Book title in original: Max Frei,. Der Fremdling

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Max Frei


Der Fremdling


Das Echo Labyrinth 1



Aus dem Russischen übertragen von Anna Serafin


Blanvalet



Die russische Originalausgabe erschien 2004 bei Amphora Publishers. St. Petersburg.

1. Auflage


Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2007 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe

Random House GmbH, München.

Copyright © by Max Frei | 1996, 2003

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2007 by Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Hilden Design, München

Umschlagillustration: Corbis/Koner + Getty Images/Stock

Illustration Source/Christopher Zacharow (Collage]

Redaktion: Andreas Heckmann VB

Herstellung: Heidrun Nawrot

Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin

Druck und Einband: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN: 978-3-442-24413-3

Das Buch

Max ist ein junger Mann, der nach Echo gerät, in eine Welt also, die ganz von Geheimwissenschaften und Zauberkunst durchdrungen ist. Schnell gelingt es ihm, mit diesen neuen Gegebenheiten zurechtzukommen, zumal sein Chef - der große Zauberer Sir Juffin - sich seiner persönlich annimmt. Und das nicht ohne Grund: Max, auf Erden ein unauffälliger Mensch ohne besondere Talente, zeigt in Echo Begabungen, mit denen er selbst große Magier in Staunen versetzt. Was allerdings noch in diesem Wunderknaben steckt, davon hat selbst Sir Juffin keine Ahnung. Fast jeden Tag entdecken er und seine Kollegen vom Kleinen Geheimen Suchtrupp neue Fähigkeit an ihrem rätselhaften Mitarbeiter. Besonders irritierend ist, dass Max offenbar gegen jede Magie immun ist, wenn er in Rage gerät oder in sehr guter Stimmung ist. Und er kann durch eine Ritze zwischen den Welten nach Belieben in seine alte Welt greifen und sich so mit Dingen versorgen, die es in Echo nicht gibt. Weil Max ein sehr gelehriger Schüler ist, verschafft ihm sein Patron und Mentor eine wichtige Position als Detektiv bei der Geheimpolizei. Hauptaufgabe dieser Institution ist es, Fällen nachzugehen, in denen Magie und Zauberkunst zum puren Eigennutz oder verbrecherisch eingesetzt werden. Denn jeder Missbrauch der Magie bedeutet eine Bedrohung für die geordnete Welt von Echo. Da es aber auch dort genug Versuchungen gibt, ein krummes Ding zu drehen, hat Max schon bald alle Hände voll zu tun ...

Der Autor

Seit Max Frei 1995 das Licht der Welt erblickte, ranken sich zahlreiche Spekulationen um die wahre Identität des Autors. Spuren finden sich überall im Osten Europas, von Odessa am Schwarzen Meer bis ins litauische Vilnius. Auf der Suche stößt man auf viele interessante literarische Projekte, auch auf eine beliebte Radio-Talk- Show, und Werke des Künstlers Max Frei finden sich sogar in deutschen Museen. Nachdem der erste Band mit den kriminalistisch-fantastischen Abenteuern aus dem mysteriösen Echo-Labyrinth erschienen war, wurde Max Frei in Russland schlagartig berühmt und zu einer regelrechten Kultfigur.

Demnächst erscheint:


Max Frei: Das Echo-Labyrinth 2. Die Reise nach Kettari (244651)


Max Frei Der Fremdling


Das Echo Labyrinth 1



Aus dem Russischen übertragen von Anna Serafin



Die russische Originalausgabe erschien 2004 bei Amphora Publishers. St. Petersburg.


Inhalt





Vorwort


Debüt in Echo


Dschuba Tschebobargo und andere nette Leute


Zelle Nummer Fünf


Der Fremdling



Vorwort

Vorab möchte ich ein paar grundlegende Dinge sagen. Ich heiße wirklich Max Frei. Von Kindheit an habe ich stets die Kurzform von Maximilian bevorzugt.

Ich stamme irgendwo aus Ihrer Gegend. Möglicherweise sind wir sogar Nachbarn gewesen. Ich habe ungefähr dreißig Jahre in Ihrer Heimat gelebt und bin dann nach Echo gegangen.

Sie werden die Stadt Echo auf keiner Karte finden, denn sie liegt nicht auf Ihrem Planeten. Genauer gesagt: Sie liegt nicht in Ihrer Welt. Diese Formulierung gefällt mir besser, weil nicht auf Ihrem Planeten gleich mit Raumfliegerei verbunden wird und ich - zum Glück - nie ein Raumschiff betreten musste. Einzelheiten über meine Reise hierher finden Sie in der anschließenden Geschichte »Debüt in Echo«.

Echo ist die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs, das aus Uguland, Gugland, Landland und Uriuland, den Grafschaften Schimar und Wuk, den Ländern des Ordens des Siebenzackigen Blattes, der freien Stadt Gazin und der Insel Murimach besteht.

In diesem Königreich erlauben die Naturgesetze die Entwicklung paranormaler Fähigkeiten und fördern sie sogar - besonders bei uns in Echo, weil die Stadt »im Herzen der Welt« errichtet wurde, um eine Formulierung der hiesigen Magier aufzugreifen, ohne die ich nichts erklären kann. Wenn Telepathie und andere kleine Tricks jenseits der Grenzen von Uguland (in dessen Mitte Echo liegt) nicht weiterhelfen, sieht die Lage böse aus. Nur Faulenzer können in Echo nicht zaubern - das habe ich erschreckend schnell gelernt.

Dementsprechend begeistert sich die hiesige Bevölkerung für Offenkundige Zauberei oder Alltagsmagie, vielmehr: Sie hat sich dafür bis zum Beginn der Epoche des Gesetzbuchs begeistert, einer Epoche, der einige tragische und blutige Ereignisse vorausgegangen sind.

In uralter Zeit haben einige Weise vorhergesagt, die maßlose Begeisterung für die Alltagsmagie könne böse enden, und eine düstere und komplexe Theorie des möglichen Weltuntergangs entwickelt. Damals war die Anwendung von Magie unverzichtbar. Viele magische und sehr mächtige Orden haben jahrtausendelang versucht, sich die Herrschaft untereinander zu teilen. Der König - welchen Namen er auch getragen haben mag - ist damals die wichtigste Figur des politischen Spiels gewesen.

Das änderte sich, als Gurig VII. den Thron bestieg und die Geschichte umkrempelte. Er verbündete sich mit dem einzigen Orden, dem er trauen konnte: Die Mitglieder des Siebenzackigen Blattes schwärmten nicht nur davon, zahlreiche Konkurrenten zu beseitigen, sondern beschäftigten sich schon lange ernsthaft mit der Untersuchung apokalyptischer Probleme. Nuflin Moni Max, der Große Magister des Ordens, war ein weiser Mann, der die kommende Gefahr rechtzeitig erkannte. Kaum hatte er sein Amt angetreten, begann er, die Entscheidungsschlacht gegen die übrigen Orden vorzubereiten, und tat sich zu diesem Zweck mit König Gurig VII. zusammen. Der Orden des Siebenzackigen Blattes entfesselte den Krieg gegen alle, der in die Geschichte als die Traurige Zeit eingegangen ist. Das zerstörerische Jahrhundert endete mit dem nun auch offiziell verkündeten Frieden zwischen dem König und dem Orden des Siebenzackigen Blattes. Am gleichen Tag wurde das Chrember-Gesetzbuch verkündet, benannt nach dem jungen Mann, der das letzte Opfer der Auseinandersetzungen geworden war. Diese vor einhundertzwölf Jahren erlassene Gesetzessammlung besteht aus moralischen Geboten und strafbewehrten Verboten und dient der neuen Zeit - der Epoche des Gesetzbuchs - als Grundlage.

Die Generalklausel des Chrember-Gesetzbuchs lautet: »Den Bürgern des Vereinigten Königreichs ist die Nutzung von Alltagsmagie verboten - es sei denn, sie haben dafür die Erlaubnis des Königs oder des Großen Magisters vom vornehmen und einzigen Orden des Siebenzackigen Blattes.«

Nichtsdestoweniger passieren auch jetzt noch Wunder, was auf einige Paragrafen zurückzuführen ist, die der Generalklausel des Gesetzbuchs widersprechen. So heißt es beispielsweise: »Die Bürger dürfen Weiße Magie bis zum fünften Grad anwenden, aber nur im eigenen Haus oder außerhalb der Stadt Echo. Schwarze Magie dürfen sie bis zum zweiten Grad anwenden, jedoch nur im eigenen Haus und nur im medizinischen oder kulinarischen Bereich.« Weiß und schwarz bedeuten übrigens nicht gut und schlecht! Schwarze Magie ist einfach jene Zauberkunst, die sich mit der Manipulation der Materie beschäftigt, und verdankt ihren Namen der Farbe der Erde. Weiße Magie hingegen arbeitet eher mit abstrakten Dingen, beispielsweise mit Stimmungen, Gedanken oder dem Gedächtnis. Freilich haben die Bewohner des Vereinigten Königreichs eigene Vorstellungen davon, wo das Materielle endet und das Spirituelle beginnt. Spiritualität ist unter den Einwohnern von Echo sehr beliebt, gilt ihnen interessanterweise aber als Teil der Schwarzen Magie, weil sie fest daran glauben, dass ihre Wirkungen nicht weniger materiell sind als zum Beispiel die Töpfe in der Küche. Es gibt daher einige Dutzend Methoden, seine Widersacher zu töten - Methoden, die objektiv allesamt ins Gebiet der Weißen Magie fallen, weil der Tod dort als eine der höchsten Äußerungen des Abstrakten gilt. Aber all das ist äußerst verwirrend.

Zu Beginn der Epoche des Gesetzbuchs mussten die besiegten Ordensmitglieder das Vereinigte Königreich verlassen. Man kann vermuten, dass selbst die mächtigsten Magier außerhalb der Grenzen von Echo einen Großteil ihrer Kraft verlieren und das berüchtigte Weitende nicht heraufbeschwören können. Ab und an schauen einige dieser Magier in Echo vorbei, und dann wird es bei uns lustig.

Die Nutzungssperre der Weißen Magie betrifft den Orden des Siebenzackigen Blattes nicht, denn seine Mitglieder verfügen über Wissen, das es ihnen erlaubt, die Auswirkungen ihrer Experimente auf ein Minimum zu reduzieren. Ökologisch saubere Magie - so etwas in der Richtung.

Außerdem gibt es zahlreiche verdiente, verehrte und gefährliche Magier, die unangefochten in Echo leben und gewisse Privilegien besitzen. Sie haben es rechtzeitig geschafft, sich mit den künftigen Siegern zu arrangieren, oder sich dem Krieg einfach entzogen. Sie alle sind bewundernswerte und schillernde Persönlichkeiten, und ich bin der so festen wie naiven Überzeugung, dass auf ihrer charmanten Klugheit das Wohlergehen der Hauptstadt des Königreichs ruht.

Meiner Ansicht nach stehen ausreichend viele Grade von Alltagsmagie zur Verfügung, so dass man sich nicht langweilen kann. Wer die Epoche der Orden noch erlebt hat, ist allerdings womöglich anderer Meinung.

Und noch etwas. Neben der Alltagsmagie gibt es die Unsichtbare oder Reine Magie. Man hat mir mal erklärt, sie könne nicht nur die Welt zerstören, sondern bilde zugleich ein unerlässliches Element ihres Daseins. Da ich diese Theorie nicht widerlegen kann, glaube ich einfach daran.

Nur wenige kennen und beherrschen die Reine Magie, und ich möchte darauf hinweisen, dass die Gabe, sich mit ihr zu beschäftigen, vom Geburtsort unabhängig ist. Dafür bin ich selbst ein erstaunlicher Beweis. Sir Juffin Halli - mein bester Freund, Vorgesetzter und Lehrer - behauptet, die Reine Magie komme in allen Welten vor: eine ziemlich gute Nachricht.

Ihr Max Frei

Debüt in Echo

Man weiß nie, wohin es einen verschlägt. Was das angeht, bin ich Spezialist. Die ersten neunundzwanzig Jahre meines Lebens war ich ein klassischer Versager. Der Mensch hat die Neigung, die verschiedensten Gründe für seinen Misserfolg zu suchen und zu finden. Mit so etwas habe ich mich nie beschäftigt, denn bei mir war die Ursache stets klar.

Schon als Kind hatte ich Probleme, nachts durchzuschlafen. Morgens hingegen schlief ich angenehm tief, besonders in den Stunden, da man das Glück verteilt. Am Osthimmel der ungerechtesten aller Welten stand in Flammenschrift der Spruch Morgenstund hat Gold im Mund. Ist es tatsächlich so?

Der wahre Alptraum meiner Kindheit war das tägliche Warten auf den schrecklichen Moment, da es hieß: »Gute Nacht, mein Schatz, gib Mami ein Küsschen und ab ins Bett.« Die Zeit unter der Bettdecke war vergeudet, denn sie bestand allein aus hoffnungslosen Einschlafversuchen. Natürlich habe ich auch angenehme Erinnerungen an die unvergleichliche Freiheit, die man - wie ich schnell begriff - hat, wenn alle anderen schlafen. Man muss allerdings lernen, keine Geräusche zu machen und die Spuren seines geheimen Tuns zu verbergen.

Doch das Schlimmste war das mühsame Aufstehen morgens, nachdem es mit dem Einschlafen endlich geklappt hatte. Natürlich hasste ich meine Schule, verspottete mich darüber aber selbst. Die ersten zwei Jahre fand der Unterricht nur nachmittags statt, und ich gehörte prompt zu den besten Schülern. Das war ich danach nicht mehr - bis zum Treffen mit Sir Juffin Halli.

Wie zu erwarten, vergrößerten sich meine Schlafprobleme im Laufe der Zeit ständig, was mein gedeihliches Hineinwachsen in die Gesellschaft verhinderte. Als ich mich gerade endgültig davon überzeugt hatte, dass eine Nachteule wie ich in einer Welt, in der die Frühaufsteher regieren, nichts zu suchen hat, traf ich Sir Juffin Halli.

Seiner Initiative verdankte ich die Bereitschaft, mich von meinem Elternhaus zu entfernen, und einen Job, der meinen Neigungen und meinem Ehrgeiz voll entspricht: Ich bin das Nachtantlitz des Ehrwürdigen Leiters des Kleinen Geheimen Suchtrupps der Stadt Echo.

Die Geschichte meines Eintritts in diesen Dienst ist so ungewöhnlich, dass ich sie später gesondert erzählen werde. Vorerst beschränke ich mich darauf, die weiter zurückliegenden Ereignisse zu skizzieren.

Ich sollte wohl damit anfangen, dass Träume für mich seit eh und je ein wesentlicher Teil des Lebens sind. Wenn ich aus einem Alptraum erwachte, war ich zutiefst überzeugt, mir drohe tatsächlich Gefahr. Nachdem ich mich in eine Schönheit aus einem Traum verliebt hatte, konnte ich mich gleich von meiner Freundin trennen. In meiner Jugend hatte ohnehin jeweils nur eine Leidenschaft in meinem Herzen Platz. Wenn ich im Schlaf ein Buch gelesen hatte, zitierte ich meinen Freunden am nächsten Tag munter daraus. Als ich im Traum eine Reise nach Paris machte, behauptete ich danach dreist, die Stadt schon besucht zu haben. Dabei war ich kein Angeber, oh nein, doch ich spürte, sah und begriff tatsächlich keinen Unterschied zwischen Traum und Realität.

Ab und an träumte ich auch von Sir Juffin Halli. Langsam freundeten wir uns an, wenn man das so sagen kann.

Sir Juffin ist ein extravaganter Typ, den man leicht für den älteren Bruder des Schauspielers Rutger Hauer halten könnte. Sollten Sie genug Fantasie haben, so ergänzen Sie seine imposante Gestalt um sehr helle, schmale und starr blickende Augen. Dieser lebensfrohe Mann, dessen Allüren so ganz anders waren als die eines östlichen Kaisers oder eines Zirkusdirektors, eroberte das Herz des früheren Max, an den ich mich noch recht gut erinnere, wie im Flug.

In einem meiner Träume grüßten wir uns plötzlich und redeten bald darauf über Kleinigkeiten, wie Stammgäste eines Cafes es so tun. Diese Art der Traumbegegnungen dauerte ein paar Jahre, und dann bot Juffin mir seine Hilfe an. Er sagte mir mit ganz normaler Stimme, ich würde über außergewöhnliche magische Kräfte verfügen, die es zu entwickeln gelte, wenn ich nicht den Herbst meines Lebens in einer psychiatrischen Klinik begrüßen wolle. Und er schlug vor, mein Trainer, Arbeitgeber und guter Onkel zugleich zu werden. Dieser absurde Antrag erschien mir damals gefährlich verführerisch. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich bei mir keine besondere Begabung bemerkt, und mir wurde langsam klar, dass es mit meiner Karriere - gelinde gesagt - nicht recht bergauf ging. Sir Juffin, der sich so sehr für meine hypothetischen Fähigkeiten begeisterte, schöpfte mich aus der Realität wie ein Klößchen aus der Suppe. Bis zum letzten Moment glaubte ich fest daran, Opfer meiner Einbildungskraft zu sein. Fürwahr - der Mensch ist ein seltsames Wesen!

Den Bericht über meine erste Reise zwischen den Welten verschiebe ich auf später. An die ersten Tage meines Lebens in Echo erinnere ich mich fast gar nicht, begriff davon noch weniger und betrachtete - ehrlich gesagt - alles, was ringsum geschah, teils als langen Traum, teils als Kette komplizierter Halluzinationen. Ich versuchte nicht, die Situation zu durchschauen, sondern war ganz darauf konzentriert, die auftauchenden Probleme zu lösen. Damit hatte ich genug zu tun. Zuerst nahm ich an einem Intensivkurs zur Integration in mein neues Leben teil. Es erwies sich, dass ich unbedarfter als ein Neugeborenes war. Das brüllt vor sich hin und macht in die Windeln, verletzt dabei aber keine lokalen Sitten und Gebräuche. Ich hingegen machte am Anfang alles falsch und musste ordentlich schwitzen, damit man mich nicht weiter für einen Dorftrottel hielt.

Als ich mich zum ersten Mal im Haus von Sir Juffin Halli einfand, war er noch nicht da. Als Ehrwürdiger Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs war Halli ein vielbeschäftigter Mann und musste irgendwo stecken geblieben sein.

Der alte Haushofmeister Kimpa, der von seinem Herrn erfahren hatte, dass ich zu den Gästen der Kategorie de luxe gehörte, war ausgesprochen verblüfft, denn bisher hatten nur anständige Leute das Haus besucht.

Ich begann mein neues Leben mit der Frage nach dem Klo. Auch das erwies sich als Fauxpas, denn alle Bürger des Vereinigten Königreichs, die älter als zwei Jahre sind, wissen, dass sich Bad und Toilette im Keller eines jeden Hauses befinden und man sie über eine separate Treppe erreicht.

Und dann mein Aussehen! Meine Jeans und mein Pulli, meine Weste aus ungefärbtem Leder und meine schweren, stumpfnasigen Schuhe eigneten sich sehr gut, den Alten zu schockieren, der gewöhnlich gleichmütig wie der Monsunregen war. Zehn Sekunden lang musterte er mich von Kopf bis Fuß. Sir Juffin schwor später übrigens, so viel Aufmerksamkeit habe Kimpa zuletzt der ruhigen Mrs Kimpa am Hochzeitstag geschenkt. Das allerdings war vor ungefähr zweihundert Jahren gewesen. Kaum hatte der Alte mich lange genug angestarrt, befahl er mir, mich umzuziehen. Ich widersetzte mich nicht, um die Erwartungen des irritierten Greises nicht zu enttäuschen.

Damit begann etwas Schreckliches. Ich stand vor einem Haufen bunt gemusterter Kleidungsstücke, den ich mit vor Erregung schwitzenden Händen durchwühlte und dabei entnervt die Augen rollte. Zum Glück hatte Kimpa ein erfülltes Leben hinter sich und bestimmt viel Außergewöhnliches gesehen, darunter auch Dummköpfe wie mich, denen die elementarsten Dinge fremd sind. Um dem guten Namen seines vergötterten Chefs keine Schande zu machen, half er mir. Zehn Minuten später sah ich einem eingeborenen Bewohner von Echo ziemlich ähnlich, kam mir aber völlig albern vor. Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass meine Kostümierung unauffällig war und nicht nach ein paar Schritten auseinanderfiel, fand ich mich mit ihr ab.

Dann begann die nächste Nervenprobe: das Mittagessen. Kimpa, die gute Seele, leistete mir Gesellschaft, damit ich die Zeit sinnvoll nutzte. Bei jedem Gang des Menüs studierte ich die Handbewegungen meines Lehrers und versuchte, das abgeguckte Wissen anzuwenden, indem ich mein Essen mit dem passenden Besteck zum Mund führte. Und immer achtete ich darauf, seinen Gesichtsausdruck nachzuahmen - das konnte ja nicht schaden!

Später ließ Kimpa mich in Ruhe und forderte mich auf, mir Haus und Garten anzuschauen. Das machte mir viel Spaß. Chuf - ein kleines, bezauberndes Wesen, das einer Bulldogge ähnelte - leistete mir Gesellschaft. Er war im Grunde genommen mein Cicerone. Ohne ihn hätte ich mich in dem riesigen, halb leeren Haus sicher verirrt und kaum die Tür ins dicke Gestrüpp des Gartens gefunden. Dort legte ich mich ins Gras und konnte mich endlich erholen.

Bei Sonnenuntergang ging der alte Haushofmeister feierlich in seinen kleinen Schuppen in einem Winkel des Gartens und fuhr kurz darauf mit einem Technikwunder vor, einem Fahrzeug, das aussah, als ließe es sich nur mit einem Zugtier fortbewegen, aber von alleine fuhr. Mit Hilfe eines Aggregats rollte es so schnell davon, wie seine Größe erwarten ließ. Später erfuhr ich übrigens, dass Kimpa in seinem langen Leben auch mal Läufer gewesen war. Seine Geschwindigkeit ließ sich freilich nicht mit der von A-Mobilen - wie man diese merkwürdigen Fortbewegungsmittel nannte - vergleichen.

Kimpa kam nicht allein zurück: Sir Juffin Halli persönlich - mein alter Bekannter und Bewohner meiner fabelhaften Träume - thronte auf den weichen Kissen der Benzinkutsche.

Endlich begriff ich: Alles, was passiert war, war tatsächlich geschehen! Ich erhob mich ein wenig, um ihn zu begrüßen, fiel aber gleich wieder ins Gras, schaute ihn finster an und machte ein dummes Gesicht. Gleich darauf sah ich zwei lächelnde Sir Juffins auf mich zukommen. Mühsam wählte ich einen aus, rappelte mich auf und wäre fast wieder umgekippt. Ich fühlte mich ungeheuer tapfer.

»Macht nichts, Max«, meinte Sir Juffin Halli und lächelte mich verständnisvoll an. »Auch mir geht es oft schlecht, und ich habe dabei die gleichen Erfahrungen gemacht. Ich bin froh, dich endlich in natura kennenzulernen!« Dann legte er die linke Hand an die Brauen und rief triumphierend: »Du bist es wirklich!« Er nahm die Hand runter und zwinkerte mir zu: »So begrüßt man sich hier, Max! Wiederhole!«

Auch ich legte die Hand an die Brauen und rief: »Ihr seid es wirklich!«

»Für den Anfang nicht schlecht«, meinte Halli. Dann machte ich es noch siebzehn Mal und fühlte mich wie ein geistesschwacher Kronprinz, der einen Benimmlehrer bekommen hat.

Leider beschränkten sich die Erlebnisse dieses Tages nicht nur auf das Erlernen der Echo-Etikette. Das Hauptproblem ist, dass hier seit Ewigkeit mächtige Magier wohnen. Meiner Ansicht nach gehören alle Eingeborenen bis zu einem gewissen Grade dazu. Glücklicherweise hatte man die uralte Rivalität der magischen Orden durch den Frieden zwischen König Gurig VII. und dem Orden des Siebenzackigen Blattes beendet. Das war hundertzwölf Jahre vor meiner Ankunft in Echo gewesen. Seither dürfen sich die Bürger nur einfachster Magie bedienen - vor allem auf kulinarischem und medizinischem Gebiet. Magie braucht man hier beispielsweise zur Vorbereitung der Kamra, die man in Echo statt Tee und Kaffee trinkt. Dieses Getränk schmeckt ohne magische Formel zu bitter. Mit einem anderen Zauberspruch bleibt die Butterdose sauber - eine epochale Errungenschaft, wie ich finde!

Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dem Orden des Siebenzackigen Blattes bin, dessen Umtriebe und Intrigen den Lauf der Geschichte verändert haben. Beispielsweise brauche ich den 234. Grad der Weißen Magie nicht zu erlernen, von dem Kenner behaupten, er sei der Gipfel der menschlichen Möglichkeiten. Ich habe mich entschieden, in den offiziell erlaubten Zaubertricks die Grenze meiner bescheidenen Möglichkeiten zu sehen. Ich bin gewissermaßen ein invalider Virtuose - wie Douglas Bader, das britische Flieger-Ass ohne Beine. Sir Juffin Halli behauptet dagegen, meine größte Stärke sei, der Wunderwelt anzugehören, was aber nicht die Fähigkeit einschließt, mit ihr zurechtzukommen.

Am Abend des ersten Tages meines neuen Lebens stand ich in dem mir zugeteilten Schlafzimmer vor dem Spiegel und begutachtete mich. In den schmalen Falten der Skaba (einer langen, einfachen Tunika) und den breiten Falten des Lochimantels - des hiesigen Kompromisses zwischen langem Gewand und Poncho - kam ich mir wie eine Schaufensterpuppe vor. Der ausgefallene Turban stand mir sehr gut dazu. In diesem Aufzug fiel es mir leichter, das seelische Gleichgewicht zu bewahren. Ich brauchte mir keine Gedanken zu machen und versuchte nicht mehr zu begreifen, was eigentlich mit mir passiert war. Der Junge dort im Spiegel konnte jeder beliebige Mensch sein, auf keinen Fall aber mein guter alter Bekannter Max.

Chuf tauchte auf, kläffte freundlich und stupste die Nase gegen mein Knie. »Wie groß und hübsch du bist!«, vernahm ich plötzlich und begriff dann, dass ich seine Gedankenstimme gehört hatte. Der kluge kleine Hund war der Erste, der mir die Stumme Rede dieser Welt beibrachte. Wenn ich irgendwann den vierten Grad der Weißen Magie verstehen sollte, gebührt diesem seltsamen Tier ein großes Kompliment.

Die Zeit verging schnell. Ich schlief bis weit in den Tag hinein und stand erst abends auf, zog mich an und las mir mancherlei vor. Zum Glück gab es nie Verständigungsprobleme zwischen mir und den Bewohnern des Vereinigten Königreichs. Warum das so war, weiß ich bis heute nicht. Ich musste mich nur an die hiesige Aussprache gewöhnen und ein paar neue Ausdrücke lernen. Das war zu schaffen!

Kimpa beobachtete meine Studien unaufdringlich, aber scharf. Er bekam den Auftrag, mich, den Barbaren, in einen echten Gentleman zu verwandeln, der irgendwo an der Grenze zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren Ländern geboren war. So lautete mein offizieller Lebenslauf für Kimpa und alle anderen.

Eine gute Geschichte, wie ich jetzt weiß. Im Genre der improvisierten Fälschung ist sie ein echtes Meisterwerk von Sir Juffin. Von Echo aus gesehen ist die Grafschaft Wuk der am weitesten entfernte Teil des Vereinigten Königreichs. Die dünn besiedelten Ebenen an Wuks Grenzen gehen allmählich in die riesigen unbewohnten Gebiete der Leeren Länder über, die längst nicht mehr zum Vereinigten Königreich gehören. Wozu braucht man schon Leere Länder? Nur wenige Hauptstadtbewohner waren je dort gewesen, und man hielt jede Reise dorthin für ein leichtsinniges und riskantes Unternehmen. Nach Auffassung von Sir Juffin sind mehr als die Hälfte der Bewohner der Leeren Länder ungebildete Nomaden, während der Rest aus den vor hundertzwölf Jahren geflohenen rebellischen Magiern besteht, die man in der Hauptstadt auch nicht gerade mit Aufmerksamkeit verwöhnt.

»Egal was du unternimmst«, erklärte Sir Juffin, während er genüsslich in seinem Lieblingssessel schaukelte, »du brauchst dich für nichts zu entschuldigen. Deine Herkunft bleibt für die snobistischen Blicke der Hauptstadt die beste Erklärung all deiner Verfehlungen. Das kannst du mir glauben. Ich bin selbst aus Kettari gekommen, einem kleinen Städtchen in der Grafschaft Schimar. Das ist Jahre her, doch man erwartet von mir bis heute stets exzentrische Dinge. Die Leute sind sogar beleidigt, wenn ich mich normal benehme.«

»Prima! Dann fange ich gleich damit an!«, rief ich und tat, worauf ich schon lange Lust gehabt hatte: Ich nahm eine kleine warme Pirogge vom Teller, ohne das dafür vorgesehene Häkchen zu benutzen, das eher einer Zahnarztwaffe als einer Gabel glich.

Sir Juffin grinste gönnerhaft. »Aus dir wird noch ein ausgezeichneter Barbar, Max. Da mach ich mir keine Sorgen!«

»Ich mir auch nicht!«, antwortete ich mit vollem Mund. »Wissen Sie, Juffin - seit meiner Geburt bin ich davon überzeugt, dass ich am besten selbst auf mich aufpassen kann. Das Urteil anderer interessiert mich keinen Pfifferling! Ich liebe mich viel zu sehr, um mich mit Selbstrechtfertigungen zu quälen, wenn Sie wissen, was ich meine.

»Du bist ein Philosoph«, meinte Sir Juffin Halli und schien ganz zufrieden mit mir zu sein.

Doch zurück zu meinem Unterricht. Noch nie hatte sich meine Leidenschaft für das Gedruckte als so nützlich erwiesen wie in diesen ersten Tagen. Nachts verschlang ich Bücher aus Sir Juffins Bibliothek, lernte dadurch die neue Umgebung kennen, erforschte einige Besonderheiten der hiesigen Mentalität und büffelte eine ganze Reihe hübscher Wendungen und Ausdrücke. Chuf folgte mir auf Schritt und Tritt und übte mit mir ständig Stumme Rede. Am Abend, der inzwischen in der Mitte meines Tages lag, erschien Sir Juffin, und wir aßen zusammen. Unauffällig prüfte er dabei meine Fortschritte in allen Bereichen. Nachdem wir ein, zwei Stunden miteinander verbracht hatten, verschwand er gewöhnlich im Schlafzimmer, und ich ging wieder in die Bibliothek.

Zwei Wochen nach meiner Ankunft stellte Sir Juffin eines Abends fest, dass ich schon beinahe einem Menschen ähneln und als solcher eine Belohnung verdienen würde.

»Heute essen wir im Fressfass, Max! Auf diesen Tag habe ich lange gewartet!«

»Wo essen wir?«

»In Bunbas Fressfass, dem angesagtesten Wirtshaus von Echo: heiße Pasteten, die beste Kamra, die fantastische Madame Zizinda und um diese Zeit keine Gegnerfratzen.«

»Also nur Freundesfratzen?«

»Überhaupt keine Fratzen. Das Lokal ist übrigens hübscher als die meisten Bewohner von Echo.«

»Wieso das denn?«

»Das wirst du schon sehen. Na los, zieh dich an. Ich hab einen Bärenhunger.«

Ich tauschte meine Hauspantoffeln gegen hohe Mokassins, die wie echte Stiefel aussahen. Dadurch wirkte ich so elegant, als wollte ich gleich die Führerscheinprüfung machen, die übrigens kein Grund zur Panik gewesen wäre, da das Führen von A-Mobilen kein Problem für mich war. Ich hatte nämlich einschlägige Erfahrungen, weil ich in der alten Welt die rote Rostmühle meines Cousins übernommen hatte, als der sich einen teuren Schlitten leisten konnte. Hier in Echo hatte Kimpa mir vor ein paar Tagen einige Tricks gezeigt, die sich allesamt mit einem Handgriff bewerkstelligen ließen. Anschließend hatte er sich fünf Minuten von mir chauffieren lassen und gemeint: »Du kannst es.« Danach hatte er mir zugewinkt und war weggegangen. Jetzt beurteilte auch Juffin meine Professionalität und sagte: »Junge, das Leben ist gar nicht so schwer!« Fünf Minuten später fügte er hinzu: »Schade, dass ich keinen Chauffeur brauche, sonst würde ich dich einstellen.« Fast wäre ich vor Freude geplatzt!

Das A-Mobil ließ sich so leicht steuern, dass mich das Chauffieren nicht von der ersten Kontaktaufnahme mit der Stadt Echo ablenkte. Zuerst fuhren wir durch enge Gassen, die sich zwischen den städtischen Obstgärten am Linken Flussufer entlangschlängelten. Die hiesigen Grundstücke waren ganz nach dem Geschmack ihrer Besitzer beleuchtet. Also fuhren wir durch bunte Lichtquadrate, die mal gelb oder rosa,


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mal blau oder lila waren. Ich hatte mich schon früher für die Obstgärten am Linken Flussufer begeistert, die ich nachts von Juffins Haus aus hatte sehen können. Von einem blass beleuchteten Lichtsee in den anderen zu wechseln, hat etwas - das sage ich Ihnen!

Plötzlich erreichten wir eine breite Allee oder doch etwas, das ich anfangs für eine Allee hielt. Links und rechts strahlten aus teils schon geschlossenen, teils noch geöffneten Geschäften zahlreiche Lichter in allen Farben. Ich merkte schnell, dass ich mich in der Stadtlandschaft noch nicht richtig auskannte. Wir waren hier am Kamm von Echo, an einer der Brücken also, die die Ufer des Flusses miteinander verbinden. Zwischen den Häusern glänzte manchmal das Wasser des Churon, des eindeutig hübschesten Flusses des Vereinigten Königreichs. Ich blieb einfach stehen, und die ganze Pracht stürzte von allen Seiten auf uns ein. Burg Rulch - die königliche Residenz auf einer großen Insel im Fluss - leuchtete rechts in allen Farben des Regenbogens. Links schimmerte eine andere Insel in gleichmäßigem Blau.

»Das ist der Turm Cholomi, Max. Er steht auf der gleichnamigen Insel. Ein toller Ort!«

»Toll?«

»Na ja, der Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps hält ihn für das bezauberndste Fleckchen von Echo. Und du weißt ja, dass ich diese Funktion ausübe«, sagte Sir Juffin lächelnd.

»Und ich vergaß, mit wem ich mich eingelassen habe.«

Ich warf Juffin einen Blick zu, der ihn eine Fratze schneiden und abwinken ließ. Wir lachten beide.

Weiter ging's. Das Linke Flussufer! Juffin fing an, mich zu dirigieren. »Rechts, wieder rechts, dann links!« Ich war gehorsam wie ein Armeefahrer. Warum, weiß ich nicht. Nach einer Weile landeten wir in der Straße der Kupferkessel.

»Irgendwo da steht unser Haus an der Brücke«, meinte Juffin und zeigte in die orangefarbene Dämmerung der Straßenlaternen. »Aber die Zeit für deinen Besuch dort wird erst noch kommen. Und jetzt - stopp! Wir sind da!«

Wir hielten an, und zum ersten Mal trat ich auf den mit Mosaiken geschmückten Gehsteig des Rechten Flussufers. Ich unterdrückte ein gefährliches Kopfschütteln und ging ins Fressfass - das Lieblingswirtshaus meiner Träume und der Ort, an dem ich mich immer mit Sir Juffin getroffen und wo ich sein merkwürdiges Jobangebot so leichtsinnig angenommen hatte.

Ohne nachzudenken, steuerte ich meinen Lieblingsplatz zwischen Theke und Fenster an. Eine appetitliche Brünette lächelte mir wie einem alten Kunden zu. Es war Madame Zizinda, die Enkelin des im Namen des Lokals verewigten Vielfraßes Bunba.

»Hier gefällt es mir am besten«, stellte Juffin fest. »Die wichtigste Regel bei der Auswahl deiner künftigen Kollegen lautet: Wenn ihnen die gleiche Küche und der gleiche Tisch wie dir gefällt, ist eine psychische Bindung gewährleistet.«

In diesem Augenblick stellte Madame Zizinda eine Schüssel heiße Pasteten auf den Tisch. Die übrigen Ereignisse des Abends verschweige ich, bis ich einen Touristenführer mit dem Titel »Die besten Wirtshäuser der Stadt Echo« verfasse.

Zwei Tage später kam es zu meinem nächsten Auftritt in der großen Welt. Kurz vor Einbruch der Dämmerung, als ich gerade frühstücken wollte, kehrte Sir Juffin nach Hause zurück.

»Heute ist dein Jubiläum«, erklärte er und nahm mir mein Schälchen mit Kamra weg. Er hielt es wohl nicht aus, bis Kimpa ihm eine Portion zubereitet hatte. »Also testen wir deine Fortschritte heute an meinem Lieblingsnachbarn. Wenn der alte Makluk mich danach noch grüßt, werte ich das als Zeichen dafür, dass du reif genug bist, selbständig zu leben. Meiner Ansicht nach findest du dich ungemein rasch zurecht - so rasch, dass ich den Eindruck habe, kein objektiver Beobachter mehr zu sein. Vielleicht ist es ja so, dass ich dich zu schnell in meine Arbeitsgruppe integrieren will.«

»Denken Sie daran, Juffin: Er ist Ihr Nachbar, und Sie werden weiter mit ihm leben müssen.«

»Makluk ist nett und harmlos. Außerdem ist er beinahe ein Einsiedler. Der Alte hatte Menschen schon satt, als er noch am Königshof arbeitete und Rechte Hand des Klärers bedauerlicher Missverständnisse war. Jetzt kann er nur noch mich und zwei weitere Witwer ertragen, die genauso betagt sind wie er - und auch das nur selten.«

»Sie sind verwitwet?«

»Ja, schon über dreißig Jahre. Das ist kein Tabu mehr. Nur die ersten zwanzig Jahre mochte ich nicht darüber sprechen. Hier heiratet man spät und hofft, lange zusammenzuleben. Wir glauben auch, das Schicksal sei klüger als das Herz - nimm also nicht alles so ernst!«

Damit ich das schon mal trainieren konnte, schnappte er mir schnell die zweite Portion Kamra weg, auf die ich mich schon gefreut hatte.

Kurz darauf putzten wir uns festlich heraus und traten unseren Besuch an. Der hiesige Sonntagsstaat unterscheidet sich nur durch die Pracht der Muster und Farben von der Alltagskleidung, nicht durch den Schnitt, an den ich mich langsam gewöhnte. Erneut kam ich mir vor, als ginge ich zu einer Prüfung. Mein Herz tobte, als suchte es den kürzesten Weg in die Fersen.

»Max, seit wann bist du so ernst?« Der schlaue Fuchs Juffin hatte sofort gemerkt, was mit mir los war. Mein Seelenleben stand ihm wie eine Schlagzeile vor Augen.

»Ich versetze mich allmählich in meine Rolle«, brachte ich heraus. »Darf ein Barbar aus der Provinz etwa nicht aufgeregt sein, wenn er einen Menschen trifft, der das ganze Leben lang von Seiner Majestät Schläge ins Genick bekommen hat?«

»Schlagfertigkeit: gut. Gelehrigkeit: gut bis sehr gut. Die Provinzbarbaren, wie du sie nennst, sind arrogant, hochmütig und ungebildet und pfeifen auf unsere hauptstädtischen Taten! Intuition: ausgezeichnet! Wie hättest du sonst wissen sollen, dass Sir Makluk vom damaligen König Gurig mit der Höchsten Backpfeife ausgezeichnet wurde, nachdem er eines Tages auf seinem königlichen Schoß gelandet war?!«

»Ehrlich gesagt, habe ich nur so dahingeredet.«

»Das meine ich mit Intuition: einfach so zu faseln und doch ins Schwarze zu treffen!«

»Einverstanden, ich bin ein Genie. Und obendrein - laut der Biografie, die Sie sich für mich ausgedacht haben - ein Barbar, der ernsthaft vorhat, in Echo rasch Karriere zu machen, und sich deswegen von seinen hochmütigen, aber ungebildeten Landsleuten unterscheiden muss. Wenn die gespielte Arroganz zerbricht, erscheint darunter gewöhnlich Schüchternheit. Das weiß ich, weil ich auch so bin. Nehmen Sie Ihr »gut bis sehr gut< vielleicht zurück?«

»Einverstanden. Das »gut« nehme ich zurück, aber das »sehr gut« lasse ich dir. Und ich verkneife mir Empfehlungen - du weißt selbst, was du zu tun hast. Schließlich bist du kein Kind mehr.«

Wir gingen durch unsere Obstwiese und gelangten durch eine Seitenpforte in den Nachbargarten. An der prächtig verzierten Eingangstür vermeldete ein Schild: »Hier wohnt Sir Makluk. Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht verlaufen haben?« Ich kicherte verlegen, weil ich davon keineswegs überzeugt war. Aber der Glaube von Sir Juffin reichte locker für zwei.

Die Tür öffnete sich geräuschlos. Vier gleichermaßen grau gekleidete Diener grüßten uns im Chor. Ein professionelles Quartett, kann ich nur sagen!

Dann begann, wozu ich mich noch nicht bereit fühlte. Juffin meinte übrigens, niemand sei je so weit, einen Empfang bei Makluk zu überstehen - außer routinierten Salonlöwen, den wichtigsten und dabei nutzlosesten Wesen dieser Welt.

Ein paar robuste Jungs mit zwei Sänften kamen bedrohlich nah an uns heran. Gleichzeitig überreichten uns die Diener einige bunte Fetzen. Ich wusste mir keinen anderen Rat, als Juffin anzuschauen und ihm alles nachzumachen.

Zuerst nahm ich meinen dicken Mantel ab, ohne den ich mich nackt fühlte, weil mir das dünne Unterkleid, das meinem Körper eng anlag, für Treffen mit anderen Leuten damals noch nicht recht geeignet schien. Dann schaute ich mir genau an, was ich da bekommen hatte. Wieder hatte ich mich getäuscht: Es handelte sich bei den farbenfrohen Stoffstücken nicht um Lumpen, sondern um einen großen Halbmond mit riesigen aufgesetzten Taschen, dessen innerer Rand mit einer langen Kette kleiner Ringe bestückt war. Wieder musste ich Sir Juffin anstarren. Lässig nahm mein sonderbarer Cicerone durchs Labyrinth der Höflichkeit seinen Halbmond und streifte ihn über. Innerlich zitternd tat ich es ihm nach. Die Dienerbande blieb gelassen.

Kaum standen wir so herausgeputzt da, beugten sich die trampeligen Sänftenträger vor uns nieder. Sir Juffin stieg geradezu graziös in seine Sänfte. Nachdem ich mich innerlich bekreuzigt hatte, tat ich es ihm einmal mehr nach. Eine Weile ging es durch leere Korridore, die breit wie Straßen waren. Sir Makluks Haus beeindruckte mich sehr. Von außen wirkte es wie ein ganz normales Häuschen, aber von innen ...

Endlich erreichten wir einen großen Saal, der ebenso karg möbliert war wie das einzige mir bekannte Haus in Echo. Damit allerdings endete die Ähnlichkeit mit der Wohnung von Sir Juffin. Hier sah ich etwas anderes als den mir vertrauten Esstisch mit seinen gemütlichen Stühlen.

Ein schmaler Tisch mit einem Springbrunnen in der Mitte zog sich durch das ganze Zimmer. Rund um den Tisch befand sich ein Kranz niedriger Podien. Auf einem davon stand eine den unseren ähnliche Sänfte, aus der ein munterer, grauhaariger Alter schaute, der gar nicht wie ein Adliger aussah: unser Gastgeber Sir Makluk. Als er mich erblickte, legte er die Hand an die Brauen und rief: »Du bist es wirklich!«

Ich erwiderte seinen Gruß auf gleiche Weise. Das hatte ich schließlich lange genug geübt. Der Alte streckte Sir Juffin die Hand entgegen. Seine Bewegungen waren so energisch, dass er beinahe aus der Sänfte gestürzt wäre.

»Tragt auf, der strenge Sir Juffin ist da!«, rief er fröhlich.

Schnell stufte ich das Ganze als hiesige Begrüßungsformel ein. Doch das war falsch, denn der Hausherr hatte sich einen Scherz erlaubt. Ich wollte mich schon darüber ärgern, dachte mir dann aber: Egal, was kommt - meine Gesundheit geht vor. Wollen Sie ein Wochenende in Gesellschaft des wilden Max verbringen, lieber Juffin? Ihr Wunsch wird sofort erfüllt! Ich muss nur tief einatmen und mich ein wenig entspannen, aber dann ...

Das gelang mir leider nicht, und ich geriet wieder in Verlegenheit. Ein minderjähriges, geschlechtsloses Wesen kam auf mich zu. In Echo braucht man ein geübtes Auge, um Jungen und Mädchen zu unterscheiden. Alle tragen die gleiche Kleidung und binden das Haar zum Pferdeschwanz zusammen, damit es nicht stört. Das Kind trug einen Korb voll kleiner, leckerer Brötchen, die ich sehr mochte und die Kimpa mir immer zum Frühstück servierte. Es wandte sich mit seinem Gebäck zuerst an mich, und ich stand völlig allein und hilflos da. Juffin war in einer anderen Zimmerecke abgesetzt worden und befand sich gerade neben einem gastfreundlichen Nikolaus aus der Zeit des Römischen Imperiums. Schweigend nahm ich ein Brötchen. Das Kind streifte mich mit einem erstaunten Blick, zeigte ansonsten aber keine Reaktion. Als es auf die anderen Herren zuging, die mehr Erfahrung mit solchen Situationen hatten, verstand ich: Ich war zu bescheiden gewesen! Juffin und Sir Makluk hingegen nahmen mehrere Gebäckstücke und schoben sie in die geräumigen Taschen ihres Halbmonds. Wie es aussah, würde ich hungrig bleiben!

Inzwischen wechselten meine Träger von einem Fuß auf den anderen - offenbar weil sie nicht wussten, wohin sie mich bringen sollten. Ihren Gesichtern nach zu schließen, war das meine Entscheidung.

»Heb den Daumen, und sie gehen«, hörte ich plötzlich einen fremden Gedanken. »Wenn du bleiben willst, zeig ihnen die Faust.«

»Danke, Juffin«, antwortete ich stumm und hoffte, mich an die richtige Person gewandt zu haben. »Sie retten mir gerade das Leben. Nur weiter so, bitte!«

»Prima, du kennst dich mit Stummer Rede ja schon gut aus«, sagte er erfreut.

Ich befolgte den ersten Teil seiner Anweisung, und die Diener trugen mich zu den anderen Gästen hinüber. Als ich nah genug war, um ihr Tun beobachten zu können, drohte ich den Trägern mit der Faust. Daraufhin stellten sie mich auf einem kleinen Podium ab, und ich konnte mich beruhigen.

Vor jedem Podium stand ein Gericht. Man kostete und wischte sich den Mund dann mit einem der grellen Fetzen ab, die am Halbmond hingen. Danach hob man den Daumen, und die Reise ging langsam weiter. Bei Gerichten, die besonders gut schmeckten, konnte man Nachschlag nehmen.

Die erste halbe Stunde hielt ich mich zurück. Das Essen verdiente nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Doch dann streifte ich meine Hemmungen ab, sagte mir »Was soll's!«, und kostete alles - auch den Dschubatinischen Säufer, ein hiesiges Feuerwasser, dessen Name nicht hübsch ist, aber passend. Ich traute mich sogar, mich ins Gespräch der beiden alten Freunde zu mischen, was Sir Makluk sichtlich belustigte.

Im Großen und Ganzen lief alles problemlos.

Kaum hatten wir das Haus unseres Nachbarn verlassen, konnte ich nicht mehr an mich halten und fragte: »Na, wie war ich? Sie hatten Zeit genug, meinen Auftritt mit Sir Makluk zu besprechen, oder? Die Stumme Rede erlaubt das ja auch, wenn das Opfer in der Nähe ist.«

»Die Herkunftsgeschichte, die ich mir für dich ausgedacht habe, hat sich als totaler Reinfall erwiesen«, sagte Sir Juffin und lächelte schadenfroh. Eine Weile hielt ich heroisch aus und fühlte mich wie ein Tollpatsch. Dann erklärte er: »Der Alte hat mich immer wieder mit der Frage gelöchert, woher ich so einen intelligenten Barbaren habe. Wären wir länger geblieben, hätte er dir eine Führungsposition angeboten.«

»Das ist ja schrecklich! Und was passiert jetzt?«

»Nichts Besonderes. In den nächsten Tagen suchen wir dir eine Wohnung, in der du so leben kannst, wie du magst. Dann hab ich dich vom Hals, und du fängst an zu arbeiten. Bis dahin hast du noch ein paar Stunden Unterricht bei mir.«

»Unterricht worin?«

»In interessanten Dingen. Nimm bloß nicht alles so ernst! Die Tischregeln haben wir schon hinter uns. Immerhin habe auch ich mein auskömmliches Leben als Hilfskraft mit starker Neigung zu Reiner Magie begonnen. Du wirst noch staunen, wenn du erst merkst, wie leicht dir der Unterricht fällt.«

»Und woher wollen Sie wissen, dass ich ...?«

»Seit wann glaubst du mir nicht mehr?«

»Seit unserem Besuch bei Ihrem Nachbarn Makluk. Sie hatten mich nicht vorgewarnt, dass es dort Sänften und solchen Mist gibt. Ich wäre fast an Ort und Stelle gestorben!«

»Aber du hast alles richtig gemacht.« Sir Juffin Halli zuckte gleichgültig die Achseln. »Wer hätte das gedacht!«

An diesem Abend ging ich sehr früh zu Bett und schlief die ganze Nacht wie ein Stein. Der kleine Hund Chuf staunte, weil er daran gewöhnt war, dass nach Mitternacht das interessante Leben losging.

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich im Zeichen angenehmerer Aufgaben. Tagsüber las ich in alten Ausgaben der Zeitungen Königliche Stimme und Trubel von Echo. Ungeniert markierte Sir Juffin alle Beiträge, in denen die Arbeit seines Büros gelobt wurde. Diese Lektüre war fesselnder als das spannendste Buch. Die knappen Notizen über die Anwendung verbotener Magie waren nicht immer nach meinem Geschmack. Ab und zu geriet ich an die lokale Kriminalchronik und begriff: Auch in Echo passierten so spannende Dinge wie lebensgefährliche Attacken, Schlägereien und Erpressungen.

Rasch lernte ich die Namen meiner künftigen Arbeitskollegen: Sir Melifaro (der - warum auch immer - auf seinen Vornamen verzichtet hatte), Sir Kofa Joch, Sir Schürf Lonely-Lokley, Lady Melamori Blimm und Sir Lukfi Penz. Das waren schon alle Mitglieder des Kleinen Geheimen Suchtrupps! Groß war diese Einheit wirklich nicht.

Hier in Echo hat man die Fotografie noch nicht erfunden, und die Porträtmaler sind sich zu fein, um für Zeitungen zu arbeiten. Also musste ich auf eigene Faust herausfinden, wie meine Kollegen aussehen. Und wieder traf zu, was Sir Juffin über meine Intuition gesagt hatte: Ich riet alles richtig!

Gegen Sonnenuntergang nahm ich das A-Mobil und fuhr ans Rechte Flussufer. Ich lief über die Mosaikgehsteige, schaute mich ein wenig um und sah in einige gemütliche Wirtshäuser, kurzum: Ich machte mich mit der Umgebung vertraut. Was würde ich als Nachtantlitz des Ehrwürdigen Leiters des Kleinen Geheimen Suchtrupps taugen, wenn ich nicht einmal die Straße finden konnte, in der sich meine Abteilung befand? Schwierig war das nicht. Ich hatte noch nie von einem Wolf gehört, der sich im Wald verlaufen hatte - auch wenn es nicht sein Geburtswald war. Bestimmt gibt es einen Instinkt des Stadtmenschen, auch wenn er bisher unerforscht sein mag: Wer sich in einer großen Stadt erst auskennt, wird mit anderen Metropolen keine echten Probleme mehr haben.

Dann kehrte ich nach Hause zurück. Wie immer erwies sich die Nacht für mich als die reizendste und seltsamste Tageszeit. Sir Juffin hatte sich - wie er zu sagen pflegte - mit seiner Bettdecke zerstritten und ging nach dem Abendbrot nicht schlafen, sondern entführte mich in sein Arbeitszimmer, wo er mir etwas Neues beibrachte: Ich lernte, das Gedächtnis der Dinge zu betrachten. Diese Fähigkeit gehört zu den einfachen, aber unerlässlichen Elementen der Reinen Magie, dieser verschwommenen und abstrakten Lehre, deren Beherrschung für meinen zukünftigen Beruf notwendig war.

Nur wenige wissen überhaupt von der Existenz dieses Zaubers. Ich glaube, Reine Magie ausüben zu können, hat nichts mit den erstaunlichen Eigenschaften des Weltherzens zu tun, denn auch ich - ein Fremder immerhin - verfüge ja über diese Fähigkeit. Und Sir Juffin, der zweifellos ebenfalls ein bedeutender Spezialist auf diesem Gebiet ist, stammt aus Kettari, einem kleinen Städtchen in der Grafschaft Schimar. In der Kunst, durch magische Tricks ein wenig Abwechslung ins Leben zu bringen, lag die dortige Bevölkerung deutlich hinter den Hauptstädtern.

Aber zurück zu meinem Unterricht. Ich lernte rasch, dass ein unbelebter Gegenstand - sofern man ihn nur mit dem »gewissen Blick« anschaut - imstande ist, dem Betrachter Ereignisse zu zeigen, die in seiner Anwesenheit passiert sind. Das gilt - wie ich nach dem Treffen mit einer Stecknadel begriffen hatte - sogar für grausamste Geschehnisse. Früher hatte diese Nadel einem Mitglied des Ordens der Eisenhand gehört, einem der unheimlichsten magischen Orden aller Zeiten. Die Stecknadel zeigte uns die Initiation ihres ehemaligen Besitzers. Dieser exaltierte Mann - inzwischen ein betagter Schönling mit strahlendem Turban, der ihn (wie mir Sir Juffin zuflüsterte) als Großer Magister des Ordens auswies - hackte sich damals freiwillig die Linke ab und fing an, mit der amputierten Hand unglaubliche Tricks zu vollführen. Am Ende erschien seine ehemalige Linke inmitten eines leuchtenden Eiskristalls, was mich zusammenzucken ließ.

Juffin erklärte mir, so habe der frischgebackene Invalide Zugang zu unerschöpflichen Quellen wundersamer Energie erlangt; das eiskalte Gliedmaß funktioniere seither wie eine einzigartige Pumpe, die ihrem ehemaligen Besitzer ständig seltsame Kräfte liefere, die in seinem Beruf wohl notwendig seien.

»Hat er das gebraucht?«, wunderte ich mich naiv.

»Aus Gier nach Kraft und Macht sind viele Menschen bereit, alles zu tun!«, erklärte Juffin und zuckte gleichgültig die Achseln. »Wir beide haben mehr Glück, denn wir leben in einer vernünftigeren Zeit. Die Opposition beklagt sich zwar ständig über die Tyrannei des Königs und der Siebenblätter, hat anscheinend aber vergessen, was die Tyrannei einiger Dutzend mächtiger magischer Orden bedeutet - auch wenn keiner dieser Orden Reisende bespitzelt oder Bedürftigen lasterhafte Ambitionen verwehrt.«

»Wieso haben die Orden die Welt damals eigentlich nicht in Fetzen gerissen?«

»Sie waren nah dran, Max, ganz nah dran. Wir werden darüber noch ausführlich reden. Heute Nacht soll es aber allein darum gehen, dir zu zeigen, wie du arbeiten sollst. Also nimm die Tasse weg ...«

Alles lief zu gut, um von Dauer zu sein. Die Idylle endete am dritten Tag, als Kimpa meldete, Sir Makluk sei gekommen.

»Merkwürdig«, meinte Juffin. »Seit zehn Jahren sind wir Nachbarn, aber erst jetzt würdigt er mich eines Besuchs. Mein Gefühl sagt mir, dass Arbeit auf mich zukommt.«

Damit hatte er richtig gelegen.

»Ich wollte nicht per Stummer Rede mit Ihnen in Kontakt treten, denn ich bin in Bedrängnis und möchte Sie um einen großen Gefallen bitten«, rief Makluk schon am Eingang. Die eine Hand hielt er vor die Brust, mit der anderen gestikulierte er wild umher. »Ich bitte um Verzeihung, Sir Juffin, aber ich brauche dringend Ihre Hilfe.«

Die beiden schauten sich lange an. Offenbar benutzte der Alte jetzt Stumme Rede. Nach einiger Zeit wurde die Miene von Sir Juffin traurig. Makluk zuckte schuldbewusst die Achseln.

»Gehen wir«, sagte Juffin und stand auf. »Max, du kommst mit. Du brauchst dich nicht herauszuputzen - es ist dienstlich.«

Zum ersten Mal sah ich Sir Juffin im Einsatz. Das Tempo, in dem er die Wiese querte, lag über der Höchstgeschwindigkeit seines A-Mobils. Ich kümmerte mich derweil um Sir Makluk, der sich ohne seine Sänftenträger offenbar unwohl fühlte. Wir legten den Weg in normalem Tempo zurück, und das war für seine schwachen Knie genau das Richtige. Makluk ließ sich dazu herab, mir - dem intelligenten Barbaren - unterwegs eine Kurzfassung des Geschehenen zu geben. Wie mir schien, wollte er sich dadurch vor allem ablenken.

»Ich habe einen Diener, vielmehr: Ich hatte ihn. Sein Name war Krops Kulli. Ein guter Junge, den ich demnächst - also in fünfzehn bis zwanzig Jahren - bei Hof unterbringen wollte, nachdem er bei mir ein wenig Schliff und Erfahrung erworben hätte, weil man ja ohne ... Aber zur Sache: Vor ein paar Tagen ist er einfach verschwunden. Er hat eine Freundin am Rechten Flussufer. Man ist nur einmal jung, dachten seine Kollegen natürlich und alarmierten mich nicht. Wissen Sie - auch das einfache Volk ist imstande, edel zu handeln und gewisse Geheimnisse zu bewahren. Erst heute habe ich von dem Vorfall erfahren, weil Linus, seine Freundin, meinen Koch auf dem Markt getroffen und mit Fragen gelöchert hat, warum Krops sich bei ihr so lange nicht habe blicken lassen. Er habe doch sicher manchmal einen freien Tag? Gleich gerieten alle in heftige Erregung. Wo und warum mochte Krops Kulli verschwunden sein? Vor einer halben Stunde dann begannen Maddi und Schuwisch, das Zimmer von Sir Makluk-Olli, meinem verstorbenen Cousin, aufzuräumen. Ja, Sir Max, ich hatte einen Cousin, eine echte Nervensäge, unter uns gesagt. Zehn Jahre lang hatte er vor zu sterben, und vorletztes Jahr hat er es endlich getan, übrigens gleich nach dem Tag der Fremden Götter. Ach, ja. Und dort im Zimmer fanden sie den armen Herrn Kulli. In einem Zustand ...« Sir Makluk zuckte so gereizt die Achseln, als wollte er zum Ausdruck bringen, ein solches Versagen habe er vom armen Krops Kulli nie erwartet, nicht einmal im Tod.

In diesem Augenblick gelangten wir an eine kleine Tür, die der normale Eingang in Makluks luxuriöses Haus war. Nachdem er mir alles erzählt hatte, beruhigte er sich sichtbar. Die Stumme Rede! Nicht umsonst empfehlen Psychotherapeuten ihren Patienten, laut zu erzählen! Wir warteten nicht auf die Sänften, sondern gingen gleich ins Schlafzimmer des verstorbenen Sir Olli.

Der ungemein weiche Teppich - wohl Standard in Echo - bedeckte fast die Hälfte des Bodens. Ein paar mit Intarsien geschmückte kleine Tische standen ungeordnet um das riesige Bett herum. Eine Wand bestand nur aus einem großen Fenster mit Blick auf den Obstgarten. An der gegenüberliegenden Wand hing ein alter Spiegel, neben dem ein kleiner Frisiertisch stand.

Schade, dass dies nicht der gesamte Inhalt des Zimmers war. Leider gehörte noch etwas dazu: Zwischen Spiegel und Fenster lag eine Leiche, die eher einem schmutzigen und durchgekauten Gummiband als einem Menschen ähnelte. Seltsamerweise sah sie überhaupt nicht schrecklich aus, eher sinnlos oder absurd. Das entsprach nicht meiner Vorstellung von einem unglücklichen Mordopfer. Statt Blutflecken, zerplatztem Hirn und starr blickenden Augen fand ich nur ein jämmerliches Stück Kautabak vor.

Ich bemerkte Sir Juffin nicht gleich. Er stand in der hintersten Ecke, und seine schmalen Augen leuchteten im Halbdunkel. Schließlich verließ er seinen Wachtposten und kam mit besorgtem Gesicht zu uns.

»Bis jetzt habe ich zwei schlechte Nachrichten, aber ich fürchte, es werden noch mehr. Die erste: Hier handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Mord, denn mit bloßen Händen kann man niemanden so zurichten. Die zweite: Ich habe keine Spur von verbotener Magie entdeckt. Ich hatte erst den Spiegel im Verdacht, weil er der Leiche so nah hängt. Aber bei seiner Herstellung wurde Schwarze Magie zweiten, höchstens dritten Grades verwendet. Und das ist lange her ... « Nachdenklich drehte Juffin eine kleine Tabakspfeife in Händen, die einen Zeiger besaß, der Aufschluss über die Magie lieferte, mit der sie konfrontiert worden war.

Der Zeiger war auf Zwei hängen geblieben. Zwar zuckte er etwas und wollte auf Drei springen, doch die im Spiegel eingeschlossene Magie reichte für den höheren Grad nicht aus.

»Ich gebe Ihnen einen guten Rat, lieber Nachbar: Gehen Sie sich erholen. Aber sagen Sie Ihren Dienern vorher bitte, dass Max und ich uns hier noch etwas umschauen werden und sie unsere Ermittlungen unterstützen sollen.«

»Sind Sie wirklich sicher, dass ich Ihnen nicht behilflich sein kann?«

»Ja«, seufzte Juffin. »Vielleicht können Ihre Diener uns helfen - Sie bestimmt nicht. Egal was passiert ist - es gibt keinen Grund, Ihre Gesundheit zu gefährden.«

»Vielen Dank«, sagte der Alte, »mir reicht es für heute wirklich.«

Makluk wandte sich erleichtert zur Tür, wo inzwischen ein sehr bunt gekleideter Mann aufgetaucht war, der sein Altersgenosse zu sein schien. Das Gesicht des Fremden hätte zu einem Großinquisitor gepasst. Den Neuankömmling als Diener einzustufen, schien mir unsinnig, aber ich habe die Welt nicht erschaffen und kann keine Plätze anweisen.

»Lieber Gowins«, wandte sich Sir Makluk an den Großinquisitor, der sich damit als sein Haushofmeister erwies. »Seien Sie so nett und unterstützen Sie die beiden Herren in allem. Das ist Sir Juffin Halli, unser Nachbar, und er ...«

»Wie könnte ich den Ehrwürdigen Leiter nicht kennen? Als treuer Leser unserer Zeitungen?«, sagte Gowins und strahlte über das ganze Gesicht.

»Großartig«, meinte Sir Makluk beinahe flüsternd.

»Gowins bringt alles in Ordnung. Er ist in viel besserer Verfassung als ich, obwohl wir im gleichen Jahr zur Welt gekommen sind, damals, in der alten, gesegneten Zeit ...«

Mitten in dieser sentimentalen Erinnerung packten die Träger, die anscheinend einen starken Drang nach Betätigung spürten, Sir Makluk bei den Armen, steckten ihn in die Sänfte und trugen ihn in sein Schlafzimmer.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, unterhalte ich mich später ein paar Minuten mit Ihnen«, sagte Sir Juffin zu Gowins. »Ich hoffe, Sie wissen selbst, dass wir unser Gespräch eigentlich ... in einer Besenkammer führen sollten.« Er schenkte Gowins sein unwiderstehliches Lächeln.

»Ihr treuer Diener erwartet Sie jederzeit im kleinen Wohnzimmer - mit der besten Kamra der Hauptstadt.« Damit verschwand der Alte im Halbdunkel des Korridors.

Wir blieben allein - von dem Toten abgesehen, der uns nichts mehr erzählen konnte.

»Max«, begann Juffin mit deutlich gedämpfter Lebenslust. »Ich habe noch eine schlechte Nachricht: Kein einziger Gegenstand hier will seine Vergangenheit preisgeben. Sie alle sind ... wie soll ich sagen ... Ach, probieren wir es lieber noch mal zusammen! Dann wirst du es besser verstehen.«

Gemeinsam versuchten wir, das Gedächtnis der Dinge anzuzapfen, und konzentrierten uns dabei auf eine kleine, runde Dose mit Handcreme, die wir willkürlich vom Frisiertisch genommen hatten. Nichts! Schlimmer noch: Mir wurde plötzlich unheimlich wie in einem Alptraum, in dem man sich nicht rühren kann, weil SIE sich aus dem Dunkel nähern. Ich war mit den Nerven am Ende, und die Dose glitt mir aus der Hand. Im gleichen Moment ließen auch Juffins Finger locker, und die Handcreme fiel auf den Boden, prallte kurz hoch, rollte dann aber zu unserer Überraschung nicht Richtung Fenster, sondern zum Korridor. An der Türschwelle blieb sie mit einem kläglichen Klirren stehen und sprang noch mal schwach in die Höhe. Wie verzaubert hatten wir uns das Ganze angesehen.

»Sie haben recht, Sir«, brachte ich flüsternd hervor. »Die Dinge schweigen und haben Angst.«

»Ich wüsste nur gern, wovor. Es gibt zwar ähnliche Fälle, doch für die braucht man mindestens Magie hundertsten Grades. Aber hier ...«

»Welchen Grades?«

»Das hast du doch gerade gehört! Gehen wir. Wir müssen noch mit dem Haushofmeister und seinen Dienstboten reden. Hier können wir ohnehin nichts mehr ausrichten.«

Herr Gowins erwartete uns im kleinen Wohnzimmer, das für hiesige Verhältnisse wirklich bescheiden, nämlich etwas kleiner als eine Turnhalle war. Auf einem Tischlein dampften Becher mit Kamra. Juffin taute etwas auf.

»Gowins, ich muss alles über das Haus wissen, wirklich alles. Fakten - Klatsch und Tratsch - Gerüchte. Am besten aus erster Hand.«

»Ich bin hier der älteste Bewohner«, begann der Alte und lächelte schwach. »Was auch immer passiert ist - ich war dabei. Ich kann Ihnen, Ehrwürdiger Leiter, versichern, dass das Zimmer, in dem der Tote liegt, ein ganz gewöhnlicher Raum ist. Dort sind nie Wunder geschehen - weder erlaubte noch unerlaubte. Soweit ich mich erinnern kann, ist es immer ein Schlafzimmer gewesen, das mal bewohnt, mal unbewohnt war. Niemand hat sich je über Gespenster beklagt, und bis auf Sir Makluk-Olli ist dort niemand gestorben.


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Und Sir Olli hat fünf Jahre länger gelebt, als ihm prophezeit war.«

»Woran ist er eigentlich gestorben?«

»Da hat vieles zusammengewirkt. Schon als Kind hatte er ständig gesundheitliche Probleme - ein schwaches Herz, einen empfindlichen Magen, zerrüttete Nerven. Und vor zehn Jahren hat er seinen Funken verloren.«

»Sündige Magister! Im Ernst?«

»Absolut. Er hat trotzdem eine erstaunliche Seelenkraft besessen. Sie wissen vermutlich, dass Leute, die den Funken verloren haben, danach selten länger als noch ein Jahr leben. Man sagte Sir Olli, wenn er das Haus nicht verlasse und faste, habe er noch fünf Jahre vor sich - vorausgesetzt, er finde eine gute Heilerin. Er ist zehn Jahre in seinem Schlafzimmer geblieben und hat gefastet. Außerdem hat er zwölf dumme, aber erfahrene alte Gesundbeterinnen engagiert, die seinen Schatten die ganze Zeit abwechselnd bewacht haben. Damit hat Sir Olli einen Familienrekord aufgestellt. Weil die alten Frauen nur bei sich zu Hause gezaubert haben, ist in seinem Schlafzimmer in all den Jahren nie etwas Besonderes passiert.«

Sir Juffin vergaß nicht, mir per Stummer Rede eine Erklärung zu schicken: »Den Funken zu verlieren bedeutet, sich nicht mehr vor dem Bösen schützen zu können. Ein ganz normales Essen kann für so einen unglücklichen Menschen Gift sein, und ein Schnupfen kann ihn innerhalb weniger Stunden umbringen. Was es damit auf sich hat, dass die heilkundigen Frauen seinen Schatten bewachten, erkläre ich dir später - das ist nämlich etwas komplizierter.«

»Der arme Sir Makluk-Olli hat ein sehr ruhiges Leben geführt«, fuhr Gowins fort. »Nur einmal - vor gut zwei Jahren - ist er unvermittelt aus der Haut gefahren und hat mit der Waschschüssel nach seinem Diener Maddi geworfen, weil das Wasser an jenem Tag etwas heißer war als üblich. Wegen dieses Vorfalls habe ich Maddi eine Prämie gezahlt. Aber auch ohne Geld hätte der Diener keinen Krach geschlagen. Allen hat es wirklich leidgetan, den armen Sir Olli so zu erleben. Andere Diener haben solche Fehler übrigens nicht begangen, und Sir Olli hat danach nie wieder randaliert. Mehr fällt mir dazu eigentlich nicht ein.«

Juffin schaute ihn finster an. »Vor mir brauchst du nichts zu verbergen, mein Alter. Deine Loyalität zu diesem Haus schätze ich sehr. Nur habe ausgerechnet ich Sir Makluk vor anderthalb Jahren geholfen, einen unangenehmen Fall zu klären. Damals hat sich ein junger Mann aus Gazin in diesem Haus die Kehle durchgeschnitten. Also gieß Balsam auf mein müdes Herz und verrate mir, was im Schlafzimmer passiert ist.«

Der alte Diener nickte.

»Wenn du glaubst, Gowins' Aussage werde die Lage klären, irrst du dich«, sagte mir Juffin in Stummer Rede und zwinkerte mir zu. »Er will nur den Anschein erwecken, bei der Aufklärung des Falls mitzuhelfen, versucht in Wirklichkeit aber, uns auf eine falsche Spur zu führen. Das riecht nach Magie aus der Epoche der Alten Orden - egal was der Pfeifenzeiger dazu sagt. Na ja, umso besser, wenn im Leben nicht alles den Erwartungen entspricht.«

Juffin wandte sich an Gowins. »Ich will den Diener sprechen, der den Toten heute gefunden hat. Und ich möchte mit dem reden, der den Mann mit der durchgeschnittenen Kehle entdeckt hat. Außerdem will ich die heilkundigen Frauen sehen, die bei Sir Makluk-Olli Wache gehalten haben. Und lass bitte für alle Anwesenden einen Becher von dieser vortrefflichen Kamra bringen. Und - na ja, auf jeden Fall soll das unglückliche Opfer häuslicher Gewalt erscheinen. Du weißt schon: der, den die Waschschüssel getroffen hat.«

Gowins nickte noch, da tauchte in der Tür schon ein grau gekleideter Mann mittleren Alters auf, der ein Tablett voller Kamra-Becher trug. Das war Herr Maddi - das Opfer des Schüsselwurfs und obendrein der Hauptzeuge des heutigen Verbrechens. Triumph der Ökonomie! Davon können Sie noch was lernen, meine Herrschaften! Eine Person kommt rein, und gleich sind drei von fünf Wünschen erfüllt!

Maddi wurde rot vor Verlegenheit, bewahrte aber Haltung, verneigte sich und meldete kurz und bündig, heute Abend als Erster ins ehemalige Schlafzimmer von Sir Makluk-Olli gekommen zu sein. Zunächst habe er aus dem Fenster geschaut, weil die Sonne gerade glühend untergegangen sei. Dann habe er die Augen gesenkt und entdeckt, was nicht zu übersehen gewesen sei. Er habe sich sofort entschieden, nichts zu berühren. Stattdessen habe er Herrn Gowins gerufen.

»Meinem Kollegen Schuwisch habe ich befohlen, im Korridor zu bleiben. Er ist zu jung, um so etwas zu sehen**, sagte Maddi und zuckte schuldbewusst die Achseln, als fürchtete er, seine Kompetenzen überschritten zu haben.

»Du hast also keinen Lärm gehört?«

»Lärm, Sir? Das Schlafzimmer ist schallisoliert. Sir Olli hatte das so gewollt. Man kann schreien, so laut man will, und stört doch niemanden. Natürlich wird man auch von niemandem gestört.«

»Das ist mir schon klar. Und was für einen Streit hattest du damals mit Sir Olli? Du sollst dabei ja reichlich nass geworden sein.«

»Einen Streit, Ehrwürdiger Leiter? Er war ein kranker Mann, und man konnte ihm nichts recht machen. Er hat mir immer wieder ausführlich erklärt, wie warm sein Wasser sein soll, hatte es sich aber bis zum nächsten Tag anders überlegt. Jedes Mal habe ich getan, wie mir befohlen, doch eines Tages ist er zornig geworden und hat mit der Waschschüssel nach mir geworfen. So kräftig, dass er fast daran gestorben wäre. *< Begeistert schüttelte Maddi den Kopf.

Falls er Basketballtrainer gewesen wäre, dachte ich, hätte er sicher versucht, Sir Olli in seine Mannschaft zu bekommen.

