mich am nächsten Tag noch an diese Geste erinnern, an dem Tag also, als Mochi ihm lammfromm folgte. Und schließlich ist bei diesem Fall - um uns Ermittlern das Leben noch schwerer zu machen -auch eine Brille wichtig, durch die Mochis Gesicht in seltsamem Licht erscheint.«

»Warte, Max, nicht so schnell«, unterbrach mich Lonely-Lokley. »Ich weiß, was du meinst, denn ich kenne die Legende, die sich um Brillen und Mondphasen rankt.«

»Dann schieß los - ich kenne sie nämlich nicht.«

»Bedenk bitte, dass ich kein besonders guter Erzähler bin. Die Legende geht so: Vor sehr langer Zeit, noch vor der Geburt von König Mjenin nämlich, existierte in dieser Welt der mächtige Clan der Mondbullen. Leider weiß ich nicht mehr genau, wie sie lebten und womit sie sich beschäftigten. Diese Mondbullen gediehen prächtig, bis sie eines Tages mit ihrem Gönner, dem Mond, in Streit gerieten. Die Einzelheiten kenne ich leider nicht. Ich weiß nur, dass der Mond von seinen Anhängern die Befolgung seltsamer Rituale verlangte, und das haben die Mondbullen abgelehnt.«

»Vielleicht waren sie einfach zu faul dazu«, vermutete ich kichernd.

»Max, du lachst, hast aber durchaus Recht. Die Faulheit des Menschen ist oft Ursache unbegreiflicher Tragödien. So war es auch im Fall der Mondbullen: Der Fluch des Trabanten erreichte sie, und sie zerstreuten sich über die ganze Welt, vermischten sich mit anderen Menschen und verloren so ihre Kraft und ihre mystische Verbindung zu unserem rätselhaften Himmelsbegleiter. Man nimmt an, dass viele Nachfolger der Mondbullen durchaus erfolgreich, aber auch sehr eigensinnig sind. Allerdings lassen sie sich kaum von normalen Menschen unterscheiden - nur bei Vollmond sind sie erstaunlich weich«, sagte Lonely-Lokley und sah gedankenverloren in die Ferne. ••Die Legende gefällt mir nicht besonders. Man nimmt an, diese Menschen warten darauf, dass der Mond aufgeht und ihnen sagt: -Kommt mit!* Dann wird sich der alte Clan erneut finden und wieder an die Macht gelangen. Aber denk daran: Es gibt auch Nachkommen der Mondbullen, die von ihrer Identität nichts wissen und sich nur bei Vollmond ein wenig ändern. Ihrem Schicksal haftet durchaus etwas von einem Fluch an.«

»Du bist ein fantastischer Erzähler, Schürf. Deine Geschichte war präzis und klar. Aber was ist mit der Brille? Was weißt du darüber?«

»Gar nichts, aber mein logisches Denken flüstert mir, dass jemand eine Methode entdeckt haben muss, die Nachkommen der Mondbullen zu erkennen. Und ich vermute, dass die Brille genau diesem Zweck dient.«

»Nach unserem Ausflug in die Welt des Kannibalismus kann ich nur fragen: um sie zu essen?«

»Das könnte durchaus der Grund sein«, meinte Lonely-Lokley ruhig. »Wer einen Menschen isst, verleibt sich einen Teil seiner Macht ein. Es lohnt zwar nicht, normale Menschen zu verputzen, aber mächtige Zauberer zu verspeisen, zeigt durchaus Wirkung. In der Ordensepoche war das gang und gäbe, obwohl solche Taten - anders als ungebildete Menschen glauben - keine besondere Bedeutung hatten. Vielleicht ist jemand auf die Nachkommen der Mondbullen scharf, um sich ihre Macht einzuverleiben. Das halte ich für eine plausible Erklärung. Ich würde mich also nicht wundern, wenn du Recht hättest.«

Verlegen und bescheiden wie ich war, konnte ich bei dieser Bemerkung nur die Augen verdrehen. Eigentlich aber brannte ich vor Neugier und wollte Sir Schürf fragen, ob er schon an solchen Mahlzeiten teilgenommen hatte. Vor meinem inneren Auge sah ich ihn gierig an einem Knochen nagen.

»Schockiert dich das etwa?«, fragte Lonely-Lokley kopfschüttelnd. »Das finde ich aber seltsam. Dem Toten kann es doch egal sein, wie man mit ihm umgeht. Oder hast du Angst, dass du auch mal jemanden verspeisen musst? Keine Sorge, die Ordensepoche ist seit Jahrzehnten vorbei. Außerdem gibt es bessere Wege, sich die Kraft anderer einzuverleiben.«

»Steht mir der Schock denn so deutlich im Gesicht?«, fragte ich schuldbewusst.

»Inzwischen nicht mehr.«

»Max, dein Patient ist fertig. Auf in die Leichenhalle!«

»Der Chef hat sich per Stumme Rede bei mir gemeldet und mich zu sich gebeten. Schürf, kommst du mit?«, bat ich Lonely-Lokley. »Das würde mich beruhigen.«

»Gut, gehen wir. Ich bin auch gespannt.«

Wir gingen zusammen in das kleine Zimmer, das im Haus an der Brücke als Leichenhalle diente.

Juffin saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden. »Setzt euch z


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u mir, Jungs«, rief er freundlich. »Schaut euch dieses wunderbare Produkt meiner geschickten Hände an. Ich hatte gehofft, mich nie mehr mit so was beschäftigen zu müssen.«

Der Tote lag in einem zerknitterten dunklen Lochimantel reglos in der Ecke.

»Meine Reanimationsversuche sind nicht sehr erfolgreich gewesen«, meinte Juffin. »Hätte ich es gründlicher machen wollen, hätte ich einige Tage dafür gebraucht. Darum hat der Bursche ziemliche Probleme, sich zu bewegen, aber das ist auch gut so. Ich habe nämlich keine Lust, ihn wieder einzufangen. Ich glaube, er kann mit mir reden, doch leider will er nicht sprechen.«

»Aber mit mir wird er sicher reden«, sagte ich etwas gereizt. »Was bleibt ihm schon anderes übrig?«

Ich war seltsam überzeugt, meine Kugelblitze abfeuern und darauf achten zu müssen, mich nicht von meinen Emotionen überwältigen zu lassen. Ich rechnete damit, Juffin und Schürf würden einen Wasserfall von Ratschlägen auf mich einregnen lassen, aber Fehlanzeige: Sie warteten ruhig ab, bis ich mich daranmachte, den Toten zu verhören.

Ich zügelte meine rasenden Gedanken und schnippte mit der Linken. Ein kleines, durchsichtiges Feuer erschien auf meinen Fingerspitzen, fuhr gegen die Brust des Toten, flammte auf und verschwand.

»Ich stehe Euch zu Diensten, Herr«, sagte der Tote sanft.

Ich seufzte sichtlich erleichtert. Juffin sah mich belustigt an, sagte aber nichts. Ich wandte mich ihm zu: »Brauchen Sie außer der Adresse noch weitere Informationen?«

»Die vor allem. Und dann befiehl ihm bitte, auf meine Fragen zu antworten. Schürf und du, ihr braucht keine Zeit mit weiteren Untersuchungen zu verlieren.«

»Toll«, sagte ich und wandte mich dem Toten zu. »Wohin wolltest du Mochi fahren? Ich brauche die Adresse und die genaue Wegbeschreibung.«

»Man muss die Stadt durch das Tor Kagilamuch verlassen und immer geradeaus fahren, bis alle Häuser hinter einem liegen. Der Weg führt dann durch einen Hain, hinter dem ein kleines Dorf liegt. Ich weiß nicht, wie es heißt, aber man kann es nicht verfehlen. Hinter dem Dorf beginnt der Wald, und der Mensch, in dessen Auftrag ich gehandelt habe, lebt in diesem Wald. Es ist leicht, sein Haus zu finden, denn es führt nur ein Weg dorthin. Wenn er zu Ende ist, müssen Sie aussteigen und nach links gehen. Nach ein paar Minuten stehen Sie vor seinem Haus. Wenn das Licht brennt, sieht man das Gebäude schon von weitem. Das war's.«

»Lebt dein Chef dort allein?«

»Ja. Er lässt zwar noch andere für sich arbeiten, aber sie tauchen dort nur selten auf.«

»Hat er vielleicht einen großen Hund?«

»Nein - Baka Bugwin hat keine Angst, vor niemandem.«

»Baka Bugwin? Der also steckt hinter dieser romantischen Geschichte!«, unterbrach ihn Sir Juffin.

»Warum finden Sie diese Geschichte romantisch?«, fragte ich erstaunt.

»Baka war ein sehr enthusiastischer Junge. Man warf ihn aus dem Orden des Geheimen Krauts. Er schrieb zwar geniale Gedichte, plauderte aber ab und zu die größten Geheimnisse seines Ordens aus. Ich hätte damals gern wissen wollen, wie er überhaupt an diese Geheimnisse gelangt war - schließlich war er nur ein bescheidener Novize. Zum Glück hatte der damalige Große Magister Chona ein Faible für moderne Dichtung. Sonst hätte man Baka womöglich an Ort und Stelle umgebracht. Aber seine Gedichte haben bis heute nichts von ihrer Kraft verloren. Bleibt also bitte tapfer, ihr Lieben, falls er etwas aus dem Gedächtnis rezitieren sollte.«

»Für Gedichte bin ich kaum zu begeistern«, seufzte ich. »Mich reizt fast alles, aber sicher keine Poesie - die ideale Voraussetzung also, um Literaturkritiker zu werden.«

»Literaturkritiker? Was ist denn das für ein Beruf?«, fragte Lonely-Lokley interessiert.

»Einer der gefährlichsten Berufe der Welt«, meinte ich. »Kritiker lesen fleißig, was andere geschrieben haben, und versuchen ihnen dann zu erklären, warum es ihnen nicht gefallen hat. Manche bemühen sich sogar, mit dieser Tätigkeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.«

»Seltsame Beschäftigung«, sagte Schürf gedankenverloren.

Ich wollte schon mit ihm darüber diskutieren, da stieß Sir Juffin mir den Ellbogen in die Seite.

»Max«, meinte er hastig, »hast du schon alles geklärt?«

»Ich glaube ja. Was meinen Sie?«

»Ich finde die Adresse am wichtigsten - und die kennst du schon. Ich werde mich weiter mit dem Mann unterhalten, und wenn ich etwas Interessantes herausgefunden habe, sage ich dir per Stumme Rede Bescheid.«

»Juffin, vielleicht muss Max nirgendwohin«, rief Lonely-Lokley unvermittelt. »Wie Sie wissen, kann ich alles allein erledigen.«

»Stimmt, Schürf. Aber hast du etwas dagegen, wenn er dich begleitet?«

»Nicht das Geringste. Ich möchte nur nicht, dass er sein Leben riskiert, wenn sich das vermeiden lässt.«

»Er kann auch bei mir bleiben, die Treppe runterfallen und sich das Genick brechen. Man weiß nie, wann man sein Leben riskiert. Also fahrt ruhig zu zweit.«

Ich lauschte ihrem Gespräch und blickte von einem Gesicht zum anderen.

»Hört auf, mich zu erschrecken. Ich hab schon Angst genug. Aber soweit ich es verstanden habe, muss ich sowieso mitkommen, weil ich die Sache ins Rollen gebracht habe.«

»Richtig«, meinte Juffin. »Ich möchte dich gar nicht erschrecken, sondern die ganze Sache eher philosophisch betrachten. Ich habe nicht die Vorahnung, dass du demnächst die Treppe herunterfällst - das schwöre ich dir. Fahrt bitte los und bringt mir den Kopf des verrückten Dichters Baka.« Bei diesen Worten zwinkerte Juffin mir zu und ergänzte: »Ich habe vor, ihn zu verspeisen.«

Ich sah meinen Chef ehrlich erschrocken an, und Juffin lachte laut.

»Seltsam«, meinte Schürf kopfschüttelnd. »Wo ist denn dein Humor geblieben, Max?«

Demonstrativ wühlte ich in den Taschen meines Mantels und schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Als ich aus dem Haus ging, hatte ich ihn noch - dessen bin ich mir sicher.«

»Du verlierst ihn einfach immer wieder«, meinte Juffin mit gespieltem Ärger. »Übrigens hast du den Toten vergessen. Du fährst einfach weg, und ich muss mich mit ihm quälen.«

Ich wandte mich der Leiche zu und sagte streng: »Du musst dich mit diesem Mann unterhalten und all seine Fragen beantworten - auch wenn sie dir indiskret Vorkommen. Und wenn der Mann dir zu sterben befiehlt, musst du auf ihn hören.«

»Gut, mein Herr«, sagte der Tote phlegmatisch.

Schürf und ich verließen die Leichenhalle. Ich dachte an Juffins Worte und hielt mich auf der Treppe am Geländer fest.

»Warum wolltest du eigentlich allein fahren«, fragte ich, als wir in meinem A-Mobil saßen. »Kannst du mich etwa nicht mehr ertragen?«

»Ich liebe es, wenn du so gereizt bist«, sagte Schürf, »doch es ist ganz anders: Ich habe keine dummen Vorahnungen; ich habe nur den Eindruck, dass der Tod dich aufmerksamer beobachtet als andere. Aber ich will nicht,

dass du vor meinen Worten erschrickst, und ich denke auch nicht, dass du bald sterben musst.«

»Was willst du mir damit sagen?«

»Nur das, was du gehört hast. Der Tod beobachtet dich. Deshalb solltest du ihn nicht grundlos reizen.«

»Schon gut. Ich hätte nie gedacht, dass mich mal wer zur Vorsicht mahnen würde. Ich bin von Natur aus sehr ängstlich. Ist dir das noch nicht aufgefallen?«

»Das bildest du dir nur ein. Manche Leute überschätzen ihre Eigenschaften.«

Wir rasten aus der Stadt und kamen nach ein paar Minuten in ein Wäldchen.

»Hier ist es aber seltsam«, meinte ich. »Bisher dachte ich, die Bäume in Uguland würden genauso aussehen wie bei uns in den Leeren Ländern, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. In meiner Heimat gibt es außerdem sehr hübsche Häuschen, und ich würde gern eins davon besitzen. Das, was hier steht, sieht dagegen nicht gerade einladend aus.«

»Dieses Dorf steht seit Anfang der Traurigen Zeit leer.«

»Und warum hat man es nicht abgerissen?«

»Wieso denn? Im Vereinigten Königreich gibt es Platz genug, und niemand siedelt gern dort, wo etwas Schreckliches passiert ist.«

»Jetzt verstehe ich allmählich«, seufzte ich. »Unser großer, aber gescheiterter Dichter Baka Bugwin hat nicht zufällig ein Haus in einem abgelegenen Wald bezogen.«

»Natürlich nicht. An seiner Stelle hätte ich das Gleiche getan. Wir müssen in den schmalen Weg dort biegen.«

»Ich kann nicht behaupten, dass er sich für A-Mobile eignet, aber da kann man nichts machen«, seufzte ich.

Nach ein paar Minuten war der Weg endgültig nicht mehr befahrbar. Also stiegen wir aus und gingen zu Fuß. Sir Schürf streifte seine Schutzhandschuhe ab, und ich sah begeistert auf seine tödlichen Hände.

»Du würdest staunen, wenn du wüsstest, wie sehr mich dieser Anblick beruhigt«, sagte ich lächelnd. »Ich meine deine Pfoten.«

»Warum sollte ich darüber staunen? Der Anblick meiner Pranken beruhigt mich selbst immer wieder. Ich glaube, links vor uns sehe ich ein Gebäude. Das dürfte das Haus von Baka Bugwin sein.«

Das Haus war erstaunlich leicht zu finden. Der Tote hatte uns nicht belogen. Baka Bugwin versuchte nicht einmal, sich zu verstecken. Offenbar hatte er wirklich vor niemandem Angst.

»Sei bitte vorsichtig und bleib hinter meinem Rücken«, ermahnte mich Lonely-Lokley.

»Und wenn er uns von hinten angreift?«

»Rede keinen Unsinn, Max. Es ist sehr schwer, mich zu überraschen. Außerdem spüre ich, dass er nicht allein ist.«

»Hat ihm ein treuer Diener eine Lieferung Frischfleisch besorgt?«, fragte ich lächelnd. »Wer weiß, vielleicht werden wir ja zum Essen eingeladen - Gastfreundschaft und so.«

»Nein, das zweite Wesen ist kein Mensch, aber ich weiß noch nicht, worum es sich sonst handelt. Sei jetzt endlich still und rechne mit allem.«

Jetzt wirkte sogar Lonely-Lokley ziemlich beunruhigt -falls das überhaupt möglich war.

Wir betraten den großen Bungalow. Es war absolut still.

»Hier ist niemand«, flüsterte ich.

»Sie sind unten«, flüsterte Schürf zurück. »Ich spüre sie im Keller.«

Wir gingen die kleine Treppe runter. Meine Augen wurden langsam zu denen eines echten Bewohners von Uguland, und ich konnte sehr gut im Dunkeln sehen.

»Wir müssen noch tiefer runter«, erklärte Schürf.

Also nahmen wir eine noch kleinere Treppe, die diesmal nicht aus Stein, sondern aus Holz war. Höchst konzentriert betrat ich Stufe für Stufe und dachte an Sir Juffin und seine philosophischen Erwägungen über Treppenstürze und andere Lebensrisiken. Doch auch diesmal passierte mir nichts.

Ich stieg die schmale Treppe so vorsichtig runter, dass ich fast gestürzt wäre. Grelles Licht blendete mich. Ich sah nur, dass sich Lonely-Lokleys Linke hob. Aufs Schlimmste gefasst, ging ich in die Hocke und erwartete, vor meinen Augen werde sich eine große Schlacht mit allen Helden der Vergangenheit zutragen. Doch es passierte etwas ganz anderes: Schürf senkte die Hand, und ein wenig silberne Asche rieselte dort auf den Boden, wo eben noch Baka Bugwin gestanden hatte.

»Das war es schon?«, fragte ich etwas enttäuscht. »Sind wir so schnell mit ihm fertig geworden?«

»Wie immer«, sagte Schürf achselzuckend. »Aber das war noch nicht alles. Baka Bugwin haben wir erledigt,

aber hier hält sich noch jemand auf. Wir müssen ihn möglichst rasch finden. Am besten wäre es, wenn er zu uns runterkäme. Pass auf - ich rufe ihn jetzt.«

Schurfs leuchtende Hände malten im Dunkeln seltsame Muster. Ihr Nachbild blieb lange auf meiner Netzhaut zurück und hatte etwas Hypnotisches. Die Magister mögen wissen, wozu diese Trance gut war. Zum Glück war sie schnell vorbei.

»Er kommt nicht«, sagte Sir Schürf enttäuscht. »Versehentlich habe ich dich statt seiner verzaubert. Also müssen wir ihn suchen gehen, Max. Es ist zwar nicht besonders angenehm, ihm in diesem riesigen Keller nachzuspüren, aber ich sehe keine andere Möglichkeit.«

»Na gut. Um was für ein Wesen handelt es sich denn?«

»Um ein mir unbekanntes Wesen. Vielleicht ist es sogar gefährlich - wir werden ja sehen.«

Plötzlich klopfte eins meiner Herzen an den Brustkorb.

»Schürf«, rief ich, »lass uns gehen! Jetzt bin ich ...«

Mich überkam eine warme Welle fremder Wahrnehmungen, und ein paar Minuten lang war ich nicht mehr ich selbst. Aber in der dunkelsten Ecke meiner Seele blieb mir etwas Bewusstsein erhalten und gab mir leise zu verstehen, dass es keine Wunder mehr wollte, sondern davon träumte, endlich nach Hause zurückzukehren und nie wieder in eine gefährliche Situation zu geraten. Plötzlich öffnete ich mich einer ganz neuen Bewusstseinsschicht, glaubte, drei fünfzigjährige Kiefern zu sein, verlor mich dann, fand mich wieder und sah mich von außen als ein in Fell gewickeltes Wesen.

Dann kehrte alles schnell und leicht zum Normalzustand zurück - vielleicht verdächtig schnell, aber ich war trotzdem zufrieden, schielte auf das unbewegte Gesicht von Lonely-Lokley und musste lachen. Jetzt war mir alles klar.

»Was war das?«, fragte Schürf erstaunt. »Was hat dich zum Lachen gebracht?«

»Das zweite Wesen ist ein schutzloses Tier. Es ist ein bemerkenswert großes Exemplar, stammt aber nicht aus dieser Welt. Ich weiß nicht genau, wie es aussieht, aber es hat Angst und möchte gestreichelt werden.«

»Gestreichelt?«, wiederholte Schürf etwas ratlos. »Bist du dir sicher? Na schön - aber wo ist es?«

Unsere Suche im dunklen Keller erschien mir zwar chaotisch, verlief aber nach einem mir unerfindlichen System, das Sir Schürf sich ausgedacht hatte. Die Abfolge seiner Bewegungen erinnerte mich ans Schachspiel: Wir machten ein paar Schritte nach vorn, dann ein paar zur Seite und dann wieder ein paar nach vorn. Ich verstand zwar nichts davon, stellte aber keine Fragen, denn Lonely-Lokley wusste Bescheid.

Nach etwa einer halben Stunde fanden wir, was wir gesucht hatten. Aus der Ecke eines kleinen Kellerraums sah uns ein erschrockenes, schwach schimmerndes Wesen an. Es wollte essen, und es wollte zu Mama, doch ich fürchtete, dass die gute Mama weit und breit nicht aufzutreiben war.

Vorsichtig ging ich über den unebenen Boden auf das Wesen zu und stolperte dabei ab und zu über Hindernisse, die sich später als Menschenknochen erweisen sollten.

»Max, wo willst du hin?«, fragte Schürf mich streng.

»Dieses Tier ist sicher ungefährlich«, sagte ich rasch. »Töte es bitte nicht. Ich glaube, es ist sehr sympathisch.«

»Meinst du wirklich?«, fragte Lonely-Lokley skeptisch.

»Ja«, rief ich und stand neben dem seltsam schimmernden Wesen. »Schürf, du wirst staunen, aber es handelt sich um einen kleinen Bullen.«

Der Jungstier wollte meine Hand lecken, doch es gelang ihm nicht. Wir waren nicht aus einem Holz geschnitzt: Ich war ein Mensch aus Fleisch und Blut, und er war glibberig wie Gelee und ähnelte einem erst halb entwickelten Gespenst.

»Ein Stier, sagst du?«, fragte Schürf und schüttelte erstaunt den Kopf. »Jetzt verstehe ich allmählich. Gut, dass er noch klein ist. Wenn wir ein paar Jahre später gekommen wären Ich wollte vor allem den Rücken des Tiers streicheln. Er fühlte sich seltsam an - wie warmer Atem. Aber es gab dort noch etwas, das mir völlig unbekannt war.

»Das ist ein Mondstier, Max«, erklärte Lonely-Lokley, »ein echter Mondstier, der zum Glück noch ein Kalb ist. Die Legende sagt, das Mondlicht habe ihn geboren und er ernähre sich ausschließlich von den Herzen der besten Menschen. Jetzt erst ist mir klar, dass unter den -besten Menschen« vor allem die Nachkommen der Mondbullen zu verstehen sind. Irgendwann bekommt er einen richtigen Körper. Die Legende sagt, dann gehe die Welt zugrunde. Also muss ich den Mondstier töten. Außerdem ist seine Ernährungsweise zu gefährlich - findest du nicht auch?«

»Mach, was du willst!«, rief ich. »Diese Welt gefällt mir, und ich möchte nicht, dass sie untergeht. Aber jetzt verstehe ich Baka Bugwin. Wie jeder echte Dichter wollte er die Apokalypse herbeiführen. Warte bitte noch einen Moment. Ich muss all diese Erkenntnisse erst mal verdauen.«

»Tu das«, meinte Lonely-Lokley. »Unterdessen berichte ich Sir Juffin, was hier vorgefallen ist.«

Erneut streichelte ich unsere Entdeckung. Das Tier schnaufte leise und rieb sich an meinem Todesmantel. Jetzt war mir klar: Er muss einfach nach Hause zurückkehren wie jedes andere kleine Wesen, das sich verlaufen hat. Intuitiv schnippte ich mit den Fingern, und ein Kugelblitz traf seinen geleeartigen Körper. Der Stier sprach mich natürlich nicht an, sondern sah mir nur in die Augen und wartete, was weiter geschehen würde.

»Kehre dorthin zurück, woher du gekommen bist!«, befahl ich ihm. »Ich nehme an, dein Stall steht auf dem Mond, aber du weißt das sicher am besten.«

Das Tier schrumpfte zusammen, und nach einigen Sekunden stand nur noch eine winzige leuchtende Figur vor mir. Man musste schon genau hinsehen, um noch Ähnlichkeiten mit einem Stier zu erkennen.

»Sag Juffin, dass ich den Mondstier in seinen Stall geschickt habe«, sagte ich stolz zu Sir Schürf und ging zur Treppe zurück. »Und sag ihm, dass ich ein Genie bin, falls er noch nicht darauf gekommen sein sollte.«

Ich wollte unbedingt an die frische Luft. Als das sympathische Tier verschwunden war, merkte ich, dass ich es in dem schrecklichen Keller nicht länger aushalten konnte.

Auf dem Rückweg redete ich wie ein Wasserfall über die Dichter, vor allem über den verrückten Baka Bugwin und seinen apokalyptischen Traum. Ich weiß nicht, wie Sir Schürf mein Geplapper ausgehalten hat. Er ist sicher ein Heiliger.

Im Büro erwartete uns ein üppig beladenes Tablett aus dem Fressfass.

»Toll«, sagte ich lächelnd. »Kamra, Piroggen und kein einziges Stück Menschenfleisch!«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Juffin spöttisch.

Ich schob mir eine riesige Pirogge in den Mund, redete aber unverdrossen weiter: »Hat der Dichter Baka Bugwin dem Stier tatsächlich Menschenherzen zu fressen gegeben? Ich wüsste ja gern, wie er die Nachfahren der Mondbullen aufgespürt und das Tier gefüttert hat. Das alles wirkt so ungemein unreal!«

»Nimm nicht alles, was du hörst, für bare Münze«, sagte Juffin seufzend. »Die Geschichte mit den Mondbullen ist nur eine Legende. Natürlich hat unser Dichter die Menschenherzen selber gegessen. Das hat ihm die Kraft gegeben, die er brauchte. An den Stier hat er nur die Schatten der Herzen verfüttert. Das ist eine komplizierte Geschichte, Junge, und ich bin mir nicht sicher, ob du sie erklärt bekommen willst. Es gibt in dieser Welt vieles, das sich schlecht berichten lässt. Jedes Wort erscheint einem platt und unpassend. Man muss solche Phänomene einfach nehmen, wie sie sind.«

»Gut, ich will versuchen, damit zufrieden zu sein. Aber stillen Sie bitte meine Neugier, Juffin, und sagen Sie mir, ob es richtig von mir war, das Tier nach Hause in seinen Stall zu schicken.«

»Du weißt doch selbst, dass du alles richtig gemacht hast. Abgesehen davon wäre es natürlich klüger gewesen, mich vorab und nicht erst im Nachhinein um Rat zu fragen.«

Sir Schürf stellte einen Krug auf den Tisch und sah unseren Chef fragend an. »Ich zumindest habe bei diesem Fall längst nicht alles verstanden. War der Tote, in dessen Haus Max und ich in der Morgendämmerung gewesen sind, auch in das Geheimnis eingeweiht? So sah er mir nämlich nicht aus.«

»Ich habe mich noch ein wenig mit ihm unterhalten, bevor ich ihn ins Jenseits geschickt habe. Er heißt Tschun Matlata, falls das jemanden interessieren sollte, und gehörte zu einer Clique lebenslustiger Studenten, die keine Arbeit finden konnten. Baka Bugwin hat sie vor vierzig Jahren in einem abgelegenen Wirtshaus kennen gelernt und ihnen einen Job gegeben. Er hat sie fürstlich bezahlt, obwohl ihre Aufgabe sehr einfach war: Sie mussten nur durch Echo ziehen, die Menschen durch die Brille betrachten, die Baka ihnen gab, und ihm die Leute melden, die ein wenig schimmerten. Bei Vollmond haben die Studenten sie dann in seine Küche gelockt.«

»Dann war der tote Brillenträger also nur ein Mitglied dieser Clique. Und wo sind die Übrigen?«

»Leicht zu finden. Ich habe mich dafür schon mit Melifaro in Verbindung gesetzt. Herr Matlata hat mir die Adressen all seiner Kameraden verraten.«

»Ich verstehe allerdings nicht, warum in seinem Haus so viele Menschenknochen liegen.«

»Ach, das ist eine besondere Geschichte - wie geschaffen für Sir Max. Auch unser Matlata glaubte, Menschenfleisch verleihe ihm besondere Kraft. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Deshalb beschloss er, viele seiner Opfer selbst zu verspeisen.«

Sir Juffin machte eine Pause und trank eine Tasse Kamra.

»Aber das Interessanteste an der Geschichte ist der Mondstier, denn er ist eine zum Leben erwachte Legende. Und die Brille ist nicht minder spannend. Zu ihrer Herstellung muss man ein erfahrener Zauberer sein. Um die Mondbullen leuchten zu sehen, musste Baka die Brille bei Vollmond bauen. Ich gestehe, dass nur ein Mensch mit enormer Fantasie so eine Brille hersteilen kann. Mit seinem Tod hat die Welt also viel verloren, aber ich bin trotzdem froh, dass du ihn umgebracht hast. Er wäre schlicht zu gefährlich für uns.«

»Kann man seine seltsamen Gedichte irgendwo lesen?«

»Aber Max - auf Befehl des Großen Magisters Chona wurden all seine Texte vernichtet. Doch es gibt Liebhaber seiner Kunst, die seine Gedichte im Kopf haben.«

»Erinnern Sie sich vielleicht an eine Strophe, Juffin?«

»Sei doch vernünftig. Ich kann mich mit allem befassen, aber nicht mit Poesie. Kein Mensch kann in meinem Zimmer Gedichte lesen. Das geht nun mal nicht. Besuch mich doch mal. Vielleicht erinnere ich mich ja an einiges. Aber jetzt geht euch erholen, Jungs - das habt ihr euch verdient. Ihr habt die Welt gerettet - das reicht fürs Erste.«

»Vielen Dank, Sir«, sagte Lonely-Lokley höflich. »Ich wollte gerade in die Bibliothek der Königlichen Universität gehen, wo ein seltenes Buch auf mich wartet.«

»Mach, was du willst«, sagte Sir Juffin. »Aber wie ich Max kenne, möchte er gern in ein Wirtshaus.«

»Dein seltenes Buch kann etwas warten, Schürf«, sagte ich. »In dem Lokal, in das ich gehen will, gibt es die beste Kamra der Stadt.«

»Ich hoffe, das ist eine Einladung.«

»Sir Juffin, wollen Sie uns nicht auch Gesellschaft leisten? «

»Das würde ich gern, aber ich muss auf Melifaro und seinen Bericht warten.«

Im A-Mobil meldete ich mich per Stumme Rede bei Melamori: »Ich fürchte, du musst dich mit deinem Großvater versöhnen. Der Fall ist geklärt, und ich lebe noch.«

»Halb so schlimm, Max. Du kannst mich ja ins Juffins Dutzend einladen - dann nehme ich es dir nicht krumm.«

»Prima. Der Wirt hat sowieso eine ziemlich seltsame Meinung von mir. Da kann ich ruhig mit einer anderen Frau dort auftauchen. Passt dir morgen Abend?«

»Gern - falls mir bis dahin nichts passiert.«

»Max, glaubst du eigentlich, dass wir schon fahren?«, fragte Lonely-Lokley etwas bissig.

»Nein, aber dem lässt sich abhelfen.«

Das Wirtshaus Armstrong und Ella war schon geöffnet. Techi saß an der Theke und hatte den wolligen Armstrong auf dem Schoß. Als sie mich und Schürf kommen sah, lebte sie auf.

»Ich habe eine seltsame Entdeckung gemacht. Wenn man nicht im Liegen einschlafen kann, sollte man es im Sitzen probieren. Das klappt wunderbar. Allerdings hat mich in deinem Haus ein seltsamer junger Mann aufgeweckt, Max - der lustige Journalist namens Ande Pu nämlich. Er sitzt schon die ganze Zeit hier und spielt mit Ella.«

** Was sollte meine Katze auch sonst machen?«, meinte ich lächelnd. »Ande, lebst du noch?«, fragte ich dann und trat an seinen Tisch. »Hast du schon deinen ganzen Wein getrunken, Herzchen? Kannst du denn da noch geradeaus gehen?«

Ande starrte mich mit seinen wunderhübschen blauen Augen an und murmelte etwas von Sonne und Mond in sich hinein, die wie zwei Augen auf dem Boden einer Tasse seien.

»Was?«, rief ich. »Soll das etwa ein Gedicht sein? Gibt es hier also noch einen zweiten Dichter? Mein lieber Ande -schreib lieber Reportagen. Das kannst du besser.«

»Du hast nichts verstanden«, sagte Ande beinahe weinend. »Ich will nach Tascher. Dort ist es warm, und dort liebt man die Dichter.«

»Das waren sehr gute Verse«, mischte Lonely-Lokley sich ein. »Ich hab gar nicht gewusst, dass Sie so begabt sind. Wenn Sie nach Tascher wollen, dann reisen Sie nur. Das tut Ihrem Talent sicher gut.«

Ich lächelte Techi an, und sie lächelte ebenso sanft und verständnisvoll zurück.

»Morgen Abend habe ich Melamori zu Mochi eingeladen.«

»Ja und? Was geht mich das an?«

»Heute Abend nehme ich dich dorthin mit. Mach also deine Spelunke zu.«

•*Du bist schrecklich«, seufzte Techi. »Da muss ich meine Gäste ja schon wieder nach Hause schicken!« Sie stieß mir den Ellbogen in die Seite. Am Fenster saßen Schürf und Ande Pu und unterhielten sich leidenschaftlich über moderne Dichtung.

Volontäre der Ewigkeit

Ab und an sollte sich jeder mal die Haare schneiden lassen<<; meinte Sir Juffin Halli beim Betreten seines Büros. »Oder ist dir das neu, Max?«

Natürlich war mir das nicht neu. Nur kam ich einfach nicht dazu, zum Frisör zu gehen. Darum trug ich einen Pferdeschwanz, den ich normalerweise unterm Turban versteckte. Das sah recht gut aus - allerdings nur, solange ich meine Kopfbedeckung aufbehielt.

»Ist meine Frisur denn so wichtig?«, fragte ich müde. »Sir Manga Melifaro hat einen langen Zopf, und niemand droht ihm mit Gefängnis.«

»Ich dachte, lange Haare wären dir lästig«, meinte Juffin achselzuckend. »Außerdem ist es ja deine Sache, was du auf dem Kopf hast. Liest du eigentlich Zeitung?«

»Natürlich«, seufzte ich. »Ich lese sie und fürchte mich. Die verrückten Nomaden, die mich für ihren König halten, haben ihre Zwistigkeiten endlich beigelegt. Ich frage mich, was sie als Nächstes Vorhaben. Wollen sie mich wieder entführen, damit unser Spiel von neuem beginnt?«

»Der Herr der Grafschaft Wuk, der alte Gatschilo, hat König Gurig vor kurzem einen ausführlichen Bericht geschickt. Darin schreibt er, eine Delegation der Nomaden habe sich nach Echo aufgemacht, um Seine Majestät kniefällig zu bitten, dich in deine Heimat ziehen zu lassen. Deine Untertanen hoffen also, dass der König dir empfiehlt, ihren Thron zu besteigen.«

»Schrecklich«, sagte ich, und es fröstelte mich. »Will er mich wirklich loswerden? Darf ich mich als entlaufener Regent nicht seines Schutzes erfreuen?«

»Unsinn, Max - niemand möchte dich hier entbehren. Du müsstest schon selbst um deinen Abschied bitten. Außerdem hat der König eine andere Idee, um mit der Situation fertig zu werden. Ich glaube, mit seiner Lösung können alle zufrieden sein.«

»Alle?«, fragte ich skeptisch. »Wie will er das denn schaffen?«

»Ganz einfach: Du akzeptierst endlich, König der Nomaden zu sein, und setzt dir die passende Krone auf den zerzausten Kopf. Dann wählst du jemanden aus der Delegation zum Vizekönig oder - wenn dir das lieber ist - zum Premierminister und schickst ihn in die Leeren Länder zurück. Du dagegen bleibst in Echo und kannst in Ruhe arbeiten. König Gurig findet sicher eine hübsche kleine Residenz für dich, wo deine Untertanen dich einmal im Jahr besuchen können. Ich finde das eine recht gute Idee.«

»Das ist nichts für mich. Verzeihen Sie, Juffin, aber ich möchte auf keinen Fall König sein - schon gar nicht bei Nomaden.«

»Nichts geschieht gegen deinen Willen«, sagte mein Chef freundlich. »Schade, aber dann müssen wir eben eine andere Lösung finden. Am traurigsten ist darüber sicher König Gurig, denn er hat sich schon sehr gefreut, einen so sympathischen Kollegen in seinen Diensten zu haben. Alle anderen Monarchen sind ziemlich schwierige Charaktere - schwer zu sagen, warum.«

»Das ist doch sonnenklar: Auch mein Charakter wäre rasch verdorben, wenn ich mich dem Herrschen verschreiben würde«, sagte ich lächelnd, vergewisserte mich dann aber für alle Fälle: »Juffin, Sie wollen mich also wirklich nicht zwingen, die Regentschaft anzutreten?«

»Wie denn? Du bist ein freier Mensch. Aber König zu sein, wäre sicher amüsant - und eine der abenteuerlichsten Eskapaden deines ohnehin spannenden Lebens.«

»Und ich wollte gerade seriös werden - wie Lonely-Lokley zum Beispiel.«

»Meinst du, das gelingt dir?«, fragte mein Chef listig.