»Die Waschschüssel ist mir mitten im Gesicht gelandet und hat mir die Braue auf geschlitzt. Das hat ziemlich geblutet. Und ich Trottel hab noch versucht, ihr auszuweichen! Mit voller Wucht bin ich mit dem Kopf gegen den Spiegel geschlagen. Zum Glück ist das Ding nicht kaputtgegangen. Gute, alte Wertarbeit! Ich war nass und mein Gesicht blutverschmiert. Auch auf dem Spiegel war Blut. Sir Olli hat im ersten Moment befürchtet, er habe mich umgebracht. Ich habe mir das Blut abgewischt und mich im Spiegel betrachtet. Es war nichts Ernstes - ich hatte nur einen daumendicken Kratzer. Nicht mal eine Narbe ist davon geblieben! Über den Alten wollte ich mich nicht beschweren. Es wäre doch eine Sünde gewesen, ihm all das übelzunehmen. Er hatte keinen Funken mehr und war fast tot. Und ich bin gesund und kann ein wenig leiden.«

»Na gut, mein Freund. Nimm's nicht so schwer - du hast alles richtig gemacht!«

Maddi war entlassen und ging Träume beobachten. Einfache, unschuldige Träume - davon war ich überzeugt. Sir Juffin schaute Gowins fragend an.

»Ich denke, die Frauen tauchen gleich auf«, sagte der Haushofmeister. »Und zwar vollzählig, wie ich hoffe ... Manche von ihnen haben allerdings einen genauso unruhigen Beruf wie wir. Vielleicht möchten Sie bis dahin mit mir vorliebnehmen, da der arme Nattis vor meinen Augen gestorben ist.«

»Das ist ja eine Neuigkeit! Wie ist das passiert?«

»Ich erzähle Ihnen alles der Reihe nach. Der Junge ist mein Schützling gewesen. Wissen Sie, Nattis hat hier nicht als Hausdiener gearbeitet. Ich meine - nicht als üblicher Diener. Vor zwei Jahren hat er seine Heimatstadt Gazin verlassen und ist mit einem Brief seines Großvaters, eines alten Freundes von mir, hierhergekommen. Der Alte hat mir geschrieben, sein Enkel habe keine Eltern mehr und nichts Besonderes gelernt, sondern könne nur, was man in Gazin so könne. Aber er war gescheit - dessen habe ich mich vergewissert. Mein Freund hat mich gebeten, seinen Enkel irgendwo unterzubringen. Sir Makluk hat ihm versprochen, ihm die besten Referenzen zu geben, und versucht, ihm eine gute Stelle bei jemandem zu vermitteln, der am Königshof tätig ist. Das nämlich hätte seine Chancen verbessert, selbst irgendwann an den Hof zu gehen ... Bis dahin habe ich ihm alles Mögliche beigebracht und ihn mehrmals gelobt - glauben Sie mir. Irgendwann haben wir ihm einen Sorgenfreien Tag gegeben. An diesem Tag ist er nicht - wie an seinen übrigen freien Tagen - spazieren gegangen, sondern zu Hause geblieben und hat gar nichts getan, den Tag also wie ein echter Gentleman verbracht.«

Hier konnte ich ein neidisches Seufzen nicht unterdrücken. Gowins deutete es auf seine Art, nickte traurig und fuhr fort: »Wenn jemand es wirklich nach oben schaffen will, muss er nicht nur arbeiten, sondern auch befehlen können. An solchen Tagen ist Nattis aufgestanden, hat nach einem Diener gerufen und sich gewaschen und hergerichtet. Dann hat er sich wie ein Gentleman angezogen, wie ein Gentleman gespeist und Zeitung gelesen. Danach ist er am Rechten Flussufer spazieren gefahren und hat sich auch dort bemüht, wie ein junger Gentleman aus der Hauptstadt zu wirken, nicht wie ein Provinzler aus Gazin. An solchen Tagen durfte er das leere Schlafzimmer von Sir Olli benutzen (der Arme war gerade gestorben, als Nattis seine Lehre bei uns begann). Abends schlief der Junge dann im Sterbezimmer von Sir Olli ein, und wenn er morgens erwachte, rief er nach einem Diener - also nach mir! Dieses ganze Theater war nötig, um mögliche Verstöße gegen seine Gentleman-Rolle zu erkennen und zu vermeiden. An solchen Tagen waren wir unzertrennlich, und das war so notwendig wie angenehm. An seinem Todestag bin ich - wie üblich - gekommen, kaum dass er mich gerufen hat, und habe ihm Wasser zum Waschen gebracht, natürlich nur pro forma, denn das Bad befindet sich neben dem Schlafzimmer. Aber ein zukünftiger Gentleman beginnt seinen Tag stets, indem er sich Gesicht und Hände in einer Schüssel mit warmem Wasser wäscht.«

An dieser Stelle der Erzählung wurde ich traurig. Ein Gentleman würde ich, wie zu vermuten stand, nie werden. Und auch Sir Juffin würde das wohl nicht schaffen. Unterdessen setzte der penible Herr Gowins seine Geschichte fort.

»Nattis hat sich gewaschen und ist dann ins Bad gegangen, um sich zu rasieren. Aber sofort ist dem Armen klar geworden, dass er mal wieder einen Fauxpas begangen hatte. Ich habe ihn wegen dieser Gewohnheit immer heruntergeputzt und gesagt: «Wenn du niemand bist, rasier dich, wo du willst. Wenn du aber ein Gentleman bist, tu es gefälligst vor dem schönsten Spiegel.« Meine Bemerkung ist nicht umsonst gewesen: Der Bursche ist wieder ins Schlafzimmer gekommen und hat nach dem Rasierzeug gefragt. Sehr, sehr leise. So leise, dass ich getan habe, als hätte ich es nicht gehört. Dann hat er die richtige Körperhaltung angenommen und mit den Augen geblitzt, und ich bin schnell mit Rasierzeug und Handtuch zu ihm gekommen. Und dann ... Wie es hat passieren können, weiß ich nicht. Dass ein junger, gesunder Mann sich die Kehle einfach mit dem Rasiermesser durchtrennt! Ich war ein paar Schritte entfernt stehen geblieben, wie es sich gehört, und alles ging so schnell, dass ich nichts unternehmen konnte. Ich habe wohl nicht gleich begriffen, was da geschah ... Was dann passiert ist, wissen Sie so gut wie ich, wenn Sie sich schon mit diesem Fall beschäftigt haben.«

»Du bist ein hervorragender Erzähler, Gowins«, nickte Juffin zustimmend. »Ich habe deine Geschichte mit größtem Vergnügen gehört. Damals hatte ich leider viel zu tun, und meine Zeit reichte nur dafür, die Akten über Nattis' Selbstmord aus der Behörde des Generals Bubuta Boch zu holen, dessen Mitarbeiter durch ihre Ermittlungen hier so gestört haben. Besonders dich, wie ich gerade merke. Leider hatte ich bisher keine Zeit, all das zu untersuchen ...«

Die Tür öffnete sich, und eine frische Portion Kamra wurde gebracht. Gowins räusperte sich und ergriff wieder das Wort.

»Mehr kann ich dazu nicht sagen. Natürlich hat Sir Makluk über die hiesigen Ereignisse im Polizeirevier an der Brücke Auskunft gegeben. Der Fall war unproblematisch. Darum hat man alles an die Ordnungshüter von General Boch weitergeleitet, die das ganze Haus auf den Kopf gestellt haben.«

»Weißt du vielleicht, Gowins, ob die Polizisten das Zimmer auf den Grad der vorhandenen Magie untersucht haben?«

»Daran haben sie nicht gedacht. Sie haben den Fall schnell für gelöst erklärt: Der Bursche soll betrunken gewesen sein. Als sich aber herausstellte, dass Nattis in seinem kurzen Leben nie betrunken war, haben die Ermittler rasch eine zweite Erklärung aus dem Hut gezaubert: Ich sollte den Jungen umgebracht haben! Dann sind sie einfach verschwunden. Wie ich inzwischen begreife, Ehrwürdiger Leiter, habe ich das Ihnen zu verdanken.«

»Das ist typisch für General Bubutas Leute«, meinte Juffin und fasste sich an den Kopf. »Sündige Magister!«

Dazu schwieg unser Gesprächspartner diskret.

In diesem Moment trafen drei der Heilerinnen ein. Wie wir erfuhren, hatten sechs weitere Bereitschaftsdienst. Zwei Heilerinnen waren nicht aufzutreiben gewesen, und die letzte weigerte sich partout, wie der Bote erzählte, ins »schwarze Haus« zu kommen.

Die Arme hat einen Vogel, dachte ich ein wenig herablassend.

Juffin überlegte kurz, befahl dann alle drei Frauen auf einmal herein und gab mir per Stummer Rede dafür eine Erklärung. »Wenn man Frauen vernehmen muss, lässt man sie am besten zusammen. Jede versucht dann, die anderen zu überbieten, und sagt sicher mehr, als sie eigentlich wollte. Das einzige Problem ist, bei dem Lärm nicht verrückt zu werden.«

Also kamen die Ladys herein und nahmen Platz. Die Älteste hieß Mallis, die zwei anderen, die auch nicht viel jünger waren, Tisa und Retani. Dazu kam noch ich gerannt. Ich war zum ersten Mal in Gesellschaft hiesiger Frauen, wobei die Jüngste nach meinem Eindruck gerade den 300. Geburtstag hinter sich hatte.

Juffins Verhalten verdient eine kurze Beschreibung.

Zuerst setzte er seine finsterste Miene auf, griff sich dann pathetisch an die Braue und übersteigerte die in Echo übliche Begrüßungsformel ins Exaltierte. Danach aber bekam seine Stimme eine Innigkeit, die eher für eine Dichterlesung als für ein Verhör taugte. Auch änderte er die Wortfolge seiner Sätze ins Bizarre, als wollte er in freien Rhythmen sprechen. Natürlich soll man mit Heilerinnen förmlich und aufmerksam umgehen, wie man das in meinem Herkunftsland im Gespräch mit Professoren tut. Aber für mein Empfinden übertrieb der Ehrwürdige Leiter sein Pathos ein wenig und schoss reichlich übers Ziel hinaus. Allerdings schien meine Meinung keine der anwesenden Personen zu interessieren. Also schwieg ich und senkte bescheiden die Augen. Beinahe wären sie in meine Tasse Kamra gefallen - in das Gesöff also, mit dem ich mich an diesem Abend fast vergiftet hätte. Aber auch hier gilt das Sprichwort: Umsonst schmeckt sogar Essig süß!

»Werteste Ladys, verzeihen Sie mir - einem unruhigen Geist - die Störung«, begann Juffin orgelnd. »Aber ohne Ihre klugen Worte bleibt mein Leben sinnlos. Ich habe gehört, dass ein Bewohner dieses Hauses, der seinen Funken ein für alle Mal verloren hatte, dank Ihrer wundersamen Kräfte sein Leben um einige Zeit hat verlängern können.«

»Sie meinen bestimmt Olli von den jüngeren Makluks«, meldete sich Lady Tisa verständnisvoll zu Wort.

Von den jüngeren Makluks?! Ich dachte, die alte Dame habe etwas durcheinandergebracht, aber Juffin nickte zustimmend. Gewiss hatte sie sogar noch den Urgroßvater von Sir Olli gekannt. Später erfuhr ich, dass die Frauen bei weitem älter waren, als ich es mir vorgestellt hatte. Doch nach dem Ruhestand sehnten sie sich nicht. Hier in Echo, wo ein durchschnittliches Leben dreihundert Jahre dauert, ist eine deutlich längere Existenz Ausdruck starker persönlicher Macht. Und für Heilerinnen - für sehr mächtige Frauen mithin! - sind fünfhundert Jahre kein hohes Alter.

»Olli ist sehr stark gewesen«, meldete sich Lady Mallis zu Wort. »Und wenn Sie bedenken, dass die zwölf ältesten Ladys von Echo seinen Schatten bewacht haben, könnten Sie sich darüber wundern, dass er nur noch so kurz gelebt hat, nur noch so sehr kurz. Wir hatten schon gedacht, sein Funken kehre zurück. Früher waren solche Fälle keine Seltenheit, obwohl die Jugend nicht mehr daran glaubt. Er hatte die Chance, seinen Funken zurückzuergattern!«

»Von so einem Fall habe ich noch nie gehört, Lady«, meinte Juffin sichtlich interessiert. Später gab er mir gegenüber zu, gelogen zu haben, um das Gespräch zu beleben. »Ich dachte immer, der Arme habe erstaunlich lange gelebt. Wie sich nun herausstellt, ist er viel zu früh gestorben!«

»Niemand stirbt zu früh. Jemand wie du, Ankömmling aus Kettari, sollte das wissen, denn du schaust ja manchmal in die Dunkelheit. Am Tod des jüngeren Olli tragen wir keine Schuld.«

»Das behaupte ich doch auch nicht, Lady!«

»Das machst du doch, Schlaukopf, und verkehrt ist das nicht. Aber eins sag ich dir: Wir wissen nicht, warum der jüngere Makluk-Olli gestorben ist. Obwohl wir es wissen sollten ...«

»Braba weiß es, will aber nicht darüber reden«, unterbrach Lady Tisa ihre Kollegin. »Deshalb ist sie nicht gekommen. Und sie wird auch nicht kommen. Aber das ist auch nicht notwendig. Retani hat sie einen Tag nach dem Tod des jüngeren Makluk-Olli besucht. Erzähl doch mal davon, Retani. Wir haben dich ja nie danach gefragt, weil wir eigene Probleme haben. Aber diesen Mann aus Kettari interessiert offenbar nur eins: Er will wissen, warum Braba Angst hat zu kommen. Und solange er das nicht erfährt, lässt er uns nicht in Ruhe.«

Es wurde still. Galant verbeugte sich Juffin Halli vor Lady Tisa. »Sie haben meine Gedanken gelesen, Gnädigste!«

Die alte Frau lächelte ihn kokett an und zwinkerte ihm zu. Nach dieser galanten Episode richteten sich aller Augen auf Lady Retani.

»Braba weiß es zwar nicht, doch sie fürchtet sich sehr«, begann sie. »Seit dem Tod von Sir Olli kann sie nicht mehr arbeiten und ist ängstlich wie ein kleines Mädchen. Sie sagt immer wieder, jemand habe den Schatten des jüngeren Makluk-Olli und fast auch ihren eigenen Schatten entführt. Wir alle sind überzeugt, dass Ollis Schatten von allein gegangen ist. Keine Ahnung, warum. Er ist so rasch verschwunden wie eine Frau, die nicht mehr liebt. Aber Braba beharrt darauf, sein Schatten sei entführt worden. Von jemandem, den sie nicht habe erkennen können. Sie war so verängstigt, dass wir beschlossen haben, sie nicht mehr danach zu fragen. Warum auch? Den Schatten kann man ohnehin nicht zurückholen. Warum sollen wir uns obendrein vor fremder Angst ängstigen?« Plötzlich schwieg Lady Retani, und wie es aussah, würde sich daran bis zum nächsten Jahr nichts ändern.

Die Heilerinnen tranken in aller Stille Kamra und knabberten leise an ihrem Gebäck. Sir Juffin versank in Gedanken. Der Diener Gowins schwieg bedeutsam. Ich genoss den Anblick der Gruppe. Plötzlich wurde die Luft im Zimmer so dick, dass ich kaum mehr atmen konnte. Etwas Widerliches war unversehens hereingekommen, hatte aber nur mich gestreift. Ein kleines Klümpchen Angst war mir beim Einatmen in die Lunge geraten, rückte mir mit dem Schatten einer Vermutung zu Leibe und verschwand gleich wieder, wie ich erleichtert bemerkte. Bestimmt war das die fremde Angst gewesen, von der die alte Lady gesprochen hatte. Dieses merkwürdige Ereignis wirkte auf mich - wie so oft - als ungreifbarer Stimmungsdämpfer. Und ich kam nicht auf die Idee, Sir Juffin davon zu erzählen.

Später begriff ich, dass man solche Ereignisse nicht verheimlichen sollte. Seltsame seelische Erlebnisse machten einen wichtigen Teil meines künftigen Berufs aus. Die Mitarbeiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps sind verpflichtet, ihrem Chef jede beunruhigende Vorahnung, jeden nächtlichen Alptraum, jedes überraschende Herzklopfen und jede andere ungewöhnliche seelische Schwäche ausführlich zu berichten. Seine Situation analysiert und deutet dann jeder Mitarbeiter für sich. Ich hingegen versuchte, das Klümpchen fremder Angst zu vergessen. Und meine Bemühungen waren schnell erfolgreich.

»Ich weiß, wie die Schatten Weggehen«, meldete sich Sir Juffin endlich zu Wort. »Kluge Ladys, erklären Sie mir bitte, warum nur Braba gespürt hat, dass etwas nicht in Ordnung war.«

»Gespürt haben wir es alle«, lächelte Lady Mallis. »Aber mehr auch nicht. Keine von uns wusste, worum es sich handelte. Das war für uns zu schwierig. Für dich ja auch, obwohl du öfter als wir in die Finsternis schaust. Und dein Laufjunge kann dir auch nicht helfen!« Ich merkte entsetzt, dass mich alle Frauen aufmerksam ansahen.

»Dieses Geheimnis, Sir, sollte man auf sich beruhen lassen«, sagte Lady Tisa. »Es ist sinnlos, über etwas zu sprechen, das man nicht kennt. Nur weil wir in Gesellschaft zweier Gentlemen sind, die oft in die Finsternis schauen, haben wir uns entschieden, alles zu sagen, obwohl das nichts bringt. Und jetzt gehen wir.«

Graziös wie junge Kätzchen verschwanden die drei alten Damen durch die Tür.

»Juffin?«, fragte ich beunruhigt, bediente mich dabei aber Stummer Rede. »Wen meinen die drei mit den Gentlemen, die in die Finsternis schauen? Worum geht es da?«

»Lass diesen Unsinn auf sich beruhen. So denken die Ladys nun mal über uns. Von Unsichtbarer Magie wissen sie nur wenig. Darum bezeichnen sie alles als Finsternis. Das ist einfacher für sie. Was sie gesagt haben, hat kaum Bedeutung. Diese Damen sind gut in der Praxis und schlecht in der Theorie.«

Sir Juffin stand auf. »Gowins, wir gehen, denn wir müssen uns einiges durch den Kopf gehen lassen. Sag deinem Herrn, er braucht niemanden zum Haus an der Brücke zu schicken. Ich kümmere mich um alles. Morgen sende ich dir die Erlaubnis, deinen Herrn zu beschützen. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich die Ordnung rasch wiederherstellen kann. Schließlich handelt es sich nicht um ein einfaches bürokratisches Problem. Hier braucht man Geduld. Außerdem habe ich in den nächsten Tagen viel zu tun. Achte darauf, dass niemand das verdammte Schlafzimmer betritt. Niemand! Wenn ich längere Zeit nicht vorbeisehe, soll Sir Makluk sich nicht aufregen. Ich vergesse den Fall schon nicht, auch wenn ich es liebend gern täte. Aber falls...

»Ja, Sir? Falls wieder etwas passiert ...?«

»Solange sich niemand im Schlafzimmer aufhält, kann nichts mehr passieren. Achte streng darauf, lieber Gowins!«

»Sie können sich auf mich verlassen, Ehrwürdiger Leiter.«

»Gut. Max, lebst du noch? Oder hast du dich in einen Krug Kamra verwandelt? Dieses Getränk hat ja, wie du inzwischen weißt, spezielle Eigenschaften.«

»Sir Juffin, darf ich noch mal kurz ins Schlafzimmer?«

Halli hob erstaunt die Brauen. »Natürlich. Am besten, wir gehen zusammen.«

Wir traten in das halbdunkle Zimmer. Es war ganz still. Der Zeiger an Juffins Pfeife zuckte wild zwischen Zwei und Drei. Aber darum wollte ich nicht hierher. Kaum hatte ich begonnen, mich umzusehen, hatte ich die kleine Dose Handcreme schon gefunden, die wir zu Beginn des Abends erfolglos bearbeitet hatten. Sie hatte die ganze Zeit an der Türschwelle gelegen. Ich nahm sie und schob sie in die - gelobt sei die hiesige Mode! - geräumige Tasche meines Lochimantels. Schuldbewusst sah ich Juffin an, doch der kicherte nur. Na schön - mir macht das nichts aus, und er hat ein wenig Unterhaltung verdient.

»Wozu brauchst du das Ding, Max?*«, fragte Juffin, als wir durch den Garten zu seinem Haus zurückgingen. »Sammelst du Hausrat, weil du demnächst umziehst? Oder warum hast du unseren Nachbarn bestohlen?«

»Sie haben doch auch gesehen, wie verängstigt die Dose ist. Ich kann sie dort nicht allein lassen.«

»Die kleine Dose?! Einen simplen Gegenstand?«

»Ja. Ich hab ihre Angst gespürt und gesehen, wie sie wegrollen wollte. Wenn Dinge sich an ihre Vergangenheit erinnern können, bedeutet das doch, dass sie wissen, was ihnen widerfahren ist. Die Dinge führen also ein unbegreifliches Eigenleben, stimmt's? Was macht es dann für einen Unterschied, wen man retten soll: eine Dose oder eine hübsche Frau?«

»Das ist natürlich Geschmackssache«, lachte Juffin. »Du hast wirklich eine lebhafte Einbildungskraft, Junge. Wahnsinn! Ich lebe schon so lange und habe noch nie an der Rettung einer Dose teilgenommen.«

Bis zur Haustür verspottete er mich und wurde dann ernst.

»Aber an sich, Max, bist du ein Genie. Wirklich! Was das unbegreifliche Leben von Dosen angeht, habe ich keine Ahnung, aber einen Gegenstand aus der Angstzone zu entfernen und mitzunehmen - sündige Magister! Du hast recht, Max, bei uns zu Hause kann sie sehr gut reden. Nicht gleich natürlich, aber irgendwann. Deine kleine Dose erinnert sich an etwas, du Schlawiner. Die alte Heilerin wird deinen Mantel fressen, wenn wir das Geheimnis knacken. Und das schaffen wir. Schließlich habe ich schon ganz andere Nüsse geknackt!«

Die Gunst des Moments nutzend, fragte ich: »Was meinten die Frauen eigentlich mit der Finsternis, in die ich angeblich schaue? Mir ist nicht recht wohl nach alledem.«

»Das ist normal«, sagte Juffin schroff. »Erinnerst du dich, wie du hierhergekommen bist?«

»Ja. Aber ich versuche, nicht darüber nachzudenken.«

»Richtig so. Für so einfache Dinge hast du immer noch Zeit. Es kann jedem passieren, aus einer Welt in eine andere zu gehen, und zwar lebendig und bei vollem Verstand. Wir zwei gehören zu denen, die sogar noch mehr erleben können. Und die alten Frauen beschäftigen sich mit Magie - aber nicht wie die hiesige Bevölkerung (nämlich einmal im Jahr in der Küche), sondern ernsthaft und seit langer Zeit. Man kann sogar sagen, sie tun nichts anderes. Und die Erfahrung zeigt ihnen, dass mit uns beiden etwas nicht stimmt. Dieses Etwas nennen sie Finsternis. Kapiert?«

»Nicht ganz«, gab ich ehrlich zu.

»Also gut - versuchen wir's anders. Vorhin hast du gesagt, du erlebst oft grundlose Stimmungswechsel. Du gehst auf die Straße, bist in Eile und bekommst plötzlich keine Luft mehr, weil dich ein grenzenloses Glücksgefühl überkommt ... Oder es läuft alles prima: Du bist jung; neben dir liegt eine wunderbare Frau,- du bist geradezu kindisch glücklich - und plötzlich wird dir bewusst, dass du im Leeren hängst; eisige Wehmut beklemmt dein Herz, als seist du gestorben. Dabei hast du nie gelebt ... Oder du betrachtest dich eines Tages im Spiegel, erkennst dein Gegenüber nicht mehr und weißt nicht, warum es da ist; dann schwillt dein Spiegelbild immer weiter an, bis es platzt, und du schaust ratlos in den leeren Rahmen ... Du brauchst mir nichts zu erzählen - ich weiß, dass dir so was ab und an passiert. Genau wie mir, Max. Ich hatte nur Zeit, mich daran zu gewöhnen. Solche Dinge geschehen, weil sich uns etwas Unbegreifliches nähert. Niemand weiß, woher es kommt, und niemand weiß, was geschieht, wenn es einen am Ärmel berührt. Im Allgemeinen haben wir beide Talent für unser merkwürdiges Handwerk, das außer uns niemand versteht. Und ehrlich gesagt, kann ich dir jetzt nicht mehr erklären. Weißt du, über solche Sachen darf man nicht laut reden. Weil sie gefährlich sind, müssen sie geheim bleiben. Es gibt in Echo einen Menschen, der mehr darüber weiß als wir zwei. Irgendwann wirst du ihn kennenlernen, aber bis dahin schweige. In Ordnung?«

»Mit wem kann ich mich hier - abgesehen von Ihnen - überhaupt noch unterhalten? Mit Chuf?«

»Mit Chuf! Und dein Abenteuerleben beginnt ja bald.«

»Damit drohen Sie mir ständig.«

»Hast du heute Abend etwa zu wenig erlebt? Ich würde dich gern schneller bei mir im Haus an der Brücke einsetzen, aber in Echo braucht alles seine Zeit. Einen Tag nach unserem Ausflug ins Fressfass hab ich dein Ernennungsgesuch an den Hof weitergeleitet. In meiner Behörde wird alles schnellstens erledigt - in einem Monat dürfte alles geregelt sein.«

»Das soll schnell sein?«

»Ja. Und gewöhne dich daran.«

Wir waren in Juffins Haus getreten. Er verschwand in sein Schlafzimmer, und ich blieb allein. Höchste Zeit, über die Finsternis nachzudenken, in die ich angeblich schaute. Die alten Damen hatten mir wirklich einen Schreck eingejagt! Und dann noch Juffin mit seinem Vortrag über die geheime Ursache meiner Stimmungswechsel. Brrr!

In meinem Zimmer nahm ich die von mir gerettete Dose aus der Manteltasche. Meine Süße, bleib einige Zeit liegen und beruhige dich etwas. Opa Max ist ein guter Mensch, obwohl er fast nichts besitzt. Er schützt dich vor jedem Überfall, aber jetzt schaut er noch ein bisschen in die Finsternis ...

In die Blüte meiner neuen Phobie kam ein flauschiges Kügelchen aus der Finsternis gesprungen: »Max, lass das!«

Mein kleiner Freund Chuf wedelte mit dem Schwänzchen und brachte damit die teuflische Dunkelheit zum Verschwinden. Ich beruhigte mich, löschte das paranoide Murmeln der betagten Grazien aus dem Gedächtnis und ging mit Chuf ins Wohnzimmer, um zu Abend zu essen und die Tageszeitungen zu lesen.

Bis zum Morgen konnte ich nicht einschlafen, sondern wartete auf Juffin, um die Ereignisse des Abends bei einem Becher Kamra zu besprechen. Ich hatte die Vorstellung, Sir Juffin zerbräche sich von morgens bis abends über den geheimnisvollen Mord den Kopf. Wie der gute alte Sherlock Holmes oder der kaum weniger alte und ebenso gute Kommissar Maigret würde Juffin - dachte ich - stundenlang Pfeife schmauchen und dann zum Tatort schlendern, um nach einer schlaflosen Nacht das Geheimnis der entlaufenen Leiche - nicht ohne meine bescheidene Hilfe - zu lüften. Und danach würden alle vor Freude tanzen.

Doch mich erwartete eine große Enttäuschung. Das morgendliche Treffen mit ihm dauerte nur zwölf Minuten, und die ganze Zeit verschwendete Sir Juffin mit Spekulationen darüber, ob und wie ich die nächsten drei Tage ohne ihn auskommen könnte. Wie sich herausstellte, stand sein jährlicher Besuch bei Hofe an, und der König ließ seinen charmanten Vasallen in aller Regel nicht so schnell wieder laufen. Nach Sir Juffins Erfahrungswerten würde seine Quasi-Gefangenschaft drei bis vier Tage dauern. Danach würde sich im Volk Unmut rühren, der den Monarchen zwänge, seine Beute widerwillig in die Welt zurückkehren zu lassen.


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Ich verstehe Seine Majestät: Detektivgeschichten gibt es im Vereinigten Königreich ja nicht, und die trockenen Berichte der Höflinge können das farbenprächtige Schwadronieren von Sir Juffin Halli nicht ersetzen.

Meine Einsamkeit nutzte ich nicht übel. Ich ging oft und lange spazieren, beobachtete Passanten und prägte mir Straßennamen ein. Und ich erkundigte mich nach dem Mietpreis leer stehender Gebäude. Äußerst kritisch wählte ich mein zukünftiges Zuhause aus, das in der Nähe der Straße der Kupferkessel sein sollte, an deren Ende das Haus an der Brücke steht, in dem sich das Polizeirevier und die Dienststelle von Sir Juffin befinden. Nachts machte ich meine Hausaufgaben und befragte etliche Gegenstände nach ihrer Vergangenheit. Es war angenehm zu merken, dass ich all das auch ohne Hilfe von Sir Juffin konnte. Die Dinge teilten mir ihre Erinnerungen gern mit. Nur die kleine Cremedose aus dem Schlafzimmer von Sir Makluk-Olli schwieg beharrlich wie ein Partisan. Anfälle unkontrollierter Angst waren bei ihr aber inzwischen nicht mehr zu beobachten. Immerhin etwas!

Am späten Abend des vierten Tages kehrte Sir Juffin Halli mit königlichen Geschenken und brandneuen Nachrichten zurück, die mir anfangs sehr abstrakt schienen. Er schob alle dienstlichen Angelegenheiten, die in seiner Abwesenheit aufgelaufen waren, beiseite. Mit dem geheimnisvollen Mord im leeren Schlafzimmer beschäftigten wir uns weder am ersten noch am zweiten Abend.

Mein Leben verlief endlich wieder in seiner alten, angenehmen Bahn. Juffin kam früh nach Hause, und wir nahmen unsere langen Gespräche und Nachtseminare wieder auf. Seit dem ungeklärten Mord im Haus von Sir Makluk waren schon zwei Wochen vergangen (jedenfalls nach meiner Rechnung; in Echo teilt man das Jahr nicht in Wochen und Monate, sondern in Tagesdutzende ein).

Nach hiesiger Zeitrechnung war seit unserem nächtlichen Besuch im Nachbarhaus schon über ein Dutzend Tage vergangen. Das ist eine lange Zeit, um meine Neugier aufrechtzuerhalten. Sie entzündet sich schnell und erlischt genauso rasch, wenn sie nicht gefüttert wird.

Hätte die von mir gerettete Dose doch früher gesprochen - ehe ich mich redseligeren Dingen zugewandt und sie darüber vergessen hatte! Obendrein hatte Sir Juffin begonnen, mir Tricks beizubringen. Wer weiß, wie alltäglich, akademisch und langweilig diese ganze Sache ohne meinen Leichtsinn geendet hätte.

Wie dem auch sei: Der erste Vorbote des sich zügig nähernden Unheils überraschte mich am frühen Abend eines wunderschönen Tages. Gerade riskierte ich zum zweiten Mal einen Blick in die Meisterwerke der alten Dichtung Ugulands, einen schweren Band, den ich aus der düsteren Bibliothek in den Garten mitgenommen hatte. Mühsam kletterte ich mit dem Folianten auf einen Ast des weit verzweigten Wachari, einer Baumsorte, die sich besonders für Männer mittleren Alters, die unter Anwandlungen von Kindlichkeit leiden, zum Klettern eignet.

Von meinem Beobachtungspunkt sah ich einen grau gekleideten Mann, der von Sir Makluks Residenz langsam zu uns kam. Ich erinnerte mich der Ereignisse beim letzten Besuch dort und hielt es für besser, ins Haus zu gehen. Sir Juffin war noch nicht da, und ich beschloss, mir die Nachrichten des Boten anzuhören. Für meinen Geschmack kletterte ich zu langsam runter, erreichte die Haustür aber, ehe Sir Makluks Diener den mit bunten, durchsichtigen Kieseln ausgelegten Pfad betreten hatte, der zum Haus führte.

In der Diele stieß ich auf Kimpa. Er wollte zur Tür eilen, doch ich kam ihm zuvor, öffnete dem Boten und sagte: »Sir Juffin ist nicht da. Sprich also mit mir!«

Sir Makluks Bote geriet in Verlegenheit. Ob es daran lag, dass ich meinen für hauptstädtische Ohren unangenehmen Akzent noch immer nicht losgeworden war?

Mein stutzerhaftes Aussehen und mein entschiedener Ton jedenfalls - vielleicht auch das Eingreifen Kimpas, den ich nicht bemerkt hatte - taten die erwünschte Wirkung.

»Sir Makluk bittet, dem Ehrwürdigen Leiter das Verschwinden des alten Dieners Gowins mitzuteilen. Seit heute Morgen hat ihn niemand gesehen. Das ist seit neunzehn Jahren nicht mehr vorgekommen! Außerdem lässt Sir Makluk ausrichten, dass ihn merkwürdige Vorahnungen plagen.«

Mit wichtigtuerischem Kopfnicken entließ ich den Boten. Zweifellos sollte ich Juffin per Stummer Rede rufen. Dafür aber fehlte mir die Erfahrung. Es ist leicht, dieses Kommunikationsmittel anzuwenden, wenn der Gesprächspartner einem gegenübersitzt. Jetzt aber sollte ich ihn Gott weiß wo ausfindig machen und eine telepathische Verbindung hersteilen. Sir Juffin hatte mir mehrmals einzureden versucht, es gebe da eigentlich keinen Unterschied - wenn es einmal geklappt habe, klappe es beim zweiten Mal wie am Schnürchen. Was das betraf, hatte ich allerdings meine eigene Meinung. Vielleicht mangelte es mir ja an Fantasie oder Erfahrung.

Ich hätte Kimpa natürlich um Hilfe bitten können. Dem stand nichts entgegen, weder eine besondere Geheimhaltung noch mein übersteigerter Ehrgeiz (welcher Ehrgeiz denn?). Erneut muss ich gestehen, einfach nicht auf die Idee gekommen zu sein, mich an ihn zu wenden. Und Kimpa - stets korrektester Diener - traute sich nicht zu intervenieren.

Also begann ich auf eigene Faust, Kontakt mit Juffin zu suchen. Nach drei Minuten war ich verschwitzt, fahrig und der Verzweiflung nahe. Nichts klappte! Ich stand mit dem Rücken zur Wand und war sicher, zu nichts zu taugen!

Ich ließ alle Hoffnung fahren und probierte es ein letztes Mal ... und plötzlich funktionierte es! Ich erreichte Juffin mit meinem »Stummen Schrei«, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie.

»Was gibt's, Max?«, fragte er, und ich erzählte ihm alles.

»In Ordnung. Ich komme. Warte auf mich«, antwortete er knapp. Er wollte eindeutig meine Kräfte schonen.

Ich atmete tief ein und ging mich umziehen. Schon lange hatte ich nicht mehr so geschwitzt! Kimpa betrachtete mich mit herablassender Neugier und enthielt sich taktvoll jeglichen Kommentars. Ein Heiliger.

Ehe Juffin kam, war ich hergerichtet, doch unseren Hauptzeugen - die kleine Cremedose - erwähnte ich nicht. Ich hätte das Gespräch später bestimmt darauf gebracht, aber Juffin kam nicht allein, sondern in Begleitung von Sir Melifaro, seinem Stellvertreter. Glauben Sie mir: Ihn kennen zu lernen, gleicht dem Erleben eines Erdbebens der Stärke fünf bis sechs. Sir Melifaro ist nicht nur das Tagesantlitz des Ehrwürdigen Leiters des Kleinen Geheimen Suchtrupps, sondern eine wahre Wanderausstellung. Den Burschen sollte man für Geld vorführen. Alle zwölf Tage würde auch ich eine Eintrittskarte kaufen, wenn ich das Vergnügen nicht täglich gratis bekäme - als Bonus für geleistete Dienste.

An diesem Tag wusste ich noch nicht, was mich erwartete.

Ins Wohnzimmer fiel ein dunkelhaariger Schönling ein, der auf den ersten Blick mein Altersgenosse war. Solche Typen hat man im Hollywood der Nachkriegszeit geschätzt und für die Rolle des ehrlichen Boxers oder des Privatdetektivs gebucht. Die Kleidung des Unbekannten wirkte auf mich stärker als sein Gesicht. Unterm bunten Mantel sah eine smaragdgrüne Skaba hervor, und auf dem Kopf trug er einen orangefarbenen Turban. Dazu hatte er grellgelbe Stiefel an. Dürfte dieser Modenarr sich täglich hundert Kleidungsstücke aussuchen, würde er - da bin ich mir sicher - stets nur zu den grellsten Farben und Nuancen greifen.

Der Angekommene funkelte mich aus dunklen Augen an und zog die Brauen so hoch, dass sie unter seinem Turban verschwanden. Theatralisch bedeckte er das Gesicht mit den Händen und rief: »Du bist es wirklich, mein prächtiger Barbar, und ich fürchte, dein Blick wird mich von nun an in Alpträumen verfolgen!« Danach drehte er sich auf dem flauschigen Teppich wie auf einer Eisfläche um die eigene Achse und plumpste in einen Sessel, der bei dieser Behandlung aufstöhnte und erstarrte, als würde er sterben. Es schien, als hörte der Ankömmling auf zu atmen. Jedenfalls heftete er seinen durchdringend prüfenden Blick, der plötzlich ernst und seltsam leer wurde, auf mich, was zu der gerade abgezogenen Nummer gar nicht passte.

Ich begriff, dass ich ihn jetzt begrüßen sollte, und bedeckte die Augen - wie es sich eigentlich gehörte - mit der Hand, konnte aber nur ein »Na!« herausbringen.

Melifaro lächelte und zwinkerte mir unerwartet zu. Er tat übrigens alles unerwartet.

»Aber Max! Zukünftige Nachtseite unseres Ehrwürdigen Leiters! Nimm das nicht so ernst - schließlich arbeite ich schon seit sechzehn Jahren als seine Tagseite. Der Mensch gewöhnt sich an alles, weißt du.«

»Es fehlt nur noch wenig, dann hat unsere Abteilung bei Max jedes Ansehen verloren!«, mischte sich Juffin ein. »Meine Bemühungen laufen ins Leere! Er wird denken, ich sei nur der Leiter eines Asyls für Verrückte, und zurück in seine Leeren Länder fliehen, weil er die Vorzüge eines Lebens in sauberer Luft zu schätzen weißlich winkte beschwichtigend ab.

»Was gibt es eigentlich für Neuigkeiten?«, fragte Juffin nun gespannt.

»Haben Sie zu wenig Informationen, Sir?«, rief Melifaro. »Soll Ihnen etwa jemand sagen, wo der Verschwundene sich aufhält, was mit ihm passieren wird und wer an allem schuld ist? Im Haus von Sir Makluk hat sich keiner bemüht, den Täter zu fassen, und wir müssen nun die Kastanien aus dem Feuer...

»Melifaro!«, unterbrach Juffin. »Sir Max weiß noch nicht, dass du der Klügste, Unwiderstehlichste und Herrlichste von allen bist. Er kann sein Glück kaum fassen, an der Quelle der Macht des Vereinigten Königreichs zu sein.« Nach diesen Worten machte er eine kurze Pause und setzte seltsam sanft hinzu: »Und jetzt wird gearbeitet.«

Schnaubend nahm Melifaro das zur Kenntnis.

»Max, du kommst mit, damit unser Grüppchen nach was aussieht. Gestern habe ich Sir Lonely-Lokley und seine großen Hände für fünf Sorgenfreie Tage beurlaubt. Klugerweise hat er sich gleich heute Morgen davongemacht. Lady Melamori hat ebenfalls dienstfrei, weil ihr einflussreicher Vater sich nach ihr gesehnt hat. Und Sir Kofa Joch bewacht unsere nette Anstalt an der Brücke, statt in irgendeinem Betrunkenen Skelett zu tafeln, der Arme. Wir aber sollten etwas essen, damit uns Sir Melifaro nicht vom Fleisch fällt. Wie ich dich kenne, Max, hast du bestimmt auch Appetit.«

Wir aßen reichlich, aber in Eile. Es schien, als wäre Sir Melifaro auf einen Eintrag ins Buch der Rekorde scharf und hoffte, seinen Namen unter denen zu sehen, die riesige Mengen an Lebensmitteln vertilgten. Dabei schaffte er es obendrein, mich zu fragen, ob es nicht schwierig sei, ohne gedörrtes Pferdefleisch auszukommen, und erkundigte sich bei Sir Juffin, ob er ein mit dem marinierten Fleisch eines rebellischen Magisters belegtes Brot bekommen könne. Diesen Witz verstand ich erst später, als Sir Kofa Joch mir einen Überblick über die zählebigsten Legenden der Stadt gegeben hatte.

Schweigend gingen wir zu Sir Makluks Haus hinüber. Sir Juffin war in Gedanken vertieft, Melifaro pfiff ein Lied, und ich erwartete mein erstes Abenteuer. Ich sage gleich vorweg, dass es aufregender wurde, als ich es mir erhofft hatte.

Ein in tadelloses Grau gekleideter Mann ließ uns durch die kleine Seitentür ein. Ich fühlte mich plötzlich unwohl - mir war nicht übel, doch ich war traurig, und die ganze Situation erschien mir widerlich. Etwas Ähnliches hatte ich schon früher gespürt, in den seltenen Fällen nämlich, da ich meine Großmutter hatte besuchen müssen. Im Krankenhaus hatte es eine eigene Abteilung für Sterbende gegeben - ein wirklich nettes Plätzchen ...

Juffin warf mir einen interessierten Blick zu. »Max, spürst du das auch?«

Ich war so verwirrt, dass ich laut fragte: »Was ist das?«

Melifaro drehte sich erstaunt um, sagte aber nichts.

Juffin bevorzugte Stumme Rede. »Der Duft des Schlechten Todes. Er ist mir schon früher begegnet. Das alles ist sehr unerfreulich«, meinte er, zuckte die Achseln und setzte laut hinzu: »Gehen wir ins Schlafzimmer. Mein Herz spürt, dass der alte Gowins ungeduldig geworden ist und es am Morgen betreten hat, um Ordnung zu machen. Melifaro, du übernimmst die Rolle von Lonely-Lokley.«

»Mit mir ist heute nicht viel los. Ich kann mich nicht so anstrengen.«

»Das brauchst du auch nicht. Du sollst nur als Erster in die Hölle des Schlafzimmers gehen. Gemäß den Vorschriften darf ich euch nicht der Gefahr aussetzen, meine Gesellschaft zu verlieren, und Sir Max weiß nicht, was man zu tun hat, wenn man als Erster eintritt.«

»Dafür bin ich Ihnen nicht zu schade, stimmt's! Ich weiß - Sie haben mich schon lange satt. Kann es sein, dass Sie mich aus dem Dienst jagen wollen und Ihr Gewissen dabei sauber bleiben soll? Kommen Sie zur Besinnung, ehe es zu spät ist!«, rief Sir Melifaro im Scherz.

Ich erklärte ihm augenzwinkernd, was Juffin und ich im Schilde führten: »Wie Sie sehen, strebe ich auf Ihren Posten. Und für Ihren Boss ist es leichter, jemanden zu töten, als ihn ohne Grund zu beleidigen. Jetzt verstehen Sie sicher ...«

»Tja«, seufzte Melifaro theatralisch. »Sonst würde er mich bestimmt schon lange nicht mehr durchfüttern.«

»Herrschaften, könnt ihr mal die Klappe halten?«, fragte Juffin höflich.

Das taten wir ungesäumt und folgten unserem strengen Cicerone. Vor dem Schlafzimmer blieb Juffin stehen.

»Wir sind da. Herzlich willkommen!«

Melifaro hielt sich nicht mit den Tricks tapferer Filmsoldaten auf, sondern öffnete umstandslos die Tür und trat ungeduldig ein. Wenn man mich fragt, befand sich das Duftzentrum des Schlechten Todes genau dort. Aber Befehl ist Befehl. Also folgte ich ihm.

Eine Sekunde war mir, als sei ich vor Jahren gestorben. Todessehnsucht begann in mir zu brennen, eine besondere Art Heimweh. Doch ein letzter Rest des alten, distanzierten und vernünftigen Max hauste noch in mir. Also nahm ich mich zusammen, besser gesagt: Das bisschen Restvernunft legte meine übrigen Facetten, die der Todessehnsucht zuarbeiteten, an die Kandare.

Sir Melifaro, der sich im seligen Stand der Unwissenheit befand, spitzte die Ohren und brummte düster: »Chef, das ist kein sehr angenehmer Ort. Wohin haben Sie mich geschleppt? Wo sind hier Mädchen? Wo ist Musik?«

Sir Juffin antwortete mit merkwürdig fremder Stimme: »Zurück, Kinder. Diesmal bekommt meine Pfeife einen Hustenanfall.«

Es war schon seltsam: Der Pfeifenzeiger konnte angewandte Magie bis zum hundertsten Grad nachweisen. In romantischer Vorzeit hatten solche Pfeifen noch viel höhere Grade von Magie angezeigt, doch für die Gegenwart reichten hundert Grade völlig. Wenn diese Pfeife nun hustete, konnte das nur bedeuten, dass sich im Zimmer eine viel höhere Magie befand, vielleicht eine des 173. oder 212. Grades. Mir war das völlig egal.

»Wie ich höre ... «, begann Melifaro, doch Juffin schrie: »Hau ab, schnell!«, griff dabei nach meinem Unterschenkel und riss mich zu Boden. Ich sah Melifaros Beine nur noch in einem sonderbaren Salto aufs Fenster zurasen. Glassplitter regneten auf ihn nieder. Wie ein smaragdgrüner Vogel stürzte er in den Garten und wäre beinahe dort aufgeschlagen, schnellte aber zurück, als hinge er an einem Gummiband.

»Was machst du denn schon wieder hier, du Idiot? Hau ab!«, brüllte Juffin ohne viel Überzeugungskraft. Selbst ich merkte, dass Melifaro nicht freiwillig zurückgekehrt war, und glaubte sogar, ein Spinnennetz zu sehen, das wie ein Kristall glitzerte und in dem er sich verfangen hatte. Er schaute uns seltsam entrückt an. Aus berauschend weiter Ferne. Dazu lächelte er so glückselig wie idiotisch. Langsam arbeitete er sich zum Zentrum des Spinnennetzes vor - auf das zu, was früher der große, alte Spiegel gewesen war.

Juffin hob die Hände über den Kopf und schien von innen warm und gelb aufzuleuchten wie eine Kerosinlampe. Erst funkelte das Spinnennetz, dann Sir Melifaro. Er blieb stehen und drehte sich zu uns um. Mit ihm schien alles in Ordnung zu sein, doch dann erlosch sein Funkeln. Er lächelte noch immer und machte wieder einen Schritt auf ein dunkles Geschöpf im Spiegel zu.

Juffin krümmte sich und zischte einige Worte. Das Spinnennetz zitterte, und ein paar Fäden rissen mit einem merkwürdigen Geräusch, das mir im Magen wehtat. In der Finsternis dessen, was wir für den Spiegel gehalten hatten, rührte sich etwas. Leere Augen schauten uns an, die dem Spinnennetz ähnlich schienen und kalt wie Kristalle funkelten. Das Licht dieser Augen ließ uns ein Maul erkennen, das dem eines Affen ähnlich war, sich bei näherem Hinsehen aber als dunkler, feuchter, abstoßender Fleck erwies, den ich zunächst für einen Bart hielt. Er hatte keine klare Kontur. Dann begriff ich entsetzt, dass der »Bart« lebte. Rund um die ekelhafte Öffnung bewegte sich ein Gestrüpp dünner Beinchen, die ein Eigenleben führten. Das Wesen schaute Sir Melifaro mit kühler Neugier an, bemerkte uns dagegen nicht. Melifaro lächelte, sagte leise: »Du siehst doch, ich komme«, und machte wieder einen Schritt voran.

Juffin tobte, rief mit rauer, fremder Stimme unverständliche Worte, trommelte rhythmisch mit den Beinen und lief im Zimmer auf und ab. Der Takt seiner Schritte und Schreie wirkte seltsam beruhigend auf mich. Wie verzaubert erlebte ich seinen schwindelerregenden, schamanistisch wirkenden Auftritt. Das Spinnennetz zitterte und erlosch, und der Spiegelbewohner musterte Juffins Bewegungen mit sterbendem Blick.

»Das Wesen stirbt«, dachte ich kühn. »Es war immer tot, und jetzt stirbt es. Merkwürdig!«

Juffin beschleunigte seinen Rhythmus. Seine Schritte wurden lauter, und sein Schreien verwandelte sich in Geheul, das meine Gedanken übertönte. Sein Körper schien mir seltsam groß und dunkel wie ein Schatten. Die Wände des Zimmers begannen hellblau zu leuchten. Ein kleiner Tisch hob sich in die Luft und flog Richtung Spiegel, stürzte aber auf halbem Wege ab, und seine Trümmer mischten sich mit den Spiegelsplittern.

Dann spürte ich, dass ich einschlief - oder starb. Eigentlich hatte ich nie vorgehabt, in Gegenwart einer kränklichen, behaarten Affenfratze zu sterben. Aus einer Zimmerecke kam ein Kerzenleuchter geflogen und schien auf meinen Kopf zu zielen. Da wurde ich wütend und bewegte mich, und der Kerzenleuchter blieb ein paar Zentimeter vor meinem Kopf in der Luft stehen. In diesem Moment begriff ich, dass es zu Ende war.

Na ja, »zu Ende« ist leicht gesagt. Es gab kein Licht und kein Spinnennetzgefunkel mehr, und auch der fatale Geruch nach Schlechtem Tod war verschwunden. Der Spiegel sah wieder nach Spiegel aus, warf aber natürlich kein Bild mehr zurück. Sir Melifaro stand bewegungslos inmitten der Trümmer. Sein Gesicht war eine erschreckend leblose Maske. Das Spinnennetz hing ihm nun in glanzlosen, aber echten Fasern am Leib. Sir Juffin hockte sich neben mich und musterte neugierig mein Gesicht.

»Wie fühlst du dich, Max?«

»Ich weiß nicht. Wenigstens geht es mir besser als ihm«, meinte ich und wies mit dem Kopf auf Sir Melifaro. »Was war das gerade?«

»Magie des 212. Grades, mein Freund. Was hältst du davon?«

»Was halten Sie davon?«

»Das alles war sehr seltsam. Rein theoretisch solltest du in seinem Zustand sein«, antwortete Juffin. Wir wandten synchron die Köpfe und betrachteten erneut den erstarrten Melifaro.

»Sag mal, bist du eingeschlafen? Was war mit dir los?«

»Offen gesagt wusste ich selbst nicht, ob ich sterbe oder einschlafe. Aber ich dachte, dass ich in Anwesenheit dieses Affen nicht sterben will. Komisch, was? Als mir der Kerzenhalter entgegenflog, war ich endgültig sauer, und zwar auf alles: auf den dummen Leuchter, auf die Missgeburt im Spiegel und auf Sie. Und ich nahm mir vor: Euch zeig ich's! Ich sterbe nicht! Das war eigentlich alles.«

»Donnerwetter, Junge! Bisher galt so was als unmöglich. Du warst also plötzlich beleidigt und hast dich entschieden, nicht zu sterben? Um deinen Feinden Paroli zu bieten? Lustig. Aber trotzdem: Wie fühlst du dich jetzt?«

Unvermittelt überkam mich strahlende Laune. Als ich in mich hineinlauschte, merkte ich, dass ich mich tatsächlich nicht normal fühlte. Zum Beispiel verstand ich durchaus, was gerade passiert war. Ich hatte Juffin nicht danach fragen müssen. Mir war klar, dass er zweimal erfolglos versucht hatte, die fremde Kraft aus dem Spiegel zu besiegen. Beim dritten Mal hatte er alles im Zimmer erstarren lassen. Ich stellte mir plastisch vor, wie er es gemacht hatte, hätte das Ganze aber nicht wiederholen wollen. Ich wusste auch, dass es unmöglich war, den Spiegelbewohner zu vernichten, ohne Sir Melifaro dabei Schaden zuzufügen. Das Spinnennetz verband die beiden nämlich wie siamesische Zwillinge.

Doch im Moment quälten mich andere Fragen. So überlegte ich, wie Sir Juffin aussehen mochte, wenn man einen Glassplitter nahm und ihm damit die Wange ritzte. Und wie sein Blut wohl schmecken mochte.

Ich fuhr mir mit der Zunge über die ausgetrockneten Lippen.

»Max«, sagte Juffin streng. »Reiß dich zusammen. Das bringt dich aus der Fassung. Ich kann dir helfen, wenn wir das Zimmer erst verlassen haben, aber es wäre besser, wenn du es allein schaffst. Im Vergleich zu dem, was du schon geleistet hast, ist das eine Kleinigkeit.«

Ich durchstöberte alle Ecken meiner Seele nach dem kleinen, vernünftigen Jungen, der mir in heiklen Lagen hilft. Offenbar war er gerade nicht zu Hause.

Plötzlich erinnerte ich mich an einen billigen Vampirfilm. Die Helden waren bleich geschminkt und hatten ziemlich scheußliche Blutergüsse - wie Kinder, die unter den Launen überforderter Hausmädchen leiden müssen. Ich verglich das mit meiner Situation: der nette Max, der anerkannte Liebling der Mädchen und Haustiere ... Zuerst schämte ich mich, doch dann brach ich in Gelächter aus.

Sir Juffin wandte sich zu mir um: »Du hast aber Fantasie!«

»Das ist keine Fantasie - das ist mein gutes Gedächtnis. Wenn Sie den Film gesehen hätten ...«, begann ich, stockte dann und fragte vorsichtig: »Moment mal, lesen Sie meine Gedanken?«

»Manchmal. Wenn die Arbeit es verlangt«, bestätigte Juffin gelassen.

Doch das hörte ich schon nicht mehr. Wieder quälte mich der Wunsch, Juffins Blut zu kosten. Einen kleinen Schluck nur. Mein Magen knurrte. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an sein Blut!

»Bin ich etwa verrückt?«

»So was in der Richtung, Max. Aber das ist gut für dich. Ich glaube, nachdem du meinen Zauber ausgehalten hast, kannst du deine Verrücktheit locker bewältigen! Ich kann dich heilen, wenn es sein muss. Sag einfach Bescheid. Aber du verstehst schon ...«

Ich verstand: Mit der Verrücktheit würde auch das geheime Wissen verschwinden, in dessen Besitz ich so unerwartet gekommen war. Und nach Lage der Dinge erschien Sir Juffin die fachliche Hilfe eines psychisch unausgeglichenen Vampirs nützlicher als das Blöken des normalerweise unbewanderten Max. Aber wenn er sich versehentlich in die Hand schneiden würde, könnte ich ... Wieder leckte ich mir die Lippen und schluckte die bittere Spucke vernehmlich herunter. Dann nahm ich einen Glassplitter und ritzte mir die Hand, was mir arge Schmerzen und salzigen Blutgeschmack eintrug, mir aber auch unglaubliche Erleichterung brachte!

»Helfen Sie mir bitte auf, Juffin. Mir ist ganz blümerant.

Er nickte lächelnd und reichte mir die Hand. Ich stand auf und wunderte mich, wie ich mein Leben in so schwindelerregender Höhe verbringen sollte. Der Boden befand sich am anderen Ende des Weltalls - falls er sich überhaupt irgendwo befand! Ich stützte mich auf Juffin, bewegte behutsam die eingeschlafenen Beine und ging in den Flur.

Ich wusste, was nun kommen würde. Die Kräfte, die mein Gönner gerufen hatte, störten das Gleichgewicht der Welt. Das ist nichts Besonderes, auch nicht nach den Maßstäben des Linken Flussufers. Die häuslichen Maßstäbe aber sind andere. Ein Zimmer ist in kürzester Zeit restlos mit Magie gefüllt, und diese Magie zerstört die Harmonie. Man sollte das Leben gleich anhalten, wenn Konturen verschwinden, und es in Ordnung bringen. So etwas darf man nicht auf später verschieben. Damals stand mir alles, was geschehen war, lange lebhaft vor Augen, doch jetzt erinnere ich mich nur noch dunkel daran.

Zuerst streiften wir ziellos durch das riesige Haus. Grau gekleidete Männer versuchten, uns zu entkommen, obwohl manche bedrohlich die Zähne zeigten.

Andere verhielten sich seltsam. Im großen Wohnzimmer mit Springbrunnen, in dem Sir Makluk uns empfangen hatte, führten zwei junge Männer einen lautlosen rituellen Tanz auf. Graziös umwickelten sie sich mit etwas, das wie fluoreszierende Papierschlangen aussah. Als wir näher kamen, merkte ich entsetzt, dass es sich um Gedärm handelte, das die Burschen einander mit nachdenklichem Gesicht aus dem Bauch zogen. Es gab kein Blut, und sie hatten - wie ich annahm - auch keine Schmerzen. Die Innereien funkelten im Halbdunkel des großen Saals und spiegelten sich im Strahl des Springbrunnens.

»Denen ist nicht zu helfen«, flüsterte Juffin und hielt die Szene mit behutsamer Geste per Zauberspruch an. Nachdem er das einmal getan hatte, war es nicht nötig, die Prozedur jedes Mal zu wiederholen, denn der Zauber folgte ihm wie die Schleppe eines Kleides, und ich ... nun ja ... ich half ihm, sich mit dieser Schleppe fortzubewegen. Kaum war auf die übrigen Zimmer auch nur der Schatten des Zaubers gefallen, verhielten die Diener sich auch dort wieder normal.

Ein Ende unseres Streifzugs durchs Haus war nicht abzusehen. Manchmal spürte ich ein Verlangen nach Blut, war aber zu sehr mit der Abwehr wütender Alltagsgegenstände beschäftigt, die eine echte Vorliebe für uns entdeckt hatten. Vor allem erzürnte mich die Attacke eines dicken Buchs namens Chroniken von Uguland.

»Dich hab ich schon gelesen, hau ab«, rief ich und wehrte die wütende Wissensquelle mit einem massiven Spazierstock ab, den ich mir klugerweise am Anfang des Rundgangs besorgt hatte.

In einem der Zimmer sah ich mein Bild im Spiegel und erschrak. Woher kamen diese glühenden Augen, diese hektischen Bewegungen des Kiefers? Wann hatte ich es geschafft, so abzumagern? Ich hatte doch vor kurzem Mittag gegessen, nach Ansicht von Graf Dracula aber wohl nichts Richtiges zu mir genommen. Was für eine dumme Ansicht! Aber es war gar nicht schwer, mich zusammenzunehmen - der Mensch gewöhnt sich an alles.

Wir streiften weiter durchs Haus. Langsam fragte ich mich, ob es dabei für immer bleiben würde. Waren die Uhren etwa stehen geblieben, während wir - in einer Art Fegefeuer zu Lebzeiten - in einem aus dem Zeitkontinuum gefallenen Haus alterten?

In einem Zimmer trafen wir Sir Makluk, der damit beschäftigt war, einen großen Bücherschrank wie einen Bogen Pergament zusammenzurollen, und dem dies - gegen alle Wahrscheinlichkeit - schon fast gelungen war. Der alte Mann drehte sich zu uns um und erkundigte sich freundlich, wie es uns gehe.

»Bald ist alles in Ordnung«, versprach Juffin, und Sir Makluk erstarrte mitten in seinem seltsamen Tun: eine weitere Statue im neuen Wachsfigurenkabinett. Ein grau gekleideter Junge trat im Türrahmen von einem Fuß auf den anderen, knurrte leise und klatschte rhythmisch in die Hände. Eine Sekunde später erstarrte auch er.

Dann gingen wir durch einen leeren Flur. Plötzlich hatte ich den Eindruck, mich und Juffin von hinten zu sehen. Kurze Zeit waren da zwei Nacken - einer gehörte Juffin, der andere mir.

»Max, bist du müde?«, fragte er mich lächelnd.

»Verschwinden wir von hier!«, sagte ich, ohne zu überlegen.

»Natürlich. Was sollen wir auch sonst tun? Bald ist alles in Ordnung.«

»Bei mir ist jetzt schon alles in Ordnung. Mir ist nur übel.«

»Das ist der Hunger. Sauf einfach ein paar Liter von meinem Blut, und alles ist wie weggewischt!«

»Sie haben Humor!«

»Wenn ich den nicht hätte, würde ich bei deinem Anblick loslachen. Hast du dich mal im Spiegel betrachtet?«

»Als Sie dieses Scheusal im Schlafzimmer anfauchten, hätte ich Sie beinahe für einen netten Menschen gehalten.«

»Das kann ich mir vorstellen! Aber los jetzt, Max - wir haben uns eine Pause verdient!«

Wir gingen in den Garten. Es war schon dunkel. Der Vollmond beleuchtete Juffins müdes Gesicht und färbte seine klaren Augen gelb. Auch mich umflutete Mondlicht. Wozu braucht der Mensch noch Augen? Reichen Straßenlaternen nicht? Das war mein letzter Gedanke. Ehrlich gesagt hätten wir auch ohne ihn auskommen können.

Dann schaute ich meine verletzte Hand an, und was danach passiert ist, weiß ich nicht.

Denken Sie, ich wäre eine Woche später wieder zu mir gekommen, und eine hübsche Krankenschwester hätte mir die Hand gehalten? Dann ist Ihnen noch nicht klar, was es heißt, für Sir Juffin zu arbeiten. Er würde mir nie erlauben, im Bett zu bleiben!

Ich wurde gleich wieder zu Bewusstsein gebracht, allerdings auf sehr angenehme Weise. Als ich zu mir kam, fand ich mich an einen Baum gelehnt und hatte ein ausgezeichnetes Getränk im Mund. Neben mir kniete Kimpa mit einer Tasse. Und neben ihm warteten weitere Leckerbissen.

»Schmeckt gut«, sagte ich und befahl: »Mehr!«

»Das reicht!«, erklärte Juffin. »Ich bin nicht knauserig, aber Kachar-Balsam ist das stärkste Schmerzmittel, das unsere Wissenschaft kennt. Schwarze Magie achten Grades! Doch davon hast du noch nichts gehört.«

»Und wem kann ich nun schaden? Ihnen vielleicht?«

»Keine blutigen Gelüste mehr?«

Aufmerksam horchte ich in mich hinein und verspürte nichts mehr davon. Dann erforschte ich weitere Elemente meiner Persönlichkeit. Schade - die Klugheit, die ich noch vor kurzem besessen hatte, war mir auch abhandengekommen. Obwohl ...

»Etwas von vorhin jedenfalls scheint übrig geblieben zu sein. Ich meine nicht das Verlangen nach Blut, sondern ...«

Juffin nickte. »Dieses Treffen war für dich nützlich, Max. Man weiß eigentlich nie


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, wo man etwas findet und wo man etwas verliert. Was für ein Tag! Aber Spaß beiseite: Melifaro sitzt in der Klemme.«

»Ich finde, die beiden Tänzer im Springbrunnensaal - die mit den pathologischen Neigungen - sind noch schlechter dran.«

Juffin winkte ungerührt ab. »Denen ist nicht mehr zu helfen. Den Übrigen dagegen schon. Der arme Melifaro allerdings hat leider kaum Chancen. Komm nach Hause, Max. Dort werden wir essen, trauern und uns Gedanken machen.«

Zu Hause verputzten wir zunächst alles, was die Küche hergab. Und das war nötig. Konzentriertes Kauen regt das Denken an, jedenfalls bei mir. Kurz vor dem Dessert kam mir endlich eine verspätete Erleuchtung. Ich zuckte im Sessel auf, verschluckte dabei ein Häppchen, hustete und schaute mich nach Wasser um. Zu guter Letzt verwechselte ich die Krüge und trank statt Kamra eine Tasse starken Dschubatinischen Säufer. Juffin sah mich mit interessiertem Forscherblick an.

»Seit wann neigst du zum Alkohol? Was ist los?«

»Ich bin ein Dummkopf«, gab ich niedergeschlagen zu.

»Sicher, aber warum so theatralisch? Außerdem besitzt du andere Werte«, tröstete mich Juffin. »Wieso bist du eigentlich gerade jetzt zu dieser Selbsterkenntnis gekommen?«

»Weil ich unseren Augenzeugen vergessen habe, die kleine Dose! Ich wollte mit ihr in einer freien Minute plaudern, aber Juffin errötete vor Aufregung. »Ich habe auch viele Vorzüge. Höchste Zeit, sie zu erwähnen! Aber ein Fehler hätte mir nicht passieren dürfen! Du durftest die Dose vergessen, ich nicht! Ich hatte immer vermutet, die Geistesschwäche von General Bubuta Boch sei ansteckend. Alle Symptome sind vorhanden, ich bin richtig krank! Hol deinen Schatz her, Max. Schauen wir mal, was uns die Dose sagt.«

Ich ging in mein Schlafzimmer. Neben dem Bett lagen meine Hausschuhe. Chuf schnarchte leise. Vorsichtig kraulte ich sein flauschiges Genick. Der Hund murmelte etwas, schlief aber weiter. Richtig, das war nicht seine Zeit.

Die Dose fand sich ganz unten in einer Schublade. Kaum hatte ich sie in der Hand, begannen meine Finger, nervös auf ihr herumzutrommeln, und ich zitterte grundlos. Ein schweres Gewicht schien sich auf meine Brust zu legen. Was wäre, wenn die Dose keine Lust hätte, sich mitzuteilen? Keine Panik - dann denkt Juffin sich was aus. Er wird sie dazu bringen, ihre Seele auszuschütten. Wie mag die Seele einer Dose aussehen? Ich kicherte, und das Gewicht auf der Brust wurde leichter.

Der Nachtisch, mit dem Kimpa uns erschöpfte Helden verwöhnte, übertraf meine kühnsten Träume von einem guten Dessert. Also wurde die Sache mit der Dose um eine weitere Viertelstunde verschoben.

Dann begab Sir Juffin sich in sein Arbeitszimmer. Ich folgte ihm mit unserem einzigartigen Augenzeugen, den ich in nassen, kalten Händen trug. Ich war nervös, denn mir war klar, dass die Dose reden wollte. Und noch etwas ließ mich aus dem Tritt geraten, doch ich wusste nicht, was. Auf der Erde hatte ich Horrorfilme gemocht, aber jetzt hätte ich lieber die Muppet Show gesehen. Zur Abwechslung.

Die Vorbereitungen für das Dosengespräch waren sorgfältiger als sonst. Sir Juffin wühlte lange in der mit Intarsien geschmückten Schatulle, in der er seine Kerzen aufbewahrte. Schließlich entschied er sich für eine bläulich - weiße Kerze, die mit winzigen dunkelroten Wachsspritzern gemustert war. Fünf Minuten bemühte er sich, mit einem ungeeigneten Stein Feuer zu machen. Ich konnte sein Tun nicht begreifen, doch letztlich war sein Bemühen von Erfolg gekrönt. Juffin stellte die Kerze an die Wand, legte sich in der gegenüberliegenden Ecke auf den Bauch und befahl mir mit einer Handbewegung, es ihm gleichzutun. Der Boden im Arbeitszimmer war kahl und kalt, denn es gab keinen Teppich. Ich fragte mich kurz, ob all diese Mühen nötig und sinnvoll waren.

Alles war vorbereitet. Die Dose rollte von allein zwischen uns und die Kerze. Ich hatte mich kaum anstrengen müssen, ihr Gedächtnis zu durchschauen. Sie hatte offenbar schon lange Lust, sich mitzuteilen. Die Vorstellung fing unverzüglich an. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns alles anzuschauen.

Von Zeit zu Zeit ließ meine Aufmerksamkeit erschreckend nach, denn früher hatte ich mich mit diesen Dingen nie länger als eine Stunde beschäftigt. In solchen Fällen hatte mir Juffin schweigend einen Becher Kachar-Balsam gegeben und manchmal selbst davon getrunken - sei es aus Erschöpfung, sei es aus Lust und Laune.

Die kluge Dose zeigte nur, was uns wirklich interessierte. Sir Juffin hatte mir eingeschärft, dass Gegenstände sich vor allem an Ereignisse erinnern, bei denen Magie im Spiel gewesen ist. Bestimmt hatte er recht, doch ich mag den Gedanken, dass die Dose genau gewusst hat, was wir brauchten. Man sagt, aufrichtige Leute seien denen besonders verpflichtet, die ihnen einen uneigennützigen Dienst erwiesen haben. Wenn man an meine unfreiwillige Sympathie für die aus dem Schlafzimmer von Sir Makluk gestohlene Dose denkt, stimmt das.

Die Dose berichtete uns Folgendes: Alles hatte mit einem Kampf begonnen. Mit einem Beteiligten dieses Kampfs hatten wir kurz zuvor geredet. Wir sahen einen gebrechlichen alten Mann mit erschöpftem, asketischem Gesicht und der kapriziösen Miene des verwöhnten Einzelkinds. Die teure Waschschüssel befand sich in den Händen unseres Bekannten Maddi. Sir Makluk-Olli tunkte den kleinen Finger ins Wasser und verzog unwillig die dünnen Lippen. Der kniende Diener erhob sich und ging zur Tür. Plötzlich bekam das zornige Gesicht des alten Mannes einen teuflischen Ausdruck. Dann warf er und traf! Die Waschschüssel - aus dünnstem Porzellan, wie zu vermuten stand - brach in tausend Stücke und ritzte dabei die Kopfhaut des Pechvogels.

Der erschrockene, von Wasser und einem Rinnsal Blut geblendete Maddi sprang zur Seite. Dieser Sprung hätte ihm eine Medaille eintragen können, wenn das Internationale Olympische Komitee das Zurseitespringen als olympische Disziplin anerkannt hätte. Dem Sprung des Dieners stand der verhängnisvolle Spiegel im Weg. Im Übrigen war alles in Ordnung: Es gab keine gebrochene Nase, keine eingeschlagenen Zähne. Nichts Schreckliches war passiert. Maddi hatte nur mit dem Gesicht den Spiegel berührt und ihn mit seinem Blut beschmiert, das mit Wasser vermischt war. Mehr nicht.

Der erstaunte Diener wandte sich an Sir Olli. Als der Alte sein blutverschmiertes Gesicht sah, verwandelte sich seine Wut in Angst, und aus der kapriziösen Miene wurde eine schuldbeladene Grimasse. Die beiden versöhnten sich sofort.

Keiner von ihnen bemerkte, was wir sahen: Die Oberfläche des alten Spiegels beschlug, als habe ihn jemand angehaucht. Wo die Blutstropfen des armen Dieners den Holzrahmen berührt hatten, war eine pulsierende Bewegung zu sehen. Einen Moment später war alles vorbei. Nur der Spiegel war ein wenig dunkler und tiefer geworden. Aber wer hätte das bemerken sollen? Sir Ollis Lippen bewegten sich, und in Maddis blutverschmierte Züge trat ein zaghaftes Lächeln der Erleichterung. Durch die einen Spalt geöffnete Tür blickte ein neugieriges Gesicht. Damit war die Geschichte zu Ende, und es wurde finster.

Ein paar Sekunden später verwandelte sich die Szenerie in das angenehme Dunkel des unbeleuchteten Schlafzimmers. Das schwache Licht des abnehmenden Monds umspielte die hohen Wangen von Sir Olli. Etwas weckte den alten Mann. Ich merkte, dass er erschrocken war, und spürte seine Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung am eigenen Leib. Ich hörte ihn die Diener rufen und sah seine Reaktion, als erstmals in seinem Leben nichts geschah. Das Gleiche war mir passiert, als ich Juffin nicht per Stummer Rede hatte erreichen können.

Aber mir hatte es nur an Erfahrung gemangelt - Kraft genug hatte ich, und schließlich hatte es geklappt. Sir Olli hingegen besaß zu wenig Kraft, um zur Stummen Rede zu greifen. Blankes Entsetzen packte ihn. Dass sich kein Diener meldete, entzog sich seiner Kontrolle wie seinem Verständnis. Das Unbegreifliche war in unmittelbarer Nähe und lastete auf seiner Bettdecke. Einen Moment sah ich etwas Winziges am Hals des alten Mannes hochkriechen, und mich überlief ein Schauer.

»Max, siehst du das kleine Scheusal?-, fragte mich Juffin flüsternd.

»Ich glaube ja.«

»Schau es dir nicht zu genau an, am besten gar nicht. Ein Teufelszeug! Der Herr des Spiegels kann deinen Schatten selbst dann rauben, wenn er dir in der Verdünnung des vermittelnden Gedächtnisses der Dinge entgegentritt. Jetzt verstehe ich besser, warum die alte Lady Braba so erschrocken war. Sie ist eben doch die talentierteste Heilerin in Echo. Das zu sehen, verkraftet nicht jeder. Nimm ein wenig Balsam, Max, dieser Schutz kann nicht schaden. Ja, das Scheusal ist im Spiegel verschwunden. Wo das Blut des Dieners das Glas berührt hat, da ist jetzt seine Tür. Geh doch mal gucken. Hast du den Schatten schon Weggehen sehen? Schau nach!«

Mein Zittern und meine Angst schwanden. Obwohl ich mich konzentrierte, hätte ich das Schlafzimmer beinahe nicht erkannt. Ein halb durchsichtiger und tödlich erschrockener Sir Makluk-Olli stand neben dem Spiegel und betrachtete einen Sir Makluk-Olli, der reglos im Bett lag. Die Spiegeloberfläche zitterte. Ein Schatten - vermutlich der Schatten des Toten - schluchzte hilflos, wandte sich dem Spiegel zu, sträubte sich und ... nein, er schmolz nicht, sondern zerstob in tausend kleine Feuer. Sie erloschen rasch, doch ein paar verschwanden hinter der glatten Spiegeloberfläche. Fünf kleine Feuer, genauer gesagt, und fünf Blutstropfen waren es gewesen, mit denen der arme Maddi den Spiegel beschmutzt hatte.

Plötzlich war meine Angst wie weggeblasen. Die Dunkelheit im Schlafzimmer wirkte wieder angenehm und beruhigend, obwohl dort eine Leiche lag. Der Tod ist wenigstens ein gesetzmäßiges Ereignis - anders als Magie des 212. Grades, anders als Schwarze oder Weiße oder von mir aus auch graubraunhimbeerrote Magie.

Ich merkte, dass die Konturen dessen, was ich gesehen hatte, verschwunden waren. Sir Juffin stieß mir den Ellbogen in die Seite. Die Vorstellung ging weiter.