»Natürlich nicht, aber ich werde mir Mühe geben. Übrigens sollte ich längst zu Hause sein - finden Sie nicht?«

»Sicher. Warum bist du überhaupt noch hier?«

»Weil ich mich mit Ihnen unterhalte und Sie mir die seltsamsten Dinge erzählen«, entgegnete ich geduldig.

»Gut, ich sage kein Wort mehr. Aber wenn du deine Meinung zur Königswürde der Leeren Länder ändern solltest, gib mir Bescheid.«

»Das wäre allenfalls denkbar, wenn ich tatsächlich ein Nachkomme von König Fangachra wäre. Schließlich will ich nicht als Usurpator in die Geschichte eingehen.«

»Diese Rolle ist aber ein Hochgenuss«, erklärte Juffin gönnerhaft. »Du hast ja keine Ahnung von großer Politik.«

»Stimmt«, bestätigte ich bescheiden. »Gut, ich geh dann mal nach Hause. Ich muss endlich schlafen.«

»Ich wette, dass du alles andere tun wirst, als nach Hause zu gehen und an der Matratze zu horchen.«

»Egal, wo ich lande - im Moment bin ich zu nichts anderem als zu Tiefschlaf fähig. Und wenn ich aufwache, bitte ich meine Freundin, mir die Haare zu schneiden.«

»Das spart den Frisör«, sagte Juffin und nickte respektvoll. »Mitunter bist du sehr patent. Dann verschwindet mal schön, Hoheit.«

»Hören Sie endlich auf, sich über mich lustig zu machen! Ich treffe mich heute Abend mit Melifaro, der natürlich auch von den Königsplänen meiner angeblichen Untertanen weiß. Für ihn muss ich schließlich auch noch ein p


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aar scharfzüngige Antworten parat haben.«

»Mach dir keine Sorgen. Improvisation ist deine Stärke.«

»Na schön«, meinte ich lächelnd, setzte mich auf die Fensterbank und sprang von dort lässig auf die Straße der Kupfermünzen. »Ich werde also improvisieren. Schönen Tag noch, Juffin.«

»Hör endlich auf, aus meinem Fenster auf die Straße zu springen«, rief mein Chef mir nach und schüttelte den Kopf. »Ich muss mir ein paar wirksame Zaubersprüche ausdenken, damit es für dich undurchdringlich wird. Wenn du wieder springen willst, sind alle Sicherungen aktiviert.«

»Ist das Ihr Ernst?«, fragte ich erschrocken.

»Möglich - spring also nächstes Mal nicht so unvorsichtig aus dem Fenster.«

Ich nickte, stieg in mein A-Mobil und brauste davon.

Trotz rasender Müdigkeit reichten meine Kräfte, um zu Techi zu kommen. Als ich sie sah, konnte ich noch ein Lächeln auf mein Gesicht zaubern, schlief aber auf der Schwelle ihres Zimmers ein, und die Arme musste mich ins Bett schleppen.

Leider konnte ich nicht ausschlafen.

»Max, wach auf!«

Diese Stimme kam mir bekannt vor. Ich überlegte, wer unter meinen Freunden und Bekannten es wagen mochte, meinen Schlaf zu stören.

»Was ist denn, zum Henker!«, stöhnte ich verärgert und vergrub den Kopf in den Kissen. »Ich hab gerade erst die Augen zugetan.«

»Na, Sir Nachtantlitz, du nimmst es mit der Wahrheit offenbar nicht so genau. Als ich ins Zimmer kam, waren deine Augen schon zu.«

Vorsichtig hob ich die Lider: Melifaro saß mit gekreuzten Beinen am Fuß des Bettes und rüttelte mich gnadenlos wach.

»Was sind denn das für Grausamkeiten«, jammerte ich wehleidig. »Freund, was ist in dich gefahren?«

»Dich zu quälen, macht Spaß!«, rief Melifaro und schnitt eine Grimasse. »Ich hab deine Freundin Techi endlich überreden können, eine Brille aufzusetzen, und sie hat festgestellt, dass ich viel hübscher bin als du. Also quartiere ich mich hier ein, und du fährst so schnell wie möglich zu Sir Juffin.«

Ich schlug die Hände überm Kopf zusammen, begriff, dass Widerstand zwecklos war, und gab Melifaro ein paar Befehle: »Na schön. Jetzt hol mir aber schnell meine Flasche Kachar-Balsam von der Fensterbank. Und geh zu Techi und sag ihr, dass ich ohne Kamra keinen Fuß aus diesem Zimmer setze. Und dann erklärst du mir endlich, warum du hier bist. Bis jetzt kapiere ich nämlich rein gar nichts.«

Ich unterbrach meine Ansprache, nahm einen großen Schluck Kachar-Balsam und fiel wieder in die Kissen zurück.

Melifaro nahm meine herrische Anwandlung gelassen und ging mir wortlos Kamra holen. Auch er wusste, dass dies die einzige Methode war, mich aus dem Bett zu bekommen.

Nach ein paar Minuten kehrte er mit einem kleinen Tablett zurück. Sein Blick war seltsam milde geworden.

»Warum bringst du nur eine Tasse?«, fragte ich gereizt.

»Brauchst du etwa zwei?«, gab Melifaro überrascht zurück. »Du hast inzwischen wirklich königliche Allüren.«

»Die zweite Tasse ist für dich gedacht - ich bin nämlich gastfreundlich.«

»Da ist sie«, sagte Techi finster und trat ebenfalls mit einem Tablett ein. »Das ist die Kamra für Sir Melifaro und dazu noch etwas Gebäck.«

Techi stellte das Tablett auf den Nachtschrank und ließ den Kopf hängen.

»Ich hatte immer befürchtet, Max würde aus meinem Schlafzimmer ein Gasthaus machen, und genau das geschieht gerade. Jetzt werde ich nachts im Bett Krümel finden. So sieht eben das so genannte Beziehungsglück aus.«

»Viele Leute haben dich davor gewarnt, dass Sir Max etwas seltsam ist, liebe Techi. Auch ich sage das jedem, der es hören will«, meinte Sir Melifaro und lächelte unschuldig.

»Was gibt's?«

»Juffin geht weg«, antwortete Melifaro mit vollem Mund.

Mir stockte der Atem. »Er geht weg? Was heißt das?«

Als Melifaro mein erschrockenes Gesicht sah, kicherte er. Daraus schloss ich, dass nichts Schlimmes passiert war, und wartete ab, bis er sich beruhigt hatte.

»Juffin und Schürf gehen den Geist des Cholomi-Gefängnisses halten. Das dauert zwei Wochen, vielleicht länger«, erklärte Melifaro. »Ich habe den starken Verdacht, dass du derweil den Kleinen Geheimen Suchtrupp kommandierst, womöglich als Testlauf vor einer Beförderung - wer weiß.«

»Sag das bitte noch mal, aber hübsch langsam.«

»Du hast heute aber eine lange Leitung, Max! Wenn du so weitermachst, darfst du allenfalls Lonely-Lokley vertreten«, brummte Melifaro. »Kamschi - der uns wohlbekannte Leiter des Cholomi-Gefängnisses - hat sich per Stummer Rede bei unserem Chef gemeldet und berichtet, die Steine der Haftanstalt hätten zu stöhnen begonnen: ein deutliches Zeichen dafür, dass das Cholomi-Gespenst mal wieder ein wenig toben möchte. Seine letzte aktive Phase war zu Beginn der Epoche des Gesetzbuchs. Damals kam es zu einer schrecklichen Panik, und kein Mensch hätte gedacht, dass es unserem Chef gelingen würde, das Gespenst zu beruhigen. Bist du nun endlich angezogen? Juffin hat gebeten, dass du möglichst schnell zu ihm kommst.«

»Wann hat er darum gebeten?«

»Vor anderthalb Stunden.«

»Hast du mich etwa so lange wachrütteln müssen? Das glaube ich nicht!«

»Aber es stimmt. Zunächst haben Juffin und ich versucht, dich per Stumme Rede zu erreichen - Fehlanzeige. Erstmals hab ich Schweißperlen auf der Stirn unseres Ehrwürdigen Leiters gesehen. Dann hab ich mich bei deiner Freundin per Stummer Rede gemeldet und sie um Hilfe gebeten. Sie hat sich aber geweigert, dich zu wecken, und gemeint, es sei Selbstmord, dich so kurz nach dem Einschlafen wach bekommen zu wollen. Also musste ich persönlich anrücken. Und wie du weißt, bleibt die Zeit nicht stehen - lass uns also endlich gehen.«

Melifaro musterte mich ernst. Ich zog mich so schnell wie möglich an und meinte dann: »Wir können fahren.«

»Den Magistern sei Dank.«

Wir verließen das Zimmer und landeten im Lokal meiner Freundin. Gedankenverloren blätterte sie in der Morgenausgabe der Königlichen Stimme. Zu dieser Stunde war das Bistro noch leer. Techi hatte keinen Koch, und so früh setzt man sich in Echo nicht in ein Lokal.

Ich winkte ihr zu und ging zum Ausgang. Per Stumme Rede flöteten wir uns ein paar Zärtlichkeiten zu, die nicht für Melifaros Ohren bestimmt waren.

»Ich rase jetzt ins Büro, und du erzählst mir vom Cholomi-Gespenst und seinen Lieblingsbeschäftigungen«, sagte ich.

»Soll das heißen, du hast noch nie von diesem Gespenst gehört?«, fragte Melifaro und zog erstaunt die Brauen hoch. »Schöne Bildungslücke! Gut, damit du unsere herrliche Behörde nicht durch dein Unwissen blamierst, erzähle ich dir einiges. Unser Gefängnis steht genau da, wo sich - wie Wissenschaftler herausgefunden haben - das Herz der Welt befindet. Ich wette, davon hast du auch nichts gewusst, aber der erste König der Alten Dynastie, Chala Machun Mochnatej, wusste es und hat seine Residenz deshalb dort errichten lassen. Von Anfang an hat sich der Bau als seltsam erwiesen: Er vermochte Bewohner und Besucher zu unterscheiden, was den König und seine Nachfolger bestens vor Dieben geschützt hat. Jahrhunderte später wurde Mjenin geboren, und seltsamerweise wollte die Residenz ihn nicht als König anerkennen. Nach der Thronbesteigung war es für Mjenin sogar gefährlich, in seinem Regierungssitz zu leben. Er war darüber nicht weiter traurig, sondern ließ Burg Rulch bauen, packte seine Sachen und zog um. Während seiner Regentschaft und in der Frühzeit der Gurig-Dynastie beherbergte der Cholomi-Bau eine Höhere Magierschule, in der Zauberkundige für den königlichen Dienst ausgebildet wurden. Wie die Leute sagen, sind die Uhren in Cholomi schon damals anders gegangen als überall sonst: Die Studenten haben dort ein volles Jahrhundert verbracht und sich das komplette magische Wissen angeeignet, während ringsum höchstens ein halbes Jahr verstrichen ist. Aber die Hoffnungen des Königs erwiesen sich als vergeblich. Die Zöglinge der Magierschule haben erst die gefährlichen Orden bekämpft, dann aber eigene Orden gegründet, und der Kampf begann von neuem. Übrigens hat auch Lojso Pondochwa, der Vater deiner Techi, dort studiert. Aus meiner Sicht spricht das sehr für diese Einrichtung. Dann aber beschloss einer der ersten Könige der Gurig-Dynastie, die Schule zu schließen, und die Königsfamilie kehrte in ihre alte Residenz Cholomi zurück. Das Gebäude benahm sich seltsam wie zuvor und ließ nun niemanden ohne königliches Einverständnis aus seinen Mauern. Auch Magie funktionierte in der Residenz nicht.«

»Wann wurde dort eigentlich das Gefängnis eingerichtet?«

»Zu Beginn der Epoche des Gesetzbuchs. Das Gebäude hat seine Eigenschaften seither nicht verändert, und man kann es noch immer nicht ohne Weiteres verlassen. Nun allerdings entscheidet darüber nicht mehr der König, sondern der Kommandant der Haftanstalt. Wie du weißt, lebt es sich nicht gerade bequem im Cholomi-Gefängnis, aber wem erzähle ich das? Schließlich hast du dort einige Zeit verbracht.«

»Stimmt«, seufzte ich leise und bremste vor dem Haus an der Brücke. »Aber du hast mir noch immer nichts vom Cholomi-Gespenst erzählt.«

»Ich weiß selber nicht genau, worum es sich da handelt«, antwortete Melifaro ehrlich. »Und ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der dir das erschöpfend erklären kann. Du weißt ja, dass dieses Gebäude recht seltsam ist und sich mit keinem Ort vergleichen lässt. Vielleicht hat es eine Seele - wer weiß. Und womöglich macht sie sich ab und zu bemerkbar. Das empfinden wir Menschen natürlich als ziemlich seltsam. Aber alles könnte auch ganz anders sein.«

»Du bist ein Philosoph, mein Junge«, mischte sich Juffin in unser Gespräch ein.

Er kam uns entgegen und sah uns fröhlich und doch etwas finster an. Besonders mich musterte er von Kopf bis Fuß.

»Hör zu, Max, das Gespenst von Cholomi erwacht mitunter und tobt ein wenig«, sprudelte Juffin hervor. »Wenn es will, kann es das Gebäude dem Erdboden gleichmachen - daran habe ich keinen Zweifel. Deshalb muss man dem Gespenst helfen, sich zu beruhigen. Das haben Schürf und ich jetzt vor, und seit über hundert Jahren ist uns das immer gelungen. Tu bitte so, als hättest du alles verstanden, was ich gerade gesagt habe. Ich weiß, dass es anders ist, aber du würdest mir damit eine große Freude machen. Ich muss jetzt los, aber eines Tages werde ich dir all diese wichtigen Dinge erklären.«

»Ob sie wichtig sind, wird sich noch zeigen«, meinte ich bissig.

»Philosophiere auch du jetzt bitte nicht, Junge. Wie dem auch sei - Schürf und ich verschwinden für zwei Wochen. Auch per Stumme Rede können wir uns nicht verständigen. Das ist, wie du weißt, im Cholomi-Gefängnis unmöglich. Versuch es also gar nicht erst. Die Scherereien mit dem Gespenst verlangen uns nämlich viel Kraft und Konzentration ab. Außerdem bin ich mir sicher, dass hier auch ohne unsere Anwesenheit alles wunderbar laufen wird.«

»Das wird sich noch zeigen.«

»Da hast du auch wieder Recht. Aber ich verlange nichts Besonderes von dir - nur, dass du mitunter eine Entscheidung triffst. Ob sie richtig ist oder nicht, spielt keine so große Rolle. Aber ich wünsche mir sehr, dass du die Verantwortung für die Arbeit unserer Behörde übernimmst.«

»Warum denn ausgerechnet ich? Warum bitten Sie nicht Sir Kofa darum?«

Ich wollte nicht kokett klingen oder mich mit meinem Chef streiten, aber unbedingt wissen, warum Juffin sich für mich entschieden hatte.

»Kofa erträgt keine Verwaltungsarbeit. Seit seiner Tätigkeit als Polizeichef hat er davon die Nase gestrichen voll. Als ich ihn für diesen Dienst warb, hatte er nur eine Bedingung: nie mit Verwaltungskram behelligt zu werden. Und wie du weißt, ist auf mein Wort Verlass.«

»Na schön«, sagte ich und lächelte schief. »Aber Sie wissen doch, dass ich sehr unordentlich bin.«

»Mach dir deshalb keine Sorgen. Und fahr mich jetzt bitte ins Cholomi-Gefängnis. Ich bin spät dran.«

»Sie hätten mich von vornherein als Chauffeur anstellen sollen. Mit dem A-Mobil durch die Gegend zu hetzen - das kann ich schließlich am besten.«

»Cool bleiben, Max«, sagte Juffin und rutschte auf den Beifahrersitz. »Es wird schon alles klappen. Und wenn du einen guten Heiler oder etwas Ähnliches brauchst, melde dich bei Lady Sotowa. Sie mag dich und wird dir immer helfen - das weißt du doch. Mit allen praktischen Fragen kannst du dich an Kofa wenden. Tu das aber besser nicht zu häufig. Wenn ich wieder da bin, beantworte ich dir gern alle Fragen. Außerdem hast du schon oft allein entschieden, und ich war immer damit zufrieden.«

»Meinen Sie die Sache mit dem Mondstier?«, fragte ich.

»Auch. Aber es geht nicht nur um deine Entscheidungen.«

»Worum denn sonst? Soll ich etwa üben, Ihren Platz einzunehmen?«

»Du hast wirklich kühne Träume! Doch wie dem auch sei - etwas Training kann dir nicht schaden. Aber wir sind da. Ich hoffe, Schürf ist bereits im Büro des Gefängniskommandanten. Du fährst jetzt in aller Ruhe ins Haus an der Brücke zurück.«

»Darf ich Sie nicht mehr zum Kommandanten begleiten?«, fragte ich mit zitternder Stimme.

Ich wusste nicht, was mit mir los war, doch ich hatte das Gefühl, gleich würde meine Welt zusammenbrechen. Mir fehlte etwas, an das ich mich sehr gewöhnt hatte.

»Max, was ist los?«, fragte Juffin teilnahmsvoll, da ihm nicht entgangen war, dass es mir nicht gut ging. »Natürlich kannst du mich begleiten, wenn du möchtest. Vielleicht hast du ja noch weitere Fragen.«

Ich blieb auf der Schwelle des Gefängnisses stehen und schüttelte den Kopf.

»Nein, das hat keinen Sinn. Es geht mir einfach nicht besonders. Und es macht mir Sorgen, dass ich mich nicht per Stumme Rede bei Ihnen melden kann, falls etwas schiefläuft. Wahrscheinlich habe ich mich gerade nur etwas einsam gefühlt.«

»Weißt du, Max, ich hab schon Ähnliches erlebt: Als mein Lehrer Machi Ainti, den ich sehr verehre, beschloss, in unsere gemeinsame Heimatstadt Kettari zurückzukehren, sagte er mir von vornherein, ich könne mich nicht per Stumme Rede bei ihm melden, da die Entfernung zu groß sei. Auch ich hatte damals das Gefühl, meine Welt bräche zusammen. Aber wie du siehst, habe ich das überwunden. Im Lauf der Zeit ist auch aus mir ein ganz guter Magier geworden, der selbstständig arbeitet.«

»Das klingt nicht sehr bescheiden«, sagte ich lächelnd.

»Warum auch? Schließlich darf man auf sich stolz sein, wenn Grund dazu besteht. Kopf hoch, Max. In zwei Wochen ist das für uns kein Thema mehr. Und versuch bitte, die Zeit ohne mich zu genießen.«

Mit diesen Worten schloss Juffin die Tür des Cholomi-Gefängnisses hinter sich, die auf mich plötzlich lebendig wirkte. Ich blieb noch einen Moment vor dem Gebäude stehen, wandte mich dann ab und ging zu meinem A-Mobil zurück.

»Na schön«, sagte ich halblaut zu mir. »Dann versuche ich eben, die Zeit zu genießen.«

»Das hättest du dir von Anfang an sagen sollen«, rief Juffin mir erstaunlicherweise per Stumme Rede zu, was mich beinahe zusammenfahren ließ. »Gut zu wissen, dass du meine Bitte erfüllst.«

Ich kehrte etwas zerstreuter ins Haus an der Brücke zurück, als ich es mir eigentlich hätte leisten dürfen, betrat das Büro, das ich mir mit Juffin teilte, und setzte mich auf meinen Stuhl, auf dessen Rückenlehne wie stets der Vogel Kurusch döste. An sich wollte ich Trübsal blasen, doch das war mir nicht vergönnt.

»Oh, verehrter neuer Leiter! Und oh, großer Buriwuch!«, hörte ich und sah Melifaros knallgelben Mantel auftauchen. »Was befehlt Ihr Eurem treuesten Sklaven?«

»Pass auf, sonst werde ich sauer und verbiete dir, frühstücken zu gehen.«

»Zu spät.«

In der Tür erschien Lady Melamori.

»Wisst ihr, als euer vorläufiger Vorgesetzter habe ich eine interessante Idee: Ich melde mich per Stumme Rede beim Fressfass und lasse uns das Mittagessen kommen. Ich bin zu träge, um aus dem Haus zu gehen.«

»Toll, dass du so ein Faulpelz bist!«, rief Melamori begeistert. »Madame Zizinda hat nämlich noch immer Angst vor Leleo, dem spinnenartigen Geschenk meines Verehrers aus Arwaroch. Den müsste ich sonst hierlassen, und das mag er ganz und gar nicht.«

Das wollige Spinnenwesen schnurrte leise vor sich hin.

»Auch ich habe Angst vor deinem Leleo!«, rief Melifaro und sprang unter den Tisch.

»Hör endlich mit dem Theater auf«, meinte Melamori deutlich verärgert.

Der Besitzer des knallgelben Lochimantels kroch aus seinem Versteck und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Im nächsten Moment klopfte der Bote aus dem Fressfass und stellte etliche Töpfe auf den Schreibtisch, den ich mir sonst mit Sir Juffin teilte. Der erste Tag ohne meinen Chef ließ sich ganz gut an.

Beim Essen überzogen Melifaro und Melamori einander mit Sticheleien, wobei unsere Verfolgungsmeisterin deutlich besser abschnitt.

»Und jetzt?«, fragte Melifaro streitsüchtig, nachdem er mit dem Nachtisch fertig war. »Sir Nachtantlitz - ich erwarte Eure Befehle.«

»Jetzt wird geschwiegen, denn ich brauche eine Denkpause«, meinte ich herrisch, sah eine Zeitlang aus dem Fenster und wandte mich dann an Melamori: »Hast du deinen Leleo eigentlich schon der Stadtpolizei gezeigt?«

»Nein, das hab ich noch nicht geschafft.«

»Das ist aber schlimm«, sagte ich streng. »Unsere brave Polizei muss in Angst und Schrecken gehalten werden. Sollte Lady Kekki Tuotli - Bubutas neue Mitarbeiterin -angesichts deines Leleo erbleichen, geh einfach mit ihr Kaffee trinken. Ihr seid doch schon befreundet, oder?«

»Du bist ja gut über unsere Angelegenheiten informiert«, meinte Melamori lächelnd. »Vielleicht sollst du Sir Juffin wirklich ersetzen«, fügte sie hinzu und verließ das Büro.

»Und welche Freuden hast du für mich vorgesehen?«

»Eigentlich keine, mein lieber Melifaro. Du sollst die ganze Zeit hierbleiben und ein kluges Gesicht machen. Hoffentlich ist das nicht zu viel verlangt. Und falls etwas passiert, melde dich ruhig per Stummer Rede bei mir.«

»Und wo willst du derweil hin?«, fragte Melifaro mit lindem Entsetzen.

»Ich besuche die Burg Jafach«, gab ich zurück und zog dabei eine schreckliche Fratze.

»Im Ernst?«, fragte er sichtlich erschrocken.

»Natürlich. Du musst einfach nur auf mich warten.«

»Na schön - aber ich brauche noch etwas Kamra und ein stärkeres Getränk. Wenn du erlaubst, bestelle ich alles im Fressfass - auf deine Rechnung natürlich.«

»Bleib anständig und strapaziere meine Börse nicht«, sagte ich, drohte ihm mit dem Finger und verließ das Büro.

Ich hatte Lady Sotowa schon lange besuchen wollen. Meine Tage waren gezählt, und ich hatte mitunter das Gefühl, ich sollte den freundschaftlichen Kontakt mit ihr pflegen.

Einige Minuten später stand ich bereits vor der Residenz des Siebenzackigen Blattes, und zwar genau dort, wo sich letztes Mal der Eingang befunden hatte. Ratlos meldete ich mich per Stummer Rede bei Lady Sotowa.

»Was ist los, Junge?«, fragte sie erstaunt. »Dein Chef ist noch keine drei Stunden im Gefängnis, und du suchst schon Hilfe bei mir?«

»Aber nein - ich will nur eine kleine Pause einlegen und gemütlich mit Ihnen eine Tasse Kamra trinken.«

»Und dabei willst du mir ein Geheimnis nach dem anderen entlocken«, sagte sie nun laut und tauchte hinter meinem Rücken auf. »Gib mir die Hand. Ich führe dich durch den Obstgarten. Eigentlich solltest du die Geheimtür inzwischen selbstständig finden. Zu etwas musst du doch gut sein.«

Sie nahm mich an der Hand und zog mich mit einem Ruck zur Mauer. »Lass die Augen offen - so lernst du noch was.«

Ich folgte ihrem Rat und sah nun merkwürdige Dinge -zum Beispiel, dass der dunkelblaue Lochimantel der Lady sich in der dunklen Mauer auflöste wie Zucker im Kaffee. Die Wand glitt so nah an meinen Augen vorüber, dass ich ihre Atome zu sehen glaubte. Dann hörte ich Lady Sotowa leise kichern, schaute mich um und stand schon im Obstgarten von Burg Jafach.

»Du hast an Atome gedacht!«, rief Lady Sotowa belustigt. »Nur die Dunklen Magister wissen, wie viele Menschen ich durch diese Geheimtür geführt habe, aber dass dabei jemand an Atome denkt, passiert mir zum ersten Mal.«

Ich lachte auch, allerdings aus Erleichterung. Wenn man ab und an etwas Dummes tut, sich im Übrigen aber gut versteht, trägt das sehr zu einer freundschaftlichen Atmosphäre bei.

»Gehen wir in mein Büro. Da spendiere ich dir eine Tasse ausgezeichnete Kamra - nach einem uralten Rezept aus Kettari. Du hast dort sicher ein Wirtshaus namens Alt-Kettari besucht.«

»Leider nicht. Der verrückte Schürf, der mich damals begleitete, hat in dem Laden sein ganzes Geld verspielt. Er hat in Kettari nämlich plötzlich seine Leidenschaft fürs Mau-Mau-Spielen entdeckt. Aber die dortige Kamra schmeckt wirklich herrlich.«

»Meine Heimat hat dir gefallen, was?«, rief Lady Sotowa. »Irgendwie ist es leichter, ein fremdes Land zu lieben als die Gegend, in der man geboren wurde.«

»Stimmt. Ich habe keine allzu guten Erinnerungen an die Ecke, aus der ich stamme.«

»Das geht vielen so - mach dir nichts draus«, meinte Lady Sotowa und öffnete die Tür zu ihrem schnuckeligen Häuschen. »Viele kommen in Gegenden zur Welt, die ihnen später nicht gefallen. Ich glaube, das Schicksal mag solche Witze. Aber jetzt setz dich, Max, und probier meine Kamra.«

»Darf man bei Ihnen eigentlich rauchen?«

»Natürlich - aber nur den Tabak aus der anderen Welt«, sagte sie streng. »Den Gestank des hiesigen Krauts ertrage ich einfach nicht.«

»Mir geht's genauso«, pflichtete ich ihr bei und zog eine Schachtel Zigaretten aus meinem Lochimantel.

Langsam ging mein Zigarrenvorrat aus Kettari - ein nettes Geschenk von Machi Ainti - zu Ende. Aber ich machte mir keine Sorgen, denn ich konnte ja jederzeit in die Ritze zwischen den Welten greifen und mir neue Bestände zulegen.

»Welche Geheimnisse willst du mir eigentlich entlocken?«, fragte Lady Sotowa und setzte sich mir gegenüber.

»Nichts Besonderes. Ich hoffe, Sie lachen mich nicht aus, aber ich verstehe die Geschichte mit dem Cholomi-Gespenst ganz und gar nicht. Juffin und Schürf sind ins Gefängnis gegangen, um das Gespenst zu halten, aber wie soll das überhaupt gehen?«

»Ein Gespenst hält man an Kopf und Beinen«, antwortete Lady Sotowa ernst. »Wie denn sonst?«

»Haben Gespenster denn so was?«, fragte ich erstaunt.

»Das Cholomi-Gespenst jedenfalls hat Kopf, Beine und vieles andere - wie jedes Gespenst, das auf sich hält. Und man kann es sogar sehen, es beherrschen und es beruhigen. Dein Chef und sein kluger Begleiter haben das - wie sie dir gewiss erzählt haben - schon mehrmals geschafft. Früher haben die Könige allein mit diesem Gespenst fertig werden müssen. Ansonsten kann dir niemand auf dieser Welt sagen, warum unser Gespenst das Gebäude ab und an in Trümmer legen will. Manche Dinge lassen sich eben nicht so leicht erklären. Bist du jetzt enttäuscht?«

»Meine Enttäuschung hält sich in Grenzen. Aber was meinen Sie - werden Juffin und Schürf ihre Mission erfüllen?«

»Deine Probleme möchte ich haben, Junge«, lachte Lady Sotowa. »Offenbar kennst du deinen Chef noch nicht gut genug. Wenn er wüsste, dass er es nicht schafft,

würde er die Konfrontation mit dem Gespenst meiden und in einer anderen Welt Hilfe suchen. Aber jetzt sage ich dir, warum du eigentlich zu mir gekommen bist: Du hast Angst vor der Verantwortung, die Juffin dir übertragen hat.«

»So können Sie das vielleicht auch nennen. Wissen Sie, seit mein Chef mich allein gelassen hat, ist mir plötzlich klar, dass meine Welt jederzeit zu Bruch gehen kann.«

»Das kann jedem Menschen jederzeit passieren - das sollte man nie vergessen. Aber gut, Junge - mach dir darüber keine Sorgen mehr, sondern trink lieber meine herrliche Kamra, ehe sie kalt wird.«

Kaum drei Minuten später hatte ich schon all meine Ängste vergessen und konnte sogar lachen.

»Jetzt weiß ich, warum ausgerechnet ich Juffin vertreten muss. Die Welt kann jede Minute untergehen -es ist also egal, was ich in zwei Wochen alles verkehrt mache.«

»Du bist ein heller Bursche«, sagte Lady Sotowa sichtlich erfreut. »Eine ähnliche Antwort habe ich dir geben wollen, aber du bist allein darauf gekommen.«

Eine halbe Stunde später führte sie mich zu der Geheimtür in der Burgmauer.

»Mach dir keine Gedanken über das weitere Schicksal der Welt«, flüsterte sie mir zum Abschied zu. »Denk stattdessen an deinen Kopf - an deine Haare, meine ich. Tu deine Pflicht, Junge. Und merk dir: Du wirst nicht untergehen.«

Etwas verwirrt kehrte ich ins Haus an der Brücke zurück. Das nette Gespräch mit Lady Sotowa hatte mir einen Stein vom Herzen fallen lassen. Fragte sich nur, von welchem von beiden.

»Ach, das Ehrwürdige Nachtantlitz ist endlich wieder da!«, rief Melifaro beflissen, sprang vom Schreibtisch auf und sah mich mit lachenden Augen an. »Wenn du erlaubst, erstatte ich dir kurz Bericht: In deiner Abwesenheit ist nicht das Geringste vorgefallen, denn die Stadtpolizei liegt auf der faulen Haut. Nur Kofa ist vorbeigekommen und hat gesagt, die Bewohner von Echo wüssten längst, wer Sir Juffin im Moment vertritt. Aus Angst vor dir haben die Verbrecher unserer schönen Stadt beschlossen, von allen Übeltaten abzusehen und auf Tauchstation zu gehen, bis wieder die alten Verhältnisse einkehren.«

Erneut atmete ich erleichtert auf, denn ich sah nur Melifaros fröhliche Miene und hörte keine bösen Neuigkeiten.

»Ist Kofa schon weg?«, wollte ich wissen.

»Ja, unser Meister des Verhörs ist im Dienst. Da er auch Meister aller Wirtshäuser ist, sitzt er um diese Zeit sicher in einem Lokal und genießt erlesene Leckereien.«

»Und wir?«, fragte ich und machte eine auffordernde Geste. »Worauf warten wir noch? Lass uns gehen!«

»Wohin denn?«, fragte Melifaro und schlüpfte schwungvoll in seinen knallgelben Lochimantel.

»In Juffins Dutzend natürlich. Ich will dem ständig gereizten Mochi einen neuen Kunden bringen. Vielleicht gibt er mir ja auf Kosten des Hauses ein kleines Getränk aus.«

••Du führst wirklich schnell neue Regeln ein, Max«, meinte Melifaro und schüttelte etwas ratlos den Kopf.

»Während der Arbeitszeit bist du nicht im Büro, und dann gehst du noch nicht mal ins Fressfass - ganz schön mutig!«

»Was hast du denn gedacht?«, fragte ich lächelnd. »Ich bin der Held von Echo.«

Dieser bravouröse Auftritt zeigte, dass ich langsam wieder der alte, leichtsinnige Max wurde. Ehrlich gesagt: Das gefiel mir. Die Welt kann sowieso jeden Moment untergehen, und wer die Gegenwart nicht genießen kann, ist selber schuld.

Drei Stunden später kehrte ich ins Haus an der Brücke zurück. Zuvor hatte ich Melifaro erlaubt, sich ein wenig zu tummeln (wie er es zu nennen pflegte).

Ich ging ein wenig in mich und kam zu dem Schluss, dass ich meine Funktion als Stellvertreter von Sir Juffin souverän ausübte: All meine Untergebenen zogen in der Weltgeschichte herum, und ich saß mit hochgelegten Beinen im Büro.

»Wie geht's, mein kluger Vogel?«, fragte ich Kurusch und gab ihm ein paar frische Piroggen. »Ist was passiert?«

»Nichts«, antwortete der Buriwuch lakonisch und begann, seine Leckereien zu fressen.

Eine halbe Stunde später war ich stocksauer auf mich, da ich mehrmals vergeblich versucht hatte, Kuruschs Schnabel zu öffnen, der mit süßer Creme verklebt war. Nach einer Stunde erschien Sir Kofa, erfasste mit einem Blick die Situation und musste herzlich lachen: »Du bist vielleicht ein Vogel! Bald schickst du sogar die Stadtpolizei nach Hause und schuftest für alle ganz allein, du Menschenfreund! Aber ich mach dir einen Vorschlag: Ich übernehme für ein paar Stunden deinen Platz, und du gehst endlich nach Hause. Ich weiß doch, dass jemand auf dich wartet.«

»Ist meine humane Einstellung etwa ansteckend?«

»Wenn du meinst. Aber ehrlich gesagt möchte ich Lady Kekki Tuotli Gesellschaft leisten. Sie hat heute Nachtdienst - da würdest du nur stören.«

»Nicht schlecht. Dabei bin ich doch ein Kuppler«, sagte ich begeistert.

»Durchaus. Aber du kannst endlich reinen Gewissens nach Hause gehen, Max. Auch dein Chef räumt seinen Sessel bei Sonnenuntergang - folge einfach seinem Beispiel.«

»Stimmt«, sagte ich, stand auf, lächelte dankbar und ging zur Tür. »Gute Nacht, Kofa.«

Im Wirtshaus Armstrong und Ella war es erstaunlich voll. Dann fiel mir ein, dass ich sonst nie um diese Zeit im Lokal war, da meine Arbeit bei Sonnenuntergang begann.

An der Theke saß mein Freund Ande Pu und blies Trübsal. In letzter Zeit war er hier Stammgast geworden, und ich fragte mich, was er gegessen haben mochte, da es bei Techi keine Speisen gab. Der Starjournalist von Echo war voll trunken, was inzwischen - offen gesagt - sein Normalzustand war.

»Bist du das, oder handelt es sich um eine optische Täuschung?«, fragte Techi. »Was für eine Überraschung!«

»Das sehe ich auch so«, antwortete ich und setzte mich zu Ande. »Eigentlich hatte ich damit gerechnet, die nächsten zwei Wochen im Haus an der Brücke zu verbringen, doch das Schicksal hat sich mir in Gestalt von Sir Kofa gnädig erwiesen. Schade nur, dass es hier so voll ist - ich hatte für uns beide heute Abend andere Pläne.«

»Ach, die Leute gehen gleich«, sagte Techi lächelnd. »Die kommen nur her, um den Träger des Todesmantels als Privatmann zu erleben. Wenn sie ihre Neugier gestillt haben, verschwinden sie schnell. Schließlich haben sie Angst vor dir - und das nicht zu knapp.«

Meine süße Freundin hatte mal wieder Recht, und eine halbe Stunde später war das Lokal leer. Nur der schnarchende Ande Pu leistete uns unbewusst Gesellschaft.

»Der Junge schläft bis morgen früh, wenn man ihn nicht aufweckt«, seufzte Techi. »Er vergiftet seine arme Leber schon seit gestern Nachmittag.«

»Was fehlt dir eigentlich?«,


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wandte ich mich an den schlafenden Journalisten, schüttelte ihn am Arm und rief ihm ins Ohr: »Warum tust du dir das an? Dein Leben ist doch wunderschön!«

»Du stellst immer Fragen, obwohl ich hier der Journalist bin«, brummte Ande und richtete sich auf.

»Was liegt dir auf der Seele?«

»Max, kannst du mir vielleicht ein Ticket nach Tascher schenken?«, fragte er bescheiden. »Dort ist es warm und ...«

»... dort liebt man die Dichter. Ich weiß - das hast du mir schon erzählt. Warum kaufst du dir nicht selbst ein Ticket? So viel ich weiß, bezahlt Sir Rogro dich anständig.«

»Ach, mein Geld versickert ständig - ich weiß gar nicht, wie und wohin«, gab Ande verlegen zu.

Also mussten Techi und ich noch drei Stunden mit ihm verbringen und uns immer von neuem das Gleiche anhören: dass Herr Ande Pu sich in den Süden sehnt, wo es warm ist und man die Dichter schätzt. Dafür aber gehörte der bescheidene Rest des Abends uns beiden allein - eine echte Seltenheit!

Als der Morgen dämmerte, riss mich Sir Kofa per Stummer Rede aus dem Schlaf.

»Ich weiß, es ist unverzeihlich«, sagte er schuldbewusst, »aber je schneller du im Haus an der Brücke erscheinst, desto besser für uns alle.«

»Wenn du so dramatisch wirst, gibt es sicher einen triftigen Grund«, murmelte ich im Halbschlaf. »Bestell bitte Kamra im Fressfass.«

»Längst erledigt, Max. Und jetzt demonstriere mir mal, zu welchem Tempo du am frühen Morgen fähig bist.«

»Na schön - ich zeig dir, was ich kann.«

Den letzten Satz sagte ich laut und nahm dann einen Schluck Kachar-Balsam, der einmal mehr die Lebensgeister weckte. In meiner alten Welt hätte mir in so einer Lage nur schwarzer Kaffee zur Verfügung gestanden, was mich vor Übermüdung schon längst den Löffel hätte abgeben lassen.

Ich zog mich schnell an, ging nach unten, setzte mich ans Steuer meines A-Mobils und stellte mir die höchstmögliche Geschwindigkeit vor. Kofa würde staunen!

»Was ist passiert?«, fragte ich, als ich mein Büro betrat.

Sir Kofa sah mich restlos begeistert an.

»Acht Minuten - Wahnsinn! Du bist doch aus der Neustadt gekommen, oder?«

»Und ich hab fünf Minuten gebraucht, um wach zu werden«, ergänzte ich stolz und schenkte mir eine Tasse Kamra ein. »Aber was ist eigentlich los?«

»Auf dem Petow-Friedhof sind lebendige Tote aufgetaucht«, sagte Sir Kofa ruhig. »Der Friedhofswächter hat sich bei mir gemeldet. Der arme Alte war ganz aufgelöst. Er wusste nicht mal, wie er vor ihnen fliehen sollte. Und du weißt ja, Max: Mit Zombies ist nicht zu spaßen. Sie dürfen auf keinen Fall Unruhe auf dem linken Flussufer stiften.«

»Haben sie schon was ausgefressen?«, fragte ich besorgt.

»Noch nicht, aber ich rechne damit, dass sie sich schnell über das ganze Stadtviertel verteilen werden.«

»Sind denn viele aufgetaucht?«

»Wenn es nur ein paar gewesen wären, Max, hätte ich die Sache allein erledigt. Das Problem ist, dass immer neue Zombies auf tauchen.«

»Wo sind Melifaro und Melamori? Hast du die auch schon verständigt?«

»Natürlich, doch sie brauchen etwas länger als du, sind aber sicher gleich da.«

»Wenn ich dich richtig verstanden habe, müssen wir zum Friedhof und die Zombies in Fetzen reißen, was?«, fragte ich leicht verzweifelt.

Sir Kofa nickte energisch. »Das müssen wir allerdings. Woher mögen sie wohl kommen?«

»Aus den Gräbern vermutlich«, meinte ich lächelnd.

»Was kommt aus den Gräbern?«, fragte Melamori, die in diesem Moment mein Büro betrat, erschrocken. Anders als ich sah unsere kleine Verfolgungsmeisterin blendend aus. Sie war offenkundig ausgeschlafen.

»Alles kommt aus den Gräbern«, sagte ich automatisch.

Sofort begriffen wir drei die Sinnfreiheit unseres Gesprächs und mussten herzlich lachen.

»Bei uns ist es ja wie immer sehr lustig. Es macht euch wohl Spaß, euch schon bei Sonnenaufgang vor Lachen zu kugeln, was?«, brummte Melifaro verschlafen.

Sein violetter Lochimantel passte hervorragend zu seinen Augenringen. Es gab also noch jemanden, der schlechter aussah als ich. Das war zwar nur ein schwacher Trost, machte mir aber trotzdem Freude.

Schweigend gab ich ihm die Flasche Kachar-Balsam -aus Barmherzigkeit, aber auch, um die Atmosphäre zu verbessern.

»Na schön«, seufzte ich und trank meine Kamra in einem Zug leer. »Zur Sache. Melamori, du bleibst hier -wer weiß, was noch passiert. Wir drei fahren zum Friedhof und knöpfen uns die Zombies vor. Und wenn wir wieder da sind, frühstücken wir gemütlich.«

»Und warum soll ausgerechnet ich hierbleiben?«

Manchmal ist Melamori beängstigend hartnäckig - das muss man wirklich sagen.

»Weil ich es so angeordnet habe - und du weißt ja, welche Funktion ich im Moment ausübe. Außerdem bist du zwar unsere Verfolgungsmeisterin, doch heute müssen wir niemandem auf die Spur treten. Obendrein ist der Kampf gegen Zombies nichts für eine kleine süße Lady wie dich.«

Melamori zog zwar nach wie vor ein beleidigtes Gesicht, aber da ich ihr ein Kompliment gemacht hatte, musste sie klein beigeben. Es war mir offenbar gelungen,

etwas zu sagen, das ihren Gefallen gefunden hatte - den Magistern sei Dank!

»Melifaro und Kofa - ich muss gestehen, dass ich riesige Angst vor Friedhöfen habe. Habt also bitte Geduld mit mir! <•

»Allmählich ähnelst du einem normalen Menschen«, sagte Melifaro, der seine Müdigkeit langsam überwand.

Nach ein paar Minuten hielt ich vor dem Friedhofstor.

»Könnt ihr solche Wesen wirklich abknallen?«, fragte ich meine beiden Begleiter beim Aussteigen.

»Keine Sorge - wir können so einiges«, meinte Kofa und lächelte freundlich. »Du musst das nicht allein erledigen - mach dir da mal keine Gedanken.«

»Ich will nur sichergehen, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Hab ich schon wieder was Dummes gesagt?«

»Im Gegenteil - du hast einmal mehr deinen Instinkt unter Beweis gestellt. Von uns vieren kann nur Melamori keine Zombies aus der Welt schaffen.«

»Na ja, ich wollte unbedingt, dass jemand im Haus an der Brücke bleibt, und hatte in erster Linie an Sir Lukfi Penz gedacht, aber der erscheint ja grundsätzlich erst mittags in unserer Behörde. Der Umgang mit den Buriwuchen hat seinen Tagesrhythmus offenbar völlig geändert.«

»Hör auf mit diesen Ausreden und gib endlich zu, dass du dir um das Leben unserer kleinen Lady genauso viele Sorgen machst wie ihr Großvater«, unterbrach Melifaro mich listig.

»Na und? Was ist daran so schlimm?«, fragte ich und sah mich um. »Dieser Friedhof sieht gar nicht schlecht aus.«

Petow gehörte zu den ältesten Friedhöfen von Echo und ähnelte eher einem Park. An diesen wunderbaren Ort passte eine Horde Zombies ganz und gar nicht. Wie mir sofort auffiel, waren sie außerdem nicht mal menschenähnlich. Sie hatten leere Augenhöhlen und waren spindeldürr, und die Haut hing ihnen in dunklen Fetzen vom Leib.

Die Untoten saßen lässig plaudernd auf den Grabsteinen. Uns bemerkten sie kaum. Offenbar waren sie blind.

»Das ist nicht gerade der appetitlichste Anblick«, stieß Melifaro hervor. »Heute Abend werde ich auf diesen Schock sicher kräftig einen heben. Mach dich auf eine stramme Zeche gefasst, Max.«

»Schütz deine Leber vor unnötigen Belastungen. Also gut, Jungs - macht was ihr wollt. Ich jedenfalls fange jetzt an. Je schneller wir mit dieser Sache fertig sind, desto besser.«

Ich schnippte mit der linken Hand. Ein blendend grüner Kugelblitz sprang von meinen Fingerkuppen und traf einen Zombie, der sofort umfiel und starb. Ich staunte etwas, denn so wirkungsvoll waren meine Blitze noch nie gewesen.

Vor allem aber staunte ich über die Gleichgültigkeit der anderen Untoten. Ich spürte Mitleid und Erleichterung zugleich - also das, was man empfindet, wenn man eine Schabe zerdrückt und der Chitinpanzer zwischen den Fingern knistert.

Links von mir sah ich Melifaro einige tänzelnde Schritte machen und eine Reihe Kugelblitze auf die phlegmatischen Zombies abfeuern.

»Gut gemacht, mein Freund«, sagte ich, spürte frischen Zorn in mir und konnte weitere Blitze auf den Weg bringen.

Diesmal erwischte ich ein schwach wirkendes Wesen mit rötlichem Ohrring aus einem mir unbekannten Metall.

»Habt ihr das hier schon mal ausprobiert, Jungs?«, rief Kofa uns schelmisch zu.

Ich drehte mich um und sah ihn ein paar Mal lautlos in die Hände klatschen. Sein seltsamer Applaus galt offenbar unseren taubstummen Gästen.

»Schau nicht mich an, sondern die Zombies!«

Ich tat, wie mir geheißen, und sah prompt einige Untote auf den Boden fallen und reglos liegenbleiben.

»Dieser Trick ist enorm wirksam, hat keine unerwünschten Nebeneffekte und tötet sehr schnell jede beliebige Person«, erklärte Sir Kofa. »Es ist allerdings nicht jedem gegeben, ihn anzuwenden. Bei Juffin zum Beispiel hat er nie geklappt.«

»Kaum zu glauben, dass unser Chef etwas nicht kann. Diesen Trick möchte ich auch mal probieren.«

Verblüfft schüttelte ich den Kopf, wollte in die Hände klatschen, brachte es aber leider nur fertig, wie üblich mit den Fingern zu schnippen. Die Versammlung auf den Gräbern wurde von Sekunde zu Sekunde kleiner, doch die Zombies blieben gelassen und versuchten nicht einmal zu fliehen. Das ärgerte mich besonders.

»Schade, dass sie keinen Widerstand leisten«, murmelte ich und schaute dem letzten Kugelblitz von Melifaro hinterher. »Ich wüsste gern, warum.«

»Ist doch egal - die haben eben keinen Kampfgeist«,

meinte Kofa. »Es reicht doch, dass wir die Arbeit von Lonely-Lokley erledigen müssen.«

Ich schnippte mit den Fingern und wunderte mich, wie leicht mir die Erzeugung von Kugelblitzen fiel. Ich musste mich nicht einmal konzentrieren - alles ging wie von allein.

»Ich kann nicht mehr. Ihr könnt mich jetzt auf den Müll werfen - oder vielleicht besser ins Bett«, meinte Melifaro, ließ sich ins Gras nieder und trocknete sich das verschwitzte Gesicht mit seinem violetten Lochimantel ab. »Für heute ist meine Zauberkraft erschöpft.«

»Du hättest dich nicht so anstrengen müssen«, sagte ich. »Kofa und ich hätten das auch allein geschafft.«

»Es war zwar anstrengend, aber unter welchen Umständen könnte ich sonst heutzutage noch so viele Lebewesen um die Ecke bringen? Du bist wirklich ein Glückspilz, Max - du trägst den Todesmantel und darfst böse Dinge tun. Und ich? Mein Leben ist langweilig und voller guter Taten.«

Sir Kofa klatschte noch ein paar Mal tödlich in die Hände und beendete damit unser Friedhofsabenteuer.

»Gehen wir, Jungs«, sagte er gähnend. »Gut, dass alles vorbei ist. Jetzt gibt es nur noch jede Menge Arbeit für den Friedhofswächter.«

»Wir beide können zum Haus an der Brücke fahren, und Melifaro

»Ich will auch dorthin!«

»Wirklich? Gerade wolltest du dich noch schlafen legen.«

»Das hat Zeit. Erst kannst du uns Frühstück spendieren, wie du es versprochen hast.«

»Was bleibt mir anderes übrig?«, meinte ich. »Ich glaube, es ist leichter, dich zu töten, als dich satt zu bekommen.«

»Das sind ja rosige Aussichten«, sagte Melifaro kraftlos.

Er sah wirklich sehr müde aus. Normalerweise lieferten wir uns viel spritzigere Wortgefechte.

»Der Petow-Friedhof ist viel zu alt, um als ruhiger Ort zu gelten«, erklärte Kofa ungerührt und schmierte sich ein Brot. »Aber der Wächter von Kuniga Jussi kann sicher selig schlafen. Dort dürfte so etwas nie passieren.«

»Ist Kuniga Jussi also ein junger Friedhof?«, fragte ich.

»Noch jünger als die Neustadt von Echo. Und die armen Zombies, mit denen wir gerade zu tun hatten - mir läuft ein Schauer über den Rücken, wenn ich mir überlege, wie viele Jahrhunderte sie schon in ihren Gräbern gelegen haben dürften. Vielleicht schon seit der Regentschaft von König Mjenin.«

»Womöglich hat irgendein Dunkler Magister aus einem obskuren Orden die armen Wesen verzaubert«, murmelte Melifaro.

»Ihr seid ja bombig gelaunt«, mischte Melamori sich ein. »Inzwischen freue ich mich, dass ich hierbleiben musste.«

»Schade. Dabei haben wir viele appetitliche Zombies gesehen! Wenn du uns begleitet hättest, könntest du jetzt nicht so seelenruhig frühstücken. Also sei uns gefälligst ein wenig dankbar.«

Alles lief wie geschmiert.

Melifaro ging nach Hause, denn er schien tief verstört.

Niemandem bekommt es, am frühen Morgen so viele Kugelblitze zu produzieren. Melamori und ich faulenzten indessen bis zum Abend, während Kofa einen Spaziergang durch die Stadt machte. Dann kehrte er ins Haus an der Brücke zurück und ließ mich nach Hause gehen. Das war sehr großherzig von ihm.

Ich beschloss, auszuschlafen, vergrub mich im Bett und wachte erst kurz vor Mittag auf - ein grandioses Erlebnis!

Prächtig gelaunt tauchte ich im Haus an der Brücke auf. In meinem Büro saß Sir Lukfi Penz und wirkte etwas zerstreut.

»Da sind Sie ja endlich, Sir Max! Schade, dass Sir Kofa nicht auf Sie hat warten können«, meinte er mit schwachem Lächeln. »Er hat mich gebeten, Ihnen auszurichten, dass alles wieder von vorn begonnen hat.«

»Was hat von vorn begonnen?«

Ein paar Sekunden lang starrte ich Lukfi Penz an, doch er schwieg. Dann meldete ich mich per Stumme Rede bei Sir Kofa.

»Was ist passiert? Sind neue Zombies aufgetaucht? Warum habt ihr mich nicht gerufen?«

»Melifaro und ich schaffen das allein - diese Untoten sind völlig harmlos. Und du hast wirklich Schlaf gebraucht.«

»Vielen Dank für deine Fürsorge. Seid ihr schon fertig?«

»Wir haben gerade die letzten drei Zombies erledigt. Heute bin ich sogar allein mit ihnen fertig geworden. Melifaro hat mir nur Gesellschaft geleistet.«

»Du bist wirklich tapfer, Kofa. Ist Melamori auch mit von der Partie?«

»Aber ja. Sie sucht nach schockierenden Eindrücken. Deck schon mal den Frühstückstisch und warte auf die Rückkehr der Helden.«

Eine halbe Stunde später kamen die drei in mein Büro. Auf Sir Kofas Gesicht war keine Spur von Müdigkeit zu entdecken.

»Jetzt bist du wirklich unser Chef - gratuliere!«, rief Melifaro mir von der Türschwelle aus sarkastisch zu. »Während wir arbeiten, schläfst du. So gehört sich das offenbar.«

»Diese Aufgabenverteilung gefällt mir auch«, pflichtete ich ihm bei. Dann sah ich Kofa vorwurfsvoll an und sagte: »Du hättest mich besser doch wecken sollen.«

»Nächstes Mal«, meinte er finster. »Irgendwie hab ich das Gefühl, das wird sehr bald sein. Diese scheinbar harmlose Zombiegeschichte gefällt mir nicht, Leute. Sie hat einen seltsamen Beigeschmack, findet ihr nicht?«

»Ja, die Typen sehen furchtbar aus«, bemerkte Melamori.

Ihre Stimme und ihre Miene zeugten von tiefem Ekel.

»Sind das eigentlich immer die gleichen Toten, oder tauchen ständig neue auf?«, wollte ich wissen.

»Die gleichen Toten?«, staunte Kofa. »Das glaube ich nicht. Aber wer weiß - in solchen Fällen ist alles möglich.«

»Vielleicht sollte man den Friedhof schließen. Wer weiß, womöglich möchten die nächsten Zombies einen Spaziergang durch Echo machen. Wir könnten ja die Leute von General Bubuta auf den Friedhof schicken.«

»Du bist ein Genie, Sir Nachtantlitz«, meinte Melifaro lächelnd. »Die schockierten Polizisten werden selber Schutz brauchen - so wird das enden.«

»Man könnte sie doch in zwei, drei Gruppen patrouillieren lassen. Ich finde, auf dem Friedhof sollten sich möglichst viele Leute aufhalten. Melifaro, führ du sie am besten hin und gib ihnen die entsprechenden Instruktionen. Oder besser noch: Sie sollen einfach über den Friedhof spazieren und endlich Verantwortung übernehmen.«

»Wenn du für mich ein paar Delikatessen vom Frühstück aufbewahrst, bin ich für alle Schandtaten zu haben.«

Melifaro sprang in den Korridor. Die Aussicht, eine Polizeiabteilung zu leiten, verlieh ihm Flügel.

»Du bist ein guter Stratege«, sagte Kofa kopfschüttelnd. »Seltsam, dass ich nicht selbst auf diese Idee gekommen bin.«

»Und was werden wir mit diesen ekligen Wesen weiter tun?«, fragte Melamori angewidert.

»Das, was wir schon zweimal gemacht haben«, sagte ich achselzuckend. »Deshalb hab ich ja befohlen, auf dem Friedhof Streife zu gehen. So kann die Polizei uns schnellstmöglich benachrichtigen, und wir schicken Verstärkung. Nur schade, dass Sir Schürf nicht bei uns ist. Mit einer Bewegung seiner Linken nämlich könnte er den ganzen Spuk in Asche verwandeln. Kofa, beherrschst du diesen Trick nicht vielleicht auch? Das wäre wirklich eine hygienische Maßnahme.«

»Töten kann ich gut, aber meine Opfer in Asche zu verwandeln, ist nicht so meine Stärke.«

»Sie unterhalten sich über so traurige Dinge - ist jemand gestorben?«, mischte Sir Lukfi Penz sich plötzlich ein.

Melamori und ich lachten nur nervös auf, und Kofa schüttelte den Kopf.

»Im Gegenteil«, seufzte ich, »es handelt sich um eine Art Massenauferstehung.«

»Oha, das ist eine ernste Angelegenheit«, versetzte Lukfi und nickte verständnisvoll. »In meiner Jugend habe ich viel Zeit auf dem Friedhof verbracht, aber so was kenne ich nur vom Hörensagen.«

»Was haben Sie denn auf dem Friedhof gemacht?«, fragte ich erstaunt.

»Mein Großvater, Sir Lukari Bobon, wollte, dass ich unser Familienunternehmen weiterführe. Als ich stattdessen auf die Höhere Magierschule ging, war er tief enttäuscht und wechselt bis heute kein Wort mit mir. Aber ich glaube nicht, dass er in mir einen interessanten Gesprächspartner verloren hat.«

»Der Großvater unseres Lukfi Penz ist Meister der Begräbniszeremonien«, erklärte mir Kofa und zwinkerte unserem Archivleiter zu. »Sie haben eine gute Wahl getroffen. Es ist weit angenehmer, mit Buriwuchen als mit Toten umzugehen.«

»Danke, dass Sie mich an meine Pflicht erinnern. Die Vögel warten schon auf mich.«

Lukfi Penz stand auf, stolperte über seinen Lochimantel, kippte eine leere Tasse Kamra um und lächelte uns dann so nett wie verlegen an: »Vielen Dank für das Abendessen.«

Nach diesem kurzen, aber heftigen Auftritt verschwand unser Oberster Wissenshüter im Großen Archiv.

»Von welchem Abendessen hat er denn da geredet?«, fragte ich ungläubig. »Wir haben doch gefrühstückt.«

"Man könnte meinen, du hättest Sir Lukfi gerade erst kennen gelernt«, meinte Melamori kichernd.

Melifaro kehrte nach anderthalb Stunden zurück und strahlte wie ein frisch geprägter Taler.

»Alles läuft bestens«, rief er, kaum dass er mein Büro betrat. »Die Polizisten gehen stillvergnügt im Lochimantel auf dem Friedhof spazieren. Diesen seltsamen, aber ungemein beruhigenden Anblick solltet ihr euch nicht entgehen lassen. Ich kann euch nur raten, hinzufahren.«

»Das werden wir schon noch«, seufzte ich. »Ich fürchte, wir müssen den Friedhof noch mehrmals auf suchen.«

»Übertreib nicht so, Max. Und mach dir keine Sorgen, ehe etwas passiert ist«, sagte Kofa und sah gedankenverloren aus dem Fenster. »Übrigens kann ich dich heute nicht vertreten.«

»Ich werde es überleben. Schließlich faulenze ich nachts eigentlich immer nur in Juffins Büro herum.«

Sir Kofa strich durch die Stadt und vollführte dabei ungeheure Taten. Auf eigene Faust und eher zufällig gelang es ihm, einen bärtigen Taschendieb zu fassen, obwohl so etwas gar nicht ins Ressort des Kleinen Geheimen Suchtrupps fällt. Der arme Mann wurde General Bubuta Boch vorgeführt, und wir hörten eine Schimpfkanonade aus dem Verhörzimmer dringen. Diesmal leistete ich keinen Widerstand gegen diesen Umgang mit Festgenommenen. Langsam spürte ich sogar eine Art Sehnsucht nach Bubuta.

»Du siehst aus wie ein Provinzler, der sein Leben lang davon geträumt hat, Eki Balbalao live zu hören, und nun in diesen Genuss kommt.«

»Ich bin tatsächlich ein Provinzler, denn ich weiß nicht, wer dieser Eki ist.«

»Der beste Tenor des Vereinigten Königreichs!«, rief Melifaro und schüttelte schockiert den Kopf. »Ich bin zwar nicht der leidenschaftlichste Musikliebhaber, aber dass du so etwas nicht weißt, wundert mich doch. Was machst du eigentlich in deiner Freizeit, mein Freund?«

»Ich besuche Wirtshäuser und amüsiere mich im Gespräch mit Unbekannten«, meinte ich rasch und fügte hinzu: »Außerdem habe ich nicht viel Zeit - ich arbeite nämlich viel. Singt dieser Eki wirklich so hübsch?«

»Ich glaube schon«, antwortete Melifaro recht kleinlaut. »Ich kenne ihn leider auch nicht, da ich meine Freizeit sehr ähnlich verbringe wie du. Darum dringt die süße Stimme von Sir Balbalao nur selten an mein Ohr.«

»Wir sind also beide nur scheinbar kulturbeflissen«, seufzte ich.

Mein Freund brach unser Kunstgespräch ab, da er nach Hause wollte. Ich betrachtete den dunkelnden Himmel und dachte daran, wie schnell der Tag vergangen war. Mich erwartete eine lange, langweilige und einsame Nacht. Lukfi ging - wie stets - kurz nach Sonnenuntergang, und Melamori war schon Stunden zuvor verschwunden, ohne sich zu verabschieden.

Um Mitternacht, als ich es mir schon im Sessel bequem machen wollte, erreichte mich Techi per Stumme Rede.

»Max, das ist schlimm! Dein Freund, dieser Journalist Ande Pu, redet die ganze Zeit auf mich ein. Er ist betrunken wie immer und versucht ständig, meine Hände zu küssen. Weißt du, langsam ist meine Geduld erschöpft. Wer weiß - vielleicht werde ich seinetwegen noch im Cholomi-Gefängnis landen. Ich bin so sauer, dass ich ihn in Asche verwandeln könnte.«

»Ich finde sicher einen rettenden Paragrafen im Strafgesetzbuch für dich, Liebste. Versuch trotzdem, kühlen Kopf zu bewahren. Kannst du wirklich jeden in Asche verwandeln, oder habe ich mich da verhört?«

»Natürlich kann ich das. Warum fragst du?«

»Ich suche jemanden mit dieser Fähigkeit. Weißt du, gestern und heute sind auf einem Friedhof ganze Horden von Zombies aufgetaucht, und wir müssen sie immer aufs Neue töten. Unser Spezialist für das Verkohlen von Angreifern hält sich leider mit Sir Juffin im Cholomi-Gefängnis auf.«

»Na ja, was Untote angeht, kann ich dir auch nicht helfen«, gab Techi zu. »Solche Wesen bekommt man nicht mal mit dem Weißen Feuer klein.«

»Mit dem Weißen Feuer?«, fragte ich erstaunt.

»Dem einfachsten und schnellsten Weg, jemanden in Asche zu verwandeln. Dieses Feuer verlangt allerdings weiße Magie 137. Grades und ist einer der Lieblingstricks meines Vaters«, erklärte Techi rasch. »Vielleicht sollte ich diesen lallenden Säufer ins Haus an der Brücke schicken. Was hältst du davon?«

»Gegen etwas Gesellschaft habe ich nichts einzuwenden.«

»Gut. Aber angesichts seines Zustands solltest du erst gegen Sonnenaufgang mit ihm rechnen.«

»Das täuscht. Er trinkt zu oft, als dass er sich nicht auch im Rausch gut orientieren könnte.«

Kaum eine halbe Stunde später klopfte ein verschlafener Bote an meine Bürotür.

»Darf ich raten? Ich habe Besuch. Und dieser Besuch ist klein, rund und nicht mehr nüchtern, stimmt's?«, fragte ich.

»Sie haben Recht, Sir Max«, sagte der Bote gelassen. Die Erfahrungen, die er und seine Kollegen in den letzten Jahren mit mir gemacht hatten, hatten sie offenbar gegen jede Art von Staunen über meine Gäste immunisiert. »Soll ich ihn zu Ihnen lassen?«

»Selbstredend.«

»Max, ich bin so traurig«, rief Ande Pu schon auf der Türschwelle. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, was echte Traurigkeit bedeutet.«

»Natürlich kann ich das«, sagte ich und goss ihm Kamra ein. »Am besten steigst du jetzt auf ein anderes Getränk um.«

»Was? Spürst auch du bisweilen diese unendliche und überwältigende Traurigkeit?«, fragte Ande erstaunt.

Er sah aus wie ein mittelalterlicher Mystiker, der gerade festgestellt hat, dass Gott nicht existiert. Nachdem er meine Antwort verarbeitet hatte, fuhr er fort: »Nur du kannst mich verstehen. Als wir uns das letzte Mal trafen, war ich hungrig«, sagte er düster und musterte gedankenschwer den Inhalt seiner Tasse. »Jetzt bin ich satt, pappsatt sogar, aber das ändert nichts - ich muss weg aus Echo!«

»Nach Tascher?«

»Zum Beispiel«, sagte er sanft. »Dort ist es warm, das Obst wächst an den Straßen, fast niemand kann lesen und schreiben, und entsprechend hoch schätzt man die wahren Dichter. Schon lange habe ich das Gefühl, wegzumüssen- egal, wohin.« Er machte eine kurze Pause und fügte hinzu: »Lass uns das Thema wechseln. Irgendwann schaffe ich es schon, hier zu verschwinden. Kannst du kurz mitkommen? Ich möchte dir einen Trick zeigen.«

»Den kannst du mir doch auch hier vorführen.«

»Nein - er gelingt nur im Stadtteil Rendezvous.«

»Erzähl mir doch erst mal, worum es geht«, bat ich ihn. »Ich muss hier arbeiten. Das gehört zu meinen Pflichten.«

»Es führt zu nichts, dir davon zu erzählen. Das nimmt dir nur die Überraschung.«

Ich überlegte kurz, und meine Neugier gewann die Oberhand. Was mochte Ande mir zeigen wollen?

»Na schön, nehmen wir meinen Wagen. Das geht schneller. Ich hoffe, eine halbe Stunde reicht.« Dann wandte ich mich an den Buriwuch. »Kurusch, ich bin sicher in einer halben Stunde zurück und bringe dir eine Pirogge mit. Zufrieden?«

»Also muss ich mindestens eine Stunde auf dich warten«, erklärte der Vogel gelassen. »Du kommst ja immer zu spät.«

»Vergiss bitte all meine Verspätungen. Heute bin ich sicher pünktlich. Ehrenwort.«

»Ist ja egal«, sagte der Buriwuch schläfrig. »Warum regst du dich überhaupt so auf? Ihr Menschen seid seltsame Wesen.«

••Da hast du Recht, mein Kluger.«

Es war wie immer sinnlos, Kurusch zu widersprechen.

Ich hielt im Stadtteil Rendezvous vor einem Gebäude, in dem Männer nach Frauen suchten. Ande Pu sprang vom Beifahrersitz und lief auf den Eingang zu.

»He, Freundchen«, rief ich ihm nach, »warum hast du mir nicht gesagt, dass du nur ein kostenloses Taxi brauchtest? Dann hätte ich dich in einem Dienstwagen herbringen lassen.«

»Komm, Max. Ich zeig dir meinen Trick. Da bist du baff.«

Neugierig folgte ich ihm.

Ande hielt auf der Schwelle und drehte sich zu mir um. »Hast du vielleicht zwei Kronen übrig?«, fragte er leise. »Ich hab schon wieder kein Kleingeld dabei.«

Seufzend griff ich in die Tasche meines Todesmantels, in die ich verschiedene Münzen geschoben hatte. Ich wusste ja, mit wem ich unterwegs war.

»Bezahl bitte meinen Eintritt mit - ich gebe dir das Geld demnächst zurück«, erklärte Ande im Brustton der Überzeugung. Er klang so stolz, als glaubte er an seine Worte.

Das letzte Mal war ich mit einem Verrückten aus Isamon in dieser Gegend, jetzt mit einem betrunkenen Journalisten. Nicht schlecht, dachte ich und sah Ande im Eingang stehen und von einem Fuß auf den anderen treten.

»Bitte«, sagte ich und gab ihm zwei kleine Münzen. »Und denk nächstes Mal daran, dass du mich nicht unbedingt hierher schleppen musst, nur um dir zwei Kronen zu leihen«, sagte ich kopfschüttelnd.

»Du klopfst vielleicht Sprüche!«, gab Ande Pu sichtlich zufrieden zurück. »Jetzt komm und sieh dir an, was passiert. Aber bleib auf der Schwelle stehen«, fügte er mahnend hinzu und öffnete die Eingangstür.

»Weiter wollte ich ohnehin nicht«, sagte ich, wusste aber, dass meine Neugier mich nicht mehr umkehren ließe.

Ande gab dem Wirt das Geld, schob seine runde Hand in die Vase, die als Lostrommel fungierte, zog eine Keramikkugel und zeigte sie mir, ohne einen Blick darauf geworfen zu haben.

»Eine Niete, was?«

»Stimmt«, bestätigte ich. »Willst du behaupten, der Trick bestehe darin, entweder die Nummer zu raten oder eine Niete zu ziehen?«

»Genau - und leider ziehe ich immer Nieten«, bestätigte Ande Pu traurig.

Ich sah noch, wie der Journalist sich betont höflich vom Wirt verabschiedete, der die ganze Zeit meinen schwarzgoldenen Todesmantel angestarrt hatte. Na ja - ich hatte es eben mal wieder nicht geschafft, mich umzuziehen. Vermutlich waren die Gäste des Hauses ziemlich erleichtert, als ich wieder ging.

»Es tut dir hoffentlich nicht zu sehr um deine zwei Kronen leid, Max«, meinte Ande. »Ich wollte nur, dass du dich selbst von meinem Pech überzeugst.«

»Natürlich tut es mir leid darum«, sagte ich lächelnd und suchte in meiner Tasche nach Münzen. »Aber eine Gegenprobe würde dich sicher nicht stören, oder? Lass uns mal sehen, ob du wirklich ein Pechvogel bist oder ob das nicht doch nur ein Zufall war.«

Ande entgegnete nichts, nahm die beiden Münzen, die ich ihm hinhielt, und betrat ein anderes Etablissement -mit dem gleichen Ergebnis wie zuvor. Auch die Reaktion des Wirts auf meinen Todesmantel war identisch.

»Gut, wir können das Experiment jetzt abbrechen«, meinte ich, als wir wieder auf der Straße standen. »Ich glaube dir. Aber ich hätte dir auch geglaubt, wenn du mich nicht hierhergeschleppt hättest, um mir dein Pech zu demonstrieren.«

»Eine Sache nur zu glauben, ist etwas ganz anderes, als sie mit eigenen Augen zu sehen«, erklärte Ande.

»Das weiß ich natürlich. Aber nimm es nicht so tragisch. Deine Glückssträhne kehrt sicher wieder. Du musst dich nur etwas entspannen. Und jetzt lass uns zurückfahren, mein kleiner Pechvogel.«

»Fahr allein ins Haus an der Brücke. Ich geh noch zu Tschemparkaroke. Seine berühmte Rekreationssuppe wird meine Stimmung heben. Wenn du mir etwas Gutes tun willst, spendier mir eine Fahrkarte nach Tascher. Du weißt nicht, was Pech ist. Du hast noch nie im Leben eine Niete gezogen.«

»Hier vielleicht nicht. Aber das Leben besteht nicht nur aus dem Stadtteil Rendezvous. Langsam bekommst du wirklich eine Tascher-Obsession.«

»Der kommende Tag ist stets schwieriger als der vorige«, hörte ich Ande noch sagen. Er sprach aber nicht mit mir, sondern hatte sich der aufziehenden Morgendämmerung zugewandt.

Achselzuckend fuhr ich zurück zum Haus an der Brücke. Ich wollte unbedingt wenigstens eins von Kuruschs Vorurteilen über die Menschen in


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s Wanken bringen und ausnahmsweise rechtzeitig kommen. Doch meine Bemühungen waren vergeblich: Der Buriwuch saß im Tief schlaf auf seiner Lehne, und ich folgte seinem Beispiel und nickte binnen Sekunden ein. Leider suchten mich Alpträume heim, in denen mich ein gewisser Sir Morgan davon überzeugen wollte, dass er nicht mit Ande Pu verwandt war.

Anders als Kurusch schlief ich nicht besonders tief und erwachte vom leisen Knirschen eines Dielenbretts. Auf der Türschwelle stand ein junger Mann im Mantel der Stadtpolizei.

»Sir Max«, begann er deutlich erschrocken, »man hat mich zu Ihnen geschickt. Es geht schon wieder um den Friedhof.«

»Was? Schon wieder das Gleiche?« Ich seufzte leise, da mir klar war, dass nun wieder der Ernst des Lebens begann.

»Ja, ich habe leider keine guten Nachrichten«, sagte der Junge mit zitternder Stimme.

»Warum bist du überhaupt hier? Man hätte mich doch per Stummer Rede verständigen können. Das wäre viel schneller gegangen.«

»Ich habe Befehl, Sie aufzusuchen. So etwas habe doch nicht ich zu entscheiden«, sagte er schüchtern und errötete.

»Verstehe«, meinte ich, nahm einen Schluck Kachar-Balsam, schlüpfte in den Todesmantel und ging zu meinem Wagen. Auf der Fahrt meldete ich mich bei Kofa, der blitzschnell reagierte.

»Was? Schon wieder diese Zombies?«

»Leider. Ich fahre zum Friedhof. Stoß zu uns, so rasch du kannst. Ich glaube, auf Melifaro können wir verzichten. Solche Abenteuer strapazieren ihn nur, und ich spekuliere darauf, dass er mich ab und an tagsüber vertritt.«

»Ich bringe ihn trotzdem mit. Es reicht, wenn er dabei ist, ohne etwas zu unternehmen«, widersprach Kofa.

»Wie du meinst - ich warte auf dem Friedhof auf dich.«

Ich verabschiedete mich von ihm und wandte mich an den jungen Polizisten, der unruhig aus dem Fenster sah.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin es gewöhnt, so schnell zu fahren.«

Der Polizist nickte so schüchtern wie stets.

»Wer hat dich eigentlich zu mir geschickt?«, fragte ich, ohne wirklich neugierig zu sein.

»Leutnant Tschekta Schach hat gemeint, man könne Sie bei wichtigen Gedanken unterbrechen, wenn man sich bei Ihnen per Stumme Rede melde. Der Untergebene darf seinen Vorgesetzten aber nicht per Stumme Rede unterbrechen - so bestimmt es das Gesetz«, antwortete er fast flüsternd.

»Bei wichtigen Gedanken, sagst du«, wiederholte ich und schüttelte den Kopf. »Na ja. Dein Vorgesetzter entwickelt sich mit seiner sklavischen Rechtstreue zum echten Nachfolger von Kapitän Fuflos. Zum Glück fehlt ihm das Cholerische von General Bubuta«, fügte ich hinzu, sah den Polizisten erneut an und ergänzte: »Bitte merk dir, dass du und deine Kollegen sich jederzeit per Stumme Rede an mich wenden können. Für so was gibt es keine Beschränkungen.«

»Das werde ich tun«, sagte der Polizist und wirkte nun etwas selbstsicherer. Vielleicht, weil ich so höflich war.