Wieder war es im Schlafzimmer dunkel. Ich sah einen sympathischen jungen Mann in festlicher, grellorangefarbener Skaba. Das war natürlich der arme Nattis, der ungelernte Höfling, der keine Lust gehabt hatte, in der berühmten Stadt Gazin zu bleiben. Er lächelte traurig und zeigte dabei bezaubernde Grübchen. Dann konzentrierte er sich, und sein Gesicht bekam einen merkwürdig grausamen Ausdruck. In diesem Moment erschien Herr Gowins, an dessen traurigem Schicksal ich keinen Zweifel mehr hegte. Benimmlehrer Gowins legte seinem Schüler das Rasierzeug hin. Der reich verzierte Griff des Rasiermessers konnte bei jedem Sammler ein nervöses Zucken hervorrufen.

Ich ließ mich ablenken und schaute mich nach dem wunderbaren Kachar-Balsam um. Sir Juffin sah mich etwas argwöhnisch an.

»Nur ein Tröpfchen«, flüsterte ich schuldbewusst.

»Schau mich nicht so an, Junge! Ich bin nur ein wenig neidisch. Gib mir auch ein Schlückchen.«

Als ich die Vision wieder vor Augen hatte, hatte Nattis schon mit dem Rasieren begonnen, fuhr sich mit dem Messer über die Wangen und lächelte sanft in sich hinein. Das Messer kam einer pulsierenden Ader seines knabenhaften Halses immer näher. Bis dahin war alles völlig normal gelaufen. Eine ganz gewöhnliche Rasur.

Aber der Spiegel schlief nicht. Ein paar Pünktchen auf seiner Oberfläche zitterten im richtigen Moment, und die eisige Angst tastete wieder nach meinem Herzen, dem all das gefiel, wie einem alten Schürzenjäger ein appetitliches Mädchen gefällt.

Sir Juffin nahm mich beim Kinn. »Schau bitte weg. Das ist schon wieder ein abstoßendes Bild. Ich jedenfalls will mir diesen Mist nicht ansehen. Weißt du, man hat mir bereits von solchen Sachen erzählt und mir am Ende immer zu verstehen gegeben, es sei besser, sich mit diesen Wesen zu versöhnen, statt gegen sie anzukämpfen. Mein Nachbar hat übrigens hübsche Möbel - das muss ich ihm lassen!

Er ist anscheinend ein wirklich anständiger Mensch. Nattis allerdings hat sich vom Flüstern des Spiegelwesens beeinflussen lassen. Ach, Max, schau dir seine Augen an! So was hab ich noch nie gesehen! Werde nur nicht übermütig!«

Das Erste, was ich sah, war das hilflose Lächeln des Jungen, das dem absurden Lächeln unseres glücklichen Melifaro sehr ähnlich war. Rührende Grübchen zierten die schon glatte rechte und die noch unrasierte linke Wange. Und Blut, viel Blut. Es überflutete den Spiegel und ließ das darin wohnende Wesen vor Begeisterung zittern und so gierig atmen wie einen unerfahrenen Taucher, der mit knapper Not die Wasseroberfläche erreicht hat. Zweifellos hauchte das Blut dem Spiegel wieder Leben ein - nein, nicht dem Spiegel, sondern einem Gegenstand, der nur wie ein Spiegel aussah, tatsächlich aber ein lange unbenutzter Zugang zu einem widerlichen Ort war. Mir stockte der Atem. Nattis lag schon am Boden. Wie verzaubert starrte Gowins ihn an. So entging ihm, dass der blutverschmierte Spiegel vor Zufriedenheit bebte, sich dann ein wenig verdunkelte und schließlich reglos wurde. Natürlich nur für kurze Zeit. Leute kamen ins Zimmer, und das Bild taute auf.

»Juffin«, sagte ich leise. »Sie wissen also, was das ist?«

»Wissen tue ich es schon, wenn man das so sagen kann. Weißt du, Max, das ist eine Legende, und ich muss gestehen, dass ich bisher nicht daran geglaubt habe. Doch es spielt keine Rolle, ob ich daran glaube oder nicht. Wir schaffen das schon. Egal was passiert. Schau! Jetzt kommt das Interessanteste!«

»Das alles ist mir zu langweilig, Juffin. Und widerlich ist es auch.«

»Natürlich ist es widerlich. Was hast du denn gedacht? Macht nichts - nach einem solchen Anfang wird die Arbeit für dich das reinste Vergnügen sein. So etwas geschieht nicht jeden Tag. Eigentlich passiert es nie.«

»Das will ich hoffen. Offen gesagt ziehe ich das Vergnügen der Arbeit vor - so einer Arbeit jedenfalls.«

Schon zeigte uns die kleine Cremedose das nächste Ereignis. Wir sahen Krops Kulli, einen weiteren netten Jungen, ins Schlafzimmer kommen. Er war rot wie ein Apfel, was in Echo als Zeichen männlicher Kraft und Schönheit gilt. In seinem Fall war das wirklich so. Hier gibt es viele hübsche Menschen, kam mir plötzlich in den Sinn. Mehr als dort, wo ich herkomme. Die Leute hier sehen das anders, weil sie andere ästhetische Maßstäbe haben. Ob ich nach hiesiger Betrachtung wohl eher ein Schönling oder eine Vogelscheuche bin?

Ich zuckte die Achseln. Was für eine brennende Frage!

Der Rötling tat eifrig, als würde er aufräumen. Was kann man in einem seit langem leeren Zimmer, das ohnehin jeden Tag sauber gemacht wird, noch putzen und ordnen? Diszipliniert besuchte er alle Ecken und wedelte mit seinem Utensil, einem kleinen Besen. Nach ein paar Minuten gab es endgültig keine Hausarbeit mehr zu simulieren - das Zimmer befand sich im Idealzustand. Also beschloss der junge Krops, er habe eine Pause verdient. Er stand vor dem Spiegel und untersuchte aufmerksam sein Gesicht. Mit zwei Fingern zog er die Augenwinkel hoch. Dann ließ er sie los und seufzte bedauernd. Wahrscheinlich probierte er diese Miene nicht zum ersten Mal aus und fand immer größeren Gefallen daran. Dann erforschte er missmutig seine Nase. Man zeige mir einen jungen Menschen, der mit seiner Nase zufrieden ist!

Ich fürchte, diese kleinliche Unzufriedenheit war seine letzte Empfindung. Das funkelnde Spinnennetz erschien auf seinem Ärmel, und Sekunden darauf befand sich der arme Junge im Zentrum des beinahe unsichtbaren Kokons. Ich spürte die Erleichterung, die ihn erfüllte. Plötzlich wurde ihm alles klar: DU MUSST DORTHIN GEHEN! Und schon machte der rothaarige Krops ein paar Schritte auf den Spiegel zu. Sein hilfloses Lächeln ähnelte der Miene des erstarrten Sir Melifaro.

Als ich - wie Krops und wohl auch seine unglücklichen Vorgänger - den Befehl DU MUSST DORTHIN GEHEN! auf mich wirken spürte, wandte ich mich ab. Mir war klar: All das könnte sich bei mir wiederholen. Und das Ekelhafteste daran war, dass es mir sogar gefallen würde! Vor meinen Augen flackerte ein kleines, widerliches Affengesicht. Und der Abgrund seines Mauls - umrahmt von quicklebendigen Spinnenbeinen - erschien mir als ersehnter Ruheplatz.

Ich nahm einen guten Schluck Kachar-Balsam. Ja, Magie achten Grades hat schon was! Dieses Getränk schmeckt teuflisch gut, und alle Versuchungen sind wie weggeblasen. Von Kindheit an hatte man mir eingeredet: Nur was bitter schmeckt, kann helfen. Das war gelogen, wie mir jetzt klar wurde. Gute Nachricht!

Ich vergewisserte mich, dass der Spiegel keinen Einfluss mehr auf mich ausübte, und wandte mich wieder den Erinnerungen der Dose zu, die erneut ein leeres, aufgeräumtes und hübsches Schlafzimmer zeigte.

»Siehst du das, Max?«, fragte Juffin und stieß seinen Ellbogen in meine leidgeprüfte Seite. »Siehst du's?«

»Was?«

»Na, nichts! Bisher hatten wir stets abrupte Szenenwechsel. Jetzt versteh ich endlich, warum mein Zeiger immer zwischen Zwei und Drei gesprungen ist!«

Plötzlich kam mir ein Gedanke. Anscheinend wollte ein lustiges Abenteuer des Grafen Dracula meinen ärmlichen IQ ein wenig beleben.

»Wenn das Spiegelmonster gegessen hat, schläft es, oder? Und weil der Spiegel und sein Bewohner schlafen, produzieren sie keine magische Aktivität, stimmt's?«

»Stimmt. Das Monster hat uns überlistet. Die Pfeife hat meinen Verdacht auf den Spiegel fallen lassen, obwohl nicht er es ist, der Magie ausübt, sondern sein Bewohner. Üblicherweise bleibt die Magie dort, wo sie deponiert wird. Aber dieses Monster lebt. Und ein lebendiges Wesen kann von Zeit zu Zeit in die Traumwelt fliehen. Wenn ein Magier schläft, schweigen alle Zeiger ... natürlich in dieser Welt. Bestimmt toben sie sich dann in anderen Welten aus - falls es dort Zeiger gibt, und daran habe ich große Zweifel. So sieht die Sache aus. Und jetzt zurück ins Wohnzimmer, Max.«

»Sie kennen mich doch - dazu bin ich immer bereit.«

Sir Juffin stand auf, knackte mit den Gelenken und streckte sich lässig. Vorsichtig nahm ich die Cremedose vom Fußboden und schob sie in die Tasche. Noch nie hatte ich einen Talisman gehabt. Jetzt aber besaß ich einen, und das war gut so.

In diesem Augenblick erlosch die Kerze. Unwillkürlich beugte ich mich zu Boden, um den Stummel aufzuheben, fand ihn aber nicht. Nirgendwo! Ich wunderte mich nicht mehr darüber, sondern registrierte es bloß.

Wir kehrten ins Wohnzimmer zurück. Der Morgen graute. »Na, das hat gedauert«, bemerkte ich ungerührt. Der Bote von Sir Makluk war vor ungefähr zwölf Stunden gekommen.

Die Kamra schmeckte fantastisch. Als zweiten Gang brachte uns der unerschütterliche Kimpa winzige Kekse, die uns im Munde zergingen. Der verschlafene Hund Chuf kam zu uns und wedelte mitfühlend mit dem Schwänzchen. Schweigend wetteiferte ich mit Sir Juffin, wer mehr Kekse an das Tier verfütterte. Chuf wollte uns beide zufriedenstellen und tollte wie ein kleiner flauschiger Torpedo durchs Zimmer. Als er satt war, legte er sich unterm Tisch zwischen uns, damit keiner beleidigt war.

»Max«, begann Juffin betrübt. »Ich glaube inzwischen, dass Melifaro eine kleine Chance hat. Es reicht nicht, ihn bloß aus dem Zimmer zu tragen und wieder zu Bewusstsein zu bringen. Er gehört schon zum Spiegel, und diese Verbindung darf nicht unterbrochen werden, solange sein Leben angehalten ist. Wenn das Spiegelmonster erwacht, nimmt es seine Kost von überall, notfalls aus der anderen Welt. Natürlich kann man das Geschöpf vernichten. Schürf Lonely-Lokley beispielsweise kann das. Aber ich glaube, niemand ist imstande, das Ungeheuer so schnell zu töten, dass Melifaro am Leben bleibt. Sollen wir also alles lassen, wie es ist? Aber es kann doch nicht immer so bleiben! Ich muss das Rätsel des Spiegels und seines hungrigen Bewohners lösen! Doch das geht nicht, solange wir das Monster in Ruhe lassen. Damit ich die Bestie vernichten kann, muss ich sie wecken. Dann aber verspeist sie zuletzt noch Sir Melifaro, und zu diesem Opfer bin ich nicht bereit - das versteht sich wohl von selbst. Daran will ich nicht einmal denken. Ein Teufelskreis, Max, ein echter Teufelskreis!«

Zerstreut nahm ich noch einen Keks. Ich hätte nie gedacht, dass Sir Juffin - ein Mensch immerhin, der mich ganz nebenbei von einer Welt in die andere versetzt hatte - so müde und verloren sein konnte. Ich begriff, dass selbst seine Macht Grenzen hatte, und fühlte mich plötzlich einsam und unwohl. In der leblosen Stille des Wohnzimmers klang mein Keksknabbern ausgesprochen laut. Der Teufelskreis ... der Spiegel... der Teufelskreis ... Mir stockte der Atem. Konnte es wirklich so einfach sein? Warum war Sir Juffin nicht auf diese Lösung gekommen?

»Juffin«, rief ich heiser, räusperte mich und begann erneut. »Es klingt vielleicht dumm, aber Sie haben doch von einem Teufelskreis gesprochen. Wenn man dem Spiegel nun einen zweiten gegenüberstellt, ist das doch auch ein Teufelskreis! Und wenn die Bestie ihr eigenes Bild sieht - könnte es dann nicht sein, dass sie eine Vorliebe für sich selbst entdeckt?« Nach diesen Worten nahm ich meinen Mut zusammen und sah Sir Juffin in die Augen. Er schaute mich mit offenem Mund an.

»Sündige Magister! Begreifst du eigentlich, was du da gesagt hast, Junge? Wozu hab ich dich überhaupt am Hals? Weißt du, was für ein Wesen das ist? Sag mal ehrlich!«

Diese Reaktion hatte ich - offen gesagt - nicht erwartet. Zuerst genoss ich die Wirkung meiner Worte, dann aber war sie mir peinlich. Ich hatte anscheinend nichts Besonderes vorgeschlagen. Es war nicht einmal klar, ob es funktionieren würde. Immerhin allerdings flüsterte mir etwas zu, es würde klappen. Auch in Juffin schien die gleiche Ahnung zu jubeln. »Das wird funktionieren«, rief er. »Und ob!«

Ich stand vom Tisch auf, streckte mich und ging zum Fenster. Die herrliche Morgendämmerung hätte für jede schlaflose Nacht entschädigen können. Wer sich an die Gegenwart hält und nicht in der Vergangenheit stochert, den begeistert das Morgenrot. »Geh endlich schlafen, Max«, riet mir Juffin. »Ich habe Lonely-Lokley gerufen. In vier Stunden ist er da. Sir Schürf und seine Zauberhände. Das wird dir gefallen. Bis dahin kannst du dich erholen. Ich rate dir, diese Gelegenheit nicht zu versäumen.«

»Was für Zauberhände?«

»Das wirst du schon sehen, Max. Sir Lonely-Lokley ist unser ganzer Stolz. Achte nur darauf, die Bestandteile seines Namens nicht durcheinanderzubringen. Da ist er nämlich sehr empfindlich - und nicht nur, was das anlangt. Ich kann gar nicht beschreiben, was für ein Vergnügen dich erwartet. Und jetzt ab in die Heia.«

Mir war nicht nach Widerspruch. Stattdessen ging ich ins Schlafzimmer, legte mich ins weiche Bett, kuschelte mich in meine flauschige Decke und konnte mein Glück kaum fassen: endlich Ruhe! Ich war unbeschreiblich müde, doch etwas störte mein Behagen. Mühsam hob ich den Kopf und musste die Lider beinahe mit den Fingern auseinanderziehen. Kein Wunder, dass ich nicht hatte einschlafen können: Auf dem Kissen lagen meine Hausschuhe, die ein kleiner Fetischist namens Chuf dort deponiert hatte. Leise Pfotengeräusche zeigten mir, dass der Urheber der Unordnung wie gerufen kam. Ich stellte meine Schuhe an ihren Platz. Chuf entschied, auf dem Kissen sei jetzt Raum genug für zwei, und ich hatte keine Einwände.

»Weckst du mich, wenn Lonely-Lokley mit seinen berühmten Händen kommt?“, fragte ich und drehte mich von seiner viel zu feuchten Schnauze weg. Chuf schnaufte friedlich. »Max schläft, morgen Gäste ... ich muss ihn auf wecken ...«, hörte ich den klugen Hund noch räsonnieren. Dann schlief ich ein.

Seltsamerweise war ich eine Stunde früher wach als nötig. Ich fühlte mich ausgezeichnet. Das war sicher die beruhigende Wirkung des Kachar-Balsams. Ein großartiges Mittel!

Chuf lag nicht mehr neben mir. Bestimmt stromerte er durchs Foyer, um die Ankunft von Sir Lonely-Lokley nicht zu verpassen und meinen Auftrag zu erfüllen. Ich wälzte mich noch zehn Minuten im Bett herum, streckte mich und gähnte ausgiebig - tat also all das, was nur den vollauf befriedigt, der sowieso gut geschlafen hat. Dann stand ich auf, wusch mich mit Behagen und wollte mich rasieren. Ach, rasieren - die tägliche Qual des Mannes! Nur Männer mit Bart sind glücklich und frei! Übrigens weckte der Spiegel im Bad bei mir keine unangenehmen Erinnerungen. Nicht dass ich plötzlich ein dickes Fell bekommen hätte. Ich wusste bloß, dass es sich hier um einen ganz normalen Spiegel handelte. Überhaupt erfuhr ich seit meiner kurzzeitigen Metamorphose in einen Vampir allmählich mehr über die Dinge um mich herum - sie musste also ein wichtiges Ereignis in meinem Leben gewesen sein. Damit könnte ich Mädchen imponieren. Falls es hier Mädchen gab, hing mein Erfolg aber nicht unbedingt von solchen Geschichten ab.

Ich ging ins Wohnzimmer. Ehrfürchtig materialisierte sich Kimpa mit einem Tablett am Tisch. Dann erschien Chuf und war fest überzeugt, ihm stünde mehr als die Hälfte des Frühstücks zu. Ich nahm ihn in den Arm, setzte ihn mir auf den Schoß, trank die erste Tasse Kamra, blätterte die Zeitung vom Vortag durch und zog noch aus meinem irdischen Vorrat stammende Zigaretten aus der Tasche. Ich hatte Probleme, am hiesigen Tabak Gefallen zu finden, dessen Geschmack mein Leben verpestete. Was das angeht, bin ich sehr konservativ. Es fällt mir leichter, den Wohnort, die Beschäftigung und selbst die Wirklichkeitswahrnehmung zu wechseln, als mich an eine neue Sorte Tabak zu gewöhnen.

»Gut, dass du kein Vampir geblieben bist«, begrüßte Juffin mich. »Ich wüsste sonst nicht, wie ich dich füttern sollte. Müsste ich Kimpa morgens sagen: -Mein Guter, bringen Sie mir bitte Kamra und belegtes Brot, Sir Max aber einen Krug Blut?« Müsste ich die Nachbarn umbringen und alle dienstlichen Möglichkeiten nutzen, die Spuren der Tat zu beseitigen? Aber Spaß beiseite. Einen vernünftigen Jungen wie dich sollte man nicht wegen jeder Kleinigkeit verspotten. Das ist übrigens ein Lob, wie du vielleicht bemerkt hast.«

»Sie streuen nur Salz in meine Wunde«, lächelte ich und musterte meine am Vortag verletzte Hand, die ich zwischendurch ganz vergessen hatte. Zu meiner Überraschung war sie wieder völlig in Ordnung. Nur eine dünne Narbe, die man eher für die Lebenslinie hätte halten können, war zurückgeblieben, als wäre die Verletzung schon Jahre her.

Juffin bemerkte mein Staunen.

»Das ist nur Schwarze Magie zweiten Grades - in Form einer guten Creme. Kimpa hat dich gestern behandelt, als du noch überlegt hast, ob es sich lohnt, wieder zu Bewusstsein zu kommen. Was wundert dich denn so?«

»Alles.«

»Das ist dein gutes Recht. Ah, nun sind wir alle beisammen!«

Sir Schürf Lonely-Lokley, dessen Abwesenheit die Kollegen mehrmals bedauert hatten, wurde seiner sprichwörtlichen Frohnatur gerecht, indem er mich grundlos durchschüttelte. Ausgerechnet mich! Den Bewohnern von Echo waren die Doppelgängerqualitäten von Lonely-Lokley nicht bekannt, weil die Rolling Stones in dieser Welt noch nicht gastiert hatten. Nur ich konnte die erstaunliche Ähnlichkeit zwischen Sir Schürf und dem Glückspilz Charlie Watts bewundern.

Diese Ähnlichkeit erstreckte sich auch auf die versteinerte Miene, die enorme Körpergröße und die überraschende Magerkeit. Andererseits war die Gestalt in einen hellen Lochimantel gehüllt, trug einen schneeweißen, bläulich schimmernden Turban und hatte obendrein riesige Handschuhe aus grobem Leder an, auf denen Buchstaben des Runenalphabets prangten ... Mein Kulturschock dürfte also nur zu verständlich sein!

Die Begrüßung des neuen Kollegen verlief indessen ohne Überraschungen. Wir beendeten die Formalitäten rasch und setzten uns zu Tisch. Lonely-Lokley nippte feierlich an seiner Kamra. Ich erwartete noch immer, er werde Trommelstöckchen aus der Brusttasche ziehen, und saß wie auf Kohlen da.

»Ich habe viel von Ihnen gehört, Sir Max!«, wandte sich mein neuer Kollege höflich an mich. »In der Freizeit blättere ich häufig in Büchern. Darum wundert mich Ihre Ernennung nicht. Viele bekannte Forscher weisen auf beachtliche Traditionen hin, die bei den Bewohnern der Leeren Länder die Entwicklung magischer Praktiken begünstigt haben, Praktiken, die wir übernommen haben. Selbst Sir Manga Melifaro erwähnt im dritten Band seiner Enzyklopädie der Welt Ihre Landsleute.«

»Melifaro?«, staunte ich. »Wollen Sie damit sagen, dass dieser Bursche nicht nur das Tagesantlitz des Ehrwürdigen Leiters ist, sondern obendrein die Enzyklopädie der Welt geschrieben hat? Das hätte ich nicht gedacht.«

»Wenn Sie meinen Arbeitskollegen im Sinn haben, kann ich mich Ihnen nur anschließen. Sir Melifaro ist kaum zu systematischer wissenschaftlicher Arbeit geeignet«, nickte Lonely-Lokley.

»Manga Melifaro, der Verfasser der Enzyklopädie der Welt, die ich immer wieder für meine Bibliothek zu kaufen vergesse, ist der Vater des armen Tropfs, der am Spiegel hängt«, erklärte Juffin. »Wenn dieses Abenteuer glücklich überstanden ist, werde ich Sir Melifaro verdonnern, uns beiden eine komplette Ausgabe der Werke seines Vaters zu schenken. Der Arme wird sich bestimmt darüber freuen, weil sein ganzes Haus von Vaters Geschreibsel überquillt. Man kann sich bei ihm kaum noch bewegen.«

Sir Lonely-Lokley wartete geduldig, bis wir fertig waren, und fuhr dann fort: »Sie sind mir ins Wort gefallen, mein Herr. Ich wollte noch sagen, dass Sir Manga Melifaro im dritten Band seines Werks schreibt: >An den Grenzen der Leeren Länder wohnen die unterschiedlichsten Leute, die mitunter über erstaunliche Fähigkeiten verfügen - nicht nur wilde Barbaren, wie bisher angenommen.« Darum freue ich mich sehr, Sie kennenzulernen, Sir Max.«

Im Namen aller Bewohner der Grenzgebiete sprach ich dem Großherzigen Meister, den man auch Schnitter des Lebensfad


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ens nennt, meine Dankbarkeit aus.

»Also, Leute, gehen wir!«, rief Juffin schließlich und stand auf. »Übrigens, Sir Schürf - wir brauchen noch einen Spiegel. Der größte hängt im Flur. Den hab ich auf dem Flohmarkt gekauft, zu Beginn der Epoche des Gesetzbuchs. Damals gab es hier noch keine Antiquitätenläden, obwohl die Nachfrage nach Luxuswaren gerade angezogen hatte. Nicht die günstigste Zeit für Neuanschaffungen also. Ich fürchte, das war der teuerste Spiegel des Linken Flussufers - runde fünf Kronen hat er mich gekostet. Was man nicht alles opfern muss!«

Wir gingen in den Flur. Der Spiegel war wirklich riesig und zweifellos seine fünf Kronen wert - auch wenn ich mich damals in den ökonomischen Verhältnissen von Echo noch nicht so gut auskannte.

Wie sollen wir das bloß schaffen?, dachte ich erschrocken. Aber zu dritt geht es vielleicht.

Juffin regelte das anders. »Schürf, nimm ihn! Wir gehen!«

Ich hatte mir schon gedacht, dass der stets so förmliche Sir Schürf über legendäre Körperkräfte verfügte.

Darum war er für die ganze Sache ja auch so wertvoll. Aber er trug den schweren Spiegel gar nicht, sondern fuhr mit behandschuhter Pranke lässig von oben nach unten übers Glas ... und ließ ihn dabei in der Hand verschwinden. Mir klappte die Kinnlade runter.

»Juffin, können Sie mir das auch beibringen?«

Meine Selbstbeherrschung reichte gerade noch dazu, nicht zu schreien, sondern Stumme Rede zu benutzen. Vielleicht konnte hier ja jeder so etwas problemlos schaffen?

»Na klar«, antwortete Juffin ungerührt. »Oder Sir Schürf übernimmt das. Erinnere uns daran, wenn wir mehr Zeit haben.«

Das Haus von Sir Makluk ähnelte einer verwahrlosten Gruft. Sir Lonely-Lokley, der stets nach Vorschrift vorging, öffnete die Tür und betrat als Erster das Schlafzimmer. Wir folgten ihm. Seit unserem letzten Besuch hatte sich nichts geändert.

Als ich den armen, reglosen Melifaro sah, verließ mich der Mut. Wie hatte ich glauben können, es ließe sich noch was machen? Und wenn unser Rettungsversuch scheiterte? Was waren wir dann? Mörder? Oder nur ganz normale Dummköpfe? Gute Frage! Ein praktisches und zugleich moralisches Problem, über das ich mir vermutlich demnächst den Kopf würde zerbrechen können.

Sir Lonely-Lokley sah die Lage pragmatischer. »Gut, dass er schweigt«, sagte der freundliche Mann und wies mit dem Kopf auf Melifaro. »Das sollte immer so bleiben!«

In seiner Stimme lag keine Schadenfreude. Der stille Melifaro gefiel ihm einfach besser als der gesprächige. Ein überaus geschmackssicheres Urteil.

Kaum hatte er es ausgesprochen, schüttelte Lonely- Lokley die Faust und öffnete sie. Juffins Riesenspiegel landete zwischen dem denkmalgleich erstarrten Melifaro und dem geheimen Spiegeleingang in eine andere, feindselige Dimension.

»Er steht etwas schief«, kommentierte Juffin. »Wir müssen ihn ein wenig nach rechts verschieben.«

»Wir, Sir?«, meinte der herrliche Lonely-Lokley kühl. »Das schaffe ich auch allein.« Bewundernswert lässig hob er den Glaskoloss mit der linken Hand. Seine legendären Körperkräfte hatten ihn also auch hier nicht verlassen. Als ich das sah, stockte mir der Atem wie einem jungen Kraftsportler, dem Arnold Schwarzenegger leibhaftig begegnet!

Juffin schaute sich das Ganze missmutig an. Alles war bestens: Der hiesige und der mitgebrachte Spiegel reflektierten einander nach Kräften. Und wichtiger noch: Sir Juffins Spiegel schirmte Melifaro von dem blutrünstigen Monster ab.

Der Leiter des Geheimen Suchtrupps warf einen Abschiedsblick auf sein kostbares Stück und befahl: »Sir Schürf, bereiten Sie sich vor! Max, hinter meinen Rücken! Oder besser: auf die Türschwelle! Du hast getan, was du konntest. Jetzt hast du nur noch eine Aufgabe: am Leben zu bleiben. Das ist mein Ernst!«

Ich gehorchte und bezog an der Tür Posten. An Juffins Befehl gab es - das muss ich gestehen - nicht viel zu meckern.

Sir Lonely-Lokley zog die Handschuhe aus. Jetzt verstand ich das Gerede über seine außerordentlich geschickten Hände. Seine Gelenke waren halb durchsichtig und funkelten in der Nachmittagssonne. Er ließ die langen Krallen durch die Luft fahren und schob sie dann unter seinen weißen Mantel. Ich verdrehte wie verrückt die Augen, da ich meine Begeisterung nicht anders äußern konnte. Plötzlich wusste ich, dass ich vor kurzem etwas Ähnliches gesehen hatte. Aber wo? In einem Alptraum vielleicht? Sir Juffin erbarmte sich meines armen Kopfs und erklärte mir flüsternd: »Erinnerst du dich daran, wie wir das Gedächtnis der Stecknadel untersucht haben? Der Orden der Eisenhand! Weißt du, wovon ich rede?«

Ich begriff und wollte fragen, ob die abgehackten Hände zu Gliedern unseres erstaunlichen Freunds geworden seien, doch Juffin kam mir zuvor: »Das sind Handschuhe. Später erkläre ich dir das. Jetzt müssen wir uns mit dieser Sache beschäftigen!«

Damit ging er zum reglosen Melifaro hinüber und stellte sich auf Zehenspitzen, um zu sehen, was in den Spiegeln passierte. Ich wartete atemlos.

Diesmal gab es keinen Tanz. Nur Juffins Körpersprache und Miene drückten eine ungeheure Anspannung aus. Dann entkrampfte er sich plötzlich und machte eine sanfte Bewegung, als zöge er ein Tuch von einer teuren Vase. Fast im gleichen Moment stieß er Melifaro mit ganzer Kraft. Der eben noch Erstarrte krümmte sich zusammen, flog in die gegenüberliegende Zimmerecke und stürzte zu Boden. Sir Lonely-Lokley, der die linke Hand noch immer unterm Mantel versteckt hielt, sprang zu ihm und wühlte mit der Rechten durch seine Kleider. Ich verstand sofort, warum: Lonely-Lokley zerstörte die dünnen, schillernden Fäden, die das Opfer umgaben. Das war eine schier unlösbare Aufgabe. Genauso gut hätte er versuchen können, einen Dorfköter von Flöhen zu befreien. Sir Juffin hielt sich abseits und ließ die Spiegel nicht aus dem Blick.

»Max«, rief er mir zu, »wir schaffen das! Du kannst zuschauen, aber vorsichtig. Vorsichtiger als gestern, klar?«

Von meinem Standort aus konnte ich zwar nicht alles sehen, war aber klug genug, nicht näher zu kommen.

Der Spiegel geriet in Bewegung. Sein Bewohner war auf gewacht und schien hungrig und verärgert. Im zweiten Spiegel rührte sich schon sein Doppelgänger. Die Ungeheuer musterten einander interessiert.

Ich sah den plumpen, schwach konturierten Körper des Monsters, das einem fettsüchtigen Frosch ähnelte. Dem Dickwanst wuchsen - wie seinem Doppelgänger - Haarbüschel um das dunkle, feuchte, seltsam anziehende Maul, das ...

Ich schlug die Augen nieder, doch der Anblick hatte sich mir schon eingeprägt. Dann nahm ich einen ernüchternden Schluck Kachar-Balsam, der mir aber nur kurz half. Hätte ich doch meine Feldflasche mit Balsam dabeigehabt!

Um ein für alle Mal mit dem Bösen fertig zu werden, kniff ich mir ins Ohr und schärfte mir leise ein: »Stark bleiben!« Nach ein paar Sekunden war ich wieder völlig in Ordnung, gewann meine Neugier zurück und wandte mich den Spiegeln zu.

Das Erste, was ich sah, war die Silhouette von Sir Lonely-Lokley. Er ragte hinter zwei schleimigen Klumpen auf, die in erbittertem Kampf ineinander verkeilt waren. Der Doppelgänger - das musste man ihm lassen - war nicht schlechter als das Original. Das Ekel erregende Knäuel rollte über den Boden. Die Vorstellung, das Doppelmonster könnte sich zwischen meine Beine werfen, ließ mir beinahe schwarz vor Augen werden. So groß war mein Abscheu, dass ich über die Gefahr, die eine solche Attacke bedeutet hätte, kaum nachdachte.

Die linke Hand von Sir Lonely-Lokley stieg mit einer erstaunlich hübschen, lakonischen und doch mächtigen Geste langsam nach oben. Seine Fingerkuppen blitzten wie Funken beim Schweißen. Ein unhörbares, aber durch Mark und Bein fahrendes Kreischen zwang mich in die Knie. Die beiden Wesen spuckten weißes Feuer. Ich vermutete, dieses Feuerwerk leite beider Ende ein, aber dann geschah etwas Unerwartetes. Die Spiegel fingen an, sich aufs Neue zu bewegen. Ihre wechselseitige Reflexion ließ den Raum zwischen ihnen wie durch magnetische Anziehung schwinden. Sollten sie einander berühren, hätte das für uns sicher unvorhersehbare Folgen.

» Max! Runter! «, rief Juffin.

Ich gehorchte, ohne zu zögern. Er selbst hastete zum seit dem Vortag kaputten Fenster und blieb dort vorsichtig stehen. Mit fließender Bewegung zog Sir Lonely- Lokley Melifaros Körper zurück, hockte sich hin und verschränkte die Arme vor der Brust.

Inzwischen hatten die Spiegel einander berührt, ließen ein leises, aber deutliches Krachen hören und krümmten sich wie Segel im Wind.

Wir befanden uns offenbar in relativer Sicherheit. Mit uns hatten die Spiegel keinen Kontakt. Eine ins Unendliche der eigenen Spiegeltiefe sich erstreckende Abscheulichkeit traf auf ihr Doppel und verflocht sich mit ihm zu einem Möbius'schen Band einander zu verschlingen trachtender Spiegelelemente, bis nur noch ein dunkles Knäuel sumpfiger Schmiere übrig war.

»Na also, Sir Schürf. Ich vermute, jetzt sind Sie dran«, stellte Juffin sichtlich begeistert fest.

»Das denke ich auch.«

Einen Moment später war von der Ausstattung des Zimmers nichts mehr übrig.

Juffin sprang auf und musterte Melifaro, der zusammengekrümmt am Boden lag.

»Ein normaler Ohnmachtsanfall«, bemerkte er frohgemut. »Nichts weiter. Dafür sollte er sich schämen! Gehen wir. Max, hilfst du mir bitte, das Haus in Ordnung zu bringen? Und Sie, Sir Schürf, liefern dieses kostbare Stück Fleisch bei Kimpa ab. Er soll ihn aufpäppeln, ihn also mit viel Kamra und belegten Brötchen versorgen. Essen Sie mit ihm, was auf den Tisch kommt. Wir stoßen bald zu euch. Komm, Max, gehen wir! Hast du schon durchschaut, was passiert ist? Sündige Magisterwir haben's geschafft! Wir haben ihn gerettet!«

Sir Schürf zog sich mit feierlicher Langsamkeit die fettigen Handschuhe an, deren Notwendigkeit mir inzwischen klar war, hob Melifaro hoch und nahm ihn wie einen zusammengerollten Teppich unter den Arm.

Juffin und ich machten unterdessen einen weiteren Gang durchs Haus, das sich langsam vom Fluch des Spiegelmonsters befreite. Die magische Erstarrung der Bewohner verwandelte sich in Tiefschlaf. Das war auch besser, denn dieser Schlaf tilgte die Erinnerung an die widernatürlichen Geschehnisse aus der anderen Welt und ließ alles vergessen. Keinen der Bewohner würde die Beschwörung der vorigen Nacht fürs Leben zeichnen. Am nächsten Tag würde alles wieder in Ordnung sein. Man musste nur noch die beiden bedauernswerten Diener schützen, die am Springbrunnen getollt hatten, gründlich aufräumen und putzen und eine gute Heilerin rufen, die den Hausgenossen für die nächsten zwei Dutzend Tage beruhigende Kräuter verordnete.

Alles hätte viel schlimmer enden können.

Wir gingen in den Obstgarten.

»Wie schön es hier ist!«, seufzte ich begeistert.

Sir Juffin Halli klopfte mir zwischen die Schulterblätter, was im Vereinigten Königreich nur unter guten Freunden geschieht.

»Du hast dich als Böiger Wind erwiesen, Max. Noch böiger, als ich dachte. Und ich hatte keine schlechte Meinung von dir - das kannst du mir glauben!«

»Als Böiger Wind? Was soll das heißen, Juffin?«

»So nennt man hier Leute, die sich jeder Voraussage entziehen. Leute, von denen man nie weiß, ob sie die nächste Sekunde noch erleben, wie sie sich bei einem Streit verhalten und welche Auswirkung Magie oder der Dschubatinische Säufer auf sie hat. Man weiß auch nie, wie viel so eine Person mittags isst. Heute macht sie alle Töpfe leer, morgen predigt sie Enthaltsamkeit. So einen Böigen Wind habe ich gebraucht, einen frischen Wind aus einer anderen Welt. Du bist ein echter Hurrikan, Max! Ich kann nur sagen: Schwein gehabt!«

Zuerst war ich verlegen, doch dann dachte ich mir:

Ach was! Ich bin wirklich ein guter Kerl. Wenigstens in der Geschichte mit dem Spiegel des alten Sir Makluk. Meine Bescheidenheit verschiebe ich auf später, wenn die Zahl meiner Heldentaten das zehnte Dutzend übersteigt.

Zu Hause erwartete uns nicht nur der Kamra schlürfende Sir Lonely-Lokley, sondern auch der zwar blasse, aber muntere Melifaro. Er griff beherzt nach belegten Brötchen, und ein Tablett lag auf seinem Schoß. Chuf verfolgte sein Tun sehr interessiert. Die Krümel um seine Schnauze ließen vermuten, dass auch Melifaro eine Schwäche für das Tier hatte.

»Es war sehr leichtfertig von Ihnen, mich zu retten«, meinte er und strahlte übers ganze Gesicht. »Schließlich plündere ich jetzt Ihre Speisekammer!«

»Die hätte schon lange mal geplündert werden müssen«, sagte Juffin. »Bedank dich lieber bei Max. Er ist dein eigentlicher Retter.«

»Du also hast das Fröschlein gefressen, Freundchen?«, meinte Melifaro mit vollem Mund. »Ich dachte, unsere großen Zauberer hätten ihn fertiggemacht.«

»Schürf und ich haben ordentliche Handarbeit geleistet«, gab Juffin bescheiden zu. »Aber davor hat Max Kopfarbeit leisten müssen. Wenn er nicht die tolle Idee mit dem zweiten Spiegel gehabt hätte, wärst du jetzt selbst ein belegtes Brötchen. Kannst du dich eigentlich an etwas erinnern, du Glückspilz?«

»An gar nichts. Lokley-Lonely hat mir alles auf die Schnelle erzählt, aber seine Version war nicht plastisch genug. Ich brauche eine literarische Darstellung!«

»Du brauchst keine plastische Schilderung. Kau lieber richtig, sonst erstickst du uns noch!«

Sir Schürf nickte grimmig. »Melifaro, mein Name ist Lonely-Lokley, und es würde mich sehr freuen, wenn Sie sich das endlich merken könnten. Nur zwölf Buchstaben in der richtigen Reihenfolge - das ist doch nicht allzu kompliziert, oder?«

»Ich habe doch Loneky-Lonkey gesagt«, rief Melifaro und wandte sich stürmisch an mich. »Bist du wirklich mein eigentlicher Retter? Nicht schlecht, Sir Nachtalptraum! Ich bin dir etwas schuldig.«

Damit kam der Augenblick meines Triumphs. Eine würdige Antwort hatte ich schon unterwegs vorbereitet: »Unsinn! Bei uns in den Leeren Ländern hat jeder Nomade so ein Spieglein im Zelt. Ich verstehe nicht, warum man in der Hauptstadt wegen einer solchen Kleinigkeit so viel Aufhebens macht.«

Schürf Lonely-Lokley war höflich erstaunt. »Tatsächlich, Sir Max? Merkwürdig, dass kein Forscher je davon berichtet hat.«

»Merkwürdig ist das nicht«, gab ich mit diebischer Freude zurück. »Die, die davon hätten erzählen können, sind für immer verstummt: Wir haben sie an unsere Haustiere im Spiegel verfüttert!«

Sir Juffin Halli brach in kurzes Gelächter aus. Melifaro hob verblüfft die Brauen, begriff dann aber, dass ich einen Scherz gemacht hatte, und lachte ebenfalls. Lonely- Lokley zuckte wohlwollend die Achseln und wandte sich seinem Krug zu.

»Ihr solltet eure Kräfte schonen, Leute!«, warnte Juffin. »Heute gibt's im Fressfass ein Fest: Melifaros Auferstehung! Sollen andere machen, was sie wollen - wir feiern mit Max! Das haben wir uns verdient. Sir Schürf, Sie kommen mit uns. Das ist ein Befehl! Melifaro, du auch - es sei denn, du bist zu schwach und willst dich untersuchen lassen. Wir können uns auch stellvertretend für dich austoben!«

»Ich und schwach? Kein Gedanke! Sie müssen mich nur zum Fressfass fahren.«

»Dann ist ja alles klar. Wir fahren dich bis vor die Tür und werfen dich über die Schwelle. Du weißt noch gar nicht, wie großartig Sir Max A-Mobil fährt. Da kommt was auf dich zu! Diese Fahrt wird dich erschüttern.«

»Dann muss ich mir das noch überlegen. Max, bist du wirklich ein Rennfahrertyp?«

Ich zuckte stolz die Achseln.

»Das glaube ich nicht, aber Sir Juffin war unzufrieden. Er hat mich immer wieder gebeten, langsamer zu fahren, obwohl ich fast wie eine Schnecke gekrochen bin. Es wäre interessant zu wissen, warum er das getan hat.«

Melifaro sprang auf.

»Wenn das stimmt, seid ihr in euren Leeren Ländern wirklich vollkommen. Warum habt ihr uns eigentlich noch nicht erobert?«

»Die Kriegsbereitschaft in Grenzgebieten ist normalerweise eher gering«, bemerkte Lonely-Lokley dozierend. »Dafür sind die intellektuellen Möglichkeiten der Bewohner dort zweifellos größer als die unseren. Im Gegensatz zu Ihnen hat Sir Max meinen Namen von Anfang an richtig auszusprechen gewusst. Ein beeindruckendes Ergebnis, fürwahr!«



Dschuba Tschebobargo und andere nette Leute

Max, bist du sicher, dass sie dir gefällt?«, fragte Juffin ein wenig verlegen. »Oder hast du dich noch nicht an den Gedanken gewöhnt, dass der König deine Wohnung bezahlt?«

Ich musste lachen. Noch am Vortag hatte ich befürchtet, das Haus sei für mich allein viel zu riesig. Immerhin hatte es zwei Etagen, und auf jeder gab es ein sportplatzgroßes Zimmer. In Echo geizt man nicht mit der Wohnfläche und bevorzugt geräumige, zweibis dreigeschossige Häuser. Das von mir favorisierte Haus in der Straße der alten Münzen war etwas kleiner als seine Nachbarn, gefiel mir aber gerade deshalb sehr. Juffin dagegen frotzelte, ich würde Nester bevorzugen.

»Wir Leute aus den Grenzgebieten sind Sklaven unserer Gewohnheiten«, stellte ich fest. »Wenn Sie die Zelte derer kennen würden, die zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren Ländern leben ...«

Dieser konspirative völkerkundliche Hinweis war eigentlich für den Hausbesitzer gedacht, der ehrerbietig in der Zimmerecke stand. Es war besser, diesem braven Bürger nicht zu sagen, dass sein neuer Mieter aus einer anderen Welt nach Echo emigriert war. Der Arme war übrigens ganz berauscht davon, einen Mieter gefunden zu haben, aber nicht berauscht genug, um nicht auf interessante Informationen über meine Vergangenheit zu lauern.

»Außerdem ist es für meinen Arbeitgeber sehr günstig, wenn ich mich für diese Wohnung entscheide. Denn je schlimmer es bei mir daheim aussieht, desto mehr Zeit verbringe ich im Büro.«

»Sehr vernünftig, Max. Oben schläfst du, unten empfängst du Gäste - aber wo wohnt das Personal?«

Ich beschloss, meinen Chef endgültig zu frappieren.

»Ich brauche kein Personal. Ich will keine fremden Leute bei mir herumlaufen haben, die die Bücher einräumen, die ich offen habe liegen lassen, in meinen Sachen herumwühlen, mein Gepäck tragen und mir verlogen in die Augen sehen, wenn sie weitere Anweisungen erwarten. Und dass ich für all das auch noch bezahlen soll, kommt ganz und gar nicht in Frage!«

»Alles klar, Max. Wir haben es bei dir offenbar mit einem Asketen von der strengen Observanz zu tun, dessen eigentlicher Beweggrund pathologischer Geiz ist. Wofür willst du dein Gehalt eigentlich ausgeben?«

»Ich werde A-Mobile sammeln. Bei meiner Begeisterung für sportliches Fahren reicht ein Wagen nicht aus.«

Sir Juffin seufzte. Er hielt schon eine Geschwindigkeit von hundert Meilen pro Stunde für eine unbegreifliche Kühnheit - und womöglich hatte er recht. Bis zu meiner Ankunft hatte in Echo die Überzeugung geherrscht, dreißig Meilen pro Stunde solle als Höchstgeschwindigkeit für A-Mobile - die hiesigen Wunder der Technik - gelten. Klar, dass ich durch meinen Fahrstil zu einer stadtbekannten Attraktion avanciert war.

»Wie auch immer: Du bist ein seltsamer Mensch,

Max - ein Haus zu mieten, in dem es nur drei Bäder gibt

Zugegeben - diese Entscheidung war tatsächlich ein Fehler. In Echo ist das Bad ein besonderer Ort, an dem es fünf bis sechs kleine, mit Wasser unterschiedlichster Temperatur gefüllte Wannen gibt. Auch benutzt man diverse Badezusätze. All das gilt nicht als Luxus. Ich allerdings war nicht so verweichlicht. Im Haus von Sir Juffin Halli, das sogar mit elf Wannen aufwarten konnte, empfand ich das tägliche Bad als Schwerarbeit, nicht als Vergnügen. Drei Wannen reichten mir deshalb völlig - davon jedenfalls war ich überzeugt.

»In einem Punkt immerhin hast du recht«, sagte Sir Juffin resigniert. »Ob elf Badewannen oder drei, macht keinen Unterschied, wenn man schläft. Also gut, Junge, es ist ja dein Leben, und du sollst es dir einrichten, wie es dir gefällt. Fahren wir jetzt lieber schon mal ins Fressfass. Es ist besser, wenn wir dort heute früher landen als die anderen.«

Das Dienst-A-Mobil stand gleich um die Ecke. Als der Hausbesitzer die ersehnte Unterschrift unter seinen Vertrag bekommen hatte, konnte er sein Glück kaum fassen und verschwand eiligst.

Das Fressfass - das hübscheste Wirtshaus von Echo - nahm uns warm in die Arme. Wir setzten uns an unsere Lieblingsplätze, also zwischen das Fenster und die angeblich längste Theke der Stadt. Ich hatte einen eher enttäuschenden Ausblick auf die Straße, Sir Juffin hingegen die herrliche Aussicht auf die Theke und den gewaltigen Busen von Madame Zizinda.

Wie beabsichtigt waren wir die Ersten. Später sollte ich den Kollegen offiziell vorgestellt werden, und solche Zeremonien ließ Sir Juffin traditionsgemäß im Fressfass steigen. Die Prozedur wurde dadurch erleichtert, dass ich bereits zwei Mitglieder des Kleinen Geheimen Suchtrupps kennengelernt hatte - Sir Melifaro nämlich, das Tagesantlitz von Sir Juffin Halli, und Sir Schürf Lonely- Lokley, den Schnitter des Lebensfadens. Die beiden hatten mich schon beschnuppern dürfen, als wir den tobenden Spiegel des alten Sir Makluk bekämpft hatten. Meine neuen Bekannten hatten gewichtige Eindrücke von mir bekommen und sie vermutlich längst - und zwar bedrohlich flüsternd - auf den Arbeitssitzungen bei einer Tasse Kamra weitererzählt. Und geheimnisvolle Bemerkungen von Sir Juffin Halli hatten nur weiteres Öl ins Feuer gegossen.

So war ich zu meinem Supermann-Image gekommen, das zwar schmeichelhaft war, mir aber auch viel abverlangte. Trotz meiner Nervosität war ich Juffin Halli dankbar, so früh mit mir ins Fressfass gegangen zu sein. Egal wie es weitergehen würde: Ich hatte einen warmen Sitzplatz. Und vielleicht würde mir ja auch in der Seele warm, wenn ich erst ein Gläschen Dschubatinischen Säufer bekäme.

Rasch aber stellte sich heraus, dass der Dschubatinische Säufer längst nicht das Beste war, was es hier zu kosten gab. Wir bekamen ausgezeichnete Kamra und einen aromatischen Likör, dessen Name - Tränen der Finsternis - mich etwas entmutigte. Doch ich hatte mir ganz überflüssige Sorgen gemacht: Mochten den Schöpfer des Likörs bei der Namensgebung auch poetische Neigungen geleitet haben - sein Geschmack war unvergesslich.

»Entspann dich, Junge«, meinte Juffin und lächelte mich an. »Melifaro und ich haben so viel Unsinn über dich verbreitet, und Sir Lonely-Lokley hat dazu so beredt geschwiegen, dass die Übrigen - falls sie überhaupt kommen - sicher alle schützenden Amulette angelegt haben, die sie nur auftreiben konnten.«

»Das kann ich mir vorstellen. Sagen Sie, Juffin, gehört die ältere Dame am Nachbartisch etwa zu unserem Trupp? Sie sieht mich ständig so zaghaft an.«

Zu meiner Verwunderung fixierte mich Juffin fast bedrohlich. »Warum hast du das gesagt, Max? Kannst du mir das erklären?«

»Das war nur ein Scherz. Diese Dame ist plötzlich aufgetaucht und hat mich die ganze Zeit angeschielt.«

»Ich wundere mich immer mehr über dich, Max!«

»Wie meinen Sie das?«

»Morgen kaufe ich mir jedenfalls selbst ein paar Amulette.«

Die füllige ältere Lady stand auf, wickelte sich in ihren Lochimantel und kam auf uns zu. Dabei veränderte sich ihr Gesicht, und sie kam als untersetzter Gentleman bei uns an. Ich schaute verblüfft drein und begriff nicht, was da passiert war.

»Du bist es wirklich!«, sagte der Ankömmling ehrerbietig und legte die Hand über die Augen, wie es sich beim Kennenlernen gehörte. Ich wiederholte die Begrüßungsgeste unverzüglich.

»Sehr erfreut, mich vorstellen zu dürfen. Mein Name ist Kofa Joch, und ich bin der Meister des Verhörs. Herzlieh willkommen, Junge. Du hast mich gerade erschaffen. «

»Das hatte ich nicht vor, Sir«, begann ich verlegen. »Das war bloß ein Scherz ...«

»Sag noch, dass du es nie wieder tun wirst, Max«, rief Juffin und brach in Gelächter aus. »Schau nur, wie schuldbewusst er dasitzt! Mensch, jeder andere würde an deiner Stelle vor Hochmut platzen!«

Sir Kofa Joch lächelte sanft. »Er berechtigt zu großen Hoffnungen. Schließlich brauchen wir für unsere Einheit mindestens eine bescheidene Person.« Mit diesen Worten setzte er sich neben Juffin und damit mir gegenüber und trank genüsslich seine Kamra.

»So eine leckere Kamra gibt es nirgendwo sonst!«, stellte er fest und lächelte erneut. »Ich habe interessante Neuigkeiten für euch. Überall in der Stadt tratscht man über das neue Nachtantlitz des Ehrwürdigen Leiters, also über dich, mein Junge. Zwei Versionen sind dabei im Umlauf. Nach der einen soll Juffin Halli ein Wesen aus der Welt der Toten nach Echo gebracht haben. Na, gefällt dir das, Max? Die andere Version ist vielleicht pikanter: Der Ehrwürdige Leiter soll seinem unehelichen Sohn, den er die ganze Zeit im Grenzgebiet versteckt hatte, einen Posten in der Verwaltung besorgt haben. Na, sind Sie begeistert, Juffin?«

»Warum können die Leute sich nichts Witzigeres ausdenken?«, murmelte mein Chef. »Die hauptstädtische Mythologie blüht vor allem auf zwei Sektoren: dem der verbotenen Magie und dem der Beziehungsabenteuer meiner Jugend. Letztere erregen hier besonderes Interesse, weil ich - anders als normale Leute - nicht in Echo zur Welt gekommen bin, sondern aus Kettari stamme. Darum denken hier alle, in der Provinz ergehe man sich den lieben langen Tag in Unzucht und Ausschweifungen, weil man ja sonst nichts zu tun habe ... Tja, Kofa, ich muss den König vielleicht bald um Gehaltserhöhung bitten. Tagaus, tagein so ein dummes Zeug hören zu müssen, kostet viel Kraft.«

»Halb so schlimm. Die ersten achtzig Jahre hat mich das sehr geärgert, aber dann hab ich mich daran gewöhnt. Ich arbeite mit Juffin nämlich schon sehr lange, Max«, meinte Kofa Joch und schenkte mir wieder sein sanftes, gönnerhaftes Lächeln.

»Kofa hat als Polizeigeneral am Rechten Flussufer gearbeitet und mehrere Jahre lang versucht, mich zu verhaften«, meinte Juffin. »Ein paarmal hätte er beinahe Erfolg gehabt. Aber das ist schon eine Weile her und geschah noch vor dem Kampf um das Chrember-Gesetzbuch. Das waren Zeiten! Jeder Bewohner von Echo konnte damals mit Magie hundertsten Grades Brot backen! Kannst du dir das vorstellen?«

Ich nickte schweigend. Es ist schwer, sich daran zu gewöhnen, dass man in Echo deutlich mehr als hundert Jahre alt wird. Viele große Persönlichkeiten und die Mehrheit meiner Bekannten schaffen es, ihr abenteuerliches Leben fast ins Unendliche zu verlängern.

Wie alt mochte Sir Kofa sein? Er sah höchstens wie sechzig aus, allerdings nach irdischen Maßstäben. In diesem Alter gilt man hier als Jugendlicher. Melifaro zum Beispiel, von dem ich geglaubt hatte, er sei in meinem Alter, war schon hundertfünfzehn Jahre alt. Er wurde an dem Tag geboren, an dem König Gurig VII. die rebellischen alten Orden endgültig besiegt und das Chrember-Gesetzbuch verkündet hatte, also am ersten Tag der neuen Epoche des Gesetzbuchs. Er scherzte zwar oft darüber, war aber insgeheim - wie ich glaube - sehr stolz darauf.

Ich traute mich nicht, Sir Juffin nach seinem Alter zu fragen. Vielleicht hatte ich einfach Angst, als Antwort ein Rätsel zu bekommen. Außerdem war ich erst dreißig! In diesem Alter waren sie noch Kinder gewesen und hatten gerade Lesen und Schreiben gelernt.

Während ich dies noch überlegte, trudelten weitere Mitarbeiter unserer Einheit ein. Ein junger Mann in prächtigem lila Lochimantel, der seinen enorm langen Körper verbarg, lächelte mich schon von der Türschwelle schüchtern an. Unterwegs warf er mit lautem Krachen einen Stuhl um und entschuldigte sich dafür so herzlich bei einer Dame mittleren Alters, die in der Nähe saß, dass sie dem Tollpatsch mit einem langen, sanften Blick verzieh. Diese sympathische Person sprach mich schon von weitem an und gestikulierte dabei verzweifelt.

»Ich freue mich, Ihnen endlich persönlich sagen zu können, wie sehr ich von Ihnen begeistert bin, Sir Max! Ich möchte Sie so vieles fragen und habe die letzten Tage vor Ungeduld und Neugier gebrannt, wenn Sie mir diese Formulierung erlauben.«

»Und wer sind Sie?«, fragte ich überrascht. Ich fühlte mich wie ein von einem Fan bedrängter Popstar.

»Verzeihen Sie! Vor Begeisterung hab ich ganz vergessen, mich vorzustellen! Ich bin Sir Lukfi Penz, der Oberste Wissenshüter. Stets zu Ihren Diensten!«

»Dieses Naturwunder passt auf unsere Buriwuche auf«, ergänzte Juffin. »Besser gesagt: Die Buriwuche passen auf ihn auf.«

Mein Interesse an Sir Penz wuchs rasant, da ich schon viel über diese klugen Vögel gehört hatte, die aus dem entfernten Arwaroch stammten. Im Vereinigten Königreich waren sie fast nirgendwo mehr zu finden. Nur im Haus an der Brücke lebten noch über hundert dieser wundersamen Geschöpfe und dienten als einzigartiges Verwaltungsarchiv. Ihr phänomenales Gedächtnis bewahrte ein Jahrtausend an Daten, Namen und Fakten. Ein Gespräch mit einem Buriwuch war, wie ich rasch begriffen hatte, viel interessanter, als sich durch einen Stapel Papiere zu arbeiten. Ich konnte es nicht erwarten, diese erstaunlichen Tiere zu sehen. Deshalb erschien mir der Mann, der seine Arbeitszeit mit ihnen verbrachte, als eine äußerst nützliche Bekanntschaft.

»Wieso bist du allein gekommen, Lukfi?«, fragte Juffin den Obersten Wissenshüter. Sir Penz setzte sich neben mich und nutzte die Gelegenheit, den Saum seines Mantels in meine Tasse zu tauchen. Das war vorderhand sein letztes Missgeschick.

Als ich seine Gesichtszüge musterte, merkte ich, dass Lukfi Penz nicht mehr der Jüngste war. Er gehörte bloß zu den Leuten, die sehr lange kindlich aussehen, um sich dann plötzlich ihrem Alter optisch anzupassen.

Lukfi lächelte verlegen und sagte: »Wissen Sie, Sir Juffin, die Übrigen versuchen gerade, ein ernstes philosophisches Problem zu lösen - den Konflikt von Macht und Verantwortung.«

»Sündige Magister! Worum geht's d


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enn?«

»Nicht aufregen, Sir! Die drei müssen nur entscheiden, wer von ihnen in der Verwaltung bleibt. Sir Melifaro, Ihr Tagesantlitz, soll - so wollen es die Vorschriften - im Haus an der Brücke bleiben, wenn Sie unterwegs sind. Außerdem kennt er Sir Max schon, so dass sich die Frage der Etikette nicht mehr stellt. Als Ihr Vertreter und unser Vorgesetzter darf er andererseits darüber entscheiden, werbleiben soll.«

Juffin lachte los, und Sir Kofa schmunzelte verständnisvoll.

» Als ich das Haus an der Brücke verlassen wollte«, fuhr Lukfi fort und trank gedankenverloren einen Schluck Tränen der Finsternis aus meinem Glas, »erklärte Lady Melamori, sie kenne Sir Max noch nicht, habe aber keine Lust auf lange Diskussionen, sondern werde in ein anderes Zimmer gehen und dort auf das Ende des sinnlosen Streits warten. Hier erlaube ich mir, anderer Meinung zu sein: Die Diskussion, wer gehen darf und wer bleiben muss, ist auf jeden Fall interessant und nützlich. Dann ist mir noch etwas aufgefallen: Sir Melifaro glaubt womöglich, auch ich sei ein Mitarbeiter des Geheimen Suchtrupps und er könne daher auch mir befehlen zu bleiben. Um dieser Gefahr zuvorzukommen, war ich unhöflich und bin schnell gegangen.«

»Gib Max sein Glas zurück und nimm deins, es ist voller«, flüsterte Sir Kofa Joch ihm sanft zu. »Pass auf - vielleicht ist so eine Verwechslung für einen Bewohner der Leeren Länder ja die schlimmste Beleidigung. Und Sir Max ist in seinem Zorn grausamer, als du dir vorstellen kannst.«

Lukfi Penz sah so erschrocken wie interessiert drein. »Ist das wahr, Max?«

»Sie haben Glück, Sir Lukfi«, sagte ich lächelnd. »Bei uns gilt so eine Verwechslung als kürzester Weg zu einer tiefen Freundschaft. Traditionsgemäß muss ich nun Ihr Glas austrinken. Das tue ich natürlich gern, weil es viel voller ist!«

Sir Juffin schaute mich mit fast väterlichem Stolz an. Lukfis Miene hellte sich wieder auf: »Sehen Sie, Kofa! Und Sie sind gleich von einer Beleidigung ausgegangen! Ich hab bloß einen guten Instinkt. Als ich noch in der Schule war ... ach, meine Herren, verzeihen Sie die Abschweifung, meine Schuljahre sind bestimmt kein interessantes Tischgespräch.« Er wandte sich an mich. »Stimmt es, dass Sie allein und nur nachts arbeiten werden? Wissen Sie, die Nacht ist die merkwürdigste Zeit des Tages. Ich habe immer die beneidet, die es abends nicht ins Bett zieht. Meine Frau Warischa meint zum Beispiel auch, das echte Leben beginne nach Sonnenuntergang. Darum gelingt es mir selten auszuschlafen«, beendete der aufgeregte Mann seine Rede verlegen.

»Macht doch nichts«, tröstete ich den armen Sir Lukfi. »Sie haben bestimmt andere Vorteile.«

»Seht mal, das Verantwortungsgefühl hat gewonnen«, bemerkte Juffin. »Seid gegrüßt, Sieger!«

Ein ziemlich auffälliges Pärchen kam auf uns zu. Der große Sir Schürf Lonely-Lokley mit seinem Charlie Watt-Gesicht trug wie immer Weiß. Er hatte eine kleine, äußerst flinke Frau in elegantem dunkelblauem Lochimantel am Arm. Ich hatte eine Amazone mit breitem Kreuz erwartet, bekam hingegen eine blau gekleidete Elfe zur Kollegin, die das Gesicht von Diana Rigg hatte, einem klassischen Bond-Mädchen. Wie es hier wohl um Affären am Arbeitsplatz bestellt war? Das würde ich Juffin bestimmt demnächst fragen.

Aber Scherz beiseite. Die Dame sah nicht nur gut aus - in ihren dunklen Augen funkelten auch Klugheit und Lachlust. Für mich sind das zwei Seiten einer Medaille. Außerdem spürte ich am ganzen Leib, welche Gefahr von der kleinen Lady ausging - eine Gefahr, die sich sicher mit jener des phlegmatischen Sir Lonely-Lokley messen konnte, und dessen tödliche Hände hatte ich ja schon in Aktion erlebt.

»Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich heiße Melamori Blimm und bin Verfolgungsmeisterin«, stellte die Lady sich leise vor. Zu meinem Erstaunen war sie sichtlich aufgeregt. Sündige Magister - was mochte man ihr über mich erzählt haben?

»Freut mich ebenso«, sagte ich. Das entsprach zwar nicht den Begrüßungsregeln, kam aber von Herzen.

Lonely-Lokley nickte mir mit dem versteckten Stolz eines alten Bekannten zu und setzte sich zu Lukfi Penz. Melamori blieb neben mir stehen, und der herbe Duft ihres Parfüms brachte meine Nasenflügel zum Beben.

»Verzeihen Sie, Max - ich habe Ihnen ein Geschenk mitgebracht. Sir Juffin würde mich als Geizhals abstempeln, wenn ich es nicht getan hätte.« Mit diesen Worten zog sie eine kleine Keramikflasche aus den Falten ihres Mantels. »Diesen Wein haben Sie bestimmt noch nicht probiert. Selbst ich trinke ihn selten, obwohl mein Großvater Kima mich sehr verwöhnt.«

Vorsichtig überreichte sie mir die kostbare Flasche und setzte sich neben Sir Kofa.

Nachdenklich musterte ich das mitgebrachte Gefäß.

»Du hast keine Ahnung, was für ein Glückspilz du bist!«, rief Juffin mir zu und wirkte plötzlich zweihundert Jahre jünger. »Das ist eine absolute Seltenheit. Dieser Wein stammt aus dem ältesten Keller des Ordens des Siebenzackigen Blattes. Kima Blimm - Melamoris Großvater - ist Winzer der Ordensweine. Nur deshalb hab ich seine Enkelin überhaupt eingestellt ... Na, Lady Melamori, seien Sie nicht so schnell eingeschnappt! Sonst glauben die Leute noch, wir kennen uns erst seit gestern Abend. Jemand sollte mal ein Verzeichnis der dümmsten Witze von Sir Juffin Halli erstellen und es dem Trubel von Echo teuer verkaufen.«

»Aber Sir Max kennt mich noch nicht und könnte glauben, ich sei wirklich wegen meiner Verwandtschaft im Geheimen Suchtrupp gelandet«, flüsterte Lady Melamori beleidigt.

»Aber Max kennt doch mich, Unvergessliche. Außerdem hat er Sie bestimmt längst durchschaut. Vor einer halben Stunde hat er auf Sir Kofa gezeigt, der in Gestalt einer prächtigen Lady gekommen war, und mich gleich gefragt, ob die Dame zu meinen geheimen Mitarbeitern gehört. Stimmt's, Max?«

Drei erstaunte Augenpaare fixierten mich, und ich hatte das brennende Bedürfnis, den Inhalt meiner Tasse zu mustern.

Verlegen zuckte ich die Achseln. »Sie machen aus einer Mücke einen Elefanten, Sir. Einmal hab ich zwar richtig geraten, aber ... Zugegeben, als ich Lady Melamori sah, hab ich sofort gedacht, sie sei mindestens so gefährlich wie Schürf. Doch das ist schon alles.« Ich zwinkerte der Lady zu. »Hab ich mich etwa getäuscht?«

Melamori lächelte wie eine satte Katze.

»Alle, die ich ins Cholomi-Gefängnis oder ins Haus an der Brücke geschleppt habe, von wo die Flucht noch schwieriger ist, können Ihre Worte vermutlich bestätigen, Sir Max«, sagte sie mit Unschuldsmiene und fügte hinzu: »Ihr alle schmeichelt mir nur. Sir Schürf ist ein unübertroffener Killer. Ich dagegen lerne sehr langsam. Dafür finde ich Verbrecher sehr schnell!« Melamori zeigte wieder ihre scharfen Zähne. »Mir reicht es völlig, jemandem auf die Spur zu treten. Dann weiß das Verbrecherherz, dass wir uns bald sehen und sein Glück demnächst zu Ende ist.«

Die kleine, gefährliche Lady sah ein wenig verlegen in unsere aufmerksamen Gesichter.

»Verzeihung. Ich hab wohl etwas übertrieben und schweige schon wieder, meine Herrschaften.«

»Macht doch nichts«, antwortete Sir Juffin väterlich. »Nutzen Sie lieber die Abwesenheit von Melifaro. Was meinen Sie, wann er so eine flammende Rede unterbrochen hätte?«

»Beim zweiten Wort«, kicherte Melamori. »Aber wenn ich mit ihm allein bin, kennt seine Ritterlichkeit keine Grenzen! Dann lässt er mich sogar fünf, sechs Worte sagen. Können Sie sich das vorstellen?«

»Nein. In seiner Anwesenheit passiert mir das nie, obwohl ich der Ehrwürdige Leiter bin. Moment mal, Sir Schürf, wie haben Sie Melifaro eigentlich überlistet?«

»Ganz einfach. Ich hab unseren Buriwuch Kurusch gebeten, die Anleitung zu wiederholen, die auch Melifaro bei Dienstantritt bekommen hat. Dort heißt es eindeutig ...«, begann Sir Lonely-Lokley gelassen.

»Schon klar«, sagte Juffin lachend. »Das brauchen Sie nicht weiterzuerzählen. Da ist er ja an den Richtigen geraten!«

Ich folgerte daraus, dass die Harmonie des Kleinen Geheimen Suchtrupps auf dem alten dialektischen Prinzip beruhte, wonach Einigkeit und Streit einander ablösen. Der temperamentvolle Melifaro und der kaltblütige Lonely-Lokley, der unberechenbare Juffin und die kleine, bedrohliche Lady Melamori, überlegte ich gedankenverloren. Wessen Eigenschaften sollte ich wohl ausgleichen? Vermutlich die von allen, wie es sich für ein Wesen aus einer anderen Welt wahrscheinlich gehörte.

Dann konzentrierten sich alle auf die mir geschenkte Flasche.

»Darf ich Sie bitten, Sir Kofa, diesen seltenen Genuss unter uns zu verteilen?« Ich hielt den bejahrten Gentleman für genau den Richtigen, mich in schwieriger Lage an ihn zu wenden.

Mit meiner Großzügigkeit eroberte ich die Herzen aller. Später erzählte mir Juffin, sie wären völlig einverstanden gewesen, wenn ich das Geschenk mit nach Hause genommen hätte. In Echo verzeiht man jede Schwäche für gastronomische Raritäten. Deshalb war meine Großzügigkeit für die hiesigen Feinschmecker eine angenehme Überraschung.

Während der Verkostung versetzte Lonely-Lokley mich erneut in Erstaunen. Aus den schneeweißen Falten seines Lochimantels zog er eine alte, dunkle Holztasse und stellte sie vor Sir Kofa. Das allein fand ich nicht merkwürdig. Ich konnte mir durchaus vorstellen, dass Sir Schürf das vertraute Holzgefäß überallhin mitnahm, besonders zu speziellen Anlässen. Ich merkte nur, dass die Tasse so gut wie keinen Boden hatte. Sir Kofa reagierte darauf nicht im Mindesten und füllte den löcherigen Gral mit dem raren Getränk. Und nicht ein Tropfen ging verloren! Juffin merkte, dass ich dringend wieder eine kurze historische Belehrung brauchte.

»Staune nicht, Max. Sir Schürf ist seinerzeit Mitglied des Ordens der Löchrigen Tasse gewesen und hat als Fischexperte Aquarien beobachtet. Diese Aquarien hatten nicht weniger Löcher als seine Tasse hier. Die Mitglieder des Ordens haben nur Fische aus den eigenen Aquarien gegessen und dazu aus löchrigen Krügen getrunken, stimmt's, mein Freund?«

Lonely-Lokley nickte gewichtig mit dem Kopf und nippte an seinem Getränk.

»Bis zum Beginn der Traurigen Zeit«, fuhr Juffin fort, »hatte der Orden der Löchrigen Tasse mit dem Orden des Siebenzackigen Blattes, dem Wohlwollenden und dem Einzigartigen Orden gute Beziehungen.« Freundschaftlich und ehrerbietig nickte Juffin Lady Melamori zu. »Dennoch hat er sich nicht an wichtige Vereinbarungen gehalten. Wie seine Kollegen darf Sir Schürf das alte Zeremoniell seines Ordens ausüben, darf also auch aus seiner löchrigen Tasse trinken. Zwar setzt er dabei verbotene Magie ein, ist aber verpflichtet, ihre gefährlichen Folgen zu neutralisieren, und tut das auch sofort. Aus dem Zeremoniell zieht er immer aufs Neue eine ordentliche Portion Kraft. Hab ich was vergessen, Sir Lonely-Lokley?«

»Sie haben die Gründe und Folgen meines Handelns kurz, aber kompakt erklärt«, bemerkte Lonely-Lokley nickend. Seine Tasse hielt er in beiden Händen, und auf seinen starren Zügen lag ein Abglanz konzentrierter Wonne.

Nachdem Sir Juffin auf mein Drängen hin ein Tablett mit verschiedenen Speisen und einer Portion von Lady Melamoris Wein zu Sir Melifaro geschickt hatte, war ich sicher, die Herzen all meiner Kollegen erobert zu haben.

An diesem Abend lächelte ich oft und bemühte mich, die Klippen meiner ausgedachten Herkunft zu umschiffen, an denen mich die Fragen des interessierten, aber leichtgläubigen Sir Lukfi beinahe hätten scheitern lassen. Ich kokettierte mit Lady Melamori, lauschte Sir Kofa, sprach den Namen von Sir Lonely-Lokley stets fehlerfrei aus und brachte Sir Juffin zum Lachen. Ich war selbst über mich erstaunt: Nie zuvor hatte Max es geschafft, die Seele einer so großen Gesellschaft zu sein.

Als die Zahl der leeren Teller das Fassungsvermögen der Geschirrspülmaschine überschritt, entschieden wir uns zum Aufbruch. Sir Kofa Joch erbot sich großzügig, nach Melifaro die Schicht zu übernehmen. Sir Juffin Halli gab allen nicht weniger großzügig einen Sorgenfreien Tag. Zusätzlich lud er uns für den folgenden Abend ins Fressfass ein. So gesehen hatte Melifaro eigentlich kaum etwas verpasst.

Also musste das Haus an der Brücke eine letzte Nacht ohne mich auskommen. Diese Zeit wollte ich für den Umzug in mein neues Domizil nutzen, ehe ich am Tag darauf offiziell meinen Dienst würde antreten und binnen weniger Stunden würde begreifen müssen, was man von mir verlangte. Inzwischen zweifelte ich daran, dass mir das gelingen würde.

Lady Melamori stieg in ein Familien-A-Mobil. Die zierliche Verfolgungsmeisterin lächelte zum Abschied geheimnisvoll und sagte mir leise, Max sei ein sonderbarer Name, klinge aber trotz seiner Kürze gut. Dann fuhr sie mit wahrhaft königlichem Pomp nach Hause, begleitet von zwei Musikern, die das Radio im Wagen ersetzen sollten, während Lukfi und Lonely-Lokley mit einem Dienst-A-Mobil davonknatterten.

Uns hingegen holte der alte Kimpa ab, der Haushofmeister von Sir Juffin. Mein Chef benutzte immer den eigenen Wagen, weil er sich, wie er sagte, im Dienst-A- Mobil so unangenehm im Dienst fühlte. Im eigenen Fahrzeug dagegen sei es fast schon wie zu Hause, und man müsse ein Dummkopf sein, um die Möglichkeit nicht zu nutzen, sich eine Stunde früher daheim zu fühlen. Das erschien mir logisch.

Auf dem Heimweg schwiegen wir reichlich. Wenn man weiß, worüber man mit seinem Begleiter reden könnte, ist das ein Zeichen gegenseitiger Sympathie. Zusammen schweigen zu können, ist der Anfang der Freundschaft.

»Bleib noch auf eine Tasse Kamra«, sagte Juffin auf der Türschwelle, und das war keine Bitte, sondern ein Befehl. Der kleine Chuf grüßte uns beim Reinkommen und wedelte vorsichtig mit dem Schwanz. »Max ist da und geht gleich wieder. Weit, weit«, erreichten mich seine kurzen, betrübten Gedanken.