»Erzähl mir jetzt, was auf dem Friedhof passiert ist«, sagte ich und betrachtete den Himmel, der inzwischen ganz hell war. »Was haben die Zombies angestellt?«

»Wir sind wieder einigen dieser Wesen begegnet. Tschekta Schach hat mir gleich aufgetragen, Sie zu holen - darum kann ich nichts Genaueres sagen.«

»Gut«, gähnte ich. »Ich werde ja sehen, was los ist.«

Ich hielt am Eingang des Petow-Friedhofs und begab mich im Laufschritt an den Tatort.

»Sir Max! Die Zombies sind da! Ich hab sie schon mit dem Babun beschießen lassen, aber das hilft nichts.«

Zum ersten Mal erlebte ich Leutnant Tschekta Schach verwirrt. Er wies mit dem Kopf auf die versammelten Untoten. Ihr Anblick wirkte auf mich nicht nur abstoßend, sondern allmählich auch langweilig.

»Natürlich kann man mit dem Babun gegen diese Gesellen nichts ausrichten«, sagte ich und unterdrückte ein Gähnen. »Und wenn Sie mich nächstes Mal brauchen, melden Sie sich per Stumme Rede bei mir. Keine Zeremonien bitte! Was hätten Sie getan, wenn die Zombies sich in alle Winde zerstreut hätten?«

»Zum Glück tun sie das nicht, sondern bleiben bei ihren Grabsteinen«, sagte er, klang aber nicht ganz überzeugt.

»Schon gut. Befehlen Sie Ihren Leuten jetzt bitte, sich schnellstmöglich hinter mir zu sammeln.«

Binnen Sekunden tauchten aus allen Ecken Polizisten auf und kamen zackigen Schrittes auf mich zu. Für mein Empfinden übertrieben sie ein wenig, aber wer weiß, was ich an ihrer Stelle getan hätte. Sie glaubten womöglich, ein schrecklicher Sir Max habe sich entschieden, sie vor dem Anblick der Zombies zu schützen.

Meine Kugelblitze waren effizient wie stets, und die Untoten fielen brav von den Grabsteinen. Aus dem Augenwinkel sah ich ein Stück Metall in der aufgehenden Sonne blinken. Ich dachte kurz nach und kam zu dem Schluss, dass es sich dabei um den Toten handeln musste, der mir schon am Vortag aufgefallen war.

»Es sind immer die Gleichen«, flüsterte ich genervt vor mich hin. »Das hab ich ja befürchtet.«

»Verzeih bitte, Max. Ich glaube, ich bin viel zu spät dran«, sagte Kofa, der plötzlich hinter meinem Rücken aufgetaucht war. »Sündige Magister - du bist ja schon fast fertig. Ist noch einer von denen am Leben?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich heiser und staunte selbst über meine Stimme. Dann setzte ich mich ins Gras. »Das war zu viel für mich heute. Schürf hat mir mal gesagt, Kugelblitze seien für ihren Erzeuger äußerst anstrengend -und ich muss sie schon seit drei Tagen immer wieder als Waffe einsetzen.«

»Warum bist du auch so hastig?«, fragte Kofa seufzend.

Er klatschte ein paar Mal lautlos in die Hände, ging zu dem Haufen regloser Zombies, kam zurück und wirkte zufrieden.

»Sind das alle?«, fragte ich.

»Für heute ja, aber ich wüsste gern, wann dieser Auftritt endet.«

»Vielleicht nie«, seufzte ich. »Heute hat sich mein Verdacht bestätigt, dass es immer dieselben Untoten sind.«

»Woher willst du das so genau wissen? Du hast schließlich nicht mit ihnen gesprochen.«

»Schon beim ersten Mal ist mir einer aufgefallen, der seither immer wieder aufgetaucht ist.«

Ich spürte, dass ich mich am liebsten im taufeuchten Gras ausstrecken und die Augen schließen würde.

»Du bist ganz schön schlapp«, meinte Kofa erstaunt. »Da kommt endlich auch Sir Melifaro - rechtzeitig wie immer!«

»Spät genug jedenfalls, um mir das Unangenehmste zu ersparen«, antwortete Melifaro. Seine Stimme schien ungemein weit entfernt. »Max, seit wann schläfst du so gern unter freiem Himmel? Ist das bei euch in den Leeren Ländern Sitte?«

»Ach, lass ihn. Du kannst ihn nach Hause fahren«, sagte Sir Kofa. »Es ist unglaublich nass hier.«

Ich gab mir alle Mühe, aufzustehen, schaffte es aber nur, mich auf den Ellbogen zu stützen.

»Man muss diese Leichen irgendwie beseitigen. Am besten sollte man sie wohl verbrennen.«

»Überlass das nur mir. Schau, wie viele Helfer ich habe«, sagte Kofa und wies mit dem Kopf auf all die Polizisten.

»Schön für dich. Macht jetzt mit mir, was ihr wollt. Sündige Magister - wie konnte ich nur meine Flasche Kachar-Balsam vergessen! Ich wusste doch, was mich erwartet.«

»Das ist kein Angriff, sondern eine hilfreiche Geste«, sagte Melifaro und streckte mir die Hand hin.

Nachdem ich mich aufgerappelt und ein paar vorsichtige Schritte gemacht hatte, landete ich auf dem Beifahrersitz seines Wagens, und Melifaro setzte sich ans Steuer.

»Fahr mich bitte nach Hause«, sagte ich. »In die Straße der gelben Steine. Meine Freundin Techi hat mich schon einmal sterben sehen. Das möchte ich ihr kein zweites Mal zumuten.«

»Ich mach, was du willst, aber du siehst eigentlich ganz lebendig aus«, tröstete mich Melifaro.

»Das geht vorüber«, seufzte ich und nickte sofort ein.

Ich fiel in den Tiefschlaf des Betrunkenen, doch Melifaro erwies sich - den Magistern sei Dank! - einmal mehr als großherzig und schleppte mich brav ins Schlafzimmer, statt mich wie einen Kartoffelsack vor die Tür zu legen.

Kurz nach Mittag erwachte ich und schaffte es sogar ins Bad. Eigentlich war mir nichts Schlimmes zugestoßen. Ich fühlte mich nur enorm schwach - als hätte ich eine schwere Erkältung hinter mir. Aber auch das war nach ein paar Schlucken Kachar-Balsam spurlos verschwunden.

Auf dem Tisch im Esszimmer stand ein Krug Kamra, deren herrliches Aroma keinen Zweifel daran erlaubte, dass Techi sie zubereitet und mir geschickt hatte. Nach dem ersten Schluck meldete ich mich per Stumme Rede bei ihr und bedankte mich.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du so schnell aufstehst.

Melifaro sagte, du hättest so viele anstrengende Abenteuer an den verschiedensten Orten von Echo hinter dir, dass man dich bis zum Abend schlafen lassen sollte.«

»Du kennst ihn doch - er übertreibt gern. Du darfst höchstens die Hälfte von dem glauben, was er erzählt.«

»Das werde ich mir merken«, meinte Techi. »Kann ich heute Abend mit deinem Besuch rechnen?«

»Wenn mich Sir Kofa, Melifaro und all die anderen in Ruhe lassen, dann vielleicht. Ansonsten kann ich nichts über die Welt in ein paar Stunden sagen.«

»Da bist du nicht der Einzige«, beruhigte sie mich.

Ich zog mich rasch an und fuhr ins Haus an der Brücke.

»Noch ein wiederbelebter Toter!«, rief Melifaro, als er mich sah, und schob geistesgegenwärtig seinen Sessel zwischen uns, um sich vor mir zu schützen. »Wie lange kann diese Auferstehungswelle noch dauern?«

»Es gibt Schlimmeres! Es soll schon vorgekommen sein, dass aus Lebenden Tote wurden«, meinte ich düster und warf ihm einen grimmigen Blick zu. »Welche Räuberpistolen tischst du eigentlich meiner Freundin auf? Und was wäre, wenn sie nicht genug Humor hätte, um sie als Lügen zu entlarven?«

»Jetzt gehst du einen Schritt zu weit«, meinte Melifaro lächelnd. »Wenn sie keinen Humor hätte, wäre sie unmöglich deine Freundin.«

»Ist Kofa eigentlich nicht da?«, fragte ich.

»Was soll er hier zu suchen haben?«, seufzte Melifaro neidisch. »Er hat schon am frühen Morgen das Haus verlassen und sich bestimmt einen leckeren Truthahn im Skelett auf Diät bestellt. Aber er hat versprochen, später vorbeizukommen. Du kannst dich ja per Stumme Rede bei ihm melden.«

»Nicht nötig. Eigentlich wollte ich fragen, wie der Einsatz auf dem Friedhof gelaufen ist.«

»Soweit ich weiß, ist alles ohne Komplikationen über die Bühne gegangen. Die Zombies wurden mit Teer übergossen und wie Holz verbrannt. Das soll nicht gerade aromatisch gerochen haben. Tschekta läuft noch immer mit vor Ekel verzerrter Miene im Haus an der Brücke herum.«

»Das Verbrennen muss wirklich ein brutaler Anblick gewesen sein. Und wo ist Melamori?«

»Stell dir vor: Für sie hat sich ein Fall gefunden, und sie ist im Einsatz. Auf dem Nachtflohmarkt wurde einem unglücklichen Provinzler eine Holzfigur angedreht, die sich nach einer Stunde in Luft aufgelöst hat. Jetzt ist unsere tapfere Lady auf die Spur des Verkäufers getreten und hat zu ihrem Schutz drei Polizisten mitgenommen. Aber mach dir keine Sorgen um sie: Ich habe gerade mit ihr gesprochen - sie ist bald zurück.«

»Max, du wirkst urlaubsreif«, sagte Kofa, der plötzlich in der Tür stand. »Hier passiert sowieso nichts Interessantes, und es wäre dumm, wenn du morgen nicht in Form wärst.«

»Meinst du wirklich, dass es mit den Zombies morgen früh von vorn losgeht? Wir haben sie doch gerade erst verbrannt.«

»Im Moment lässt sich gar nichts ausschließen«, meinte Kofa achselzuckend. »Außerdem vermute ich, dass ein Großer Magister hinter den Zombies steckt, und da ist immer höchste Vorsicht geboten.«

»Was meint ihr, was wir jetzt machen können?«, fragte ich meine Kollegen ratlos.

»Gar nichts können wir machen. Ich habe den Polizisten empfohlen, weiterhin Streife zu gehen. Wenn die Zombies erneut auftauchen, müssen wir eben von vorn anfangen - immer wieder, bis Sir Schürf zurückkommt. Er wird diese Untoten ein für alle Mal beruhigen.«

»Und was ist mit dem Großen Archiv?«, fragte ich und hatte plötzlich eine Erleuchtung. »Hat einer mal die Buriwuche befragt? Vielleicht gibt es ja einen Präzedenzfall!«

»Für wen hältst du mich?«, rief Melifaro empört. »Lukfi und ich haben schon gestern Abend danach gesucht - leider vergebens. In Echo ist nie etwas Vergleichbares passiert.«

»Schon gut. Dann warten wir eben, bis Schürf und Juffin wieder da sind.«

Langsam freundete ich mich mit dem Gedanken an, noch einige Zombievernichtungen ins Werk zu setzen.

»Aber ich habe eine gute Nachricht für dich«, rief Kofa und klopfte mir freundlich auf die Schulter. »Heute Nacht hab ich frei - da kann ich dich problemlos vertreten. Und wenn etwas passiert, übernehme ich gleich die Schwerarbeit.«

»In so einem Fall musst du mich sofort benachrichtigen«, widersprach ich streng. »Du bist mein Freund und schon oft für mich eingesprungen - da ist es Ehrensache, dass ich dich in einer schwierigen Situation unterstütze.«

»Wenn du das so siehst, melde ich mich unverzüglich«, versprach mir Kofa.

»Zombies oder lebende Tote sind wirklich das Stumpfsinnigste, was es gibt«, überlegte ich halblaut im A-Mobil. »Auch Filme zu diesem Thema haben mich immer gelangweilt. Warum muss ausgerechnet ich mich damit nun herumschlagen?«

Dieser Monolog besserte meine Laune. Außerdem keimte in mir langsam ein tröstlicher Gedanke, den ich allerdings noch nicht genau beschreiben konnte. Aber jede Pflanze braucht Zeit, um zu wachsen.

Den Rest des Tages investierte ich in Wellness und genoss meine Entspannungsrituale. Es gibt nichts Angenehmeres, als sich nach vollzogener Heldentat langsam von der Ermüdung zu befreien. Ich hatte noch einiges vor, doch Kofa unterbrach mein süßes Nichtstun per Stumme Rede.

»Max - es ist schon wieder das Gleiche.«

»Ich komme sofort«, seufzte ich. »Diese Zombies fangen täglich früher an, uns zu quälen.«

»Da hast du Recht«, pflichtete Kofa mir bei.

Wir hielten gleichzeitig vor dem Petow-Friedhof. Diesmal wirkten die Polizisten noch erschrockener als zuvor. Im Licht des Halbmonds sahen die Untoten besonders grässlich aus, und ich zuckte zusammen.

»Max, bitte spar deine Kräfte«, riet mir Kofa. »Du hast dich gestern Abend verausgabt. Ich schaff das schon allein.«

»Daran zweifle ich nicht. Deine Tötungsmethode ist viel effektiver als meine. Du könntest sie mir bei dieser Gelegenheit beibringen.«

»Irgendwann sicher«, beruhigte mich Kofa. »Aber nicht heute, denn das Erlernen von Zaubertricks, für die man wenig Kraft braucht, erfordert eine längere Vorbereitung.«

»Prima - ich bin von Natur aus fleißig und ausdauernd.«

»Das ist mir noch gar nicht aufgefallen, Max. Heute werde ich übrigens einen Trick anwenden, den du noch nicht kennst. Er gefällt dir bestimmt.«

Kofa zog eine kleine Pfeife aus dem Lochimantel, musterte sie und zündete sie an.

Einige Minuten lang paffte er ungerührt, und ich konnte seine Seelenruhe und Geduld nur bewundern. Dann merkte ich, dass er den Rauch die ganze Zeit inhaliert und kein einziges Mal ausgeatmet hatte.

Schließlich ging Kofa zu den lässig auf ihren Grabsteinen hockenden Zombies, blieb einige Schritte vor ihnen stehen und blies ein paar dicke, rötliche Rauchwolken aus. Man hätte denken können, er habe brennenden Torf in den Lungen. Ich war so erstaunt, dass mir der Atem stockte, und sah einen Untoten nach dem anderen geräuschlos zu Boden gehen. Binnen Minuten war Kofa mit Hilfe des Rauchs mit den Zombies fertig geworden.

»Da ist ja schon wieder der Mann mit dem Ohrring«, rief ich, nachdem ich einmal mehr das mir schon vertraute Schillern bemerkt hatte. »Du hast Recht: Es lohnt nicht, diese Wesen erneut zu verbrennen.«

»Je mehr Energie wir darauf verwenden, die Zombies zu töten, umso schneller erleben sie ihre Auferstehung«, bemerkte Kofa. Er war nun sichtlich müde, wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und fügte hinzu: »Außerdem habe ich übertrieben, denn dieser Pfeifentrick hat auch mich viel Kraft gekostet. Wenn ich bedenke, dass das womöglich alles für die Katz war ... Nein, Max, wir müssen eine andere Lösung finden - sonst können wir gleich auf dem Friedhof bleiben. Und unsere mächtigen Kollegen kehren nicht so bald zurück. Leider.«

»Ich könnte Lady Sotowa um Rat fragen«, schlug ich halbherzig vor.

»Ich fürchte, sie wird uns kaum von Nutzen sein. Der Orden des Siebenzackigen Blattes mag nichts, was mit dem Tod zu tun hat. Das bedeutet natürlich nur, dass er sich damit nicht auskennt - diese unbequeme Wahrheit ist vermutlich die einzige Schwäche des Ordens.«

»Vielleicht sollten wir Maba Kaloch um Hilfe fragen.«

»Du kennst ihn doch - er ist seltsam und würde auch Sir Juffin nur ungern helfen, obwohl die beiden befreundet sind. Aber probier es ruhig. Schaden kann es nicht, und vielleicht hat Sir Maba ja gute Laune.«

Ich meldete mich per Stumme Rede bei dem mächtigen Magier.

»Nicht so hastig, Max. Dein Problem ist eigentlich gar keins«, sagte er zu mir. »In ein paar Tagen kannst du dich davon überzeugen.«

»Wenn ich mich nicht beeile, spazieren die Zombies bald durch Echo«, meinte ich etwas gereizt. »Dieser Anblick wäre für die Einwohner unserer Hauptstadt sicher nicht angenehm.«

»Du redest schon wie Juffin«, rief Sir Maba erfreut. »Ihr liebt die Einwohner von Echo so sehr, dass schon die kleinste Irritation bei euch einen nervösen Tick bewirkt. Und wenn du überhastet reagieren willst, mach das ruhig. Wer bin ich denn, dir das Recht auf Fehler zu verbieten?«

Alsdann schwieg der unbegreifliche Mann hartnäckig. Das passte gut zu ihm. Meine früheren Erfahrungen hatten sich einmal mehr bestätigt.

»Du bist ein Hellseher, Kofa«, seufzte ich bitter. »Der großartige Maba hat mir geraten, nicht überhastet vorzugehen, da unser Problem sich demnächst von allein löse.«

»Maba Kaloch spricht immer in Rätseln«, meinte Kofa kopfschüttelnd. »Er drückt sich notorisch unverständlich aus, aber diesmal hat er sich selbst übertroffen. Ich wüsste nur gern, was er gemeint hat.«

»Vielleicht wollte er uns sagen, dass wir die Zombies gar nicht umbringen müssen«, dachte ich laut. »Wir sollten sie vielleicht durch Echo gehen lassen.«

»Ich glaube kaum, dass wir uns so ein Experiment erlauben dürfen«, sagte Kofa finster. »Außerdem klingt Mabas Rat, nicht so zu hasten, angesichts unserer Lage etwas verharmlosend.«

Wir kehrten ins Haus an der Brücke zurück, warteten, bis Melamori erschien, setzten sie auf den Platz von Sir Juffin, übertrugen ihr die Verantwortung für alles Mögliche und gingen nach Hause. Allem Anschein nach konnten Sir Kofa und ich uns nun ein wenig entspannen.

Bei Sonnenuntergang wurde ich erneut per Stumme Rede alarmiert. Diesmal leistete Melifaro uns beim Besuch des Friedhofs Gesellschaft. Die Zombies kamen uns allmählich wie gute Bekannte vor. Der tägliche Kampf wurde für uns langsam zu einer lästigen Routine, und mich überkam ein metaphysisches Entsetzen.

»Leute, ich hab eine Idee«, meinte ich. »Vielleicht sollten wir einfach mal mit diesen Gestalten reden. Warum haben wir das eigentlich noch nicht probiert?«

Melifaro lächelte nur geringschätzig, und Sir Kofa sagte achselzuckend: »Wenn du unbedingt willst, probier es aus.«

Ich kam auf die unermüdlich auferstehende Zombiegruppe zu und suchte nach dem Mann mit dem Ohrring. »Warum seid ihr so hartnäckig?«, fragte ich. »Warum tut ihr uns das immer wieder an? Was wollt ihr? Wie können wir euch helfen?«

Der Ohrringträger sah durch mich hindurch, und auch die anderen reagierten nicht auf meinen Gesprächsversuch.

Einer der Untoten öffnete den Mund, sah in meine Richtung und artikulierte etwas Unverständliches.

Ich konnte nicht umhin, sarkastisch festzustellen: »Vielen Dank für eure Mitarbeit.«

»Die erste Gesprächsrunde darfst du damit wohl als beendet ansehen«, meinte Melifaro bissig. »Und jetzt lass uns wieder an die Arbeit gehen.«

Gesagt, getan. Nach ein paar Minuten waren die Zombies erneut verschwunden - ein schöner Anblick.

Ich werde das Gefühl nicht los, für eine Sendung a la Versteckte Kamera gefilmt zu werden, dachte ich verärgert, während ich meine Kollegen aufs rechte Flussufer chauffierte. Vielleicht sollte man diese Wesen mit Weihwasser bekämpfen, überlegte ich verzweifelt.

Dieser Gedanke gefiel mir so, dass ich fast gegen einen prächtigen Wacharibaum geprallt wäre, der majestätisch am Straßenrand wuchs, und entwickelte sich rasch zur fixen Idee.

»Geht nach Hause und erholt euch«, sagte ich zu Kofa und Melifaro. »Heute schiebe ich allein Nachtdienst. Ich muss ja auch mal zu etwas nutze sein.«

»Ich will mich nicht erholen. Ich bin überhaupt nicht in Stimmung dazu«, meinte Melifaro müde.

»Gut, dann bleib hier. Ich kann dir ja etwas Leckeres aus dem Fressfass kommen lassen. Und du, Kofa - was ist mit dir?«

»Ich besuche ein paar Gasthäuser und finde heraus, welche Gerüchte in der Stadt umlaufen. Die Zombies sind zwar wichtig, aber das Leben geht weiter.«

»Tja«, seufzte ich. »Ohne dich ist es sicher nicht mehr so lustig, aber gegen dienstliche Verpflichtungen kann man nichts machen.«

Sir Kofa fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Sein neues Antlitz blieb ein paar Sekunden reglos. Dann zog er seine diesmal roten Brauen hoch.

»Lasst es euch schmecken, Jungs. Und weint mir bitte keine Träne nach.«

»Wir werden uns alle Mühe geben, aber wahrscheinlich wird uns doch die Rührung übermannen«, meinte Melifaro und lächelte schwach. In diesem Moment hatte ich erneut eine Erleuchtung.

»Skulpturen«, sagte ich gedankenverloren. »Woraus macht man die in Echo eigentlich?«

»Kommt drauf an«, sagte Kofa achselzuckend. »Aber ich muss gestehen: Ich hab mich schon für vieles interessiert, für die Schönen Künste allerdings noch nie.«

»Hast du vor, dir ein Denkmal zu errichten?«, frotzelte Melifaro. »Dazu ist es wirklich höchste Zeit.«

»Ja, meine Herren«, sagte ich entschieden. »Kofa, dein Wirtshaus kann warten. Wir müssen etwas besprechen. Kommt.«

»Wie ich es sehe, sind wir nicht verpflichtet, die Gäste aus dem Jenseits zu vernichten«, sagte ich im Gehen. »Wir müssen allerdings darauf achten, dass sie sich nicht in der Stadt aufhalten, sondern auf dem Friedhof bleiben. Hab ich Recht?«

»Natürlich«, sagte Kofa ungerührt. »Ich dachte, das wäre dir auch ohne meine Anwesenheit klar.«

»Jetzt warte doch ab«, schnauzte ich ihn ungeduldig an. »Das war erst der Anfang. Hört mir bitte genau zu: Wir könnten unsere aufdringlichen Gäste in eine Skulptur verwandeln, indem wir sie mit Metall übergießen oder sie mit einem anderen Material überziehen. Bei der Wahl des Werkstoffs können uns sicher Bildhauer helfen. Und dann warten wir, bis Sir Schürf zurück ist.«

»Genial!«, rief Melifaro und kicherte laut. »Warum lassen wir das großartige Kunstwerk nicht einfach stehen? Es ist sicher eine Zier des linken Flussufers. Und wer weiß - vielleicht können wir es mal versteigern.«

»Sachte, mein hitzköpfiger Freund«, bat ich. »Erst mal würde ich gern mit einem vernünftigen Menschen darüber reden. Was meinst du, Kofa - ist mein Plan realisierbar? «

»Dein Vorschlag klingt zwar verrückt, aber man sollte auf alle Fälle versuchen, so eine Skulptur zu schaffen.«

Die nächsten Stunden fühlte ich mich, als wäre ich im Haus an der Brücke so richtig der Chef. Meine Kollegen zogen durch Echo, suchten nach interessierten Künstlern und schleppten sogar Lukfi Penz mit, dessen Wirkungskreis sich normalerweise auf das Große Archiv beschränkte. Ich faulenzte währenddessen im Büro, denn Sir Kofa hatte erklärt, mein Todesmantel werde es gewiss erschweren, freundschaftliche Kontakte zu den Bildhauern von Echo aufzubauen.

Immerhin fand sich auch für mich eine Aufgabe. Melamori ließ Leleo - ihr spinnenartiges Geschenk aus Arwaroch - in meiner Obhut, denn auch der Anblick dieses Wesens hätte den Erfolg der Mission beeinträchtigen können. Die ersten zwei Stunden war Leleo traurig und weigerte sich, von mir Brotkrümel zu nehmen, doch langsam gewann ich seine Gunst, und irgendwann schnurrte er freundlich. Dieser kleine Erfolg stimmte mich froh.

Langsam kehrte auch die Idee, im Kampf gegen die Zombies Weihwasser einzusetzen, wieder in mein Bewusstsein zurück. Allerdings ist es schwer, in Echo an Weihrauch zu kommen, da es hier weder Kirchen noch religiöse Überzeugungen gibt.

»Wenn die Idee mit den Skulpturen scheitert, könnte ich es ja mit der Ritze zwischen den Welten versuchen«, überlegte ich halblaut. »Oder vielleicht schaue ich mal kurz bei mir zu Hause vorbei. Dort haben sich schließlich etliche religiöse Gegenstände angesammelt. Wozu habe ich den Trick mit der Ritze zwischen den Welten schließlich gelernt? Immerhin habe ich ein ganzes Jahr gebraucht, um ihn sicher zu beherrschen, und all die Mühe muss doch zu etwas gut gewesen sein.«

Diese Pläne erschienen mir zwar zu fantastisch oder zu kühn, um realisierbar zu sein, aber es machte mir doch Spaß, mir ihre Verwirklichung auszumalen.

»Max, ich bin zurück«, rief Melamori von der Türschwelle. »Wie geht es Leleo? Hat es ihn traurig gemacht, dass ich weg war?«

»Aber nein - er hat meine Gesellschaft sehr genossen und sogar etwas gefressen.«

»Dieser Verräter!«, sagte Melamori lächelnd. »Ich dachte, er würde nur fressen, womit ich ihn aus der Hand füttere.«

»Das hatte ich auch gedacht. Und du - hast du jemanden überzeugen können?«

»Natürlich. Ich habe sogar drei Helfer von Juchra Jukori mitgebracht. Er hat mir versprochen, zu uns zu kommen, wenn er mit der Arbeit fertig ist. Aber das kann noch einige Zeit dauern. Dieser Juchra ist der ungeduldigste Mensch von Echo. Einmal hat er im Auftrag meines Vaters gearbeitet und ihm ein halbes Jahr lang erklärt, es gehe nicht, wie mein Vater es wünsche. So fängt er immer an. Dann hat er zwei Jahre lang gearbeitet und genau das gemacht, worum man ihn nicht gebeten hatte. Aber meinem Vater gefiel seine Skulptur so, dass er sich entschied, sie zu behalten. Daraufhin hat Juchra erklärt, er könne sich nicht von seinem Kunstwerk trennen. Schließlich musste mein Vater das Dreifache des vereinbarten Preises zahlen und wurde so Besitzer des größten Kunstwerks der Stadt, das jedoch nicht in unsere Wohnung passte. Dieses Genie hat sich einfach nicht an die für die Plastik verabredeten Maße gehalten.«

»Ein echter Künstler! Diese Geschichte klingt geradezu klassisch. Aber weißt du, Melamori - ich freue mich, dass Juchra beschäftigt ist. Wir haben auch ohne ihn Probleme genug. Ich hoffe, seine Mitarbeiter sind kompromissbereiter.«

»Absolut nicht. Sie arbeiten unter schlimmen Bedingungen. Es ist ja oft so, dass Genies schreckliche Tyrannen sind.«

»Da hast du Recht«, sagte ich lächelnd. »Und nun nimm bitte dein seltsames Haustier und geh heim. Ich vermute stark, du willst sofort ins Bett.«

»Na ja, sofort nicht. Vorher möchte ich noch ein Eis essen und lesen. Wer übernimmt heute eigentlich den Dienst im Haus an der Brücke? Kurusch etwa?«

»Das weiß ich noch nicht. Vielleicht der kluge Vogel, vielleicht auch Melifaro. Das wird sich zeigen.«

»Ich jedenfalls bin froh, nicht mehr auf den Friedhof zu müssen«, seufzte Melamori. »Ich kann vieles nicht ertragen, und Tote gehören sicher dazu.«

»Das ist bei dir familiär bedingt. Kofa hat mir erzählt, ein Teil deiner Familie sei beim Orden des Siebenzackigen Blattes beschäftigt. Dieser Orden hat bekanntlich das gleiche Problem.«

»Stimmt.«

Melamori setzte sich ihren Leleo auf die Schultern und ging mit ihm weg. Ich fühlte mich wie ein älterer Herr, der sich einer jungen Frau gegenüber als Kavalier erwiesen hat.

Nach einer halben Stunde kehrten Kofa und Melifaro mit einigen Bildhauern zurück. Lukfi Penz hatte mich stolz per Stumme Rede informiert, dass es ihm gelungen war, ein paar echte Meister ihres Fachs ins Haus an der Brücke zu schicken. Man hätte denken können, ich wäre entschlossen gewesen, eine Büste von mir anfertigen zu lassen. Nachdem Lukfi mir alles fleißig berichtet hatte, fragte er mich schüchtern, ob er nach Hause gehen dürfe. Natürlich erlaubte ich das, denn er hatte viele Überstunden gemacht. Außerdem hielten sich inzwischen zahlreiche Bildhauer und Künstler im Wartezimmer auf.

»Wir laden sie alle auf Kosten des Hauses zum Abendessen ein«, entschied ich. »Oder was sagt unser Schatzmeister Dondi Melichais dazu? Ich hab das Gefühl, viel mehr Geld auszugeben als mein Chef.«

»Dondi Melichais ist sicher begeistert. Und weißt du warum? Er lebt am linken Flussufer, nur ein paar Schritte vom Petow-Friedhof entfernt. Du sorgst also dafür, dass er dort weiter unbehelligt leben kann.«

Aber unsere Künstler hatten leider nicht die Möglichkeit, auf Staatskosten zu essen, denn Hauptmann Apura Blaki informierte mich per Stummer Rede, alles habe wieder von vorn begonnen.

»Dann ist die Staatskasse offenbar gerettet?«, fragte Melifaro listig.

»Tja«, seufzte ich, »damit war leider zu rechnen. Wir leben offenbar in einem Alptraum.«

Wir brausten wieder zum Petow-Friedhof. Ich hatte das ewige Hin- und Herfahren wirklich satt. Hinter uns kam eine Karawane von Dienst-A-Mobilen aus dem Haus an der Brücke, in denen die Künstler und ihr Arbeitsmaterial Platz gefunden hatten.

»Bleib bei den Bildhauern«, bat ich Melifaro. »Sie können sowieso erst anfangen, wenn Kofa und ich mit den Zombies fertig geworden sind. Vielleicht gelingt es dir, mit ein paar Witzen die Stimmung aufzuheitern. Darin bist du ja ganz groß.«

»Früher schon«, seufzte Melifaro, »aber in letzter Zeit bin ich nicht in Form.«

Kofa und ich begannen erneut, die Zombies auszuschalten, und waren nach ein paar Minuten damit fertig. Ich meldete mich per Stumme Rede bei Melifaro, de


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r daraufhin mit allen Künstlern erschien. Ich war erleichtert, denn die Bildhauer machten einen interessierten und unerschrockenen Eindruck.

»Es freut mich, dass Sie den Auftrag übernehmen wollen, und ich hoffe, dass die Dunklen Magister Ihnen beistehen«, erklärte ich.

»Ohne deren Hilfe wird es nicht gehen - das stimmt«, pflichtete Sir Kofa mir kennerisch bei und setzte sich neben mich auf eine bemooste Grabplatte.

»Ich überlege schon die ganze Zeit, ob Madame Zizinda uns das Abendessen auf den Friedhof schickt, wenn wir uns jetzt per Stumme Rede im Fressfass melden«, sagte ich.

»Du hast heute wirklich geniale Ideen«, meinte Kofa. »Schauen wir mal, ob sie sich darauf einlässt.«

Es zeigte sich einmal mehr, dass Madame Zizinda eine so tapfere wie geschäftstüchtige Frau war, und nach einer halben Stunde aßen wir schon die Leckereien aus ihrem Lokal. Das war das seltsamste Picknick meines Lebens. Wir saßen bequem auf den Grabsteinen, und nach einigen Minuten gesellten sich Hauptmann Blaki und seine Polizisten zu uns. Die heroischen Bildhauer unterbrachen mitunter die Arbeit, um einen Happen zu essen oder ein Gläschen Dschubatinischen Säufer zu trinken. Die Künstler hatten sich schnell in die Situation gefunden und machten sogar Witze darüber.

»Schaut mal, wie gut mir das gelungen ist«, sagte mal der, mal jener und zeigte uns stolz sein Werk. Mehrere Zombies waren bereits unter einer Kunststoffschicht begraben und auf dem besten Wege, biennalefähig zu werden.

»Hält sich das, was Sie da benutzen, lange?«, fragte ich einen Bildhauer.

»Länger als jeder Naturstoff«, entgegnete er. »Sie werden zufrieden sein.«

Dennoch wurde ich immer unruhiger.

»Gefällt dir deine Idee nicht mehr?«, fragte Kofa mitfühlend. »Das passiert manchmal. Mach dir nichts daraus. Ich bin trotzdem überzeugt, dass es eine gute Idee ist.«

»Sogar du sagst »trotzdem««, wandte ich ein. »Aber kommt Zeit, kommt Rat.«

Am nächsten Morgen waren die Kunstwerke fertig, und alle gingen müde nach Hause.

»Wir auch?«, rief Melifaro und lief unruhig auf und ab. »Ende gut, alles gut - das ist meine Devise. Ich habe den Eindruck, wir haben unserer Stadt ein wunderbares Geschenk gemacht. Jetzt müssen nur noch Schwärme von Touristen kommen, um die Plastiken zu bestaunen - und sie kommen bestimmt. Was hier geschaffen wurde, erinnert mich an die Ordensepoche. Das ist ein Unikat -lasst euch das gesagt sein.«

Wir hatten wirklich ein seltsames Bild vor Augen. Die wie versteinert wirkenden Zombies ergaben eine eigenwillige Komposition. Aber das beruhigte mich nicht. Vielmehr rechnete ich klammheimlich damit, dass sie sich bewegen würden.

»Ihr könnt nach Hause gehen. Ich allerdings bleibe noch ein wenig hier«, sagte ich. »Mein Herz meldet sich, und ihr wisst, was das bedeutet. Es war schließlich meine verrückte Idee, und ich darf jetzt an ihr zweifeln.«

»Was ist, Max?«, fragte Kofa erstaunt. »Das war wirklich eine prima Idee - etwas seltsam zwar, aber ganz ausgezeichnet. Ich hatte erwartet, die Zombies würden sich längst bewegen, aber nichts da«, meinte er, trat an die Figuren heran und musterte sie. Nach ein paar Minuten, die mir unendlich lang vorkamen, drehte er sich zu mir um und sagte: »Sündige Magister - ich fürchte, du hast Recht.«

»Bewegen sie sich tatsächlich?«, fragte ich sichtlich erschrocken.

»Fängt etwa alles wieder von vorn an?«, rief Melifaro empört. »Leute, ich kann nicht mehr!« Wo war bloß seine gute Laune geblieben? »Aber vielleicht täusche ich mich ja«, fuhr er fort. »Nein, sie rühren sich wirklich. Es reicht nicht, die Zombies kurz anzustarren. Ihre Bewegungen sind fast nicht zu sehen. Man muss sich schon minutenlang zu ihnen runterbeugen. Aber der Kunststoff, mit dem sie überzogen sind, ist trotzdem nicht schlecht, denn er bremst sie massiv.«

»Du hast dir zu Recht Sorgen gemacht, Kofa«, sagte ich erstaunt.

»Kein Wunder. Die armen Wesen sind erneut auferstanden, können sich aber kaum bewegen - das ist der Clou.«

»Stimmt«, sagte ich ungerührt. »Sie können ein wenig zucken, aber entlaufen werden sie uns auf keinen Fall.«

»Endlich hast du mal wieder was Vernünftiges gesagt«, meinte Kofa seufzend.

Melifaro lächelte schwach. Den Magistern sei Dank! Seine gute Laune ist eine wichtige Sache in dieser Welt.

»Ich bleibe trotzdem noch ein wenig hier«, sagte ich entschieden. »Egal, wie ihr darüber denkt. Ich kann die armen Polizisten nicht mit diesen Geschöpfen allein lassen. Und ihr geht heim und erholt euch. Das habt ihr euch redlich verdient. Oder ihr geht ins Haus an der Brücke und leistet Melamori Gesellschaft.«

»Mir reicht es völlig, zwei Stunden zu schlafen«, sagte Kofa. »Danach helfe ich ihr.«

»Mir reichen zwei Stunden ganz und gar nicht«, erklärte Melifaro. »Ich mach eine längere Pause, denn ich habe wirklich genug.«

»Du kannst Pause machen, solange du willst - Hauptsache, du bist mittags wieder da«, sagte ich.

»Die Macht schmeckt dir, was? Du bist wirklich ein Tyrann und Despot ohnegleichen. Deine Untertanen tun mir aufrichtig leid.«

»Wenn meine Untertanen wieder in die Hauptstadt kommen, kannst du ihnen ja Gräuelmärchen über mich erzählen«, fuhr ich ihn an. »Und jetzt Gute Nacht. Besser gesagt: Guten Tag!«

Meine beiden Kollegen gingen. Ich blieb auf der bemoosten Grabplatte zurück und blies Trübsal. Bei den Polizisten war gerade Schichtwechsel, und Kapitän Tschekta Schach trat mit frischem Personal an.