»Es ist doch noch nicht so weit, Chuf!«, tröstete ich ihn. »Ich würde dich gern mitnehmen, aber du willst dich bestimmt nicht von deinem Herrchen trennen. Außerdem kann ich - anders als Kimpa - nicht kochen. Und du bist hier der Feinschmecker. Ich komme dich aber oft besuchen. Einverstanden?«

Mein flaumiger Freund seufzte und leckte sich das Maul. »Zum Mittagessen besuchen!«, reagierte er vorsichtig begeistert.

Sir Juffin war zufrieden. »Dann habt ihr ja alles besprochen. Gut so, Chuf. Gesunder Pragmatismus! Keine Sentimentalitäten!«

Im Wohnzimmer nahmen wir in bequemen Sesseln Platz. Ergeben legte sich Chuf auf meine Füße. Er hatte offenbar beschlossen, mitunter von Juffins Füßen zu weichen. Kimpa brachte Kamra und Gebäck. Mit Genuss zündete ich meine letzte irdische Zigarette an. Jetzt begann mein neues Leben: Würde ich auf Pfeife umsteigen oder mit dem Rauchen aufhören? Beide Möglichkeiten waren nicht sehr verlockend, aber eine dritte gab es nicht.

Wir plauderten kurz über meine neuen Bekannten, und die Neugier von Sir Juffin war grenzenlos. Er interessierte sich für all meine Eindrücke. Wie hatte mir Kofa gefallen, wie Lukfi und Melamori? Als wir über die Lady sprachen, erkundigte ich mich, ob Affären am Arbeitsplatz laut Chrember-Gesetzbuch verboten seien. Wenn es so wäre, hätte Juffin mich gleich wegen verbrecherischer Absichten verhaften können.

»Nicht dass ich wüsste. Seltsame Idee ... Ist bei euch denn so ein Verbot möglich?«, fragte er erstaunt.

»Nein. Man findet es aber nicht richtig, eine Affäre am Arbeitsplatz zu haben - obwohl jeder eine hat.«

»Deine Welt ist ein seltsamer Ort, Max. Dort denkt man das eine und tut das andere. Bei uns denkt man überhaupt nichts. Das Gesetz bestimmt nur das Notwendigste, aber Überzeugung und Tradition beeinflussen unsere Gewohnheiten, obwohl jeder machen kann, was er will. Also vorwärts, wenn es brennt! Allerdings zweifle ich selbst, ob das eine gute Idee ist. Lady Melamori ist ein seltsames Mädchen. Eine unverbesserliche Idealistin, die ihre Einzigartigkeit anscheinend sehr schätzt. Melifaro macht ihr seit Jahren den Hof, und sie hechelt seine Mühen mit jedem ausführlich durch - kaum zu glauben, was?«

»Melifaros Komplimente kann ich mir gut vorstellen: Schieben Sie Ihren prachtvollen Hintern aus meinem Blickfeld, Unvergessliche! Seine göttlichen Umrisse erlauben mir nicht, mich zu konzentrieren!«

Sir Juffin brach in Gelächter aus.

»Richtig, Max. Bist du Hellseher?«

»Unsinn! Mir sind nur ein paar Sachen aufgefallen ...«

»Wie dem auch sei - Melifaro ist der Liebling der Mädchen. Und das, obwohl er nicht rothaarig ist. Gib dir ruhig Mühe, Max, doch ich fürchte, auch du wirst Lady Melamori nicht erobern.«

Ich zuckte die Achseln.

»Bei Mädchen hab ich noch nie Glück gehabt. Anfangs geht es immer gut, doch dann beschließen sie zu heiraten - aber einen anderen. Das ist seltsam, weil ich mich immer in kluge Mädchen verliebt habe. Das hat aber nicht geholfen. Warum vernünftige Leute immer heiraten wollen, ist mir unbegreiflich! Ich habe mich aber daran gewöhnt.«

»Das hört sich an, als hättest du entweder das dickste Fell oder die dünnste Haut im ganzen Königreich.«

»Weder das eine noch das andere. Das ist vermutlich ein kultureller Unterschied. Bei uns soll man Schmerzen möglichst rasch vergessen. Wer dazu nicht imstande ist, erregt Mitleid, in das sich Erstaunen mischt. Verwandte empfehlen solchen Leuten, einen Psychoanalytiker zu besuchen. Das liegt auch daran, dass wir viel kürzer leben - für eine Sache viel Zeit aufzuwenden, ist für uns unverständliche Verschwendung.«

»Wie lange lebt ihr denn?«, wunderte sich Sir Juffin.

»Siebzig, vielleicht achtzig Jahre. Wieso?«

»Ihr sterbt so jung? Ausnahmslos?«

»Ja. Aber es ist nicht so wie bei euch. Mit achtzig sind wir wirklich alt.«

»Und wie alt bist du, Max?«

»Ziemlich genau dreißig. Wann hab ich eigentlich Geburtstag? Ich bin es leid, daran zu denken.«

Sir Juffin war ernstlich beunruhigt. »Dann bist du ja noch ein Kind! Na, ich hoffe, du hast nicht vor, alles nach vierzig, fünfzig Jahren aus Altersgründen hinzuwerfen! Wenn ich mir dich so anschaue ...«

Er sprang aus dem Sessel und betastete schon in der nächsten Sekunde mit eiskalten, schwerfälligen Händen meinen Rücken. Dann wurden sie heiß, und ich hatte das Gefühl, meine Persönlichkeit, die normalerweise hinter den Augen haust, verlagere sich in die Wirbelsäule. Mit meinem Rücken »sah« ich den warmen Glanz, der aus seinen starren Fingern kam. Dann hörte er so unerwartet auf, wie er angefangen hatte. Zufrieden mit dem Ergebnis, kehrte Juffin auf seinen Platz zurück.

»Alles in Ordnung, Junge. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns beiden - auch wenn es dir schwerfällt, das zu glauben. Wie alt man wird, hängt von der Lebensführung ab. In dieser Welt kannst du über dreihundert Jahre leben. Gerade hast du mich aber erschreckt, Max! Was ist dein Vaterland nur für eine Gegend? Aus welcher Hölle hab ich dich geholt?«

»Aus der Welt der Toten«, lächelte ich betrübt. »Die hauptstädtischen Klatschmäuler haben richtig geraten, auch wenn alles halb so schlimm ist. Wenn man von Kindesbeinen an nur eine Welt kennt, hält man notgedrungen alles, was passiert, für selbstverständlich. Ich hab mein Haus verlassen und bereue es nicht. Viele würden das auch gern tun, aber ich würde es nicht unbedingt sofort wiederholen, obwohl ich immer ein Tagträumer war, der sich in einen Pechvogel verwandelte. Die Mehrheit allerdings würde Ihnen sagen, man solle sich mit dem begnügen, was man hat, statt nach etwas Besserem zu suchen. Außerdem klingt die Idee der Lebensverlängerung für viele verlockend. Wenn Sie noch einen meiner Landsleute brauchen, sagen Sie mir Bescheid!«

»Ich brauche aber keinen mehr!«

»Wer weiß, vielleicht ist es demnächst Mode, Sie im Traum zu besuchen.«

»Ich könnte all diesen Leuten doch nie und nimmer eine Stelle besorgen! Aber wer weiß? Ich sollte mich besser nicht festlegen!«

Vieles nimmt ein seltsames Ende. So war es auch mit unserem Zusammenleben: Sir Juffin ging einfach kommentarlos in sein Schlafzimmer, und ich bereitete meinen Umzug vor.

Ich war überzeugt, eigentlich gar nichts packen zu müssen, doch das erwies sich als Irrtum, denn ich besaß inzwischen eine ganze Menge Habseligkeiten: eine rasch wachsende Bibliothek, meine Kleidung, Juffins Geschenke und die hübschen Fundstücke meiner Stadtspaziergänge, bei denen ich diverse Tante-Emma-Läden besucht und dort meinen Vorschuss verpulvert hatte. Meine Bibliothek enthielt die achtbändige Enzyklopädie von Manga Melifaro, die mir sein jüngster Sohn geschenkt hatte, und diese schweren Bände waren nur ein kleiner Teil der Sammlung.

Überdies nahm ich mit, was ich bei meiner Ankunft in Echo angehabt hatte. Es war zwar unwahrscheinlich, dass ich Jeans und Pulli noch mal brauchen würde, aber ich konnte mich nicht von ihnen trennen. Vielleicht würde ich ja doch noch mal nach Hause abhauen müssen, zum Beispiel für Zigaretten.

Gut eine Stunde brauchte ich, um meine Sachen vom Schlafzimmer zum A-Mobil zu schleppen, das am Tor stand. Dann fuhr ich mit fröhlich klopfendem Herzen und leerem Kopf in mein neues Heim. Zu Hause - wie seltsam diese Worte inzwischen klangen!

Ich überquerte die Brücke namens Kamm von Echo, deren Läden und Wirtshäuser anziehend leuchteten. Trotz der späten Stunde war noch überall Betrieb. In Echo können die Leute das Nachtleben auskosten, denn die erlaubte Magie reicht völlig, um ein, zwei Nächte durchzumachen, ohne Gesundheit oder Beruf zu schaden.

Danach landete ich auf dem Rechten Flussufer und gelangte ins Herz der Altstadt. Auf Wohnungssuche hatten mir die engen Gassen hier besser gefallen als die breiten Alleen der Neustadt, des pulsierenden Zentrums von Echo.

Die Mosaikgehsteige in der Straße der alten Münzen hatten ihre Farbe fast verloren, doch ihre Steinchen gefielen mir besser als die leuchtenden Platten, die auf den neuen Straßen verlegt waren. Seit jüngstem wusste ich, dass Dinge Erinnerungen haben und davon erzählen können. Juffin hatte mir beigebracht, ihr Murmeln zu hören und - wichtiger noch - in Bilder zu übersetzen. Und Geschichten hatte ich immer gemocht. In meiner Freizeit würde ich genug damit zu tun haben zu ermitteln, wovon all die Gegenstände in der Altstadt redeten.

Mein neues Haus freute sich, mich zu sehen. Noch vor kurzem hätte ich gedacht, ich fantasiere. Aber inzwischen wusste ich, dass obskure Vorahnungen genauso glaubhaft waren wie klare Tatsachen. Jedenfalls mochten wir uns - ich und mein neues Haus. Das Gebäude war also wieder bewohnt. Sein Besitzer hatte mir erzählt, der Vormieter sei vor etwa vierzig Jahren ausgezogen, und seither seien nur ab und an die Putzfrauen gekommen.

Ich stieg aus dem A-Mobil und trug mein Zeug ins Wohnzimmer. Wie in Echo üblich, war es fast leer. Minimalistische Inneneinrichtungen haben mir immer gefallen, doch ich hatte meinen Geschmack bisher nirgendwo entfalten können. Das Zimmer enthielt nur einen kleinen Tisch, auf dem ich meinen im Fressfass bestellten Vorratskorb absetzte, ein paar bequeme Sessel, die denen im Wohnzimmer von Sir Juffin ähnelten, und ein paar Regale. Was brauchte man auch sonst?

Zwei Stunden ordnete ich genüsslich Bücher und Nippes und ging dann ins Schlafzimmer. Die Hälfte des riesigen Raums bedeckte ein so flaumweicher Boden, dass es kein Risiko, sondern ein Vergnügen sein dürfte, hier aus dem Bett zu fallen. Ein paar Kissen und Felle lagen als verwaistes Häuflein in der Ecke. Weiter weg befand sich eine Garderobe, in die ich einen Haufen bunter Stoffe geworfen hatte: meine hiesige Kleidung. Jeans, Pulli und Weste - meine Erinnerungsstücke also - hatte ich nach ganz unten gepackt. Neben dem Schlafzimmer lag ein kleines Bad, das für die Morgentoilette ideal war. Die übrigen Sanitäranlagen befanden sich im Keller.

Schon war ich umgezogen und wollte weder essen noch schlafen und hatte auch keine Lust, das Haus zu verlassen und spazieren zu gehen. Stattdessen hätte ich jedem Teufel für eine Schachtel Zigaretten sofort meine Seele verkauft.

Ich saß im Wohnzimmer, stopfte ungeschickt meine Pfeife und machte mir trübe Gedanken über mein bitteres Schicksal. In meiner Trauer tröstete mich nur der Blick nach draußen, wo eine dreistöckige Villa mit kleinen dreieckigen Fenstern und spitzem Ziegeldach stand. Wie jeder, der immer in Neubauten gelebt hat, hatte ich großen Respekt vor Altbauten. Und in Echo konnte jeder Stein Geschichten über sein Haus erzählen.

Nachdem ich mich an der Pracht des Hauses gegenüber sattgesehen hatte, nahm ich den dritten Band der Enzyklopädie von Sir Manga Melifaro zur Hand, in dem von meinen angeblichen Landsleuten die Rede war, von den Bewohnern der Grafschaft Wuk und der Leeren Länder also. Auch ein fiktives Vaterland soll man lieben - und vor allem erforschen. Dabei dachte ich zunächst an all die bohrenden Fragen, die mir Sir Lukfi Penz bestimmt bald stellen würde. Außerdem fand ich das Buch sehr interessant. Bei Seite hundert, wo es um Nomaden ging, die aus Zerstreutheit ihr minderjähriges Stammesoberhaupt in der Steppe verloren und sich dafür verflucht hatten, schlief ich ein. Im Traum sah ich meine Version der unglaublichen Geschichte, allerdings mit Happy End: Als Erwachsener wandte sich der Verlorene an unser Amt, und Sir Juffin und ich halfen ihm, sein armes Volk ausfindig zu machen. Und zum Abschied gab Sir Lonely-Lokley ihm ein paar kurze, aber gehaltvolle Benimmregeln mit, was sein Verhalten an seiner künftigen Arbeitsstelle anging.

Ich erwachte für meine Verhältnisse sehr früh, nämlich schon vormittags, und beschloss, mich lange und sorgfältig herauszuputzen, da ich am Abend offiziell meinen Dienst antreten würde. Dazu ging ich nach unten und legte mich nacheinander in alle drei Badewannen. Drei sind besser als eine - da beißt die Maus keinen Faden ab! Und viel hübscher als elf sind drei natürlich auch, wenn ich mir diese Spitze gegen unsere hauptstädtischen Snobs - allen voran Sir Juffin Halli - erlauben darf.

Endlich hatte ich Zeit für den Vorratskorb aus dem Fressfass. Zum Glück enthielt er einen Krug Kamra, den ich mir gleich aufwärmen konnte. Dieses Getränk ließ mich alles vergessen, was ich je gekocht hatte. Sir Juffin hatte schon überlegt, von mir zubereitete Kamra zur Einschüchterung gefährlicher Verbrecher einzusetzen. Allerdings bremste ihn, dass diese Methode als äußerst grausam gelten würde.

Ich erwärmte die Kamra auf einem kleinen Kohleofen, der zur unerlässlichen Ausstattung jedes Wohnzimmers gehörte. Der Morgen war herrlich! Es gelang mir sogar, meine am Vortag gestopfte Pfeife anzuzünden. Na bitte - ich schaffte alles! Selbst der seltsame Beigeschmack des hiesigen Tabaks konnte mir die optimistische Stimmung nicht rauben.

Zur Arbeit ging ich zu Fuß, um aller Welt meinen neuen, dunkel gemusterten Mantel und meinen schwarzen Turban zu zeigen, der aus mir - einem ganz normalen Menschen - einen exotischen Schönling machte. Leider begeisterte sich niemand außer mir an diesem Anblick. Die Leute waren mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt oder sahen verträumt in die Vitrinen luxuriöser Altstadtgeschäfte. Ich erntete keine bewundernden Blicke, und es gab keine Schönheit, die bereit gewesen wäre, sich mir an den Hals zu werfen. Typisch!

Ich bog in die Straße der Kupferkessel ein und erreichte kurz darauf zum ersten Mal die ersehnte Geheimtür, die ins Haus an der Brücke führte. Bisher hatte ich sie nicht benutzen dürfen, sondern Juffins Dienststelle durch den Besuchereingang betreten müssen.

Über einen kurzen Korridor gelangte ich in den Teil des Gebäudes, in dem der Kleine Geheime Suchtrupp - meine Einheit also - untergebracht war. Die andere Hälfte des Baus gehörte zur Stadtpolizei von Echo, die unter dem Befehl von Sir Bubuta Boch stand, von dem ich noch nichts Gutes gehört hatte. Ich passierte ein großes leeres Empfangszimmer, in dem ein Beamter friedlich döste, und gelangte in den Saal der allgemeinen Arbeit, wo ich Sir Lonely-Lokley antraf. Konzentriert notierte er etwas in ein dickes Heft und machte dazu ein betrübtes Gesicht. Diese Schreiberei! Wozu hat man hier denn Tafeln, die sich von selbst beschriften, und kluge Buriwuche, die jedes Wort speichern?

Meine Sorge um Sir Schürf Lonely-Lokley erwies sich jedoch als unbegründet. Er führte bloß sein persönliches Arbeitstagebuch. Ich wollte ihn nicht von dieser freiwilligen bürokratischen Fronarbeit ablenken und ging in Juffins Büro, das sich als verhältnismäßig kleines und sehr angenehmes Zimmer erwies.

Der Ehrwürdige Leiter saß am Schreibtisch und wäre bei dem Versuch, Lady Melamori abzukanzeln, fast vor Lachen erstickt. Sie saß ihm mit der Miene einer so bescheidenen wie verstockten Gymnasiastin gegenüber.

» Da bist du ja, Max! Hier deine erste Aufgabe: Zieh los und begeh einen furchtbaren Mord! Das Nichtstun macht die Leute hier richtig verrückt. Weißt du, was die erste und gegenwärtig einzige Lady unseres Suchtrupps getan hat? Sie ist Kapitän Fuflos - dem Stellvertreter, Schwager und Seelenverwandten von General Bubuta Boch - auf die Spur getreten. Prompt hat ihm das arme Herz wehgetan, und schreckliche Ahnungen haben ihn gequält. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er sich mit den Grundfragen des Daseins beschäftigt, doch das hat ihm keine Freude gemacht. Die Intelligenz eines jungen Leutnants namens Kamschi hat Fuflos vor dem Selbstmord gerettet. Der gequälte Kapitän ist auf sein Gut gefahren, um wieder zu Kräften zu kommen, und der Leutnant war gezwungen, mir die Abwesenheit seines Kapitäns anzuzeigen! Kaum zu glauben, aber auf solche Leute sind sie bei der Stadtpolizei angewiesen! Es wäre besser, General Bubutas Stelle mit Leutnant Kamschi zu besetzen. Du lachst, Max?«

»Sie doch auch, Sir! Machen Sie sich Luft, sonst platzen Sie noch.«

Juffin winkte ab, folgte meinem Rat aber. Melamori sah uns fast vorw


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urfsvoll an. Was mochte das zu bedeuten haben? Da hatte sie einen schweren Fehler begangen, und wir kicherten!

»Was soll ich mit Ihnen machen, Lady? Sie haben Glück, dass Kamschi Ihnen anscheinend oft nachschaut. Stellen Sie sich vor, was es für einen Lärm gegeben hätte, wenn er sich mehr um die Gesetze und um die Gesundheit seines Chefs gekümmert hätte.«

»Aber indem ich Kapitän Fuflos auf die Spur getreten bin, hab ich doch nur bewiesen, dass er ein Verbrecher ist«, sagte Melamori rasch und lächelte uns unwiderstehlich an. »Damit müssten Sie doch zufrieden sein!«

»Seien Sie unbesorgt - ich habe auch ohne Ihre Hilfe genug Freude am Leben. Weil das lange Nichtstun Sie verrückt gemacht hat, gehen Sie für drei Tage ins Cholomi-Gefängnis und helfen dem Kommandanten dort beim Durchforsten des Archivs. Sie sind für solche Aufgaben ideal, denn Ihre Familie hat viel Erfahrung, was Geheimnisse anlangt. Wenn hier was passiert, sag ich Ihnen gleich Bescheid. Jetzt flehen Sie die Dunklen Magister um ein blutiges Verbrechen an, und denken Sie daran, ein Präsent für Sir Kamschi mitzunehmen. Schenken Sie ihm etwas aus dem Vorratskeller Ihres Großvaters Kima. Das verpflichtet ihn zu nichts, übertrifft aber seine kühnsten Erwartungen. Und jetzt ab ins Gefängnis!«

Lady Melamori rollte die Augen wie eine Märtyrerin. »Sehen Sie, Sir Max? Diese Dienststelle ist das Bollwerk der Tyrannei! Wegen eines harmlosen Scherzes gleich drei Tage nach Cholomi zu müssen!«

»Tyrannei?«, fragte Sir Juffin und lächelte tückisch. »Der alte Kommandant wird Ihnen einen königlichen Empfang bereiten. Seinen Koch kennen Sie noch nicht, oder?«

»Natürlich kenne ich ihn! Nur seinetwegen habe ich in diesem Büro noch kein Gift geschluckt.« Melamori geriet ins Stocken und fügte schuldbewusst hinzu: »Sir Juffin, ich bitte um Verzeihung! Fuflos ist einfach ein solcher Dummkopf, dass ich mich nicht habe beherrschen können.«

»Das kann ich mir gut vorstellen«, meinte Juffin und kicherte erneut.

Ich hatte das Gefühl, Lady Melamori wäre straflos ausgegangen, wenn sie ein wenig dreister gewesen wäre.

Bevor die schöne Verbrecherin mit dem Dienst-A-Mobil nach Cholomi fuhr, flüsterte sie mir im Vorbeigehen zu, sie sei nicht immer so. Das glaubte ich nur zu gern.

»Nun, Max«, begann Juffin gelangweilt, »heute muss ich dir mein offizielles Gesicht zeigen. Aber zuerst stelle ich dir Kurusch vor.«

Die Geschichte des Verbrechens von Lady Melamori hatte mich so beschäftigt, dass ich den eulenartigen Vogel, der mit wichtiger Miene auf der Rückenlehne eines Stuhls saß, erst jetzt bemerkte. Der Buriwuch - denn um einen solchen handelte es sich - sah mich lange und aufmerksam an.

»Nichts zu meckern - der taugt was!«, kam es endlich aus seinem Schnabel, und ich begriff, dass es um mich ging.

»Danke, Buriwuch«, wollte ich in scherzhaftem Ton sagen, doch meine Stimme klang sehr ernst.

Juffin nickte. »Das ist ein großes Lob, Max! Du hättest hören sollen, wie er über andere geurteilt hat.«

»Was haben Sie denn da so gesagt?«, fragte ich interessiert.

»Dienstgeheimnis!«, teilte Kurusch gelassen mit. »Und jetzt an die Arbeit!«

Meine Aufgabe bestand darin, etwas in einer unverständlichen Sprache zu sagen. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eine uralte Zauberformel, deren Kraft mich angeblich für immer an die Interessen der Krone band.

»Aber ich merke gar nichts!«, sagte ich verwirrt, nachdem ich die Formel ausgesprochen hatte.

»Musst du auch nicht«, meinte Juffin. »Als ich die Formel aufsagte, ist auch nichts Besonderes passiert. Kann sein, dass es nur Aberglaube ist, aber vielleicht funktioniert es ja tatsächlich. Gib Acht - ich lese dir jetzt in Gegenwart unseres Kurusch eine dienstliche Anweisung vor. Du brauchst sie nicht zu verstehen. Denk einfach an etwas Angenehmes, denn das Ganze dauert ziemlich lange. Notfalls wiederholt Kurusch die eine oder andere Passage für dich. Stimmt's, mein Süßer?«, fragte Juffin und sah den Vogel zärtlich an. Das Tier spreizte stolz die Flügel.

Ich möchte den Inhalt dessen, was ich vorgelesen bekam, nicht im Einzelnen berichten. Es ging ungefähr darum, dass ich zu allem verpflichtet sei, was ich tun solle, und auf keinen Fall tun solle, was ich nicht dürfe. Damit solche Binsenweisheiten in mein Ohr drangen, hatte ein am Hofe lebender Bürokrat ein paar Blätter bestes Papier verbraucht. Sir Juffin opferte eine halbe Stunde, mir das literarische Meisterwerk vorzutragen, und beendete seinen Auftritt mit einem erleichterten Seufzer. Ich tat es ihm nach. Buriwuch Kurusch hingegen schien das Ganze richtig Spaß gemacht zu haben.

»Warum arbeitet ihr klugen Vögel eigentlich für die Menschen?«, wollte ich wissen. Diese Frage hatte mich schon eine halbe Stunde beschäftigt.

»Da wir nur wenige sind, fällt es uns schwer, uns allein durchzuschlagen«, antwortete das Tier. »Bei Menschen zu leben, ist unter solchen Umständen bequem und interessant. Dort, wo es viele von uns gibt, können wir ohne Hilfe überleben und sind durchaus mächtig. Aber in dieser Dienststelle ist es wirklich spannend! Es gibt so viele Worte und Geschichten!«

»Eine würdige Antwort«, meinte Juffin und lächelte gönnerhaft. »Begreifst du jetzt, Max? Die Vögel finden uns unterhaltsam!«

Dann bekam ich feierlich meine Dienstwaffe überreicht - einen kleinen Dolch, der sich besser zum Reinigen der Fingernägel als zum Töten eignete. Der Griff des Dolchs enthielt einen Zeiger, der auf erlaubte wie verbotene Magie reagieren sollte. Ich hatte etwas Ähnliches schon im Einsatz gesehen und wusste, dass dieses Instrument nicht sehr zuverlässig war. Vielleicht war es besser, von Anfang an keine Illusionen zu haben.

Als wir mit den Formalitäten fertig waren, gingen wir ins oberste Stockwerk des Hauses an der Brücke. Dort wurde ich einem kleinen, gutmütigen Dicken vorgestellt, der einen grell orangen Mantel trug und auf Sir Juffins einleitende Worte munter ausrief: »Sehr erfreut! Mein Name ist Kumba Kurmak. Ich bin Sir Juffins Kanzleichef und die netteste Person in diesem finsteren Gebäude, weil ich für Auszeichnungen, Orden und andere angenehme Dinge zuständig bin.«

»Außerdem fungiert Sir Kumba in unserer Dienststelle als Vertreter des Königs«, fügte Juffin hinzu. »Egal wie sehr wir uns anstrengen: Ohne seine Vermittlung dringt nichts nach oben durch.«

»Schenken Sie diesen Worten keinen Glauben«, meinte der freundliche Dicke lächelnd. »Wenn Sie jemanden bei Hofe um etwas bitten wollen, ist Juffin der richtige Mittelsmann. Allerdings hoffe ich, dass ich der Erste war, der dem König von Ihren großartigen Verdiensten erzählt hat.«

Schockiert sah ich meinen Chef an. »Welche Verdienste denn?«, fragte ich ihn zweifelnd per Stummer Rede.

»Er meint die Sache mit dem Spiegel des alten Sir Makluk«, erklärte Juffin mir auf gleichem Wege. »Natürlich hast du da noch nicht offiziell zu uns gehört. Desto größer ist die Ehre, die dir widerfahren ist! Das Vereinigte Königreich soll um seine Helden wissen.«

»Sie sind der Erste, Sir Max, der seinen Dienst in Echo mit einer Auszeichnung beginnt«, erklärte Sir Kumba Kurmak und verbeugte sich ehrerbietig. »Ich arbeite hier schon sehr lange. Glauben Sie mir also ruhig und freuen Sie sich«, sagte er und reichte mir eine kleine dunkle Holzschachtel. Ich wusste schon, dass man in Echo jedes Geschenk sofort öffnen muss. Also wollte ich den Deckel aufmachen, doch es ging nicht.

»Das ist ein Geschenk des Königs, Max«, mischte sich Juffin ein. »Leicht bekommt man das nicht auf. Dazu braucht man, wenn ich nicht irre, Weiße Magie vierten Grades. Mach die Schachtel daheim auf, denn in der Öffentlichkeit ist Zaubern verboten.«

»Verzeihung«, rief ich und errötete vermutlich. »Ich hab noch nie ein königliches Geschenk bekommen.«

»Kein Problem, Max«, tröstete mich der gutmütige Sir Kumba. »Wenn Sie wüssten, wie viele Leute zwar genau wissen, wie man mit einer solchen Auszeichnung umzugehen hat, sie aber nie bekommen! Ihre Lage scheint mir wirklich beneidenswert.«

Ich bedankte mich vielmals. Danach verließen Juffin und ich Sir Kumbas Büro.

»Sie hätten mich wirklich warnen können«, meinte ich verärgert, als wir wieder in Juffins Zimmer waren. »Sie genießen meine Blamage - das merk ich doch.«

»So ist es für alle besser. Was für ein »Grenzbarbar* wärst du schließlich, wenn du alles richtig machen würdest? Du musst etwas leiden, Junge. Konspiration ist nun mal nicht leicht.«

»Schon gut. Helfen Sie mir, das Kästchen zu öffnen? Allein schaff ich es nicht.«

»Stell dich nicht so an. Versuch's, und ich helfe dir notfalls. Aber mach die Tür zu! Keine Sorge, hier sind schon ganz andere Dinge geschehen.«

Ich legte die Schachtel auf Juffins Schreibtisch und versuchte, mich zu entspannen und an alles zu erinnern, was ich gelernt hatte. Vergeblich! Beschämt zuckte ich die Achseln.

»Hoppla, sollte ich mich doch getäuscht haben? Schauen wir uns das Ding mal an ... Nein, hier ist höchstens Magie vierten Grades nötig. Das kannst du schon, Max. Probier's noch mal!«

Ich wurde ärgerlich - auf die Schachtel; auf den König, der sie mir angedreht hatte,- auf Juffin, der mir nicht helfen wollte. Na gut, dachte ich, versuchen wir's anders. In meinem Zorn gab ich dem schlafenden Wachmann nebenan per Stummer Rede sehr energisch einen Auftrag und hatte den Eindruck, ihn vom Sessel purzeln zu hören. Ein paar Sekunden später klopfte er schüchtern an die Tür. Sir Juffin sah mich staunend an.

»Welcher Teufel ist in dich gefahren, Max?«

»Ohne frische Kamra komm ich hier nicht weiter.«

»Keine schlechte Idee.«

Der vor Schreck zitternde Wachmann stellte das Tablett auf den Tisch und verschwand. Juffin schaute befremdet zur Tür, die sich gerade schloss.

»Was ist da los? Er hat zwar Angst vor mir, aber doch nicht so viel!«

»Das war ich. Ich hab ein wenig gebrüllt, als ich nach ihm rief.«

»Na, das macht nichts. Sie sollen ruhig Angst vor dir bekommen, weil du neu bist. Wenn du sie nicht gleich erschrickst, musst du später stundenlang warten, bis sie in ihrer Faulheit geruhen, auf deinen Ruf zu reagieren. Bist du zornig, Max?«

»Und wie!«, brüllte ich, trank meine Kamra in einem Zug aus und klopfte mit dem kleinen Finger neben der Schachtel auf den Tisch, wie ich es gelernt hatte. Erstaunt sah ich, dass sie sich in Staub verwandelte. Aber ein darin versteckter kleiner Gegenstand blieb ganz. Das war zu erwarten gewesen. Mein Zorn verrauchte.

»O weh«, sagte ich. »Was hab ich nur getan?«

»Na ja, du hast Magie sechsten statt vierten Grades benutzt, dadurch aber nur die hübsche Schachtel ruiniert. Der Rest ist unversehrt. Zum Glück ist mein Büro von den übrigen gut isoliert. Ich kann mir lebhaft vorstellen, welchen Tumult es sonst gegeben hätte! Mein Chef wäre über diesen Fehler vermutlich entzückt gewesen.«

»Sie haben mir leider nicht gesagt, dass ich Magie höheren Grades nicht anwenden darf. Oder hab ich Sie da falsch verstanden?«

»Keine Ahnung, Max. Jedenfalls bist du ein Böiger Wind«, wiegelte Juffin ab. »Sei aber bitte so lieb und versuch, deinen Wirkungskreis auf mein Büro zu beschränken. Dann gibt es auch keine Probleme. Und jetzt schauen wir uns mal an, was du vom König bekommen hast.«

Wir betasteten das kleine Päckchen, das mitten im Staub lag. Dann packte ich es vorsichtig aus, bis eine purpurrote Erbse zum Vorschein kam, die ich in die Hand nahm und von allen Seiten betrachtete.

»Was ist das?«

Juffin lächelte nachdenklich. »Ein Nachkomme der legendären Purpurroten Perle König Gurigs VII. Das Besondere an dieser Perle ist, dass niemand sie je gesehen hat - weder der verstorbene König noch sein Nachfolger, der partout nicht ermitteln will, wo sich dieses unsichtbare Wunder befindet. Er hat gesagt, er wisse es nicht und wolle es auch nicht wissen. Aber der Nachwuchs der Mutterperle kommt regelmäßig in den unterschiedlichsten Ecken des Palasts zum Vorschein. Seine Majestät schenkt diese »Perlenwaisen* besonders verdienten Bürgern. Ich hab schon drei. Bei dir ist es wirklich flott gegangen, ohne dass der Erwerb für dich leicht gewesen wäre. Schließlich hast du im Haus meines Nachbarn einiges erlebt!«

»Hat die Perlenmutter Zauberkräfte?«

»Auf alle Fälle. Aber was sie genau kann, wird sich noch zeigen. Bisher weiß es niemand. Bewahr deine Perle gut auf und bestell beim Juwelier eine Schatulle dafür, wenn du magst.«

»Eine Schatulle? Die kostet doch nur Geld, und mir gefällt das kleine Ding nicht besonders.«

»Typisch Barbar! Der Schrecken der Wachmänner!«, rief Juffin und brach in Gelächter aus.

Dann überließ er mich dem Schicksal, übergab mir also die Leitung des Hauses und ging ins Fressfass, wo er Melifaro ein Essen ausgab.

»Erinnern Sie ihn daran, dass er mir noch was schuldet«, rief ich meinem Chef nach. »Er soll seine Verpflichtungen mir gegenüber irgendwann erfüllen!«

»Bedeuten Verpflichtungen für dich kalte oder warme Vorspeisen?«, fragte Sir Juffin.

»Verpflichtungen bedeuten viel Essen im richtigen Moment«, stellte ich klar.

Die Nacht verlief so ruhig, dass ich etwas enttäuscht war. Kurusch unterhielt mich, so gut er konnte. Jetzt erfuhr ich auch, dass der kluge Vogel genau wie ich gern die ganze Nacht wach blieb. Diese Seelenverwandtschaft erlaubte mir, ihm mein Leben zu erzählen. Zuerst aber legte er einen Eid ab, ihm anvertraute Informationen »mehr als streng geheim« zu halten. Seine unerschütterliche Ruhe erstaunte mich.

Der nächste Tag begann mit dem Besuch von Sir Kofa Joch, der noch vor Tagesanbruch erschien. Auch er arbeitete oft nachts, da es zu seinen Hauptpflichten gehörte, Wirtshausgespräche zu belauschen und wichtige Informationen herauszufiltern. Jeden Morgen erschien der Meister des Verhörs im Haus an der Brücke, glich seine Miene seinem etwas angegriffenen Gesamtzustand an und berichtete Sir Juffin bei einer Tasse Kamra interessante Neuigkeiten. Abends hingegen, wenn er seinen Nachtdienst begann, pflegte er über große Pläne zu schwadronieren.

»In der Stadt gibt es Gerüchte, du seiest Juffins unehelicher Sohn«, begrüßte mich Sir Kofa Joch. »Aber egal. Du hast schon am ersten Arbeitstag die Auszeichnung des Königs bekommen. Juffin und ich hatten gewettet, ob das tatsächlich passieren würde, und er hat gewonnen. Dank deines Erfolgs und der milden Stimmung Seiner Majestät hat dieser alte Fuchs sechs Kronen verdient. Aber das macht nichts, denn in der Nacht habe ich einiges beim Kartenspiel gewonnen und kann alles bezahlen.«

»Woher kommen diese Gerüchte über meine Herkunft, Sir Kofa?«, hakte ich nach.

»Frag mich was Leichteres. Ich vermute, sie basieren zum Teil auf diffus durchsickernden Informationen, zum Teil auf der erschütternd banalen Fantasie vieler Leute. Vielleicht spielt auch der Wunsch eine Rolle, die langweilige Realität ein wenig aufzupeppen. Ich hab keine Ahnung, Max.«

»Die Leute reden einfach gern«, erklärte Kurusch nachsichtig.

»Hast du schon Gerüchte über den Ehrwürdigen Leiter gehört?«, fragte Kofa. »Die Hälfte davon haben wir selbst in Umlauf gebracht. Der Geheime Suchtrupp soll nämlich einschüchternd wirken. Wusstest du schon, dass Sir Juffin im Besitz eines Lügenrings ist, der tödliche Strahlung aussendet? Jeder, der in seiner Gegenwart die Unwahrheit sagt, muss unter großen Schmerzen sterben. Die ursprüngliche Fassung dieses Gerüchts war bescheidener: Mit Hilfe eines kleines Gegenstands - so lautete sie - überführe Sir Juffin jeden Betrüger. Die grausamen Details verdanken wir also der Volkskunst.«

»Kannst du mir noch mehr erzählen?«, fragte ich interessiert.

»Zum Beispiel ernährt Juffin sich von dem gedörrten Fleisch rebellischer Magister, das er immer dabeihat. Man soll ihm nicht in die Augen sehen, sonst verliert man den Funken und stirbt. Und natürlich schnappt ihn sich Juffin - wer anders? Außerdem lebt er ewig, und seine Eltern waren uralte Magister, die ihren Sohn aus Sand geschaffen haben, den sie mit ihrer Spucke mischten. Der Ehrwürdige Leiter hatte auch einen Zwillingsbruder, den er jedoch eines Tages verspeist hat. Und nachts geht er als Schatten um.«

»Seid ihr am Tratschen? Stör ich etwa?«, fragte die gerade durchgehechelte Kultgestalt der städtischen Mythologie munter und ließ sich genüsslich in einen Sessel fallen.

»Ich versuche nur, den armen Jungen vorzuwarnen«, sagte Sir Kofa und lächelte.

»Arm? Wieso denn arm? Sie hätten ihn als Vampir erleben sollen! Wie war deine Nacht, mein Held?«, fragte Juffin.

»Langweilig - nichts los«, sagte ich selbstmitleidig. »Ich hab die ganze Nacht mit Kurusch geschwatzt.«

»Bei mir gab's auch nichts«, ergänzte Sir Kofa. »Nur zwei stinknormale Einbrüche in reichen Gegenden. Die Diebe haben zwar die teuersten Sachen mitgenommen, aber General Bubuta wird das schon schaffen. Max hat recht, es war extrem langweilig. Echo - früher ein Bollwerk krimineller Romantik - verwandelt sich langsam in einen provinziellen Sumpf.«

»So schlimm ist es auch wieder nicht. Es ist doch schrecklich, wenn's zu bunt wird. Geh nach Haus und erhol dich, Max.«

Genau das hatte ich vor, doch im Treppenhaus hörte ich eine laute Stimme, die zwischen Bass und Falsett schwankte: »Du wagst es, mir so einen Blödsinn zu erzählen?! Sechzig Jahre bin ich jetzt hier, und noch niemand ...«

Ich riss die Tür auf. Ein athletisch gebauter, in einen purpurroten Mantel gehüllter Mann an der Schwelle zu deutlichem Übergewicht pöbelte den erschrockenen Chauffeur meines Dienst-A-Mobils an.

»Ruhe, aber sofort!«, rief ich. »Der Ehrwürdige Leiter des Geheimen Suchtrupps hat geschworen, die auf den Scheiterhaufen zu bringen, die ihn stören. Hören Sie also mit dem Geschrei auf. Der Fahrer steht in königlichem Dienst!«

»Was? Wer sind Sie, und was erlauben Sie sich?«, fragte das bullige Geschöpf und schien wieder gesprächsfähig.

»Haben Sie zu viel getrunken, Sir?«, schleuderte ich ihm gut gelaunt entgegen. »Ihr Büro ist im anderen Trakt. Wir sind hier im Treppenhaus des Gebäudes, das sich Stadtpolizei und Kleiner Geheimer Suchtrupp teilen. Seien Sie so gut und respektieren Sie das, denn hier halten sich einige zornige Leute auf, die sich so ihre Gedanken machen, wenn mal wieder die ganze Nacht niemand verhaftet wird. Also, fahren wir!«, meinte ich dann zum Chauffeur, und wir verschwanden.

»Danke, Sir Max!«, erklärte der bejahrte Mann und verbeugte sich vor mir.

»Warum erlauben Sie ihm, Sie so anzubrüllen? Er sieht zwar gefährlich aus, aber Sie arbeiten doch für den König und für Sir Juffin! Sie sind eine wichtige Person, mein Freund.«

»General Bubuta Boch nimmt so was nicht zur Kenntnis. Es nervt ihn, wenn ein A-Mobil zu nah am Eingang steht, obwohl sein Fahrer beinahe im Korridor parkt.«

»War das General Bubuta Boch? Hoppla!«

Der Poltergeist hatte mich stark an meinen ehemaligen Vorgesetzten erinnert, und ich empfand eine merkwürdige Befriedigung. Ihre Zeit ist vorbei, mein Herr!

Sir Max zeigt Ihnen, wo es langgeht! Schadenfreude ist zwar gehässig, aber ich bin ja auch kein Engel, sondern ein Mensch.

Erst zu Hause merkte ich, wie müde ich war. Die angenehmste Bettwäsche des Vereinigten Königreichs stand mir zur Verfügung. Aber was war mit meinen Träumen los? Man könnte sagen, sie hätten mich verraten.

Von Kindesbeinen an waren Träume ein wichtiger Teil meines Lebens. Immer hat ein Alptraum mich stärker aus der Bahn geworfen als reale Unannehmlichkeiten. Und an diesem Morgen quälte mich ein echtes Schreckgespenst.

Zuerst träumte ich, nicht einschlafen zu können - kein Wunder, denn ich lag auf dem Tisch im Wohnzimmer und ähnelte einem appetitlichen Mittagessen. Durchs Fenster sah ich das Nachbarhaus, ein echtes Meisterwerk, das mich am ersten Abend so begeistert hatte. In der Traumwirklichkeit aber spürte ich tiefe Abscheu vor dem Gebäude. Hinter den dreieckigen Fenstern war es dunkel, und das ließ nichts Gutes vermuten. Ich wusste, dass die Hausbesitzer lange tot waren, doch im Traum kamen sie mir lebendig vor. Gefährlich waren sie allerdings nicht.

Lange Zeit passierte nichts. Ich konnte mich nicht rühren, und auch das missfiel mir. Die Ahnung, dass etwas geschehen würde, beunruhigte mich noch mehr. Irgendwas kam sogar schon aus unbestimmter Ferne langsam auf mich zu. Es brauchte nur Zeit - und die war reichlich vorhanden.

Das Warten zog sich ins Unendliche. Ich hatte den Eindruck, so sei es immer gewesen und so würde es auch bleiben. Doch irgendwann gelang es mir aufzuwachen.

Ich hatte Kopfweh und war schweißgebadet, aber erleichtert. Wie angenehm es war, wieder wach zu sein! Ich wühlte kurz im Schrank und fand eine Flasche Kachar-Balsam. »Damit musst du sparsam umgehen, Max. Es eignet sich nicht zum täglichen Genuss«, hatte Sir Juffin mich oft belehrt. Aber mein Körper brauchte eine Stärkung, und ich wollte ihn nicht foltern. Ein dummer Traum konnte mir die seelischen Kräfte einer ganzen Woche rauben. Also trank ich davon, fühlte mich gleich besser und durfte annehmen, dass es so bliebe. Ich lächelte in die Nachmittagssonne und ging nach unten, um die Stärkung mit einem Bad und einer guten Tasse Kamra abzurunden.

Eine Stunde später war ich wieder fit. Ich wurde bestimmt noch nicht im Büro erwartet. Eine halbe Stunde verbrachte ich mit einem Buch auf dem Schoß im Wohnzimmer. Diesmal fand ich den Ausblick nicht so hübsch, entschied mich aber dennoch, dem Fenster nicht den Rücken zu kehren.

Endlich begriff ich: So ging es nicht weiter. Ich legte den dritten Band der Enzyklopädie von Sir Manga Melifaro beiseite, trat auf die Straße und näherte mich behutsam dem Nachbarhaus. Meine Hand berührte den nagelneuen Dolch mit dem Zeiger im Griff. Ich sah mich um. Das Gebäude war unschuldig wie ein Kind. Hier gab es lediglich Schwarze Magie des erlaubten zweiten Grades. Vielleicht wollte jemand frische Kamra zubereiten oder Butterdosen säubern.

Doch mein Herz sagte mir etwas anderes. »Das ist ein übler Ort«, flüsterte es mir erschrocken zu. In letzter Zeit hatte sich der Muskel als guter Berater erwiesen. Womöglich sollte ich seine Meinung berücksichtigen? Aber ich wollte unbedingt meine Ruhe haben und ungestört leben.

»Vielleicht sollte ich mir spät in der Nacht keine grausamen Geschichten mehr anhören«, versuchte ich, mir einzureden.

Um mich abzulenken, ging ich mit meinem neuen Spielzeug durch die Nachbarschaft und überprüfte, ob in den Häusern ringsum die Bestimmungen der Epoche des Gesetzbuchs eingehalten wurden. Mein Dolch zeigte überall nur Werte an, die Treue und Loyalität bewiesen. Offenbar beschäftigte man sich hier einzig mit kulinarischen Experimenten. Schwarze Magie zweiten Grades sickerte buchstäblich aus allen Fenstern. Als der Zeiger begann, zwischen der erlaubten Zwei und der unerwünschten Drei hin und her zu springen, schaute ich mich aufmerksam um. Ich stand vor einem kleinen Wirtshaus mit dem bedrohlichen Namen Zum gesättigten Skelett, hatte den Eindruck, der Koch sei begeistert bei der Sache, und ging dort frühstücken. Das Fressfass ist ein heiliger Ort, aber ein wenig Abwechslung würde mir guttun.

Trotz meiner Alpträume hatte ich mehr Appetit als üblich. Am Nachbartisch tuschelten zwei Tantchen über eine gewisse Lady Alata, die am Morgen beim Einkäufen bestohlen worden sei. »Das geschieht dieser gierigen Zicke recht!« In Gedanken hatte ich Mitleid mit der unglücklichen Frau, denn ich wusste ja, welcher Herr sich berufen fühlen würde, ihr Vermögen wieder zu beschaffen, und hatte viel von ihm gehört. All das aber hatte keinen Einfluss auf meinen Appetit.

Nachdem ich gefrühstückt hatte, ging ich langsam zur Arbeit, streifte dabei gemütlich durch die Altstadt und gab all mein Taschengeld für unnötige, aber bezaubernde Kleinigkeiten aus. In meiner Heimat glaubt man, Einkäufen rette Hausfrauen vor ermüdender Routine und tödlichem Stress. Das gilt aber auch für Detektive, die nächtliche Alpträume hinter sich haben.

Mit vielen Paketen beladen, kam ich eine halbe Stunde zu früh ins Haus an der Brücke.

»Willst du dein Nest verschönern, du Schrecken der Ordnungshüter?«, fragte Juffin freundlich und besah sich meine Einkäufe. »Weißt du, Max - Bubuta glaubt, wer ihn so heftig angepöbelt hat wie du, müsse dazu berechtigt gewesen sein. Jetzt hat er Respekt vor dir, träumt aber garantiert davon, dich zu erwürgen. Alle Achtung, Junge. Hat dir sein Tobsuchtsanfall eigentlich gefallen?«

»Er hat sich schwer danebenbenommen! Ein höherer Staatsbeamter darf so was nicht tun. Ich werde hier Ordnung schaffen!«, rief ich, machte ein entschlossenes Gesicht und fügte lächelnd hinzu: »Ich wollte ja schon immer die Macht ergreifen!«

»Tolle Idee«, meinte Juffin träumerisch. »Vielleicht gelingt es sogar uns beiden. Aber was hast du, Max? Du siehst nicht gut aus.«

»Das haben Sie so schnell gemerkt?«, fragte ich und sah ihn verwirrt an.

»Natürlich. Hoffentlich hat Bubuta keine Hexe engagiert ... Ach, was rede ich denn da! Im Grunde genommen ist er die Gesetzestreue in Person. Er erlaubt zwar seiner Frau, sich mit Magie zu beschäftigen, hält sich selber aber davon fern. Also - was ist los, Max?«

Ich war froh, alles erzählen zu können. Vielleicht war ich ja deshalb so früh zur Arbeit gekommen.

»Es ist nicht viel passiert, doch ich hab ein kleines Problem. Ich hab schlecht, ja widerlich geträumt - keine besonders grausamen Sachen, aber ich hab es als abscheulich empfunden.«

»Hast du das Haus nach dem Aufwachen überprüft?«

»Ja, es war Schwarze Magie zweiten Grades. Ich vermute, meine Nachbarn haben bloß Kamra gemacht. Aber Sie wissen doch, dass der Zeiger manchmal irrt, Juffin.«

»Stimmt, das hab ich schon bemerkt. Du solltest versuchen, dein Zimmer durch Magie gegen äußere Einflüsse abzuschotten. Der Zeiger darf dann nicht bei Null stehen bleiben, sondern muss deine magische Aktivität vermelden. Theoretisch ist es möglich, andere Einflüsse auszuschalten, aber wer hat schon so viel Kraft? Ich jedenfalls nicht. Ich bin nicht der größte Zauberer der Welt, allerdings auch nicht der schwächste. Aber egal - du hast also etwas Abscheuliches gespürt?«

»Mehr als das. Mein Herz hat mir zugeflüstert, ich solle auf der Hut sein.«

»Na schön, Max. Auf dem Nachhauseweg schau ich bei dir vorbei. Es ist ein wenig zu früh, etwas zu unternehmen. Ich habe sogar meinem Tagesantlitz die Erlaubnis gegeben, eine Woche auf dem elterlichen Landgut zu bleiben. Und Sir Lonely-Lokley hat Urlaub genommen, um nach Hause zu fahren, was seit Jahrzehnten nicht passiert ist. Gehen wir also ins Fressfass und trinken wir einen Krug Kamra. Und du passt gut auf alles auf, Kurusch! Später bringt Max dir ein kleines Geschenk mit, und ihr könnt ein wenig durchs große Archiv spazieren. Bis dann! Mein Herz sagt mir, dass diese Nacht noch ruhiger wird als die letzte, falls das überhaupt möglich ist. Gehen wir, Max.«

»Vergiss dein Mitbringsel nicht«, ermahnte mich Kurusch so gelassen wie Regen.

Im Wirtshaus war Juffin ganz väterliche Fürsorge und ging rasch meine unbedeutenden Probleme durch.

»Weißt du, Max: Egal was passiert ist - du bist keiner, der wegen Verdauungsschwierigkeiten gleich Alpträume bekommt. Und bis jetzt waren deine Träume alles andere als gewöhnlich. Wenn sich das wiederholt, wäre es besser, du bleibst zwei, drei Tage bei mir, bis wir alles geklärt haben.«

»Vielen Dank, Juffin, aber warum sollte ich so rasch wieder zu Ihnen ziehen? Mein Leben lang habe ich von einem eigenen Haus geträumt, wo das Schlafzimmer oben, das Wohnzimmer unten ist, die Treppe quietscht und es keine überflüssigen Möbel gibt. Jetzt habe ich es. Also möchte ich es noch etwas genießen!«

»Gut, du willst also zu Hause schlafen und ein halbes Dutzend Alpträume pro Nacht bearbeiten, ja?«, fragte Juffin streng.

»Das will ich natürlich nicht. Aber vielleicht war das der erste und letzte Alptraum. Jeder kann doch einfach so mal einen haben.«

»Und dein Herz hat auch einfach nur so gestreikt? Einfach so, Max, werden nur kleine Kätzchen geboren.«

Bei dieser Binsenweisheit sprang ich auf. »Hier gibt es also auch Katzen?«

»Wieso denn nicht?«

»Weil ich noch keine gesehen habe.«

»Wie solltest du auch! Schließlich bist du noch nie aus der Stadt gekommen. Katzen hält man doch nicht im Haus. Kühe und Schafe übrigens auch nicht.«

»Merkwürdig. Habt ihr hier falsche Katzen?«

»Ihr habt falsche Katzen! Unsere Katzen sind die richtigsten des Weltalls!«

Mit diesen fröhlichen Worten trennten wir uns. Sir Juffin spazierte durch die Straße der alten Münzen, und ich fuhr zum Haus an der Brücke, um zu faulenzen. Kurusch bekam von mir eine Pirogge mit Cremefüllung. Wie meine Kollegen behaupteten, schwärmte der Vogel dafür. Doch schnell war klar, dass er sich den Schnabel nicht allein von der klebrigen Creme säubern konnte, und ich musste das ganze Gebäude auf den Kopf stellen, um eine Serviette zu finden.

Dann ging ich nach oben und unterhielt Sir Lukfi Penz und etwa hundert Buriwuche bis zum Abend mit aus dem dritten Band der Enzyklopädie von Sir Manga Melifaro geplünderten Geschichten über die Leeren Länder. Als es schon richtig dunkel war, wollte Sir Lukfi nach Hause gehen. So erfuhr ich, dass sein Arbeitstag vom Mittag bis zum Einbruch der Dämmerung dauerte. In der übrigen Zeit wollten die Vögel nicht gestört werden. Übrigens betrachteten andere Tiere unseren guten Kurusch als Sonderling. Sie fanden es unmöglich, die ganze Zeit mit Menschen zu verbringen.

Ich lud den sympathischen Sir Lukfi auf eine Tasse Kamra in mein Büro ein. Das stimmte ihn froh und traurig zugleich. Per Stummer Rede wandte er sich an seine Frau und sagte mir dann: »Meine


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Gattin ist bereit, noch eine Stunde zu warten. Danke für die Einladung, Sir Max! Verzeihen Sie, dass ich nicht gleich zugesagt habe. Aber wir sind noch nicht lange verheiratet und ...«, sagte er und blieb mit seinem Mantel an einer Klinke hängen, so dass ich ihn befreien musste.

»Sie brauchen mir nichts zu erklären«, meinte ich und lächelte herzlich. »Alles in Ordnung, mein Lieber!«

Als wir mein Büro betraten, rief ich den Boten. Der kam sofort angerannt und betrachtete mich devot. Begann hier etwa der Horrorfilm »Max, Fresser der Untergebenen«? Wenn ja: Gut so!

Lukfi schlürfte genüsslich an seinem Becher Kamra und tauchte den Ärmel darin ein. Um keine Zeit zu verlieren, fragte ich ihn gleich nach den Buriwuchen. Kuruschs Standpunkt hatte ich schon gehört - jetzt wollte ich die Meinung der anderen Seite erfahren.

»Die Vögel selbst haben mich zu ihrem Betreuer gewählt«, erzählte Sir Lukfi. »Warum sie das getan haben, mögen die Magister wissen! Jedenfalls ist das schon Jahre her. Ein Bote hat damals bei mir geklopft und mir die Einladung ins Haus an der Brücke überreicht. Die Tiere haben dann gesagt, sie seien mit mir zufrieden. Es hat auch andere Kandidaten gegeben, darunter einen Verwandten der Königlichen Ratgeberin, aber sie wollten mich. Weißt du noch, warum, Kurusch?«

»Ich hab dir das doch schon tausend Mal gesagt: Weil du alle Vögel voneinander unterscheiden kannst.«

»Kurusch, du bist genauso ein Witzbold wie Sir Juffin. Wer könnte euch nicht unterscheiden?«

»Mir würde das bestimmt schwerfallen«, gab ich verblüfft zu.

»Eben. Ich sag ihm das seit mehr als hundert Jahren, und er glaubt mir nicht«, knurrte Kurusch. »Für einen Menschen ist sein Gedächtnis wirklich ziemlich gut.«

»Ich habe wohl tatsächlich ein gutes Gedächtnis«, meinte Lukfi zufrieden. »Aber ich habe mein Leben lang gedacht, andere hätten ein schlechtes Gedächtnis und ich ein normales.«

»Er weiß sogar, wie viele Federn jeder von uns besitzt«, vertraute Kurusch mir an. »Für einen Menschen ist das enorm.«

»Ist das wahr?«, fragte ich erstaunt. »Selbst wenn dies das Einzige ist, was Sie behalten haben, Lukfi, bin ich im Vergleich zu Ihnen ein Schwachkopf. Und alle anderen auch.«

»Was reden Sie denn da, Sir Max«, erwiderte der erstaunliche Mann ernst. »Sie sind kein Schwachkopf, sondern nur unaufmerksam - wie die überwältigende Mehrheit.«

Sündige Magister! Warum war er so bescheiden, bloß von Unaufmerksamkeit zu sprechen?

Lukfi verabschiedete sich und ließ mich mit Kurusch, der gleich einschlief, allein. Sofort machte ich mich an die Arbeit: Auf Juffins Tisch fand ich viele aktuelle und alte Zeitungen. Als Neuling in Echo begeisterte mich jedes Journal wie ein Fantasy-Roman, den man allerdings jederzeit beiseitelegen konnte, um durch eine scheinbar fiktive Realität zu spazieren.

Sir Kofa Joch trudelte vor Tageseinbruch ein und brummte, es gebe nichts Neues, und mit Neuigkeiten sei auch nicht zu rechnen. Er habe lediglich von vier Wohnungseinbrüchen gehört, aber damit müsse sich unsere tapfere Polizei herumschlagen. Er jedenfalls gehe jetzt schlafen, und von ihm aus könnten sich alle zum Teufel scheren. Ich seufzte mitfühlend und las weiter in einem gut ein Jahr alten Trubel von Echo.

Sir Juffin erschien recht früh, orderte Kamra und betrachtete mich nachdenklich. »Bisher gibt es keine Neuigkeiten, Max, jedenfalls keine echten. Aber ich habe eine Idee: Eigentlich steht mein Haus für dich immer offen, doch du hast recht - es ist besser, wenn du noch ein oder zwei Nächte bei dir bleibst. Solltest du keine Alpträume bekommen, ist alles prima. Wenn aber doch, tja ... So unangenehm es für dich auch ist: Die ganze Geschichte sollte sich weiterentwickeln. Vielleicht erfahren wir auf diese Weise etwas Interessantes.«

»Woran denken Sie? Worauf muss ich mich gefasst machen?«

»Soll ich ehrlich sein? Auf das Schlimmste! Dein Haus gefällt mir gar nicht, aber ich weiß nicht, warum. Ich kann mich auch an keinen ähnlichen Fall erinnern. Vielleicht ist ja alles nur aus Langeweile entstanden, aber das glaub ich eigentlich nicht. Wir werden es herausfinden. Ich erkundige mich gleich bei Sir Lukfi nach dem Hausbesitzer und den Nachbarn. Jetzt nimm das hier«, sagte er und gab mir ein nicht gerade hübsches Armband. »Streif das über. Es ist die Garantie, dass du aufwachst.«

»Kann es wirklich so gefährlich werden?«

»Leider ja. Das Leben ist voller Gefahren, und am schlimmsten sind die Dinge, die wir nicht begreifen. Oder die es nicht gibt. Na schön. Wenn du aufwachst, sag mir Bescheid.«

Verantwortung zu tragen, erleichtert das Einschlafen nicht gerade. Ich wälzte mich herum und nahm schließlich die Enzyklopädie von Manga Melifaro zur Hand, um mir ihre hübschen Zeichnungen anzuschauen. Die hiesigen Katzen interessierten mich besonders, und ich hoffte, Darstellungen von ihnen zu finden. Das dauerte zwar lange, doch endlich glückte es mir. Auf den ersten Blick wirkten die wunderschönen Geschöpfe wie normale Katzen - nur dass sie auffällig groß waren, länger als einen Meter bei etwa vierzig Zentimetern Höhe. Das konnte ich berechnen, weil auf einer Zeichnung neben den Katzen ein Mann im gestrickten Lochimantel zu sehen war. Laut Bildunterschrift war er ein Hirte. Ich erfuhr auch, dass die Bewohner von Landland Katzen wegen ihres warmen Fells besonders gern züchten. Wie Schafe! Das erschütterte und begeisterte mich zugleich. Sollte ich mir auch ein Kätzchen anschaffen? Für hauptstädtische Snobs sind das Nutztiere, die man in Massen hält. Aber ich - ein Barbar von der Grenze zu den Leeren Ländern - konnte mir so eine Extravaganz leisten.

Über der Vorstellung, erster Katzenbesitzer von Echo zu werden, schlief ich ein. Vielleicht wäre es besser für mich gewesen, länger wach zu liegen, denn aus dem ersehnten Schlaf trat mir rasch ein unangenehmer Traum entgegen, in dem ich erneut hilflos und erstarrt auf dem Tisch im Wohnzimmer lag.

Diesmal war es noch schlimmer: Ich hatte alles Wissen über mich verloren. Wer ich war, woher ich kam, wo ich mich befand, was ich gemacht und mit welchen Mädchen ich mich getroffen hatte, wie meine Freunde hießen und wo ich die Kindheit verbracht hatte - auf all diese Fragen hatte ich keine Antwort. Mein Wissen über die Welt beschränkte sich auf mein Schlafzimmer, den Blick auf die dreieckigen Fenster des Nachbarhauses ... und meine Angst. Tatsächlich: Auf der ganzen Welt kannte ich nur diesen Ort. Und ich spürte Unheil.

Im Haus gegenüber öffnete sich ein Fenster, und ich fühlte mich beobachtet. Dann tauchte eine Hand auf, und ein Schwung Sand kam aus der Dunkelheit, fiel aber nicht auf den Gehsteig, sondern schwebte in der Luft wie eine goldene Wolke. Dann ein zweiter Schwung, ein dritter. Schon führte ein kurzer Pfad durch die Luft. Ich war überzeugt zu wissen, wohin. »Die ganze Geschichte sollte sich weiterentwickeln«, dachte ich. »Also gut, dann soll sie weitergehen ... Aber das ist ja gar nicht mein Gedanke - das sind doch Juffins Worte!«

Als ich mich an das Gespräch mit meinem Chef erinnerte, wusste ich wieder, wer ich bin, und war erleichtert. Zwar hatte ich noch immer Angst, doch sie hatte ihre lähmende Ausschließlichkeit verloren. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich träumte - und zwar keinen normalen Traum, sondern den eines Menschen, der seinen Alptraum beobachtet. Und ich wusste, dass ich aufwachen musste. Doch das klappte nicht.

»Ich Dummkopf hab vergessen, das Armband anzulegen«, überlegte ich panisch, wachte dann aber - den Magistern sei Dank! - doch noch auf und ... merkte, dass ich tatsächlich auf dem Tisch im Wohnzimmer geschlafen hatte, statt mit der Enzyklopädie der Welt im Bett zu liegen. War ich etwa in einen Horrorfilm zweiter Klasse geraten?

Mit schlotternden Knien ging ich ins Schlafzimmer hinauf. Vor allem fürchtete ich, im Bett einen zweiten Max zu entdecken. Denn wer könnte entscheiden, welcher der Richtige war?

Doch oben lag niemand. Mit zitternden Händen nahm ich die Flasche Kachar-Balsam, die ich vorsorglich ans Kopfende des Betts gelegt hatte, und trank einen Schluck und noch einen. Nun fühlte ich mich schon besser, sprang unter die Bettdecke und nahm mir fest vor, nicht einzuschlafen. Dann sagte ich Juffin per Stummer Rede Bescheid.

»Ich bin eingeschlafen - die Sache sieht schlecht aus.«

»Na, wenn du eingeschlafen bist, ist alles halb so schlimm. Komm ins Fressfass, ich spendiere dir ein Frühstück. Auch ich habe Neuigkeiten für dich.«

»In einer Stunde bin ich da! Ende!«

»Was meinst du mit >Ende<?«, fragte Juffin irritiert.

»Ende der Verbindung, was sonst?«

»Na dann, Ende!«, meinte er amüsiert.

Das Fressfass war wirklich ein magischer Ort. Jeder fühlte sich dort wohl, und es gelang mir sogar, die Ereignisse der Nacht recht humorvoll zu erzählen.

»Du hast also wieder auf dem Tisch geschlafen? Dann ist die Sache ernster als vermutet. Ich fürchte, du musst doch ein paar Tage bei mir bleiben, und ich übernachte derweil in deinem Haus. Vielleicht bekomme ich ja auch Alpträume.«

»Ich hab eine andere Idee: Ich bleibe, und Sie setzen sich neben mich und halten mir wie ein Kindermädchen die Hand. <<

»So was hatte ich mir auch schon überlegt, aber ...«

»Was für ein Aber denn, Juffin? Ich hab das doch jetzt schon zwei Nächte lang erlebt! Die Sache entwickelt sich! Wenn Sie jetzt aber statt meiner bei mir übernachten, werden Sie bestimmt in den nächsten beiden Nächten die Szenen sehen, die ich gestern und vorgestern gesehen habe. Auf diese Weise verlieren wir mindestens zwei Tage.«

»Wahrscheinlich. Aber mir gefällt nicht, dass dieses Geschöpf sich deiner so leicht bemächtigen kann. Ich fürchte, du bist im Schlaf noch zu schwach.«

»So kann man das nicht sagen! Ich habe mir immer wieder ins Bewusstsein gerufen, dass es sich bei dem, was ich erlebt habe, nur um einen Traum gehandelt hat. Und ich bin sogar aufgewacht, obwohl ich das Armband vergessen hatte.«

»Das hättest du auf keinen Fall vergessen dürfen, Max! Auf gar keinen Fall! Schließlich handelt es sich - unter uns gesagt - um das Armband des Großen Magisters vom Orden des Geheimen Krauts.«

»Ernähren Sie sich nicht zufällig von den Mitgliedern dieses Ordens?«

Juffin kicherte kurz, wurde dann aber ernst.

»Du hast mit dem Kachar-Balsam wohl etwas übertrieben? Deine Lebensfreude macht mir Angst.«

»Mir auch. Sind Sie einverstanden, mein Händchen zu halten?«

»Versuchen kann ich es. Doch ich vermute, die Anwesenheit eines Wachenden beeinflusst die Entwicklung.«

»Wenigstens kann ich mich dann endlich erholen. Und was passiert, wenn wir beide einschlafen?«

Plötzlich hatte Juffin eine Idee. »Vielleicht sollte ich dein Händchen doch nicht halten, sondern dich besser von meinem Büro aus beobachten. Ja, so machen wir's. Aber zuerst übernachte ich bei dir. Sicher ist sicher.«

»Mein Haus steht zu Ihrer Verfügung. Aber ich habe nur drei Bäder - schreckt Sie das nicht ab?«

»Was tut man nicht alles für die Sicherheit des Vereinigten Königreichs! Und für die eigene. Ich wusste doch, dass ich dir hätte verbieten sollen, dieses Loch zu mieten.«

»Nicht so schlimm. Wenn ich erst erwachsen bin und gelernt habe, Schmiergelder zu nehmen, baue ich mir einen Palast am Linken Flussufer. Haben Sie vielleicht irgendwelche Neuigkeiten? Sie wollten doch die Buriwuche nach den ehemaligen Bewohnern meines Nachbarhauses fragen.«

»Das hat mich einen halben Tag gekostet. Dafür habe ich jetzt wirklich spannende Nachrichten. Schade, dass ich mich mit der ganzen Sache nicht schon vor ein paar Jahren beschäftigt habe. Aber ohne deine Träume wäre ich nie auf die Idee gekommen, einige Umstände miteinander zu verbinden, die für sich betrachtet ganz unauffällig sind. Und jetzt ab ins Büro, damit die Buriwuche dir ihre Neuigkeiten zwitschern können.«

»Lukfi, ich möchte noch mal die Informationen hören, die wir im Laufe des Tages zusammengetragen haben.«

»Alles klar, Sir Juffin. Guten Tag, Sir Max. Sie sind heute aber früh dran. Dabei ist es in letzter Zeit doch so ruhig!«

Ich zuckte die Achseln. Tatsächlich war nicht viel passiert, nur ein paar Wohnungseinbrüche. Und im neuen Haus schlief ich schlecht. Das war's schon.

Lukfi ging zu einem Buriwuch.

»Tatun, erzähl uns doch bitte noch mal von den Bewohnern der Straße der alten Münzen.«

Der Vogel schien die Achseln darüber zu zucken, dass jemand so olle Kamellen hören wollte, begann dann aber zu erzählen, denn das war sein Beruf.

»Auskunft über Immobilienbesitz, erstattet am 208. Tag des Jahres 115. Objekt: Straße der alten Münzen, Hausnummer 1. Eigentümerin: Charista Aag. Bis jetzt durch nichts verdächtig und von niemandem verdächtigt. Lebt außerhalb der Stadt. Im Jahre 109 wurde das Haus an die Familie Poedr vermietet, die den Mietzins für sechsunddreißig Jahre im Voraus entrichtete. Herr Poedr verlor seinen Funken und starb im Jahre 112. Seine Frau Pita Poedr und ihre Tochter Zita leben noch immer dort. Die Tochter ist seit der Kindheit krank, nimmt aber keine Hilfeleistungen in Anspruch und verlässt das Haus nicht. Mutter und Tochter leben allein, bekommen keinen Besuch und sind völlig unauffällig.

Hausnummer 2. Eigentümer: Kunk Stifan. Er bewohnt das Haus mit seinen beiden minderjährigen Söhnen. Seine Frau Trita Stifan starb im Jahre 107. Im Jahre 110 wurde Kunk des Mordes an dem Dienstmädchen Pama Lorras verdächtigt. Er wurde aber freigesprochen und erhielt Schadenersatz, weil ein Heiler nachwies, das Dienstmädchen sei infolge eines Herzfehlers im Schlaf gestorben. Kunk beschäftigt einen Diener, der allerdings nicht bei ihm wohnt, und hat für seine Söhne vier Lehrer engagiert. Keiner seiner Hausangestellten hat es lange bei ihm ausgehalten. Anfang des Jahres hat er seinen Posten in der Finanzverwaltung krankheitsbedingt aufgeben müssen und lebt nun in Rente.

Hausnummer 3. Eigentümer: Rogro Zill, Chefredakteur von Königliche Stimme und Mitinhaber des Trubel von Echo. Seine Akten sind an entsprechender Stelle aufbewahrt. Er wohnt in der Neustadt, in der Straße der Ingwerträume. Das Haus in der Straße der alten Münzen wurde weder verkauft noch vermietet, weil der Besitzer keine weiteren Einnahmen benötigt.«

»Seine Akten sind ein Gedicht«, flüsterte Juffin mir zu. »Aber im Moment interessieren sie uns nicht. Du solltest sie dir aber bei Gelegenheit mal anschauen - sehr empfehlenswert!«

Auch Tatuns Ausführungen zum vierten, fünften und sechsten Haus waren sehr ähnlich. Die Bewohner der Straße der alten Münzen schienen die unglücklichsten Menschen von Echo zu sein, denn sie waren krank, hatten oft all ihre Verwandten verloren und würden ganz allein sterben müssen. Verbrechen, Selbstmorde oder mysteriöse Vorfälle gab es hingegen keine. Wie konnte es aber sein, dass in dieser Straße so viele kranke und einsame Menschen wohnten? Zumal in Echo, wo die Heiler selbst Tote auf erstehen lassen können?

»Hausnummer 7«, fuhr der Buriwuch fort.

»Pass auf, Max, das ist das Haus deines Nachbarn!«, rief Juffin und stieß mich in die Seite.

»Hausnummer 7«, wiederholte der Vogel geduldig. »Eigentümer: Tolakan En, verheiratet mit Feni En, keine Kinder. Tolakan En hat das Haus im Jahre 54 von seinem Vater geerbt, dem General En, der zugleich Hoflieferant war. Das Gesamterbe ist viele Millionen Kronen wert.«

Ich pfiff leise, denn Sir Tolakan war fantastisch reich. Von einer Krone ließ sich eine Woche lang leben, wenn man keinen teuren Nippes kaufte.

»Tolakan En ist durch nichts verdächtig und wird von niemandem verdächtigt«, fuhr der Vogel fort. »Er lebt sehr zurückgezogen. Wie zu dem Journalisten in Hausnummer 3 findet sich auch zu ihm ein Dossier an entsprechender Stelle.«

»Interessant, oder? Der reiche Tolakan wohnt seit sechzig Jahren in dieser bescheidenen Gegend. Und noch wichtiger: Er und seine Gattin sind das einzige gesunde Paar in der ganzen Straße. In ihrem Haus gibt es weder Behinderte noch Tote zu beklagen.«

»Hausnummer 8«, fuhr der Buriwuch monoton fort. »Eigentümerin: Gina Ursil. Keiner Untat verdächtigt. Die Voreigentümerin, ihre Mutter Lea Ursil, verlor ihren Funken und starb im Jahre 87. Seither steht das Haus leer. Die Eigentümerin lebt auf ihrem Gut in Uriuland.«

»Ich vermute, jetzt hast du das Wesentliche mitbekommen«, seufzte Juffin. »So geht das immer weiter. Leere Häuser, kranke Witwen, sieche Witwer, schwächliche Kinder. Und dazu dein Haus, in dem - wie wir wissen - nicht alles so läuft, wie es wünschenswert wäre. Danke, Tatun. Ich glaube, das reicht für heute. Wenn wir noch etwas wissen wollen, wenden wir uns an Kurusch.«

»Und das Wirtshaus?«, fragte ich. »Das Gesättigte Skelett? Dort hab ich gestern gefrühstückt. Da ist doch hoffentlich alles in Ordnung?«

»Das ist der Lichtblick in dieser merkwürdigen Straße. Aber bedenke, Max: Dort arbeiten und essen zwar Leute, aber schlafen tun sie dort nicht! Auch der Wirt Goppa Talabun wohnt in einem anderen Wirtshaus, über seinem Betrunkenen Skelett nämlich. Er besitzt ja mindestens zwölf Spelunken. Und jede trägt ein Skelett im Namen. Goppa findet das lustig. Seine Kundschaft wahrscheinlich auch.«

Juffin bedankte sich bei Lukfi und Buriwuch, und wir gingen in sein Büro. Kurusch schlief wie immer auf der Lehne seines Stuhls.

»Aufwachen«, murmelte Juffin und strich ihm gönnerhaft über die Federn. »Wir müssen noch ein bisschen arbeiten.«

Kurusch öffnete seine runden Augen und versetzte gelassen: »Aber erst die Nüsse.«

Während unser kluger Vogel mit Nussknacken beschäftigt war, tranken wir eine Tasse Kamra und aßen einen Happen.

»Jetzt bin ich so weit«, erklärte Kurusch schließlich.

»Fein - dann bist du also bereit, in deinem Gedächtnis zu graben, mein Guter. Uns interessiert alles, was mit dem siebten Haus in der Straße der alten Münzen zusammenhängt. Konzentrier dich und leg los! Sir Max sammelt alle Gerüchte über seine Nachbarn - gib dir also richtig Mühe!«

Kurusch schmollte ein wenig und schwieg. Ich hatte den Eindruck, er summte wie ein Computer leise vor sich hin. Nach ein paar Minuten gab er sich einen Ruck und begann:

»Das siebte Haus in der Straße der alten Münzen ist eins der ältesten von Echo. Es wurde 1140 von einem Schmiedemeister namens Stremmi Bro erbaut, von seinem Sohn Kardu Bro übernommen und schließlich von dessen Sohn Vamire Bro bewohnt. Im Jahre 2154 der Epoche der Orden verkaufte Vamire Bro sein Haus an die Familie Gjusot. Mener Gjusot, bekannt als Großer Magister des Ordens der Grünen Monde, wurde im Jahre 2346 in diesem Haus geboren, bekam es zu seinem hundertsten Geburtstag geschenkt und lebte dort von aller Welt zurückgezogen. Bekanntlich gründete Mener Gjusot im Jahre 2504 den Orden der Grünen Monde offiziell. Bis dahin war die Macht des Ordens nicht bewiesen, und die Treffen der Mitglieder fanden in der Wohnung des Großen Magisters statt. Als man im Jahre 2675 die große Residenz des Ordens erbaute, war das siebte Haus in der Straße der alten Münzen dennoch nicht leer: Der Große Magister beschäftigte sich dort mit -besonders wichtigen Dingen«, wie er zu sagen pflegte.

In der Traurigen Zeit gehörten die Mitglieder des Ordens der Grünen Monde zu den Ersten, die mit Feuer und Schwert verfolgt wurden, weil ihr Orden zu den wichtigsten Konkurrenten des Siebenzackigen Blattes gehörte. Die Mehrzahl der Novizen, Agenten und Magister des Ordens wurde getötet. Der Große Magister Mener Gjusot nahm sich am 333. Tag des Jahres 3183 in der Residenz seines Ordens das Leben - fünf Jahre, bevor die Epoche des Gesetzbuchs begann. Bekanntlich haben nur zwölf in die Geheimnisse des Ordens eingeweihte Magister überlebt. Sie alle haben - nach Informationen des Ordens des Siebenzackigen Blattes - das Vereinigte Königreich verlassen. Berichte über die Tätigkeiten eines jeden dieser zwölf Magister befinden sich im Archiv und werden im Laufe der Ermittlungen bearbeitet. Das Eigentum des friedlichen Mener Gjusot - also auch sein Haus in der Straße der alten Münzen - wurde vom König beschlagnahmt. Auf seinen Befehl hin wurde das Haus im achten Jahr der Epoche des Gesetzbuchs an General En verkauft, den Hoflieferanten des Königs. Zwei Jahre später starb General En, und das Haus ging in den Besitz von Sir Tolakan En über, dem Hauptberater der Verpflegungskanzlei und einzigen Sohn des Verstorbenen. Die Immobilie stand leer, bis Familie En im Jahre 54 der Epoche des Gesetzbuchs vom Land in die Stadt zog. Ein Jahr darauf beendete Sir Tolakan En seinen Dienst in der Kanzlei, lebt seither ganz zurückgezogen und lässt nicht einmal seine Diener bei sich wohnen. Sein Verhalten wird allgemein mit extremem Geiz erklärt, der bei reichen Leuten ja häufig ist ... Gib mir noch Nüsse!«

Kaum hatte Kurusch diese Forderung ausgesprochen, verfiel er in Schweigen.

»Eine gute Geschichte, Max«, lächelte Juffin zufrieden und fischte aus den zahlreichen Schubladen seines Schreibtischs ein paar Nüsse hervor. »Der Vater kauft ein Haus und stirbt bald darauf. Alles läuft gut, solange das Haus leersteht. Im Jahre 54 wird es von seinem Nachfolger bezogen. Nicht einmal ein Jahr später hat sich der neue Hausherr schon in einen anderen Mensehen verwandelt. Ohne äußeren Anlass verzichtet er auf Hausangestellte und wird zu einem der unauffälligsten Bewohner von Echo. Lady Fern - seine Frau und die wichtigste Salonlöwin der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts - hat keine Erklärung für Tolakans merkwürdiges Verhalten - genauso wenig wie seine engsten Freunde. Da kann man nichts machen: Das Leben eines jeden - und sei er auch der reichste Mensch der Hauptstadt - ist seine Privatsache. Die Leute staunen erst über Tolakans Lebenswandel und vergessen ihn dann. Das Leben geht weiter.«

»Hat er sich wirklich niemandem gezeigt?«

»Jein. Ab und an hat man schon irgendwo eine Nasenspitze zu sehen bekommen. Aber nur die Nasenspitze von Lady Feni. Sie verlässt das Haus nur alle zwölf Tage und ist noch immer so distanziert wie damals, als ihre Schönheit eine der Hauptsensationen am Königshof war. Aber die beiden bekommen keinen Besuch. Lady Feni geht einkaufen und packt ihre Taschen jedes Mal so voll mit Nahrungsmitteln, dass die beiden sie niemals aufbrauchen können. Es scheint, als hätte sie eine neue Aufgabe gefunden - die nämlich, in kürzester Zeit die größte Sammlung diversester Nahrungsmittel zusammenzutragen. Im Übrigen ist so etwas für eine derart reiche Frau in ihrer Position völlig normal.«

»Da haben Sie ja viel erfahren, Juffin!«

»Ach, Max - ich fürchte, das ist viel zu wenig. Aber mehr konnte ich in der kurzen Zeit nicht ausfindig machen. Na schön - sei froh, dass du dich damit nicht hast quälen müssen. Sammle deine Kräfte und genieße das Leben. Ich gehe derweil nach Hause und versuche, in meinem Mauseloch ein wenig Schlaf zu finden. Ich dachte schon, die Zeit meiner asketischen Heldentaten sei für immer vorbei.«

Sir Juffin verschwand, und ich blieb allein im Haus an der Brücke zurück. Die ganze Nacht versuchte ich, seinem Befehl zu entsprechen, mich zu erholen und das Leben zu genießen. Das fiel mir nicht leicht, doch ich tat, was ich konnte.

Wie üblich begann der nächste Tag mit einem Treffen mit Sir Kofa. Er wirkte ein wenig zerstreut. Übrigens stand ihm dieser Gesichtsausdruck besser als seine übliche Grimasse stockfinsterer Langeweile.

»Die Diebstähle greifen immer mehr um sich«, teilte er mir mit. »Weißt du, allmählich gefällt mir das nicht mehr. Darum spitze ich die Ohren. Alles deutet darauf hin, dass es immer die gleichen Leute sind, die sie begehen. Aber wie schafft es diese flinke Truppe, zugleich in weit voneinander entfernten Häusern in Echo zuzuschlagen? Und wenn es verschiedene Leute sind - welches Genie schafft es dann, sie so perfekt zu koordinieren? Und vor allem: wofür? Damit General Bubuta endlich erfährt, dass in dieser Stadt nur eine Mannschaft wirklich regiert? Na schön, mein Junge, sag Juffin, er soll sich mit mir treffen, wenn ihm langweilig wird. Die ganze Sache ist natürlich ziemlich dumm und für unsere Behörde alles andere als geeignet, doch in der Nacht erscheint sogar eine dünne Frau als Bettdecke!«

»In der Not frisst der Teufel Fliegen«, antwortete ich automatisch. »Ich werde das weiterleiten, Sir Kofa, aber ich fürchte, heute langweilt sich Sir Juffin sicher nicht. Ich hab ihm eine nette kleine Arbeit zugeschustert ...«

»Na, sollen sich doch die Vampire um diese Diebstähle kümmern! Ich warte lieber auf bessere Zeiten. Bleib gesund, Max. Ich will auf dem Heimweg noch ein paar Besuche machen und verabschiede mich deshalb jetzt.«

Ich langweilte mich noch eine halbe Stunde und bekam dann per Stummer Rede eine Nachricht von Sir Juffin: »Bei mir ist alles in Ordnung. Allerdings denke ich lieber nicht daran, dass ich mich demnächst in deinem Bad waschen muss. Wenn ich komme, gehen wir ins Fressfass frühstücken.«

Genüsslich träumte ich von einem herrlichen Menü, und mein Arbeitszimmer schien bis zur Ankunft von Sir Juffin alle Attribute eines guten Restaurants zu besitzen: ein prachtvolles Büfett, verlockende Düfte und einen einsamen Feinschmecker, dem der Hunger ins Gesicht geschrieben stand.

Schließlich kam der Ehrwürdige Leiter, und wir gingen ins Fressfass.

»Ich habe die Ehre zu berichten«, begann Juffin dort und verzog dabei den Mund, als wäre er ein Rekrut, der zum ersten Mal selbständig eine Aufgabe bewältigen sollte, »dass die Ergebnisse meiner Ermittlungen Folgendes zeigen: Erstens wohnt im Nachbarhaus tatsächlich etwas, und zweitens hat es Angst vor mir. Vielleicht findet es mich aber auch nur eklig oder unappetitlich. Oder es handelt sich um einen Abonnenten des Trubel von Echo, der mich respektiert und deshalb Distanz hält. Wie auch immer - ich bin unangetastet geblieben. Vielleicht ist aber alles noch komischer gelaufen. Zuerst habe ich geträumt, auf deinem schrecklichen Esstisch zu liegen, doch nach kaum einer Sekunde war alles verschwunden. Ich war frei wie ein Vogel und konnte schlafen, wo ich wollte. Daraufhin bin ich zudringlich geworden und habe versucht, mich unserem geheimnisvollen Freund zu nähern. Sein Haus war aber so gut geschützt, dass ich dort nur das tief schlafende Ehepaar entdecken konnte. Ich habe aber dennoch etwas Neues erfahren!«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel, dass die magischen Phänomene im Nachbarhaus kein Menschenwerk sind. Es kann allerdings sein, dass jemand die Kräfte, die nun im Haus spuken, zum Leben erweckt hat. Ich habe übrigens den Verdacht, dass die Vergangenheit den Namen dieses Jemands schützt. Wer von den ehemaligen Bewohnern - vom Großen Magister des Ordens der Grünen Monde abgesehen - hätte Gefallen an solchen Spielchen finden können? Eins jedenfalls bleibt Tatsache: Eine fremde Kraft versucht, sich bei dir einzunisten. Ich habe den Eindruck, sie will dich ins Exotische ziehen.«

»Ins Exotische? Ich bin doch schon exotisch genug. Was will diese Kraft bloß von mir?«, murmelte ich.

»Na was wohl? Happi, happi!«, lächelte Juffin und fuhr sich gierig grinsend mit der Zunge über die Lippen. »Jedenfalls führt sie nichts Gutes im Schilde. Warum sollten die Leute in der Nachbarschaft sonst sterben wie die Fliegen? Na schön - was wissen wir noch über unseren Gegner? Nach der Analyse der heutigen Nacht kann man sagen, dass er vorsichtig und selektiv arbeitet. Diese Kraft will sich also nicht mit einem ebenbürtigen Gegner wie mir einlassen. Außerdem hat sich gezeigt, dass sich unser kleiner Freund auch irren kann, denn heute ist er zunächst in meinen Traum eingedrungen, dann aber schnell geflohen. Das freut mich, denn ich habe nur ungern mit einem perfekt funktionierenden Gegner zu tun! Schwierig. Na gut, Max, unsere Informationen sind eindeutig unzureichend. Also wirst du dich demnächst noch ein, zwei Nächte mit Alpträumen quälen müssen. Ich werde mich in mein Arbeitszimmer zurückziehen und deine nächtlichen Abenteuer genau beobachten. Komm nur nicht auf den Gedanken, heute ohne dein Amulett, das ich dir so mühsam besorgt habe, aus dem Haus zu gehen!«

»Meinen Sie diese Blechkette?«

»Ich meine das Armband des Großen Magisters vom Orden des Geheimen Krauts. Dein Leichtsinn wird mich noch ins Grab bringen! Ohne diese >Blechkette< kann dir keiner garantieren, dass du aus deinen Alpträumen je wieder erwachst. Würde dir das gefallen?«

»Nicht besonders. Ich werde das Armband schon nicht vergessen, Juffin. Seltsam, dass ich es gestern habe vergessen können. Vielleicht ist das unbekannte Ungeheuer, das irgendwo im Hinterhalt liegt, ja der Grund meiner Zerstreutheit.«

»Möglich. Umso schlimmer, Max, umso schlimmer.«

»Denken Sie bitte, wenn Sie über meine nächtlichen Träume wachen, an alle vorbeugenden Sicherheitsmaßnahmen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder werde ich immer zerstreuter, oder dieses Geschöpf verwandelt mich in einen Idioten.«

»Du hast recht. Alles ist möglich. In einem solchen Fall schadet es nie, Sorgfalt anzumahnen. Du isst ja ungemein wenig, merke ich gerade. Verdirbt dir dieser Quatsch etwa den Appetit? Probleme kommen und gehen, dein Bauch aber bleibt dir erhalten. Die Bedürfnisse deines Magens sind wichtiger als alles andere.«

»Ich gelobe Besserung, Sir.«

Und tatsächlich besserte ich mich, aß den Teller leer und nahm mir Nachschlag. Sir Juffin betrachtete mich mit dem Lächeln einer liebenden Großmutter.

Alles war toll, doch irgendwann musste ich nach Hause, um die neue Folge der Horrorserie Nightmare on Elm Street zu sehen, in der der arme Max die Hauptrolle spielte. Angst verspürte ich nicht. Eigentlich erfüllte mich eher absurder Heldenmut. Also beschloss ich, nicht bei Juffin zu übernachten, um so die Klärung des Falls voranzutr


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eiben. An sich war es nur meine Dickköpfigkeit, die mich so handeln ließ.

Trotz der widrigen Umstände war es schön, wieder zu Hause zu sein. Die Sonne schimmerte durch zartbitterschokoladenbraune Vorhänge, die ich gekauft hatte, um das grelle Tageslicht ins warme Halbdunkel einer Unterwassergrotte zu verwandeln. In erster Linie dienten sie dazu, mich vor dem ekelhaften Anblick des Nachbarhauses zu bewahren. Dies war schon kurz nach meinem Einzug Leitlinie beim Einrichten der Wohnung geworden.

Juffins Anwesenheit hatte einige Spuren hinterlassen: Im Wohnzimmer standen eine schmutzige Tasse und ein Krug Kamra, und im Schlafzimmer waren Kissen und Decken in entgegengesetzte Ecken der riesigen Matratze gewandert. Außerdem hatte Juffin die Bibliothek am Kopfende meines Bettes zensiert und Bücher, die ihm nicht genehm waren, im Zimmer verstreut. Ein seltsamer Gedankensprung ließ mich bei diesem Anblick feststellen, ich brauchte dringend eine Katze, und ich nahm mir vor, mir eine anzuschaffen, wenn dieses Abenteuer überstanden wäre.

»He, Max«, schreckte mich Juffin per Stummer Rede aus meinen Gedanken. »Vergiss nicht, dein Armband anzulegen.«

Ich sprang wie angestochen auf. Sündige Magister! Wer hätte das gedacht: Ich hatte tatsächlich vergessen, meinen Talisman überzustreifen. Dabei war mir eben noch sonnenklar gewesen, wie leichtsinnig das wäre! Ohne zu zögern, schob ich das Armband übers Handgelenk.

»Außerdem hattest du recht, Max. Du konntest auf alles achten, nur nicht auf deine Sicherheit, denn das Amulett war perfekt blockiert - auf sehr interessante Weise übrigens. Schade nur, dass du meine Erklärungen im Moment nicht so richtig verstehen kannst. Wir sind wirklich auf ein außerordentliches Geschöpf gestoßen. Na schön. Überleg doch mal, ob du noch andere Amulette hast. Also Dinge, die du sehr magst. Oder Sachen, mit denen du dich wohl fühlst - wie ein Kind mit seinem Lieblingsspielzeug. Wenn du so was findest, bedeck dich damit von Kopf bis Fuß. Das kann nicht schaden, und wer weiß, wie sehr dir diese weichen Amulette nützen. Und streng dich nicht so an, wenn du mich per Stummer Rede rufst. Ich bin immer für dich da, sehe und höre alles und hab die Lage unter Kontrolle. Du kannst also deine Schwäche zeigen. Wie hast du gestern Abend gesagt? finde? Also Schluss mit unserem Gespräch.«

Ich versank in Gedanken. Amulette? Welche Amulette mochte ich haben? Die Handcremedose aus dem Schlafzimmer von Sir Makluk-Olli vielleicht, meine erste »Beute«! Ich hatte sie aus dem Zimmer gerettet, in dem sie nicht hatte bleiben wollen, und spürte nun wirklich, dass sie Sympathie für mich empfand. Rasch legte ich meine kleine Freundin neben das Kopfkissen.

Und sonst? Wie es schien, besaß ich weiter keinen Talisman. Aber das Kind der Purpurroten Perle, das Geschenk des Königs, konnte eigentlich auch als Amulett gelten. Genau wie der dritte Band der Enzyklopädie der Welt von Sir Manga Melifaro. Ich hatte mich daran gewöhnt, mit diesem Buch einzuschlafen wie ein Kind mit einem Kuscheltier.

Nachdem ich meine bescheidene Barrikade gebaut und mich noch mal vergewissert hatte, das Armband zu tragen, ging ich zu Bett. Kaum hatte ich begonnen, in einem Buch zu blättern, fühlte ich mich hundemüde. Und das, obwohl ich fest überzeugt gewesen war, unser heutiges Experiment müsste aus technischen Gründen ausfallen, also weil ich vor Angst und Anspannung kein Auge würde zutun können. Nun aber fühlte ich mich im Gegenteil so sicher und entspannt, als habe mir jemand Schlafund Beruhigungsmittel verabreicht. Freddy Krueger vom Nachbarhaus gab sich offenbar alle Mühe, dass sein Opfer keinen Widerstand leistete. »Ich muss Juffin einiges fragen«, dachte ich im Halbschlaf. »Aber wozu eigentlich? Es ist sowieso alles klar.«

Diesmal kam mir mein Alptraum nicht so eklig vor. Ich verstand sehr gut, was ich träumte, und wusste, wer ich war, warum ich mich hier befand, worauf ich wartete und so weiter. Juffins Anwesenheit spürte ich zwar nicht, aber ich wusste um seine Gegenwart.

So träumte ich erneut, wie ein herrlich angerichteter Braten auf einem Büfett zu liegen. Meine Vorhänge waren von fremder Hand geöffnet worden, und nichts konnte mich vor dem Anblick des Nachbarhauses schützen. Mein Herz bebte vor Abscheu, als ich merkte, wie eine unsichtbare Hand mir schmerzhafte Muskelspritzen injizierte, doch ich hatte Kraft genug zum Widerstand und wurde erstaunlicherweise sogar wütend.

Natürlich konnte mir der Ärger allein nicht helfen, doch wer mochte wissen, was als Nächstes passieren würde! Auf alle Fälle packte ich diese Wut am Schopf, weil sie keine schlechte Alternative zur Angst war.

Irgendeine böse Kraft erlaubte mir nicht, ruhig in meinem Haus zu schlafen, für das ich doch Miete bezahlt hatte! Irgendein dämonisches Scheusal störte mich beim Ausruhen, und statt klarer Alpträume lagen mir vage Schreckensbilder bedrückend auf der Seele. Doch ich versuchte, mich gegen den Ansturm dämonischer Kräfte zu behaupten, so gut es ging.

»Prima, Max«, drang Juffins Stumme Rede in meinen inneren Kampf. »Du machst das wirklich gut, und es funktioniert! Jetzt versuch, ein wenig erschrocken zu sein. Deine Angst ist das beste Lockmittel. Wenn du keine Angst hast, lässt die seltsame Kraft dich und alles andere womöglich in Ruhe. Doch wir müssen das Geschöpf aus seiner Höhle locken. Tu darum so, als würdest du aufgeben.«

Das war leichter gesagt als getan! In diesem Moment hätte ich lieber alles um mich herum in Trümmer geschlagen. Mein Zorn war so groß, dass ich die widerliche Erstarrung, die mich zum schwächsten Geschöpf des Weltalls hatte werden lassen, beinahe überwunden hätte.

Eines aber war gut: Schon der Wunsch, erschrocken zu sein, führte dazu, dass alle Gespenster aus den weiten Regionen des Alptraums sich diensteifrig um mich versammelten. Ich brauchte mich bloß auf das dunkle Fensterdreieck des Nachbarhauses und den schmalen Sandpfad zu konzentrieren, der von dort seinen Ausgang nahm, und schon verwandelte sich mein Zorn in fast panische Angst. Um des Experiments, aber auch um meines psychischen Wohlergehens willen versuchte ich, wieder zornig zu werden. Und es klappte erneut! Die Möglichkeit, meine Stimmung im Handumdrehen zu wechseln, half mir sehr, denn so musste ich mich nicht auf einen der beiden üblen Zustände festlegen, konnte also ständig zwischen Angst und Zorn lavieren. Welch verführerische Alternative!

Letztendlich schaffte ich es, ein labiles Gleichgewicht zu erreichen: Ich hatte zwar Angst, doch sie ergriff mich nicht vollständig; ich war zwar zornig, vergaß dabei aber nicht meine Hilflosigkeit.

Dann kam wieder eine Hand voll Sand aus der Dunkelheit. Und wieder. Und wieder. Der schmale Pfad zwischen unseren Fenstern war jetzt viel länger als zuvor, und eine Ewigkeit schien vergangen. Dann protestierte mein Herz. Damit war ich völlig einverstanden. Zwar hätte ich weiterschlafen können, doch ich wollte nicht bis zum nächsten Tag warten, denn dann würden die Alpträume von neuem beginnen. Juffin wollte unbedingt einen Blick auf das Wirken des merkwürdigen Geschöpfs werfen. Ich beschloss, ihm dieses Vergnügen zu ermöglichen. Ich würde leiden, so viel ich konnte, und sogar ein wenig mehr. Wie bei einem Zahnarztbesuch.

Als sich der Sandpfad langsam durchs offene Fenster meinem Tisch näherte, auf dem sich ein hilfloser Haufen Angst und Ärger namens Max befand, spürte ich Erleichterung. Die Lösung des Rätsels rückte heran. Und wirklich: Am Fenster gegenüber erschien eine dunkle Silhouette, betrat den Sandpfad und näherte sich Schritt für Schritt. Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters mit unauffälligen Gesichtszügen und leer glänzendem Blick.

Plötzlich begriff ich, dass ich keine Kontrolle mehr über die Situation hatte. Und zwar nicht, weil alles so schnell unheimlich geworden oder das Geschöpf kein Mensch gewesen wäre - beides hätte ich verkraften können. Doch zwischen uns gab es eine Verbindung, und das war schlimmer als all meine Ängste und Seelenqualen. Plötzlich merkte ich, dass eine Substanz aus meinem Körper floss. Es war kein Blut, sondern etwas Unsichtbares, doch mir war klar: Ein Weiterleben ohne diese Substanz war undenkbar.

Etwas schnürte mir die Kehle zu - nicht stark, aber stark genug, damit ich wieder einschlief. Doch mein Armband, über dessen Vorzüge Sir Juffin so viel geredet hatte, arbeitete merklich und vor allem rechtzeitig. Hätte es auch nur eine Sekunde später zu wirken begonnen, wäre ich womöglich nicht mehr aufgewacht.

Ich nahm die Beine vom Tisch und wunderte mich über gar nichts mehr. Ein Flügel des breit geöffneten Fensters quietschte kläglich im Wind. Ich schloss das Fenster und zog erleichtert die Vorhänge zu. Mein Körper gab mir zu verstehen, er habe nichts dagegen, wieder in Ohnmacht zu fallen. Ich drohte ihm mit der Faust: Wehe, du wagst es!

»Guten Tag, Max«, hörte ich Juffin sagen, und seine angenehme Stimme war meiner Seele eine Labsal. »Du warst sehr gut, mein Junge! Wirklich! Glückwunsch - dein unangenehmes Abenteuer ist überstanden. Jetzt wissen wir alles Nötige, und der Showdown ist nah. Brot und Kachar-Balsam werden heute dein Hauptgericht sein. Raus aus den Federn und auf zu mir! Verstanden?«

»Verstanden. Ende«, gab ich automatisch zurück und kroch rüber ins Schlafzimmer. Fünf Minuten später hüpfte ich beinahe ins Bad und war - dem kräftigsten Getränk der Welt, dem Kachar-Balsam, sei Dank! - wieder unter den Lebenden.

Plötzlich begriff ich den Sinn von Juffins Bemerkung: »Glückwunsch - dein unangenehmes Abenteuer ist überstanden.« Ich hatte es hinter mir! Was auch passieren würde - diesen Alptraum musste ich nie mehr erleiden. Sündige Magister! Was braucht der Mensch mehr, um glücklich zu sein?

Auf dem Weg zur Arbeit entschied ich, dem Menschen fehle zu seinem Glück noch ein Frühstück. Im Gesättigten Skelett zum Beispiel. Also bog ich kurzerhand ins warme Halbdunkel des Lokals. Sir Juffin verlangte von seinen Untergebenen nie zu hungern - auch nicht in dienstlichen Angelegenheiten.

Im Haus an der Brücke drängten sich viel mehr Menschen als sonst. Sir Lonely-Lokley machte sich in seinem dicken Heft Notizen und saß so unbequem auf der Kante seines Stuhls, dass es schon wehtat, ihm nur dabei zuzusehen. Sir Melifaro, der gerade vom Gut seiner Familie zurückgekehrt war, hüpfte wie ein Springteufel herum und rief, der bedeutendste illegitim geborene Prinz sei gekommen, und er sei überglücklich, sich in den Strahlen meines Ruhms sonnen zu dürfen. Ich kam zu dem Schluss, der Arme habe einen Stich. Dann begriff ich, dass er das Geschenk des Königs meinte, in dessen Besitz ich seit drei Tagen, nein, schon seit einer Ewigkeit war. Nächtliche Alpträume können wirklich jeden fertigmachen, und auch für mich war das alles zu viel gewesen. Kein Wunder, dass ich kurzzeitig die Übersicht verloren hatte. Kaum aber hatte ich mich gefangen, drohte ich meinem Tagesantlitz mit der Faust, ließ seinem Vater Grüße ausrichten und ging schnurstracks zu Juffin.

In seinem Büro traf ich auf Lady Melamori, die für jemanden, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war, entschieden zu schlechte Laune hatte.

»Gut, dass du so schnell gekommen bist, Max! Unsere Arbeit muss noch ein wenig warten, denn wir haben hier - wenn ich so sagen darf - familiäre Ungelegenheiten. Ich rufe die Übrigen gleich dazu.«

»Familiäre Ungelegenheiten? Was soll das denn sein?«, staunte ich.

»Ich bin bestohlen worden«, klagte Lady Melamori. »Als ich wieder nach Hause kam, war alles durcheinandergeworfen und durchwühlt. Wie kränkend das ist! Als ich in den Dienst des Geheimen Suchtrupps eintrat, war ich fest überzeugt, so etwas würde mir erspart bleiben ...«

»Aber wo ist das Problem, Lady? «, fragte ich errötend. »Treten Sie dem Schurken doch einfach auf die Spur, und der Fall ist gelöst.«

»Aber es gibt keine Spur! Ich habe den Eindruck, meine Sachen sind von allein verschwunden.«

»Ich hab immer gesagt, das einsame Leben ist nicht gut für unsere kleine hübsche Lady Melamori«, bemerkte Sir Melifaro von der Tür her. »Wäre ich in Ihrem Schlafzimmer gewesen, Unvergessliche, dann wäre nichts passiert!«

»Ich kauf mir einen Hund«, entgegnete Lady Melamori lächelnd, und ihre Grübchen kamen zum Vorschein. »Der kann genauso gut aufpassen und frisst weniger. Angeblich versteht er sogar die Sprache der Menschen - im Gegensatz zu Ihnen.«

Sir Lonely-Lokley ließ Sir Kofa höflich den Vortritt. Alle bis auf Lukfi waren bereits versammelt, doch ihn brauchte man in solchen Fällen anscheinend nicht, denn seine Arbeit im Großen Archiv hatte keinen Bezug zu unserer Tätigkeit.

»Na, meine Herrschaften - wollt ihr eine Neuigkeit hören?«, fragte Sir Juffin und ließ einen musternden Blick über uns schweifen. »Wir stecken in der Klemme! Ich hoffe, ihr alle seid der Meinung, dass Lady Melamori ihren Kram zurückbekommen soll. Sie ist zwar etwas verärgert, was unsere Laune nicht gerade hebt, doch die ganze Stadt wartet gespannt auf die Heldentaten unseres Suchtrupps. Ich weiß, Lady Melamori, dass Sie noch niemandem von dem Diebstahl erzählt haben, doch in Echo gibt es viele preiswerte Hellseher! Melifaro, diese Sache fällt in dein Ressort. Tu, was du für richtig hältst.

Max und ich müssen uns mit einer anderen dringenden Angelegenheit herumschlagen.«

Melifaro hatte sich schon Lady Melamoris Lehnstuhl genähert. Missvergnügt bemerkte ich, dass sie ihr Näschen in seinen Oberarm bohrte.

»Das vollständige Verzeichnis aller gestohlenen Sachen, bitte, meine Liebe«, säuselte Melifaro und zupfte vertraulich am Pony seiner Kollegin.

»Achtunddreißig Ringe, alle mit dem Familienwappen der Blimms auf der Innenseite; Geld - ich weiß nicht, wie viel, aber jede Menge, tausend Kronen, denke ich; acht Halsketten mit unserem Wappen auf dem Verschluss. Meine Verwandten kennzeichnen ihren Schmuck. Ich hab sie deswegen immer ausgelacht, doch jetzt ist mir klar, dass das eigentlich eine kluge Vorsichtsmaßnahme ist. Ich glaube, das war's. Die Diebe haben keinen einzigen Talisman mitgenommen. Ach, das hätte ich fast vergessen: Die Puppe, die du mir am Tag der Jahresmitte geschenkt hast, haben sie auch gestohlen. «

Melifaro runzelte die Stirn. »Die schöne Puppe! Sie war so ein hübsches Spielzeug! Merkwürdig, dass die Diebe ausgerechnet sie mitgenommen haben. Die übrigen Sachen mitgehen zu lassen, ist dagegen nur zu verständlich. Sir Juffin, würden Sie uns vielleicht mit Kamra bewirten, da wir inzwischen vollzählig versammelt sind? Dann könnten wir gemeinsam über den Fall nachdenken und diskutieren. So ganz allein in meinem Dorf hab ich mich nämlich furchtbar gelangweilt. Ihre wichtige Sache kann doch bestimmt eine halbe Stunde warten, oder?«

»Ein halbes Stündchen kann jede Sache warten - bis auf die Dinge, von denen General Bubuta Boch so gern erzählt. Also gut, dann bestelle ich für uns alle einen großen Krug Kamra aus dem Fressfass, aber du musst dich dafür durch größeren Einsatz revanchieren, Melifaro.«

»Warum das denn? Juffin, merken Sie nicht, dass das der Gipfel der Idiotie ist: Erst stiehlt man das Kleinste und Kostbarste, was sich in der Tasche eines Lochimantels nur transportieren lässt, und dann nimmt man eine Puppe mit, die so groß ist wie ein dreijähriges Kind. Die war natürlich nicht billig, aber warum lässt man dann nicht auch gleich das Geschirr und einen Sessel aus dem Salon mitgehen? Der wäre sogar noch teurer als die Puppe gewesen.« Melifaro entfernte sich vom Sessel der Lady und hockte sich neben der Armlehne seines Chefs nieder, der dadurch gezwungen war, seinem Mitarbeiter auf den Kopf zu sehen.

»Du verbeißt dich in die Frage, warum ausgerechnet die Puppe gestohlen wurde. Dafür hast du schon die erste Portion Kamra verdient.«

»Verdient hab ich sie allein, doch trinken tun wir sie zusammen. Aber egal! Sir Kofa, wer von unseren wackeren Stadtpolizisten steht im Moment an erster Stelle des Weißen Blättchens?«

»Sir Kamschi, aber der ist gegenwärtig nicht im Büro. Versuch mal, Leutnant Schichola zu erreichen. Der steht auf Platz vier und beschäftigt sich obendrein mit Wohnungseinbrüchen.«

»Na gut, ich bin gleich wieder da. Wer sich zwischenzeitlich an meiner Kamra vergeht, wird dran glauben müssen«, fügte Melifaro hinzu.

Sein Ermittlungstempo begeisterte mich. Wenn man irgendwann einen Film über den großen Detektiv Melifaro aus Echo dreht, kann das nur ein Kurzfilm werden!

»Was ist dieses Weiße Blättchen eigentlich?«, fragte ich Sir Kofa neugierig und brachte ihn damit schallend zum Lachen. Auch Lady Melamori kicherte.

»Ach, Max! Das ist nur so ein Witz von uns. Ab und an erstellen wir eine Liste der zwölf cleversten Polizisten, um zu wissen, mit wem sich am besten Zusammenarbeiten lässt. In Wirklichkeit arbeiten bei der Stadtpolizei viele vernünftige und gute Leute, aber mit Chefs wie Bubuta und Fuflos werden sie alle schnell zum Gegenstand des Spotts. Die Jungs sind glücklich, wenn sie es geschafft haben, in unserem Weißen Blättchen zu stehen. Das freut sie mehr als ein Lob des Königs. Auch weil selbst General Bubuta so ein Lob - wie es seinem Dienstgrad entspricht - einmal im Jahr bekommt. Aber wie ich sehe, hast du mich bereits verstanden.«

Und wie ich ihn verstanden hatte! Und ich war begeistert von dieser Idee.

Sogar Lonely-Lokley lebte auf: »Dieses Weiße Blättchen erleichtert unsere Arbeit sehr, Sir Max«, sagte er belehrend.

»Sir Schürf gehört zu unseren wichtigsten Listenschreibern«, lächelte Juffin. »Da kommt ja unsere Kamra.«

Der Krug war vor lauter Süßigkeiten, die Sir Juffin ebenfalls im Fressfass bestellt hatte, kaum sichtbar. Kaum war die Stärkung angekommen, kehrte auch Melifaro zurück. Er hatte einen Schwung Tafeln dabei, die sich von selbst beschriftet hatten, sprang über die Armlehne und warf sich in seinen Sessel. Erst nahm er eine Pirogge, schob sie im Ganzen in den Mund und sah dabei wie der Vogel Kurusch aus - zerzaust und schmutzig, aber glücklich. Dann trank er seinen Becher auf einen Zug leer und vertiefte sich schließlich in seine Tafeln. Ein, zwei Minuten lang - für seine Verhältnisse also eine halbe Ewigkeit - studierte er sie aufmerksam. Dann sprang er kurz auf, um sich eine zweite Pirogge zu nehmen, und setzte mit vollem Mund zu einer feierlichen Erklärung an. Nach ein paar Sekunden war er schon besser zu verstehen.

»Das hatte ich mir schon gedacht! Bei allen anderen wurde auch eine Puppe gestohlen! Und natürlich jede Menge Schmuck. Das Wichtigste ist aber, dass in jedem Inventar gestohlener Sachen eine Puppe auftaucht. Interessant! Ach, Lady Melamori! Wie es scheint, habe ich Ihnen einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Aber das geschieht Ihnen recht. Der Zorn verschmähter Männer ist furchtbar. Na ja, wo hab ich die Puppe eigentlich gekauft? An irgendeinem kleinen Stand auf dem Flohmarkt. Wo genau, ist nicht so wichtig, denn ich lasse dort sowieso alles auf den Kopf stellen!«

»Warte lieber noch etwas damit«, mischte sich Sir Kofa ein. »Sag mir besser, um welche Art Puppen es sich handelt. Wie hat Ihre Puppe ausgesehen, Lady Melamori?«

»Wie ein Junge von zwölf Jahren, nur viel kleiner. Sie hat ein sehr hübsches Gesicht, und ihre Hände sind erstaunlich gut geschnitzt. Ich habe sie oft und lange betrachtet. Sie hat lange dünne Finger und sogar Handlinien und trägt eine ausländische Tracht aus teurem Stoff.

Leider weiß ich nicht, um welche Tracht es sich da handelt. Und einen langen Mantel hat sie an, der unserem Lochi ähnelt. Die Puppe war immer lauwarm - fast wie ein Mensch. Ich hatte ein wenig Angst vor ihr. Deshalb hab ich sie im Wohnzimmer gelassen, obwohl sie normalerweise eher ins Schlafzimmer gesetzt wird.«

»Das reicht! Du brauchst nicht auf den Flohmarkt zu fahren, Melifaro, sondern kannst in Ruhe weiteressen. Ich gehe jede Wette ein, dass es in Echo nur einen gibt, der solche Puppen schnitzen kann: Dschuba Tschebobargo. Dieser Mann hat Zauberhände!«

»Na schön«, murmelte Juffin. »Dann habt ihr drei ja heute Abend was zu tun. Max und ich ziehen derweil mit Sir Schürf los, um jemanden kennen zu lernen, und zwar ... Was, zum Kuckuck, ist denn jetzt wieder los, Junge?« Diese Frage war an einen zu Tode erschrockenen Boten gerichtet, der in Juffins Büro gekommen war, ohne anzuklopfen.

»Es ist etwas Schreckliches passiert!«, rief der Kurier aufgebracht. »In der Straße der alten Münzen! Jemand ist totgebissen worden!«

»Und so was hältst du für eilig?« Juffin nickte phlegmatisch. »Tritt näher, Freund. Warum zitterst du denn so? Hast du noch nie ein Unheil erlebt? Bist du etwa neu hier?«

Der Bote nickte vorsichtig und verschwand im Halbdunkel des Korridors.

»Also los, Jungs«, seufzte Juffin. »Ich weiß nicht, wie und warum da jemand totgebissen wurde. Ich weiß nur, dass bei solchen Ereignissen besondere Kräfte im Spiel sind. Und nur wegen dir, Sir Melifaro, wegen deiner Fresssucht hat diese Show ohne uns begonnen. Na schön, wir stecken alle bis zum Hals in Arbeit. Man sieht sich.« Mit diesen Worten wandte er sich an mich. »Und du? Warum machst du es dir noch immer bequem? Auf geht's!«

Kurze Zeit war ich wie erstarrt und danach noch immer sehr kraftlos. Nur mit knapper Mühe konnte ich aufstehen und zum A-Mobil gehen.

Mehr als alles andere wollte ich erklärt bekommen, was mir da eben widerfahren war, doch Juffin schien selbst nicht zu wissen, was los gewesen war.

»Du hast dich wunderbar gehalten, Max, und mir die Möglichkeit gegeben, das Geschöpf zu untersuchen. Ich war fest überzeugt, es wäre nicht imstande, bei helllichtem Tage Leute anzufallen. Übrigens, Schürf - diese Gefahr muss unbedingt gebannt werden. Kümmere dich darum. Wir unterstützen dich dabei. Alles klar?«

»Alles klar, Sir«, nickte Lonely-Lokley und blickte dabei so begeistert drein, als habe man ihm befohlen, seine Wohnung zu putzen.

»Weißt du, was dir widerfahren ist, Max? Du verdankst deine Erstarrung den Überresten deines Nachbarn, also Sir Tolakan En persönlich - aber was heißt schon »persönlich«? Von dem armen Kerl ist ohnehin fast nichts übrig geblieben.«

»Inwiefern verdanke ich ihm meine Erstarrung?«

»Ich glaube, es war sehr dumm von ihm, in das Haus neben dir zu ziehen. Dort wohnt ein Fetan, das ist völlig klar.«

»Ein Fetanl?«

»Ach, auch davon weißt du nichts! Na ja, Fetane sind die Geister der Bewohner einer anderen Welt. Sie kommen körperlos, um uns bestimmte Dinge zu vermitteln. In der Epoche der Orden tauchten solche Geschöpfe nur selten auf. Sie sind nicht nur nützlich, sondern können auch gefährlich sein. Je länger ein Fetan lebt, desto mehr magische Kraft besitzt er. Früher oder später rebelliert er gegen den Magier, der ihn gerufen hat, und ergreift nicht selten von seinem Körper Besitz. So ein Fetan, musst du wissen, sehnt sich danach, einen Körper zu haben, und wenn er ihn hat, braucht er was zu essen. Es ist nicht allzu kompliziert, einen Fetan zu vernichten - davon wirst du dich bald überzeugen können. Doch es ist praktisch unmöglich, seine Existenz nachzuweisen. Fetane umgeben sich mit einer unsichtbaren, aber undurchdringlichen Schutzhülle. Ihr Hauptziel ist es, für andere unauffällig zu bleiben, und ihre Schutzzone verhindert, dass man ihre Existenz überhaupt bemerkt. Sollte jemand aber auf einen Fetan stoßen, kann er von seiner Entdeckung nicht mehr erzählen. Der Fetan ernährt sich nämlich von fremden Schläfern, und wenn diese Leute erwachen - vorausgesetzt, sie erwachen überhaupt noch mal -, können sie sich an nichts erinnern. Mit dir hatten wir wirklich Glück, Max. Später erkläre ich dir, warum. Aber eins bestürzt mich: Warum hat ein Fetan begonnen, nicht nur Schläfer, sondern auch wache Menschen anzufallen? Von so einem Fall habe ich noch nie gehört. Aber das bekommen wir auch noch heraus.«

»Und wenn der Fetan uns entkommen ist?«, fragte ich schroff. »Wie können wir ihn dann ausfindig machen?«

»Dass er entkommen kann, ist ausgeschlossen, Max, völlig ausgeschlossen. Ein Fetan kann sein Haus nämlich nicht verlassen. Das ist ein Naturgesetz. Manche Magier hatten den Mut, mit einem Fetan Geschäfte zu machen - nach dem Motto: Solange er mir den Kopf nicht abgebissen hat, kann ich mich ja davonmachen und das Haus mit seinem geheimnisvollen Mieter Weiterverkäufen - sollen doch andere die Suppe auslöffeln!«

»Wie konnte Lady Feni denn dann einkaufen gehen, wenn ...«

»Gute Frage, mein Junge! Ich vermute, wenn ein Fetan zwei Körper zur Verfügung hat, kann er einem ab und an ein wenig Freiheit geben - natürlich nur für kurze Zeit. Aber ich bin fest überzeugt, dass Lady Feni nicht selbst einkaufen war, sondern nur eine klägliche Erinnerung an sie, die extra für diese Tätigkeit programmiert wurde. Diese Tarnung war sehr erfolgreich. Kein Wunder - Fetane sind ja Meister der Tarnung. Aber wir sind da! Lass uns aussteigen.«

Wir ließen das A-Mobil vor meinem Haus stehen. Inzwischen war auf der Straße der alten Münzen ziemlich viel los. Ein paar Mitarbeiter der Stadtpolizei, sechs Anwohner und ein Haufen tief erschütterter Schaulustiger, die aus dem Gesättigten Skelett gekommen waren, hatten einen Kreis um das Opfer gebildet, um eine Frau mittleren Alters also, die sehr einfach gekleidet und deren Kopf beinahe vom Rumpf abgetrennt war. In der Nähe lag ein Korb mit Nüssen. Die zerstreuten Nüsse erinnerten mich an den dünnen Sandpfad, der im Traum zwischen meinem Haus und dem Haus nebenan durch die Luft geführt hatte.

Sir Juffins Stimme, die von den Polizisten Erklärungen einforderte, riss mich aus meinen Gedanken.

»Die Zeugen behaupten, der Täter sei sehr klein gewesen«, meldete einer der Polizisten verwirrt.

»Und wo sind die Zeugen?«

Aus der Gruppe Schaulustiger trat ein junges Pärchen hervor. Die beiden waren augenscheinlich sympathisch und nach hiesigen Maßstäben noch sehr jung - ungefähr sechzig Jahre alt. Die Frau erwies sich als die Gesprächigere, wie es oft so ist.

»Wir waren auf dem Weg zur Arbeit und sind nur zufällig in diese Straße geraten. Sie war leer. Nur ziemlich weit vor uns ging eine Frau mit einem Korb in der Hand. Plötzlich kam aus diesem Haus hier ...« - sie zeigte auf das architektonische Meisterstück, das mich schon lange beschäftigt hatte - »... ein Männchen herausgesprungen.«

»Sind Sie sicher, dass es sich um einen sehr kleinen Mann gehandelt hat?«, unterbrach Juffin.

»Absolut, Sir! Frud kann das auch bestätigen. Er war klein wie ein Kind, aber wie ein Erwachsener gekleidet, sehr elegant und sehr teuer. Erst verstanden wir gar nichts. Wir dachten, er würde die Frau kennen und wolle sie umarmen. Na ja, er sprang kurz hoch, damit ihm das bei seiner Größe gelang. Das fanden wir lustig, doch dann fiel die Lady um, und wir erschraken. Das Männlein sprang noch ein paar Mal auf sie drauf und verschwand.«

»Und wohin?«

»Na ja, irgendwohin. Auf jeden Fall nicht in unsere Richtung. Den Magistern sei Dank! Frud wollte ihn verfolgen, doch ich hatte Angst. Dann haben wir Hilfe gerufen.«

»Vielen Dank, meine Liebe. Jetzt ist mir alles klar«, erklärte Juffin und wandte sich an die Polizisten. »Seit Sie hier sind, meine Herren, ist noch niemand aus dem Haus gekommen, oder?«

»Niemand, Ehrwürdiger Leiter! Und wir sind auch nicht ins Haus gegangen, weil

»Sie haben ganz richtig gehandelt! Max, Schürf, wir gehen!«

Wir besuchten meinen zum Vampirismus neigenden Nachbarn.

In seinem Haus war es dunkel und still. Und sehr schmutzig, wie ich hinzufügen muss. Ein großes, bis zur Decke mit allem Möglichen gefülltes Zimmer, in dem die Habe der Bestohlenen gesammelt war, machte den Eindruck eines scheußlichen Museums. Ich sage das nicht, weil ich mich über die Unordnung im Haus geärgert hätte. Dort herrschte einfach nur eine furchtbare Atmosphäre. Sogar Lonely-Lokley runzelte verächtlich die Stirn - und das hieß einiges.

Zum ersten Mal, seit ich in Echo war, ging mir die Größe eines Hauses auf die Nerven. Es kostete uns viel Zeit, das Erdgeschoss zu inspizieren - und das, obwohl wir sehr schnell arbeiteten. Und herausgekommen ist dabei nichts. Nur unsere Stimmung war endgültig verdorben.

Dann mussten wir in den ersten Stock hoch. Dort war es genauso dunkel und still. Als Sir Lonely-Lokley die Treppe zum zweiten Stock betrat, sah ich ihm nach und wünschte mir, ein Nickerchen machen zu können. Doch dann würde ich nie wieder aufwachen.

»Kopf hoch, Max!« Juffin hatte gemerkt, dass ich schlappzumachen drohte, und sich per Stummer Rede bei mir gemeldet. »Egal wie das endet - nur Schürf hat hier wirklich was zu tun, und auch seine Aufgabe ist nicht sehr kompliziert. Wir beide sind nur aus Neugier hier. Das ist vielleicht nicht der angenehmste Spaziergang, doch es gibt Schlimmeres - das kann ich dir versichern. Also, Kopf hoch, mein Junge!«

Ich fühlte mich ein wenig besser. Gleich zauberte ich ein schwaches Lächeln aufs Gesicht und sah dabei Sir Juffin an.

Dann gingen wir weiter nach oben, bis nur noch der Himmel über uns war.

Sie hatten auf uns gewartet - diese beiden, die irgendwann Tolakan En und seine Frau Feni gewesen waren, märchenhaft reich, wahnsinnig verliebt und unendlich glücklich. Doch sie waren längst tot, und statt ihrer begegnete uns der langlebige Fetan, der nach Belieben über zwei Körper verfügen konnte.

Das Geschöpf wusste um seine hoffnungslose Lage und war sich klar darüber, was kommen würde. Darum versuchte es noch nicht mal, Widerstand zu leisten. Plötzlich spürte ich Mitleid mit dem unbekannten Geist, der gegen seinen Willen nach Echo geholt worden und nun gezwungen war, sich durchzuschlagen. Mich hätte ja auch ein verrückter Magister nach Echo zitieren können! Mit meinem Talent hätte ich es selbst im Schlaf geschafft, in ei


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ne unangenehme Situation zu geraten! Brrr!

Fünf schneeweiße Strahlen richteten sich auf das erstarrte Pärchen, Strahlen, die von der linken Hand Sir Lonely-Lokleys ihren Ausgang genommen hatten und das Pärchen in Schutt und Asche legten. Ich hoffte, dass sein Ende schmerzlos gewesen war.

»Juffin«, fragte ich in die klirrende Stille, »ist überhaupt noch etwas vom Ehepaar En übrig? Ich meine, eine Seele ... oder wie immer man das nennen mag.«

»Das weiß niemand, Max!«

Er zog mir blitzschnell die Knie weg, und ich stürzte zu Boden. Noch im Fallen begriff ich, dass etwas mit meinem Genick nicht stimmte. Ich spürte einen stechenden Schmerz im Nacken. Dann lief eine Kältewelle über meinen Hals. Ich schrie und stieß dabei anscheinend einen Fluch aus.

Nach ein paar Sekunden der Ohnmacht merkte ich, dass ich noch am Leben war - ein starker Schmerz im rechten Knie und am Kinn war dafür Beweis genug. Mein Nacken war ganz starr - als habe ich eine Novocain-Spritze bekommen. Etwas Warmes lief an meinem Hals herunter. »Wenn das Blut ist, dann verzeih mir, lieber Lochimantel«, dachte ich finster.

Am Hinterkopf spürte ich eine warme Hand. Sehr angenehm. Mir wurde immer blümeranter, und ich driftete Richtung Nirwana, doch dieser Zustand hielt nicht lange an.

Als ich die Augen wieder öffnete, war meine Lage vielleicht nicht ideal, aber durchaus erträglich. Knie und Kinn meldeten, dass sie sich zwar gemein benommen hatten, sich nun aber bessern würden. Auch Hals und Nacken gaben mir keinen Anlass zur Besorgnis mehr. Fieberhaft suchte Sir Juffin mit blutbespritzten Händen nach einem Handtuch.

»Nehmen Sie einen Vorhang«, sagte ich mit eigenartig heller Stimme. »Die Besitzer des Hauses haben sicher nichts dagegen.«

»Du bist wirklich ein kluger Kopf, Max! Was würde ich nur ohne dich anfangen?«

»Sie hätten ruhig in Ihrem Büro bleiben und Kamra trinken können. Dann hätten Sie sich diese Szene erspart. Was war das eigentlich, Juffin?«

»Eine ausführliche praktische Antwort auf einige theoretische Fragen, mit denen sich kluge Köpfe an der Universität beschäftigen. Aber schau selbst. Und hab keine Angst, den Kopf zu drehen. Ich hab deine Wunden gestillt. Deine Verletzungen waren ohnehin nicht spektakulär! Mit einem Wort: Dir wird der Kopf nicht vom Hals fallen. Und sollte er es doch tun, hab keine Angst - ich kann dir einen neuen annähen, der besser ist als der alte.«

»Sehr witzig! Und wo ist Ihre ausführliche Erklärung?«

»Hier, Sir Max!«, rief Lonely-Lokley. Er hockte neben mir und zeigte mir zwei kleine Gegenstände, die er in der rechten, also weniger gefährlichen Hand hielt. Es handelte sich um eine in der Mitte durchgebrochene Figur - genauer gesagt um eine kleine, füllige Frau, die einen Dreizack in der Hand hielt. Ihr Gesicht war nicht hübsch, aber voll bedrohlicher Kraft, was ihre Züge unvergesslich machte.

»Sündige Magister! Was ist denn das?«

»Eins der vielen Meisterwerke vom Anfang der Ordensepoche«, erklärte Lonely-Lokley. »Ein Amulett, das dieses Haus schützen sollte.«

»Eine herrliche Figur!«, seufzte Juffin. »Ich glaube, das Gespenst von Lady Feni hat sie irgendwo erworben, wo es nichts unter dreihundert Kronen zu kaufen gibt. Sie muss von einem begnadeten Künstler stammen, sündige Magister! Die Vampire sollen ihm die Ohren abbeißen!«

»Wirklich nicht schlecht«, stimmte ich zu. »Was für ein ausdrucksstarkes Gesicht! Ob das ein magisches Requisit war?«

»Na ja, zu ihrer Zeit hat diese Dame das Haus aufs Beste vor Dieben und unerwünschten Gästen geschützt. Und vor bewaffneten Widerlingen. Alles ist gut, sofern so ein Amulett in ein normales Haus gelangt, wo gewöhnliche Leute wohnen. In einem Haus aber, in dem ein Fetan lebt, kann mit so einem Amulett alles Mögliche passieren. Diese einfache Wahrheit haben oberschlaue Wissenschaftler ab und an bezweifelt. Doch es ist und bleibt Tatsache: Wenn ein Amulett sich gegen dich kehrt, bist du erledigt. Das nenne ich eine ausführliche Antwort auf manch theoretische Überlegung. Übrigens hätte ich nicht bloß mit ansehen dürfen, wie dich in dieser Wohnung die Kräfte verließen. Hätte ich mich mit dir unterhalten, wäre dein Nacken heil geblieben - und deine Nerven natürlich auch. Also gut, gehen wir. Im Haus an der Brücke ist es angenehmer. Vielleicht brauchst du Urlaub? Schließlich bist du verletzt, wenn auch nicht besonders schlimm.«

»Urlaub? Sie wollen ja bloß ohne mich Piroggen essen und die ganze Sache ungestört besprechen! Wenn Sie mich loswerden wollen, müssen Sie mich umbringen. Anders geht's nicht!«

»Deine Neugier und deine Verfressenheit verhindern immer wieder, dass du dich bei der Arbeit wirklich verausgabst«, lächelte Juffin. »Na schön. Gehen wir endlich.«

Lonely-Lokley half mir auf die Beine und musste dafür meinen Mantel mit den Händen berühren, da er seine ehrwürdigen Handschuhe im Fond des A-Mobils gelassen hatte. Ich begriff, dass es riskant war, sich von diesem Mann am Ellbogen führen zu lassen - genauso riskant wie der Besuch der Abendschule in einem Atomkraftwerk. Darum versuchte ich, allein die Treppe herunterzugehen. Das klappte ziemlich gut. Ich war zwar alles andere als leichtfüßig, kam aber wohlbehalten unten an.

Kaum saßen wir im A-Mobil, verzerrte Juffin sein Gesicht, als habe er in eine Zitrone gebissen.

»Das Abendessen wird auf später verschoben, Leute. Melifaro bittet dringend um Hilfe. Die drei sind offenbar in die Klemme geraten. Wenn selbst Melifaro jammert, was mag dann passiert sein? Der Arme hatte keine Zeit für Erklärungen, sondern hat nur gebrüllt, das Unheil habe alle Kraft zusammengenommen und tobe jetzt erst richtig. Mit einem Wort: Das kann heiter werden! Wir fahren jetzt in die Straße der kleinen Generäle. Max, setz du dich ans Steuer. Im Moment kann dein Leichtsinn uns nur nützen. Und du, Junge, lauf zum Haus an der Brücke und lies Zeitungen. Na los!«, rief Juffin und stupste den verblüfften Chauffeur mit dem Ellbogen. Ich nahm seinen Platz ein, und wir fuhren los. Juffin hatte nur Zeit, »Links!« oder »Rechts!« zu schreien.

An diesem Abend gelang es mir, dem Motor des unglücklichen A-Mobils zweihundert Sachen aus den Rippen zu leiern.

Eile war geboten, denn die Straße der kleinen Generäle lag - wie sich erwies - am Westrand der Stadt. Dennoch schafften wir es, nach kaum einer Viertelstunde dort aufzutauchen. Juffin hätte nicht unbedingt feststellen müssen, dass wir angekommen waren, denn daran gab es - offen gesagt - keinen Zweifel.

Ich kann nicht behaupten, dass es in Echo abends besonders leise ist. Dennoch ist es eigentlich nicht üblich, in Gruppen von zwanzig, dreißig Personen in Unterwäsche durch die Straßen zu laufen, dazu noch in Gesellschaft von Kindern und leicht hysterischen Haustieren. Wehklagend auf dem eigenen Dach herumzurennen, ist - soweit ich weiß - ebenfalls unüblich. Und selbst das war hier zu sehen.

»Der schmutzig rosa Hühnerstall da vorn ist das Haus von Dschuba Tschebobargo«, sagte Juffin mit ausgestreckter Hand.

Aus dem so gnadenlos kritisierten Gebäude kam ein barfüßiger Mann gehetzt, dessen durchtrainierten Körper die Reste eines Skaba-Mantels bedeckten. Am Saum des Mantels klebte ein glitzernder Gegenstand, der früher bestimmt ein Schmuckstück war. Im nächsten Moment merkte ich, dass er lebendig war. »Ist das etwa eine Ratte?«, fragte ich mich. »Ekelhaft!«

Seit meiner Kindheit habe ich Angst vor Ratten. Diese verbreitete Phobie hat einen komplizierten Namen, an den ich mich damals allerdings nicht zu erinnern vermochte. Doch nach ein paar Sekunden hatte ich mich wieder unter Kontrolle und sagte mir, mehrfarbige Ratten kämen in der Natur doch gar nicht vor. Im Normalfall ist so ein Geschöpf schwarz oder grau und hat allenfalls einen Rotstich. Das geheimnisvolle Wesen am Mantelsaum dagegen besaß obendrein eine erstaunlich menschenähnliche Gestalt.

»Das ist ja ein kleines Männchen!«, rief ich fröhlich. »Bloß ein klitzekleines Männchen! Von dem hat doch das Mädchen erzählt!«

Aus Lonely-Lokleys linker Hand schoss eine weiße Flamme und ließ von dem Männchen nicht mal ein Häufchen Asche übrig. Der erschrockene Mantelträger lief wohlbehalten weiter und ließ die unbeschäftigten Liebhaber des männlichen Striptease seinen mattweißen Hintern sehen, der in der Dämmerung seltsam schimmerte.

»Soll ich ihn anhalten, Sir?«, fragte Schürf.

Juffin schüttelte den Kopf. »Das ist nicht Dschuba. Soll er ruhig noch laufen. Immerhin ist das eine gute Unterhaltung! Warum warst du eigentlich so vergnügt, Max? Hast du eine Idee, wer das Männlein gewesen sein könnte?«

»Was für eine Idee denn?«, fragte ich und errötete sichtlich. »Ich war nur froh, dass es keine Ratte ist.«

»Eine Ratte? Was soll das denn sein?«

»Gibt es in Echo etwa keine Ratten?!«

»Soweit ich weiß, nicht. Aber vielleicht haben sie hier nur einen anderen Namen. Doch jetzt lass uns nachschauen, was im Haus los ist. Sir Schürf, Sie gehen als Erster rein. Und du, Max, passt auf deinen armen Kopf auf. Heute ist kein guter Tag für dich.«

An diesem Tag merkte ich, dass ich sehr gern in Gesellschaft von Sir Schürf Lonely-Lokley war. Er ist ein ausgezeichneter Killer. Wer dem Tod so nahe steht wie er und doch spürt, dass er keine Gefahr darstellt, ist etwas Besonderes und erlebt ein unbestreitbares Gefühl von Machtvollkommenheit. Schwindel erregend!

Auf der Schwelle zum rosa Hühnerstall verlor sich meine unangebrachte Hochstimmung. Ein weiteres kleines Männchen klebte am Bauch eines dicken alten Mannes und schmatzte seltsam sinnlich. Anscheinend schmeckten ihm die Innereien des Alten prächtig. Zum Glück beendete Lonely-Lokley diese Idylle schnell. Hätte er auch nur ein paar Sekunden gezögert, dann hätte ich mich sicher von den Piroggen, die ich Stunden zuvor gegessen hatte, verabschieden müssen.

»Donnerwetter! Das ist doch Krello Schir!«, staunte Juffin und näherte sich dem entstellten Leichnam. »Schade um den Armen. Ich hätte nie gedacht, dass Dschuba sich einen so ausgezeichneten Koch leistet. Schließlich ist er nur ein bescheidener Künstler!«

Wir gingen ins Schlafzimmer. Der Anblick, der sich uns dort bot, wäre es wert gewesen, in Bronze verewigt zu werden. In die Reste seines Lochimantels gehüllt, versuchte der tapfere Sir Melifaro, ein kleines, sich wütend windendes Männchen zu zerbrechen. Gut ein weiteres Dutzend lebloser Körper diente seiner Heldentat als Hintergrund. Sir Lonely-Lokley sprang in den Flur zurück.

»Wo ist denn Melifaros ewiges Lächeln geblieben?«, fragte ich verblüfft.

Melifaro schüttelte feierlich den kleinen, kopflosen Körper, den er in Händen hielt, und fing dann tatsächlich an zu lächeln. Er überlegte wohl, wie das Ganze auf seine Betrachter wirken mochte.

»Zu den Magistern mit dir, Max! Ich hab Lonely- Lokley gerade per Stummer Rede gesagt, er soll die restlichen Männchen fangen.«

»Die restlichen Männchen!?«

»Zwölf sind mir schon entkommen. Auch Dschuba ist die Flucht gelungen. Aber was ihn anlangt, mache ich mir keine Sorgen: Männer, die ihr keine Aufmerksamkeit schenken, mag unsere Lady Melamori nicht. Solche Typen findet sie sogar noch unter der Erdoberfläche.«

»Was sind diese Zwerge eigentlich für Missgeburten? Kannst du mir das erklären, mein Gnom-Bezwinger?«

»Wieso Missgeburten? Die sind doch ganz nett! Schau sie dir nur mal genau an!«, meinte Melifaro und reichte mir den kleinen Kopf, den er vom Rumpf des letzten Männchens getrennt hatte. Ich verzog vor Ekel die Miene, doch dann merkte ich, dass er aus Holz war. Er hatte wirklich ein hübsches Gesicht - sündige Magister!

»Ist das eine Puppe? So eine, wie du sie Lady Melamori geschenkt hast?«

»Ja. Davon gab es mindestens zwölf, doch irgendwann sind sie fuchsteufelswild geworden. Als wir kamen, wollten sie Dschuba umbringen oder ihn wenigstens bis in alle Ewigkeit verfluchen. Es war eine Qual, den Armen auch nur anzusehen.«

»Gehen wir, Jungs«, unterbrach Juffin unser nettes Gespräch. »Wir sind Sir Schürf natürlich nicht ebenbürtig, aber jeder soll tun, was in seiner Macht steht. Wo ist eigentlich unser tapferer Sir Schichola? Ist er etwa desertiert?«

»Beinahe ... Ach was, kleiner Scherz. Er hat nur Verstärkung angefordert und springt inzwischen an der Spitze einer großen Polizeieinheit von einem Dach aufs andere. Ich hoffe, sie haben mindestens ein paar Puppen eingefangen. Helfen Sie mir bitte, Juffin - ich bin heute einfach nicht in Form.«

Gebannt verfolgte ich, wie Sir Juffin mit den Fingerspitzen über Melifaros zerstochene Hände strich. Der Arme verzerrte leidend das Gesicht.

»Das ist nichts Ernstes. Mit meinem Magen steht es schlimmer.«

»Ach so«, meinte Juffin und fuhr mit den Händen dorthin, wo Melifaros grellgelber Mantel einen purpurroten Fleck hatte. »Na so was, mein Junge. Was wollten diese hirnlosen Geschöpfe denn mit deinem Bauch? Und da kannst du immer noch stehen? Respekt! Na ja, diese Wunde hab ich jetzt auch repariert. Du hast wirklich Glück gehabt, dass sie so hoch gesprungen sind ... Wenn sie sich etwas weiter unten verbissen hätten, hätte ich dich nicht so leicht wieder zusammenflicken können.«

»Ihnen wünsche ich einen Vampir an den Hals, Juffin. Halten Sie das für einen guten Witz?«

»Jedenfalls ist er nicht schlechter als deine. Na schön. Gehen wir.«

Kaum waren wir wieder auf der Straße, schien es, als ginge die Welt unter. Ein kleiner Knirps humpelte winselnd an mir vorbei. Entsetzt stellte ich fest, dass ihm mit fast unhörbarem Zischen eine kleine Figur nachtrippelte, die in der Dämmerung so sehr einer Ratte ähnelte, dass ich mich beinahe zu einer Heldentat aufgerafft hätte. Ich beugte mich vor, packte eins der kleinen, eleganten Beine des Geschöpfs, stöhnte leise vor Angst und schleuderte das Wesen mit aller Kraft aufs Straßenpflaster. Gleich zerbrach die Puppe in tausend Stücke.

»Geht man so in den Leeren Ländern mit ungehorsamen Jungs um?«, fragte Melifaro mit spöttischer Ehrerbietung. »Schauen wir mal, wen wir noch fertigmachen können. Na los!«

Aber wir kamen nicht weit. Kaum hatten wir begonnen, uns das Stadtviertel vorzuknöpfen, trafen wir schon auf Sir Lonely-Lokley, der ein wenig müde und sehr friedlich gestimmt war. Sein schneeweißer Lochimantel sah tadellos aus.

»Das war's schon«, verkündete er. »Ich hab die Polizisten gerade angewiesen, die Anwohner zu beruhigen. Es gibt keine Puppen mehr.«

»Wirklich nicht?«, hätte ich ihn beinahe gefragt, konnte mich aber gerade noch rechtzeitig bremsen. Wenn Schürf Lonely-Lokley so etwas sagte, dann war es auch so. Höchste Zeit, dass ich mir das endlich merkte.

»Ausgezeichnet. Vielen Dank für Ihre schnelle Hilfe, Sir Schürf. Ich freue mich schon seit anderthalb Stunden auf eine Tasse Kamra«, gähnte Juffin.

»Deshalb hab ich mich ja so beeilt, Sir«, versetzte Schürf.

Hätte ich Lonely-Lokley weniger gut gekannt, hätte ich schwören können, er habe das ironisch gemeint.

Wir gingen zu unserem A-Mobil. Unterwegs vernahmen wir ein exaltiertes Gebrüll, das mir bekannt vorkam.

»So ein Schreihals gehört in den Schweinestall!«, rief Sir Juffin.

»Was ist denn los? Hat Bubuta sich etwa entschlossen, die Aktion zu übernehmen?«, wunderte ich mich.

»Natürlich«, meinte Juffin und loderte vor Zorn. »Schließlich geht es um etwas Wichtiges! Um die Wiederherstellung von Sicherheit und Ordnung und so weiter. Du glaubst doch wohl nicht, Bubuta ließe sich eine Gelegenheit entgehen zu glänzen! Gönn es ihm, das Schwert zu zücken und damit herumzufuchteln! Das ist schließlich alles, was er kann. Schade, dass er die Leitung übernimmt! Wenigstens hat ihn eine Puppe gebissen!«

»Nein, Sir«, meinte Lonely-Lokley melancholisch, »das war keine Puppe. Mit General Bubuta Boch ist auch Kapitän Fuflos gekommen. Wie alle wissen, ist er ein sehr gehorsamer Soldat. Wenn er den Befehl bekäme, um die Ecke zu schießen, täte er sogar das.«

Juffin und Melifaro tauschten einen Blick und lächelten kurz.

»Kapitän Fuflos ist der schlechteste Schütze weit und breit«, erklärte mir Juffin mit halbem Lächeln. »Wenn er sich auf den Boden wirft, springt sein Gewehr in den Himmel.«

Nach dieser Bemerkung wandte er sich an Lonely- Lokley. »Was ist eigentlich genau passiert?«

»Die Schüsse von Kapitän Fuflos sind von der Mauer abgeprallt und haben General Bubuta Boch verletzt. Die Wunde ist zwar nicht gefährlich, aber äußerst lästig. Ich fürchte, er wird in nächster Zeit Probleme haben, sich zu setzen.«

Kaum hatte ich das gehört, fiel ich ins Lachen meiner Kollegen ein.

Als ich wieder am Steuer des A-Mobils saß, wurde mir klar, dass auch ich endlich eine Tasse Kamra trinken wollte. Also raste ich noch schneller als sonst zum Haus an der Brücke zurück. Der Wagen flog beinahe über die Straße.

Wenn es einen gab, dem die Fahrt außer mir noch Spaß gemacht hat, dann Melifaro. Jedenfalls musste ich ihm versprechen, ihm in unserer Freizeit Einblick ins Geheimnis der Geschwindigkeit zu gewähren. Doch was für ein Geheimnis sollte das überhaupt sein?

Ich bin vielleicht gut! Da lache ich über Kapitän Fuflos und kann selbst kein Gewehr bedienen, dachte ich plötzlich. Ich weiß nicht mal, wie es überhaupt funktioniert.

Juffin hatte meinen inneren Monolog gehört und beruhigte mich per Stummer Rede: »Wenn du willst, kannst du den Umgang mit dem Gewehr nach der Arbeit ein wenig üben. Aber vergiss nicht, dass wir vom Geheimen Suchtrupp den Umgang mit diesem Gerümpel für unter unserer Würde halten. Bei diesem Tempo solltest du allerdings vor allem auf den Weg achten, kapiert?«

Im Haus an der Brücke erwartete uns eine überaus angenehme Überraschung. Im Saal der allgemeinen Arbeit thronte die zerstreute, aber glückliche Lady Melamori.

Vor ihr lag ein weißblonder Hüne, dessen muskulösen Hals sie mit energisch aufgestützten Füßen auf die zerkratzten Treppenstufen drückte. Sein Gesicht war vor Atemnot puterrot angelaufen. Wäre ich. Schnellrichter gewesen, hätte ich entschieden, diese peinigende Lage sei für den armen Mann Strafe genug.

»Übernehmen Sie das Verhör und protokollieren Sie alles, Sir Melifaro!«, zwitscherte Lady Melamori vergnügt. »Ich sitze hier schon seit einer Stunde mit ihm herum.«

»Daran sind Sie selber schuld. Sie hätten eine weniger affektierte Pose annehmen sollen. Wir halten ohnehin sehr viel von Ihnen«, meinte Juffin leichthin. »Schleppt dieses Scheusal in Melifaros Arbeitszimmer. Ich ertrage seinen Anblick nicht. Solche Hände und eine solche Begabung zu haben und damit so viel Unheil anzurichten! Woran hat das eigentlich gelegen, du Genie? Hast du zu wenig verdient, um dir eine Tasse Kamra leisten zu können? «

Dschuba Tschebobargo war anscheinend zu keiner Antwort fähig. Vermutlich hatte er nicht begriffen, was geschehen war.

Lady Melamori erhob sich graziös. Der arme Mann reagierte gar nicht darauf, dass sein Kopf so unerwartet vom Gewicht ihrer Füße befreit war. Die Lady griff ihn bei einer strohblonden Strähne und zog ihn - scheinbar mühelos - in Melifaros Büro hinüber. Der wiederum wiegte beeindruckt den Kopf und ging ihr nach.

Kaum saßen wir bei Tisch, begann ich zu leiden. Mit dem verzerrten Gesicht eines Helden aller Weltkriege sehnte ich mich danach, das nette Gespräch zu wiederholen, das ich mit meinen Kollegen vor ein paar Tagen im Fressfass geführt hatte, und konnte deren Rückkehr daher kaum erwarten. Im Übrigen hatte ich den Verdacht, so ein nettes Gespräch würde auch ohne meinen Wunsch zustande kommen. Juffin wollte nämlich endlich eine Tasse Kamra trinken.

»Vielleicht sollten wir für unsere Abteilung ein paar Flaschen guten Wein bestellen. Irgendwie bin ich müde heute«, stellte Lonely-Lokley fest. »Ich hoffe, niemand hat was gegen Wein?«

Und wirklich waren alle mit Schurfs Bestellung einverstanden. Schließlich hatten wir etwas zu feiern! Vor wenigen Stunden erst hatten wir einen Fetan - eine der gefährlichsten und mächtigsten Spielarten der dunklen Kraft in dieser Welt - aufgespürt und unschädlich gemacht. Darüber hinaus hatten wir eine Menge verrückt gewordener kleiner Leutchen aus dem Verkehr gezogen. Und obendrein hatten wir Dschuba Tschebobargo kennengelernt, den Besitzer von Zauberhänden!

Als unsere Bestellung aus dem Fressfass eintraf, zog Lonely-Lokley eine löchrige Tasse aus dem Mantel, die ich schon kannte. Wiederum schaffte er es, mich in Erstaunen zu versetzen, indem er eine Flasche Nordlicht öffnete und den Inhalt langsam in die Tasse schüttete, deren Größe mit Sir Schurfs unersättlicher Gier natürlich nicht mithalten konnte. Doch auch diesmal drang kein Tropfen durch die vielen Löcher. Im Gegenteil: Eine Säule aromatischen Weins stieg leicht zitternd über dem Tassenrand in die Flöhe. Lonely-Lokley trank von der Oberkante des flüssigen Eiszylinders, der daraufhin langsam, aber sicher verschwand, bis nur noch eine leere Tasse vor unserem Helden stand. Ich wollte mich bekreuzigen, überlegte dann aber, dass diese Geste in Echo als Magie irgendeines unerlaubten Grades missverstanden werden könnte, und beherrschte mich deshalb.

»Geht es Ihnen schon besser, Sir Schürf?«, fragte Juffin fürsorglich.

»Selbstverständlich. Vielen Dank für die Stärkung.« Auf dem Gesicht von Lonely-Lokley war tatsächlich keine Spur von Müdigkeit mehr zu entdecken.

Nach wie vor aber war mir manches nicht klar, und ich suchte nach Erklärungen.

»Wie hat Dschuba Tschebobargo die Puppen eigentlich zum Leben erwecken können?«, fragte ich Sir Juffin.