»Tschekta«, begann ich, »schicken Sie bitte einen Ihrer Männer in die Stadt. Wir brauchen Draht - mindestens hundert Meter. Ich döse jetzt etwas, und wenn Ihr Mitarbeiter zurück ist, sage ich Ihnen, wie wir weiter vorgehen.«

Nachdem ich meinen Befehl erteilt hatte, legte ich mich ins nasse Friedhofsgras. Kaum war ich eingeschlafen, träumte mir, ich sei wieder in die Welt zurückgekehrt, aus der ich stamme. Ich glaubte, wieder in der Straßenbahn zu sitzen, die mich damals aus meiner Welt nach Echo gebracht hatte. Diesmal aber musste ich meine Fahrkarte bezahlen, doch ich hatte kein Geld dabei. Der Schaffner stand mit grimmiger Miene neben mir und drohte, mich aus dem Zug zu werfen, doch vor den Fenstern erstreckte sich nichts als Leere. Auch der Trambahnfahrer ließ ein paar böse Bemerkungen über mich - den blinden Passagier - fallen. Es ging mir in meinem Traum sehr schlecht, und ich wusste nicht, was ich machen sollte.

Aber zum Glück wachte ich auf, und als ich die Augen öffnete, sah ich die Polizisten eine Rolle Draht heranwuchten. Ich brauchte einen Moment, um mich daran zu erinnern, dass und warum ich sie um den Draht gebeten hatte. Beim Aufwachen hatte ich nur ein Mittel gegen die Zombies im Kopf: Weihwasser. Die Magister mögen wissen, in welchem Winkel meines Hirns ich diese Idee ausgebrütet haben mochte.

Sofort befreite ich mich von dieser Wahnvorstellung und erinnerte mich daran, was ich mit der Drahtrolle vorhatte.

»Jetzt müssen wir uns etwas anstrengen«, sagte ich zu den Polizisten. »Ich möchte, dass Sie alle Plastiken zu einer großen Skulptur verbinden. Machen Sie Knoten an Händen und Füßen, als handele es sich bei den Figuren um echte Verbrecher. Und denken Sie daran: Ich will Sie mit den Zombies allein lassen - es ist also in Ihrem Interesse, meinen Befehl möglichst gewissenhaft zu erfüllen.«

Die Polizisten begannen, die Untoten zu verdrahten. Tschekta Schach lief zwischen seinen Untergebenen umher und sparte nicht mit bösen Bemerkungen. Ich wollte mich schon einmischen, überlegte es mir aber anders. Was ging es mich an, wie er seine Mitarbeiter behandelte? Ich würde ihn ohnehin nicht zu einer klügeren Personalführung bewegen können.

Diese kluge Einsicht passte nicht zu mir, doch ich nahm sie zum Anlass, etwas über mich nachzudenken, winkte aber bald ab. Ich war sehr müde, durfte mir also eine gewisse Wurstigkeit in Fragen der Selbsterkenntnis leisten.

»Einer der Zombies hat sich bewegt«, rief ein junger Polizist erschrocken. »Ich schwör's!«

»Schnauze!«, fauchte Tschekta ihn an. »Mach weiter und red kein dummes Zeug.«

»Das ist kein dummes Zeug«, sagte ich so leise wie bestimmt. »Die Skulpturen bewegen sich - deshalb muss man sie aneinanderfesseln. Ich hab Ihren Leuten schließlich nicht aus Daffke befohlen, mit dem Draht zu hantieren.«

Nach dieser Bemerkung setzte ich mich wieder ins Gras. Tschekta Schach sah mich schief an, schwieg aber.

Kurz darauf war die Arbeit beendet. Die mit Kunststoff beschichteten und an Händen und Füßen aneinandergefesselten Zombies lagen still im Gras. Ich konnte beruhigt nach Hause gehen - und genau das tat ich mit dem größten Vergnügen.

Unterwegs gewann ich neue Kräfte und sah noch im Haus an der Brücke vorbei, wo zu meiner großen Freude auch Sir Kofa saß.

»Ich habe Befehl gegeben, alle Zombies zu fesseln«, rief ich ihm von der Türschwelle zu. »Jetzt können sie kein Unheil mehr anrichten. Und in einer Woche kehren Juffin und Schürf zurück und stellen die Ordnung wieder her.«

»In einer Woche? Was heißt das?«, fragte Sir Kofa.

»Das sind sieben Tage«, antwortete ich seufzend. »Es gibt eine Gegend, wo man Zeit in dieser seltsamen Einheit misst.«

»In den Leeren Ländern, was?«, fragte er lächelnd. »Schon gut. Geh schlafen, Max. Du siehst müde aus. Jetzt, wo alle Zombies vertäut sind, kannst du dich richtig entspannen.«

»Aber wenn etwas schiefgehen sollte

»... melde ich mich sofort bei dir, Max. Und jetzt ab ins Bett.«

Ich fuhr zu mir nach Hause, in die Straße der gelben Steine also, denn ich wollte Techi mein müdes Gesicht ersparen, das alles andere als hübsch war.

Einschlafen konnte ich freilich nicht, obwohl ich zum Umfallen müde war. Ich wälzte mich im Bett herum und dachte an das kleine Schlafzimmer in meiner früheren Wohnung in der Straße der alten Münzen. Dort hätte ich sicher problemlos schlafen können. Es hätte gereicht, die Augen zu schließen, und schon hätte mir die Ritze zwischen den Welten offen gestanden. Dieser Gedanke ließ mich unmotiviert auflachen. Es ging mir wirklich nicht besonders gut.

So verbrachte ich drei volle Stunden. Dann ging ich ins Bad hinunter, legte mich in eine Wanne und trank danach eine volle Tasse Kachar-Balsam. Das war eine große Portion, aber ich hatte Fieber und musste dringend etwas dagegen tun. Es war mir so lange gut gegangen, dass ich schon beinahe vergessen hatte, wie es sich anfühlte, krank zu sein.

Als ich schon jede Hoffnung auf rasche Genesung verloren hatte, kehrte mein Wohlbefinden plötzlich zurück. Genüsslich rauchte ich eine Zigarette und meldete mich per Stumme Rede bei Kofa.

»Ich kann nicht einschlafen«, klagte ich. »Das ist ganz untypisch für mich. Wie läuft es auf dem Friedhof?«

»Ganz gut. Unsere Zombies versuchen ab und an, sich zu bewegen, aber sie können fast nichts ausrichten. Versuch also zu schlafen.«

»Das würde ich ja gern, aber es klappt nicht. Ich fahre lieber zum Haus an der Brücke. Zu etwas muss ich schließlich gut sein.«

Im Haus an der Brücke war es ganz still. Melifaro saß auf Juffins Schreibtisch und schlenkerte mit den Beinen. Doch auch dieser idyllische Anblick konnte mich nicht beruhigen, und ich blieb angespannt.

Melifaro lächelte und sagte etwas Begütigendes, doch ich achtete nicht darauf, weil ein Gedanke gebieterisch von mir Besitz ergriffen hatte - der Gedanke nämlich, in meine Heimat zu fahren und Weihwasser zu holen. Dabei hatte ich nie Sehnsucht nach dem Land meiner Herkunft gehabt!

Auf dem Petow-Friedhof schien tatsächlich alles ruhig zu sein. Die Werke der Bildhauerkunst lagen gefesselt an Ort und Stelle. Erschrocken überlegte ich, was diese Wesen empfinden mochten. Glück vielleicht?

Ich dachte erneut, dass ich mein Weihwasserexperiment durchführen sollte - je rascher, desto besser. Offenbar merkte ich nicht, dass ich langsam von dieser Idee besessen war.

Entschlossen, in meine fast vergessene Heimat zurückzukehren, fuhr ich wieder in die Straße der gelben Steine. Ein paar Liter Weihwasser würde ich sicher in der Kirche neben meiner alten Wohnung besorgen können. Ausgelutschte Sujets haben die Neigung, sich nach festen Regeln zu entfalten, dachte ich immer wieder. Und ich bin der Einzige im Vereinigten Königreich, der diese Regeln kennt. Das ist mein Schicksal. Darum muss gerade ich diese mystische Zombie-Geschichte beenden. Außerdem kann ich den Menschen hier einen Dienst erweisen und ihnen aus der anderen Welt ein paar gute Filme besorgen. Das ist das Einzige, was hier noch fehlt.

In diesem Moment begann ich, die Kontrolle über mein Handeln zu verlieren. Dennoch meldete ich mich nicht per Stumme Rede bei erfahrenen Magiern wie Lady Sotowa oder Sir Maba Kaloch. Ich glaube, ich hätte mich bei Juffin auch dann nicht gemeldet, wenn ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Ich brauchte keine klugen Ratschläge und hatte Angst, jemand würde mir meine kühnen Reisepläne ausreden. Ich war überzeugt, nur ich sollte über diesen Kurzbesuch entscheiden, und wäre nie auf die Idee gekommen, jemand könnte mich bitten, die Reise anzutreten.

»Was ist los, Sir Nachtantlitz? Läuft es auf dem Friedhof nicht wunschgemäß?«, fragte Melifaro erschrocken.

Ich stellte fest, dass ich ins Haus an der Brücke zurückgekehrt war, ohne es zu merken.

»Es ist nicht schlimmer als heute Morgen«, sagte ich gedankenverloren. »Ich bin nur etwas herumgefahren und habe eine Idee bekommen, wie ich uns ein für alle Mal von diesen armen Wesen befreien kann.«

»Schön«, rief Melifaro erfreut. »Und wie?«

»Eigentlich ganz einfach. Ich brauche nur ein Kraut, das man hier nirgendwo bekommen kann. Ich muss deshalb verreisen und glaube nicht, dass ich das aufschieben sollte.«

»Wird deine Reise dich sehr weit in die Ferne führen?«, fragte Melifaro etwas misstrauisch.

»Ziemlich weit, aber ich bin bald zurück. Vielleicht schaffe ich es sogar bis morgen früh. Hundertprozentig kann ich das allerdings nicht sagen.«

»Und die Reise ist wirklich notwendig? Schließlich ist die Lage ganz und gar nicht kritisch.«

»O doch, das ist sie«, protestierte ich. »Wir haben uns nur an sie gewöhnt. Schönen Tag noch, mein Freund.«

»Ich würde mich freuen, dich wiederzusehen«, meinte Melifaro und wirkte tief erschrocken.

»Du glaubst doch wohl nicht, mich so schnell loszuwerden! Du wirst nicht mal Zeit haben, mich zu vermissen«, sagte ich und verließ rasch das Haus an der Brücke. Den Dienstwagen ließ ich vor der Tür stehen, denn zu meiner früheren Wohnung in der Straße der alten Münzen waren es zu Fuß kaum zehn Minuten.

Meine erste Bleibe in Echo machte keinen allzu unbewohnten Eindruck, obwohl ich in den letzten anderthalb Jahren kaum ein paar Stunden darin verbracht hatte -weder war sie unangenehm stickig, noch gab es allzu viel alte Post.

Ich betrat mein kleines, gemütliches Schlafzimmer im ersten Stock. Wenn ich die lakonische Erklärung von Sir Juffin noch richtig im Kopf hatte, war dieses Zimmer für mich eine Art Ritze zwischen den Welten. Von dort konnte ich also gelangen, wohin ich wollte. Zum Beispiel in meine alte Heimat, die ich vor ein paar Jahren unter Anleitung von Sir Juffin verlassen hatte. Damals hatte ich allerdings eine echte Straßenbahn benutzt.

Ich durfte annehmen, dass das Jahr, in dem ich schlafend durch diverse Welten gewandert war, Spuren in mir hinterlassen hatte. Erstaunlicherweise war ich überzeugt, den Weg in meine alte Heimat wie auch den Rückweg problemlos zu finden. Dann fiel ich ins Bett, vergrub mich in die Decken und entspannte mich. Sündige Magister - was war nur mit meinem Kopf los?

Ich schlummerte schnell, süß und in der Überzeugung ein, dass ich die Ritze zwischen den Welten finden würde, den Ort also, an dem es nichts gab, nicht mal mich. Und ich wusste, dass ich von den zahllosen Türen in die verschiedensten Welten die richtige finden und öffnen würde.

Ich erwachte auf meinem Sofa unter einer dünnen Decke. Mir war furchtbar kalt. Der Herbst war vorbei, und der Winter machte seinem Namen alle Ehre. Zitternd zog ich mir die Decke über den Kopf und versuchte, mich an meinen Traum zu erinnern, der hübsch, unglaublich und atemberaubend gewesen war.

Wie ich nun merkte, konnte das unerwartete Erwachen unter meiner alten Decke auch das Ende meiner Abenteuer bedeuten. Ich hatte es tatsächlich geschafft, alles zu vergessen, was mir bisher widerfahren war, und glaubte, erst vor kurzem auf dem Sofa eingeschlafen zu sein und nur einen seltsamen Traum gehabt zu haben.

Zum Glück habe ich mir nie erlaubt, meine Träume zu vergessen, da der Schlaf mir immer als der interessantere Teil des Lebens erschienen war. Von Kindheit an hatte ich eine eigene Methode, mich an meine Träume zu erinnern. Auch jetzt entspannte ich alle Muskeln, schloss die Augen und döste kurz, um mich an die Schwelle von Traum und Wirklichkeit zu tasten.

Das klappte prima. Alle Erinnerungen aus Echo kehrten auf einen Schlag zurück. Es war, als würde ich unter einem Wasserfall duschen: Hauptsache, ich schluckte kein Wasser.

Ich kam zu dem Schluss, dass es sich bei meinem Leben in Echo um einen Traum gehandelt hatte, der einmal hatte zu Ende gehen müssen. Ich war nie auf Mosaikgehsteigen gegangen und hatte nie mit Sir Juffin im Fressfass gesessen, denn diesen Mann gab es gar nicht - so wenig wie all die anderen Gestalten des Vereinigten Königreichs. Es gab nur meine Einsamkeit und meine unendliche Sehnsucht nach diesen irrealen Figuren. Denn nichts als Figuren waren sie ja! Nicht zufällig war Sir Schürf - der Fischexperte und Schnitter des Lebensfadens, der mich bei vielen unglaublichen und gefährlichen Abenteuern begleitet hatte - eine treue Kopie von Charlie Watts. Und Sir Kofa erinnerte bekanntlich an Kommissar Maigret! Und in welchem Film hatte ich das Boxergesicht von Melifaro gesehen? Lady Melamori, meine faszinierende Kollegin, erinnerte jedenfalls an die Schauspielerin Diana Rigg, eines der bekanntesten Bond-Girls. Diese Truppe bildete eine ganz hübsche Filmbesetzung. Und Techi ... ähnelte mir selbst. Ich weiß nicht, aus welchem Winkel meines Hirns ich ihre dunklen Augen und ihre silbernen Locken gekramt hatte, aber Techi benutzte meine Ausdrücke und sagte stets, was auch ich in gleicher Lage hätte sagen können. Und woher hatte ich das übrige Personal genommen? Ach, darauf kam es nicht mehr an! Die Leute träumen von allen möglichen Dingen - Hauptsache, sie wachen früher oder später wieder auf.

Früher.

Oder später.

Aufwachen!

Meine rechte Hand klammerte sich an die Stuhllehne, und ich spürte einen Schmerz in meinem Innern. Was empfindet ein Mensch, dessen Welt in Trümmer geht? Was spürt ein Demiurg, der in der von ihm erschaffenen Welt die vier apokalyptischen Reiter sieht? Jetzt kam die Zeit, in der ich eine Antwort auf diese Fragen würde finden müssen.

Bis heute weiß ich nicht, wie es mir gelang, den wilden Schmerz in meiner Brust zu besiegen und meine Krise zu meistern. Ich überwand alle Hemmungen, klopfte mir mit den Fäusten auf die Rippen, zerschlug das Porzellan und erschrak vor meinen tiefen Schreien. Das war das übliche Programm in solchen Fällen.

Danach beruhigte ich mich rasch. Mein Körper wartete umsonst auf einen vernünftigen Befehl des Kopfs und begann plötzlich von sich aus mit Lonely-Lokleys Atemübungen. Sündige Magister - und ich hatte so viele Witze über diese Übungen gerissen!

»Mein Freund, wir machen einen Plan«, sagte ich zu mir. »Erst gehst du dich duschen, dann machst du dir eine Tasse Kaffee, rauchst eine Zigarette und sammelst dich. Und wenn dir dann noch immer danach ist, schreist du weiter.«

Ich versuchte aufzustehen, aber meine Beine waren wie aus Watte. Ich taumelte, als hätte ich einen furchtbaren Rausch, blieb aber hartnäckig und schaffte es schließlich unter die Dusche. Dann stellte ich fest, dass ich unter einem kalten Strahl stand, und hatte alle Mühe, den Heißwasserhahn zu finden.

Als ich mein Abenteuer im Bad beendet hatte, wickelte ich mich in eine Decke, denn in meiner alten Wohnung hatte ich keinen Bademantel. Diszipliniert wie ich bin, ging ich in die Küche, um die weiteren Punkte meines Vorsatzes zu erfüllen.

Einige Zeit betrachtete ich stumpf die Kaffeemaschine und versuchte herauszufinden, wozu sie dienen mochte. Plötzlich fiel es mir wieder ein, und ich erinnerte mich sogar, wie man sie benutzt. Als die Maschine ihre Geräusche machte, fiel mir noch etwas ein: Morgens soll man sich die Zähne putzen. Zufrieden ging ich wieder ins Bad - ganz wie es sich gehört.

Ich putzte mir die Zähne und betrachtete mein Gesicht im Spiegel. Etwas stimmte nicht, doch ich wusste nicht, was. Ich stellte die Zahnbürste zurück ins Glas und musterte mein unrasiertes Kinn. Mir fehlte nur noch ein Knochenwulst über den Augen, um wie ein Urmensch auszusehen.

Plötzlich merkte ich, was mit meinem Gesicht nicht stimmte: die Haare! Sie waren schulterlang, und das war völlig unmöglich, da ich doch erst vor einer Woche bei meinem Frisör Viktor gewesen war, der mir einen Igelschnitt verpasst hatte. »Ab und an sollte sich jeder mal die Haare schneiden lassen« - genau das hatte Sir Juffin am Ende meines Traums zu mir gesagt. Und die bezaubernde Lady Sotowa hatte mir empfohlen, an meinen Kopf zu denken.

An wessen Kopf sonst? Doch es war kaum zu erklären, warum meine Haare so schnell gewachsen waren.

»Ab in die Küche«, ermahnte ich mich streng. »Wir haben uns schon geeinigt: Erst trinkst du Kaffee, danach kannst du verrückt spielen, wenn du willst.«

So ging ich also in die Küche.

Dort kalkulierte ich, dass mein letzter Besuch bei Viktor mindestens ein Jahr zurückliegen musste. Ich hatte offenbar eine Gedächtnislücke, wie sie bei mir nicht selten war.

Ich nahm eine Zeitung vom Tisch: Nein, das Datum war richtig. Es war Dezember, das Jahr stimmte auch,

und noch am Abend zuvor war die letzte Folge von Twin Peaks gelaufen. Alles klar, Watson. Und nach dem Film hatte ich durch die Grüne Straße gehen wollen, die mir der herrliche Sir Juffin in meinen Träumen empfohlen hatte.

Ich ließ mich auf den Küchenstuhl sinken, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Gestern Abend war ich tatsächlich durch die Grüne Straße gegangen, und dort war die seltsame Tram mit der Nummer 432 aufgetaucht. Und ich war in eine andere Welt gefahren, in der - wie sich später erwies - mein Platz war, wo ich mich sehr wohl fühlte und wo man mich brauchte. Normalerweise braucht man mich nicht unbedingt. Die Welt kommt auch ohne mich gut zurecht.

»Jetzt trink deinen Kaffee«, befahl ich mir streng. »Für wen hast du ihn sonst gemacht?«

Ich stand auf, schenkte mir eine Tasse ein, trank einen Schluck und schüttelte mich - so grausam schmeckte das Gebräu. Ich hatte offenbar vergessen, dass ich Zucker brauchte.

Ich begann ihn zu suchen, fand immerhin Süßstoff und warf ein paar Tablettchen in die Tasse. Jetzt schmeckte der Kaffee ausgezeichnet! Ich rauchte eine Zigarette und starrte mein Spiegelbild an, das mir von der Mattscheibe des alten Fernsehers entgegensah, der in der Ecke stand. Diese Begegnung mit mir selbst flößte mir eine gewisse Hoffnung ein. »Hoffnung ist ein trügerisches Gefühl«, hatte Machi Ainti - der ehemalige Sheriff aus Kettari -einmal zu mir gesagt. Das war auch eine der seltsamen Gestalten aus jener Stadt gewesen, in der ich einige Zeit verbracht hatte.

Der Kaffee begann zu wirken, und es wurde Zeit, mit meinen Untersuchungen zu beginnen. Wenn man endlich wieder denken kann, soll man sich an eine Logik halten, solange sie noch vorhanden ist. Es fiel mir leicht, mich in der kleinen Wohnung zurechtzufinden. Das Telefon stand nur einen Meter entfernt - so weit wie fast alles, was sich noch in diesen vier Wänden befand. Ich grübelte kurz und beschloss, Viktor anzurufen.

Glücklicherweise war er daheim und nahm gleich den Hörer ab, als hätte er auf einen Anruf gewartet.

»Hallo, wer da?«, fragte er.

»Ich bin's, Max.«

»Ich erkenne deine Stimme gar nicht wieder - was ist los mit dir?«

»Keine Ahnung. Ein Virus vielleicht. Weißt du, eigentlich wollte ich fragen, ob du mich letzte Woche mit deinem Kurzhaarschneider geschoren hast.«

»Willst du mich dafür etwa ein zweites Mal bezahlen? Oder bist du mit meinem Tarif nicht einverstanden?«

»Lass den Quatsch. Ich frage dich ganz im Ernst: Hast du mir letzte Woche die Haare geschnitten oder nicht?«

»Schon gut. Ja - ich hab sie dir geschnitten.«

Ich atmete tief durch und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Viktor murmelte etwas in den Hörer, aber ich maß dem keine Bedeutung bei. Alles, was ich wissen wollte, hatte ich erfahren. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, wie ich mit dieser Erkenntnis weiterleben sollte.

»Max, was ist los?«, fragte mein Freund, und seine Stimme klang nun wirklich besorgt. »Ich rede, und du schweigst. Normalerweise ist es umgekehrt.«

»Verzeih, Viktor. Ich ruf dich später an, in Ordnung? *<

»Natürlich«, meinte er. »Das würde mich sehr freuen.«

Ich legte auf. Gerade hatte ich einen der Hauptbausteine meiner noch unausgegorenen Theorie bewiesen. Mein seltsamer Traum begann langsam Wirklichkeit zu werden, obwohl mein Kopf Probleme hatte, das zu fassen. Aber welcher Kopf hätte damit keine Probleme gehabt?

»Hör auf zu jammern, mein Freund«, sagte ich zu meinem ratlosen Spiegelbild. »Deine Haare sind nicht das einzige Problem, stimmt's? Wie viele Herzen haben gezittert, als du Viktors Nummer gewählt hast? Eher zwei als nur eines, oder?«

Ich trank meinen Kaffee aus und starrte finster aufs Linoleum. Dann beschloss ich, ein Experiment zu machen. Ich spuckte auf den Boden und beobachtete ein paar Sekunden lang den Fußbodenbelag. Rasch sah ich die ersten kleinen Löcher: Mein wunderbares Gift, das mir den Todesmantel eingetragen hatte, funktionierte offenbar weiterhin.

Ich sollte auf die Straße gehen und an Passanten Versuche starten, dachte ich mit nervösem Lächeln und spuckte aus Mangel an potenziellen Opfern erneut auf den Boden.

Dann schnippte ich fast unbewusst mit der linken Hand, um zu sehen, wie es mit den Kugelblitzen stand. Der erste erleuchtete die Küche, richtete aber keinen Schaden an. Das war auch gut so, denn ich hatte ja niemanden, den ich töten konnte - außer ein paar Kakerlaken, aber selbst die waren gerade ausgeflogen.

Ich verfügte demnach noch immer über all die Fähigkeiten, die ich in der anderen Welt erworben hatte. Also konnte ich mich entspannen und auf weitere Untersuchungen verzichten. Normale Menschen schnippen keine Kugelblitze in der Gegend herum, und ihre Spucke frisst sich nicht durch Linoleum. Ich konnte also begeistert feststellen, dass ich weiter über meine Echo-Identität verfügte und alle Spuren meines alten Daseins verschwunden waren. In der Küche saß der grausame Sir Max aus Echo, hatte allerdings seinen Todesmantel vergessen.

Anders als der alte Max konnte dieser wichtige Mitarbeiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps des Vereinigten Königreichs mit links selbst schwierigste Probleme lösen. Und darauf hoffte ich.

Meine Erschütterung war groß. Ich griff erneut nach der Kaffeedose, goss ein zweites Mal Wasser in die Maschine und schaltete den Fernseher ein. Meine lange Abwesenheit von der Erde hatte mich hier zu einem Outsider werden lassen.

Auf der Mattscheibe passierten seltsame Dinge. Flugzeuge starteten, und Männer in Anzügen gaben merkwürdige Laute von sich, die der menschlichen Sprache ähneln sollten. Schließlich stellte ein unsympathischer Mann mittleren Alters traurig fest, der Präsident der USA sei nach Japan geflogen.

»Schlau von ihm, ausgerechnet um diese Zeit nach Japan zu reisen«, meinte ich, nickte anerkennend und zündete mir eine weitere Zigarette an. »Wirklich eine prima Idee.«

Der Sprecher machte eine kurze Pause und versuchte dann, mich mit Informationen über den Kursverfall des Dollars gegenüber dem Euro zu überraschen.

»Schön«, sagte ich lächelnd. »Und wie steht die Krone aus Echo? Meine beiden Herzen vermissen solche Informationen.«

Ich schimpfte aufs Fernsehen und rang um Fassung. Das gelang mir einigermaßen, doch dann erschien eine aufgedonnerte Dame auf der Mattscheibe und wollte mich für die neuesten Sportereignisse begeistern.

Zwei Dinge immerhin konnte ich feststellen. Erstens hatte ich wirklich einige Zeit in Echo gelebt: Meine langen Haare, die giftige Spucke und einige weitere Extras ließen daran keinen Zweifel - egal, was mein Verstand dazu sagte. Und zweitens wollte ich unbedingt nach Echo zurück, denn das war die einzige Lösung meiner vertrackten Situation. Meine einzige Überlebenschance, wenn ich so sagen darf.

Entschieden stellte ich meine Tasse auf den Tisch und zog mich an. Ich musste spazieren gehen, um nachzudenken. Denn überlegen kann ich am besten in Bewegung.

Im Flur stellte ich fest, dass ich keine geeigneten Schuhe besaß. Meine Treter waren ideal, um in Echo herumzuspazieren. In meiner alten Heimat dagegen konnte ich damit unmöglich auf die Straße. Also musste ich in alte Sommerschuhe schlüpfen, die ich im Schrank fand. Leider passten sie ganz und gar nicht zum nasskalten Novemberwetter. Gut, dass ich in dieser Welt wenigstens eine geeignete Jacke gefunden hatte.

Nach kurzer Überlegung beschloss ich, mir neue Schuhe zu kaufen. Auf Erden war ich nicht gerade reich gewesen,

aber es bestand kein Anlass zum Geiz. Ich wusste zwar noch nicht, wie ich diese Welt wieder verlassen sollte, doch eins war mir klar: Auf keinen Fall würde ich hierbleiben. Außerdem hatte ich in der anderen Welt glänzende Aussichten. Ein Kugelblitz reichte, und jeder Diener warf sich mir zu Füßen.

Auf dem Weg zum nächsten Schuhgeschäft musste ich du


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rch eiskalte Pfützen gehen. Deshalb gab es beim Kauf meines neuen Paars für mich nur ein Kriterium: Wärme. Noch im Laden packte ich meine alten Schuhe in einen Karton, den ich auf der Straße gleich in den Mülleimer warf.

Ich versuchte umzurechnen, wie viel das Geld, das ich in Echo verdiente, hier wert war. Ein paar Minuten tummelten sich verschiedene Zahlen in meinem Kopf, und schließlich kam ich zu der Einschätzung, dass ich in Echo etwa eine Million Dollar pro Jahr verdiente.

Das ist der hübscheste und überzeugendste Grund, wieder dorthin zurückzukehren, dachte ich lächelnd. Wo sonst würde ich so viel Geld für meine Arbeit bekommen?

Ich schlenderte ziellos vor mich hin. Die Stadt, in der ich so lange gelebt hatte, erschien mir nun seltsam. Ich kam an Hochhäusern vorbei, ging über glitschigen Asphalt und sah viele Busse. Bestürzend fand ich vor allem die Mienen der Passanten. Offenbar hatte ich mich an die Menschen in Echo gewöhnt - und das, obwohl ich den Unterschied zwischen den Leuten dort und denen hier nur schwer hätte in Worte fassen können.

Der Spaziergang beruhigte mich nicht, im Gegenteil:

Es ging mir schlechter als zuvor. Ich nahm die Treppe zu einer Unterführung, und der Beton ringsum machte mich plötzlich depressiv. Ich gestand mir ein, keine Ahnung zu haben, wie ich nach Echo zurückkehren sollte. Offenbar hatte ich nur ein Billett für die einfache Fahrt gelöst. Wahrscheinlich blieb mir nur übrig, Sir Juffin von hier aus zu gratulieren, auf einen Idioten wie mich gebaut zu haben.

Der Schmerz in der Brust meldete sich von neuem. Meine beiden Herzen zappelten und sprangen einander an wie Kampfhähne. Offenbar weinte ich sogar, denn über meine Wange lief eine Träne. Eine dicke Frau in roter Jacke sah mich erstaunt an, als wäre ich verrückt. Und sie hatte Recht: Ich war verrückt!

Augenblicke später war ich im tiefsten Höllenkreis meines privaten Hades angelangt, wo ich erstaunlicherweise allerdings wieder Mut schöpfte. Ich erinnerte mich, dass es in dieser Stadt meine persönliche Ritze zwischen den Welten gab, die schöne und nützliche Straßenbahn nämlich, die sicher noch immer durch die Grüne Straße fuhr. Maba Kaloch hatte mir mal erzählt, dieses Schlupfloch stünde mir stets offen. Auch Sir Juffin hatte es benutzt, um mich aus dieser Welt zu retten und nach Echo zu schaffen. Und was er vermochte, sollte mir auch gelingen.

Ich war so erleichtert, dass ich lachen musste. Langsam wurde ich offenbar hysterisch.

»Die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren«, las ich und glaubte mich am Tor zum Hades. Die schreckliche Warnung war allerdings in Kreide und nicht in Flammenschrift geschrieben. Ich war so begeistert, dass ich kurz verschnaufen musste. Meine trüben Zukunftsaussichten raubten mir alle Kraft.

»Junger Mann, was ist los?«, fragte eine Frau mittleren Alters und rüttelte vorsichtig an meiner Schulter. »Ist Ihnen nicht gut?«

»Geht schon wieder. Wissen Sie, ich bin gerade verrückt geworden. Das passiert mir manchmal.« Ich musste lachen.

»Solange Sie noch optimistisch sind, kann es nicht wirklich schlimm um Sie stehen«, sagte die Frau lächelnd.

Ihre Stimme kam mir bekannt vor - oder doch ihre Intonation. Vielleicht redete ich ja selbst so.

Ich hob die Augen, um meine Gesprächspartnerin genauer anzusehen, doch sie war schon weg. Viele Leute hasteten vorbei. Irgendwo kläffte ein Hund. Nach ein paar Sekunden merkte ich, dass ich es war, der angebellt wurde. Ein untersetzter Mann im dunklen Jogginganzug hielt mühsam einen prächtigen Schäferhund, dem das Nackenhaar senkrecht stand, an der Leine. Ich zuckte zusammen, sprang auf und ging weiter.

Es regnete kaum mehr, und ich machte mich auf den Rückweg in meine alte Wohnung. Ich fühlte mich leicht und ruhig, wusste, was ich wollte, und hatte vor, rasch zu handeln. Schließlich hatte ich Melifaro versprochen, er werde keine Zeit haben, sich nach mir zu sehnen.

Ich merkte, dass ich großen Hunger hatte, und kaufte mir ein Hotdog. Das Würstchen war mir zu scharf, die Semmel zu pappig, und nach ein paar Bissen warf ich den Snack auf den Gehsteig. Gleich sammelten sich aufdringliche Tauben. Eine freche Krähe sprang herbei und war überzeugt, das Würstchen gehöre ihr. Ich lächelte und ging weiter. In meiner Seele herrschte vollkommene Ruhe. Diese Stimmung passte zwar nicht zu den traurigen Umständen meines Besuchs in der alten Heimat, aber ich hatte eine Atempause verdient.

Als ich in die Wohnung kam, schaute ich zuerst in den kleinen alten Kühlschrank. Das misslungene Experiment mit dem Hotdog hatte mich nur hungriger gemacht. Zum Glück fand ich Käse und etwas Obst in der Kühlung. Das schmeckte auf jeden Fall besser als Fastfood aus dem Straßenverkauf.

Nach dem Essen warf ich erneut die Kaffeemaschine an. Während des seltsamen Prozesses, der aus Kaffeebohnen eine leckere dunkle Brühe werden lässt, experimentierte ich etwas mit Stummer Rede herum. Nach dem Abenteuer, das ich mit Sir Lonely-Lokley in Kettari erlebt hatte, wusste ich, dass es schwer, aber nicht unmöglich ist, aus einer anderen Welt mit dem Vereinigten Königreich zu kommunizieren. Bei wem sollte ich es zuerst probieren? Am liebsten wollte ich mit Sir Juffin reden, aber das war unmöglich: Wenn die Zeit im Vereinigten Königreich so langsam lief wie hier, lag mein Chef sicher noch mit dem Cholomi-Gespenst im Clinch. Außerdem sandte mir mein zweites Herz ein Warnsignal, und ich begriff, dass mir jede Kontaktaufnahme mit ihm misslingen würde.

Dann erinnerte ich mich an Sir Maba Kaloch. Dieser Große Magister war ein erfahrener Reisender zwischen den Welten. Warum sollte er nicht ein wenig mit mir plaudern? Wir konnten uns sicher über ein paar wichtige Reiseprobleme unterhalten. Auch mein zweites Herz leistete gegen diesen Plan keinen Widerstand.

Über eine halbe Stunde versuchte ich erfolglos, Kontakt zu Sir Maba herzustellen. Ich erreichte nur, dass ich völlig durchgeschwitzt war.

Ich gab enttäuscht auf und goss mir seufzend einen Kaffee ein. Er schmeckte mal wieder herrlich. Kaffee war das einzige Getränk, das ich im Vereinigten Königreich vermisste. Machi Ainti, dem ehemaligen Sheriff aus Kettari, hatte ich es zu verdanken, dass ich auch in Echo einige Zeit lang hatte Kaffee trinken können. Seiner Meinung nach schmeckte das Gebräu zwar grässlich, und er fragte ständig, ob es nicht lebensgefährlich sei, aber er hatte mir ein paar Mal Nachschub besorgt. Jetzt war mir klar, dass er der Einzige war, auf dessen Hilfe in Fragen des Weltenwechsels ich immer zählen konnte.

Machi war seltsam, und ich konnte ihn nicht richtig einschätzen, hatte aber keinen Zweifel daran, dass dieser ältere Mann mit rotem Schnauzbart mir stets zu Hilfe kommen würde - egal, wo ich mich aufhalten mochte. Man musste nur auf seine Stimmung achten und ihn tunlichst meiden, wenn er schlechte Laune hatte.

Ich stellte die Tasse ab und musterte mein Spiegelbild in der Mattscheibe des Fernsehers. In meinen Augen brannte ein kaltes Feuer, vor dem ich erschrak. Das fand ich gar nicht schlecht, denn ein Mensch mit dem üblichen trüben Blick schafft es nicht, Verbindungen in andere Welten herzustellen.

Ich meldete mich per Stumme Rede bei Machi Ainti und spürte gleich eine große Last, als wäre ich Atlas und trüge die Welt auf meinen Schultern. Das machte mir nicht viel aus, im Gegenteil, denn als ich mich in Kettari bemüht hatte, eine Verbindung zum Vereinigten Königreich herzustellen, hatte ich ein ähnlich lastendes Gefühl empfunden. Und das vergisst man nicht so leicht.

»Fühlst du dich überfordert?«, fragte Machi, und in seiner Stimme lag Mitleid. »Da kann man nichts machen, Max. Du hast ziemlich viel erreicht!«

»Ich muss Ihnen doch wohl nicht alles erzählen?«, begann ich.