»Dschuba ist wirklich ein großer Meister. All die Puppen hat er allein mit Hilfe erlaubter Magie und mit seinen wunderbaren Händen geschaffen. Richtig lebendig waren sie freilich nicht, sondern nur imstande, bestimmte Dinge zu tun. Zum Beispiel konnten sie das ganze Geld und allen Schmuck, den sie nur zu tragen vermochten, zusammenraffen und damit zu ihrem Schöpfer zurückkehren. Eine ausgezeichnete Idee! Kompliment! Hätte Melifaro sich nicht mit dieser Sache beschäftigt, dann hätte es wohl noch Jahre gedauert, ehe jemand Tschebobargo auf die Schliche gekommen wäre. Und in dieser Zeit hätte er ein riesiges Vermögen zusammenräubern können. Der heutige Vorfall allerdings hätte die ganze Idylle ohnehin beendet.«

»Was war überhaupt los? Warum waren die Puppen plötzlich so wütend?«, fragte ich. »Soweit ich weiß, ist so was doch früher nicht passiert.«

»Hast du noch immer nicht kapiert, was los war? Was war das wohl für ein Männchen, das aus dem Haus deiner Nachbarin gesprungen ist und ihr unglückliches Opfer abgeknutscht hat?«

»Eine Puppe von Dschuba Tschebobargo!«, rief ich. Endlich war mir die Erleuchtung gekommen. »Lady Feni hat sie mit anderem antiquarischem Plunder erworben! In ihrem berüchtigten Haus wurde die Puppe dann verrückt - genau wie das Amulett, das mich überfallen hat. Vielleicht wäre ich an ihrer Stelle ja auch übergeschnappt. Aber was ist mit den übrigen Puppen passiert? War das eine Epidemie?«

»Wenn du willst, kannst du dich sehr gut ausdrücken, Max. Es war tatsächlich eine Epidemie. Diese verrückte Puppe ist nach Hause zurückgekehrt und hat große Veränderungen ausgelöst. Inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr, dass die verzauberten Puppen in Anwesenheit eines Fetans nicht nur ihre Eigenschaften ändern, sondern sogar gewisse Eigenschaften auf gleichartige Geschöpfe übertragen können. Der heutige Tag war dem wissenschaftlichen Fortschritt zweifelsohne wohlgesinnt. Und kleinere existenzielle Wunden hat er auch geschlagen.«

»Obendrein hat er für Streitereien mit den Nachbarn gesorgt«, fügte ich hinzu.

»Ich hab dir ja immer gesagt, dass du dieses Loch nicht mieten sollst, Junge!«, rief Juffin und schenkte mir treu sorgend Kamra nach.

»Und ich hab von Anfang an gesagt, dass es mir nur um unsere gute Sache geht. Wie viele Seelen hätte dieser Fetan wohl noch gefressen, wenn er nicht auf mich gestoßen wäre!«

»Die Leute aus der Provinz verfügen nun mal über eine ausgezeichnete Intuition - davon bin auch ich inzwischen fest überzeugt«, resümierte Sir Lonely-Lokley.

»Außerdem sind sie ungewöhnlich oft erfolgreich«, meinte Juffin lächelnd, wandte sich an mich und erklärte: »Jetzt hast du bestimmt gemerkt, dass du das Geschenk des Königs genau rechtzeitig bekommen hast. Ich hab noch eine wissenschaftliche Entdeckung für dich - hoffentlich die letzte für heute. Wisst ihr eigentlich, liebe Leute, dass ich herausgefunden habe, woher die wunderbaren Eigenschaften der Kinder der Purpurroten Perle stammen?«

»Wenn wir loslegen, kommen irgendwann alle Staatsgeheimnisse ans Tageslicht«, polterte die ermüdete Lady Melamori, richtete sich im Stuhl auf und fügte hinzu: »Ausgezeichnet, Sir Juffin! Melifaro wird uns gleich erzählen, was er mit dem Polizisten - der Nummer vier unseres Weißen Blättchens - aus Tschebobargo rausgequetscht hat. Dieser Polizist ist wirklich ein Teufelskerl. Der arme Tschebobargo ist außer sich. Als ich auf seine Spur trat, war ich schrecklich sauer auf ihn. Das ist mir jetzt ein wenig peinlich. Dem armen Dschuba geht es nach all den Untersuchungen sowieso nicht besonders. Warum steht dieser Schichola eigentlich auf dem vierten Platz? Meiner Meinung nach sollte er mindestens auf Platz zwei vorrücken.«

»Wenn ich richtig verstanden habe, zeigt sich die Intelligenz von Leutnant Schichola darin, dass er Angst vor Ihnen hat, Lady, und das nicht zu verbergen sucht.«

»Unsinn!«, rief Melamori entrüstet. »Wir haben uns nur über Dienstliches unterhalten.«

»Das reicht - soweit mir bekannt ist - völlig aus. Aber Spaß beiseite! Erzählen Sie weiter, Lady.«

»Ach, lassen wir das! Sie haben bestimmt viel interessantere Neuigkeiten. Mein prächtiger Sir Juffin - spannen Sie mich nicht allzu sehr auf die Folter!«

»Das tu ich doch gar nicht. Sie haben mich nur unterbrochen. Sie hätten ruhig an der Tür lauschen und im richtigen Moment eintreten können. Aber gut. Wie ich Max schon vor Stunden auf seine Nachfrage hin erklärt habe, können Fetane die Erinnerung, die ihre Opfer an sie haben, in die entlegensten Winkel des menschlichen Bewusstseins zurückdrängen. Daher können sich die unglücklichen Opfer eines Fetans nie an ihre Träume erinnern und führen ihr merkwürdiges Befinden auf andere Ursachen zurück. Infolgedessen bleiben sie zu Hause, gehen ein weiteres Mal schlafen und liefern sich dadurch aufs Neue dem hungrigen Geschöpf aus. Als ich gestern deine Alpträume verfolgte, Max, habe ich erlebt, wie deine Amulette arbeiten, und mit eigenen Augen gesehen, was das Kind der Purpurroten Perle ausgerichtet hat. Du hättest deine Perle gar nicht neben dem Kopfkissen lassen müssen. Es hätte völlig gereicht, sie in der Hand zu halten. Wie sich erwiesen hat, helfen diese Perlen ihrem Besitzer, unter allen Umständen das Gedächtnis zu behalten. Das ist schon das ganze Geheimnis. Und jetzt, Lady Melamori, schlucken Sie bitte runter, was Sie im Mund haben, und berichten Sie, was Ihnen widerfahren ist.«

Doch Melamori folgte diesem klugen Rat nicht, sondern legte mit vollem Mund los. Tischmanieren schienen nicht gerade die Stärke der hiesigen Aristokratie zu sein. Allerdings hat mich ihr Anblick, wie ich gestehen muss, sehr amüsiert.

»Alles lief wunderbar. Ich bin Dschuba Tschebobargo rasch auf die Spur gekommen. Das war nicht allzu kompliziert, denn seine Adresse ist kein Geheimnis. Dennoch war ich sehr verärgert, was sich, wie ihr alle wisst, als Vorteil erwiesen hat. Bei seiner Verhaftung hatte ich den Verbrecher völlig unter Kontrolle. Melifaro, der sympathische Sir Schichola und ich hatten uns zur Straße der kleinen Generäle aufgemacht. Dort angekommen stellten wir fest, dass sich Tschebobargo in einer schwierigen Situation befand. Er lag im Wohnzimmer auf dem Boden, und seine kleinen Geschöpfe umringten ihn. Manche Puppen begriffen sich inzwischen als dankbare Söhne ihres Schöpfers, während andere der Tyrannei ihres Erzeugers den Kampf ansagen wollten. Als wir ins Zimmer kamen, besprachen sie diese Sache gerade. Ach, meine Herrschaften! Sie sagten kein Wort, sondern knirschten nur mit den Zähnen. Das war ihr Kompromiss zwischen Stummer Rede und normaler Unterhaltung. Wir haben gleich ein paar Puppen zerstört. Daraufhin sind die Übrigen panisch in alle Himmelsrichtungen geflohen. Auch Tschebobargo hat zu fliehen versucht, doch ich weiß nicht, ob er sich vor uns oder vor seinen Puppen in Sicherheit hat bringen wollen. Auf alle Fälle wusste der Arme nicht, was um ihn herum geschah. So musste ich ihn weiter verfolgen, während Melifaro und Sir Schichola zurückblieben, um das Unheil vollkommen zu ersticken. Den Rest der Geschichte kennt ihr ja schon. Aber es gibt noch etwas: Die Polizei hat im Badezimmer von Dschuba Tschebobargo fast alle von ihm gestohlenen Dinge gefunden, darunter auch meine Sachen. Sie haben ganz oben gelegen, weil ich als Letzte beraubt worden bin. Und womit habt ihr euch beschäftigt?«, fragte Lady Melamori und sah Sir Lonely- Lokley dabei traurig an - und mich auch!

»Sir Juffin wird Ihnen alles erzählen«, antwortete Schürf sanft. Er gehörte offenbar nicht zu den großen Schwätzern des Vereinigten Königreichs.

»Ich warte, bis alle da sind«, meinte Juffin. »Seien Sie mir nicht böse, süße Lady, doch ich erzähle nun mal nicht gern immer wieder das Gleiche.«

»Schon gut. Aber ich könnte - wie Sie genau wissen - vor Neugier in Ihren Armen sterben.«

Nach kaum einer halben Stunde trat Melifaro ein. Im Gegensatz zu den anderen hatte er es geschafft, sich umzuziehen. Diesmal war seine Skaba salatgrün, sein Lochimantel dagegen grellrot und königsblau kariert. Bewahrte er etwa seine ganze Garderobe im Büro auf!?

Gleich darauf erschien Sir Kofa in Juffins Büro. Angeblich war er nur vorbeigekommen, um nach dem Stand der


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Dinge zu fragen. In der Stadt erzählte man sich inzwischen merkwürdige Sachen. Zum Beispiel hieß es von Dschuba Tschebobargo, er sei Anführer einer Bande von Liliputanern gewesen. Außerdem raunte man, der Ehrwürdige Leiter habe dem ehemaligen Höfling Tolakan En, der beträchtliche Spielschulden gehabt habe, höchstpersönlich die Kehle durchgeschnitten. Obendrein sollte Juffin noch Tolakans Frau erschlagen haben. Auch hieß es, En habe sich mit verbotener Magie befasst und freundschaftlichen Umgang mit den vierundzwanzig aufsässigsten Magistern von Echo gepflegt.

»Ein hübsches Gerücht«, lächelte Juffin. »Und dazu noch sehr lehrreich. Alle Leute dürften jetzt begriffen haben, dass man Spielschulden rechtzeitig zurückzahlen sollte.«

Zur Witzfigur des Tages aber wurde General Bubuta Boch, der trotz Verletzung eine Verlautbarung zusammenstoppelte, in der es hieß, unter seiner umsichtigen Leitung sei die Stadtpolizei auf eine Spur gestoßen, die es demnächst ermöglichen werde, eine Diebstahlserie aufzuklären, die die Bewohner von Echo seit kurzem in Atem halte. Der arme Bubuta hatte nicht gemerkt, dass der Fall längst gelöst war! Zum Glück konnten aufgeweckte Mitarbeiter des Generals die Veröffentlichung des Kommuniques verhindern und ihren Chef so davor bewahren, sich in der ganzen Stadt zum Gespött zu machen.

Den Rest des Abends berichtete Juffin von unseren Abenteuern. Fast wäre ich eingedöst, so satt war ich, und so warm war mir. Doch vor allem schläferte mich ein, meine Abenteuer als so interessantes wie seltsames Märchen erzählt zu bekommen.

»Max, ich befehle dir, nach Hause zu gehen«, erklärte Juffin. »Alle Geheimnisse sind gelüftet, alle Piroggen gegessen. Was du jetzt brauchst, sind vierundzwanzig Stunden Schlaf ohne den leisesten Alptraum.«

»Keine Einwände!«, lächelte ich. »Ich habe nur noch eine letzte Frage. Melifaro, was ich schon lange wissen wollte: Gibt es auf deinem Gut eigentlich Katzen?«

»Natürlich. Warum?«

»Ich hatte mir geschworen, mir ein Kätzchen anzuschaffen, wenn dieser Fall überstanden ist. Und weil wir nun nicht einen, sondern gleich zwei Fälle gelöst haben, brauche ich ein Paar.«

»Ich kann dir sogar zwölf Kätzchen schenken. Aber was willst du damit machen? Willst du sie etwa essen? « »Wir Leute aus der Provinz essen alles«, erklärte ich, hatte dann aber Mitleid mit meinen schockierten Kollegen und meinte: »Ich werde sie streicheln, und sie werden schnurren - dem klassischen Verhältnis zwischen Mensch und Katze getreu.«

Zu Hause war es sehr nett. Die Alpträume lagen hinter mir, und nach all den turbulenten Tagen war ich hundemüde. Also legte ich mich ins Bett, schloss die Augen und streckte mich so sehr, dass ich beinahe geschrien hätte. Dann döste ich ein und schlief nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Stein. Und das sehr lange. Erst am Abend des nächsten Tages trieb mich der Hunger aus dem Bett. Anders als ein Stein verspürt der Mensch nämlich von Zeit zu Zeit großen Appetit.

Nach einer Stunde klopfte es an der Tür. Draußen stand der junge Bote unserer Dienststelle.

»Ich habe eine Sendung von Sir Melifaro für Sie«, meldete der Junge ehrerbietig und überreichte mir einen großen, enorm schweren Korb. Ich schloss die Tür hinter dem Boten und schlug die gemusterte Decke, die über dem Korb lag, zurück. Zwei haarige Wesen sahen mich mit hellen blauen Augen an. Ich nahm sie aus dem Korb. Jedes Kätzchen wog mehr als ein erwachsenes Exemplar in meiner Heimat! Ich musterte die beiden - einen schwarzen Kater und eine kaffeebraune Katze. Sie schienen ein enorm ruhiges Wesen zu haben, das schon an Faulheit grenzte und wohl darauf zurückzuführen war, dass sie allzu gut genährt waren. Meine Neuanschaffung ließ mich richtiggehend aus dem Häuschen geraten. So sehr, dass ich mich gleich bei Sir Melifaro meldete.

»Vielen Dank, mein Freund! Die Tiere sind wahnsinnig schön! Mir fehlen die Worte«, teilte ich ihm mit.

»Sündige Magister, Max! Dass du dich in Stummer Rede so lustig ausdrücken würdest, hätte ich nicht gedacht. Die Katzen sind doch nicht der Rede wert. Guten Appetit!«

Was hätte ich von ihm sonst zu hören bekommen können?

Den Kater nannte ich Armstrong, die Katze Ella. Diese Namen gab ich ihnen, als sie mich laut miauend daran erinnerten, gefüttert werden zu wollen. Meine Tiere hatten wirklich durchdringende Stimmen! Und als ich noch nicht Sir Max aus Echo war, habe ich abends gern alten Jazz gehört.

Zelle Nummer Fünf

Jeder großen Sache im Haus an der Brücke geht die Ruhe vor dem Sturm voraus. Wenn ich ein paar Nächte nacheinander ungestört in meinem Sessel dösen und die Füße auf den Schreibtisch legen kann, weiß ich: Demnächst bricht bestimmt das Chaos aus.

Ansonsten kann ich nicht klagen. Meine Arbeit für den Geheimdienst ist nicht zur Routine geworden, und es ist auch kaum anzunehmen, dass sie je Routine wird.

Wenn die Zahl der ungeklärten Fälle dramatisch zunimmt, beginnen alle zu rotieren. Dann ist es bei uns ungemein hektisch, und es geht zu wie in einem Taubenschlag. Auch mein Tagesablauf weicht dann vom normalen Gang der Dinge ab. In so einer Phase lässt sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden mehr erleben als manchmal in einem Jahr.

Das gefällt mir, und das wird mir bis ans Lebensende gefallen. Selbst die paar hundert Jahre, die fast jedem Bewohner Echos gegönnt sind, erscheinen mir inzwischen als relativ kurze Zeitspanne. Offen gestanden möchte ich ewig leben - vorausgesetzt, mir bleiben die Gebrechen des Alters erspart. Vor dem Älterwerden selbst jedenfalls habe ich keine Angst. Ich brauche nur Sir Juffin oder Sir Kofa anzuschauen, um zu begreifen, dass fortgeschrittenes Alter eher ein Vorteil als ein Problem ist.

An diesem Morgen erschien Sir Kofa Joch genau zehn Sekunden vor Sir Juffin. In dieser kurzen Zeit schaffte er es, sich in den Sessel zu setzen, die dienstliche Miene zu verbannen - er hat eine flache Stirn, eine lange Knubbelnase und hohe Wangenknochen, sinnliche Lippen und ein Doppelkinn - und sich zu strecken, dass die Gelenke knackten.

Sir Juffin gähnte ansteckend von der Türschwelle zu seinem Kollegen hinüber, streckte sich dann, ging zum eigenen Schreibtisch und gähnte erneut und diesmal stärker. Sogar ich fing an zu gähnen und mich zu strecken, obwohl ich in der Nacht ganz gut an meinem Schreibtisch geschlafen hatte. Auch im Sitzen kann ich nämlich prima pennen.

Normalerweise hätte ich jetzt nach Hause gehen können, doch ich entschied mich, noch eine Tasse Kamra mit meinen älteren Kollegen zu trinken. Ich weiß ja, wie sie sind: Kaum bin ich gegangen, unterhalten sie sich über die interessantesten Dinge. Das kann ich nicht hinnehmen! Darum bin ich zu Beginn der Tagschicht nur mit Gewalt aus dem Büro zu kriegen.

»So schlecht, wie ich heute Nacht geschlafen habe, könnten wir die gesamte Bevölkerung von Echo wegen Anwendung unerlaubter Magie verhaften«, verkündete Juffin und trank seine Tasse Kamra schlürfend auf einen Zug halb leer. »Aber wo sollten wir all die Leute gefangen setzen? Im Cholomi-Gefängnis gibt es nicht genug Zellen.«

»Ist es so schlimm?«, fragte Sir Kofa misstrauisch und kniff die Augen zusammen.

»Noch schlimmer. Kaum war ich eingeschlafen, weckte mich schon das Signal, das den Einsatz unerlaubter Magie anzeigt, und ließ mich beinahe an die Decke gehen. Ich habe nun mal das Pech, von Natur aus sehr empfindlich zu sein. Was ist heute bloß los, Kofa? Hast du eine Ahnung? Gibt es ein Festival Komm, lass uns zaubern, zu dem die Vertreter aller wichtigen alten Orden gekommen sind?«, fragte unser Ehrwürdiger Leiter, trank seine Kamra mit einem weiteren Zug leer und fuhr launig fort: »Oder hab ich etwa einen Staatsstreich verschlafen?«

Aus seinem tiefen Sessel heraus betrachtete Kofa Sir Juffins müdes Gesicht mit väterlicher Sorge. Als es endlich still war, erlaubte er sich eine Erklärung.

»Leider, Juffin, ist die Lage längst nicht so aufregend, sondern eher traurig.«

»Auch das noch! Na, spann mich nicht länger auf die Folter!«

»Nichts liegt mir ferner als das! Sie wissen doch, dass es dem alten Sir Frachra schlecht geht. Die Kurpfuscher sind ratlos. Er ist mindestens tausend Jahre alt. Nicht jeder Zauberer lebt so lange. Frachra ist mal Novize eines längst vergessenen Ordens gewesen. Irgendwann haben sie ihn rausgeworfen, und er hat eine Stelle bei Hof bekommen. Damit ist seine Geschichte schon beinahe erzählt.«

»Das weiß ich doch alles. Vielleicht wollte der Alte einfach sein Leben verlängern. Doch das klingt recht merkwürdig, denn an sich pflegen alte Männer die Grenzen ihrer Möglichkeiten sehr gut zu kennen.«

»Sir Frachra ist zweifelsohne ein kluger Mann. Klug genug jedenfalls, um zu wissen, wovon man in dieser Welt Abschied nehmen soll. Seine Hausangestellten und Diener vergöttern ihn, unter anderem sein Koch.«

Juffins Gesicht hellte sich auf: »Den kenn ich. Das ist doch dieser Schutta Bach, der jüngere Sohn von Bagatta Bach, dem Chefkoch am Hofe von König Gurig VII., der nach Verabschiedung des Chrember-Gesetzbuchs in den Ruhestand gegangen ist.«

»Und das war schlau von ihm, denn die alte Kochkunst bleibt unerreicht. Was hat ein Virtuose wie Bagatta Bach in einer Küche ohne Magie zwanzigsten oder dreißigsten Grades schon verloren? Soll er etwa Küchenhilfen herumkommandieren?«

»Soweit ich weiß, hat Schutta von seinem Vater einiges gelernt«, fügte Juffin gedankenverloren hinzu.

»Selbstverständlich. Wie Sie wissen, wäre Schutta Bach für seinen alten Herrn durchs Feuer gegangen. Und ein wenig gegen die Gesetze zu verstoßen, um den alten, todkranken Sir Frachra mit seinem Leibgericht zu verwöhnen, war das Geringste, was er tun konnte. Kurz gesagt: Letzte Nacht wurde die Pirogge Tschakkatta gemacht. Alle nächtlichen Spaziergänger in Echo haben bis in die frühen Morgenstunden ihre Nase in den Wind gehalten, ohne zu wissen, warum.«

»Ich verzeihe es Schutta, dass er mich so schlecht hat schlafen lassen«, seufzte Juffin. »Bestimmt hat er sich an uns gewandt und uns gebeten, ein gutes Wort für seine sündige Seele einzulegen, oder?«

»Schutta Bach hat sich tatsächlich an mich gewandt und mir mitgeteilt, er werde gegen das Gesetz verstoßen«, sagte Kofa. »Eine solche Mitteilung ist seine Pflicht dem König gegenüber und eine Frage der Ehrlichkeit, nicht der Gesinnung. Der Junge wollte uns vor Scherereien bewahren und hat gesagt, wenn wir ihn ins Gefängnis stecken wollen, sei das kein Problem. Er hat nur gebeten, damit bis heute Morgen zu warten, denn er hat dem Alten unbedingt seine Lieblingspirogge kochen wollen. Dafür ist er sogar bereit, aufs Schafott zu steigen.«

»Dieser geriebene Kerl weiß, dass Sir Juffin Halli die Hand niemals gegen einen Küchenzauberer heben wird. Na ja, auf alle Fälle hoffe ich, dass Sir Frachra glücklich stirbt. Wie gern wäre ich an seiner Stelle!«

»Schutta hofft tatsächlich auf Ihre Loyalität, Sir. Und als Zeichen der Dankbarkeit hat er beschlossen, die Verantwortung für seine Tat mit Ihnen zu teilen.« Kofa zog eine Schachtel aus dem Lochimantel und übergab sie vorsichtig Sir Juffin.

Der wiederum behandelte die Schachtel wie eine ungeheure Kostbarkeit. Ich hatte ihn wirklich noch nie so ehrfürchtig dreinblicken sehen. Kaum hatte er den Deckel geöffnet und dabei darauf geachtet, dass die Seitenwände nicht aufklappten, erblickten wir eine riesige Pirogge, die wie ein dreieckiger Bernstein aussah und von innen heraus in warmem Licht erstrahlte. Juffins Hände zitterten - Ehrenwort! Er seufzte, nahm ein Messer und schnitt ein kleines Stück ab.

»Halt mal, Max. Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein Glück du hast »... und welche Ehre dir gerade erwiesen wurde«, ergänzte Kofa lächelnd. »Hätte Juffin sein Leben für dich opfern wollen, hätte ich das noch verstanden. Aber dass er eine Tschakkatta-Pirogge mit dir teilt, ist wirklich unfassbar! Was ist bloß los mit Ihnen, Juffin?«

»Das weiß ich selber nicht. Max ist einfach ein Glückskind«, seufzte mein Chef. »Mit dir, Kofa, teile ich nicht. Ich bin fest überzeugt, dass du deine Portion schon bekommen hast.«

»Stimmt. Ihr Gewissen darf beruhigt sein.«

»Und deine Pirogge war sicher ein Stück größer ...«

»Neid lässt alles größer scheinen. Dabei war mein Teil nur halb so groß wie Ihres.«

Wie verzaubert betrachtete ich mein kleines Stück Pirogge. Was für ein merkwürdiges Gebäck das doch war! Und warum mochte es die Hände von Sir Juffin zum Zittern gebracht haben? Vorsichtig biss ich hinein.

Keine menschliche Sprache hat Worte, um zu beschreiben, was an diesem Morgen in meinem Mund geschah. Sollten Sie denken, Ihre Zunge habe alle nur möglichen kulinarischen Wonnen empfunden, dann bleiben Sie ruhig in diesem Zustand glücklicher Ignoranz. Ich verstumme, denn um auch nur einen Biss in eine Tschakkatta-Pirogge zu beschreiben, würden tausend Worte mir nicht reichen.

Als das Festmahl zu Ende war, schwiegen wir einige Zeit bedeutungsschwer.

»Ließe sich nicht wenigstens das Verschenken magisch hergestellter Gaumenfreuden legalisieren?«, fragte ich betrübt, weil mich die Ungerechtigkeit der Welt bedrückte. »Wenn das ein Gericht der alten Küche war, möchte ich unbedingt weitere Speisen von damals kennenlernen.«

Meine Kollegen tauschten einen traurigen Blick und hatten die Miene von Menschen, die etwas sehr Wertvolles für immer verloren haben.

»Tut mir leid, Max, aber es heißt, solche Geschenke könnten die Welt zum Einsturz bringen!«, seufzte Juffin. »Und dafür wurde das Chrember-Gesetzbuch schließlich nicht geschrieben.«

»Seine Verfasser haben bestimmt tausend Jahre lang strengste Diät gehalten und deshalb die ganze Menschheit gehasst«, murmelte ich. »Gönnen sich nicht mal Seine Majestät und der Große Magister Nuflin zum Frühstück eine Tschakkatta-Pirogge? Das glaube ich einfach nicht!«

»Deine Intuition ist ausgezeichnet. Was den König anlangt, habe ich meine Zweifel, aber dafür gibt es in der Stadt Gerüchte über eine Geheimküche, die sich in Jaffachs Keller befinden soll - in der Residenz des Ordens des Siebenzackigen Blattes also«, bemerkte Sir Kofa mit gezwungenem Gleichmut.

»Kann es sein, dass man mich gar nicht in den Geheimdienst hätte aufnehmen sollen?«, fragte ich und warf Juffin einen vorwurfsvollen Blick zu. »Legen Sie doch für mich ein gutes Wort beim Orden des Siebenzackigen Blattes ein! Vielleicht bekomme ich dann wenigstens eine Stelle bei Hof.«

Juffin nickte geistesabwesend, trank einen zweiten, inzwischen kalt gewordenen Becher Kamra und schenkte uns ein strahlendes Lächeln.

»Das Leben geht weiter«, erklärte er. »Aber Pirogge beiseite, mein teurer Freund - ist in der Zwischenzeit sonst noch was passiert?«

»Nur, was im Polizeibericht von General Bubuta steht«, sagte Kofa und machte dabei eine geringschätzige Handbewegung. »Nichts als Kleinigkeiten - davon allerdings jede Menge. Deshalb wohl haben Sie so schlecht geschlafen. Zum Beispiel haben die blöden Schmuggler versucht, ihre Fracht vor dem Zoll zu verstecken, und dafür Schwarze Magie fünfzehnten Grades angewandt. Können Sie sich das vorstellen?«

»Natürlich«, meinte Juffin und nickte traurig. »Man kann sogar einen alten Skabamantel stehlen und danach das ganze Rechte Flussufer sprengen, damit niemand den Täter ermittelt.«

»Dazu kommt die Herstellung falscher Juwelen, bei der Schwarze Magie sechsten Grades eingesetzt wurde. Außerdem hat es einen misslungenen Versuch gegeben, auf eigene Faust Schlafmittel herzustellen. Das war übrigens der größte Quatsch. Aber Sie haben vermutlich auf etwas Schwerwiegenderes gehofft. Bela Grou - ein ehemaliger Novize des Ordens des Geheimen Krauts - hat sich entschieden, Taschendieb zu werden. Ich muss gestehen, dass er in diesem Metier ein echter Experte geworden ist. Auch heute Nacht hat man ihn nicht verhaften können. Aber schauen Sie sich das besser selber an.«

Sir Kofa Joch gab Sir Juffin einige sich selbst beschriftende Tafeln. Diese Tafeln sind - unter uns gesagt - eine ungemein praktische Erfindung! Man kann denken, was man will: Gleich schreiben sie es einem auf. Dabei hat sich zwar gezeigt, dass die Gedanken mancher Leute grammatisch fehlerhaft sind, aber dagegen lässt sich ohnehin nichts machen.

Juffin inspizierte die Tafeln wohlwollend. »Ich wüsste gern, womit Bubuta Boch sich während der Arbeitszeit beschäftigt. Und womit er sich Gedanken macht, wenn das mal nötig sein sollte. Etwa mit dem Hintern?

Der ist immerhin riesig - da könnte er doch wohl mal auf einen klugen Gedanken kommen! Na ja, überlassen wir ihm den Piroggenbäcker und die Schmuggler, und heben wir uns den Juwelenfälscher und den Taschendieb für später auf.«

Sir Kofa nickte verständnisvoll. »Wenn Sie erlauben, möchte ich mich jetzt verabschieden. Unterwegs will ich noch was im Rosa Buriwuch trinken. Zwar gibt es dort keine vernünftige Kamra, aber dafür versammeln sich da die geschwätzigsten Marktweiber von Echo. Zumal an einem Markttag wie heute. Ich glaube eigentlich nicht, dass ... Obwohl... <> Sir Kofa war plötzlich ins Stocken geraten und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht, das sich im selben Moment zu verwandeln begann. Er rieb seine sichtlich wachsende Nase und machte sich auf den Weg, die restlichen Ermittlungen zu beenden.

»Juffin«, begann ich verlegen. »Sagen Sie mir doch, warum Sie nicht gleich alle Fälle an General Bubuta Boch übergeben haben. Er mag ein Bock sein, doch Verbrecher frei herumlaufen zu lassen, ist meiner Meinung nach nicht richtig. Oder habe ich da wieder etwas missverstanden?«

»Missverstanden? Gar nichts hast du verstanden! Ein Verbrecher in Freiheit ist eine kleine Unannehmlichkeit; ein Bubuta aber, der im Haus an der Brücke herumläuft, ist eine Katastrophe. Darum habe ich keine Lust, mich an seine Anwesenheit zu gewöhnen. Denn das hieße, dass er die Situation kontrollieren würde. Dabei sollten wir die Lage kontrollieren, damit Bubuta uns verpflichtet ist. Nur dann lässt sich ein konstruktiver Dialog mit ihm führen. Wir brauchen immer ein paar Dinge, von denen er nichts weiß, um ihm mitunter ein Geschenk machen oder ihn erschrecken zu können. Seine Dankbarkeit ist lautstark und ungestüm wie die Blähungen, die er in seinem Kielwasser hinterlässt. Und genauso kurzlebig wie deren Aroma.«

»Das ist ja ganz schön kompliziert!«, klagte ich.

»Kompliziert?! Das ist Basiswissen, mein Junge. Was bedeutet >Bock< eigentlich?«

»Bock? Das ist Bubuta Boch. Und Sie sind ein echter Jesuit!«

»Du kannst ganz schön schimpfen«, kicherte Juffin begeistert.

»Ich bitte um Verzeihung!«, rief der Unbekannte, in den Sir Kofa sich gerade verwandelt hatte, durch die offene Tür in Juffins Büro hinein. »Wegen der sündigen Pirogge hab ich das Wichtigste vergessen: Die ganze Nacht hat es in der Stadt Gerüchte gegeben, Burada Isofs sei im Cholomi-Gefängnis gestorben. Ich hab das überprüfen lassen, und es stimmt tatsächlich. Er war in Zelle Nummer Fünf inhaftiert. Dem sollten Sie nachgehen, Juffin. Oder was meinen Sie?«

»Das sollte ich auf jeden Fall im Auge behalten«, meinte unser Leiter. »Aber wie haben nächtliche Spaziergänger davon erfahren? Zumal das Ganze hinter Gefängnismauern passierte?«

»Sie haben doch selbst gesagt, dass es in Echo jede Menge preiswerte Hellseher gibt«, mischte ich mich ins Gespräch.

»Na so was. Vielen Dank, Kofa. Du hast mir wirklich eine Freude gemacht. Wie viele Leute sind eigentlich in den letzten Jahren in Zelle Nummer Fünf gestorben, Kurusch?«

Der verschlafene Vogel plusterte sich ein wenig auf und gab dann eine Bilanz zum Besten, die bis zum 225. Tag des 115. Jahres reichte, also bis zu dem Tag, an dem diese Geschichte spielt.

»Dosot Fer ist am 114. Tag des 112. Jahres in Zelle Fünf des Königlichen Cholomi-Gefängnisses gestorben genau wie Tolosot Liw am 209. Tag des 113. Jahres, Balok Sanr am 173. Tag des 114. Jahres, Civet Maron am 236. Tag des 114. Jahres, Acham Ann am 78. Tag des 115. Jahres und Sowaz Lowod am 184. Tag des 115. Jahres. Burada Isofs ist dort ebenfalls gestorben, und zwar am 224. Tag des 115. Jahres, wenn ich Sir Kofa richtig verstanden habe. Gibt mir noch jemand ein paar Nüsse?«, schloss Kurusch mit unerwartet inoffizieller Stimme.

»Natürlich, mein Lieber!«, sagte Juffin und begann sofort, in den Schubladen seines Schreibtischs nach Nüssen zu suchen, die dort reichlicher vorhanden waren als Geheimunterlagen. »Und du, Kofa, kümmerst dich jetzt um deine Aufgaben. Vielen Dank, dass du den Vorfall im Gefängnis erwähnt hast. Mal sehen, was sich da herausfinden lässt.«

Unser »Verfressener Meister des Verhörs« - diesen Spitznamen hatte er von Melifaro - nickte und verschwand im Halbdunkel des Korridors. Die Tür schloss sich geräuschlos, und ich erschauerte unter Sir Juffins kritischem Blick.

»Also, Max, willst du den Vorfall im Gefängnis untersuchen?«

»Wo soll ich denn anfangen?«

»Wir haben nur eine Chance: Du lässt dich in Cholomi inhaftieren. Dort bekommst du sicher jede Menge Scherereien, erlebst, wie es da zugeht, und kannst die Verhältnisse vor Ort mit eigenen Augen studieren. Diese Beobachtungen sollten dir ermöglichen, eine Ermittlungsstrategie zu entwickeln.«

»Ich? In Cholomi?«

»Wo denn sonst? Schließlich sterben die Leute dort und nicht bei dir zu Hause. Du fährst morgen. Und reg dich nicht so sehr darüber auf. Nach allem, was bisher passiert ist, brauchst du nicht lange auf weitere Entwicklungen zu warten. Ich bin fest überzeugt, dass niemand diese Sache besser erledigen kann als du.«

»Welche Sache denn? Im Gefängnis schmoren?«

»Das meine ich natürlich auch«, sagte Sir Juffin und lächelte genüsslich. »Was ist mit dir los, Max? Wo ist dein Humor geblieben?«

»Der muss irgendwo verloren gegangen sein. Ich geh ihn gleich mal suchen«, meinte ich und winkte vage ab, um zu zeigen, dass es um mich doch noch nicht so schlimm bestellt war.

»Hör mal, Max - früher oder später wäre das sowieso passiert...«

»Was meinen Sie damit? Dass man mich ins Gefängnis wirft?«

»Fang doch nicht immer wieder mit diesem Gefängnis an! Hier geht es um eine sehr ernste Sache. Früher oder später musst du zum ersten Mal allein arbeiten. Sei froh, dass du schon jetzt die Möglichkeit dazu bekommst. Hier handelt es sich nicht um einen Fall, der über Wohl und Wehe von Echo entscheidet. Und allzu kompliziert ist er offenbar auch nicht. Außerdem kann ich dir jederzeit helfen, obwohl ich überzeugt bin, dass du meine Hilfe nicht brauchen wirst. Im Übrigen, Max, hast du noch über vierundzwanzig Stunden Zeit, über den Fall nachzudenken und dein Vorgehen zu planen. Alles, was du brauchst, steht zu deiner Verfügung. Und heute Abend schiebst du keinen Dienst, sondern kommst mich besuchen. Es wird ein Abschiedsessen für den künftigen Gefangenen geben - mit allen kulinarischen Genüssen!«

»Vielen Dank, Juffin.«

»Nichts zu danken. So unangenehm dein Einsatz auch werden mag - wir lassen uns dadurch die Freundschaft nicht vermiesen.«

»Na ja - Sie könnten mir ja noch ein paar Tipps geben

»Das glaubst du doch hoffentlich selber nicht! Es geht nur darum, den künftigen Gefangenen mit einem Festmahl zu verabschieden.«

Mit diesen Worten trennten wir uns.

In der Hoffnung, endlich ein paar Hinweise darauf zu bekommen, was ich im Cholomi-Gefängnis eigentlich ausrichten sollte, ging ich am Abend zum Linken Flussufer, fürchtete aber, der alte Unhold Juffin würde mir nur einmal mehr erklären, ich hätte diesen Fall ganz allein zu lösen. Sicher würde er erneut sagen, ich sei nur zum Essen eingeladen, und wenn ich ihm eine Freude machen wolle, solle ich mächtig reinhauen. Und wenn ich dennoch nachzufragen wagte, würde er mir erklären, über die Arbeit hätten wir schon genug geredet.

Kimpa berichtete mir schon auf der Türschwelle, der Ehrwürdige Leiter habe das Abendessen persönlich zubereitet. Wie sich erwies, konnte Sir Juffin ausgezeichnet kochen! Aber ich hatte auf etwas anderes gehofft - auf Ratschläge und Instruktionen nämlich.

»Setz dich, Max. Und vergiss nicht: Morgen ist morgen, und heut ist heut. Außerdem weiß ich eines ganz genau: Wenn du erst im Cholomi-Gefängnis bist, kommst du bestimmt auf eine dumme Idee, die sich im Nachhinein als goldrichtig erweisen wird. Probier das hier doch mal.«

Chuf - Sir Juffins kleiner Hund und mein bester Freund - seufzte mitfühlend unter dem Tisch. »Max hat Angst ... das ist schlecht«, teilte er mir mitleidig per Stummer Rede mit, und ich antwortete ihm innig: »Du bist der Einzige, der mich liebt und versteht«, fing also schon wieder an, mich zu bedauern.

»Sir Juffin - trotz all Ihrer Komplimente wäre es für mich am besten, einen Zettel zu bekommen, auf dem in Druckschrift vermerkt ist, was ich im Gefängnis zu tun habe.«

»Ach, Max, du bringst immer alles durcheinander. Iss - mehr hast du im Moment nicht zu tun. Weißt du, schon seit vierzig Jahren träume ich davon, in Rente zu gehen und ein Restaurant zu eröffnen. Dort wäre es bestimmt nicht schlechter als im Fressfass.«

»Daran zweifle ich nicht. Allerdings würde der König Ihnen das nicht erlauben.«

»Irgendwann tut er das gewiss.«

»Sind Sie noch nie auf den Gedanken gekommen, die Leute könnten Angst haben, ins Wirtshaus eines ehemaligen Topagenten zu gehen? Können Sie sich nicht vorstellen, welche Gerüchte über Ihre Küche in der Stadt kursieren würden? Es hieße bestimmt, Sie bereiten alle Gerichte aus Dörrfleisch zu, das Sie rebellischen Magistern von den Rippen geschnitten haben. Und man würde behaupten, Ihre Suppen enthielten das Blut unschuldiger Kinder.«

»Die Vampire sollen dich holen, mein Junge! Solche Gerüchte sind doch die beste Werbung! Und das Blut unschuldiger Kinder hat einen fabelhaften Neuigkeitswert. Vorausgesetzt, man kann die entsprechenden Gerüchte geschickt lancieren.«

Substanzielleres hatte ich von Juffin ohnehin nicht erwartet. Kurz vor Verlassen seines Hauses aber hatte ich eine blendende Idee: »Ich habe beschlossen, Sir Lonely- Lokley ins Gefängnis mitzunehmen«, sagte ich, und meine Stimme klang begeistert, da mich die Genialität meines Einfalls schier überrumpelt hatte. »Ich hoffe, das ist möglich?«

»Eigentlich sind die Zellen nur für eine Person gedacht. Meinst du, ihr könnt eng umschlungen schlafen? Na ja, bei deiner Vorstellung von Bequemlichkeit...«

»Nein, nein - Sie haben mich falsch verstanden. Ich habe vor, Sir Schürf zu verkleinern und ihn in meiner Hand verschwinden zu lassen. Er hat mir das selber vor ein paar Tagen beigebracht und gemeint, ich würde das schon sehr gut beherrschen. Na ja, zugegeben, bisher hab ich noch nicht an lebenden Menschen geübt«, fügte ich halbherzig hinzu, und mein Selbstbewusstsein schwand wie eine Pfütze in der Wüste.

»Tot oder lebendig - da gibt es keinen Unterschied«, beruhigte mich Sir Juffin. »Das ist eine ausgezeichnete Idee, Max. Ich hab doch gesagt, dass niemand diesen Fall besser bewältigen kann als du!«

»Hoffentlich. Ob auch Sir Lonely-Lokley mit meinem Vorschlag einverstanden sein wird?«

»Zum einen wird es Sir Schürf sicher sehr schmeicheln, dass du so viel Vertrauen zu ihm hast, denn er nimmt dich viel ernster, als du ahnst. Zum anderen interessiert niemanden, was er über deinen Vorschlag denkt, denn Befehl ist Befehl. Gewöhn dich endlich daran, mein Stellvertreter zu sein: Anweisungen zu erteilen, ist dein tägliches Brot.«

»Sündige Magister! Ich kann vieles nicht leiden, und Befehlen gehört sicher dazu!«, rief ich und runzelte die Stirn.

»Und wer hat mit seinem Gebrüll die jüngeren Bediensteten in unserer Hälfte des Hauses an der Brücke so erschreckt? Wer hat Bubuta Boch so gereizt, dass er beinahe einen Wutanfall bekommen hätte? Stell dich nicht so an, Max. Aus dir wird noch ein perfekter Tyrann - einer von denen, die man mit größtem Vergnügen bei einem Putsch um die Ecke bringt.«

»Als ich die Möglichkeit bekam, Befehle zu geben, war ich die ersten beiden Tage wirklich glücklich«, gab ich verlegen zu. »Doch ich habe schnell begriffen, dass das nichts für mich ist. Wenn ich einen Boten um Kamra schicke, höre ich auf, der sympathische Max zu sein, den ich schon lange kenne. Diesen Befehl gibt ein anderer. Ich kann nicht sagen, wer, doch der Typ gefällt mir einfach nicht!«

»Was für eine komplizierte Natur du bist!«, sagte Juffin lächelnd. »Na schön. Nimm das alles nicht so ernst. Ich werde Schürf per Stummer Rede alles erklären. Sonst noch Wünsche?«

»Im Moment nicht. Ich bin nur von Wenigem wirklich überzeugt, und dazu gehört, dass ich mich in Gesellschaft von Sir Lonely-Lokley sicherer fühlen werde. Juffin, ich habe Ihnen noch nie davon erzählt, doch ich bin ein ziemlich ängstlicher Junge. Vergessen Sie das nicht.«

»Stell dir vor - auch ich werde mich ruhiger fühlen, wenn du mit Schürf unterwegs bist«, gab Juffin zu. »Ich hab dir auch noch nicht erzählt, dass ich ein vorsichtiger alter Fuchs bin. Du musst lernen, dich geschickter auszudrücken, Max. Ich hab das Gleiche gesagt wie du, doch meine Formulierung hat der Eitelkeit sehr viel mehr geschmeichelt als deine Worte.«

Kaum hatte ich das Haus meines Chefs verlassen, packte mich die Verwirrung. Ich wollte mir einreden, Juffin glaube zu Recht, ich könne selbständig arbeiten und eine Operation allein durchführen, kam mir dabei allerdings etwas heuchlerisch vor. Plötzlich erwachte in mir ein streberhaftes Gefühl und flüsterte, ich müsse entweder alles perfekt erledigen oder sterben, um mein Elend nicht länger mit anzusehen. Wo war dieser Streber bloß, als ich noch zur Schule ging? Das wüsste ich gern.

Obwohl ich noch weit länger hätte grübeln können, war mir eins sofort klar: Wenn alles überstanden wäre, würde ich glücklich sein, von Sir Juffin Halli ein L


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ächeln und ein paar dieser gönnerhaften Worte zu bekommen, die einen Menschen fertigmachen können, der gerade einen Berg erobert hat - Worte wie: »Na siehst du, Max, ich hab dir doch immer gesagt, dass alles prima klappen wird, und du hast mir nicht geglaubt!« Ich musste mich also damit abfinden, wer weiß wie heroische Taten zu vollbringen, nur um mir ein wohlwollendes Lächeln meines Chefs zu verdienen. So tief war ich gesunken!

Die Nacht war kalt - eine der kältesten des Winters. Das Quecksilberthermometer in meiner Heimat freilich hätte sicher kaum mehr als null Grad gezeigt. Das Klima in Echo ist im Allgemeinen sehr gemäßigt. Es gibt hier weder extreme Kälte noch starke Hitze, und das hat mir an meinem neuen Zuhause immer gefallen. Für verschneite Winterromantik war ich nie empfänglich. Ich kann es nicht ertragen, in der Dämmerung zur Arbeit zu gehen, mit verfrorenen Beinen in halbnassen Schuhen über den Gehsteig zu schlurfen und darüber nachzudenken, was mich neue Schuhe kosten werden. Und im Hochsommer wiederum bin ich bereit, mein Seelenheil für ein wenig frische Luft zu verkaufen. Deshalb macht mich das angenehme Klima von Echo richtig glücklich. Aber irgendwas muss mich ja auch glücklich machen - den Magistern sei Dank!

Ich fuhr nach Hause und versuchte, nicht an die anstehende Aufgabe zu denken, sondern mich auf etwas anderes zu konzentrieren - zum Beispiel darauf, ob ich es am Morgen noch schaffen würde, Lady Melamori zu sehen.

Meine Sympathie für sie hatte bereits gefährliche Ausmaße angenommen. Am schlimmsten jedoch war, dass ich sie oft nicht verstehen konnte. Vielleicht brauchte ich ja einen Dolmetscher. Seit dem Abend, an dem wir uns kennengelernt hatten, sah sie mich mit unverhohlener Anbetung an. Vielleicht sogar mit ein wenig Angst. Doch soweit ich weiß, führt maßlose Begeisterung selten dazu, dass Menschen einander nahekommen. Darum wusste ich selber nicht, ob ich noch hoffen oder gar die Initiative ergreifen sollte, ehe es endgültig zu spät wäre. Und woher sollte ich wissen, ob es nicht längst zu spät war? Das war mein Problem.

Ein paar Tage zuvor hatte Lady Melamori mich überrascht und mir vorgeschlagen: »Besuchen Sie mich doch heute Abend, Max! Sie wissen noch nicht, wo? Es ist leicht zu finden: Ich lebe in der Nähe des Stadtteils Rendezvous. Lustig, was?«

Mir war ganz schwindelig geworden. Innerlich platzte ich schier vor Stolz und war eitel wie ein Pfau. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich im Bad und verließ dann im besten Lochimantel das Haus. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte mir das Gesicht gepudert, obwohl sich das in Echo für Männer nicht gehört - auch nicht in Fällen schwerster Verliebtheit. Doch vor diesem letzten, verhängnisvollen Schritt bewahrte mich meine gute Erziehung.

Mit der Aufsicht über mein Büro betraute ich den Vogel Kurusch, für den solche Aufträge ein Klacks waren. Dann ging ich zu Lady Melamori und traf dort auf den fast vollzählig versammelten Kleinen Geheimen Suchtrupp. Zuerst konnte ich meine Enttäuschung nicht verbergen.

»Lady, Sie hätten mir vorher sagen können, dass es sich um ein ganz normales Arbeitstreffen handelt. Sehen wir uns im Büro denn so selten?«

Wenn ich zerstreut bin, rede ich immer so taktloses Zeug, doch zum Glück war niemand sauer auf mich.

»Dafür gibt es bei mir keinen General Bubuta Boch!«, trumpfte die Hausherrin auf. »Und ich verrate Ihnen noch mehr: Er hält sich nicht mal in einem der Nachbarhäuser auf. Merkwürdig, was?«

»Wie schade, Lady! Mit wem kann ich mich dann unterhalten? Ich hatte gehofft, mit einem kompetenten Spezialisten über die neusten Entwicklungen sprechen zu können. Darum dachte ich mir: Komm, geh zu Lady Melamori, dort triffst du bestimmt General Bubuta.«

Zunächst versuchte ich verzweifelt, mich trotz meiner Enttäuschung zu amüsieren, was meine Kollegen sehr belustigte. Später aber war ich dann tatsächlich guter Laune, obwohl es mir an diesem Abend nicht gelang, eine Affäre mit Lady Melamori zu beginnen. Die Treulose kokettierte mit Melifaro und Sir Kofa, und mir blieb nichts anderes übrig, als schmachtende Blicke auf sie zu richten - allerdings aus einer Entfernung von mindestens zwölf Schritten.

Dann merkte ich, dass ich langsam wieder traurig wurde, und versuchte, die verliebten Gedanken an Lady Melamori loszuwerden. Aber wie sollte das gelingen? Unser ungeklärtes Verhältnis machte mich nervös. Hätte sie mir doch einen Korb gegeben! Dann wäre alles klar gewesen. Nein bedeutet Nein, man schüttelt sich, und das Leben geht weiter. Doch bei jedem Treffen bestaunte sie mich wie ein fünfjähriges Mädchen eine drei Meter hohe Micki-Maus-Figur, hob sich vorsichtig auf die Zehenspitzen, klimperte mit den Wimpern und hätte beinahe ihre Freundinnen gerufen, damit auch die mich anstarren konnten. Mein Herz - ein Baumstumpf aus Eschenholz - schmolz dahin, und ich verstrickte mich immer tiefer in meine Verliebtheit.

Die plötzliche Erkenntnis, in meinem Wohnzimmer zu sitzen und mechanisch über etwas nachzudenken, riss mich aus meiner Melancholie. Mein Magen krampfte sich zusammen. Sündige Magister! Was hatte ich bloß gegessen? Und warum?

In der Stadt läuteten schon die Glocken. Der neue Tag begann - und mit ihm die Zeit, da zwei Geheimagenten aufstehen und sich auf den Weg ins Cholomi-Gefängnis machen mussten, dorthin also, wo in den letzten Jahren so viele Todesfälle zu beklagen gewesen waren. Irgendwie hatte ich keine Lust auf Cholomi - vor allem deshalb nicht, weil ich die Zelle beziehen sollte, in der all die Häftlinge gestorben waren. Eigentlich war das doch deren Problem, nicht meins. Ich gebe es nur ungern zu, doch vor allem beunruhigte mich, demnächst inhaftiert zu sein. Bisher war ich nie auf den Gedanken gekommen, ich könnte eines Tages im Gefängnis landen. Erst recht nicht in Echo! Es ging natürlich um eine Ermittlung, aber trotzdem. Ehrlich gesagt zitterten mir die Knie, als ich mir vorstellte, in Anstaltsklamotten in meiner Zelle vor dem geschlossenen Fenster zu stehen, das obendrein womöglich vergittert war. Aber wozu eigentlich Gitter, wenn den Gefangenen ohnehin keinerlei Magie zu Gebote stand?

Hinsichtlich der Dauer unseres Einsatzes hatte sich Sir Juffin mir und Lonely-Lokley gegenüber nicht festgelegt. Es hieß nur, wir sollten erst zurückkehren, wenn wir mit der Ermittlung fertig wären. Was das wohl bedeutete? Sollte ich etwa, falls wir den Fall nicht aufklärten, für immer im Gefängnis bleiben? Das waren ja heitere Aussichten!

Würde ich in Haft bleiben, wäre das schon schlimm genug. Aber warum sollte auch noch der arme Lonely- Lokley leiden? Na - falls niemand uns befreien käme, würden wir das Gefängnis eben in die Luft jagen. Spätestens wenn Sir Schürf die Trennung von seiner Frau nicht länger ertragen könnte, würden wir die Festungsmauern einfach pulverisieren.

Auch die Frau von Sir Lonely-Lokley hatte ich an dem fatalen Abend bei Lady Melamori kennengelernt. Eine fantastische Frau! Sie ist klug und hübsch und lacht viel. Bestimmt hat ihre humorvolle Natur ihre Herzenswahl beeinflusst, denn es gibt nichts Lustigeres als dieses Pärchen. Schurfs Frau ist klein und pummelig und reicht ihrem groß gewachsenen Mann nicht mal bis zum Gürtel. Obendrein verfügt sie über eine sehr scharfe Zunge, und doch kann man ihr nicht lange böse sein. Nach Jahrendes Ehelebens hatte sie es sogar geschafft, Sir Schurfs Namen richtig auszusprechen, und das war ja immerhin was.

Ich hatte den Eindruck, die beiden seien noch immer sehr ineinander verliebt. Wenn Sir Schürf seine Frau ansah, bekam sein undurchdringliches Gesicht beinahe etwas Menschliches. Gut, dass Lonely-Lokley im familiären Bereich so glücklich war, denn das persönliche Wohlbefinden eines Berufskillers ist für die allgemeine Sicherheit immer von Vorteil. Kaum hatte ich mir das überlegt, besserte sich meine Stimmung merklich.

Ich hätte ewig in meinem Sessel sitzen bleiben können. Unangenehme Dinge will man ja immer auf morgen verschieben. Doch leider war dieses Morgen nun angebrochen. Die Erinnerung an die Gemütlichkeit vom Vorabend, an den netten Besuch bei Sir Juffin also, musste ich beiseiteschieben, um mich auf den kommenden Auftrag zu konzentrieren. Das kleine warme Jetzt - dessen war ich mir bewusst - blieb noch kurz in meinem Sessel zurück, um sich alsbald zu verflüchtigen.

Ich stand auf und begann, mich vorzubereiten. Ella und Armstrong - meine etwas größer gewordenen Katzen - meldeten laut, ihre Frühstückszeit sei gekommen. Zum Abschied war ich großzügig, vielleicht sogar verschwenderisch.

»Von nun an wird euch ein anderer füttern - ein Herr Urf«, verkündete ich meinen Tieren, während ich ihre Fressnäpfe füllte. »Er soll ein guter Mensch sein und ist auf dem Bauernhof groß geworden, wo er genauso haarige Kleintiere gefüttert hat wie euch. Ich bin bald zurück. Ich gehe nur ein wenig ins Gefängnis und komme dann wieder.« Als mir auffiel, welchen Unsinn ich mir da zusammenmonologisierte, brach ich in Gelächter aus.

Armstrong und Ella sahen mich mit blauen, so unbewegten wie undurchdringlichen Augen an, die denen von Sir Juffin auf eigentümliche Weise glichen.

Der Morgen war nicht mehr so kalt wie die Nacht. Ich genoss jeden Schritt meines Spaziergangs zum Haus an der Brücke. Der Gedanke, ich könnte demnächst in Cholomi - wie alle meine Vorgänger in Zelle Nummer Fünf - ein plötzliches Ende finden, schärfte meine Sinne angenehm. Vielleicht war das alles ja nur ein Zusammen treffen verschiedener Zufälle? Aber das wäre wohl zu einfach.

Doch das Herz lässt sich nicht betrügen - mein Herz jedenfalls nicht. Und langsam wurde es schwer wie Blei. Was würde wohl passieren, wenn ich in Cholomi eintraf? Ich wurde immer nervöser. Auch der Gedanke daran, dass der mächtige Lonely-Lokley demnächst wie eine klitzekleine Puppe unter meiner Handfläche säße, konnte mich nur teilweise beruhigen. Denn immerhin musste es mir gelingen, ihn im richtigen Moment aus meinem Körper zu befreien und zu voller Größe anwachsen zu lassen.

Sir Lonely-Lokley erwartete mich im Saal der allgemeinen Arbeit. Er war unerschütterlich, gelassen und ruhig wie stets. Um seine Zeit sinnvoll zu nutzen, schrieb er etwas in sein Notizbuch. Als ich ihn ansah, fasste ich wieder Mut.

»Na, Sir Schürf, sind Sie bereit, mein Opfer zu werden?«

»Ihr Opfer? Sir Max, Sie überschätzen die Bedeutung dessen, was vor uns liegt!«, meinte er ungerührt. »Glauben Sie mir - ich habe keinen Grund zur Beunruhigung. Und Sie noch weniger.«

»Vielen Dank für Ihr Vertrauen!«, sagte ich. Dann machte ich mit der linken Hand eine Geste, die für die Umstehenden unsichtbar war, und Sir Lonely-Lokley verschwand. Theoretisch war mir zwar klar, dass er nicht wirklich verschwunden war, sondern sich zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken befand, praktisch jedoch hatte ich das Gefühl, den armen Mann aus der Welt geschafft zu haben.

»Schön hast du das gemacht, Sir Nächtlicher Alptraum«, begeisterte sich Melifaro, der kurz zuvor aus seinem Büro gekommen war. »Sag mal, kannst du ihn jetzt nicht hundert oder zweihundert Jahre lassen, wo er ist?«

»Dagegen dürfte Lady Lokley manchen Einwand haben, und ich will ihr keinen Kummer bereiten«, sagte ich lächelnd. »Und du - warum bist du so früh im Büro?«

»Juffin hat mich geweckt und mir per Stummer Rede mitgeteilt, dass er erst mittags kommen kann. Er hat mir befohlen, dich zu begleiten. Offenbar will er meinen Tod. Normalerweise steht er immer schon im Morgengrauen auf, doch heute hat er mich zu nachtschlafender Zeit aus den Federn geholt!«

»Er versteckt sich wohl vor mir!«, sagte ich frech.

»Vor dir? Du bist gut! Soweit ich die Geschichte des Vereinigten Königreichs kenne, hat sich Sir Juffin in den letzten hundert Jahren vor niemandem gedrückt. Vielleicht ist ihm das in der Epoche der Orden mal passiert, aber damals haben sich alle voreinander versteckt. Womit willst du ihn eigentlich so erschreckt haben?«, fragte Melifaro und setzte sich mir gegenüber.

»Wenn du mir Kamra gibst, erzähle ich es dir!«, sagte ich, setzte mich ebenfalls und legte die Beine auf den Tisch. Aus welchem der vielen idiotischen Filme, die ich in meinem Leben gesehen habe, dieses Gehabe stammte, weiß ich nicht mehr. »Du sollst mich also begleiten? Dann musst du dich jetzt schon gut um mich kümmern, damit ich das Haus zufrieden verlasse. Also verwöhn mich nach Strich und Faden!«

»Einen Verbrecher zu verwöhnen!«, brummte Melifaro. »Aber gut, genieße meine Gastfreundschaft!«, setzte er hinzu, ging in sein Büro und holte einen Krug und zwei überdimensionierte Tassen.

»Also noch mal: Weshalb sollte unser Ehrwürdiger Leiter sich eigentlich vor dir drücken?«

»Weil ich zu viele Fragen stelle. Deswegen will er mich ins Gefängnis verbannen.«

»Ach deshalb! Ich dachte schon, du hättest gestern Abend versucht, ihm ein aus Pferdemist hergestelltes Getränk unterzujubeln - eine Spezialität aus euren Leeren Ländern.«

»Das wäre was gewesen!«, meinte ich und senkte bescheiden die Augen. »Aber Sir Juffin hat mir gesagt, sein Tagesantlitz müsse alle unangenehmen Aufgaben für ihn erledigen. Und gut, dass du das Pferdemistgetränk erwähnt hast, Melifaro, denn jetzt kann ich dir etwas richtig Leckeres anbieten!«

»Bloß nicht!«, rief er, blickte erschrocken drein und floh in sein Arbeitszimmer. Nachdem er sich von dort aus ein paar Mal in gespielter Panik nach mir umgesehen hatte, wurde ihm seine Show langweilig, und er kehrte zu mir zurück.

Frotzelnd verbrachten wir noch eine angenehme halbe Stunde. Lady Melamori, auf die ich insgeheim noch immer Absichten hatte, tauchte nicht auf. Schließlich setzte ich mich ans Steuer meines A-Mobils und fuhr nach Cholomi. Auf in den Kampf!

»Sie sind es wirklich!«, rief der alte Kommandant des Gefängnisses und verdeckte ehrfürchtig die Augen, hielt sich also genau an die Vorschriften des Begrüßungsrituals. »Ich freue mich, Sie willkommen zu heißen. Mein Name ist Marunarch Antarop.«

Kaum hatte ich mich ihm vorgestellt, wurde ich in den Frühstückssaal geführt.

»Wie dünn Sie sind, Sir Max! Ich weiß, dass die Arbeit beim Geheimdienst sehr schwer ist. Sie müssen einfach mehr essen!«, rief Sir Marunarch immer wieder und füllte meinen Teller dabei ein ums andere Mal. »Keine Sorge: Es wird Ihnen demnächst viel besser gehen - das verspreche ich Ihnen!«

Das fantastische Frühstück, das Marunarch mir vorgesetzt hatte, ähnelte gefährlich einem festlichen Abendessen. Der Kommandant behandelte mich wie ein fürsorglicher Großvater. Ich war ins Gefängnis gegangen und in einem Sanatorium gelandet - das Leben hält nun mal manche Überraschung bereit.

»Wissen Sie, es geht mir schon viel besser. Ich habe mindestens zehn Kilo zugenommen«, seufzte ich nach einer Stunde ununterbrochenen Essens. »Vielen Dank, Sir Marunarch. Aber jetzt muss ich in meine Zelle - darum bin ich schließlich hier.«

»Sie tun mir wirklich leid! Ich fürchte, es wird nicht gerade bequem für Sie werden, doch Sir Juffin hat mich gebeten, Sie nicht in einem Gästezimmer unterzubringen, sondern in einer echten Zelle. Was meinen Sie - war das ein Scherz von ihm?«

»Schön wär's!«, antwortete ich lächelnd. »Nein, Sir Marunarch, ich muss tatsächlich in eine Zelle ziehen.«

»Na gut«, seufzte der Alte. »Gehen wir. Sie wissen doch sicher, dass Sie die Stumme Rede dort nicht benutzen können? Da kann ich nichts machen - so ist das Gefängnis nun mal gebaut. Schließlich ist Cholomi ein magischer Ort, und wir einfachen Angestellten können nicht entscheiden, was hier möglich ist und was nicht.«

»Ja, das hat man mir schon gesagt.«

»Wenn Sie also mit Sir Juffin oder jemand anderem sprechen möchten, sagen Sie bitte den Wächtern, dass Sie spazieren gehen wollen. Dann werden Sie zu mir geführt, egal zu welcher Tageszeit. In diesem Zimmer hier können Sie machen, was Sie wollen. Selbstverständlich habe ich meine Mitarbeiter über Ihr Kommen informiert.«

»Ausgezeichnet«, meinte ich nickend. »Und jetzt verhaften Sie mich bitte!«

Die Zelle Nummer Fünf machte auf mich einen gemütlichen Eindruck. Unter uns gesagt: In meiner Heimat hätte man für so etwas einige Koffer voller Dollars hinblättern müssen, doch für eine in Echo geborene Person war es nicht leicht, sich damit abzufinden, nur so wenig Platz zur Verfügung zu haben. Die Zelle bestand nicht etwa nur aus einem Zimmer, sondern aus dreien, die nach hiesigen Maßstäben sehr klein waren, mir jedoch riesig vorkamen. Darüber hinaus befand sich ein Stockwerk tiefer noch ein Bad mit Toilette, das über eine Wendeltreppe zugänglich war. Wie bei mir zu Hause hatte das Badezimmer drei Wannen. Jetzt begriff ich, warum mein Vermieter so lange keinen Interessenten für seine Wohnung hatte finden können, und beschloss, gleich nach der Rückkehr eine vierte Badewanne einbauen zu lassen. Schließlich will ich daheim nicht so leben wie im Gefängnis!

Doch ich hatte - den Magistern sei Dank - noch nicht alle großstädtischen Gewohnheiten übernommen und empfand meine bescheidene Zelle als nettes Plätzchen. Nach einer halben Stunde schon stellte ich fest, dass ich mich recht gut eingelebt hatte.

Ich gewöhne mich sehr schnell an neue Umgebungen. Ziehe ich am Morgen irgendwo ein, fühle ich mich am Abend schon, als hätte ich mein ganzes Leben dort verbracht. Nun aber kam mir der Gedanke, dass ich mich in ein paar Tagen - vorausgesetzt, alles liefe weiterhin so gut - in Cholomi schon so heimisch fühlen würde, dass ich vergäße, warum ich hier war. Gut möglich, dass ich mich dann sogar an ein nie über mich verhängtes Urteil erinnern und Reue über eine Tat zeigen würde, die ich nie begangen hatte.

So saß ich denn in meiner Zelle und betrachtete die Decke. Der herrliche Sir Lonely-Lokley führte sein für mich unsichtbares Leben in meiner linken Hand. Ich hätte ihn gern gefragt, was er dabei fühlte. Auf jeden Fall hatte er sein Notizbuch mitgenommen. Ob er seine erzwungene Freizeit dadurch produktiver verbrachte, blieb mir verborgen. Schließlich beschloss ich, mich schlafen zu legen. Ich musste mich erholen, denn ich vermutete, das eigentlich Interessante würde - wenn überhaupt - nachts passieren.

Meine größte Angst war, dass nichts geschah und die spannende Frage auf mich zukam, wie lange ich in Cholomi würde verbringen müssen, um endlich beurteilen zu können, ob es sich bei den sieben Toten der letzten drei Jahre womöglich nur um eine absurde Häufung von Zufällen gehandelt hatte. Würde es ein Jahr dauern? Zwei Jahre? Vielleicht noch länger? Na ja, wenn die lieben Kollegen erst gezwungen wären, zwölf Tage ohne uns auszukommen, würden sie schon von sich aus nach uns rufen! Sir Juffin wäre vermutlich der Erste, der zu dem Schluss käme, dass meine Dienstreise mit Sir Lonely-Lokley schon zu lange dauerte.

Dennoch schlief ich ausgezeichnet. Als ich aufwachte, war es schon dunkel, und ich bekam die abendliche Gefängniskost - die meinem prächtigen Frühstück gefährlich ähnelte - in die Zelle gebracht. Warum gehen wir mit Juffin eigentlich immer ins Fressfass. Dort isst man zwar gesund, doch die Gefängnisküche ist einfach traumhaft. Sollten wir vielleicht die Sitte einführen, in Cholomi zu tafeln, wenn die dienstliche Lage es erlaubte? Oder sollten wir hier gar ein paar Sorgenfreie Tage verbringen? Schließlich ist es in diesem Gefängnis ungemein leise und bequem, und niemand stört einen.

Die Nacht rückte heran. Um keine kostbare Zeit zu verlieren, tat ich, was ich wirklich gut konnte, versuchte also, mich mit den Möbeln in meiner Zelle zu unterhalten, um den Teil der Vergangenheit aufzudecken, an den sie sich erinnern konnten.

Leider aber ließ sich nichts herausfinden. Alle Gegenstände reagierten auf meine Fragen nur mit Wellen starker Angst. Das hatten wir doch schon im Schlafzimmer des alten Sir Makluk-Olli erlebt! Die kleine Cremedose dort hatte auch große Angst gehabt. Es gab also keinen Zweifel: Hier war kein dummer Zufall im Spiel. Ich war in eine ernste Geschichte geraten.

Dann kam ein Wächter, forderte mich zu einem »Abendspaziergang« auf und brachte mich zu einem Treffen. Einer der Mitarbeiter der Haftanstalt, ein Mann namens Chaned Dschanirah, hatte seit den Morgenstunden unbedingt mit mir sprechen wollen, doch der gute Kommandant hatte meinen Schlaf geschützt und dem ungeduldigen Mann befohlen zu warten, bis ich wach würde.

Dschanirah trug den Titel eines Trösters der Leidenden und schien eine Art Gefängnispsychologe zu sein. Regelmäßig besuchte er die Gefangenen und fragte sie, ob sie gut geschlafen hätten, wovor sie sich ängstigten und ob sie ihren Angehörigen Nachrichten übermitteln möchten. In Echo werden Gefangene recht human behandelt. Wer in Cholomi einsitze, so heißt es, habe es ohnehin schwer genug, und man müsse es ihm nicht noch schwerer machen.

»Ich glaube, Sir Max, ich habe eine interessante Information für Sie«, sagte Chaned Dschanirah, kaum dass wir uns begrüßt hatten.

Er war ein ziemlich junger Bursche mit rundem Gesicht, leiser, sympathischer und melodischer Stimme und sehr scharfsichtig wirkenden grünen Augen.

»In letzter Zeit sind bei uns merkwürdige Dinge passiert«, fuhr er fort. »Ich schätze, dass Sie deshalb gekommen sind, und denke, Sie sollten vor Beginn Ihrer Untersuchungen mit mir sprechen. Ich habe den ganzen Tag damit gerechnet, dass Sie mich kommen lassen würden - leider vergeblich. Möglicherweise empfinden Sie mich jetzt als aufdringlich, aber dieses Risiko muss ich eingehen.«

»Ich habe einfach zu viel gefrühstückt, Sir Dschanirah - so viel, dass ich zwischenzeitlich nichts mitbekommen habe«, entschuldigte ich mich. »Ich hätte mich wirklich gleich nach meiner Ankunft an Sie wenden sollen, doch nachdem ich letzte Nacht kein Auge zugetan hatte, bin ich gleich nach dem Frühstück in Tiefschlaf gesunken. Bitte verzeihen Sie mir!«

Der Gesichtsausdruck von Chaned Dschanirah wirkte, als wäre der junge Mann bereit, für mich zu sterben. Ich wusste nicht, was ihn so sehr für mich eingenommen hatte - vielleicht die altertümliche Anrede »Sir«, die einem jungen Psychologen nicht gerade oft begegnete. Vielleicht aber auch die Unbefangenheit, mit der ich meine Fehler eingestanden hatte. Wie auch immer - ich hatte sein Herz offenbar ohne große Mühe erobert.

»Aber nicht doch, Sir Max! Es ist schließlich Ihr gutes Recht, sich zu erholen, ehe Sie mit der Recherche beginnen. Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich mich unbedingt mit Ihnen treffen wollte. Ich glaube, ich kann Ihnen sehr nützlich sein. Hören Sie mich einfach an. Vorgestern haben sich die Häftlinge der Zellen Drei, Vier und Sechs - also die Insassen Ihrer Nachbarzellen - über Alpträume beklagt. Diese Alpträume haben in vieler Hinsicht übereingestimmt.«

»Bedauerlich, dass die drei so schlecht geschlafen haben. Worum ist es in ihren Träumen denn gegangen?«

»Alle drei haben von einem kleinen, halb durchsichtigen Männlein geträumt, das aus der Wand gekommen sei und ihnen unbeschreibliche Angst eingejagt habe. Malesch Patu hat gesagt, das Männlein habe ihm die Augen ausdrücken wollen. Sir Alapajek Vass hingegen hat erzählt, das Männlein habe versucht, ihm das Herz aus dem Leibe zu reißen. Der dritte Fall ist noch merkwürdiger«, meinte Sir Dschanirah und fuhr nach kurzer Pause fort: »Der dritte Gefangene nämlich hat geschworen, das Männlein habe versucht, seinen Darm zu verschließen. Nun hat er panische Angst, dem Gnom könne es im nächsten Traum gelingen, sein Ziel zu erreichen. Der Arme!«

»Der Mann ist wirklich nicht zu beneiden.«

Ich hatte den Eindruck, die drei Alpträume stellten eine merkwürdige Mischung aus realen Gefahren und persönlichen Phobien dar. Dieses Männlein hatte bestimmt etwas mit den Häftlingen anstellen wollen, doch jeder der drei deutete seine Träume anders. Das war durchaus verständlich. Unverständlich war für mich jedoch, woher das Männlein, das ihre Träume durcheinandergebracht hatte, überhaupt gekommen sein mochte. Immerhin war es schlicht unmöglich, im Cholomi-Gefängnis Zaubertricks zu vollführen. Genau aus diesem Grund landeten dort ja alle, die sich mit verbotener Magie beschäftigten.

»Und wie steht es um die Gesundheit der drei Träumer?«, fragte ich. »Hat sich schon ein Heiler um sie gekümmert?«

»Natürlich. Solche Probleme darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Zumal da die Träume zeitgleich bei drei Gefangenen, die sich nicht kennen, aufgetreten sind. Und Sie wissen ja, dass die drei sich in Cholomi nicht haben absprechen können.« Der Tröster der Leidenden zuckte die Achseln. »Es hat sich erwiesen, dass keiner von ihnen gesund ist. Die Organe allerdings, auf die das Männlein im Traum scharf war, sind in bestem Zustand.«

Erfreut stellte ich fest, dass meine These, die persönlichen Phobien der drei Häftlinge hätten ihre Träume beeinflusst, für einen psychologischen Laien, der ich zweifellos bin, gar nicht so schlecht war.

»Was ist mit den dreien?«

»Sie alle verlieren langsam den Funken«, flüsterte Dschanirah Unheil verkündend und schwieg dann bedeutsam, als wollte er mir die Möglichkeit geben, die ganze Tragweite dieses Satzes zu verstehen.

Ich stieß einen leisen Pfiff aus. Den Funken zu verlieren, bedeutet, dass einem die Lebenskraft abhandenkommt und man immer schwächer wird - bis der Tod wie ein erholsamer Schlaf nach einem harten Tag dem Leben ein Ende setzt. Diesem Ende kann und will man keinen Widerstand leisten. Nach Ansicht meiner kompetenten Kollegen ist diese geheimnisvolle Krankheit das Unangenehmste, was einem in Echo passieren kann.

»Das Merkwürdige ist, dass alle drei ihre Kräfte sehr langsam verlieren, obwohl einem der Funken normalerweise rasch und ohne Warnzeichen abhandenkommt«, sagte mein Gesprächspartner. »Doch unsere Heiler sind ihrer Diagnose sicher. Andererseits meinen sie, man könne die drei vielleicht noch retten, doch bis jetzt habe ihnen keine Arznei geholfen.«

»Versuchen Sie doch vielleicht, die Häftlinge zu verlegen - je weiter weg von Zelle Fünf, desto besser. Und ihre Zellen sollen so lange leer bleiben, bis ich die Zusammenhänge, die hinter den Geschehnissen stecken, verstehe. Das ist doch wohl machbar, oder?«

»Selbstverständlich«, sagte der Tröster der Leidenden nickend und fragte gleich darauf: »Glauben Sie wirklich, das hilft?«

»Sicher bin ich mir nicht, aber das ist normal, denn ich bin eigentlich nie zu hundert Prozent von etwas überzeugt. Aber tun Sie, worum ich Sie gebeten habe - und tun Sie es jetzt. Vielleicht können wir die Männer ja gemeinsam retten. Ich weiß nicht, warum die drei in Cholomi gelandet sind, aber man darf keinen Menschen durch Qualen vom Kaliber dieser Alpträume manipulieren. Das sagt Ihnen einer, der - was das angeht - schon sattsam zu leiden hatte.«

»Dann glauben Sie also, Alpträume wirksam bekämpfen zu können, Sir Max?«

»Na ja«, sagte ich lächelnd. »Meine eigenen jedenfalls kann ich in den Griff bekommen.«

Nach dem Gespräch mit Sir Dschanirah ging ich zurück in meine Zelle und murmelte dabei: »Was Alpträume angeht, habe ich anscheinend wirklich Glück.«

Und so war es doch auch: Kaum hatte ich mich von den Alpträumen erholt, die mir ein Fetan aus dem Nachbarhaus geschickt hatte, war ich nach Cholomi geraten, wo Gefangene von Alpträumen gequält wurden - zum Beispiel von dem, einen Darmverschluss zu bekommen. Ich dagegen hatte ausgezeichnet geträumt. Vielleicht, weil ich tagsüber geschlafen hatte?

Die schwere Zellentür schloss sich hinter mir und ... verschwand. In Cholomi existiert jede Tür nur für den, der sich im Korridor befindet. Aus der Perspektive der Gefangenen existiert sie nicht. Wunder über Wunder!

Inzwischen brannte ich vor Ungeduld. Würde mir das »durchsichtige Männlein« heute Nacht erscheinen wollen? Und was würde es tun, wenn ich einfach nicht schliefe? Ich war fest überzeugt, ich würde wach bleiben. Schließlich hatte ich mich tagsüber blendend erholt.

Ich wartete einfach, wie die Dinge sich entwickeln würden. Allerdings musste ich lange warten, und die Nacht brachte mir keine einzige Antwort auf meine Fragen, dafür aber jede Menge merkwürdige Erfahrungen und Empfindungen.

Ich empfand weder Angst noch Unruhe, spürte aber die ganze Zeit einen aufmerksamen Blick, der so lastend war, dass er mich geradezu juckte. Der Juckreiz wurde immer stärker, und irgendwann hatte ich den Eindruck, mir sei eine Raupe in den Pyjama gekrochen. Ich wälzte mich im Bett herum, kämmte mich und badete sogar dreimal - alles vergeblich!

In der Morgendämmerung verschwand das Jucken, und ich fiel in Tiefschlaf. Meist kommt mir über Nacht eine vernünftige Idee, doch ihre Verwirklichung kann bis zum Mittagessen dauern. Auf morgen zu verschieben, was man heute besorgen kann, ist seit eh und je mein Hobby. Und Aufgaben, die ich am Vormittag erledigen könnte, bis zum späten Abend vor mir herzuschieben, macht mir auch größten Spaß.

Das Öffnen meiner Zellentür ließ mich erwachen. Ich bekam Frühstück gebracht. Nachdem ich meine Zwiebelsuppe gegessen hatte, begann ich zu grübeln, welches Kapitalverbrechen ich begehen sollte, um die nächsten zwanzig Jahre in den Genuss einer derart vorzüglichen Küche zu kommen. Ich würde den Aufenthalt hier jeder königlichen Auszeichnung vorziehen.

Als ich mit dem Essen fertig war, bat ich, einen Spaziergang unternehmen zu dürfen - ins Büro des Kommandanten natürlich. Es war Zeit, mich mit Juffin zu unterhalten. In der Nacht hatte ich begriffen, dass ich von Zelle Nummer Fünf nur wusste, was sich dort seit dem ersten Todesfall - seit drei Jahren also - zugetragen hatte. Doch was mochte zuvor passiert sein? Wer hatte dort eingesessen? Das wollte ich klären. In Echo muss man bei solchen Sachen auf der Hut sein. Egal was passiert ist - früher oder später erweist si


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ch immer, dass sich am Ort des Geschehens vor ein paar tausend Jahren ein berühmter Magister aufgehalten hat und die gegenwärtigen Unannehmlichkeiten nur eine gesetzmäßige Folge seiner früheren Aktivitäten sind. Ich nahm mir daher vor, nicht überrascht zu sein, falls sich herausstellen sollte, dass auch diesmal ein in Vergessenheit geratener Magister die Hände im Spiel haben sollte.

Sir Juffin kannte die Geschichte dieses netten Plätzchens garantiert bis ins Detail. Doch als er mich nach Cholomi geschickt hatte, war er stumm wie ein Fisch geblieben - und zwar nicht aus Bosheit, sondern um abzuwarten, bis ich nachfragen würde, also aus erzieherischer Absicht. Dafür wünschte ich ihm nun ein Dutzend Vampire an den Hals!

Inzwischen aber musste ich mich zur Ordnung rufen, denn statt pedantisch Informationen zu sammeln, hatte ich sehr viel Zeit und Kraft mit überflüssigen Reflexionen vergeudet. Damit musste jetzt Schluss sein. Also machte ich es mir im Sessel des Gefängniskommandanten bequem und sandte Juffin nach beendeter Selbstkritik per Stummer Rede einen Ruf.

»Klären Sie mich bitte darüber auf, wie das alles begonnen hat«, erklärte ich fordernd. »Was ist hier bis zum 114. Tag des 112. Jahres passiert? Hat in meiner Zelle - wie ich vermute - irgendein mächtiger Magister gesessen?«

»Sehr gut, Max!«, rief Juffin, von meinem Scharfsinn begeistert.

»Ich verstehe nicht, warum Sie mich loben«, sagte ich. »Schließlich stelle ich die eigentlich wichtige Frage jetzt erst. Andererseits ist es für eine so kleine Leuchte wie mich wahrscheinlich wirklich eine Errungenschaft, überhaupt auf diese Frage gekommen zu sein.«

»Viele meiner Bekannten hätten sehr viel länger gebraucht, um darauf zu kommen. Du bist sauer auf mich, noch mehr allerdings auf dich selbst. Dabei bist du wirklich gut!«

»Ich erkenne Sie gar nicht wieder, Juffin! Warum machen Sie mir solche Komplimente? Vermissen Sie mich etwa?«

Der Honig, den er mir ins Ohr geträufelt hatte, begann zu wirken. Wie hätte es auch anders sein sollen? Ich war überglücklich - wie ein Hund, der etwas Leckeres zu fressen bekommen hat. Mich zu loben, ist eine sehr gute Strategie, um mich weichzuklopfen. Ich bin dann nahezu beliebig formbar und zu fast allen Schandtaten bereit.

Wie auch immer: Ich hatte eine ausführliche Antwort auf meine Frage bekommen und war nach einer halben Stunde wieder zu Hause, also in Zelle Nummer Fünf.

Ich saß bequem in meinem Sessel und verdaute die Informationen, die Juffin mir gegeben hatte. Wie vermutet steckte ein Magister hinter der ganzen Sache: Machligl Annoch - Großer Magister des Ordens des Grabhunds und einer der stärksten Reformgegner von Echo - war in der schlimmsten Phase der Traurigen Zeit in Cholomi gefangen gesetzt worden. Laut Juffin hatte damals nicht einmal die gemeinsame Anstrengung von zwölf der größten Zauberer des Ordens des Siebenzackigen Blattes diese bedeutende Persönlichkeit zähmen können. Damals hatten sich sogar Große Magister anderer Orden, die in aller Regel keinerlei Angst verspürten, vor ihm gefürchtet.

Der Große Magister des Ordens des Grabhunds war nicht dumm, aber sehr eigenwillig, was - wie ich immer wieder in den Chroniken gelesen habe - für Magister geradezu typisch ist.

So hatte sich Sir Annoch intensiv mit der Frage des Lebens nach dem Tode beschäftigt. Nicht nur in meinem Herkunftsland, sondern auch hier in Echo gibt es keine Antwort auf die Frage, was nach dem Tod mit uns geschieht. Es gibt viele seltsame, ja abstruse Hypothesen, doch keine vermag skeptische Zeitgenossen zu überzeugen.

Selbstverständlich war das Interesse des Gefangenen in Zelle Nummer Fünf nicht allein theoretisch gewesen. Die hiesigen Magister sind schließlich ernsthafte Leute, die ihre Zeit nicht verschwenden.

Schnell war mir klar geworden, dass Sir Annoch enorme Anstrengungen unternommen hatte, um seine Existenz auch nach dem Tode in dem ihm vertrauten Körper fortzusetzen. Er hatte also auferstehen wollen und garantiert einen Dreh gefunden, wieder ins Reich der Lebenden zurückkehren zu können. Und dann war er gestorben. In Zelle Nummer Fünf.

Die siegreichen Reformer hatten ihn sicher nicht umgebracht. Soweit ich weiß, haben sie ihre Gegner nur ungern getötet, weil der Tod etwas Unumkehrbares ist. Und der Orden des Siebenzackigen Blattes folgte dem Gebot, möglichst wenige unumkehrbare Dinge zu tun, um die Ordnung der Welt nicht zu stören.

Doch wie auch immer - ich hatte bisher zu wenig Zeit gehabt, mich mit den vertrackten Problemen der hiesigen Apokalypse zu beschäftigen. Jedenfalls war der Große Magister Machligl Annoch gestorben. Sein Tod war übrigens kein Selbstmord im üblichen Sinne gewesen, sondern wohl eher Teil der für seine Forschungen notwendigen Untersuchungen.

Die Tatsache, dass die Mauern von Cholomi ein unüberwindbares Hindernis für alle Arten von Magie waren, stimmte mich nicht besonders optimistisch, sondern ließ mich im Gegenteil vermuten, das Weiterleben von Sir Annoch sei auf Zelle Nummer Fünf beschränkt. Dieses Weiterleben aber war für die Häftlinge, die im Laufe der letzten drei Jahre die Zelle mit ihm geteilt hatten, eindeutig ungünstig gewesen. Der Aufenthalt in Annochs alter Zelle kam anscheinend fast einem Todesurteil gleich. Das erschien mir ungerecht, da die Insassen von Zelle Nummer Fünf ihrem »Mitbewohner« schutzloser ausgeliefert waren, als es die in Freiheit lebenden Bürger des Vereinigten Königreichs je sein könnten. Gefangene nämlich können nicht entscheiden, wo sie leben wollen - auch wenn sie spüren, dass ein Ortswechsel (und sei es nur der Umzug in eine andere Zelle) sicher besser für sie wäre. Ich hätte mich nicht in ihrer Lage befinden wollen. Allerdings befand ich mich bereits in ihrer Lage ...

Die Nacht vertrieb ich mir mit der Lektüre des letzten Bandes von Manga Melifaros Enzyklopädie der Welt, den ich glücklicherweise aus der Gefängnisbibliothek hatte ausleihen können. Nichts Übernatürliches geschah - bis auf den Umstand, dass mich der bohrende Blick einmal mehr bis zum Juckreiz quälte. Und zwar noch aufdringlicher als in der Nacht zuvor. Ein paar Mal hörte ich ein Husten, das allerdings mehr einer Halluzination als einem echten Geräusch ähnelte.

Kurz vor dem Morgengrauen beschlich mich eine neue Wahrnehmung: Ich hatte das Gefühl, mein Körper sei hart wie eine Nussschale - so hart, dass ich das Jucken nicht mehr als Berührung empfand, sondern als Zittern der Luft um mich herum. Das war nicht gerade angenehm, doch ich spürte, dass das unsichtbare Wesen, das mich die ganze Nacht beobachtet hatte, noch recht klein war. Seine Unzufriedenheit übertrug sich auf mich. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte mir Vorwürfe gemacht, dass diese Augen keinen noch stärkeren Juckreiz bei mir ausgelöst hatten. Als ob die Tatsache, dass das Jucken mich nicht wild die Wände hochgehen ließ, die Gefühle eines anderen Wesens verletzt hätte.

Die Nacht brachte nichts Neues - vielleicht weil das Wesen misstrauisch war? Oder weil Juffin mir unbemerkt einen magischen Schutzschild verliehen hatte?

Das würde gut zu ihm passen! Aber vielleicht rettete mich auch die Tatsache, dass ich aus einer anderen Welt stamme und gewissermaßen ein Außerirdischer bin.

Plötzlich wurde ich so müde, dass ich beschloss, mich schlafen zu legen. Damit wartete ich allerdings bis zur Dämmerung. Wie wohl Lonely-Lokley seine Zeit verbringen mochte? Dem war garantiert langweilig. Und Hunger hatte er bestimmt auch. Er steckte sicher in der Klemme.

Mir hingegen war ganz und gar nicht langweilig. Und richtig ausschlafen konnte ich mich erst recht nicht. Es war Mittag, als mich der vertraute Juckreiz weckte. Ob das Wesen - worum auch immer es sich dabei handelte - auch tagsüber wirken mochte? Warum eigentlich nicht! Die schrecklichsten Dinge, die während meines Aufenthalts in Echo passiert waren, hatten sich alle bei Tageslicht zugetragen. Vielleicht ist die Überzeugung, Alpträume würden uns nur bei Nacht zustoßen, ein dummer Aberglaube, der noch aus der Zeit stammt, da unsere Vorfahren im Dunkeln nicht arbeiten konnten.

Nachdem ich mich gewaschen und eine Tasse Kamra getrunken hatte, begann ich erneut zu grübeln. Meine Vorgänger waren allesamt nachts gestorben. Ob das Zufall gewesen war? Oder gab es einen einfachen Grund dafür: den nämlich, dass sie zu dieser Zeit - wie jeder normale Mensch - geschlafen hatten? Oder hatte mein persönlicher Makel - die Tatsache also, nicht aus dieser Welt zu stammen - die Ordnung der Dinge gravierend verändert? Ich hatte keinen blassen Schimmer.

Vor allem meine unerschütterliche Ruhe frappierte mich. Ich hatte vor nichts Angst - weder vor dem, was passiert war, noch vor dem, was theoretisch noch alles geschehen konnte. Ich war einfach naiv überzeugt, dass mir nichts Schlimmes passieren würde - weder hier noch irgendwo sonst. Mein Heldenmut berauschte mich so sehr, dass ich beinahe benommen ins Bett gesunken wäre. Noch vor kurzem hatte ich dieses Gefühl nicht gekannt. Möglicherweise steckte hinter meiner Tapferkeit ja Sir Lonely-Lokley, der sich wie eine magische Puppe in meiner Hand aufhielt. Vielleicht gefiel es dem so sehr an mir interessierten Wesen ja, dass ich mutig und zugleich blind für die Gefahr war. Aber vielleicht arbeitete es auch darauf hin, dass ich leichtsinnig wurde.

Wie auch immer - ich konnte nicht mehr einschlafen, trank bis zum Morgengrauen Kamra, las in meiner geliebten Enzyklopädie und wurde mit jeder Seite klüger.

Später wurde mir klar, dass sich die damaligen Geschehnisse wie im Märchen entwickelt hatten. In der ersten und zweiten Nacht war ich nur leicht gereizt worden - der eigentliche Ärger kam erst in der verhängnisvollen dritten Nacht.

Alles begann damit, dass ich bei Einbruch der Dunkelheit ein enormes Schlafbedürfnis verspürte. Das war sehr ungewöhnlich für mich, da ich um diese Tageszeit eigentlich besonders wach bin - und zwar unabhängig davon, wie der Tag gelaufen ist. Aber diesmal musste ich gegen eine gewaltige Müdigkeit ankämpfen - erfolglos.

Ich versuchte, mich wach zu halten, indem ich mir vorstellte, mir würden bei geschlossenen Lidern grässlichste Alpträume bevorstehen. Doch das nützte nichts. Nicht mal der Gedanke an die ungeheure Schande, die mir bei einem Versagen drohte, konnte mich aufmuntern. Selbst die Aussicht auf Sticheleien von Melifaro, auf die gehässige Freude von Juffin und auf das höhnische, zähnefletschende Lächeln von Lady Melamori - mit dem so sicher zu rechnen war wie mit dem Amen in der Kirche - vermochte mich nicht aufzurütteln. Süße Schläfrigkeit umgab mich wie ein weißes Kissen, mit dem mich eine unsichtbare Hand zu ersticken suchte. Es fehlte nicht viel, und ich wäre eingeschlafen.

In dieser schwierigen Lage rettete mich die Flasche Kachar-Balsam, die ich glücklicherweise mitgenommen hatte. Ich musste ziemlich viel davon trinken, doch ich beklage mich nicht: Der Balsam ist nicht nur eins der wirksamsten Stärkungsmittel, sondern schmeckt auch ungemein lecker.

Im Nachhinein erklärte mir Juffin, dieses Trinken habe denjenigen provoziert, der mich - um die Geschehnisse zu beschleunigen - in der Zelle beobachtet habe. Das Wesen habe offenbar entschieden, ich sei kein ernsthafter Gegner mehr, da ich zur Selbstverteidigung den Balsam - also immerhin Magie achten Grades! - benutzt hatte. Meine offensichtliche Hilflosigkeit habe das geheimnisvolle Wesen anscheinend dazu verführt, eine der am wenigsten überlegten Entscheidungen seines seltsamen Lebens zu treffen.

Darüber wollte ich nicht mit Juffin streiten. Auch ich glaubte, das Unheil verkündende, ob seiner einsamen, halbdurchsichtigen Existenz verwirrte Wesen habe nicht mehr länger warten können. Welcher Logik mochte es gefolgt sein? Der tote Magister hatte mir das Leben rauben wollen. Er war zu diesem Versuch gezwungen, je eher, desto besser. Bestimmt war mein Funken - oder wie man es nennen will - genau das Quantum an Lebensenergie, das ihm zur Auferstehung fehlte. Er hatte ja schon seit sehr langer Zeit auf dieses Ziel hingearbeitet und die Kraft all derer, die in Zelle Nummer Fünf eingesessen hatten, Tropfen für Tropfen aufgesogen. Eines Tages jedoch - im 112. Jahr, um genau zu sein - hatte Sir Machligl Annoch sich dann als so stark erwiesen, dass er sich nicht länger von der ausdünstenden Lebensenergie der in seiner ehemaligen Zelle gefangen gesetzten Häftlinge mühsam und wie von Brosamen hatte ernähren müssen, sondern sich aktiv des fremden Lebens bemächtigen und die Zelleninsassen töten konnte, um ihre konzentrierten Vitalkräfte aufzunehmen. Er brauchte fremdes Leben, um selbst wieder lebendig zu werden.

Der Funke meines direkten Vorgängers in Zelle Nummer Fünf hatte die schattenhafte Existenz des alten Magisters so mächtig werden lassen, dass er sogar in die Träume der Insassen der Nachbarzellen hatte eindringen können. So unpassierbar die Gefängniswände auch für alle Formen von Magie unter Lebenden waren, so wenig galt dieses Hindernis für ihn, da er als tot zu gelten hatte. Er wollte nur eins: Er wollte genug fremde Lebensenergie sammeln, um demnächst aufzuerstehen. Und er war auf dem besten Wege dazu. Ihm fehlte nur noch der letzte Schluck jenes Getränks, das man in Echo Funke nennt. Und dieser letzte Schluck saß nun schon die dritte Nacht vor ihm und wollte nicht einschlafen.

Natürlich musste der alte Geist daraufhin va banque spielen. An seiner Stelle hätte ich es auch getan.

Egal wie Sir Juffin Halli sich später dazu geäußert haben mag: Mein Gegner war der erfolgreichen Umsetzung seines Plans ausgesprochen nah gewesen. Viel näher, als ich bei meinem Duell mit ihm gedacht hatte.

Als in der hintersten Ecke meines Gefängnisschlafzimmers die undeutliche Gestalt des Unbekannten erschien, erstarrte ich vor Schreck. Natürlich befanden sich in meinen Unterlagen Informationen, die es mir ermöglicht hätten, mich auf ein solches Treffen vorzubereiten. Tatsächlich aber hatte ich nichts dergleichen getan.

Kurz gesagt: Ich war nicht nur erschrocken, sondern auch völlig überfordert. Eigentlich sah der Unbekannte eher lustig als schreckenerregend aus. Mochte er auch zu Lebzeiten ein Großer Magister gewesen sein - seine gegenwärtige Gestalt war sehr klein ausgefallen. Er war unproportional gebaut, denn er hatte zwar einen mächtigen Kopf und einen muskulösen Oberkörper, zugleich aber sehr kurze Beine und kleine, kindlich anmutende Füße. Er gab wirklich eine komische Figur ab. Sein faltiges, sonnengebräuntes Gesicht aber hatte einen ganz anderen Ausdruck. Er hatte große blaue Augen, eine hohe Stirn und eine enorm lange Nase mit den dünnen, scharf konturierten Nasenflügeln eines Raubtiers. Sein langes Haupthaar und sein nicht minder imposanter Bart waren zu vielen dünnen Zöpfen geflochten - bestimmt nach einer uralten Mode. Es ist eben schwer, mit der Zeit zu gehen, wenn man im Gefängnis sitzt, dachte ich mir. Zumal wenn man obendrein ein Gespenst ist. Dass mir solche Gedanken kamen, bewies mir, dass die Lage gar nicht so schlimm war.

Aber kaum hatte ich meine Angst besiegt, merkte ich, dass mir etwas Schlimmes widerfuhr. Eine Erstarrung überkam mich, und ich konnte mich nicht rühren. Reglos sah ich den Ankömmling an und konnte von Glück sagen, dass mir nicht die Beine einknickten. »Na los! Beweg dich!«, rief mir ein kleiner kluger Junge zu, der in meinem Innern wohnte, im Wechselspiel meiner Charakterzüge aber leider keinen großen Einfluss gewonnen hatte. »Die Zeit läuft! Das ist kein Spiel! Beweg dich!«

Doch sein Appell verhallte wirkungslos.

Mir war klar, dass ich nun Sir Lonely-Lokley hätte befreien sollen, doch ich konnte nicht mal die einfache Handbewegung ausführen, die notwendig gewesen wäre, um meinem nächtlichen Besucher die tödliche Puppe Schürf zu zeigen. Aber das war nicht mehr wichtig. Ich begriff, dass ich in der Klemme saß.

»Dein Name ist Persjet. Du bist ein Häppchen Leben, und ich habe dich lange gesucht«, flüsterte das Gespenst. »Ich bin einen weiten Weg gekommen. Auf der einen Seite lag das Gefängnis, auf der anderen der Friedhof. Und der Wind heulte. So bin ich zu dir gekommen.«

Olala, du bist zu mir gekommen? Schau an! Hättest du das nicht schweigend tun können, du verkannter symbolistischer Poet? Mich jemandem zu unterwerfen, der schon beim ersten Treffen zu pompösen Redewendungen griff, hielt ich für keine gute Idee und beschloss darum, nicht aufzugeben. Unter uns gesagt: Mit achtzehn hatte ich bessere Monologe verfasst. Ich wusste zwar nicht, wie ich das Gespenst besiegen sollte, doch eins war mir klar: Ich würde es besiegen!

Dann widerfuhren mir merkwürdige Dinge. Ich spürte, dass ich erneut härter wurde, und hatte den Eindruck, mich in einen kleinen grünen Apfel zu verwandeln, einen von denen, in die nur siebenjährige Jungen beißen können, die - wie man ja weiß - in alles beißen, was ihnen in die Finger gerät.

Dann kam mir ein verrückter Gedanke: Ein erwachsenes Gespenst wie mein Gegenüber konnte doch auf keinen Fall in den kleinen sauren Apfel beißen, der ich war. Diese Wahnvorstellung erschien mir ungemein plausibel und gab mir meine Kraft zurück. Ehrenwort: Ich vergaß tatsächlich meine menschliche Natur und alle damit verbundenen Probleme. Wir grünen Äpfel führen ein unfassbar sorgloses Leben!

Mein Besucher verzerrte deutlich genug die Miene. Er hatte die Züge von jemandem, der seit langem mit einem Mund voll Essig und unreifer Datteln herumspazieren muss. Nun geriet er sichtlich in Verlegenheit, und der kleine grüne Apfel wurde wieder ein Mensch - einer, der seine Handlungsfähigkeit zurückgewonnen hat. Und dieser Mensch machte mit der linken Hand eine kleine, aber notwendige Bewegung. Das reichte: Mitten in der Zelle stand Sir Lonely-Lokley.

»Du hast Doperst mitgebracht!«, empörte sich Machligl Annoch, als hätten wir vor unserer Begegnung Regeln ausgehandelt, gegen die ich nun verstoßen würde.

»Du bist kein Persjet«, fügte das Gespenst aufgebracht hinzu. Offenbar hoffte es, ich würde mich schämen und Schürf wieder in meine Hand verbannen. Ich glaube, Sir Annoch war in den letzten fahren etwas wirr im Kopf geworden, weil er vor allem mit schwachen, erschrockenen Häftlingen zu tun gehabt hatte.

»Du bist auch kein Persjet!«, antwortete ich bissig.

Die Verlegenheit des Gespensts kam Schürf und mir sehr zupass, denn Sir Lonely-Lokley brauchte etwas Zeit, die schützenden, mit Runen übersäten Handschuhe auszuziehen. Solange wir uns mit dem toten Magister gezankt hatten, hatte Schürf notwendige Vorbereitungen treffen können. Als seine tödlichen Hände nun die Wände der Zelle mit ihrem Glanz beleuchteten, erschien mir das Leben wieder als leichte, angenehme Übung. Wie ein nettes Märchen, an dessen Ende sich die guten Nachrichten häufen, auf dass jeder Beteiligte sich die Neuigkeiten aussuchen kann, die ihm am besten passen.

Damals wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass meine Überlebenschancen so gut wie null waren.

Schuld daran war natürlich ich selbst. Weil ich bis dahin noch nie mit einem in Rente lebenden Großen Magister zu tun gehabt hatte, entschied ich leichtsinnig, uns bliebe noch genügend Zeit, ihn zu töten. Mein Leichtsinn verführte mich sogar dazu, das seltsame Gespenst ins Haus an der Brücke bringen und dort mit großer Geste meinen Kollegen präsentieren zu wollen. Wie das aber hätte geschehen sollen, wusste ich selber nicht. Meine Kenntnisse in diesem Bereich jedenfalls waren sehr bescheiden: Die Grundlagen der Metaphysik hatte man weder am Gymnasium - das ich nur mit Ach und Krach abgeschlossen hatte - unterrichtet noch an der Universität, von der ich in hohem Bogen geflogen war.

Meinen leichtsinnigen Geistesblitz hatte ich dem Kollegen Schürf allerdings nicht mitgeteilt. Und weil niemand im ganzen Kosmos disziplinierter sein dürfte als er und weil ich die Operation leitete, waren meine Befehle seiner Ansicht nach ohne Nachdenken zu befolgen. Auch die unsinnigsten Befehle!

Die rechte Hand, mit der Lonely-Lokley sein Gegenüber normalerweise erstarren lassen konnte, erwies sich als wirkungslos. Schlimmer noch: Das Gespenst begann plötzlich zu wachsen und wurde dabei immer durchsichtiger - und zwar so schnell, dass der transparente Kopf der Erscheinung schon nach wenigen Sekunden direkt unter der Decke hing.

»Der dumme Doperst!«, rief Machligl Annoch. »Er kann nicht töten! Verschwinde, Doperst!«

Das Gespenst schenkte Sir Lonely-Lokley keine Beachtung mehr, sondern langte nach mir und schaffte es, mich zu berühren. Das fühlte sich an wie ein kalter, feuchter Wackelpudding, ließ mir die Galle hochsteigen und bereitete mir am ganzen Körper Schmerzen. Bis heute begreife ich nicht, wie ich diese Berührung habe überleben können. Nicht einmal das Bewusstsein habe ich verloren, sondern stattdessen laut gerufen: »Mach ihn nass! Mach ihn nass!«

Sündige Magister! Wo hatte ich damals nur meinen Verstand gelassen?

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Sir Lonely-Lokley seine wunderbaren Hände aneinanderlegte und die Zeigefinger kreuzte. Dieser vielversprechenden Geste folgten allerdings keine Taten. Eine weitere qualvolle Sekunde verging. Ich verstand überhaupt nichts mehr.

Warum brachte Schürf ihn nicht um? Der menschenähnliche Wackelpudding umzingelte mich gefährlich.

Dann passierte das Unglaubliche, das dieser Nacht das gewisse Etwas verlieh. Die aneinandergelegten Hände von Sir Lonely-Lokley zogen in der Dunkelheit eine seltsame Linie, und dann prasselte ein Wasserfall auf uns nieder. Der tonnenschwere Schwall drückte die transparente Gestalt zu Boden. Erst begriff ich nicht, was da passierte, hob mein Gesicht aber vergnügt dem erfrischenden Guss entgegen. Diese Dusche war dringend notwendig gewesen.

Doch unser Gegner erwies sich als enorm zäh. Natürlich hatte das Wasser ihm nicht schaden können, sondern diente nur seiner nächsten Verwandlung. Nach der Dusche schrumpfte das Gespenst wieder. Gerade war es noch groß und durchsichtig gewesen; nun war es wieder klein, kompakt und blickdicht.

Ich weiß katastrophal wenig über Astronomie und habe darum keine Ahnung, wie man Himmelskörper mit hohem spezifischem Gewicht nennt. Nur dass es sich dabei um Zwerge handelt, bringe ich zusammen - aber sind es Weiße oder Schwarze Zwerge? Keine Ahnung! Unser Zwerg jedenfalls war weiß: eine winzig kleine menschliche Gestalt, die von innen durchsichtig leuchtete wie die Hände von Lonely-Lokley, die sich ihm nun näherten.

»Sie haben sich geirrt, Sir Max«, bemerkte mein Partner hastig. »Wasser schadet ihm nicht.«

»Ich soll mich geirrt haben?! Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, dass wir Wasser brauchen?«

»Sie haben doch selbst befohlen, ihn nass zu machen!«

»Sündige Magister! Schürf - nass machen heißt töten! Und je schneller, desto besser!«

Ich verkniff mir weitere Bemerkungen. Mir war nicht nach Gesprächen. Das kleine, glänzende Wesen stand direkt vor mir in der Luft und murmelte mir etwas zu. Ich überlegte seltsam unbeteiligt, ob es mich verfluchte. Zum Widerstand hatte ich einfach keine Kraft mehr.

Strahlendes Sonnenlicht blendete mich. Ich stand unter einem Baum mit mächtiger Krone, und ein unordentlich angezogenes Mädchen, das so kurze Beine hatte wie Sir Annoch, reichte mir eine Aprikose. »Hier - nehmen Sie eine Erfrischung!- Ich weiß nicht, warum ich das Obst annahm und hineinbiss. Es war verdorben. Eine winzige weiße Made sprang mir in den Mund und verbiss sich in meinem Rachen. Ich spürte ihre scharfen Zähne in der Schleimhaut. Das Gift verbreitete sich in meinem Körper und erfüllte mich mit einer widerlichen Schwäche. Eigentlich hätte ich vor Schmerz und Ekel sterben müssen, doch mich erfüllte nur blinder Hass, und ich schrie so laut, dass ein Sturm aufkam und der Baum seine Blätter verlor. Das hellblonde Mädchen kroch mit vor Angst verzerrtem Gesicht übers Gras und zischelte dabei wie eine Viper. Schließlich spuckte ich die giftige Made vor die Füße von Lonely-Lokley, obwohl der sich gar nicht im Obstgarten befand. Dann verlosch das strahlend helle Sonnenlicht.

Was mich an unserem Schnitter des Lebensfadens so begeistert, ist seine unfassbare Unerschütterlichkeit. Als ich noch durch meinen Alptraum irrte, hatte Schürf seine Aufgabe schon erledigt und seine tödliche Linke, mit der sowieso alles hätte beginnen müssen und die ihm eigentlich nie Probleme bereitete, doch noch in Aktion versetzt. Egal ob er sie gegen einen Menschen, ein Gespenst oder was auch sonst erhob: Der Tod kam rasch und war nicht rückgängig zu machen.

Danach zog dieser tolle Hecht die Schutzhandschuhe an und flößte mir, geschickt wie eine Krankenschwester, die Reste meines Kachar-Balsams ein.

»Das ist in solchen Fällen sehr wirksam, Sir Max. Also trinken Sie. Tut mir leid, aber ich hatte Ihren Befehl missverstanden. Bei uns in Echo hat Nassmachen keine doppelte Bedeutung. Deshalb hatte ich gedacht, Sie wollten eine neue Tötungsart erproben. Der kleine Wolkenbruch hat mich viel Mühe gekostet - auch wenn ich natürlich, was Zaubertricks anlangt, bei Sir Juffin eine Spezialausbildung gemacht habe. Aber Sie wissen ja, wie schwer das Zaubern gerade hier in Cholomi ist.«

Der Kachar-Balsam brachte mich nicht nur wieder zur Besinnung, sondern hob auch meine Laune spürbar - ein deutliches Zeichen der Besserung.

»Mit Wasser töten? Sündige Magister! Geht das denn überhaupt? Und warum eigentlich mit Wasser? Man hätte das Gespenst doch nur anpinkeln müssen! Schon das wäre tödlich gewesen - da bin ich mir sicher! Loki, haben Sie mal versucht, einen Geist anzupinkeln?«

»Sir Max!«, entgegnete mein Retter vorwurfsvoll. »Ich heiße nicht Loki, sondern Lonely-Lokley! Bisher haben Sie es doch immer geschafft, meinen Namen fehlerfrei auszusprechen. Ich hoffe sehr, dass Ihnen diese Fähigkeit nicht dauerhaft abhandengekommen ist.«

Der Arme hielt mich gewiss für einen ebenso hoffnungslosen Fall wie Melifaro. Um die Situation zu retten, griff ich zu einer Notlüge: »Das war eigentlich kein Fehler, Sir Schürf. Ich habe nur einen Gott erwähnt, dessen Name dem Ihren sehr ähnlich ist. Seien Sie also bitte nicht sauer, mein Freund.«

»Von einem Gott namens Loki hab ich noch nie gehört«, gab Lonely-Lokley erstaunt zurück. »Verehren Ihre Landsleute den etwa?«

»Manche schon«, antwortete ich und verzog dabei keine Miene. »Bei uns in den Leeren Ländern herrscht, wie Sie ja wissen, Vielgötterei. Jeder glaubt, an wen es ihm passt. Und weil jeder Zweite ein Nomade ist, ist er auch sein eigener Opferpriester. Viele glauben - so wie ich - an gar nichts, interessieren sich dafür aber ein wenig für alles.«

»Ist das etwa Geheimwissen?«, fragte Sir Schürf hoffnungsvoll. »Können Sie mir mehr darüber erzählen?«

»Natürlich«, sagte ich entschlossen. »Wie Sie wünschen.«

Die nächsten anderthalb Stunden verbrachte ich damit, Sir Lonely-Lokley über dem kalt gewordenen Rest unserer Kamra die nordische Mythologie zu erklären, die ich ihm als Sagen aus den Leeren Ländern unterjubelte.

Eins musste man Sir Schürf lassen: Die nordische Sagenund Mythenwelt gefiel ihm sehr! Besondere Vorliebe entwickelte er für Göttervater Odin, der nicht nur Schutzherr der Walhalla ist, in deren Mauern die auf dem Schlachtfeld gefallenen Krieger zechen, sondern den Menschen auch den Dichtermet geschenkt hat.

Und der Schnitter des Lebensfadens schätzte die Poesie so sehr, dass er vor Ehrfurcht schier zu beben begann.

Nicht nur die unerwartete Übereinstimmung unserer literarischen Vorlieben, sondern auch meine große Portion Kachar-Balsam hatte mich so entflammt, dass ich meinem Kollegen auf die Schulter klopfte, ohne zu bedenken, dass diese Geste im Vereinigten Königreich engsten Freunden Vorbehalten ist. Glücklicherweise erhob Sir Schürf keine Einwände gegen den offiziellen Beginn unserer Freundschaft. Im Gegenteil: Er schien sehr zufrieden damit.

Erst später begriff ich, wie viele Verpflichtungen die Ehre mit sich brachte, ein enger Freund von Sir Lonely- Lokley zu sein. In Echo gibt es unterschiedlichste Freundschaftsrituale. Deshalb beschloss ich, Sir Juffin untertänigst zu bitten, mich darüber aufzuklären, wie man hier Freundschaften pflegt, und nahm mir außerdem vor, in einem eigens dafür angelegten Heft die Bedeutung jeder Geste und jedes Gesichtsausdrucks zu protokollieren. Hauptsache, ich würde in der nächsten halben Stunde niemanden beleidigen. Aber bei mir musste man immer mit allem rechnen.

Dann beendeten wir unser literarisches Gespräch, riefen einen Wächter und verließen die Zelle. Wir gingen zum Kommandanten, wo wir ein ausgezeichnetes Frühstück und eine Menge frische, heiße Kamra bekamen. Das war einfach fantastisch. Ich kam endlich wieder richtig zur Besinnung und wollte meine wachsende Neugier stillen.

»Verraten Sie mir doch, Sir Schürf, wie Sie sich gefühlt haben, als Sie winzig klein waren. Ich meine natürlich nicht in Ihrer Kindheit, sondern während der langen Zeit, die Sie zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken verbracht haben.«

»Welche lange Zeit denn?«, fragte Lonely-Lokley und zuckte die Achseln. »In den drei Stunden bin ich etwas hungrig geworden.«

»In welchen drei Stunden denn?«

»Wollen Sie sagen, mein Zeitgefühl hat mich getrogen?«

»Wir haben drei Tage und drei Nächte in der Zelle verbracht!«, rief ich.

»Ein interessanter Effekt«, stellte Lonely-Lokley fest. »Und gut für mich. Drei Tage sind nämlich eine lange Zeit für jemanden, der vergessen hat, sich belegte Brötchen mitzunehmen. Da kann ich von Glück sagen, dass sich mein Zeitgefühl so stark verändert hat.«

Ich hatte natürlich noch viele Fragen zu seinem Aufenthalt in meiner Hand, doch Sir Schürf meinte nur trocken, Erfahrungen solcher Art solle man besser persönlich machen, statt fremden Beschreibungen


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zu trauen. Dann bot er mir großzügig an, mich meinerseits in seiner Faust einzuschließen. Ich allerdings kam zu dem Schluss, vorerst genug Eindrücke gesammelt zu haben, und wechselte das Thema.

Nach dem Frühstück nahmen wir Abschied vom gastfreundlichen Sir Marunarch. Es ging mir sehr gut, doch ich fühlte mich unter dem Einfluss der großen Portion Kachar-Balsam eigenartig schwerelos und hatte Lust, meine Manteltaschen mit Steinen zu befüllen, um nicht davonzuschweben.

»Sie sollten sich besser nicht ans Steuer setzen«, bemerkte Lonely-Lokley beim Einsteigen ins A-Mobil. »Sie sind zwar der beste Fahrer, den ich kenne, aber als es Kachar-Balsam noch an jeder Ecke zu kaufen gab, war es streng verboten, sich in Ihrem Zustand ans Lenkrad zu setzen.«

Dieser Argumentation konnte ich mich nicht verschließen.

»Ihr Bewohner der Grenzländer seid merkwürdige Wesen!«, meinte Sir Schürf, als er auf die hölzerne Fähre fuhr, die zwischen Cholomi und der Altstadt von Echo verkehrte. »Zugegeben - ich weiß noch nicht, worin sich die Unterschiede zu uns gebürtigen Hauptstädtern am deutlichsten zeigen, aber Sie, Sir Max, unterscheiden sich ohnehin von anderen Fremden. Doch leider bin ich ein schlechter Theoretiker«, schloss Lonely- Lokley und vertiefte sich in sein Arbeitsheft. Vermutlich wollte er seine Eindrücke zu Papier bringen, solange sie noch frisch waren.

»Worauf wollen Sie hinaus, Schürf?«, fragte ich vorsichtig.

»Nehmen Sie mir das bitte nicht krumm, Sir Max! Es herrscht nur allgemein die Ansicht, Kachar-Balsam habe - wie alle anregenden Getränke - eine deprimierende Wirkung auf die Psyche sogenannter Barbaren. Verzeihen Sie mir dieses grobe Wort. Manche Heiler behaupten sogar, Kachar-Balsam sei für das seelische Gleichgewicht Ihrer Landsleute gefährlich, und meinen, solche Getränke dürften nur gebürtige Uguländer zu sich nehmen. In Ihrem Fall sieht das Ganze anders aus: Ihre Psyche wird vom Kachar-Balsam kaum verändert - anders als das Bewusstsein manches Vertreters der sogenannten zivilisierten Völker. Nur das habe ich gemeint. Und ich bitte nochmals um Verzeihung, wenn ich taktlos gewesen sein sollte.«

»Haben Sie schon vergessen, Schürf? Sie sind jetzt mein Freund und können mir an den Kopf werfen, was Sie wollen.«

Ehrlich gesagt: Ich atmete vor Erleichterung auf. Als Lonely-Lokley über meine seltsamen Eigenschaften gesprochen hatte, befürchtete ich schon, er habe meine angebliche Herkunft als Lüge durchschaut und Juffins Bemühungen seien umsonst gewesen. Aber nein, ihm war es nur seltsam vorgekommen, dass ich nach ein paar Schluck Kachar-Balsam nicht nackt auf dem Tisch getanzt hatte. Na ja, nächstes Mal musste ich seinen Erwartungen wohl besser entsprechen.

Sir Juffin war sehr zufrieden, als er uns gesund, wohlbehalten und siegreich zurückgekehrt sah.

»Ich glaube kaum, dass für Magister Annoch das Problem des Lebens nach dem Tode noch aktuell ist«, rief ich schon von der Türschwelle her. »Hätten wir ihn erst nach seiner Auferstehung umgebracht, wäre vielleicht alles Mögliche passiert. Aber wir haben ihn erledigt, als er gerade noch der Schattenwelt angehörte. Sündige Magister! Was schleppe ich denn da mit mir herum? Warum hat mich niemand gebremst?«, wunderte ich mich und betastete die Steine in meinem Mantel.

»Auf jeden Fall bin ich sicher, dass Annoch seine Forschungen endgültig abgeschlossen hat«, sagte Juffin begütigend zu mir.

»Das glaube ich auch. Dieser Magister hat mir absolut nicht gefallen. Natürlich hätte ich ihn Ihnen gern lebend geliefert - wenn von lebend überhaupt die Rede hätte sein können. Aber das hat leider nicht geklappt.«

»Mach dir darüber keine Gedanken, Junge! Das hätte nie und nimmer hingehauen.«

»Das hab ich von Anfang an gewusst«, warf Lonely- Lokley ein. »Aber Befehl ist Befehl.«

»Ich war dumm, doch ich werde mich bessern«, meinte ich entschuldigend, warf mich in einen Sessel und merkte rasch, dass ich kurz davor war, einzuschlafen. Mit halb geschlossenen Augen murmelte ich: »Vergessen Sie nicht, von Ihrer Nummer mit dem Wasser zu erzählen - das war vielleicht was ...«

Weil ich noch immer unter dem anregenden Einfluss des Kachar-Balsams stand, schlief ich höchstens eine Stunde. Als ich aufwachte, fühlte ich mich leicht wie eine Feder und obendrein erstaunlich munter. Meine Kollegen tranken Kamra, die sie im Fressfass bestellt hatten, und unterhielten sich leise.

»Ah, er ist wieder wach«, rief Juffin fröhlich, nickte zu mir rüber und sah mich dabei verdächtig enthusiastisch an, als ob ich ein Festtagspudding wäre, der genau die richtige Konsistenz hatte, um gierig den Löffel darin zu versenken. Juffin hätte sich beinahe die Lippen geleckt.

Aufgegessen hat er mich dann aber doch nicht. Stattdessen führte er eine medizinische Untersuchung durch, die allerdings keine Ähnlichkeit mit einer ärztlichen Prozedur hatte.

Ich bekam die Anweisung, mich an die Wand zu stellen. Einige Zeit musterte Juffin mich mit seinen leuchtenden Augen. Das war nicht besonders angenehm und hatte mich am Anfang unserer Bekanntschaft stets verlegen gemacht. Nun befahl er mir, mich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen, was mich natürlich riesig begeisterte. Nachdem mein Chef einige Zeit meinen Hintern und dessen Umgebung untersucht hatte, klopfte er mir - weil er noch nicht zufrieden war - den Rücken ab. Diese Massage gefiel mir besser als das Blickduell, das ihr vorausgegangen war. Dann legte er mir die schwieligen Hände - die warme Rechte wie die eiskalte Linke - in den Nacken, und ich spürte plötzlich Unheil. Beinahe wäre ich gestorben, und nichts wäre von mir übrig geblieben. Dann schrie ich - nicht vor Schmerz, sondern um mir und der ganzen Welt zu zeigen, dass ich noch lebte. Es mag sich seltsam anhören, ist aber wahr: Wer schreit, versichert sich seiner Existenz.

»Entspann dich, Max«, sagte Juffin und führte mich fürsorglich zum Sessel. »Das war unangenehm, ich weiß, aber du hast es hinter dir.«

Mein körperliches Wohlbefinden kehrte rasch zurück, nicht aber mein seelisches Gleichgewicht.

»Was war das?«

»Nichts Besonderes. Nur ein ganz normaler Dialog zwischen dem Körper eines Heilers und dem eines Patienten. Das gefällt nicht jedem. Dir zum Beispiel hat es nicht gefallen, doch du brauchst einfach ein wenig Zeit, um dich daran zu gewöhnen. Bist du bereit, Neuigkeiten zu erfahren?«

»Kommt drauf an, welche«, antwortete ich vorsichtig. »Gute Nachrichten oder schlechte? Oder Neuigkeiten, die nicht so leicht einzuschätzen sind?«

»Schwer einschätzbare Nachrichten. Alles hängt von deinem Humor ab«, sagte Juffin und lächelte vieldeutig.

»Mit meinem Humor hatte ich eigentlich noch nie Probleme.«

»Das werden wir ja jetzt sehen. Weißt du, Max, deine Körperbeschaffenheit hat sich ein wenig geändert.«

»Inwiefern? Bin ich jetzt eine Frau? Muss ich jetzt anderswo auf die Toilette gehen, oder was meinen Sie damit? «

»Jein. Was deinen Unterleib anlangt, ist alles in Ordnung«, kicherte Juffin. »Hinsichtlich der Toilette und anderer Freuden des Lebens kannst du beruhigt sein.«

»Schon gut!«

»Es ist nichts Schlimmes passiert, aber es ist besser, wenn man gewisse Dinge über sich weiß ... Wie soll ich es sagen ... Du bist ... na ja ... du bist giftig geworden.«

»Giftig? Ich?«, fragte ich ungläubig, da Juffins Feststellung mich zutiefst erschreckt hatte. »Sie meinen also, wenn mich jemand aufäße, würde er sterben? Das sollten Sie dringend allen Kannibalen unserer Stadt zur Kenntnis bringen, damit es nicht zu tragischen Todesfällen kommt«, sagte ich und kicherte so aufgekratzt, als wäre es das letzte Kichern meines Lebens.

»Nein, nein - essbar bist du schon. Und berühren darf man dich auch. Und wer Lust hat, kann auch dein Besteck und deine Handtücher benutzen«, antwortete Juffin lächelnd. »Es gibt nur ein Problem: Wenn du wütend oder erschrocken bist, wird deine Spucke giftig. Und dieses Gift ist - unter uns gesagt - schrecklich. Es tötet blitzschnell, wenn es in Kontakt mit menschlicher Haut gerät. Mit diesem Gift spuckst du deine Gegner garantiert an. Ich kann dir versichern, dass dir dagegen nicht mal deine gute Erziehung helfen kann. Auch deine Willenskraft vermag nichts daran zu ändern, denn das ist keine Frage der freien Entscheidung. Du wirst spucken - auch wenn du es nicht möchtest. Du kannst nur eines tun, wenn du deine Gegner nicht gleich umbringen willst: Du kannst danebenspucken. Also arbeite an deinem Charakter, mein Junge: Du darfst dich nicht gleich über jede Kleinigkeit ärgern, denn sonst spuckst du halb Echo tot.«

»Das ist alles nicht so schlimm«, bemerkte ich etwas unschlüssig. »Ich werde nicht so schnell wütend. Wenn General Bubuta so etwas passiert wäre, dann wäre jetzt die ganze Menschheit in Gefahr. Aber vielleicht sollte ich als Hilfskiller für Sir Schürf arbeiten.«

»Ein zusätzlicher Meuchelmörder kann nicht schaden«, bemerkte Lonely-Lokley, der bisher friedlich und gleichgültig geblieben war, ernst. »Sie wissen, Sir Max, dass ich gegenwärtig sehr viel zu tun habe!«

»Und keine Sorge: Wenn Sie irgendwann Ihre Handschuhe vergessen, brauche ich mich nur ein wenig zu ärgern, und meine Spucke wird giftig«, fügte ich großzügig hinzu.

»Sir Max, wie könnte ich denn meine Handschuhe vergessen? Wie kommen Sie bloß auf diese Idee?«, staunte Lonely-Lokley.

Ich begriff, dass ich etwas Dummes gesagt hatte. Manche Dinge passieren einfach nicht: Die Sonne kann nicht rückwärtslaufen, Sand kann keinen Durst löschen, und Sir Schürf kann seine tödlichen Handschuhe nicht vergessen, wenn er im Einsatz ist. So hat alles seine Ordnung.

»Und was wird jetzt aus meinem Leben, Juffin?«, seufzte ich. »Kein Mädchen wird ein Ungeheuer wie mich küssen wollen. Lässt sich diese Entwicklung vielleicht verheimlichen?«

»Du musst den Mädchen klarmachen, dass es absolut ungefährlich ist, dich zu küssen. Vorausgesetzt, du bist nicht sauer«, meinte Juffin achselzuckend. »Und was die Geheimhaltung angeht - ich will wegen dieser Sache zwar keine Pressekonferenz geben, aber du weiß ja ...«

»... dass es in Echo viele preiswerte Hellseher gibt«, vollendete ich Juffins Satz.

»Eben!«

»Wie konnte mir das überhaupt passieren?«

»Das ist dein Schicksal, Junge. Wenn du mit Magie höheren Grades in Berührung kommst, wirkt sie auf dich etwas anders als - sagen wir - auf normale Leute«, meinte Juffin und äugte vielsagend zu Lonely-Lokley rüber.

Schürf war verschwiegen wie ein Fels im Safe einer Schweizer Bank, doch ihm gegenüber zu erwähnen, dass ich aus einer anderen Welt stammte, wäre nicht nötig gewesen. Immerhin war mir nun klar, welches Schicksal mir bevorstand.

»Manchmal ist es besser, nicht im Voraus zu wissen, was wie auf einen wirken wird«, ergänzte Juffin. »Kannst du dich noch erinnern, was damals im Haus meines Nachbarn passiert ist?«

»Ich hatte eine Zeit lang blutsaugerische Gelüste«, erwiderte ich traurig. »Nach ein paar Stunden war aber wieder alles im Lot.«

»Richtig. Damals war die Wirkungsdauer meines Zauberspruchs nur kurz bemessen. Das Gespenst in der Gefängniszelle hingegen hat dich töten wollen und dich mit seiner Formel für alle Zeit gezeichnet.«

»Sehr tröstlich - vielen Dank!«

»Finde dich damit ab, Max. Und glaub nicht, dass dieses Ereignis eines der letzten in deinem Leben gewesen ist. Alles wird sich zum Besseren wenden. Im Haus von Sir Makluk-Olli bist du klüger geworden. Und jetzt hat sich herausgestellt, dass du auch ganz gut kämpfen kannst. Wer weiß, was als Nächstes kommt!«

»Genau!«

Einige Sekunden versuchte ich intensiv, mich zu bedauern, gab dann aber klein bei und kicherte erneut. »Vielleicht sollte man mich zum Arzt bringen? Dem könnt ich dann sagen: -Herr Doktor, meine Spucke ist giftig. Was soll ich tun?«, und er könnte antworten: »Kein Problem. Sie müssen strenge Diät halten und jeden Tag vor dem Schlafengehen einen Spaziergang machen und eine Aspirin schlucken. In fünfhundert Jahren ist dann alles wie weggeblasen.««

»Aspirin? Was ist das?«, fragte Sir Schürf interessiert.

»Oh, ein echtes Zaubermittel. Es wird aus Pferdemist gewonnen und hilft wirklich gegen alles!«

»Na so was! Dabei schreiben die Wissenschaftler doch, die Medizin in den Grenzgebieten sei noch sehr unterentwickelt. Tja, die Wahrheit fällt oft Vorurteilen zum Opfer

Sir Juffin Halli fasste sich mit beiden Händen an den Kopf. »Stopp, meine Herrschaften. Ich kann nicht lachen, weil ich mir das Jochbein verrenkt habe. Aber ich habe noch einen letzten Ratschlag für dich, Max. Du hattest wirklich großes Glück und hast viele harmlose und unnütze Gewohnheiten. Höchste Zeit, dass du dir ein paar gefährliche Gewohnheiten anschaffst! Deine neue Errungenschaft kann für deine Arbeit sehr nützlich sein. Und wenn sich irgendeine hysterische Frau weigert, dich zu küssen, brauchst du sie nur anzuspucken, und die Sache ist erledigt. Alles klar?«

»Alles klar.«

»Na prima.« Mit diesen Worten öffnete Juffin die Haustür, nahm ein großes Paket in Empfang und warf es mir zu. »Probier das hier mal an.«

Ich machte das Paket auf, entnahm ihm einen schwarzen, mit Gold bestickten Lochimantel, eine schwarze Skaba, einen Turban und ein Paar außergewöhnliche Stiefel. Besonders die Stiefel gefielen mir sehr: Die Spitze erinnerte an ein Drachengesicht mit großen Zähnen, und der Schaft war mit goldenen Glocken übersät. In meinem Heimatland hätte ich so etwas nie tragen können, aber hier war es anders.

»Ist das ein Geschenk, Juffin?«

»So was in der Art. Probier sie erstmal an.«

»Danke«, sagte ich und schlüpfte in die Stiefel.

»Nichts zu danken. Gefallen sie dir?«

»Was für eine Frage!« Ich setzte mir den schwarzen Turban auf, der ebenfalls mit goldenen Glocken verziert war.

»Und der Lochimantel?«

»Einen Moment«, meinte ich, knöpfte den Mantel zu und betrachtete mich im Spiegel. Wie sich herausstellte, war das Goldmuster so gearbeitet, dass es auf dem Rücken größere, überall sonst aber kleinere Kreise bildete. »Wirklich gar nicht schlecht. Ein königlicher Anzug!«

»In der Tat königlich. Ich bin froh, dass er dir gefällt, Max. Jetzt wirst du ihn tragen müssen.«

»Mit Vergnügen. Aber warum muss ich es tun? Außerdem ist es doch schade, etwas so Schönes jeden Tag anzuziehen.«

»Du wirst so viele Exemplare davon bekommen, wie du brauchst. Offenbar hast du noch nicht begriffen, dass diese Ausstattung so etwas wie dein Dienstanzug ist. Von nun an musst du ihn immer tragen.«

»Ausgezeichnet. Aber ich habe wirklich noch längst nicht alles kapiert. Sie haben selbst gesagt, die Mitglieder des Kleinen Geheimen Suchtrupps würden im Gegensatz zu Polizisten keine besonderen Dienstanzüge tragen! Was ist das hier also? Eine Neuerung?«

»Eigentlich nicht. Dieser Anzug ist nur für dich allein. Jetzt bist du der Tod, Max. Der Tod im königlichen Dienst. Und für solche Fälle gibt es den Todesmantel.«

»Und alle Fußgänger, die mein A-Mobil von weitem erblicken, fliehen mich wie einen Pestkranken? Na prima!«

»Alles halb so wild. Wenn sie dich sehen, werden sie vor Ehrfurcht erzittern und selig an die gute alte Ordensepoche denken, als einem öfter mal Leute in solchen Anzügen begegnet sind. Du bist die Karriereleiter jetzt so weit hochgestiegen, dass ... Na ja, mit einem Wort: Du bist nun eine ungeheuer wichtige Person. Das wirst du schon noch merken!«

»Bin ich also jetzt ein großer Leiter? Das wäre wirklich nicht so schlimm. Aber warum tragen Sie nichts Ähnliches, Schürf? Das wäre doch für Sie wie geschaffen.«

»Früher habe ich auch den Mantel des Todes getragen«, sagte Lonely-Lokley und nickte gleichgültig. »Aber die Zeiten haben sich geändert, und jetzt trage ich weiße Sachen.«

»Ich dachte immer, Weiß würde Ihrem Geschmack entsprechen. Was bedeuten Ihre weißen Anzüge eigentlich? «

Sir Schürf zuckte die Achseln. Er hatte offensichtlich keine Lust, darüber zu reden.

»Es hat eine Zeit gegeben, da war Sir Schürf der Tod«, begann Juffin feierlich. »Aber jetzt ist er die Wahrheit. Unter diesem Begriff ist seine Tätigkeit im Geheimregister der praktizierenden Magier des Königs aufgeführt. Wenn man es einfacher sagen will, ist unser Lonely-Lokley nicht fähig, sich zu ärgern und sauer oder beleidigt zu sein. Im Gegensatz zu dir, zum Beispiel. Er bringt zwar den Tod, aber nur, wenn es zwingend notwendig ist. Und das nicht, weil er es so will oder weil er einen entsprechenden Befehl bekommen hat. Wenn ich - sagen wir mal - Sir Schürf den Befehl gebe, einen Unschuldigen zu Asche zu verwandeln, wird er wie jeder anständige Untertan versuchen, meine Anordnung zu erfüllen. Aber seine Hand wird ihm den Dienst verweigern. Letztlich ist unser disziplinierter Sir Schürf also niemandem unterworfen - und zwar, weil er größer als der Tod ist. Er ist die letztinstanzliche Wahrheit, also unparteiisch wie der Himmel. Na ja, was rede ich da. Alles, was ich gesagt habe, ist nur eine klapprige Mischung aus naiver Philosophie und schlechter Poesie. Aber es erklärt die Situation ganz gut.«

»Wenigstens muss ich weder orangenoch himbeerfarbene Sachen tragen«, meinte ich achselzuckend. »Besonders begeistert von meiner neuen Aufgabe als Tod bin ich allerdings auch nicht.«

»Niemand verlangt von dir Begeisterung. Beruhige dich erst mal und versuch, dich mit der Situation abzufinden. Damit ist dieses Thema abgeschlossen. Arbeiten werden wir heute sowieso nicht mehr. Also lasst uns ins Fressfass gehen. Ich bin hungrig, und ihr seid es sicher auch. Noch Fragen?«

»Ja«, meldete ich mich zu Wort. »Wer übernimmt die Zeche?«

Am Ende des Abends waren an unserem Tisch alle Geheimagenten versammelt. Daran war leider gar nichts geheimnisvoll. Juffin hatte alle per Stummer Rede gerufen und sie gebeten, an unserem kleinen Schmaus teilzunehmen. Es wäre mir lieber gewesen, unter meinen Kollegen hätte eine verborgene Verbindung bestanden. Dann wären alle durch die Stadt spaziert, und jeder hätte sich unabhängig von den anderen zu diesem Ort, an dem sich schon einige versammelt hatten, aufgemacht. Wie Magneten hätten wir einander angezogen. Das wäre schöner gewesen.

Zum Abschied lud mich Lady Melamori, die mich den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen hatte, gemeinsam mit Melifaro ein, sie irgendwann einmal in der Dämmerung auf eine Tasse Kamra zu besuchen. Gemäß ihrem Plan sollten wir gemeinsam bei ihr erscheinen und uns gegenseitig neutralisieren. Machte sie sich über uns lustig, oder wusste sie nicht, was sie von uns wollte? Eine interessante Frage!

»Spuck sie an, mein Freund«, flüsterte Melifaro mir zu. »Spuck sie einfach an, und das Problem ist gelöst.«

»Witzbold«, murmelte ich. »Meine Spucke ist Staatseigentum! Sie zu persönlichen Zwecken zu verwenden, ist Amtsmissbrauch. Und ich war erst vor kurzem im Gefängnis.«

Erst spät in der Nacht kam ich nach Hause, wo Armstrong und Ella mich schon erwarteten. Sie waren satt, und ihr Fell war - wie versprochen - sorgfältig gekämmt. Ich beschloss, künftig immer die Dienste des Mannes in Anspruch zu nehmen, der sich in den letzten Tagen mit meinen Katzen beschäftigt hatte. Anders als ich war er für diese Arbeit offenbar geschaffen.

Die ganze Nacht fütterte ich meine Zöglinge mit Delikatessen aus dem Fressfass und berauschte mich so lange an ihrem dankbaren Schnurren, bis ich todmüde war.

Doch ich konnte mich nicht lange erholen, denn bald weckte mich ein Klopfen an der Tür. So selbstbewusst können nur Beamte klopfen, die keinen hohen Rang erreicht haben. Ich schlurfte ärgerlich und verschlafen zur Tür und hatte keine Ahnung, worum es gehen mochte. Rechts von mir trippelte Armstrong, links spähte Ella vorsichtig um die Ecke, und beide miauten fantastisch. Was für ein Anblick!

In der Tür stand ein respektheischend aussehender Gentleman. Sein rassiges Gesicht wirkte sehr klug, was wohl nicht zuletzt an der eleganten Brille mit dünnem Gestell und an den grauen Strähnen an seinen Schläfen lag.

»Verzeihen Sie bitte, Sir Max!«, sagte er und verbeugte sich. »Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen - mein Name ist Kowista Hiller. Ich bin Revisor der schlechten Nachrichten. Zwar soll man um diese Tageszeit keine Besuche machen, doch seine Hoheit Gurig VII. hat darauf bestanden, dass ich Sie umgehend beehre.«

Meine angeborene Gastfreundlichkeit und der kriecherische Ton des Fremden zwangen mich, ihn ins Wohnzimmer zu bitten. Dort standen ein fast voller Krug Kamra aus dem Fressfass und eine große Auswahl diverser Leckereien auf dem Tisch. Ich musste nur sauberes Geschirr finden - und das ist in einem großen Haus gar nicht so leicht.

»Was ist passiert?«, fragte ich, nachdem ich meine Suche erfolgreich beendet hatte. »Welche schlechten Nachrichten bringen Sie? Hat sich jemand über mich beschwert? Dem müssen Sie natürlich nachgehen.«

»Ich verrate es Ihnen sofort, Sir Max. Aber ärgern Sie sich bitte bloß nicht! Es ist nichts wirklich Wichtiges passiert.«

»Wie ich vermute, kennen Sie meine neue Funktion bereits«, bemerkte ich boshaft. »Aber ich habe nicht vor, mich aufzuregen, Ehrenwort! Egal was passiert ist - Todesurteile sind in Echo ziemlich selten, und aus dem Gefängnis bin ich gerade entlassen worden. Dort habe ich übrigens - wenn ich das anmerken darf - ein paar herrliche Tage verbracht.«

»Meine Hauptaufgabe ist die Überprüfung an den Hof gerichteter Beschwerden«, sagte Hiller, und seine Stimme wurde immer leiser. »Aber ich bitte Sie, Sir Max: Denken Sie nicht, der König habe die Aktennotiz von General Bubuta Boch wirklich ernst genommen! Ich bin wegen einer anderen Sache hier.«

»Ach wirklich? Unser Gespräch wird ja immer interessanter. Seien Sie so lieb, Sir, und erzählen Sie mir, um was für eine Aktennotiz es sich da gehandelt hat. Ich bin drei Tage nicht im Haus an der Brücke gewesen, weil ich auf Befehl meines Chefs in Cholomi ermittelt habe. Also: Was habe ich nach Ansicht von General Bubuta ausgefressen?«

»Es ist mir peinlich, über diese dumme Sache mit Ihnen zu reden, Sir Max, aber der General hat erfahren, dass in Ihrer Abwesenheit einer der jüngeren Mitarbeiter der Verwaltung Ihr Haus besucht und ...«

»... meine Tiere gefüttert hat!«, rief ich nickend. »Das ist die reine Wahrheit. Unter uns gesagt: Er hat sie obendrein sogar gekämmt. Wozu sind jüngere Mitarbeiter sonst auch zu gebrauchen?«

»Das sehe ich genauso, Sir Max. Aber ich verrate Ihnen etwas: General Boch vergisst ständig, dass Geheimer Suchtrupp und Polizei getrennt voneinander operierende Organisationen sind. Was in seiner Hälfte des Hauses an der Brücke verboten sein mag, kann in Ihrer Hälfte erlaubt sein. Bubuta Boch hat uns mehrfach Berichte über das Verhalten des Ehrwürdigen Leiters Sir Juffin geliefert. Und über welche Ihrer Kollegen er sich sonst noch beschwert hat, behalte ich lieber für mich.«

»Was gefällt ihm eigentlich nicht an uns?«

Kowista Hiller verzog den Mund zu einem verlegenen Lächeln. »Was meinen Sie wohl, Sir Max? Er hat an allem etwas auszusetzen. Zum Beispiel daran, dass Sir Kofa Joch nicht zum Dienst erscheint, weil er sich nicht vom Wirtshaustisch losreißen kann.«

»Stimmt«, pflichtete ich übertrieben eilfertig bei. »Sir Kofa sollte wirklich tagaus, tagein in seinem Büro bleiben und nur hin und wieder zum Lauschen auf eine öffentliche Toilette schleichen, um mitzubekommen, dass die Mitarbeiter von General Boch an ihrem Chef kein gutes Haar lassen. Stattdessen treibt sich dieser Kerl in der ganzen Stadt herum! Skandal!«

Mein Gesprächspartner nickte genüsslich: »Der König persönlich sammelt Bubutas Beschwerden über Ihre Einheit, klebt sie in ein spezielles Album und versieht sie mit eigenhändigen Illustrationen. Es heißt, er will das Album Sir Juffin Halli schenken, wenn es voll ist. Deswegen hat der König die neueste Notiz von General Boch ja so aufmerksam gelesen, bevor er sie seiner Sammlung hinzugefügt hat. Und er ist neugierig geworden: Warum halten Sie sich eigentlich Tiere daheim? Wozu soll das gut sein?«

»Überzeugen Sie sich doch selbst, wozu das dient! Sehen Sie nicht, wie schön Armstrong und Ella sind? Und wie klug?«

Als die Auslöser der neuesten Querelen ihren Namen hörten, sprangen sie mir auf den Schoß, und ich stöhnte kurz unter ihrem Gewicht. Ihr langes, sorgsam gekämmtes Haar schimmerte, ihre blauen Augen funkelten freundlich, und ihr haariger Schwanz kitzelte mich angenehm an der Nase. Ich war richtig stolz auf meine zwei Hauskatzen.

»Wenn Sie wüssten, wie angenehm es ist, beim Schnurren der beiden einzuschlafen!«, sagte ich träumerisch. »Das - mit Verlaub - ist schon beinahe alles, wozu sie gut sind.«

»Und woher haben Sie die Katzen?«, fragte Hiller neugierig.

Bis heute weiß ich nicht, warum ich damals log. Vielleicht fürchtete ich ja, meine Tiere könnten sauer sein, wenn ich einem Fremden von ihrer plebejischen Herkunft erzählte.

»Die beiden sind direkte Nachkommen der Wildkatzen, die in den Leeren Ländern leben, und eines geheimnisvollen schwarzen Tiers, das aus der Gegend stammt, wo die Sonne versinkt!«

Ich versuchte, allen Ernstes einen exaltierten Barbaren zu mimen, hielt das aber nicht lange durch, sondern lachte und fuhr mit normaler Stimme fort: »Das jedenfalls hat auf dem Zettel gestanden, der neben den Tieren im Korb gelegen hat. Ich habe sie von einem alten Freund geschenkt bekommen.«

»Und Seine Majestät hat das erraten!«, rief der Abgeordnete des Königs begeistert. »Stellen Sie sich das mal vor! Er hat gleich gesagt: >Ich bin überzeugt, bei diesem unglaublichen Max leben auch unglaubliche Katzen. Geh hin und schau dich um - ich bin neugierig!« Jetzt sehe ich es selbst, Sir Max: Ihre Katzen haben nichts mit den Tieren gemein, die bei uns auf den Bauernhöfen leben.«

»Wenn Seine Majestät der Auffassung ist, dass Armstrong und Ella wunderbare Geschöpfe sind, bin ich ganz seiner Meinung«, versicherte ich Hiller und streichelte meine beiden haarigen und allzu wohlgenährten Kameraden. »Die beiden sind wirklich etwas Besonderes!«

Ich hatte den Eindruck, dass die Bauern von Echo weder Zeit noch Geduld hatten, das weiche Fell ihrer Zöglinge durchzukämmen. Auch den zerlausten Geschöpfen, die sich hier in den Gärten auf der Suche nach Nahrung herumtreiben, ähnelten meine Tiere keinesfalls.

Der Revisor der schlechten Nachrichten entschuldigte sich fünfmal, meine kostbare Aufmerksamkeit in Anspruch genommen zu haben, und meldete sich per Stummer Rede in der Burg Rulch, der königlichen Hauptresidenz. Und weil über eine so ernste Sache wie meine Katzen ausführlich berichtet werden musste, schwieg der Junge beinahe eine geschlagene Stunde.

Schließlich schenkte mir Kowista Hiller seine Aufmerksamkeit erneut. Offen gesagt war ich zwischendurch schon eingedöst.

»Sir Max«, flüsterte er ehrerbietig. »Der König will auch solche Katzen haben. Aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Ich möchte damit nicht gesagt haben, dass er diese beiden haben will! Doch Sie haben Kater und Katze, und die werden früher oder später sicher Nachwuchs bekommen. Können wir also auf ein Kätzchen aus dem ersten Wurf hoffen?«

Das war gar keine schlechte Lösung meiner künftigen Probleme. Früher oder später würden sicher kleine Kätzchen auf tauchen - daran hatte ich keinen Zweifel. Zwar hatte ich vorgehabt, die ersten Kinder von Armstrong und Ella dort abzugeben, woher ich die Eltern bekommen hatte - auf Melifaros Landgut also -, doch ein Königshof war natürlich etwas Feineres. Und viel näher lag er auch.

»Wenn der erste Nachwuchs kommt, schicke ich dem König natürlich das dickste Pärchen«, versprach ich feierlich.

Kowista Hiller überschüttete mich mit Dank, Entschuldigungen und Komplimenten und verabschiedete sich dann. Kaum hatte er das Haus verlassen, ging ich ins Schlafzimmer.

Ausschlafen konnte ich allerdings nicht, denn schon nach wenigen Stunden meldete sich mein neuer Bekannter per Stummer Rede bei mir. Wie sich herausstellte, war der Nachwuchs von Ella und Armstrong bei allen Höflingen heiß begehrt, und Hiller wünschte, dass wir uns bald wiedersahen.

Am Abend besaß ich ein Verzeichnis all der Leute, die sich eine seltene, vom König privilegierte Rassekatze wünschten. Ich vermutete allerdings, dass das nur der Anfang wäre. Die arme Ella - wie viele Kinder mochte sie in ihrem kurzen Leben bekommen können? Doch alle wichtigen Leute standen bereits auf der Liste.

Natürlich erfuhr Juffin rasch von meinen Kontakten zum königlichen Hof und rief mich zu sich. Auf dem Weg zum Haus an der Brücke kostete ich meinen Triumph im Vorhinein aus.

»Was zettelst du eigentlich in Echo für Veränderungen an, Max?«, fragte mich der Ehrwürdige Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps mit gespielter Strenge. »Sei bitte so lieb und sag mir, warum du dir nur Katzen hältst. Man könnte doch auch Pferde daheim haben, um vom Wohnins Schlafzimmer zu reiten! Warum beschränkst du dich auf Kleintiere?«

»Versuchen könnte man das«, antwortete ich gedankenverloren. »Vorausgesetzt, die hauptstädtischen Wohnungen sind dafür groß genug.«

»Ich bin sicher, du wirst auch diesen Trend noch setzen! Die Herren Höflinge sind doch immer erpicht auf die neueste Mode! Aber warte damit noch ein paar Jahre, ja? In meinem Alter ist es schwierig, sich an Veränderungen zu gewöhnen.«

»Aber sicher. Zu den Magistern mit den Pferden! Ich beschränke mich auf Katzen.«

»Wirklich? Gut so! Sündige Magister - manchmal glaube ich schon selbst daran, dass du aus den Grenzgebieten kommst. Aber nimm mir das bitte nicht übel!«

»Natürlich nehme ich Ihnen das übel! Und ich werde gleich spucken!«, rief ich und zog eine Fratze.

»Wie gern würde ich mich jetzt erschrecken, doch leider lässt


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mein Dienstgrad das nicht zu«, meinte Juffin Halli lächelnd. »Es heißt immerhin, ich hätte vor nichts und niemandem Angst. Da kann ich doch jetzt nicht aus heiterem Himmel mit dieser Tradition brechen!«

»Apropos Traditionen«, warf ich ein. »Wie sollen sogenannte enge Freunde eigentlich miteinander umgehen? Mir ist es mit dieser Frage völlig ernst - ich muss das unbedingt wissen.«

»Wen meinst du denn mit diesen engen Freunden, Max?«

»Na ja, letzte Nacht habe ich zu viel Kachar-Balsam getrunken und Sir Schürf auf den Rücken geklopft. Anscheinend hat ihm das gefallen - also ist alles in Ordnung. Aber dann habe ich mir überlegt, dass es bestimmt irgendwelche Traditionen gibt, gemäß derer ich regelmäßige Pflichten zu erfüllen habe, damit Sir Schürf nicht sauer auf mich wird. Stimmt das?«

»Das wäre mir neu. Soviel ich weiß, bist du zu nichts verpflichtet. Du brauchst ihn nur nicht mehr per Sir anzureden, aber damit hättest du wahrscheinlich ohnehin über kurz oder lang aufgehört. Sündige Magister, was soll ich da erklären? Eine Freundschaft ist nun mal eine Freundschaft. Übrigens habe auch ich dir - wenn du dich daran noch erinnerst - mit der flachen Hand auf den Rücken geklopft.«

»Na ja«, begann ich, stockte dann aber verlegen. Es ist nicht leicht, jemandem zu sagen, dass man ihn für die große Ausnahme von allen denkbaren Regeln hält. Das klingt wie pure Schmeichelei. Aber Juffin verstand auch dies.