•»Natürlich nicht. Ich merke doch, dass deine Heimat dich wieder in Beschlag genommen hat. Mach dir keine Gedanken über deinen Gesundheitszustand. Weißt du, in deiner alten Welt gibt es viele Leute, für die du ein wichtiger Teil ihres Lebens bist. Sie rechnen jede Sekunde damit, dass du auftauchst oder dass sie dich per Telefon erreichen. Und deine Landsleute wissen nicht, welche Macht sie durch ihre Gedanken auf dich ausüben. Aber lassen wir das. Glaub mir, es ist nicht weiter kompliziert, nach Echo zurückzukehren. Du wirst es schon schaffen -auch wenn es nicht leicht wird. Aber denk bitte daran, dass deine Herkunftswelt dich immer wieder rufen wird, solange du sie nicht davon überzeugst, dass es dich nicht mehr gibt. Verstehst du, was ich meine?«

»Eigentlich nicht«, antwortete ich ehrlich. »Machi, es ist wirklich anstrengend für mich, mit Ihnen zu reden. Können Sie mir nicht einfach sagen, was ich tun soll?«

»Das hab ich doch schon. Du musst die Leute in deiner Heimat davon überzeugen, dass du nicht mehr existierst. Am besten alle, die du kennst. Und was die Straßenbahn anlangt, liegst du ganz richtig. Aber achte auf den Fahrer.«

»Ach so. Sir Maba hat diesen Mann immer Doperst genannt und mir etwas über ihn erklärt, aber ich habe vergessen, was.«

»Ich kann mir gut vorstellen, was Maba dir erklärt hat. Aber das spielt keine Rolle. Hauptsache, du hast vor dem Kerl keine Angst. Es fällt dir sicher leicht, ihn zu überlisten. Doch sei bitte vorsichtig. Doperste sind bekanntlich die gefährlichsten Wesen überhaupt.«

Seine letzten Worte hallten aus großer Entfernung zu mir herüber. Meine Last wurde mir langsam unerträglich. Ich staunte, von unserem Gespräch überhaupt etwas mitbekommen zu haben. Der Einsatz der Stummen Rede unter Umständen wie diesen gehört bekanntlich nicht zu meinen Stärken.

»Danke«, sagte ich. Das war das Letzte, was ich meinem Freund ausrichten konnte. Ich dachte mir, später könnte ich immer noch ausführlicher werden.

»Gern geschehen. Und keine Sorge - du schaffst das schon. Aber vergiss nicht, dass Was Machi noch hatte sagen wollen, blieb mir verborgen. Ich sah mich um und stellte fest, dass ich wieder in meiner alten Küche war. Während des Gesprächs mit Machi hingegen schien ich in einem Zwischenreich gewesen und dort klatschnass geworden zu sein.

Ich ging ins Badezimmer, nahm eine Dusche und warf meine Sachen gleichgültig in den Wäschekorb. Auch wenn der alte Sheriff aus Kettari nicht der leichteste Gesprächspartner war, hatte unsere Unterhaltung mir doch einen Stein vom Herzen fallen lassen. Wenn er sagte, mein hiesiges Abenteuer werde gut enden, dann stimmte das sicher.

Ich fühlte mich wie ein Mensch, der gerade ein Flugticket gekauft hat und dem eine Reise ins Paradies bevorsteht, von der er kurz zuvor noch nicht einmal zu träumen gewagt hat. Ich kam zu dem Schluss, dass ich mich allmählich auf den Rückweg machen musste.

Natürlich brauchte ich für diese Reise keine Koffer. Und Souvenirs würde ich auch keine einpacken! Hoffentlich würde mich dieser Ausflug nicht in meinen Alpträumen verfolgen. Ich hatte nicht mal den Wunsch, Kaffee mitzunehmen. Schließlich hatte ich mich an Kamra gewöhnt.

Aber es gab etwas, das ich unbedingt in meine neue Heimat mitnehmen wollte. Ich dachte dabei weniger an mich als an Sir Juffin und meine Kollegen. Ich hatte ihnen schon lange einen guten Film zeigen wollen und konnte mir das überraschte Gesicht meines Chefs lebhaft vorstellen, wenn ihm der MGM-Löwe röhrend entgegenbrüllte.

In meiner alten Heimat gab es viele Videotheken, Fernsehgeräte und angenehm dünne DVDs. Zudem konnte ich zwischen Daumenballen und Zeigefinger meiner linken Hand alles Mögliche transportieren - sogar die Freiheitsstatue.

Ich stellte mir vor, diverse Videotheken auszuräumen, doch eigentlich brauchte ich das nicht, denn es gab einen Ort, an dem sich eine anständige Filmsammlung befand, als deren Miteigentümer ich mich fühlte. Diese Sammlung war etwa ein Jahr vor meiner Reise nach Echo verschwunden - mit meiner Exfreundin.

Ich trank den letzten Kaffee, rauchte noch eine Zigarette und versank in Gedanken. Unsere Trennung war für mich eine ziemlich schlimme Geschichte, wie sie unter Menschen leider gang und gäbe ist. Inzwischen kam mir die damalige Katastrophe recht lächerlich vor - auch weil mir seither viel schlimmere Dinge widerfahren waren. Und ich war begeistert von der Aussicht, für Gerechtigkeit sorgen zu können.

Ich sah erst auf die Uhr, dann in meinen Kalender. Es war Samstagabend, kurz vor sechs - genau der passende Moment! Um diese Zeit saß Julia für gewöhnlich zu Hause und lernte Französisch. Später würde sie Weggehen, aber sicher nicht vor acht. Es hatte eine Zeit gegeben, da mir ihr Tagesablauf in Fleisch und Blut übergegangen war. Das Finale unserer Geschichte aber war sehr schlimm gewesen.

Am Anfang unserer Affäre hatte ich meinen Augen nicht trauen wollen. Lebten wirklich so fantastische Frauen auf unserem Planeten? Julia verstand all meine Scherze - sogar die gewagtesten - sofort. Deshalb lachten wir am Anfang wie die Verrückten. Damals hatte sie wunderbar gestrahlt, wenn sie mir die Tür öffnete, und war stinksauer gewesen, wenn ich mal für ein paar Tage verschwunden war. Obendrein hatte sie ein bezauberndes Gesicht, kluge Augen und einen starken Charakter.

Alles lief wunderbar, und ich glaubte, mein Leben sei ein Traum. Ich begann sogar vorsichtig zu hoffen, wir könnten die traurige menschliche Existenz in ein Wunderwerk verwandeln. Langsam kam ich wirklich zu der Überzeugung, das sei möglich.

Plötzlich aber sagte meine Freundin aus heiterem Himmel, es sei zwar sehr nett mit mir, aber ... So erfuhr ich, sie sei an den Punkt gekommen, sich einen anständigen Ehemann zu wünschen. Eine offene Liebesbeziehung sei wunderbar, aber nun müsse sie allmählich an Kinder und Familie denken. Wir könnten uns gern weiter treffen, allerdings viel seltener als bisher, denn sie müsse ihr Eheglück ins Visier nehmen.

Ich glaube, ich habe auf diese Offenbarung sehr seltsam reagiert. Damals fühlte ich mich von der Frau verraten, zu der ich vollstes Vertrauen hatte und die mich plötzlich gegen ein abstraktes Familienglück tauschen wollte.

Ich verließ ihre Wohnung und knallte die Tür hinter mir zu. Daheim nahm ich mein Telefon vom Netz und brauchte ein paar Monate, um mich wieder einigermaßen normal zu fühlen. Eigentlich waren all meine Affären auf theatralische Weise zu Ende gegangen, und ich hätte das längst gewöhnt sein können. Für alles muss man bezahlen, und wer fundamentale Lebensregeln außer Acht lässt, muss damit rechnen, dass diese Sorglosigkeit sich rächt.

Aber Julia war kein gewöhnliches Mädchen, mit dem ich mich eine Zeitlang getroffen hatte. Ich hatte sie wirklich für meine große Liebe und zugleich für meine beste Freundin gehalten - und für die große Ausnahme von allen Regeln. Als ich dann von ihr die gleichen Sprüche hörte, mit denen mir schon andere Frauen gekommen waren, empfand ich das als Schlag unter die Gürtellinie. Ich war nun mal ein unverbesserlicher Idealist.

Drei Monate lang verkroch ich mich in einer Höhle und kehrte nur langsam zu meiner alten Form zurück. Eigentlich erhole ich mich recht schnell, und nicht umsonst sagt Machi Ainti, ich sei ein sehr lebhafter Mensch. Drei Monate pures Leid - das war bisher mein Rekord.

Aber die Affäre mit Julia war diese Trauerarbeit allemal wert - so jedenfalls dachte ich damals darüber.

Als ich wieder zu Kräften gekommen war, vermisste ich meine Filmsammlung.

Ich muss ergänzen, dass ich bis zu meiner Bekanntschaft mit Julia keine DVDs besaß, da ich mich nicht aufraffen konnte, die notwendigen Geräte zu kaufen. Zwar verdiente ich recht gut, schaffte es aber nie, mein Geld zusammenzuhalten. Was das anging, ähnelte ich Ande Pu, der auch jede Menge Geld bedenkenlos verpulvern konnte.

Und Julia hatte einen modernen DVD-Player und ein paar alte Filme - vor allem die Lieblingsmelodramen ihrer Mutter, einige blöde Kriegsgeschichten und ein paar Sprachlehrfilme auf Französisch. Meine Freundin hat nämlich jahrelang versucht, diese Sprache zu lernen, aber ich habe sie ihr Können nie anwenden sehen. So ist es uns schnell gelungen, Harmonie herzustellen: Immer wenn ich auf dem Weg zu ihr war, kaufte ich einen Film. Irgendwann musste sie sich einen eigenen Schrank zulegen, denn die DVDs hatten sich wie Kakerlaken in der Wohnung verbreitet. Ehrlich gesagt hatte ich all diese Filme für mich gekauft, denn ich hatte vor, eines Tages die erforderlichen Geräte zu erwerben. Aber bis dahin konnte ich sie wunderbar mit meiner Freundin genießen.

Mein dreimonatiges Dasein als depressiver Eremit hatte mich genug Geld sparen lassen, um endlich die Anschaffung eines DVD-Players ins Auge zu fassen. Irgendwie musste ich mir ja die Einsamkeit vertreiben.

Aber meine Filme waren an einem schwer zugänglichen Ort, und dieses Problem wollte ich vorher lösen. Ich nahm allen Mut zusammen, rief Julia an und sagte, ich wolle meine Filme zurück. Sie meinte nur trocken: »Dann komm vorbei.« Ich biss die Zähne zusammen und machte mich auf den Weg.

Sie wartete an der Wohnungstür und sagte, es sei eine Unsitte, nach einer Beziehung die Geschenke zurückzufordern. Im Hintergrund hörte ich ihre Mutter husten -sicher zur moralischen Unterstützung der Tochter.

»Wie kommst du darauf, dass die Filme Geschenke waren?«, fragte ich erstaunt. »Ich habe sie gekauft, um sie mir mit dir anzusehen, aber jetzt Doch meine Exfreundin blieb stur, und ich merkte, dass sie die Filme unbedingt behalten wollte.

»Das ist doch ein faires Geschäft«, meinte sie ruhig. »Schließlich hast du hier jeden Abend etwas zu essen und zu trinken bekommen und es dir in meiner Wohnung gut gehen lassen. All das ist bestimmt genauso viel wert wie das, was du für die Filme bezahlt hast. Außerdem hast du gar keine Verwendung für sie - schließlich hast du kein Gerät, um sie abzuspielen. Und so leichtsinnig, wie du mit Geld umgehst, hast du dir sicher auch keins angeschafft.«

Damit war die Lage klar. Ich wollte kein Almosenempfänger sein und fand ihre Vorwürfe unpassend und gemein. Außerdem hatte ich immer auch noch etwas anderes dabeigehabt, wenn ich sie besuchen gekommen war: leckeren Tee, ausgefallenen Kuchen, exotische Früchte oder hübsche Blumen. All das waren in meinen Augen Geschenke, um die ich aber kein Aufhebens gemacht hatte.

Gewiss hatte ich damals die Neigung, wie im Traum zu leben und mich nicht um die Realität zu scheren. Schließlich hatte ich unmöglich ahnen können, dass sich in Julias Kopf immer dann eine Rechenmaschine einschaltete, wenn ich mir in ihrer Küche etwas zu essen oder zu trinken nahm. Ihre Worte waren daher ein harter Schlag für mich, zugleich aber das Ende aller Illusionen.

Ich nickte, drehte mich um und ging die Treppe runter.

Zum Abschied spendierte Julia mir ein erleichtertes Seufzen - auch das noch! Es war ihr also gelungen, sich etwas unter den Nagel zu reißen, das sie eigentlich schon lange für ihr Eigentum hielt.

Zwischen mir und dem Rest der Welt wuchs eine unsichtbare Mauer. Die Wirklichkeit hatte keinen Einfluss mehr auf mich, sondern blieb mir vom Leibe. Aber das war mir sehr recht. Und irgendwann verschwand auch dieses Gefühl der Isolation.

Nach einiger Zeit rief Julia mich an und bat mich, nicht mehr beleidigt zu sein, doch ich weigerte mich, diesen Rat zu beherzigen. Sie hat mich dann immer wieder angerufen und mich eingeladen. Ich war über diese Telefonate nicht gerade erfreut, legte aber nicht auf, sondern sagte stets freundlich, ich hätte leider gerade keine Zeit, aber womöglich in einer Woche oder in einem Monat. Julias Stimme erweckte in mir keine Gefühle mehr. Ich staunte immer wieder, was diese fremde Frau von mir wollte.

Und irgendwann träumte ich von Sir Juffin, und mein Leben in dieser Welt endete ein für alle Mal.

Ich trank meine Tasse auf einen Zug leer und ging mich rasieren. Ich hatte mich entschieden, mich für Julia fein zu machen - egal, was bei meinem Besuch herauskommen mochte.

Ich spürte keine Wehmut mehr. Das Einzige, was mich antrieb, waren Neugier und eine seltsame, mir unverständliche Freude. Ich erwartete, mich gut zu unterhalten, und mein zweites Herz sagte mir, genau das werde geschehen. Ich weiß nicht, welchen Gesetzen dieser seltsame Muskel folgt.

Ich zog mich extra gut an, rasierte mich sorgfältig und band mir die Haare zum Pferdeschwanz. Diese Frisur verlieh mir jugendliche Dynamik - und die hatte ich nötig.

Zufrieden musterte ich mich im Spiegel und trat dann auf die Straße. In meine Wohnung wollte ich nicht mehr zurück. Dass mein Versuch, in der Grünen Straße in eine Tram der Linie 432 einzusteigen, misslingen könnte, kam mir nicht in den Sinn. Im Gegenteil - allmählich war ich in dieser Hinsicht ausgesprochen optimistisch. Machi hatte gesagt, mein Abenteuer werde gut ausgehen und ich solle mir keine Gedanken machen. Entsprechend sorglos zog ich nun los.

Zu Fuß stieg ich in den sechsten Stock hinauf. In Echo hatte ich es mir abgewöhnt, Aufzüge zu benutzen.

Als ich wieder ruhig atmete, drückte ich auf die Klingel. Ich war ungemein gut gelaunt - keine Ahnung, warum.

Julia öffnete mir und erstarrte auf der Schwelle. Nervös zupfte sie an ihrem Hausanzug, als sei sie komplett ratlos, was sie tun sollte. Schließlich beruhigte sie sich ein wenig.

Ich lächelte sie warmherzig an und freute mich wirklich, sie wiederzusehen. Die dunklen Erinnerungen spielten für mich keine Rolle mehr. Trotzdem hatte ich den festen Vorsatz, mit meiner Filmsammlung nach Echo zurückzukehren.

»Du hast dich geändert«, sagte Julia zu mir.

Ich glaube, auch sie freute sich über mein Auftauchen, doch etwas hielt sie davon ab, ihre Freude zu zeigen -womöglich, dass da plötzlich Sir Max aus Echo vor ihrer Tür stand, und diesen seltsamen Herrn kannte sie noch nicht.

»Ja, ich habe eine andere Frisur«, sagte ich beiläufig. »Darf ich reinkommen? Ich bleibe auch nicht lange.«

»Ja, natürlich - komm rein«, antwortete sie.

Ich zog eine kleine Tüte aus der Tasche. »Ich hab mal wieder was Süßes für dich dabei. Das kennst du wahrscheinlich noch nicht.«

»Stimmt«, sagte sie und drehte das Päckchen erstaunt in den Händen. »Ich mach uns einen Tee. Du bist doch nicht mehr sauer auf mich, oder?«

»Schon lange nicht mehr«, antwortete ich ehrlich. »Ich habe den Grund unserer Trennung vergessen, aber ich schätze, es wird schon seine Ordnung gehabt haben.«

Ich blieb im Wohnzimmer und sah mir Julias DVD-Sammlung, ihren Fernseher und ihren DVD-Player an. Seit meinem letzten Besuch hatte sich ihre Sammlung kaum vergrößert, denn Julia war sparsam und warf ihr Geld nicht für Filme heraus.

Vorsichtig zog ich das Kabel des DVD-Players aus der Steckdose. Jetzt konnte ich das Gerät jederzeit in meiner Hand verschwinden lassen. Aber das hatte keine Eile. Schließlich wollte ich noch mit ihr Kaffee trinken. Inzwischen erweckte Julia bei mir nur mehr reine Sympathie.

Und was die Rechenmaschine in ihrem Kopf anlangte: Was gingen mich die Probleme der Erdenbewohner an? Das Leben hier jedenfalls war kein Zuckerschlecken.

»Komm, Max! In der Küche ist es angenehmer«, rief Julia.

Ich tat, wie mir geheißen, und sah, dass der Kaffee fast fertig war. Auf dem Tisch saß eine kleine weiße Ratte.

»Hast du dir eine neue Freundin zugelegt?«, fragte ich.

Julia nahm das Tier und versenkte es wortlos in der großen Tasche ihrer Bluse.

»Dieses kleine Mädchen hat Angst vor Fremden«, erklärte sie hastig.

»Und das ist auch gut so. Schließlich weiß man nie, was sie im Schilde führen. Aber jetzt erzähl mir doch mal, was bei dir in der Zwischenzeit so alles passiert ist.«

Julia begann, mir die Ereignisse der letzten Jahre zu berichten, doch ich hörte nicht allzu aufmerksam zu. Immerhin bekam ich mit, dass es ihr gut ging. Aber es war ihr offenbar nicht gelungen, den Wunsch nach Familienglück in die Tat umzusetzen. Wozu hatte sie dann aber das ganze Unheil gestiftet?

Ihr Kaffee schmeckte auch nur durchschnittlich, und nach der ersten Tasse merkte ich, dass mir die Lust an diesem Besuch, der mich sehr an eine mittelmäßige Nachmittagsserie erinnerte, schon vergangen war.

»Ich gehe jetzt - einverstanden?«, wollte ich wissen.

»Ja«, sagte sie, sah finster drein und fragte vorsichtig: »Warum bist du überhaupt gekommen?«

»Ich weiß es nicht«, log ich. Dann versuchte ich, etwas ehrlicher zu sein, und fügte hinzu: »Ich wollte mich mit dir versöhnen.«

»Fährst du irgendwohin?«

»So kann man es auch nennen«, meinte ich achselzuckend.

»Schön. Dann sind wir jetzt versöhnt. Ich freue mich, dass du gekommen bist.«

Sie sagte das, als wäre ich das Schwein gewesen und als hätte ich sie im Stich gelassen und ihr obendrein silberne Löffel gestohlen. Welch heitere Verdrehung der Tatsachen!

Sie ging ins Wohnzimmer, und ich folgte ihr. Als wir in der Nähe des Regals waren, auf dem ihre Filme und Geräte standen, setzte ich zum Showdown an. Mit kaum merklicher Bewegung ließ ich all diese Schätze in meiner linken Hand verschwinden. Julia war so baff, dass sie keinerlei Widerstand leistete.

»Verzeih, Liebste«, sagte ich und verließ die Wohnung.

Mit meinem Gesicht musste etwas Seltsames passiert sein. Auf alle Fälle riss Julia erschrocken die Augen auf und trat einen Schritt zurück, doch ich beugte mich vor und küsste sie sanft auf die Nasenspitze. Mein Leben lang hatte ich wissen wollen, was Judas bei seinem berühmten Kuss empfunden haben mochte. Offenbar große Erleichterung!

Ich nahm die Treppe und rechnete damit, dass Julia im Treppenhaus Alarm schlug. Ich hätte sogar Stein und Bein geschworen, dass sie es täte, und stellte mir schon vor, wie sie in Beweisnot geriet. Aber ich wartete vergeblich.

War sie womöglich in Ohnmacht gefallen? Oder telefonierte sie bereits mit der Polizei? Vielleicht hatte sie sich ja in den Lotossitz geflüchtet und murmelte ein paar Mantras zur Beruhigung. Man weiß nie, wie jemand auf einen überraschenden Verlust reagiert.

Im vierten Stock stellte ich fest, dass der Aufzug stecken geblieben und zwei Männer im Overall mit seiner Reparatur beschäftigt waren. Langsam machte ich Fortschritte, was das Vorhersehen von Unfällen und Katastrophen anlangte.

Dann schlenderte ich ziellos durch die Stadt. Es war nass, und mich fror ein wenig, aber das verleidete mir den Spaziergang nicht weiter. Die abendlichen Straßen erschienen mir fremd und dadurch wunderschön. Überrascht stellte ich fest, dass ich mich in diese Stadt womöglich hätte verlieben können, wenn mein Aufenthalt nicht so knapp bemessen gewesen wäre. Vielleicht lag es daran, dass die Nacht alles in ein anderes Licht tauchte; vielleicht aber waren mir die breiten Straßen meiner früheren Heimatstadt inzwischen auch ganz fremd geworden. Es ist leicht, fremde Orte zu lieben: Wir nehmen sie, wie sie sind, und sind dankbar für jeden neuen Eindruck.

Ich trank Kaffee und Cognac in einer sympathischen Bar, deren Namen ich sofort wieder vergaß, die aber auch in Echo hätte stehen können. Es gefiel mir dort so gut, dass ich zum Abendessen blieb. So gestärkt konnte ich mein Abenteuer fortsetzen und auf die Tram in der Grünen Straße warten. Ich hoffte innig, mein Ausflug auf die Erde werde so glimpflich enden wie meine früheren Unternehmungen.

Die Uhr zeigte kurz vor Mitternacht. Ich bat um die Rechnung, zahlte und verließ das Lokal. Die Zeit schien stehen geblieben, und ich bewegte mich wie durch Watte.

Nichtsdestotrotz zog ich Schritt für Schritt durch die Nacht. Ich hatte den Eindruck, die Ewigkeit kitzle mich im Nacken. Als ich in die Grüne Straße einbog, zeigte die Digitaluhr 00:00. Das hatte ich schon immer für ein gutes Omen gehalten, und ich sah weg, um nicht erleben zu müssen, dass eine 1 das harmonische Zahlenbild störte.

Kurz darauf rumpelte die Tram aus der Ferne heran. Dieses Geräusch hatte ich das letzte Mal vor fast zwei Jahren gehört. Mir schwindelte, doch nach ein paar Atemübungen von Sir Schürf war mir besser. Wenn Lonely-Lokley mir in Echo über den Weg lief, musste ich ihn dringend zum Abendessen einladen, denn auch diesmal hatte mir seine Atemgymnastik das Leben gerettet.

Der Mond tauchte einen Moment lang zwischen den Wolken auf, und ich sah das Haltestellenschild der Linie 432. Den Magistern sei Dank: Die Ritze zwischen den Welten war noch an Ort und Stelle.

Ich sah die Tram um die Ecke biegen und war ganz aufgeregt. Alles lief viel besser als erhofft. Der mystische Express zwischen den Welten stand mir zu Diensten.

Diesmal musste ich mit dem Fahrer sprechen, den Sir Maba Kaloch als Doperst bezeichnet hatte. Der alte Magier hatte mir erzählt, Doperste kämen aus dem Nichts und lebten von unseren Ängsten und bösen Ahnungen. Manchmal nähmen sie menschliche Gestalt an, gäben sich als Bekannte aus und schürten dadurch unsere Ängste noch. Maba hatte mir sogar einzureden versucht, ich hätte den Doperst, der bei meiner letzten Reise in der Tram gesessen hatte, selbst erschaffen. Ich wüsste gern, wie und warum ich das getan haben soll! Na ja, andererseits hab ich schon etliche dumme Sachen gemacht.

Wie dem auch sei - mit einem Doperst würde ich schon fertig werden. Ich warf einen Blick auf den Fahrersitz und sah ein breites Gesicht mit rotem Schnauzbart. Hatte mich diese Gestalt vor zwei Jahren wirklich so tief erschreckt? Ich nahm meinen Mut zusammen und beschloss, in die Tram zu steigen.

Die Straßenbahn hielt, und direkt vor mir öffnete sich eine Tür. Schwungvoll stieg ich ein, und das Wesen mit Schnauzbart starrte mich gleichgültig an.

»Auf dich hab ich gerade noch gewartet«, rief ich ihm zu und lächelte schief. »Diesmal mach ich dich fertig. Es ist wirklich unfair von dir, unerfahrene Reisende zwischen den Welten zu erschrecken.«

Der Fahrer sagte nichts, doch sein Gesicht veränderte sich.


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Nach ein paar Sekunden wirkte es wie ein konturloser Fleck, um kurz darauf eine neue Gestalt anzunehmen. Jetzt sah mich der Große Magister Machligl Anoch an, das kurzbeinige Gespenst aus dem Cholomi-Gefängnis. Dann verdunkelte sich sein Gesicht, und einen Moment darauf blickten mich die blauen Augen des toten Magisters Kiba Azach an.

Rasch verstand ich, was los war.

»Versuchst du, das Gesicht von Menschen anzunehmen, die mich in letzter Zeit erschreckt haben? Das funktioniert nicht, mein Freund. Heute habe ich mich verloren und wiedergefunden. Und ich glaube nicht, dass mich jetzt noch etwas erschrecken kann. Heute Abend habe ich verdammt gute Laune.«

Ich hob meine Linke. Sie war natürlich nicht so mächtig wie die berühmte Hand von Sir Schürf, aber ich war zufrieden mit dem, was ich hatte.

»Fang gar nicht erst an, Kugelblitze auf mich abzufeuern - das wäre nur Zeitverlust«, sagte der Doperst leise.

Inzwischen ähnelte er keiner konkreten Person mehr, doch seine Miene erinnerte vage an viele verschiedene Gesichter.

»Vielen Dank für deinen Rat«, meinte ich kichernd und war mit meinem selbstbewussten Auftreten sehr zufrieden. »Ich bin zwar sparsam, was Zaubertricks anlangt, aber in deinem Fall will ich nicht geizen.«

»Mach, was du willst. Du hast mich erschaffen und kannst mir mein Leben auch wieder nehmen. Aber wer einen Doperst erschaffen hat, muss ihn ersetzen - so lautet die Regel.«

Mein Gegenüber sprach völlig ruhig. Eines meiner beiden Herzen gab mir zu verstehen, dass er die Wahrheit sagte.

»Na schön, dann werde ich eben ohne Kugelblitze mit dir fertig. Ich bin nicht so blutgierig.«

Ich atmete tief durch und fühlte mich gleich entspannter. Endlich brauchte ich nicht länger auf Gekicher, verächtliche Blicke und andere schauspielerische Mittel zurückzugreifen. Ich war nun wirklich müde und wollte mich nur noch setzen, die Augen schließen und die Reise nach Echo selig verschlafen.

Der Doperst verließ die Fahrerkabine und setzte sich mir gegenüber. Auch sein Körper hatte inzwischen keine klaren Konturen mehr, sondern schien dick und dünn zugleich zu sein.

Die Straßenbahntüren schlossen sich leise, und endlich begann unsere Reise.

»Fahren wir jetzt nach Echo?«, fragte ich.

»Wir fahren, wohin du willst«, antwortete der Doperst und zuckte seine eigenartig konturlosen Schultern.

»Das klingt gut«, sagte ich und seufzte erleichtert. Die Ungewissheiten der letzten Stunden hatten mich ermüdet. »Es fällt dir offenbar leicht, verschiedene Gestalten anzunehmen.«

»Ja, ich passe mich den Wünschen derer an, die sich in meiner Nähe aufhalten.«

»Besser gesagt: Du lebst von unseren Ängsten, stimmt's? So jedenfalls hat man mir deine Existenz erklärt.«

»Stimmt genau.«

»Leider habe ich die Welt nicht erschaffen«, seufzte ich. »Wenn es nach mir ginge, wäre alles einfacher. Aber ich habe eine Frage: Unsere uneingestandenen Ängste verleihen dir deine Gestalt, nicht wahr?«

»Richtig«, antwortete der Doperst ungerührt.

»Und wenn ich dich bäte, mir ähnlich zu werden? Könntest du das?«

»Kein Problem.« Er klang zwar noch immer gleichgültig, doch seine Augen begannen, leidenschaftlich zu leuchten.

»Ausgezeichnet. Dann befehle ich dir jetzt, meine Gestalt anzunehmen, in meine alte Heimat zu verschwinden und dort an einem belebten Ort zu sterben - am besten in meiner alten Redaktion. Dort tummeln sich immer viele Leute. Wenn du erst begraben bist, bist du für alle Zeiten frei.«

»Vielen Dank. Mit einem so großzügigen Angebot habe ich nicht gerechnet. Und ich werde alles genau so tun, wie du es mir befohlen hast - das schwöre ich dir.«

Im nächsten Moment wurde sein Gesicht dem meinen immer ähnlicher. Ich musste lächeln, als ich feststellte, dass ich eigentlich ganz sympathisch war. Schade nur, dass diese sympathische Kopie meiner selbst gleich sterben würde.

Mein Doppelgänger sah mich an: »Du weißt nicht, welche Macht die Worte haben, die man zwischen den Welten sagt. Du hast mir die Freiheit geschenkt. Das wird auf dich eine befreiende Wirkung haben und in dir eine Macht erwecken, von der du immer geträumt hast. Leb wohl, Max - und danke für alles.«

Kaum saß ich auf dem Fahrersitz der Straßenbahn, überkam mich die alte Lust am Rasen. Ich gab kräftig Gas und fuhr immer schneller, ohne zu wissen, wovor ich floh.

Als der Morgen dämmerte, stellte ich fest, dass meine Tram auf einer breiten Straße stand. An den Ladenschildern erkannte ich, dass ich in einer kleinen Stadt in Deutschland gelandet war. Hier also endeten die Schienen.

Ich stand auf der Teerstraße und sah meine Tram immer kleiner werden, bis sie vor meinen Augen verschwand. Das tat mir ganz und gar nicht leid.

Nun konnte ich gehen, wohin ich wollte. Wesen wie ich vermögen jede Ritze zwischen den Welten so problemlos zu öffnen wie eine normale Tür.

Das Machtgefühl, das ich nun verspürte, berauschte mich, und ich zog los. Zwar gehörte ich ganz und gar nicht in die Welt, in der ich da spazierte, aber ich war davon überzeugt, sie gehöre mir.

Ich betrat eine nette kleine Kneipe namens Altnürnberg oder Zum Alten Nürnberger. Eine ältere Kellnerin sah mich traurig und doch seltsam hoffnungsvoll an. Ich trank einen Kaffee, verließ das Lokal und fand mich in einer engen Nürnberger Gasse wieder. Vom Fluss wehte eine angenehme Brise heran.

So funktioniert das also, dachte ich. So einfach kann ich mich hier von Ort zu Ort bewegen!

Wie sich herausstellte, brauchte ich nur in einem Lokal mit geografischem Namen etwas Zeit zu verbringen - allerdings unbedingt mit dem Rücken zum Fenster. Wenn ich dann wieder auf die Straße trat, war ich dort, wohin der Name des Lokals mich entführt hatte. Ich muss gestehen, dass mir diese Art des Reisens sehr gefiel.

Wenn mir danach war, konnte ich auch per Flugzeug, Bahn oder Auto unterwegs sein. Und in meinen Taschen fand ich stets die passende Währung und gültige Papiere.

Ich konnte also in ein billiges mexikanisches Restaurant namens Acapulco am Stadtrand von Berlin gehen und stand kaum eine Stunde später an der berühmten Steilküste dieses mexikanischen Badeorts. Wenn es mir zu warm war, brauchte ich dort nur in die Strandbar New York zu gehen und bei einem schnauzbärtigen Barkeeper ein Bier zu bestellen, um alsdann auf eine Straße im Greenwich Village zu treten.

Dort ging ich in ein nettes Lokal namens Club 88, denn allmählich hatte ich vom Reisen genug. Abends spielte dort ein Pianist, und eine farbige Lady sang traurigen Blues. Die Gäste waren alles andere als Yuppies, was mir sehr sympathisch war.

Von New York konnte ich - den Magistern sei Dank -überallhin reisen, weil die Lokale dort alle erdenklichen Ortsnamen trugen. Und umgekehrt ließen sich überall auf der Welt Lokale finden, die auf den Namen dieses neuen Babylon getauft waren. So wurde New York mein zentraler Umsteigeplatz.

Jetzt erst merkte ich, wie unfassbar schön die Welt war: Die blühenden Linden am Rande von Moskau rochen hinreißend, der Wüstenwind in Arizona warf mich beinahe um, die Londoner Nacht brachte mich zum Schwärmen, und der weiße Ostseestrand stimmte mich herrlich melancholisch. Später machte ich eine nächtliche Radtour durch Amsterdam, lauschte den Musikanten auf der Karlsbrücke in Prag, sah die rosigen Obstgärten von Budapest, entdeckte die sanften Hügel der Karpaten, schnupperte das Aroma der Pariser Cafes und beobachtete einen zornigen Schwan, der einem Touristen in Münchens Englischem Garten ein Stück Brot abjagen wollte.

Jetzt begriff ich, dass die irdische Welt völlig in Ordnung war. Das Einzige, was darin nicht stimmte, war ich -jedenfalls, solange ich ein Teil dieser Welt gewesen war. Doch inzwischen hatte ich die einzigartige Möglichkeit, die Erde mit den Augen eines Fremden zu betrachten.

Aber in meiner Begeisterung für die Welt lag ein falscher Ton, den ich manchmal recht deutlich hörte. So glücklich es mich nämlich machte, endlich reisen zu können,

so sehr wusste ich doch, dass Sir Juffin gern an meinen Abenteuern teilgenommen hätte. Ich kannte ihn schließlich seit den Tagen, da ich mein kümmerliches irdisches Schicksal akzeptiert hatte und beinahe zufrieden damit war.

In einem kleinen deutschen Wirtshaus fand ich auf der Speisekarte ein Gericht namens Strammer Max. Aus Neugier bestellte ich es und bekam Bratkartoffeln mit Spiegelei. Das schmeckte mir nicht besonders, und ich spürte starke Sehnsucht nach Echo.

Doch ausgerechnet in diesem Moment überkam mich die Lust, die Abenteuer von Sir Max aufzuschreiben. Ich kritzelte viele Servietten voll, bekam dann aber das Gefühl, wenn ich damit fertig wäre, würden mich alle Zauberkräfte verlassen.

Ich kann gar nicht aufzählen, was ich bei meinen Reisen um die Welt alles erlebt habe, und weiß nicht mehr, in welcher Reihenfolge sich diese Abenteuer zu trugen. Ich weiß nur, dass es mir nach Verzehr des Strammen Max leichtfiel, sie zu Papier zu bringen.

An diesem Tag schuf ich die erste, noch wacklige Brücke, die mich mit meiner Vergangenheit verband.

Immer öfter trat meinen irdischen Gesprächspartnern der Schreck in die Augen. Das machte mir Freude - zumal ich erst wieder nach Echo reisen konnte, wenn der von mir freigelassene Doperst seine Mission erfüllt hatte.

Ich erfuhr erstaunlich viel über die Ängste, die die Menschen mit sich herumschleppen. Am interessantesten waren in diesem Zusammenhang wohl die Radfahrer. Wie sich erwies, fürchten die meisten, einen Fußgänger anzufahren. Und weil ich seit meinem Rollentausch mit dem Doperst von den Ängsten der Menschen lebte, brauchte ich nur auf die Straße zu treten, damit mich ein Radfahrer anfuhr. Die ewigen Zusammenstöße bedeuteten für mich zwar keine ernste gesundheitliche Gefahr, doch sie gingen mir ziemlich auf die Nerven. Zum Glück hatte ich zu Autofahrern ein weniger gespanntes Verhältnis.

Aber es kam noch schlimmer. Bis heute kann ich ein groß gewachsenes Mädchen aus dem Restaurant Roter Elefant in der Altstadt von Erfurt nicht vergessen. Sie faszinierte mich so, dass ich ihr nachging und so in besagtes Lokal gelangte. Schließlich musste ich sie umbringen, denn sie dachte den ganzen Abend, sie werde mir zum Opfer fallen. Aber vielleicht habe ich das nur geträumt.

Wie seltsam es auch klingen mag: Dieses blutrünstige Abenteuer machte mir klar, dass meine sinnlose irdische Existenz bald vorbei wäre. Sir Max - das Nachtantlitz von Sir Juffin Halli - erwachte langsam wieder zum Leben und sehnte sich nach seiner Arbeit.

Eines schönen Tages geriet ich wieder nach New York. Ich spazierte durch SoHo, sah mir die Schaufenster der Galerien an und beschloss, in einer italienischen Bar einen Kaffee zu trinken. Der schwarzäugige Barista musterte mich ungerührt. Offenbar litt er unter keinerlei Ängsten - beneidenswert!

Ich setzte mich an die Theke. Kaum hatte ich den ersten Schluck genommen, schwankte mein Hocker so, dass ich beinahe umgefallen wäre. Mühsam konnte ich das Gleichgewicht halten und landete in den Armen eines sympathischen Mannes mit elegantem dunklem Hut und einer Lederjacke, wie Flieger sie tragen mögen.

»Entschuldigung!«, sagte er freundlich. »Ich habe nur mein Spiegelbild betrachtet und gemerkt, dass der vornehme Hut und die sportliche Jacke nicht zusammenpassen.«

»Stimmt, Sie sollten den Hut gegen einen Helm tauschen - oder gegen etwas anderes, das man als Flieger so trägt.«

»Am besten, Sie nehmen ihn«, meinte er, nahm den Hut ab und setzte ihn mir auf. »Er steht Ihnen wirklich gut und passt zu Ihrem Mantel. Verzeihen Sie die Aufregung, und genießen Sie Ihren Kaffee.«

Gedankenverloren sah ich ihm nach und befolgte seinen Rat. Der junge Barista lächelte und meinte: »Ron ist ein ziemlich exzentrischer Mensch - wie alle Künstler. Aber er ist nett und kommt oft vorbei.«

»Bei Ihnen gibt es ja auch ausgezeichneten Kaffee.«

»Ron trinkt nie Kaffee - höchstens Rotwein.«

Ich zahlte, trat auf die Straße und merkte, dass ich mich in Rom befand und der Morgen dämmerte. Das war mir schon ein paar Mal passiert - sehr zur Freude der hiesigen Tauben, die ich mit allem fütterte, was ich in meinen Taschen fand.

Ich fragte mich erstaunt, ob die New Yorker Bar wirklich Roma geheißen hatte. Dann merkte ich, wie müde ich war, setzte mich auf die nächste Treppe und schlief ein.

Die Kälte ließ mich erwachen. Ich sah mich um und stellte fest, dass ich auf einer Steinbrücke saß. Der Wind vom Fluss war so eisig, dass ich durchgefroren war. Noch vor kurzem war mir zu heiß gewesen, denn mein Mantel war zu dick für Rom.

Allem Anschein nach war ich also nicht mehr dort. Doch wo sonst? Die Stadt kam mir seltsam bekannt vor -genau wie der kalte Wind, der vom Fluss heranwehte.

Jetzt wusste ich, wo ich war: wieder in Nürnberg! Dort also, wo meine Odyssee begonnen hatte.

»Ich muss wirklich dringend zurück nach Echo«, sagte ich zu einer vorbeifliegenden Möwe. Der Vogel kreischte daraufhin unangenehm, als wollte er sagen: Mach schon!

Beim Verlassen der Brücke stieß ich auf ein Namensschild und musste lachen, denn ich war doch tatsächlich auf der Maxbrücke erwacht.

»Es macht Spaß, so beliebt zu sein«, sagte ich halblaut zu mir. »Was wird nicht alles nach mir benannt!«

In meinem Rücken lachte jemand kurz auf. Ich drehte mich um und erstarrte: Techi stand hinter mir! Sie war zwar etwas älter, als ich sie in Erinnerung hatte - aber immerhin. Mir schossen verschiedene Gedanken durch den Kopf. Als Tochter von Lojso Pondochwa beherrschte sie gewiss einige außergewöhnliche Tricks. Aber warum war sie so gealtert? Wie lange mochte ich schon nicht mehr in Echo gewesen sein? Zwei-, dreihundert Jahre? Oder gar ein Jahrtausend?

Ich erstarrte vor Schreck. Menschen, ohne die ich nicht leben konnte, schienen ohne mich weitergelebt zu haben. Ich vertat hier auf Erden kostbare Zeit, und sie arbeiteten in Echo, freuten sich des Lebens und alterten, und manche waren womöglich schon gestorben, ohne meine Rückkehr abzuwarten.

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, und ich musste mich setzen.

»Techi, was machst du denn hier?«, fragte ich beklommen. »Was ist los mit dir?«

»Ich heiße Thea«, sagte die Unbekannte etwas überrascht. »Und mir ist nichts Schlimmes widerfahren. Sieht so aus, als hätten Sie mich mit jemandem verwechselt.«

Ich war so erleichtert, dass ich aufseufzte. Natürlich war das nicht meine Techi, sondern eine nette Dame mittleren Alters, die gewisse Ähnlichkeiten mit meiner Freundin hatte.

Ich brauchte dringend einen Spiegel, um herauszufinden, ob ich noch das Gesicht des guten alten Max hatte.

»Meine Frage klingt zwar etwas dumm, aber haben Sie einen Spiegel dabei?«, fragte ich und lächelte breit.

»Ja«, sagte die Frau und wirkte etwas verlegen.

»Geben Sie ihn mir doch bitte.«

Sie suchte ziemlich lange in ihrer Handtasche und gab mir schließlich eine Puderdose. Ich öffnete sie ungeduldig und musterte mein Gesicht. Mir fehlte wirklich ein Turban!

»Wissen Sie was?«, begann ich fröhlich, »Sie haben mir gerade das Leben gerettet. Kann ich mich dafür mit einer Tasse Kaffee revanchieren?«

Statt die Polizei zu rufen oder wortlos zu gehen, nickte die Frau nur energisch, und ihre silbernen Löckchen wippten. Sie hatte die gleichen Haare wie meine Techi.

»Wissen Sie«, sagte sie lächelnd, »ich glaube, das Leben ist etwas mehr wert als eine Tasse Kaffee. Ich bestehe darauf, mit Ihnen ein Glas guten Wein zu trinken.«

Dann sah sie auf die Uhr und zog ein finsteres Gesicht. »Ich sehe gerade, dass ich mich verspäten werde. Aber egal - wer ohnehin zu spät ist, kann den anderen auch mehr als eine halbe Stunde warten lassen. Eine Viertelstunde Verspätung ist spießig, finden Sie nicht?«

»Unbedingt«, versicherte ich ihr, hätte aber vermutlich jeder ihrer Behauptungen zugestimmt.

»Hier in der Nähe gibt es eine nette amerikanische Bar ohne weißblaue Tischdecken. Und weißt du ... wenn man mich siezt, fühle ich mich alt - können wir uns nicht duzen?«

Einmal mehr nickte ich eifrig.

»Ich hoffe, es ist kein Fehler, mit dir ein Glas Wein trinken zu gehen. Ich bin nämlich mit Freunden verabredet und muss danach noch mit dem Zug nach München.«

Offenbar hatte ich meine Beredsamkeit verloren, denn erneut fiel mir nichts anderes ein als energisch zu nicken.

»Wir sind da«, sagte Thea und zeigte auf eine kurze Straße, in der allenfalls zehn Häuser standen.

Das Lokal war steril, und mein Blick fand keinen Ort zum Verweilen.

»Kaum zu glauben, aber hier gibt es gute französische Weine. Damit kann man mich ködern«, meinte sie.

Mir war etwas schwindlig, und auch sonst war ich ziemlich schlecht in Form. Ich vermochte mich nicht zu konzentrieren, obwohl ich mir längst hätte überlegt haben sollen, wie ich nach Echo zurückkehren konnte.

»Bestell dir einen starken Kaffee«, riet sie mir. »Wie lange hast du eigentlich nicht mehr geschlafen, mein Lieber? Ist dein Leben, das ich angeblich gerettet habe, noch immer in Gefahr? «

»Alles halb so wild«, sagte ich und lächelte schwach. »Ich habe wirklich lange nicht geschlafen, aber ansonsten ist alles in Ordnung. Ich muss nur rasch nach Hause.«

»Dort wartet man sicher auf dich«, stellte sie fest und trank genüsslich einen Schluck Wein.

Ich zuckte zusammen, denn sie redete, als habe Sir Juffin ihr am Vortag offenbart, welche Sehnsucht er nach mir habe.

Mein Kaffee kam. Thea trank ihren Wein aus und sah gedankenverloren aus dem Fenster. Ich fühlte mich in ihrer Gesellschaft wohl. Dann sah sie auf die Uhr und meinte: »Ich muss jetzt wirklich zu meinen Freunden gehen. Vielen Dank für den Wein. Das war eine wirklich nette Überraschung.«

Sie verließ das Lokal, winkte mir durchs Fenster zu und ging zügigen Schritts davon. Sie hinkte leicht, aber eine Frau mit so schönen Beinen konnte sich das durchaus leisten.

Ich blieb im Lokal und bestellte einen zweiten Kaffee und eine Flasche Mineralwasser. Dann begann ich, Ordnung in meine Notizen zu bringen. Ich war so gerührt, dass ich jede Seite hätte küssen können, denn meine Aufzeichnungen hatten dafür gesorgt, dass ich nicht spurlos verschwunden war.

Ich überlegte auch, wie ich die Ritze zwischen den Welten finden konnte, um nach Echo zurückzukehren. Plötzlich meldete sich Sir Machi Ainti per Stumme Rede bei mir.

»Jede Tür, die du im Dunkeln öffnest, führt an dein Ziel. Aber es muss wirklich finster sein.«

»Machi, ich freue mich, dass Sie mich gefunden haben. Unterhalten Sie sich bitte noch ein wenig mit mir. Ich habe so viele Fragen!«

»Du bist nicht in Form, ich weiß. Du musst einfach zurück zu uns. Am besten unterhalten wir uns in Echo weiter.«

Ich erfuhr wieder nicht, wie lange ich nicht mehr in Echo gewesen war, doch immerhin gab er mir etwas sehr Wichtiges - die Wegbeschreibung ins Vereinigte Königreich nämlich.

Ich ging erneut zum Fluss, bog rechts ab, lief durch eine enge Gasse, blieb vor einer Pension namens Altstadt stehen und drückte energisch auf die Klingel.

Es gab sogar ein Zimmer für mich, denn wie immer fand sich in meiner Tasche eine komfortable Menge an Landeswährung. Ich ging mit dem Schlüssel in den dritten Stock und öffnete die Tür. Da im Korridor ein paar Lampen brannten, war es nicht ganz dunkel, und so geriet ich nicht an mein Ziel, sondern in ein kleines Pensionszimmer. Ich warf mich in den Sessel, ohne Licht anzuschalten, und hielt den Atem an.

Ich war höchstens ein paar Schritte von Echo entfernt. Noch heute Abend würde ich Sir Juffin alle Filme von Tom und Jerry zeigen, und das wäre die beste Entschuldigung für meine lange Abwesenheit.

Erstaunt musterte ich meine Hand, in der ich vor nun schon recht langer Zeit diverse DVDs, einen DVD-Player und einen Fernseher hatte verschwinden lassen.

Aber wie wollte ich die Geräte eigentlich ohne Strom betreiben?

Ich war aufgeschmissen und kochte vor Wut.

Dann kam die Erleuchtung. Ab und an arbeitete mein Kopf also noch. Ich machte Licht, inspizierte das Zimmer und fand zwei Steckdosen.

Ich schüttelte die linke Hand aus, und das Regal mit allen Filmen und Gerätschaften stand im Zimmer. Ich steckte die Kabel in die Wand, vergewisserte mich, dass alles funktionierte, und ließ die laufenden Geräte alsdann inklusive Steckdosen in meiner Hand verschwinden. Hoffentlich klappt der Trick mit den Steckdosen auch in Echo, dachte ich dabei und fragte mich dann, wie das Zimmermädchen auf das Verschwinden der Stromanschlüsse reagieren würde.

Dann machte ich das Licht aus, öffnete entschlossen die Tür zum Flur und war Sekunden später in meinem Schlafzimmer in der Straße der alten Münzen. Meine Rückreise war so viel leichter gewesen als erwartet, dass ich nur staunen konnte.

Aus meiner Linken sahen zwei schwarze Kabel, die meine Bewegungsfreiheit ziemlich einschränkten. Also schüttelte ich die Hand aus, und das Regal mit seiner kompletten Ausstattung landete im Zimmer. Oha, das wurde eng! Doch eigentlich war es nicht so tragisch, da ich mich recht selten in dieser Wohnung aufhielt.

»Was hast du da mitgebracht?«, fragte Juffin erstaunt.

Wo kommt er bloß so plötzlich her?, dachte ich angenehm überrascht und meinte dann: »Ach, Sir, ich freue mich, dass Sie da sind. Wie lange war ich denn weg?«

»Sechsunddreißig Tage - länger als einen Monat«, sagte Juffin lächelnd. »Ich war nur kurz im Cholomi-Gefängnis, und gleich musstest auch du in Urlaub gehen. Wo hast du dich rumgetrieben, mein Freund?«

»Sechsunddreißig Tage nur?«, meinte ich, und mir stockte der Atem. Ich machte ein paar von Sir Schurfs Übungen, um mich zu beruhigen. »Ich erzähle Ihnen gern, was ich getrieben habe. Gehen wir doch essen. Ich habe schon fast vergessen, wie Kamra schmeckt. Und dann kehren wir hierher zurück, und ich zeige Ihnen etwas, das Sie noch nie gesehen haben. Es wird Ihnen sicher gefallen.«

»Ich weiß sogar schon, wo du deine Erinnerungen an den Geschmack von Kamra auffrischen willst.«

»Im Armstrong und Ella natürlich«, sagte ich lächelnd und zog meinen schwarzgoldenen Todesmantel an.

»Lady Techi hat deine lange Abwesenheit als Einzige ertragen, ohne in Panik zu geraten. Selbst Maba Kaloch hat mir gesagt, dass du dich in keiner ihm bekannten Welt befindest. Ich war baff, aber deine Freundin hat nur gelächelt und gemeint, du würdest sicher zurückkehren.«

»Schön, dass Techi so unkonventionell ist«, sagte ich.

»Magst du etwas spazieren gehen?«, fragte Sir Juffin zweifelnd und öffnete mir die Tür. »Bis zur Straße der vergessenen Träume ist es nicht weit.«

»Gern«, antwortete ich, trat vorsichtig auf den Gehsteig und fragte mich, was ich tun würde, wenn das Trottoir plötzlich verschwände. Aber nichts dergleichen geschah.

Während ich mich in meiner alten Heimat herumgetrieben hatte, war es in Echo Herbst geworden. Das Laub sah wunderbar aus! Der Herbst ist wirklich die schönste Jahreszeit, die man hier erleben kann - und das, obwohl mir eine Böe beinahe den Turban vom Kopf gefegt hätte.

»Der kalte Wind vom Churon her hat mir gerade noch gefehlt. Vielleicht wird mir jetzt endlich klar, dass ich mich nicht in einem Traum bewege«, sagte ich.

»Traum oder Wirklichkeit - was macht das schon für einen Unterschied? Hauptsache ist doch, dass du mich siehst«, meinte Juffin ungerührt. »Wenn du zu Fuß gehen willst, machen wir das. Heute ist der Tag deiner Rückkehr nach Echo - da darfst du tun, was du willst. Du hast dich sehr verändert. Du wirkst ernster als früher.«

»Vielleicht haben Sie Recht«, antwortete ich seufzend. »Die Magister mögen wissen, was mir in der anderen Welt widerfahren ist. Und ich habe Melifaro noch prophezeit, er werde keine Zeit haben, mich zu vermissen -Pustekuchen!«

»Da hast du dich tatsächlich etwas verschätzt. Deine lange Abwesenheit hat ihn ziemlich traurig gemacht. Aber du kennst ihn ja. Er legt bei allem ein enormes Tempo vor - auch dabei, dich zu vermissen.«

»Da sagen Sie was!«, pflichtete ich ihm belustigt bei.

Ich erinnerte mich an etwas und sah meinen Chef an: »Wie ist eigentlich die Zombie-Geschichte ausgegangen? Ich hab das dumme Weihwasser gar nicht mitgebracht. Das hab ich total verschwitzt. Typisch Max, kann ich nur sagen. Dabei bin ich allein deshalb in meine alte Heimat gereist.«

»Das war doch nur ein Vorwand! Du bist einfach verrückt geworden, weil sich zwei Welten um dich gestritten haben. Und was du Weihrauch nennst, würde uns in Echo ohnehin nicht helfen. Allerdings wüsste ich gern, was du in deiner alten Heimat getrieben hast und warum dich Sir Maba nicht finden konnte.«

»Ich fürchte, ich habe in den letzten sechsunddreißig Tagen gar nicht existiert«, meinte ich, »sondern die Rolle des Doperst übernommen. Aus Versehen habe ich dem Wesen, das in der Straßenbahn zwischen den Welten als Fahrer arbeitete, die Freiheit geschenkt. Erinnern Sie sich noch an dieses Geschöpf? Sir Maba hat uns einmal davon erzählt und gesagt, früher oder später müsse ich allein mit ihm fertig werden.«

»Natürlich weiß ich, wovon du redest«, sagte Juffin kopfschüttelnd. »Aber ich glaube, du bist nicht objektiv, weil dich deine Abenteuer in der anderen Welt viel zu sehr mitgenommen haben. Zum Glück kenne ich andere Methoden, um herauszufinden, was du dort erlebt hast. Deshalb musst du heute bei mir übernachten. Mein nettes Hündchen Chuf wird sich sicher über deinen Besuch freuen.«

»Das ist eine schöne Aussicht, aber Techi wird davon gar nicht begeistert sein.«

»Gut möglich«, meinte mein Chef achselzuckend.

»Sie sind wirklich ein Tyrann und Despot, wenn ich das sagen darf. Und jetzt erzählen Sie mir bitte endlich, wie die Sache mit den Zombies ausgegangen ist. Diese Untoten haben mich wirklich fertiggemacht.«

»Das kann ich mir vorstellen. Aber du warst auch ein bisschen übermütig. Kofa zum Beispiel hat sich von diesem Abenteuer bis heute nicht ganz erholt. Deine Methoden haben ihn tief beeindruckt, besonders das Frühstück und das Mittag- und Abendessen.«

»Sie machen sich wohl über mich lustig?«, fragte ich misstrauisch.

»Ein bisschen. Und die Zombies, wie du sie nennst, sind prima Jungs. Ich mache euch morgen miteinander bekannt.«

»Was?«, rief ich, sah Sir Juffin verblüfft an, lief im nächsten Moment gegen einen Wacharibaum und fluchte.

»Ah, ich erkenne den alten Max wieder«, sagte mein Chef kichernd. »Du hast dich gar nicht verändert. Sir Nanka Jok - der Große Magister des Ordens der Langen Reise - möchte dich unbedingt kennen lernen. Er wüsste gern, wer seine Pläne beinahe torpediert hätte.«

»Welche Pläne denn?«, fragte ich. »Er muss mich mit jemandem verwechseln.«

»Max, du hast wirklich gar nichts kapiert«, stellte Sir Juffin fest und schüttelte den Kopf. »Wo ist deine berühmte Intelligenz? Es hat keine Zombies gegeben. Die Gestalten, die auf dem Petow-Friedhof aufgetaucht sind, gehören zum Orden der Langen Reise. Vor ein paar tausend Jahren sind sie freiwillig unter die Erde gegangen, um dort Unsterblichkeit zu finden. Frag mich bitte nicht, wie sie sich das vorgestellt haben. Der Magister Nanka wird dir das vermutlich erzählen. Er unterhält sich gern über dieses Thema.«

»Unterhalten?«, fragte ich erstaunt. »Als ich versucht habe, mit diesen Wesen zu sprechen, haben sie nur merkwürdige Laute von sich gegeben.«

»Das ist doch selbstverständlich«, sagte Juffin. »Diese armen Menschen brauchten ein paar Tage an der Erdoberfläche, um einigermaßen zu Kräften zu kommen. Und ihr habt sie gleich getötet und gefesselt und alles Mögliche mit ihnen angestellt. Sie haben also jeden Tag wieder von vorn beginnen müssen. Aber die Idee mit der Skulptur war für sie sehr nützlich, denn so bekamen sie Zeit, sich wieder in Menschen zu verwandeln. Eines Tages ist Nanka Jok dann zum Haus an der Brücke gekommen und hat Sir Kofa alles erklärt.«

»Wie das denn? Mit seiner Spezialbeschichtung konnte er doch schlecht durch Echo spazieren! Das muss ein furchtbarer Anblick gewesen sein - schade, dass ich ihn verpasst habe.«

»So schlimm war es auch wieder nicht«, sagte Juffin lächelnd. »Nanka floh, als nur die Polizei auf dem Friedhof Streife ging. Tschekta Schach ließ ihn entkommen und hat jetzt Angst, dir das zu beichten.«

»So ein Schlawiner.«

»Ich hoffe, du willst dich nicht an ihm rächen«, redete mein Chef mir ins Gewissen. »Sir Nanka Jok ist übrigens ein wirklich seltsamer Mensch - ein echter alter Magister. Er hat es geschafft, sich vor den Polizisten in Sicherheit zu bringen und sich in einem Gebüsch zu verstecken. Dort hat er ein paar Tage ausgeharrt, und als er sich fit genug fühlte, ist er zu uns ins Haus an der Brücke gekommen.«

»Woher hat er überhaupt von uns gewusst? Zu seiner Zeit hat es unsere Behörde doch noch gar nicht gegeben.«

»Du bist ganz schön helle, Max. Aber dieser Magister kann Gedanken lesen und hat so von uns erfahren.«

»Donnerwetter! Ich bin wirklich nicht in Form - das hat Machi auch schon gesagt.«

••Hast du ihn etwa gesehen?«, fragte Juffin und zog die Brauen so hoch, dass sie unter seinem Turban verschwanden.

»Nein, ich hab nur mit ihm gesprochen - ganz am Anfang meines Abenteuers und als ich in der anderen Welt schon fast fertig war. Das zweite Mal hat sich Machi sogar selbst bei mir gemeldet und mir verraten, wie ich nach Echo zurückfinde. Vielleicht hätte ich den Weg selbst rausbekommen - vielleicht auch nicht. Jedenfalls stehe ich ewig in seiner Schuld.«

»Nicht schlecht«, meinte Juffin und pfiff anerkennend durch die Zähne. »Der alte Schwerenöter Machi Ainti hat dir also tatsächlich geholfen! Herzlichen Glückwunsch, Max - so freundlich ist er selten zu jemandem. Er ist


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sonst eher der Meinung, man solle jeden seinem Schicksal überlassen.«

»Ich hatte wahrscheinlich Glück«, sagte ich und lächelte bescheiden. Nach kurzem Überlegen ergänzte ich: »Wissen Sie, Juffin, ich war in einer so seltsamen Lage, dass Machi es offenbar interessant fand, mit mir Verbindung aufzunehmen.«

»Das verstehe ich. Schließlich warte auch ich ungeduldig darauf, dass du einschläfst, damit ich dich untersuchen kann und alle Details deines langen Ausflugs erfahre.«

»Ich gehöre ins Bett«, sagte ich gähnend. »Aber vorher melde ich mich noch kurz bei Techi. Ich habe das seltsame Gefühl, schon seit Jahren nicht mehr geschlafen zu haben. Vielleicht können Sie das klären.«

»Hast du es wirklich so lange ohne Schlaf ausgehalten?«

»Wer weiß, womit ich meine Zeit verbracht habe. Auf alle Fälle habe ich das Gefühl, sehr lange nicht mehr hier gewesen zu sein - viel länger als sechsunddreißig Tage jedenfalls.«

»Auch das klären wir«, versprach Juffin und klopfte mir auf die Schulter. »Wir sind schon da, Max. Erinnerst du dich nicht mehr?«

»Natürlich erinnere ich mich«, rief ich lachend und öffnete schwungvoll die Tür zum Armstrong und Ella.

Techi lächelte mir von der Theke zu. »Wer hat dich warum so lange in der anderen Welt aufgehalten?«, wollte sie wissen. »Sündige Magister, du hast ja Begleitschutz dabei. Sir Juffin, bringen Sie ihn etwa ins Cholomi-Gefängnis? Das ist wirklich nett von Ihnen.«

»Diesmal nicht«, meinte Juffin. »Und wenn er nächstes Mal vorbeikommt, hat er sicher mehr Zeit für Sie -das verspreche ich Ihnen.«

»Ihr seid offenbar wieder ein Herz und eine Seele«, rief sie begeistert. »Du riechst nach anderen Welten, Max, aber zum Glück nicht nach fremdem Parfüm.«

Dann stand sie auf, lächelte breit und sagte: »Ich weiß, warum du gekommen bist. Du brauchst weder Koseworte noch Umarmungen oder Küsse, sondern nur meine Kamra.«

»Die wird mir sicher nicht schaden«, pflichtete ich ihr bei, »aber auch gegen Zuwendung habe ich nicht das Geringste.«

»Das glaube ich dir gern«, meinte Techi, lächelte mich an und warf mir einen flammenden Blick zu.

Die Leidenschaft in ihren Augen ließ meinen Atem stocken. Einen Moment lang schien mir ihr Gesicht etwas gealtert, und sie ähnelte der Frau, die sich in Nürnberg so nett mit mir unterhalten hatte.

»Techi, warst du das damals auf der Maxbrücke? Hast du mich dort angesprochen und mir deinen Spiegel gegeben?«

Sie zuckte nur die Achseln, stellte Sir Juffin und mir schweigend Kamra vor die Nase und wandte sich ab. Offenbar wollte sie mir demonstrieren, dass sie keine Ahnung hatte, wovon ich redete.

»Ich wusste doch, dass du frech genug bist, deinem Freund deinen Schatten auf den Hals zu hetzen«, meinte Juffin und zwinkerte ihr verständnisvoll zu.

»Ich habe wirklich Besseres zu tun, als mich mit solchen Kindereien zu beschäftigen. Von welchem Schatten reden Sie überhaupt. Sie verwechseln mich sicher mit meinem Vater, Sir.«

Ihre schwarzen Augen musterten uns vorsichtig und doch leicht gereizt.

»Schon gut. Das ist dein Geheimnis, und so soll es auch bleiben«, versuchte ich mich bei ihr einzuschmeicheln. »Ich wollte mich nur bei dir oder deinem Schatten bedanken.«

»Aber ich habe keine Geheimnisse«, rief sie. »Wie stellst du dir das eigentlich vor, Max? Denkst du, ich wäre dir nachgelaufen, nur weil du ein paar Tage nicht da warst?«

»Warum nicht? Das wäre doch eine lustige Idee.«

»Wenn du das so siehst, verschwinde am besten wieder für ein paar Tage. Ich schau dann mal, was sich machen lässt. Außerdem bin ich keine leichtlebige Person - genauso wenig wie mein Schatten. Du glaubst doch wohl nicht, dass ich ihn wegen irgendeines Schönlings losschicken würde?«

Meine Herzen stießen wieder wild klopfend aneinander, und ich wusste schon, was ich von dieser Antwort halten sollte. Vorsichtig nippte ich an meiner Kamra und musste genüsslich lächeln. Wozu braucht man schon Kaffee, wenn man so etwas Herrliches trinken kann?

Kurz danach sank mein Kopf auf den Tresen, und ich lallte: »Wenn ihr wüsstet, wie sehr ich euch mag!«

Ich hätte mir wahrscheinlich etwas Originelleres ausdenken können, aber ich war fix und fertig.

»Willst du uns etwa beide auf einmal heiraten?«, fragte Sir Juffin lachend, doch da schlief ich schon ein.

Im Schlaf hörte ich, wie er Techi davon überzeugte, dass es besser für mich wäre, wenn er mich mitnähme.

»Es geschieht auf meinen eigenen Wunsch«, murmelte ich und schlief dann so tief ein, dass der arme Juffin mich huckepack zu seinem A-Mobil schleppen musste.

Ich wachte auf, als mir eine Zunge über die Nase fuhr. Das schien mir nicht Techis Stil zu sein.

Wo bin ich gelandet?, überlegte ich im Halbschlaf und öffnete die Augen. Auf meiner Brust lag ein wolliges Wesen mit lustiger Bulldoggenfratze. Es handelte sich um Chuf, das Haustier von Sir Juffin. Ich lachte und küsste das Tier auf sein nass glänzendes Näschen.

»Nicht nur, dass du mein Bett in Beschlag genommen hast - jetzt reißt du dir auch noch meinen Hund unter den Nagel!«, sagte mein Chef kopfschüttelnd von der Türschwelle her. »Das ist wirklich ein Alptraum. Ohne dich ist das Leben viel einfacher.«

»Na ja, Sie haben mich immerhin meiner geliebten Freundin entführt.«

»Ich werde mal ein Buch über den lockeren Umgang mit Sir Max schreiben, dem Träger des schrecklichen Todesmantels. Und alle Einwohner von Echo werden zu diesem Buch greifen - vom höchsten Polizisten bis zum kleinsten Verbrecher.«

»Und was sagen Sie zu meinen Abenteuern? Haben Sie sich ein wenig in die Materie einarbeiten können?«

Noch immer mochte ich nicht recht glauben, wieder in Echo zu sein.

»Was du durchgemacht hast, sah recht interessant aus. Am besten quittierst du den Dienst und gründest einen eigenen Orden. Schade nur, dass die Ordensepoche zu Ende ist. Übrigens hast du noch maximal zehn Minuten, um dich herzurichten, denn du wirst im Haus an der Brücke erwartet.«

Ich ging ins Bad und stellte einen atemberaubenden Rekord auf, indem ich die komplizierte Waschzeremonie von Echo in nur zehn Minuten hinter mich brachte. Auf nasse Haut zog ich meine schwarze Skaba an und musterte mich im Spiegel.

Mir fiel nichts Besonderes auf. Zwar wirkte ich etwas gealtert und hatte zwei dünne, nicht zu übersehende Falten um die Mundwinkel und eine große Falte zwischen den Brauen, aber der mir da entgegensah, war zweifellos ich. In meiner Miene lag etwas Unentschiedenes, Unvollendetes, das mich irritierte.

»Na, du Schönling - gefällst du dir?«, fragte Juffin mit diebischem Lächeln.

Erstaunt drehte ich mich um. »Ich gefalle mir wie stets,

aber finden Sie nicht, dass mit meinem Gesicht etwas nicht stimmt?«

«Lass uns frühstücken gehen, mein Wunder«, meinte Juffin seufzend. »Weißt du noch, wie dein Freund Machi aussieht?«

»Sein Gesicht ist unvergesslich«, sagte ich automatisch und folgte meinem Chef ins Wohnzimmer. »Wollen Sie damit andeuten, dass mich das gleiche Schicksal erwartet?«

»Genau. Als der alte Machi noch jung und hübsch war, geriet er auch mal in eine heikle Situation.«

»Sie schmeicheln mir«, sagte ich ohne rechte Überzeugung.

»Wie kommst du denn darauf? Aber jetzt sei bitte so nett und erfülle deine hiesigen Verpflichtungen.«

»Mit dem größten Vergnügen«, antwortete ich, nahm einen Schluck Kamra und schob mir Gebäck in den Mund. »Und jetzt sagen Sie mir bitte, wie lange ich weg gewesen bin. Das interessiert mich sehr.«

»Du fragst immer nach den unwichtigen Dingen«, antwortete mein Chef achselzuckend. »Dort, wo du dich rumgetrieben hast, sind neun Jahre vergangen. Aber das bedeutet nicht, dass auch du neun Jahre gealtert bist. Deine Haare zum Beispiel sind gar nicht länger geworden, obwohl du - wie ich stark annehme - kein einziges Mal beim Frisör warst.«

»Auch da haben Sie Recht«, meinte ich. »Nicht schlecht - neun Jahre«, seufzte ich dann und sah gedankenverloren aus dem Fenster. »Mein inneres Zeitgefühl sagt mir, dass es höchstens ein Jahr gewesen sein kann.«

»Dann stimmt etwas mit deinem Zeitgefühl nicht. Wir haben alle unsere Schwächen. Zum Glück hat ein Jahr in jeder Welt eine andere Bedeutung.«

»Und was haben Sie noch über mich erfahren?«

»Alles, was du mir zu erzählen vergessen hast. Wenn es dir recht ist, werde ich dir diese Informationen peu a` peu vermitteln. Aber ich habe nicht vor, damit schon heute zu beginnen. Du solltest einfach ein paar Monate nicht an deine Abenteuer denken. Es gibt hier schließlich genug interessante Dinge. Du brauchst einfach Zeit, deine Macht zu akzeptieren.«

»Meine Macht?«, fragte ich skeptisch.

»Ja. Ich glaube zu wissen, was du denkst, aber diese Sache verträgt keine Eile. Doch wenn du einen eigenen Orden gründen willst, wäre jetzt die beste Gelegenheit dazu.«

»Das habe ich wirklich nicht vor«, sagte ich lächelnd. »Außerdem wissen Sie doch, dass es mir dafür an Ehrgeiz fehlt. Juffin, sagen Sie mir bitte, ob mit mir alles in Ordnung ist. Danach lasse ich Sie in Ruhe. Und bitte geben Sie mir keine ausweichende Antwort.«

»Mit dir ist alles in Ordnung, Max. Die Welt, in die du hineingeboren wurdest, erhebt keine Ansprüche mehr auf dich. Du wirst solche Abenteuer bestimmt nicht mehr erleben - aber vielleicht andere aufregende Dinge. Das lässt sich im Voraus nie ausschließen. Jetzt versuch, an andere Sachen zu denken.«

»Gut«, sagte ich und erinnerte mich an die Überraschung in meiner linken Handfläche. Ich freute mich riesig darauf.

»Welchen Glanz sehe ich da in deinen Augen aufblitzen?«, fragte Sir Juffin. »Ach, du hast ja vorhin etwas von einer Überraschung erzählt, die du für uns alle in petto hast.«

»Eben«, meinte ich und lächelte verträumt. »Ich überlege mir bis heute Abend, wie ich sie Ihnen am besten präsentiere. Sie haben Ihre Geheimnisse - da darf ich auch meine haben.«

»Bis heute Abend hältst du sowieso nicht durch«, meinte Juffin gespielt gleichgültig. »Spätestens am Nachmittag platzt du damit heraus.«

»Bis Sonnenuntergang halte ich sicher durch!«, rief ich. »Sie werden schon sehen!«

»Auf alle Fälle glaube ich nicht, dass ich bis heute Abend auch nur eine freie Minute für dich habe. Der Rummel um deine Person hat all meine Pläne durcheinandergebracht. Jetzt setz dich ans Steuer meines A-Mobils, Max. Ich hab das schon mit Kimpa abgesprochen.«

»Wie haben Sie Ihren treuen Diener denn davon überzeugen können, mir seinen Platz am Lenkrad abzutreten?«

»Ganz einfach - ich habe ihm gesagt, die Interessen des Vereinigten Königreichs würden dein Chauffieren gebieten. Und diese Interessen hat Kimpa schon immer respektiert.«

Im A-Mobil verließen mich alle metaphysischen Probleme. Ich genoss das Leben im Allgemeinen und das schnelle Fahren im Besonderen. Ich glaube, auch meinem Chef hat mein Rasen gefallen, denn auf seinem Gesicht stand ein schwaches Lächeln.

»Jetzt bin ich mir sicher, dass Echo die schönste Stadt aller Welten ist«, meinte ich und hielt vor dem Haus an der Brücke. »Selbst die wunderbare kleine Welt, die ich außerhalb von Kettari erschaffen habe, reicht nicht an diese Herrlichkeit heran.«

»Abwarten«, meinte Juffin lächelnd. »Du hast Tscherchawla noch nicht gesehen.«

»Tscherchawla?«

»Eine verzauberte Stadt mitten in der roten Wüste Chmiro auf dem Kontinent Uanduk. Du würdest sie sehr mögen. Na, bist du bereit, dir zur Begrüßung um den Hals fallen zu lassen?«

»Von Lady Melamori, Schürf oder Sir Kofa sehr gern. Aber von General Bubuta lieber nicht.«

Wir gingen durch die leeren Flure des Hauses an der Brücke. Ich genoss den Anblick und den mir so vertrauten Geruch.

Die Idylle wurde jäh unterbrochen, als mir etwas auf den Rücken sprang und mich zu würgen begann. Ich fiel zu Boden und versuchte, mich aus der Umklammerung zu befreien. In diesem Moment aber hörte ich Juffin lachen und wusste, dass mir keine Gefahr drohte.

»Jetzt bist du meine Trophäe, und ich hänge dich im Wohnzimmer an die Wand«, rief Melifaro und setzte sich mir auf die Brust. »Hast du dich erschrocken?«

»Was denkst du denn?«, fragte ich und lächelte strahlend. »Vermutlich bin ich sogar verletzt.«

»Ich aber auch«, sagte Melifaro und lachte. »Ein Held wie du lässt sich doch nicht gleich auf den Boden fallen!«

»Ich habe mit allem Möglichen gerechnet, auch mit einer heftigen Umarmung deinerseits - aber nicht mit so was«, meinte ich entschuldigend.

»Das war nur eine süße Rache«, erklärte Melifaro und half mir beim Aufstehen. -Ich wollte, dass du dich so erschrickst, wie ich es getan habe, als du plötzlich verschwunden warst. Melamori und ich sind sogar auf deine Spur getreten, um herauszufinden, was mit dir los ist. Wir sind in deiner früheren Wohnung in der Straße der alten Münzen gelandet und haben dort festgestellt, dass du spurlos verschwunden bist. Kannst du dir vorstellen, was wir durchgemacht haben?«

»Das alles tut mir wirklich leid«, antwortete ich. »Aber ich habe mich in meiner Abwesenheit recht gut amüsiert, muss ich gestehen.«

»Meine Herren, ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es gemütlichere Räume gibt als das Treppenhaus«, mischte Sir Juffin sich ein.

Daraufhin betraten wir die Hälfte des Gebäudes, in dem der Kleine Geheime Suchtrupp residierte.

»Sehr vernünftig von dir, Max, zurückzukehren«, sagte Sir Schürf und erhob sich zu meiner Begrüßung aus seinem Sessel. »Deine Abwesenheit hatte etwas Unangebrachtes.«

»Sündige Magister, Schürf - du findest wirklich für alles den passenden Ausdruck.«

»Das liegt an der gedanklichen Disziplin, die ich mir auferlege. Dafür braucht man neunzig Jahre, aber dann läuft es tadellos«, sagte Lonely-Lokley gravitätisch, zwinkerte mir dabei aber zu.

»Wahnsinn, wie selbstironisch du plötzlich bist, Schürf«, sagte ich lächelnd. »Ach, Leute - wenn ihr wüsstet, wie wohl ich mich in eurer Gesellschaft fühle!«

»Wir uns in deiner Gegenwart aber auch«, erklärte Lady Melamori.

»Stimmt, es war langweilig ohne dich«, meinte Juffin. »Ich fürchte, du musst unsere Abteilung zum Mittagessen einladen. Wir haben deine Abwesenheit lange genug beklagt. Übrigens mussten wir die Bildhauer, die du bestellt hast, bezahlen, und Sir Dondi Melichais - der Schatzmeister des Hauses an der Brücke - hat mich einige Tage lang recht schief angesehen. Vielleicht trägt das gemeinsame Essen ja dazu bei, unsere strapazierten Nerven zu beruhigen.«

»Ich hab gleich gewusst, dass ich heute nicht zum Arbeiten kommen würde«, seufzte ich. »Zuerst musste ich euch alles erzählen, und jetzt muss ich euch alle füttern. Wo ist eigentlich Sir Kofa?«

»Unser schlauer Meister des Verhörs sitzt schon seit einiger Zeit am besten Tisch im Fressfass.«

»Worauf warten wir dann noch?«

Ich stand schon auf der Türschwelle, als ich auf Sir Lukfi Penz stieß. »Max! Was für eine Überraschung!«, rief er. »Sie sind ein paar Tage nicht hier gewesen, stimmt's? Waren Sie erkältet?«

»So kann man es auch nennen«, räumte ich ein. Alle Wunder des Alls verblassten vor der unglaublichen Zerstreutheit von Lukfi Penz.

Der Rest des Abends verging wie in einem süßen Traum oder noch schöner. Die Delikatessen von Madame Eizinda begeisterten mich ebenso wie die Stimmen und Gesichter meiner lieben Kollegen. Ich war wie umnebelt, doch das war ein sehr angenehmes Gefühl.

Dann kehrten wir ins Haus an der Brücke zurück, wo ein blauäugiger junger Mann im hübschen dunkelgrünen Lochimantel auf uns wartete und mich unter seinem Turban hervor musterte.

»Das ist der Große Magister vom Orden der Langen Reise, Sir Nanka Jok«, erklärte mein Chef. »Ich hab dir doch gestern gesagt, dass ich euch miteinander bekannt machen möchte.«

»Sie halten mich für etwas zu jung, nicht wahr«, sagte Sir Nanka, als er mein erstauntes Gesicht sah. »Anscheinend ist mein Aussehen noch nicht optimal, denn nicht alle nehmen mich ernst.«

»Ich glaube, es ist besser, nicht allzu ernst genommen zu werden«, antwortete ich. »Man kann besser arbeiten und wird nicht ständig gestört.«

»Da haben Sie Recht«, seufzte der Große Magister, »aber in meinem vorletzten Leben sah alles ganz anders aus.«

»Das verstehe ich gut«, meinte ich lächelnd. »Seit ich den Todesmantel trage, wird auch mir oft allzu großer Respekt entgegengebracht. Das ist dem Seelenfrieden eher abträglich.«

»Meine Herren, ich muss Ihr tieftrauriges Gespräch leider unterbrechen. Sir Nanka, vor kurzem habe ich mit dem Großen Magister vom Orden des Siebenzackigen Blattes über Sie gesprochen und kann Ihnen versichern, dass er Sie durchaus ernst nimmt. Er hat mir zugesagt, Ihnen und den Mitgliedern Ihres Ordens alles zu liefern, was Sie zum Leben brauchen - allerdings unter der Bedingung, dass Sie künftig einen Bogen um Uguland machen.«

»Wir haben sowieso nicht vor, hierzubleiben«, gab Magister Nanka kühl zurück. »Wir wollen das Gleichgewicht dieser Welt nicht stören. Uns interessiert allein, am Leben zu bleiben, und es ist uns egal, wo wir uns ansiedeln.«

»Der Orden des Siebenzackigen Blattes ist bereit, Ihnen einen Teil seiner Ländereien in Gugland zu überlassen.«

»Da gefällt es uns sehr. Wir mögen die Kamra aus Iraschi. Aber wissen Sie, es ist wirklich erstaunlich, wie sich die Welt in unserer Abwesenheit verändert hat.«

»Stimmt, vieles ist anders geworden«, pflichtete Juffin ihm bei. »Max, eine deiner ersten Aufgaben wird es sein, dich zu vergewissern, dass Sir Nanka und seine Ordensleute Echo tatsächlich binnen einer Woche verlassen haben und

»Aber wir wollen die Stadt schon morgen verlassen, Sir Juffin«, unterbrach ihn Nanka. »Keine Sorge, wir wollen uns hier mit niemandem anlegen.«

»Sie haben mich missverstanden. Ich will nur einen Teil meiner Verpflichtungen an Sir Max delegieren. Verzeihen Sie bitte, dass dies in Ihrer Anwesenheit geschieht.«

»Sir Juffin - ich verstehe, dass eine Person, die unser Orden für sehr gefährlich hält, unsere Abfahrt kontrollieren soll. Aber Sie brauchen sich wegen uns wirklich keine Gedanken zu machen. Manchmal ähnelt der Kleine Geheime Suchtrupp eher einem Unheil verkündenden Orden als der Geheimpolizei.«

»Was reden Sie denn da?«, fragte ich erstaunt. »Wir sind doch völlig harmlos.«

»Angesichts der Kugelblitze und all der Mittel, mit denen Sie versucht haben, uns umzubringen, bin ich mir da nicht so sicher«, meinte Sir Nanka seufzend.

»Schon gut. Ich freue mich jedenfalls, dass es Ihnen besser geht.«

»Die Idee, uns in Plastiken zu verwandeln, war grandios«, gab Nanka zu. »Sie hat unseren Gesundheitszustand deutlich verbessert. Zum Glück hat uns ein netter Mensch von unserer Plastikschicht befreit. Sonst wären wir vermutlich erstickt.«

»Ihre Befreiung verdanken Sie Sir Lukari Bobon, dem Großvater von Lukfi Penz«, mischte Juffin sich ein.

»Ist das der Friedhofswärter?«, wollte ich wissen.

»Friedhofswärter? Gut, dass er das nicht gehört hat -sonst hättest du einen Todfeind mehr. Lukari Bobon ist Meister der Begräbniszeremonien, Max. Und er kann Plastik entfernen.«

»Hat sich Lukfi demnach mit seinem Großvater versöhnt?«, fragte ich.

»Ja. Der Frieden währte allerdings nur zwei Tage. Danach haben sie sich erneut verkracht.«

»Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sich Sir Lukfi mit jemandem zu streiten vermag.«

»Er nicht, aber Lukari Bobon kann mit jeder x-beliebigen Person zanken«, sagte Juffin mit Nachdruck. »Er ist ein sehr temperamentvoller Mensch.«

Der Große Magister Nanka Jok langweilte sich bei diesem Gespräch ein wenig und wollte sich verabschieden.

»Morgen verlassen wir Echo«, versprach er mir. »Wir können auch in Gugland leben. Aber früher oder später wird das Schicksal uns erneut zusammenführen.«

»Ich hoffe, das wird kein unangenehmes Ereignis sein«, sagte Juffin langsam und eindringlich.

»Verzeihen Sie, Sir Nanka«, meinte ich und lächelte entschuldigend. »Hoffentlich habe ich Ihnen und Ihren Leuten nichts Böses zugefügt.«

»Kontrolliere morgen auf jeden Fall, ob sie wirklich weggefahren sind«, sagte mein Chef, nachdem Nanka Jok das Zimmer verlassen hatte. »Ich glaube, der Orden wird uns keine Probleme mehr machen. Schließlich haben diese Magister wichtigere Dinge im Kopf. Aber sicher ist sicher.«

Den Rest des Tages verbrachte Sir Juffin wie auf glühenden Kohlen. Ich hatte ihm längst mein fantastisches Geschenk zeigen wollen, doch immer wieder waren überraschend Probleme aufgetaucht. Also trieb ich mich im Haus an der Brücke herum und genoss es, wieder in der vertrauten Umgebung zu sein.

Schließlich verließ Juffin eilig das Büro und erklärte einem Besucher, dessen Lochimantel ihn als Bediensteten am Königshof auswies, im Laufschritt, er habe etwas Dringendes zu erledigen, das er nicht länger aufschieben könne.

»Lass uns gehen«, sagte mein Chef dann zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter.

»Was ist passiert?«, fragte ich, als wir auf der Straße waren.

»Was soll schon passiert sein? Wir fahren zu dir und sehen uns die Überraschung an, die du mitgebracht hast. Die Sonne ist schon untergegangen - also ist es höchste Zeit.«

»Ach so«, meinte ich lachend. »Ich hatte etwas anderes vermutet.«

»Du meinst die unaufschiebbare Sache, von der ich im Flur gesprochen habe? Keine Sorge, Junge - ich wollte nur diesen Bürokraten loswerden.«

Sorglos betrat ich mein altes Schlafzimmer in der Straße der alten Münzen, denn mein Glaube an Juffins Macht war grenzenlos. Natürlich waren seine Freunde, die ich auch kennen gelernt hatte - Maba Kaloch etwa oder Machi Ainti, der unglaubliche Sheriff von Kettari -, bestimmt älter, erfahrener und mächtiger als mein Chef. Doch Juffin, der auf die Idee gekommen war, mich aus meiner alten Heimat zu holen und in das Wunderland Echo zu verpflanzen, war für mich zum Inbegriff von großem Gott und gutem Opa zugleich geworden. Mit ihm hätte ich sogar dem Teufel einen Besuch abstatten mögen.

»Was ist das, Max? Woher hast du die Mütze von König Mjenin?«, fragte mein Chef erstaunt und zog mir das Geschenk vom Kopf, das Ron mir in New York gemacht hatte. Ich musste lachen.

»Zu den Magistern mit Ihnen, Juffin - diese Mütze hat doch nicht dem legendären König Mjenin gehört, sondern stammt aus meiner alten Heimat.«

»Auf alle Fälle soll Mjenins Mütze so ausgesehen haben«, versicherte mir mein Chef. »Und wenn man bedenkt, dass sie zusammen mit dem König verschwand, ist alles möglich, Max. Jedenfalls wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.«

»Nehmen Sie sie bitte. Ich glaube, Ihr ehemaliger König würde sich freuen, wenn diese Mütze Ihnen gehört - egal, ob es wirklich seine Mütze war oder ob sie ihr nur ähnlich sieht.«

»Herzlichen Dank«, sagte Juffin ernst. »Ich habe schon seit Jahren von dieser Mütze geträumt und hätte nie gedacht, dass ausgerechnet du sie mir eines Tages überreichen würdest.«

Er zog seinen Turban ab, setzte sich die Mütze auf und musterte sich ein paar Sekunden lang in der Fensterscheibe. Seine neue Kopfbedeckung stand ihm großartig. Nachdem er sich etwas bewundert hatte, nahm er sie wieder ab und legte sie neben sich aufs Bett.

»Warum setzen Sie die Mütze schon wieder ab?«, wollte ich wissen.

»Wenn du etwas älter bist, erzähle ich dir alles«, sagte er und zog eine diebische Fratze. »Das ist nichts Besonderes. Aber jetzt zeig mir bitte endlich deine Überraschung.«

Ich ging zu dem Regal mit den Filmen, dem DVD-Player und dem Fernseher. Mein Herz pochte wild. Der kleine grüne Punkt auf dem DVD-Player zeigte, dass der Stromtransfer von meiner alten Heimat nach Echo funktionierte. Jetzt erst merkte ich, wie froh ich war, nahm die erste DVD zur Hand und schob sie in das Abspielgerät.

Nach ein paar Sekunden sah und hörte ich den mir so vertrauten MGM-Löwen brüllen, und gleich darauf sah Juffin die ersten Bilder von Tom und Jerry.

Dann drehte ich mich um und merkte, dass dies einer der schönsten Momente meines Lebens war. Ich hätte nämlich nie gedacht, den Mund von Sir Juffin einmal sprachlos erstaunt sperrangelweit offen stehen zu sehen.

»Das ist Kino«, erklärte ich begeistert. »Ich habe Ihnen schon mal davon berichtet. Erinnern Sie sich? Als sich mal zufällig jemand aus meiner alten Heimat nach Echo verirrte, habe ich Ihnen erzählt, ich hätte mal etwas Ähnliches im Kino gesehen. Und ich habe viele verschiedene Filme mitgebracht - Sie werden also noch viel Spaß haben.«

»Das glaube ich auch«, sagte Juffin und setzte sich aufs Bett. »Und jetzt geh bitte zur Seite - sonst sehe ich nichts.«

Ich setzte mich neben ihn und starrte auf den Bildschirm. Es war ziemlich surreal, in Gesellschaft meines Chefs einen Zeichentrickfilm zu sehen.

»Ich glaube, wir müssen Kofa rufen«, sagte Sir Juffin eine halbe Stunde später. »In dieses Geheimnis können wir ihn ruhig einweihen. Diese Tiere erinnern mich nämlich an die Zeit, da Kofa und ich einander noch gejagt und belauert haben wie Katz und Maus. Ich glaube, ich werde langsam sentimental.«

»Sir Kofa Bescheid zu sagen, ist sicher eine gute Idee. Aber an Ihrer Stelle würde ich allen Mitarbeitern des Kleinen Geheimen Suchtrupps ein Schweigegelübde abverlangen und sie dann kommen lassen.«

»Gute Idee. Hast du noch viele solche Filme?«

»Ja. Ich zeige Ihnen einfach mal, wie man den Apparat bedient. Danach muss ich los, denn Techi wartet auf mich. Sie sind nämlich nicht der Einzige, der mir Zaubertricks beibringen kann.«

»Spiel dich nicht so auf, sondern zeig mir, wie das Gerät funktioniert.«

Ich brauchte höchstens zehn Minuten, um meinem Chef alles zu zeigen. Was Technik anging, war er eben sehr talentiert.

Dann fuhr ich in die Neustadt. Ich wollte unbedingt in die Straße der vergessenen Träume, um das Lokal Armstrong und Ella schnellstmöglich zu besuchen.

Ich rechnete damit, dass es um diese Zeit leer war - bis auf Techi und die Katzen natürlich. Wo sollten die Tiere auch sonst hin? Aber zu meiner Überraschung thronte Sir Schürf auf einem Hocker an der Theke. Sein schneeweißer Lochimantel schimmerte im Halbdunkel. Neben ihm saß Lady Melamori und wirkte sehr zufrieden. Leleo - die spinnenartige Liebesgabe ihres Verehrers aus Arwaroch -spazierte seelenruhig über die Theke. Techi betrachtete das Tierchen recht sparsam, fütterte es aber dennoch mit Brot.

«Weißt du, Sir Nachtantlitz - es gefällt uns sehr, auf deine Kosten zu feiern«, sagte Melifaro, der ebenfalls am Tresen saß und wie üblich mit dem Hocker kippelte. »Wir waren uns sicher, dass du früher oder später auftauchen würdest.«

»Deine Kollegen haben schon einige Kronen verprasst«, meinte Techi. »Ich fürchte, du wirst eine hübsche Zeche zu zahlen haben.«

»Mit dem größten Vergnügen. Ich werde alle Ausgaben beim Schatzmeister als Spesen für eine nächtliche Sondersitzung geltend machen.«

»Unser Nachtantlitz hat sich gar nicht verändert«, sagte Techi lächelnd. Melamori warf ihr einen verständnisvollen Blick zu, und beide kicherten los.

Sie hatten sich in meiner Abwesenheit offenbar befreundet - und das, obwohl Lady Melamori zu einem Clan gehörte, der seit Jahrhunderten dem Orden des Siebenzackigen Blattes verbunden war, während Lady Techis Vater der alte Hauptfeind dieser Organisation und obendrein Großer Magister des Ordens der Wasserkrähe war. Es ist wie weiland in Verona mit den verfeindeten Geschlechtern der Montague und Capulet, dachte ich.

Als Melamori meinen erstaunten Blick bemerkte, schüttelte sie den Kopf und sagte: »Wir sind schon lange befreundet, Max. Ich bin schon ein paar Mal bei Sonnenuntergang eilig aus dem Haus an der Brücke verschwunden und habe dich deinen Dienst allein antreten lassen. Was meinst du, warum?«

»Und warum ist mir das nicht aufgefallen?«, fragte ich baff.

»Das hat uns auch gewundert«, meinte Techi lächelnd. »Und wir waren gespannt, wie lange du brauchen würdest, bis du etwas merkst.«

»Tja, das dauert mitunter lange. Schließlich bin ich ein Tagträumer«, räumte ich ein.

»Ich hätte nie gedacht, dass du deine Schwächen so offen zugeben würdest«, sagte Schürf mit professoralem Orgelton.

Melifaro musste daraufhin so lachen, dass er sich kaum auf seinem Hocker halten konnte. Ich brauchte ihn nur am Hosenbein zu zupfen, und er fiel um. Schimpfend erhob er sich und setzte sich neben den unerschütterlichen Lonely-Lokley.

»Vielen Dank, mein Freund. Du bist der Einzige, der ab und an ein Lob für mich hat«, sagte ich zu meinem Kollegen im schneeweißen Lochimantel.

»Von mir bekommst du Kamra - das ist auch nicht zu verachten«, gab Techi zu bedenken und schob mir eine dampfende Tasse hin.

»Leute«, begann ich und fasste alle ins Auge, »wenn ich für euch sterben müsste, würde ich es bedenkenlos tun ...«

Erst gegen Morgen fand ich etwas Schlaf, doch schon mittags weckte mich Sir Juffin per Stumme Rede.

»Komm sofort zu mir«, befahl mein Chef. »Such mich aber nicht im Haus an der Brücke.«

»Für wen halten Sie mich? Sie sind natürlich in der Straße der alten Münzen - wo sonst?«

»Sehr scharfsinnig, Max! Warum bist du so gereizt? Hast du nicht genug geschlafen?«

»Wenn man mit den Kollegen feiert, ist es kaum möglich, genug Schlaf zu bekommen«, sagte ich gähnend und machte mich auf die Suche nach meinem Kachar-Balsam. »Gut, in einer Stunde bin ich bei Ihnen.«

»In dreißig Minuten, Max - verstanden? Ich weiß doch, wie schnell du fahren kannst, wenn du nur willst.«

Ich stöhnte verärgert und rappelte mich auf. Selbst im Römischen Kaiserreich hatte es Tyrannen vom Format eines Sir Juffin nur selten gegeben. Vielleicht hatte er sich ja meine Caligula-DVD angesehen und sich von diesem als wahnsinnig und sadistisch geltenden


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Kaiser etwas abgeguckt.

Im nächsten Moment kam Techi ins Schlafzimmer. Sie brachte mir Kamra, und zwar in meiner Lieblingstasse.

»Womit habe ich das verdient?«, fragte ich begeistert.

»Sir Juffin hat sich per Stumme Rede gemeldet und mich vorgewarnt.«

»Weißt du was? Mach dein Lokal doch zu und begleite mich in die Straße der alten Münzen!«

»Warum nicht? Schließlich hast du selber gesagt, um diese Zeit trinken anständige Menschen noch nichts.«

»Habt ihr beschlossen, überall zu zweit auf zu tauchen?«, begrüßte uns Sir Juffin und lächelte listig.

Allem Anschein nach hatte er in der Nacht kein Auge zugetan. Neben ihm döste Sir Kofa. Auf dem Bildschirm war das Gesicht von Agent Cooper zu sehen, der meinen Chef gerade nach Twin Peaks entführte.

»Was ist das, Max?«, fragte Techi und klammerte sich ängstlich an meinen Ellbogen.

»Das ist ein großes Wunder, das ganz ohne verbotene Magie auskommt«, sagte ich lächelnd.

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, mischte Juffin sich ein. »Der Zeiger meiner Pfeife schlägt nämlich ab und zu aus. Aber sprechen wir über etwas anderes. Ich habe dich gerufen, Max, weil du mich neulich so bravourös vertreten hast.«

»Jetzt, da der Kleine Geheime Suchtrupp vollzählig im Anmarsch ist, kann ich wirklich zeigen, was ich kann. Ich möchte aber, dass auch Techi einen Platz vor dem Fernseher bekommt.«

»Das kriegen wir schon hin«, sagte Juffin. »Aber jetzt überzeuge dich bitte davon, dass der Orden der Langen Reise unsere Stadt wirklich ordnungsgemäß verlässt.«

»Bis heute Abend, Liebste«, verabschiedete ich mich von Techi. Dann wandte ich mich an Sir Kofa: »Apropos Abend - kannst du mich nachher ein paar Stunden vertreten?«

»Kein Problem.«

Die nächsten vierzehn Tage verliefen nach dem immer gleichen Muster: Sir Juffin setzte seinen Fuß nie ins Haus an der Brücke, und auch meine übrigen Kollegen wechselten sich in der Straße der alten Münzen vor dem Fernseher ab. Nur Lonely-Lokley verhielt sich anders, da sein Pflichtgefühl es ihm nicht erlaubte, sich dem Vergnügen zu überlassen. Außerdem wusste er, dass nur Maßhalten einen Genuss über längere Zeit zu erhalten vermochte.

Erstaunlicherweise beschloss sogar Techi, sich in ihrem Lokal von ihrer Nachbarin vertreten zu lassen. Als ich sie früher mal darum gebeten hatte, war sie kategorisch davon überzeugt gewesen, niemand könne sie als Wirtin ersetzen.

Nach zwei Wochen kehrte das Leben allmählich in seine alten Bahnen zurück. Man konnte natürlich noch immer jemanden in meinem alten Schlafzimmer antreffen - mitunter sogar Lonely-Lokley, der einen Plan erstellt hatte, um im Lauf der Zeit alle Filme zu sehen, die ich aus meiner alten Heimat angeschleppt hatte. Sir Schürf gönnte sich allerdings nur jeden dritten Tag einen Film, und die Kollegen waren von seinem eisernen Willen schwer beeindruckt.

Schließlich kehrte die Arbeitsmoral unseres Suchtrupps zurück, und Sir Juffin belohnte mein cineastisches Engagement mit drei sorgenfreien Tagen, die ich mit Techi verbringen wollte, doch meine liebe Freundin war viel mehr an dem Geschehen auf der Mattscheibe als an mir interessiert.

Drei Tage später erwachte ich bei Sonnenuntergang und ging hinunter ins Lokal, um die Gäste des Armstrong und Ella mit meiner finsteren Miene zu erschrecken.

Dort erwartete mich nicht nur eine Überraschung, sondern gleich zwei. Erstens sah ich Techi, die ich - wie üblich - vor dem Fernseher vermutet hatte, hinter der Theke stehen, und zweitens saß Sir Juffin am Tresen. Er war der einzige Gast. Offenbar wollte kein Normalsterblicher mit dem Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps im gleichen Lokal sitzen.

»Erzählen Sie mir bitte nicht, dass Sie sich nach mir gesehnt haben!«, rief ich schon von der Türschwelle. »Es ist etwas passiert, oder?«

»Nur eine Kleinigkeit«, sagte mein Chef achselzuckend.

Techi warf mir einen verschwörerischen Blick zu und schob meinem Chef ein paar Schnapsgläser mit verschiedenfarbigen Getränken hin. Juffin nickte zufrieden und goss sie in einen Krug, machte mit der Rechten einige beschwörende Gesten, bis die Flüssigkeit mit roter Flamme brannte, und verschluckte sie dann. Aus seinen Ohren drang Dampf, und sein Turban vibrierte wie ein Topfdeckel beim Kochen.

»Das ist ein hübscher Effekt, was?«, fragte er stolz.

»Sie haben offenbar zu viele Filme gesehen«, meinte ich lächelnd.

»Ich halte sie für sehr realistisch. Wenn ich Menschen in Raumschiffen durchs All flitzen sehe, denke ich mir allerdings, sie könnten viel bequemer die Ritze zwischen den Welten nehmen - die kennt hier schließlich jeder. Und gestern hab ich mir eine tragische Liebesgeschichte angesehen. Der Mann war zuerst eine Art Polizist, aber genau habe ich das nicht verstanden. Danach hat er sich eine Nachtarbeit gesucht und irgendwann seine alte Liebe getroffen, doch ich habe absolut nicht begriffen, warum die beiden einander so gequält haben. Erstaunlicherweise sahen sie dabei aber sehr zufrieden aus. Am Ende war ich gar nicht überrascht, dass sie erschossen wurden. Ihr Leben roch irgendwie nach verbotener Magie.«

Angesichts dieser Zusammenfassung von Der Nachtportier konnte ich mich vor Lachen kaum mehr beherrschen.

»Juffin«, meinte ich seufzend, »an Ihnen ist wirklich ein Filmkritiker verloren gegangen. Wenn Sie wollen, sorge ich für die Veröffentlichung Ihrer Besprechungen in einem Filmmagazin meiner alten Heimat. Sie würden sicher in kürzester Zeit Kultstatus gewinnen. Gibt es sonst noch etwas zu berichten?«

»Wie gesagt, wirklich nichts Besonderes. Seine Majestät König Gurig möchte sich morgen Nachmittag mit dir treffen und dich von etwas überzeugen. Es handelt sich um die alte Geschichte mit deinen Untertanen, die mal wieder in Echo aufgetaucht sind und den Hof belagern. Seine Majestät ist ganz wild darauf, die Leeren Länder mit deiner Hilfe zu einer Provinz des Vereinigten Königreichs zu machen. Du hast doch nichts gegen so ein taktisches Spielchen, oder? Und keine Sorge, Max - der König will dich wirklich zu nichts zwingen. Die Höflichkeit gebietet es aber, dass du zu dem Treffen erscheinst. Warum lachst du eigentlich?«

Ich lachte, weil ich mich an meine letzte Panikattacke bei diesem Thema erinnerte. Damals hatte ich Angst, in meinem Leben könnten sich erneut Veränderungen zutragen.

»Ich habe nur festgestellt, was für ein Dummkopf ich war. Ich hatte damals richtig Angst, auf Ihre Vorschlag« bezüglich meiner Untertanen einzugehen. Aber inzwischen hab ich durchaus Lust auf ein strategisches Spielchen.«

»Willst du damit sagen, du hast es dir anders über legt?«, fragte Juffin mit hochgezogenen Brauen.

»Kommt darauf an, welchen Vorschlag der König mir macht. Wissen Sie, noch vor kurzem war ich gegen jedes Spiel, aber meine Lebenseinstellung hat sich geändert -ich möchte erst die Regeln kennen lernen und dann entscheiden.«

»Nicht schlecht«, meinte Sir Juffin lächelnd. »Du bist schnell erwachsen geworden. Morgen Mittag kommst du zu mir ins Haus an der Brücke.«

»Warum nicht in die Straße der alten Münzen? Haben Sie da nicht etwas verwechselt?«

»Das ist leider unmöglich. Ich habe morgen einfach keine Zeit, mich vor die Mattscheibe zu klemmen«, sagt« mein Chef ernst. »Kofa ist einem Falschmünzerring auf die Spur gekommen. Stell dir vor: Diese Kerle benutzen schwarze Magie 72. Grades, und das nur zu dem Zweck ein paar Geldsäcke mit Kronen zu füllen. Und in die Straße der alten Münzen gehe ich jetzt. Wer weiß - viel leicht entdecke ich in dem einen oder anderen Film einer Zaubertrick, den ich noch nicht kenne.«

Juffin sprang von seinem Hocker und vergewisserte sich erneut, dass sich außer uns dreien niemand im Lokal befand. Dann verwandelte er sich in Batman und verschwand. Ich sollte mir wirklich überlegen, welche Filme ich meinen Kollegen zu sehen gebe, dachte ich - sonst werden sie langsam gefährlich.

»Lass uns einen Spaziergang machen, bis die ersten Gäste kommen«, sagte Techi lächelnd.

Am nächsten Tag fuhren Juffin und ich zur Burg Rulch, wo König Gurig VIII. den Winter zu verbringen pflegte. Dort herrschten andere Regeln als in seiner Sommerresidenz. So mussten wir beispielsweise in besondere Besucherkleider schlüpfen.

»Dieses Gewand hat eine symbolische Bedeutung und bezieht sich auf ein Ereignis, das in der Epoche des Gesetzbuchs stattgefunden hat. Allerdings weiß ich nicht mehr genau, um welches Ereignis es sich dabei handelt«, sagte mein Chef.

Wir mussten uns in Sänften setzen und wurden in den Audienzsaal getragen.

Kaum eine Minute später erschien der König schon. Nachdem wir pflichtbewusst einige Floskeln über das Wetter getauscht hatten, wies er uns auf ein Tischchen hin, auf dem Getränke und Gebäck bereitstanden.

»Vor kurzem habe ich das übertriebene Zeremoniell abgeschafft. Mein alter Haushofmeister ist in Rente gegangen, und sein Nachfolger ist so flexibel, dass ich meine Gäste empfangen kann, wo ich will. Ich muss offen gestehen, dass der Speisesaal nicht der angenehmste Ort zum Essen ist.«

»Da haben Sie Recht«, sagte Juffin und nickte ergeben. »Wenn ich dort auf Euch warte, vergeht mir der Appetit.«

»Ich freue mich, dass Sie ein so ehrlicher und appetitloser Untertan sind«, erklärte der König und zwinkerte mir dabei zu. »Max, hätten Sie nicht Lust, mein Kollege zu werden? Juffin hat mir schon gesagt, dass Sie nichts dagegen haben.«

»Ich träume schon mein Leben lang davon, ein echter König zu sein«, entgegnete ich. »Am besten erzählen Sie mir Ihren Plan, von dem Sir Juffin mir schon einiges angedeutet hat.«

»Na ja, Plan ist vielleicht nicht das richtige Wort«, meinte Gurig VHI. »Sagen Sie Ihren Untertanen doch einfach, Sie wären gern ihr König, könnten Echo gegenwärtig aber nicht verlassen. Ihre Untertanen setzen Ihnen dann eine Krone aufs Haupt und fahren zufrieden nach Hause, und ich stifte Ihnen eine Residenz, die Ihrer Bedeutung entspricht. Ich dachte an das Weiche Haus.«

»Wollen Sie ihm wirklich die ehemalige Bibliothek der Königlichen Universität überlassen? Das ist ein sehr hübscher Bau, Max. Er gefällt dir sicher.«

»Was soll ich als König überhaupt tun? Ich habe in meinem Leben schon etliche Tätigkeiten ausgeübt, aber König war ich noch nie.«

»Keine Sorge, Max - Sie brauchen sich über diese Aufgabe wirklich keine Gedanken zu machen. Sie leben hier, und Ihre Untertanen mit ihren Problemen leben viele Meilen entfernt. Ab und an werden sie Ihnen einen Boten schicken, da sie die Stumme Rede nicht beherrschen. Auf diese Meldungen werden meine Mitarbeiter antworten - dazu sind sie schließlich da. Mitunter müssen Sie einen Empfang über sich ergehen lassen, aber das wird eher selten sein, und wir bereiten Sie auf alles vor. Wissen Sie - wenn die Königswürde nicht so leicht zu tragen wäre, hätte ich sie längst abgelegt. Und das Wichtigste: Ihre Arbeit als König ist nicht von langer Dauer. Ich schätze, in zwei Jahren haben Sie alles hinter sich.«

»Wieso das denn?«, fragte ich erstaunt.

»Na ja, wenn Sie das Vertrauen Ihrer Untertanen gewonnen haben, erklären Sie Ihrem Volk eines Tages, dass Sie die Macht an mich übergeben. Wissen Sie - die Leeren Länder sind mir schon lange ein Dorn im Auge, und meine Vorgänger haben immer davon geträumt, diese Gegend zu einem Teil des Vereinigten Königreichs zu machen. Mit Ihrer Hilfe kann ich diesen bescheidenen Traum realisieren.«

»Daran habe ich keinen Zweifel«, sagte ich lächelnd. »Und was gut für mich ist, ist auch gut für meine Untertanen. Ich bin sehr froh, zum Vereinigten Königreich zu gehören.«

»Das freut mich. Andere Landesfürsten lassen sich davon oft nicht so leicht überzeugen.«

»Ich bin eben ein naiver Barbar.«

Fünf Minuten später verließ ich den Audienzsaal als König.

»Ich kann mir vorstellen, wie der arme Melifaro reagiert, wenn er davon erfährt: Grün vor Neid wird er werden«, meinte ich zu Juffin.

»Der hat schon manchen Schicksalsschlag weggesteckt - mach dir um ihn mal keine Sorgen.«

»Sagen Sie, Juffin - warum ist König Gurig eigentlich so scharf auf die Leeren Länder?«

»Auch das weißt du nicht? Dann mache ich für dich einen Geografiekurs für Anfänger. Sieh mal«, begann mein Chef und zog eine kleine Weltkarte aus der Tasche.

«Die Leeren Länder trennen das Vereinigte Königreich von der Grafschaft Chota, die uns freundlich gesonnen ist. Die Herrscher dort träumen schon lange davon, Untertanen des Vereinigten Königreichs zu sein. Ich glaub sie sind den seit Jahrhunderten dauernden Krieg mit dem Fürstentum Kebla herzlich leid. Und eine nette, blühende Provinz wie die Grafschaft Chota ist die Zier eines jede Imperiums. Außerdem nimmt unser König gern neue Gebiete unter seine Obhut. Das hat er von seinem Vater.«

»Irgendwann wird unser tapferer König auch Arwaroc beherrschen wollen.«

»Wer weiß, was die Zukunft bringt«, meinte Sir Juffin nachdenklich. »Willst du dir deine Residenz anschauen? fuhr er fort, während ich mich ans Steuer meines A-Mobils setzte.

»Das Weiche Haus? Gerne. Wieso heißt es eigentlich so?«

»Weil es so weich ist. Aber das wirst du selbst sehen.«

Die ehemalige Bibliothek der königlichen Universität lag in der Altstadt, und zwar zwischen den neuen Unigebäuden und dem Verlagshaus der Königlichen Stimme.

»Tja, jetzt habe ich Sir Rogro als Nachbar«, meinte ich, betrachtete die Fassade der alten Bibliothek und musste lächeln. Die Hauswand war so dicht bewachsen, dass die Fenster kaum zu erkennen waren.

»Der Bau passt gut zu deinem unrasierten Gesicht meinte Juffin. »Gefällt er dir überhaupt?«

»Aber ja. Hier ist es viel hübscher als auf Buri Rulch.«

»Das sehe ich ebenso. Früher haben sich hier sympathische Studenten mit ihren nicht weniger sympathischen Professoren zu ungemein sympathischen Gesprächen getroffen.«

»Klingt nett. Und was ist jetzt in dem Gebäude?«

»Wie gesagt - die alte Universitätsbibliothek. Aber sie ist schon seit längerem geschlossen. Darum kann man sagen, in diesem Bau befindet sich nichts.«

»Und Bücher? Gibt es hier auch keine Bücher mehr?«

»Ein paar Wälzer sicher - alte Schinken, die niemand mehr braucht.«

»Mein erster Befehl wird sein, dass keine Bücher mehr verschwinden dürfen. Mein Leben lang habe ich davon geträumt, eine alte Bibliothek zu besitzen.«

»Ach, das ist dein Problem«, meinte Juffin und nickte verständnisvoll. »Schau dich ein wenig um, wenn du willst. Ich muss ins Haus an der Brücke. Majestät werden hoffentlich nicht vergessen, heute Abend zur Arbeit anzutreten.«

»Nein, nein. Als König kann ich Ihnen versichern, dass mir diese lästige Pflicht bewusst ist. Wenn ich erst richtig König bin, werde ich meine Minister statt meiner ins Haus an der Brücke schicken. Bitte sagen Sie Melifaro, er soll nicht allzu fleißig arbeiten und ruhig abends in meine alte Wohnung gehen.«

»Das tut er sicher gern. Ich glaube, er sieht am liebsten Krimis und versucht, möglichst rasch herauszufinden, wer der Täter ist. Sein Rekord steht bei anderthalb Minuten.«

»Genial!«, rief ich begeistert. »In dem Jungen sind noch etliche Talente verborgen.«

Juffin fuhr davon, und ich blieb in meiner künftigen Residenz zurück. Inzwischen fand ich meine neue Rolle lustig. Diese Einstellung hätte ich von vornherein haben sollen.

Das Weiche Haus gefiel mir. Ich hatte das Gefühl, es im Laufe der Zeit in einen Ort verwandeln zu können, in dem es sich angenehm leben ließe.

Ich ging durch leere und dunkle Flure und landete auf einem Aussichtstürmchen. Dort roch es staubig, und ich öffnete das Fenster. Der frische Wind, der vom Churon heranwehte, wirkte Wunder.

Ich sah aus dem Fenster und war entzückt. Von dort oben bot sich mir ein erstaunlicher Blick auf Echo. Das Gebäude gehörte zu den höchsten in einer Stadt, in der fast nur zwei- bis dreistöckige Bauten errichtet wurden.

Ich setzte mich auf die Fensterbank und sah hinunter auf die Mosaikgehsteige und den silbern glitzernden Churon. Diese wunderbare große Stadt, von der ich als Kind so oft geträumt hatte, war für mich Wirklichkeit geworden. Ich hatte sie erst verlassen und wieder nach Echo zurückkehren müssen, um zu begreifen, welches Glück es war, hier zu sein.

Ich beschloss, mich bei der Stadt für mein Leben hier zu bedanken, lehnte mich aus dem Fenster und rief in alle Richtungen: »Danke!« Dann musste ich plötzlich lachen, setzte mich auf den Boden und sagte zu mir: »Alles klar, mein Freund. Und in Zukunft bitte etwas weniger Pathos.«


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