»Du findest offenbar, dass wir zwei ein sehr vertrautes Verhältnis zueinander haben, während du Schürf so distanziert begegnest, wie sich das einem Gentleman gegenüber geziemt. Doch vergiss eines nicht, Max: Für Freundschaften gibt es keinen Verhaltenskodex. Solltest du Schürf aber irgendwann besuchen, hast du das moralische Recht, seine Badewanne zu benutzen und bei ihm zu übernachten. Und er hat dir gegenüber das gleiche Recht. Und jetzt hast du dir ein paar Sorgenfreie Tage verdient. Ich will dich nicht weiter aufhalten.«

»Das klingt, als wollten Sie mich loswerden«, sagte ich lächelnd. »Irgendwie schade. Soll ich mich wirklich die nächsten zwei Tage nicht sehen lassen? Ich bekomme ja jetzt schon Sehnsucht nach meinem Büro!«

»Schön, dass du deine Arbeit so liebst. Aber jetzt musst du dich mal richtig ausschlafen. Und bitte keine zusätzlichen Abenteuer! Alles klar?«

Am Eingang des Hauses an der Brücke stieß ich auf General Bubuta. Er grinste mich ehrfürchtig an und senkte das purpurrote Gesicht. Anscheinend war der Arme einer Ohnmacht nahe, als er meinen Todesmantel sah. Kein Wunder - schien er doch überzeugt, in mir einen gefährlichen Feind gefunden zu haben. Dabei bemitleidete ich ihn lediglich.

Aber Scherz beiseite. Als ich am Gesättigten Skelett vorbeikam, hörte ich zwei ältere Frauen einander beschimpfen. Wenn ich mich nicht täuschte, hatten sie Krak (also die hiesige Art Poker) gespielt und versucht zu schummeln. Sie waren so in ihr Gezänk vertieft, dass sie meine Schritte nicht gehört hatten.

»Sir Max soll dich bespucken!«, rief eine der beiden zornig.

Nicht schlecht! Ich setzte mich auf den Gehsteig und presste die Hände an den Kopf. So verbrachte ich etwa zehn Minuten und wiederholte Juffins Worte wie ein Mantra: »Beruhige dich erst mal und versuch, dich mit der Situation abzufinden.«

Dann stand ich auf und ging nach Hause. Was hätte ich auch sonst tun sollen?

Der Fremdling

Kaum glaubt man, im Einklang mit sich und seiner Umgebung zu sein, beginnen die besten Freunde, alles zu tun, um einem diese süße Illusion zu rauben. So erging es auch mir.

Nach ein paar Tagen seligen Müßiggangs, den ich nur ab und an durch ein paar rasche Bahnen im Pool unterbrochen hatte, kehrte ich ins Haus an der Brücke zurück. In meinen prächtigen Todesmantel gehüllt, ging ich durchs Treppenhaus und freute mich schon darauf, die Kollegen zu treffen. Und ich muss sagen: Sie haben meine Erwartungen nicht enttäuscht.

Im Eingang zum zweiten Stock unserer Gebäudehälfte stieß ich mit Sir Melifaro zusammen. Dass er in der Eile mein Bein rempelte und mich mit dem Ellbogen in die Seite stieß, war nicht weiter schlimm. Leider aber musste er aus diesem zufälligen Zusammenstoß gleich eine Show machen: Er prallte von mir ab wie ein Tennisball, und während seine agile Mimik auf Hyperventilation zu deuten schien, fiel er auf alle viere und fing an, mit dem Kopf auf die Türschwelle zu schlagen. Als wäre selbst das noch zu wenig, begann er obendrein, laut zu schreien.

»Verzeiht mir, fürchterlicher Sir Max, der Ihr den Tod aus dem Rachen rotzt! Verschont mich mit Eurer versehrenden Spucke, die im Überfluss auf Eure unglücklichen Feinde niedergeht! Einen derart erbärmlichen Tod habe ich nicht verdient!«

Natürlich kamen auf Melifaros Geschrei hin viele Polizisten gelaufen und schienen überzeugt, es würde jemand umgebracht. Sie musterten meinen sich vehement in Szene setzenden Kollegen offen, warfen mir hingegen nur verstohlene Seitenblicke zu, als fürchteten sie, ich könnte sie bespucken. Aus unserer Hälfte des Hauses an der Brücke sah - wie hätte es anders sein können? - lediglich das versteinerte Gesicht von Sir Lonely- Lokley heraus. Nachdem er die Situation auf den ersten Blick erfasst hatte, seufzte er nur knapp und machte die Tür wieder zu. Aus der anderen Hälfte des Hauses hingegen strömten immer mehr neugierige Polizisten heran.

Nachdem Melifaro die allgemeine Aufmerksamkeit lange genug genossen hatte, sprang er auf und stellte sich neben mich.

»Habt Ihr mir schon verziehen, oder habe ich mich noch nicht genug um Gnade bemüht?«

»Ihre Bemühungen waren leider ungenügend«, entgegnete ich und versuchte, mich zu beherrschen. »In solchen Fällen muss man mindestens eine Stunde um Verzeihung bitten - und zwar auf dem belebtesten Platz der Stadt. Also, mein armer Freund: Gehen Sie zum Siegesplatz Gurigs VII. und tun Sie dort Buße - dann wird Ihnen Ihre Strafe erlassen.«

Mit diesen Worten verschwand ich in unsere Abteilung und knallte die Tür so fest hinter mir zu, dass die Klinke nur noch an einer Schraube hing. Immerhin beruhigte ich mich langsam wieder.

»Was ist mit dir los, Max?«, fragte Melifaro mich sofort per Stummer Rede. »Bist du etwa sauer? Ich hab doch nur Spaß gemacht!«

»Spaß? Den hatte nur der von beiden, um den sich die Stadtpolizei versammelt hat«, murmelte ich.

»Seit wann hast du keinen Humor mehr, Max? Na gut - wenn du sauer bist, muss ich dafür büßen. Ich lade dich ins Fressfass ein und spendier dir was zur Beruhigung deiner Nerven.«

Dass Melifaro versuchte, sich bei mir einzuschmeicheln, indem er mein Lieblingslokal ins Spiel brachte, ließ mich erst richtig zornig werden.

»Was wäre, wenn ich Melifaro tatsächlich umbringen würde, Sir Schürf?«

Anscheinend dachte Lonely-Lokley, ich hätte tatsächlich vor, meinen Freund zu töten. Jedenfalls gab er mir einen juristischen Rat: »Dafür würde Ihnen lebenslängliche Haft in Cholomi drohen - schließlich seid ihr beide im Staatsdienst. In so einem Fall hängt alles von den Begleitumständen ab. Mit anderen Worten: Wenn Sie, Max, nachweisen könnten, dass Sir Melifaro ein schweres Verbrechen begangen hat, kämen für Sie mildernde Umstände in Betracht. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie sich in eine solche Situation bringen möchten. Sie sollten sich wirklich nicht über Melifaro ärgern. Sie kennen ihn doch. Sein Problem ist, dass seine Mutter und seine älteren Brüder ihn verzogen haben, während sein Vater, Sir Manga Melifaro also

»Jaja, ich weiß. Sir Manga hat sich in der Welt herumgetrieben und seine berühmte Enzyklopädie geschrieben. Große Entdecker sollten keine Familie haben und sich nicht mit Nachkommen belasten, damit ihre Leidenschaft fürs Abenteuer sich nicht auf die Kinder überträgt. Na schön - ich geh jetzt ins Fressfass und verpass ihm ein Veilchen. Melifaro erwartet mich bestimmt schon. Können Sie sich noch an die erschrockenen Mienen der Polizisten erinnern, Schürf?«

»Natürlich.«

»Kümmern Sie sich bitte darum, dass keiner dieser Ordnungshüter aufs Weiße Blättchen kommt. Schließlich war kein einziges intelligentes Gesicht darunter. Und sie haben tatsächlich geglaubt, ich wollte Melifaro umbringen! Diese Musterschüler von General Bubuta!«

Nachdem ich meinen Zorn an unschuldigen Menschen ausgelassen hatte, fühlte ich mich wesentlich besser und ging ins Fressfass, um mich mit Melifaro zu versöhnen. Dafür hatte ich genug Zeit. Schließlich war ich viel zu früh zur Arbeit gekommen, um der häuslichen Langeweile zu entgehen.

Nachdem Melifaro meine Stimmung zuerst ruiniert hatte, tat er nun alles Erdenkliche, um mich aufzuheitern. Daher stellte ich bei Antritt meiner Nachtschicht keine Gefahr mehr für meine Umgebung dar.

Sir Juffin saß im Sessel und sah nachdenklich in ein Buch. Diese Idylle ließ vermuten, dass in Echo Ruhe herrschte.

»Grüß dich, du Verräter!«, rief er mir zu. »Du hast mit Melifaro im Fressfass gesessen, statt mich müden Alten vom Bürodienst zu erlösen, stimmt's?«

»Erstens bin ich eine Stunde zu früh zur Arbeit gekommen, zweitens musste Melifaro seinen Auftritt wiedergutmachen ...« »Das weiß ich schon. Und drittens?«

»Drittens bin ich bereit, alles mit Ihnen zu wiederholen!«

»Was alles?«

»Den Besuch im Fressfass«

»Hast du keine Angst vor dem Bankrott, Max?«

»Wollen Sie mich beleidigen?«

»Nein, nein. Aber ich bin zu faul, um auszugehen. Vielleicht lassen wir uns besser etwas bringen. Setz dich - ich möchte ein wenig mit dir plaudern.«

»Für Sie, Sir, bin ich sogar dazu bereit.«

»Na so was - er ist selbst dieser Schandtat fähig! Aber ich habe interessante Neuigkeiten für dich. Weißt du, was Lady Melamori angestellt hat? Ich hab es heute erst erfahren. Wann hast du sie zum letzten Mal gesehen?«

»Vorgestern. Melifaro und ich sind bei ihr zu Besuch gewesen. Was das angeht, Juffin, kann ich Sie beruhigen: Alles ist sehr anständig verlaufen. Für meinen Geschmack zu anständig.«

»Verstehe. Den Ablauf eures Besuchs kann ich mir auch ohne Hellseherei gut vorstellen. Darum geht es mir nicht. Habt ihr euch danach nicht mehr gesehen?«

»Nein. Aber Lady Melamori hat sich bei mir mehrmals per Stummer Rede gemeldet und gefragt, wie ich mich fühle und in welcher Stimmung ich bin. Das war sehr nett von ihr und hat mich gerührt.«

»Und wie hast du dich in den letzten zwei Tagen gefühlt?«

»Seit meinem Aufenthalt in Zelle Nummer Fünf? Jedenfalls habe ich kein Gift gespuckt. Ist es das, was Sie wissen wollen?«

»Wenn mich etwas näher interessiert, sage ich Bescheid. Aber jetzt erzähl mir genau, wie es dir seit vorgestern gegangen ist.«

»Da gibt's nicht viel zu erzählen. Ich hab mich großartig gefühlt und war stets gut gelaunt. Manchmal hab ich sogar plötzlich gelacht, als hätte mich etwas gekitzelt. Ich bin durchs Haus gegangen und hab in mich hineingekichert.«

»Und das war's?«

»Ist Ihnen das zu wenig?«

»Es ist deine Schuld, Max, dass ich mich über dich viel öfter wundere als über andere«, sagte Juffin vorwurfsvoll, und ich wusste nicht, ob das ein Lob war oder ob er sich über mich lustig machte.

»Was ist denn passiert? Schluss mit der Geheimniskrämerei! Inzwischen bin ich so aufgeregt, dass ich keinen Bissen mehr herunterbringe.«

»Wie schön!«, rief Juffin und schnitt sich genüsslich ein großes Stück von der leckeren Pirogge ab, die gerade aus dem Fressfass gekommen war. Zugleich aber bebte er vor Ungeduld und fing deshalb mit vollem Mund an zu reden.

»Es geht um die erste und letzte Lady im Geheimen Suchtrupp. Sie hat überprüfen wollen, ob du ihrer Aufmerksamkeit wert bist.«

»Ich kenne eine gute Methode, sie davon zu überzeugen«, warf ich ein. »Wenn sie einverstanden ist, stehe ich jederzeit zu Diensten. Das können Sie ihr gern ausrichten.«

»Ach, Max - was redest du denn da! Lady Melamori ist eine seriöse Frau und hat ihre eigenen Methoden.

Deshalb ist dir unsere schlimmste Freiwillige ja auf die Spur getreten.«

»Was hat sie getan? Ist sie verrückt geworden?«

»Das würde ich nicht sagen. Sie war schon immer so.«

»Und Sie sind sicher, dass sie auf meine Spur getreten ist? Ich hab mich doch die ganze Zeit gut gefühlt!«

»Ach ja? Und die Kicheranfälle?«

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. War Lady Melamori mir wirklich auf die Spur getreten? Na wenn schon! Welche Folgen hatte so was normalerweise? Doch mindestens eine schwere Depression! Das gehörte nun mal zu den Pflichten einer Verfolgungsmeisterin - und genau in dieser Funktion arbeitete sie in unserer Abteilung. Was war ich doch für ein Trottel! Die Dame meines Herzens war mir auf die Spur getreten, und ich hatte nichts davon gemerkt, sondern nur eine seltsame Ausgelassenheit verspürt. Als wäre ich ein rosiges und dennoch dickfelliges Ferkel, ein Mutant also, eine Missgeburt! Ich hasste mich.

Es gab noch einen Grund, empört zu sein. »Ich dachte, sie hätte sich nach meiner Stimmung erkundigt, weil sie ehrlich beunruhigt war; ich glaubte, sie hielt mich für krank, weil ich einmal nicht zur Arbeit gekommen bin; ich habe mir eingebildet, sie könnte es nicht erwarten, bis ich wieder im Haus an der Brücke auftauche - und jetzt stellt sich heraus, dass sie nur Experimente gemacht hat. Wie kränkend!«

»Nimm das alles nicht so ernst«, meinte Juffin und zuckte die Achseln. »Sie hat dich - wie sie glaubt - aus gutem Grund gefragt. Hättest du dich über Schwermut beklagt, hätte sie gleich mit ihrem Experiment aufgehört und wäre mit dem Ergebnis zufrieden gewesen. Weißt du, für Lady Melamori ist ihre Gabe zugleich eine Frage des Schicksals und der Ehre. Anderen auf die Spur zu treten, ist eigentlich ihr einziges Talent, und sie hat es an uns allen zu erproben versucht, auch an mir. Am Anfang ihrer Beschäftigung in meiner Abteilung hat sie versucht, mich zu durchleuchten.«

»Ich kann mir vorstellen, wie das gelaufen ist.«

»Ach, das war nichts Besonderes. Ich hab ihr meinen Ersten Schild gezeigt, statt mich über sie zu ärgern. Man muss ihr aber lassen, dass sie schon nach einer Stunde wieder topfit war. Unsere Lady ist nun mal sehr zäh.«

»Was ist denn der Erste Schild?«, fragte ich interessiert.

»Ein Euphemismus für einen individuellen Schutz, Max. Dass es sich dabei um den Ersten Schild handelt, bedeutet nur, dass er für deinen Gegner besonders gefährlich ist. Was kann ich dir noch beibringen? Du selbst hast mehr Schilde als jeder andere Mensch in Echo. Sogar mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. Und du wirst sie gewiss alle mal brauchen, doch im gegenwärtigen Fall hilft nur Erfahrung. Stell dich nicht so an! Du kennst dich nur noch nicht richtig in der Fachterminologie aus.«

»Lady Melamori ist wirklich ein Früchtchen!«, meinte ich seufzend und goss mir eine neue Portion Kamra ein, um meine Stimmung aufzuhellen. »Da hat sie eine solche Gabe zur Verfügung, und dann benimmt sie sich wie ein Kind!«

»Bist du sauer auf sie? Nicht doch! Jetzt ist sie ganz niedergeschlagen.«

»Ach nein, ich bin nicht mehr sauer. Ich trauere nur um mein gebrochenes Herz.«

»Ich hab dir ja von Anfang an gesagt, dass du mit der Wahl deiner Herzensdame keine gute Entscheidung getroffen hast. Bist du nie auf die Idee gekommen, Max, dass es sich lohnen könnte, auf Ältere zu hören?«

Ich seufzte und schnitt die zweite Pirogge in Scheiben. Was für ein gefühlloser Mensch ich doch bin! Nicht mal ein gebrochenes Herz kann meinen Appetit zügeln - das hat sich schon mehrfach erwiesen.

»Willst du über dieses Ereignis nichts weiter erzählen?«, fragte Juffin neugierig, als ich mit der Pirogge fertig war.

»Ich weiß nicht. Eigentlich sollte ich Lady Melamori zu allem Möglichen befragen. Wie konnte es nur passieren, dass ich nichts gespürt habe? Mir widerfahren seltsame Dinge. Und was geschieht, wenn ich irgendwann ein Verbrechen begehe? Dann kann ich gleich abhauen. Anscheinend bin ich ein ziemlich gefährlicher Typ.«

»Natürlich - gefährlicher als viele andere«, bemerkte Juffin zufrieden und mit der Miene eines Künstlers, der gerade ein Meisterwerk geschaffen hat.

»Es ist alles so seltsam. Als ich noch auf der Erde lebte, hab ich an mir keine besonderen Eigenschaften festgestellt. Ich war ein Mensch wie alle anderen. Zwar hatte ich merkwürdige Träume, aber das war meine ganz persönliche Angelegenheit. Vielleicht träumten auch andere so seltsame Dinge, doch sie schwiegen darüber. Und dann kam ich hierher, wo jeder Tag etwas Neues bringt. Vielleicht wollen Sie mich bloß sezieren, um zu sehen, wie ich funktioniere.«

»Ausgezeichneter Gedanke, Max. Du bist wirklich nicht dumm! Leicht ist dir nicht beizukommen. Kannst du dich erinnern, was mit dir im Alten Dorn passiert ist?«

»Dort, wo ein großer, lustiger und rothaariger Junge als Wirt arbeitet? Wie heißt er eigentlich? Ach ja - Tschemparkaroke«, sagte ich und lächelte verlegen.

Es war kein Ereignis, an das ich mich gern erinnerte. Juffin hatte mich immer mit in den Alten Dorn genommen - damals, als ich noch in der Probezeit war. Er hatte entschieden, dass ich unbedingt die Rekreationssuppe probieren sollte, die alle Bewohner des Vereinigten Königreichs in den höchsten Tönen preisen.

Nach meiner Einschätzung hat die Suppe eine leicht narkotisierende Wirkung, die allerdings unschädlich und angenehm ist. Daher naschen oft ganze Familien davon. Und daher stürzte auch ich mich ohne Angst in psychedelische Abenteuer, obwohl ich mein Leben lang vor Drogen und Drogensüchtigen Angst gehabt habe. Meine einzige Erfahrung in diesem Bereich, die ich natürlich in einer der höheren Klassen des Gymnasiums gemacht hatte, erwies sich als so misslungen, dass ich - was Drogen anlangt - beinahe eine Phobie habe.

Die Rekreationssuppe hatte mich schwer in die Klemme gebracht. Mein Fremdsein, das mir mitunter nicht mehr bewusst war, meldete sich mit voller Wucht in genau dem Moment zurück, da ich mit der ersten Portion fertig geworden war. Der arme Juffin hatte also in Gesellschaft eines Mannes zu sitzen, der seiner Sinne nicht mehr recht mächtig war und gedankenlos über seinen Tellerrand kicherte. Aber auch für mich war es keine besonders angenehme Erfahrung, da ich unter Halluzinationen litt und Probleme mit der Koordinierung meiner Bewegungen hatte. Die übrigen Gäste des Alten Doms waren vermutlich über mein Benehmen schockiert.

Diesem Ereignis folgten Entzugserscheinungen, die mich geschlagene vierundzwanzig Stunden lang aufs Heftigste quälten. Selbst Sir Juffin, der ein ausgesprochen qualifizierter Mediziner ist, konnte mir nicht beistehen, weil er - trotz seines Talents als Heiler - schlicht machtlos war. Also hatte ich die ganze Zeit leiden müssen.

Als ich wieder bei Sinnen war, schwor ich mir, um den Alten Dorn künftig einen möglichst großen Bogen zu machen. Juffin hieß diese Entscheidung gut und sah seither davon ab, in meiner Gesellschaft Rekreationssuppe zu essen, denn er wollte mich nicht verführen.

»Sagen Sie bloß niemandem, dass man mich mit dieser Suppe fertigmachen kann. Vielleicht gießt mir sonst jemand etwas davon in meine Kamra, um zu schauen, was mit mir passiert.«

»Was redest du denn da, Max? Das wäre ja ein Giftmordversuch an einem hohen Beamten! Nach unseren Maßstäben ist das ein Kapitalverbrechen. Aber wie dem auch sei - ich fahre jetzt nach Hause. Und du versuchst, Lady Melamori morgen besser zu behandeln. Es geht ihr in letzter Zeit nicht besonders gut. Ich glaube, in den nächsten Tagen kann sie nicht richtig arbeiten. In ihrem Beruf ist Selbstvertrauen das Lebenselixier, und jede Beschädigung ihres Egos bedeutet für sie die Gefahr, ihr Talent einzubüßen.«

»Wollen Sie mich beschwichtigen, Juffin? Natürlich werde ich nett zu ihr sein. Und zwar nicht, weil ... Aber egal. Sie werden sehen: Alles kommt wieder in Ordnung. Hätte ich gewusst, dass sie mit mir Experimente gemacht hat, hätte ich mich gleich bei ihr darüber beschwert, dass meine Stimmung so schlecht war.«

»Kopf hoch, Max! Denk an die vielen angenehmen Dinge, die uns die Welt zu bieten hat. Das ist deine Aufgabe. Bis morgen!«

Mit diesen Worten eilte Sir Juffin auf die Straße, wo ihn sein treuer Diener Kimpa erwartete.

Mein Chef hatte recht: In dieser Welt gab es wirklich viele angenehme Dinge, und ich sollte wohl tatsächlich die klugen Ratschläge von Sir Juffin Halli berücksichtigen, meine Kräfte sammeln, mich aufraffen und ein neues Leben beginnen. Zum Beispiel durch einen Besuch im Stadtteil Rendezvous, wie das viele allein lebende Ladys und Gentlemen tun - und von denen gibt es in Echo jede Menge! Im Vereinigten Königreich werden Ehen - wie es sich gehört - in reifem Alter geschlossen, aber längst nicht alle heiraten. Hier heißt es nicht, die Familie sei für jeden das Beste, und im Alter allein zu sein, gilt nicht als Zeichen eines misslungenen Lebens. Auch das Gegenteil allerdings behauptet hier niemand. Die öffentliche Meinung schweigt dazu - also ist es jedem selbst überlassen, wie er sein Leben gestalten will.

Vor kurzem hatte ich von Melifaro, den meine Unwissenheit in Verlegenheit gebracht hatte, genaue Informationen über den Stadtteil Rendezvous bekommen, die er mir mit der Bemerkung überreicht hatte, ich sei und bleibe zwar ein Barbar, aber gewisse elementare Dinge müsse ich dennoch erfahren.

Was ich aus Melifaros Unterlagen über die hiesige Lebensweise erfuhr, überraschte mich. Trotz meines fast panischen Wunsches, Ordnung in mein Leben zu bringen, bezweifelte ich, schon zu einem Besuch dieses Stadtteils bereit zu sein.

Das möchte ich Ihnen gern näher erklären. Wenn Sie von einer Party in Gesellschaft eines Mädchens nach Hause kommen, das Sie noch nicht besonders gut kennen, und wenn Ihnen wie dem Mädchen klar ist, wie die Nacht enden wird, dann ist das natürlich nicht das große Liebesabenteuer, von dem Sie in Ihrer Jugend geträumt haben. Immerhin aber geschieht alles einvernehmlich: Zwei Erwachsene treffen eine mehr oder weniger klare Entscheidung. Ob sie nur eine Nacht oder länger Bestand hat, hängt damit zusammen, ob zwei Körper eine dauerhaftere Verbindung eingehen wollen.

In Echo läuft die Anbahnung von Beziehungen ganz anders.

Die Besucher des Stadtteils Rendezvous sind Suchende oder Wartende. Jeder entscheidet jedes Mal selbst, zu welcher Gruppe er gehören will. Im einen Teil des Viertels stehen Häuser, die suchende Männer und wartende Frauen ansteuern; im anderen Teil sammeln sich suchende Frauen und wartende Männer. Vor dem Eingang hängen keine Informationen, weil man davon ausgeht, alle wüssten sowieso, warum und wohin sie gekommen sind.

Kaum haben die Suchenden das Haus ihrer Wahl betreten, müssen sie an einer seltsamen Lotterie'teilnehmen und aus einer Vase eine nummerierte Kugel ziehen. Allerdings gibt es auch Kugeln, auf denen keine Nummer steht. Wer eine solche zieht, muss sich damit abfinden, dass das Schicksal ihm an diesem Abend ein Liebestreffen verwehrt hat. In so einem Fall muss der Besucher sich verabschieden und nach Hause gehen. Theoretisch kann so ein Glückloser die Prozedur im nächsten Haus wiederholen, doch das gilt als schreiende Missachtung des Fatums, und gegen das Schicksal mag sich kaum einer auflehnen.

Nachdem der Suchende seine Kugel gezogen hat, geht er ins Gästezimmer, also dorthin, wo die Wartenden sich aufhalten. Dort hat der Suchende die Anwesenden laut abzuzählen, bis er an die Person gerät, deren Nummer auf seiner Kugel steht.

Übrigens kontrolliert niemand diese Prozedur. Also ist es durchaus möglich, dabei zu mogeln. Aber nicht einmal Melifaro hat begriffen, wie ich auf den Gedanken kommen konnte, das Verfahren lade zum Schummeln ein. Ich hatte den Eindruck, er habe in seinem Leben noch nichts Abwegigeres gehört als diesen Verdacht. Aus seiner Reaktion schloss ich, dass sich - was den Stadtteil Rendezvous anging - noch niemand mit dem Problem des Mogelns beschäftigt hatte. In Echo denken alle, Fortuna sei eine äußerst launische Göttin, mit der nicht zu spaßen ist.

Frischgebackene Liebespaare verlassen den Stadtteil, gehen nach Hause oder in ein Gasthaus und versuchen, aus ihrer zufälligen Begegnung möglichst viel Vergnügen zu schlagen. Und am nächsten Morgen trennen sie sich für immer. Das ist eine unerlässliche Bedingung ihrer Begegnung.

Soweit ich begriffen habe, kontrolliert niemand, ob die Paare sich am Morgen tatsächlich für immer trennen. Und niemand bestraft die, die sich dieser Bedingung verweigern. Meinen Vorschlag, man könne die zufällige Begegnung im Stadtteil Rendezvous ja in Eigeninitiative aufs Herrlichste verlängern, quittierte Melifaro mit einer Grimasse erschrockener Ablehnung - als hätte ich von den Vorzügen sodomitischer Nekrophilie geschwärmt und ihm freundlicherweise vorgeschlagen, mich zum nächsten Tierfriedhof zu begleiten.

»Mach nie solche Witze«-, riet er mir ernst. »Weder bei Fremden noch bei Leuten, die du gut kennst.«

Ich wunderte mich, warum mein Freund plötzlich die beleidigte Unschuld spielte, tat seine Vorurteile ab und schusterte mir eine hübsch poetische Erklärung für das ganze Ritual zusammen. Die gegenseitige Zustimmung der Liebenden zur Trennung (so überlegte ich) war eine gute Methode, die »intime Verbindung mit einem zufälligen Partner« - wie das angenehme Ereignis in der furchtbaren Beamtensprache von Echo heißt - mit einem romantischen Nimbus zu umgeben.

Ich saß grübelnd über den Informationen, die ich von Melifaro bekommen hatte, und stellte betrübt fest, wie sehr es mich in den Stadtteil Rendezvous zog. Oje - wie würden meine Knie zittern, was für einen Unsinn würde ich mir zusammenstottern und wie sehr würde ich unter den Achseln schwitzen! Aber im Bett würde ich mich dann hoffentlich von meiner besten Seite zeigen ... Das war wirklich eine ungewöhnliche Art, einander kennenzulernen. Vielleicht wäre mir ja eine vorzeitig gealterte, zahnlose Riesin mit Elefantenbeinen als Partnerin bestimmt. Dann würde ich mich fragen müssen, wie ich bis zum nächsten Morgen überlebe. Also sollte ich vielleicht doch nicht in diesen Stadtteil gehen, sondern mich auf erprobte Methoden des Kennenlernens beschränken, denn diese Methoden verachtete die holde Weiblichkeit ja auch nicht.

Nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte, überlegte ich, wie ich die Zeit totschlagen konnte. Mein einziger möglicher Gesprächspartner - unser Buriwuch Kurusch - hatte den Kopf unter die Federn gesteckt und döste. Also nahm ich ein Buch zur Hand, das Sir Juffin im Sessel vergessen hatte. Es handelte sich um Die Philosophie der Zeit von einem gewissen Sir Sobroch Chesom. Sündige Magister! Wofür sich die Leute so interessieren!

Meine Nacht war übrigens gar nicht angenehm. Nichtstun, fruchtlose Gedanken über den Stadtteil Rendezvous und philosophische Literatur können einen schneller auf die Palme bringen als alle Tricks unserer tollen Verfolgungsmeisterin Lady Melamori.

Der Morgen hingegen brachte eine Veränderung zum Besseren. Sir Kofa Joch unterhielt mich mit ein paar pikanten Anekdoten. Juffin hatte sich entschieden, bis zum Mittagessen daheimzubleiben, meldete sich aber per Stummer Rede bei mir, um Guten Morgen zu sagen. Gleich darauf meldete sich auch Melifaro und bat mich, auf ihn zu warten, damit ständig wenigstens ein leitender Mitarbeiter unserer Behörde im Büro war. Ich erhob keine Einwände, da ich ohnehin nicht nach Hause gehen wollte, ohne Lady Melamori gesehen zu haben. Ich vermutete, sie habe bestimmt ein schlechtes Gewissen, und ich wäre ein Dummkopf gewesen, wenn ich diese günstige Gelegenheit nicht zu nutzen versucht hätte.

Schließlich erschien die Lady. Sie trieb sich ein wenig im Saal der allgemeinen Arbeit herum, machte aber keine Anstalten, mich zu besuchen. Weil die Tür meines Büros einen Spalt weit geöffnet war, konnte ich ein paar Seufzer von ihr hören, die allerdings ein wenig zu laut waren, um natürlich zu wirken. Nachdem ich dieses Konzert richtiggehend genossen hatte, meldete ich mich per Stummer Rede im Fressfass und bestellte Kamra für zwei und viel Gebäck. Binnen Minuten waren die Sachen geliefert. Als der Bote die Tür öffnete, sprang Lady Melamori in eine ferne Ecke des Saals, um nicht in mein Blickfeld zu geraten. Sie hörte das Klirren von Geschirr, und ihr stockte der Atem.

Als der Bote mit leerem Tablett gegangen war, rief ich laut durch die ein wenig geöffnete Tür: »Glauben Sie, ich leide an Persönlichkeitsspaltung, nur weil ich mir ein Tablett mit zwei Krügen Kamra ins Büro bringen lasse? Ich brauche Hilfe, meine Teuerste!«

»Soll der zweite Krug Kamra etwa für mich sein, Sir Max?«

»Ich hatte ihn eigentlich für meine allerliebste Urgroßmutter gedacht, doch die hat heute nicht zu kommen geruht ... Ich bin Ihnen nicht mehr böse, und die Kamra wird allmählich kalt.«

Lady Melamori kam an meine Tür. In ihrer bezaubernden Miene standen zwei einander widerstreitende Gesichtsausdrücke: Schuldbewusstsein und Zufriedenheit.

»Juffin hat Ihnen verraten, dass ich mit Ihnen experimentiert habe. Hätte er doch geschwiegen! Ich bin ohnehin schon diskreditiert genug«, murmelte sie und setzte sich.

»Niemand hat Sie diskreditiert, Lady Melamori. Ich bin bloß nicht so leicht auszuhorchen. Aber nehmen Sie das nicht allzu ernst. Meine kluge Mutter hat immer gesagt, wenn ich jeden Morgen einen Löffel Lebertran trinke, bleibe ich gesund und werde groß, und niemand kann mir auf die Spur treten. Wie Sie sehen, hatte sie recht.«

Mein Herz befahl mir, Lady Melamori gegenüber großzügig zu sein, doch offen gestanden erhoffte ich mir eine klitzekleine Genugtuung. Schließlich war ihre Begeisterung zwar ein ziemlich gefährliches, aber kein schlechtes Gefühl, das mir - ehrlich gesagt - weit besser gefiel als ihre höfliche Gleichgültigkeit. Indifferent nämli


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ch hatte sie mich schon oft behandelt, und darüber wollte ich mir nun keine Gedanken mehr machen müssen.

Meine sorgfältig eingefädelte Aktion traf anscheinend auf das Wohlwollen der ersten Lady unseres Geheimen Suchtrupps. Als sie ihre Kamra ausgetrunken hatte, war sie ausgesprochen fröhlich. Unsere Hände trafen sich mehrmals im Gebäckteller, und das süße Pfötchen von Melamori gab sich keine Mühe, vor meinen Fingern zu fliehen. Irgendwann wurde ich übermütig und schlug ihr vor, demnächst zusammen einen Spaziergang durch das abendliche Echo zu machen. Die Lady räumte ein, sich noch ein wenig vor mir zu ängstigen, versprach aber, von nun an mutiger zu sein - zwar noch nicht heute und auch noch nicht morgen, aber doch schon bald.

Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis sie mir einen genauen Termin nennen würde. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich ging sehr glücklich nach Hause. Zwei Stunden wälzte ich mich im Bett herum, ohne meine Begeisterung loswerden zu können, doch schließlich schlief ich zum rhythmischen Schnurren von Armstrong und Ella ein, die sich bei meinen Beinen zusammengerollt hatten. Mein Schlaf dauerte allerdings nicht lange.

In der Mittagszeit weckte mich ein schrecklicher Lärm. Schlaftrunken überlegte ich, ob direkt vor meinem Fenster eine öffentliche Hinrichtung stattfand (was in Echo eigentlich undenkbar ist) oder ob ein Wanderzirkus vorbeizog (was öfter vorkam). Weil ich bei diesem Krach unmöglich weiterschlafen konnte, ging ich nachsehen, was auf der Straße los war. Kaum hatte ich die Haustür geöffnet, begriff ich, dass ich verrückt geworden sein musste - oder träumte.

Vor meinem Haus stand ein Orchester aus zwölf Musikern und spielte eine wehmütige Melodie. Vor den Musikanten stand der prächtige Lonely-Lokley und sang mit klarer Stimme ein trauriges Lied über ein Häuschen in der Steppe. Das darf doch nicht wahr sein, dachte ich verwirrt. Nachdem ich das Ende des Liedes abgewartet hatte, überschüttete ich meinen Kollegen mit Fragen.

»Was ist los, Schürf? Warum sind Sie nicht im Dienst? Sündige Magister - was soll das eigentlich?!«

Lonely-Lokley räusperte sich gelassen. »Stimmt was nicht, Max? Hab ich das falsche Lied ausgesucht?«

»Das Lied war fantastisch, aber ... Na gut, gehen wir ins Wohnzimmer, Schürf. Ich bestelle uns Kamra im Gesättigten Skelett, und Sie erklären mir alles. In Ordnung?« Vor Verwirrung und Verlegenheit wäre ich beinahe in Tränen ausgebrochen.

Mit königlicher Geste entließ Lonely-Lokley die Musikanten. Dann folgte mir mein »offizieller Freund« ins Haus. Außer mir vor Erleichterung, ließ ich mich in einen Sessel fallen und meldete mich per Stummer Rede im Gesättigten Skelett. Das ist zwar nicht das beste Lokal in Echo, liegt aber in der Nähe.

»Ich bin nicht im Dienst, sondern habe einen Sorgenfreien Tag«, erklärte Lonely-Lokley ruhig. »Und ich wollte diese Zeit nutzen, meine Schulden zu bezahlen.«

»Welche Schulden?«

»Freundschaftsschulden!«, rief er, und nun war es an ihm, erstaunt aus der Wäsche zu sehen. »Habe ich etwas falsch gemacht? Ich habe doch Erkundigungen eingezogen.«

»Bei wem denn? Und worüber?«

»Sehen Sie, Sir Max, nachdem wir Freunde geworden waren, hatte ich mir überlegt, dass sich die Sitten des Ortes, an dem Sie Ihre Jugend verbrachten, von den hiesigen Sitten unterscheiden könnten. Und ich wollte vermeiden, Ihre Gefühle zufällig und unbewusst zu beleidigen. Also hab ich Sir Melifaro gefragt, weil sein Vater der größte Völkerkundespezialist ist.«

»Ach so! Sir Melifaro!« Langsam begann ich zu begreifen.

»Ja, weil ich in meinen Büchern keine Informationen über diesen Bereich des Lebens Ihrer Landsleute gefunden hatte. Zufällig ist der einzige zuverlässige Wissenschaftler, der zu diesem Thema geforscht hat, Sir Manga Melifaro. Und da wir seinen Sohn kennen ...«

»Den kennen wir allerdings ... Melifaro hat Ihnen also gesagt, dass man mich mit schwermütigen Liedern verwöhnen soll!?«

Ich wusste nicht, ob ich auf ihn sauer sein oder über die ganze Sache lachen sollte. Zum Glück klopfte es. Der Bote vom Gesättigten Skelett kam genau zur rechten Zeit!

»Sir Melifaro hat mir von den Traditionen der Leeren Länder und ein paar anderen Sitten und Gebräuchen erzählt. Er hat mir auch gesagt, dass wir bei Vollmond unsere Kleider tauschen sollen und am letzten Tag des Jahres ...«

»Na, was sollen wir seiner Meinung nach am letzten Tag des Jahres tun?«

»Uns besuchen und einander eigenhändig Swimmingpool, Bäder und Toiletten putzen. Stimmt schon wieder was nicht, Sir Max?«

Ich riss mich zusammen. Lonely-Lokleys Gefühle - so dachte ich mir - verdienten Schonung. Ihm wäre es bestimmt unangenehm zu erfahren, dass Melifaro ihm einen Streich gespielt hatte.

»Aber nein, Schürf, alles in Ordnung! Doch Sie hätten das wirklich nicht tun müssen. Ich bin ein normaler, zivilisierter Mensch. Ich habe mal einige Zeit an einem seltsamen Ort leben müssen. Dort herrschten merkwürdigere Sitten, als Sie es sich überhaupt vorstellen können. Aber ich habe mich nie an die barbarischen Bräuche meines Heimatlandes geklammert. Deshalb bedeutet für mich Freundschaft das Gleiche wie für Sie: ein gutes Verhältnis zwischen zwei Menschen, die sich sympathisch finden. Also brauche ich weder Kleidertausch noch gegenseitiges Putzen. Verstehen Sie?«

»Natürlich, Max. Diese Einsicht gereicht Ihnen zur Ehre. Hoffentlich habe ich Sie nicht beleidigt. Ich wollte nur den Sitten Ihrer Vorfahren Respekt erweisen und Ihnen eine Freude bereiten.«

»Das haben Sie, Schürf, das haben Sie! Vor allem durch Ihre Aufmerksamkeit und durch dieses Gespräch. Es ist wirklich alles in Ordnung.«

Nachdem ich meinen Gast bewirtet und beruhigt hatte, begleitete ich ihn zur Tür, blieb mit verständlichem Unwillen zurück und meldete mich dann als Erstes per Stummer Rede bei Melifaro: »Vielleicht hast du es schon vergessen, doch ich bin wirklich schrecklich, wenn ich zornig bin!«, rief ich empört (soweit sich Empörung per Stummer Rede mitteilen lässt).

»Was ist passiert?«, fragte Melifaro erstaunt.

»Was passiert ist?! Lonely-Lokley ist gerade mit einem ganzen Orchester bei mir aufgetaucht!«

»Stimmt was nicht, Max?«, fragte Melifaro besorgt. »Mein Vater hat mir erzählt, das sei bei euch so Sitte. Fühlst du dich jetzt nicht besser? Singt unser Lonely- Lokley vielleicht schlecht? Ich hatte immer den Eindruck, seine Stimme sei ganz passabel.«

Na so was!

Ich wusste noch immer nicht, ob ich sauer sein oder über die ganze Sache lachen sollte. Also ging ich ins Schlafzimmer, um meine Träume weiterzuverfolgen. Und das war richtig so. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war das meine letzte Gelegenheit, auszuschlafen. Am Abend ging ich zum Dienst, wo ich leider ein paar Tage hängen blieb, weil ich in eine Klemme geriet, die man eigentlich nur aus klassischen Krimis kennt.

Der Alptraum entwickelte sich schnell und begann mit meiner Ankunft im Haus an der Brücke. Schon aus drei Straßen Entfernung hörte ich eine bekannte Stimme eine Schimpfkanonade abfeuern.

Ich war belustigt. Der Opa - gemeint ist natürlich General Bubuta - war so sauer, dass er nicht mal meine Schritte hörte. Mein Lieber, jetzt zeig ich's dir, dachte ich amüsiert, als ich an den geheimen Eingang zu unseren Behörden kam.

Geheim konnte man ihn allerdings nicht nennen. Die Tür war breit offen, und auf der Schwelle stand General Boch, das Gesicht nicht mehr rot, sondern schon lila vor Zorn.

Als er mich schließlich bemerkte, verstummte er abrupt, als habe jemand den Lauf der Welt unterbrochen.

Ich glaube, mein Auftritt war perfekt. Mein Todesmantel blähte sich im Wind, und mein Gesicht war tief erzürnt. Ich setzte mein gesamtes, wenn auch geringes Schauspieltalent ein, um meinen Ärger natürlich wirken zu lassen. Besonders ein nervöses Zucken, das Bubuta Angst einflößen sollte, gelang mir bestens - ein Zucken, das als Zeichen dafür galt, dass ich gleich Gift spucken würde. Ich weiß nicht, wie glaubwürdig ich war. Bubuta jedenfalls hat mir die Show abgekauft. Kein Wunder: Seine Panik war so groß, dass sie jede Gefahr ins Gigantische übersteigerte.

Eigentlich ist Boch kein Feigling. Man kann ihm mancherlei nachsagen, aber nicht, dass er feige ist. Doch es gibt ein unverbrüchliches psychologisches Gesetz: Der Mensch hat Angst vor dem Unbekannten. Und meine frisch erworbene, Schrecken verursachende Gabe, über die in letzter Zeit in der Stadt so viel geredet worden war, war eine geradezu ideale Verkörperung dieses Unbekannten. Ich verstand den armen General daher ganz gut.

Bubuta holte krampfhaft Luft. Kapitän Schichola, sein Adjutant, sah mich fast hoffnungsvoll an. Ich kam näher. Eigentlich hatte ich den Witz auf die Spitze treiben und Bubuta bespucken wollen, um zu sehen, was passieren würde. Theoretisch war meine Spucke für Boch keinesfalls lebensgefährlich, da ich weder erschrocken noch zornig war. Doch ich besann mich rechtzeitig eines Besseren. Den armen General - so überlegte ich - könnte der Schlag treffen, und wie hätte ich diese unangenehme Situation dann erklären sollen? Also änderte ich meinen Gesichtsausdruck und ließ statt Zorn ein freundliches Lächeln sehen.

»Guten Abend, Sir Boch! Guten Abend, Kapitän!«

Meine Höflichkeit gab Bubuta den Rest und enttäuschte seinen Adjutanten. Ich ließ beide verwirrt stehen und ging ins Büro von Sir Juffin Halli, das mir als Zuflucht erschien.

Juffin saß bester Laune am Schreibtisch. »Weißt du schon das Neueste, Max? Wir haben gerade erfahren, dass wir einen merkwürdigen Mordfall klären müssen. Auf den ersten Blick gehört die Sache nicht in unsere Abteilung, aber die Adler von Bubuta sind sowieso überfordert. Ihm selbst ist das natürlich klar, und deshalb geht es dem Armen auch sehr schlecht. Du hast bestimmt seinen Wutausbruch mitbekommen. Na, jetzt müssen wir uns aber das Opfer ansehen.«

Wir traten in den Korridor. Sofort gesellte sich Lady Melamori zu uns. Ich hatte sie noch nie so schlecht gelaunt erlebt. Seltsam - dabei hatte ich am Morgen doch den Eindruck, sie in heiterste Stimmung versetzt zu haben. Ob sie der Mordfall so verschreckt hatte? Wohl kaum. Für mich war der Tod eines Menschen noch immer ein aufwühlendes Ereignis, während er für sie längst Routine geworden war.

»Warum ist es so leise?«, staunte Juffin und horchte an der Wand, die unsere Räume von denen der Stadtpolizei trennt. »Ich dachte, Bubuta wollte die ganze Nacht durcharbeiten. Hat seine Stimme versagt? Das glaub ich zwar nicht, aber schön wär's!«

»Ich bin ihm vorhin begegnet und hab getan, als wäre ich richtig zornig«, sagte ich bescheiden.

Juffin sah mich überrascht an. »Sündige Magister! Ich werde eine Gehaltserhöhung für dich beantragen. Von mir aus kannst du mehr verdienen als ich. Das bist du schließlich wert.«

Lady Melamori lächelte nicht mal. Eigentlich war der wackere General Bubuta sowieso nie Lieblingszielscheibe ihrer Witze. Ich hatte den Eindruck, sie würde gleich in Tränen ausbrechen, legte ihr die Hand auf die Schulter und wollte etwas Tröstliches sagen, doch das war nicht nötig. Als ich mich zu ihr vorbeugte, begriff ich das selbst. Ich weiß nicht, welche geheimnisvollen Mechanismen da wirkten, doch in diesem Moment wusste ich, was mit Lady Melamori los war. Ich wusste es so genau wie sie. Unsere Verfolgungsmeisterin war tatsächlich bis auf weiteres unbrauchbar. Der misslungene Versuch, mir auf die Spur zu treten, hatte etwas in dem zerbrechlichen Mechanismus ihres gefährlichen Talents entzweigehen lassen. Sie brauchte Zeit, um sich wieder zu fangen. Das ist wie bei der Grippe, die den Bewohnern von Echo zum Glück unbekannt ist: Ob man will oder nicht - die Genesung braucht nun mal einige Zeit. Jetzt ging Lady Melamori zum Tatort, als ginge sie zu einer Hinrichtung, denn sie spürte wahrscheinlich, womit das alles enden würde: mit einer Katastrophe und einer noch tieferen Verunsicherung. Doch sie ging weiter, weil sie nicht gewohnt war, unüberwindliche Hindernisse zu meiden. Es klingt vielleicht dumm, doch ich hätte das Gleiche getan. Diese Frau gefiel mir immer besser.

Per Stummer Rede meldete ich mich bei Juffin. »Lady Melamori darf nicht arbeiten. Sie wäre sowieso zu nichts nutze. Und das weiß sie auch selbst. Warum haben Sie sie überhaupt gerufen? Zu Erziehungszwecken? «

Juffin musterte erst mich, dann Lady Melamori und setzte dann sein breitestes Lächeln auf: »Ab nach Hause, Unvergessliche!«

»Wieso das denn?«

»Das wissen Sie genau. Ihr Talent gehört nicht Ihnen, sondern dem Geheimdienst des Vereinigten Königreichs, und Sie haben jede Situation zu meiden, die diesem Talent schaden kann. Das ist doch eine Binsenweisheit! Und man soll den alten müden Leiter nicht mit privaten Problemen belasten, die er sowieso gleich vergisst. Verstanden?«

»Danke«, hauchte sie. Es fiel mir schwer, sie anzusehen.

»Gute Besserung«, brummte Juffin. »Gehen Sie nach Hause, Lady Melamori. Oder fahren Sie zu Meister Kima, Ihrem Großvater. Der wird Ihre Stimmung aufbessern. In ein paar Tagen sind Sie sicher wieder in Ordnung. Je schneller, desto besser.«

»Und wie wollen Sie den Mörder ohne mich finden?«, fragte sie schuldbewusst.

»Sir Max, die Lady beleidigt uns«, lächelte Juffin. »Sie glaubt, unser Geist sei erloschen, und vermutet, wir beide seien schreckliche Faulenzer, die eine Verfolgungsmeisterin nur begleiten, damit sie für uns die Spur des Mörders findet. Sollen wir nur auf sie sauer sein, oder sollen wir sie gleich umbringen?«

»So hab ich das doch gar nicht gemeint!« Auf dem Gesicht von Lady Melamori erschien ein schwaches Lächeln. »Ich werde mich bessern und bringe euch etwas von meinem Großvater mit. Und ihr verzeiht mir, ja?«

»Ich verzeihe Ihnen gewiss«, murmelte Juffin gedankenverloren. »Aber Sir Max? Sein Zorn ist schrecklich und hat sogar General Bubuta verstummen lassen.«

»Mit Max werd ich schon einig«, versicherte Lady Melamori.

Ich schmolz verständlicherweise vor Glück dahin, schaffte es dabei aber doch, auf den Beinen zu bleiben. Die Verursacherin meiner Verwirrung verabschiedete sich und verschwand um die Ecke, hinter der die Dienst- A-Mobile standen. Ihr verzeihendes Lächeln war für mich das letzte angenehme Erlebnis dieses Tages, dessen Fortsetzung sich erstaunlicherweise als schrecklich erwies.

Einige Schritte vom Fressfass - unserer Lieblingswirtschaft - entfernt war eine Frau getötet worden. Sie war jung und hübsch, aber nicht mein Typ. Es handelte sich um eine attraktive Brünette mit großen Augen, hohen Wangenknochen und breiten Hüften. In Echo ist diese Kombination erstaunlicherweise enorm beliebt. Dieser Frau aber hatte man die Kehle durchgeschnitten und dabei ein Lächeln von Ohr zu Ohr verpasst.

Juffin zufolge tötete man so in Echo nicht. Weder Männer noch Frauen, niemanden. Mord ist hier überhaupt sehr selten - sofern man nichts mit undisziplinierten Ordensmitgliedern zu tun hat, denn sonst muss man mit allem rechnen. Aber hier roch es nicht nach Magie - weder nach der verbotenen noch nach der erlaubten Variante. Wir zuckten die Achseln und gingen ins Büro zurück.

»Ehrlich gesagt hat mich der Tatort bei dem Ganzen am meisten schockiert«, bemerkte ich. »Die ganze Stadt weiß doch, dass das Fressfass Ihre Lieblingsgaststätte ist, Juffin. Was für ein Verrückter mag sich entschieden haben, ausgerechnet an diesem Ort zuzuschlagen?«

»Tja - einer ist es wohl gewesen«, murmelte mein Chef.

»Vielleicht kommt er ja von auswärts«, meinte ich.

»Bestimmt. Nicht mal in der Traurigen Zeit hat man Frauen in Echo so zugerichtet. Wie dumm das alles gelaufen ist! Wir hätten Melamori sehr nötig gehabt. Eine Stunde Ermittlung, und alles wäre klar gewesen! Stattdessen müssen wir uns jetzt ins Büro setzen und uns über alles Mögliche den Kopf zerbrechen.«

Kaum saßen wir im Büro, geschah ein zweiter Mord, diesmal nicht weit von der Posaunenstraße entfernt. Wieder lächelte das Opfer von Ohr zu Ohr, doch die Gioconda war diesmal ein wenig älter - ungefähr dreihundert Lenze. Es handelte sich um eine Heilerin namens Chrida, die die Bewohner der ganzen Straße besuchten, wenn sie Zahnschmerzen oder einfach nur Pech hatten. Chrida war eine noch jung wirkende, energische und - im Gegensatz zur Mehrzahl ihrer Kolleginnen - sehr nette Lady gewesen. Alle in der Nachbarschaft hatten sie gemocht, und im Trubel von Echo waren oft dankbare Briefe ihrer geheilten Patienten erschienen.

Man konnte ziemlich sicher sagen, dass es sich bei keiner der Taten um einen Raubmord handelte, da beide Opfer noch ihren Schmuck trugen. Anscheinend hatten sie kein Geld bei sich gehabt. Hier in Echo heißt es, Geld und Liebe vertragen sich schlecht. Deshalb nimmt keine Frau Geld in die Hand, sondern fasst es allenfalls mit Handschuhen an. Auch Männer haben ihre Vorsichtsmaßnahmen, doch Frauen sind viel abergläubischer. Allerdings haben die Bewohner des Vereinigten Königreichs sich im Lauf der Zeit angewöhnt, Schecks und Wechsel als Geldersatz zu verwenden und sie in den letzten Tagen des Jahres abzurechnen. Ich persönlich bevorzuge Barzahlung und bin deshalb schon oft in heikle Situationen geraten. Schon in mancher Gaststätte wollte ich dem Wirt Geld in die Hand drücken und habe dafür einen entrüsteten Blick geerntet, weil er die Handschuhe in der Küche hatte liegen lassen und meinetwegen hin und her laufen musste.

Jetzt hatten wir also in kürzester Zeit zwei Leichen. Und keine Ideen.

Und auch die Nacht war ereignisreich, denn wir bekamen vier weitere Frauen gemeldet, deren Lächeln sich aufs Haar glich. Alter, Aussehen und Lebensumstände der unglücklichen Opfer waren unterschiedlich. Sie lebten sogar in den entferntesten Ecken der Stadt. Offenbar hatte der Mörder das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden wollen und seine grausamen Taten auf einer Besichtigungstour durch das nächtliche Echo begangen.

In den frühen Morgenstunden bekamen wir eine Atempause. Die Mordserie hörte auf. Bestimmt war der Täter müde geworden und hatte sich entschieden, ein Nickerchen zu machen. Juffin ließ alle laufenden Geschäfte durch Melifaro und Lonely-Lokley erledigen. Sir Kofa Joch zog los, um sich in den Wirtshäusern nach Hinweisen auf den Täter umzuhören. Mir befahl der Ehrwürdige Leiter, ihm keinen Schritt von der Seite zu weichen. Besonders nützlich war ich allerdings nicht. Aber vielleicht sollte ich für meinen Chef ja eine Art Muse sein. Diese Rolle allerdings gelang mir auch nicht allzu gut, denn die ganze Nacht war Juffin auf keinen klugen Gedanken gekommen.

Den siebten Mord bekamen wir in der Mittagszeit geliefert. Er trug die gleiche Handschrift wie die vorigen, leider aber keinen Absender.

Ehrlich gesagt hatten wir bis zu diesem Zeitpunkt Folgendes in Erfahrung gebracht: Der Täter war sehr wahrscheinlich ein Mann, denn die Abdrücke, die er im Sand hinterlassen hatte, wiesen zwar kein Profil auf, waren für eine Frau jedoch eigentlich zu groß. Bei diesem Mann handelte es sich wohl um einen Fremden, denn sein Benehmen war für hiesige Verhältnisse ausgesprochen ungewöhnlich. Außerdem musste er Besitzer eines großen Messers sein und schien - da er seine Opfer nicht ausraubte - vermögend. Wahrscheinlich hatte er keine Verbindung zu einem magischen Orden, denn er hatte bei seinen Taten keinerlei Magie angewandt. Obendrein war er sicher nicht verrückt, weil Geisteskrankheit - wie sich erwiesen hatte - einen schwachen, aber nachweisbaren Geruch hinterlässt, und dieser Geruch war an keinem Tatort zu spüren.

»Es sieht so aus, Max, als würdest du ein epochales Ereignis erleben«, sagte Juffin und legte endlich die Tabakspfeife weg, die er die letzten fünf Stunden in der Hand gehabt hatte. »Bei diesem Fall verstehe ich nämlich absolut nichts. Wir haben sieben Leichen innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden, wir haben einen Haufen Beweismaterial, das uns kein bisschen weiterbringt, und wir können sicher sein, dass keine Magie im Spiel ist - weder erlaubte noch unerlaubte. Vielleicht ist es Zeit, all diese Fälle wieder an die Behörde von General Bubuta zu übergeben und unser Versagen zu beschweigen.«

»Sie wissen doch, dass es nie ...«, begann ich vorsichtig«

»Ja, ich weiß. Aber es riecht hier nach keiner Unsauberkeit. Kann man wirklich Magie für solch grausame Morde benutzen? Das vermag ich mir einfach nicht vorzustellen. Wenn der Täter geisteskrank wäre ... Aber danach hat es, wie gesagt, nicht gerochen.«

»Wir sollten zum Mittagessen gehen, Juffin«, seufzte ich. »Die Wände müssen sich ein wenig von uns erholen.«

Doch auch im Fressfass war die Stimmung irgendwie schlecht. Madame Zizinda schien gerade geweint zu haben. Das Essen übertraf wie immer unsere Erwartungen, doch wir waren nicht fähig, es wirklich zu genießen. Juffin bestellte eine Flasche Dschubatinischen Säufer, roch gedankenverloren daran und stellte sie zur Seite.

»Das ist wohl nicht das, was man nach einer schlaflosen Nacht braucht«, bemerkte er.

Wahrscheinlich war das der schlimmste Tag seit meiner Ankunft in Echo. Na eben: seit meiner Ankunft. Das war noch nicht lang her. Ich hätte wirklich früher auf den Gedanken kommen können, dass sich nicht nur Touristen aus den Nachbarstädten, sondern auch Bewohner fremder Welten hier herumtreiben mochten - genau wie ich einer war. Sündige Magister!

»Juffin«, flüsterte ich. »Vielleicht ist der Mörder ja ein Landsmann von mir?«

Mein Chef zog die Augenbrauen hoch und nickte verständnisvoll. »Wir müssen zurück zum Haus an der Brücke. So ein Gespräch ist nicht für fremde Ohren bestimmt. Sag Madame Zizinda, sie soll mir Kamra und noch ein stärkeres Getränk ins Büro schicken - aber nicht dieses Zeug hier«, sagte er und zeigte hasserfüllt auf den Dschubatinischen Säufer.

In seinem Arbeitszimmer musterte Juffin mich eindringlich und fragte: »Warum?«

»Weil es alles erklärt. Erstens ist keine Magie im Spiel, jedenfalls keine sichtbare. Zweitens können sich außer mir doch auch andere fremde Gäste in Echo befinden. Egal wie sehr man eine Tür verbarrikadiert - solange das Haus steht, bleibt es eine Tür. Und drittens, Juffin, haben Sie immer gesagt, dass man in Echo so niemanden umbringt. Aber dort, wo ich geboren wurde, kommt das bei Verrückten bisweilen vor. Bei manchen Verrückten jedenfalls. Das ist mein drittes und stärkstes Argument. Dass es solche Morde gibt, weiß ich genau, weil ich darüber oft Berichte im Fernsehen gesehen habe.«

»Wo hast du diese Berichte gesehen?«

»Ach, egal«, meinte ich, weil ich nicht wusste, wie ich jemandem, der so ein Gerät noch nie gesehen hatte, kurz und bündig erklären sollte, was ein Fernseher ist. Dann aber raffte ich mich auf: »Sagen wir so: Es handelt sich um die Möglichkeit, zu Hause zu sitzen und zu sehen, was in anderen Ecken der Welt passiert. Natürlich nicht alles, sondern nur die wichtigsten Ereignisse. Und dazu noch Spielfilme. All das geschieht mit Hilfe eines speziellen Geräts. Es gibt also keine Magie. Aber wer weiß, wie stark Ihr Zeiger neben einem Fernseher ausschlagen würde.«

»Hättest du doch einen dieser Fernseher mitgenommen! Scheinbar ist das ein interessantes Gerät.«

»Und was halten Sie von meiner Theorie?«, versuchte ich, meinen Chef wieder auf das anstehende Problem zu lenken. »Könnte ein Landsmann von mir der Täter sein?«

»Na ja, diese Version ist zwar nicht gerade hübsch, aber logisch oder wenigstens nach deinem Geschmack.

Man muss auch in diese Richtung ermitteln. Ich fahre jetzt zu Maba Kaloch - und du ... kommst mit, um ihn kennenzulernen. Maba kennt deine Geschichte. Also brauchst du mit deiner Barbarenlegende gar nicht erst anzufangen.«

»Sir«, rief ich empört. »Das ist nicht meine, sondern Ihre Legende und das hübscheste Werk der Gattung Künstliche Falsifikation: »Sir Max, der aus dem Grenzgebiet zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren Ländern stammt; ein furchtbarer Barbar, aber ein genialer Detektiv.-«

»Ja, diese Legende stammt von mir«, seufzte Juffin. »Siehst du, ich tauge doch noch zu etwas. Gehen wir!«

Doch jetzt muss ich Ihnen erzählen, wie ich nach Echo geraten bin, weil das - so seltsam es klingen mag - große Bedeutung für das weitere Geschehen hat. Nach neunundzwanzig Jahren eines verworrenen Lebens schob der Max, der ich mal war, als Redakteur vom Dienst Nachtschicht bei einer großen Zeitung. Dieser Max hatte sich längst daran gewöhnt, seinen Träumen große Bedeutung beizumessen, denn im Laufe der Zeit hatte sich seine Lage so entwickelt, dass er des Lebens nicht froh wurde, wenn es ihm in seinen Träumen nicht gut ging. Träume erschienen mir damals viel realer und wichtiger als die Wirklichkeit. Ich bemerkte kaum einen Unterschied zwischen beiden Welten und nahm meine Probleme oft aus dem Traum in die Wirklichkeit (und umgekehrt) mit. Manchmal allerdings hatte ich auch das Glück, dass auf diesem Wege angenehme Ereignisse die Welten wechselten.

So unterschiedlich meine Träume auch waren - ein paar Orte tauchten erstaunlich regelmäßig auf. Zum Beispiel eine Stadt in den Bergen, die nur über eine Drahtseilbahn mit der Außenwelt verbunden war; ein schattiger Landschaftsgarten, den ein murmelnder Bach teilte; ein paar Sandstrände an einer düsteren Meeresküste. Und dann war da noch eine Stadt, deren Mosaikgehsteige mich vom ersten Moment an betörten. In dieser Stadt hatte ich auch mein Lieblingslokal, an dessen Namen ich mich nach dem Aufwachen aber nicht zu erinnern vermochte. Erst als ich später ins echte Fressfass kam, begriff ich, dass ich das Lokal schon lange kannte. Ich fand sogar meinen Lieblingsplatz wieder: einen Tisch zwischen der Theke und dem Fenster zum Hof.

In diesem Lokal hatte ich mich gleich wie zu Hause gefühlt. Die wenigen Kunden versammelten sich an der langen Theke. Alle Anwesenden kamen mir wie alte Freunde vor, und ihre exotische Kleidung befremdete mich nicht. Im Übrigen betrachteten auch sie meine Kleider ohne Verwunderung. Echo ist die Hauptstadt eines großen Landes und zudem einer der größten Flusshäfen dieser Welt. Da ist es schwierig, die Bewohner zu verblüffen, und mit exotischer Kleidung klappt es erst recht nicht.

Im Laufe der Jahre hatte einer der Stammgäste begonnen, mich zu grüßen, und ich grüßte zurück. Wer hätte sich nicht über solche Streicheleinheiten im Schlaf gefreut?

Später begann dieser Stammgast, bei dem es sich natürlich um Sir Juffin Halli handelte, sich an meinen Tisch zu setzen und sich ein wenig mit mir zu unterhalten. Juffin hat wie kein anderer die Gabe, mit jeder beliebigen Person Kontakt zu knüpfen, und so trafen wir uns eine ganze Weile zum Plaudern in diesem Cafe. Manchmal erzählte ich meinen Freunden in der realen Welt ein paar der außergewöhnlichen Geschichten, die ich von meinem neuen Bekannten gehört hatte. Sie rieten mir, alles aufzuschreiben, doch das habe ich irgendwie nicht geschafft. Ich spürte, dass manche Sachen nicht aufs Papier gehörten, und ehrlich gesagt war ich auch zu faul, mich Tag für Tag hinzusetzen und ein Traumprotokoll zu führen.

Unsere seltsame Freundschaft begann plötzlich und für mich absolut unerwartet. Eines Tages - es ist schon viele Jahre her - brach mein mir schon vertraut gewordener Gesprächspartner mitten im Wort ab, sah mit der komischen Ernsthaftigkeit eines Verschwörers nach links und rechts und sagte geheimnisvoll flüsternd: »In Wirklichkeit schläfst du, Max. Dies alles ist nur ein Traum.«

Ich war ganz verwirrt, erhob mich so rasch, dass mein Stuhl umstürzte, und erwachte auf dem Boden meines Schlafzimmers.

In den nächsten sieben Jahren träumte ich alles Mögliche, aber nie wieder von den Mosaikgehsteigen jener wunderbaren Stadt. Ohne diese Bilder war mir langweilig, und mein Leben und meine Geschäfte liefen reichlich schlecht. Ich verlor das Interesse an den alten Freunden, stritt mich mit Freundinnen, wechselte die Arbeitsstelle öfter als das Hemd und warf Bücher weg, in denen ich keinen Trost gefunden hatte. Außerdem zettelte ich immer neue Streitereien an, als wollte ich die ungeliebte Wirklichkeit durch den Wolf drehen.

Im Laufe der Zeit beruhigte ich mich natürlich wieder und genehmigte mir ein Füllhorn neuer Lebensfreuden: Freunde, Mädchen, eine erträgliche Arbeit, eine hübsche Wohnung und eine eigene Bibliothek, die mehr von den Ambitionen als vom Geschmack ihres Besitzers zeugte. In der Kneipe bestellte ich Kaffee statt Alkohol, rasierte mich jeden zweiten Tag, duschte morgens und gab die Wäsche in die Reinigung. Ich lernte, mich zu beherrschen und giftige Bemerkungen zu machen, statt meine Fäuste zu benutzen. Und dennoch war ich nicht stolz auf mich, sondern spürte wieder die gleiche dumpfe Schwermut, die mich schon in meiner Jugend verrückt gemacht hatte. Ich fühlte mich wie ein Toter, der aus dem Grab gestiegen ist und sich an die leise, unauffällige Existenz unter lauter Zombies gewöhnt.

Aber ich hatte teuflisches Glück.

Eines Morgens, als ich nach der Nachtschicht in der Redaktion schlafen gegangen war, sah ich im Traum die lange Theke wieder, meinen Lieblingsplatz und den alten Bekannten, der mich am Nachbartisch erwartete. Ich erinnerte mich sofort, wie unser letztes Treffen geendet hatte. Ich begriff auch rasch, dass ich träumte, und fiel deshalb auch nicht vom Stuhl, erwachte nicht und war auch nicht erschrocken. Ich hatte im Laufe des Erwachsenwerdens eben gelernt, mich zu beherrschen.

»Was geschieht hier?«, fragte ich. »Und wie?«

»Das weiß ich nicht«, entgegnete mein alter Freund. »Meiner Meinung nach weiß das keiner. Es geschieht nun mal, und es ist mein Hobby, die Ereignisse möglichst genau zu beobachten.«

»Sie wissen nicht, was hier los ist?«, begann ich verwirrt und hatte den Eindruck, er müsste Antworten auf all meine Fragen wissen.

»Da


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rum geht es nicht«, fiel er mir ins Wort. »Sag mir lieber, ob es dir hier gefällt.«

»Was für eine Frage? Das ist mein Lieblingstraum! Als ich ihn nicht mehr träumte, dachte ich, ich werde wahnsinnig.«

»Verstehe. Und gefällt es dir dort, wo du lebst?«

Ich zuckte die Achseln. Damals hatte ich einige Probleme - keine Katastrophen (die gehörten endgültig der Vergangenheit an), sondern langweilige und alltägliche Misshelligkeiten. Ich war einfach glücklicher Besitzer eines total misslungenen, ruhigen und maßvollen Lebens und hatte die große Illusion, ich hätte Besseres verdient.

»Du bist ein Nachtmensch«, sagte mein Gesprächspartner. »Und du hast ein paar Schrullen, oder? Und da, wo du lebst, stören dich diese Schrullen vermutlich im Wachzustand.«

»Stören?«, rief ich aufgebracht. »Das ist das falsche Wort.«

Ich bemerkte gar nicht, dass ich diesem sympathischen älteren Mann alles erzählte, was ich auf dem Herzen hatte. Warum hätte ich mich auch zusammenreißen sollen? Schließlich war das Ganze - wie ich seit sieben Jahren wusste - nur ein Traum.

Er hörte mir teilnahmslos zu, lachte mich aber wenigstens nicht aus, wofür ich ihm bis heute dankbar bin.

»Tja, was soll ich dazu sagen?«, meinte er, als ich fertig war. »Das alles ist ziemlich schrecklich, aber ich habe dir ein tolles Angebot zu machen. Es gibt in dieser Stadt, die dir so gut gefällt, einen interessanten und gut dotierten Job für dich. Obendrein handelt es sich um Nachtarbeit, und die hast du dir ja immer gewünscht.«

Ich dachte nicht mal über sein Angebot nach, denn ich hatte noch nicht begriffen, dass die Entscheidung, die ich im Traum träfe, Auswirkungen auf meine Realität haben würde. Doch aus reiner Neugier wollte ich alle Einzelheiten erfahren. »Gut, nehmen wir mal an, Sie hätten mich angeworben. Wollen Sie mir weismachen, es gäbe in der ganzen Stadt außer mir keinen Menschen, der nachts nicht schlafen kann?«

»Ach, Leute, die an Schlaflosigkeit leiden, gibt es übergenug. Ich heiße übrigens Juffin, Sir Juffin Halli, stehe zu Diensten! Du brauchst dich nicht zu bemühen. Ich weiß, dass du Max heißt, und dein Nachname interessiert mich nicht. Du wirst staunen, aber ich weiß von dir so einiges. Zum Beispiel, dass du ein rares Talent hast, das sehr gut zu der Behörde passt, die ich leite. Bisher hattest du leider keine Gelegenheit, das Vorhandensein dieses Talents überhaupt zu bemerken.«

»Was für ein Talent haben Sie denn bei mir ausgemacht? Ich hoffe, nichts Kriminelles!«, rief ich und kicherte blöd.

»Na siehst du - du hast es selbst erraten! Bravo!«

»Meinen Sie das ernst? Sind Sie etwa ein Mafioso?«

»Ich weiß zwar nicht, was das ist, doch ich bin garantiert viel schlimmer.«

»Ein Mafioso ist der Kopf einer kriminellen Organisation. Ein Bandit reinsten Wassers. Und was sind Sie?«

»Ach, ganz das Gegenteil! Ich bin Leiter des Kleinen Geheimen Suchtrupps der Stadt Echo. Streng genommen bin ich also auch ein Bandit reinsten Wassers, aber alles geschieht im Namen des Gesetzes. Und meine Behörde interessiert sich besonders für Verbrechen, bei denen Magie im Spiel ist.«

»Für welche Verbrechen interessieren Sie sich?«, fragte ich so ungläubig wie misstrauisch.

»Das hast du doch gehört - für Verbrechen, bei denen Magie im Spiel ist. Da brauchst du gar nicht die Stirn zu runzeln. Ich halte dich nicht zum Narren! Dazu bin ich jetzt ohnehin nicht aufgelegt. Pass auf: Wenn wir gut miteinander auskommen, wirst du auf all deine Fragen eine Antwort bekommen - und sogar mehr als das.«

»Gut auskommen tun wir ja schon lange miteinander.«

»Und das ist auch gut so. Ich dachte schon, ich müsste dich überreden, und hatte mir sogar Argumente zurechtgelegt.«

»Sagen Sie mir besser, was ich tun soll, wenn ich meinen Dienst bei Ihnen antrete.«

»Du sollst das Nachtantlitz des Leiters des Kleinen Geheimen Suchtrupps sein. Diese Truppe schläft allerdings bei Nacht, und darum, Max, bist du - grob gesagt - dein eigener Chef.«

»Kein schlechter Posten für einen Gastarbeiter!«

»Stimmt. Sag mal: Wenn ich jetzt ein - wie du es genannt hast - Mafioso wäre, wärst du dann auch einverstanden, bei mir anzufangen?«

»Natürlich«, antwortete ich ehrlich. »Ich kenne Ihre Lebensumstände nicht und sehe darum keinen Unterschied zwischen Verbrechern und denen, die sie jagen.«

»Das hast du sehr gut erfasst, Max. Weiter so! Die Wahrheit ist nicht so wichtig, als dass man sie verbergen müsste.«

Dieser Sir Juffin mit seinem Raubvogelgesicht und den kühlen Augen eines klugen Killers hatte ein erstaunlich weiches Lächeln. Ich war lange nicht mehr so verzaubert gewesen - weder im Traum noch in der Wirklichkeit. Ich hatte große Lust, bei diesem seltsamen Menschen zu bleiben - egal was er tatsächlich tat und welche Rolle er für mich im Sinn hatte. Vielleicht nahm ich unser Gespräch deshalb so ernst, als würde es nicht im Traum, sondern in der Realität stattfinden. Ich wollte ihm einfach glauben! Schon lange hatte ich nichts mehr so sehr gewollt.

»Wir müssen noch ein paar technische Details besprechen«, seufzte Sir Juffin.

»Nämlich?«

»Nämlich, wie du hierher gerätst.«

»Bin ich denn noch nicht bei Ihnen? Ach so!«

»Genau das ist das Problem! Du glaubst, du befindest dich in der Wirklichkeit - dieses Hirngespinst ist völlig normal ... na ja, beinahe normal. Die Leute hier stören sich nicht an dir, bemerken aber schon mit bloßem Auge den Unterschied. Deshalb wirst du Probleme mit deinem Körper haben, der sich gerade unter der Bettdecke wälzt. Wenn dein Körper stirbt, ist das Leben für dich zu Ende. Deshalb musst du nicht nur im Geiste, sondern materiell zu mir übersiedeln. Und dein Körper befindet sich im Moment woanders.«

»Ach so! Mein Körper ist das Problem!« Ich ließ den Kopf hängen.

»So ist das. Hör mir deshalb aufmerksam zu. Wenn du aufwachst, musst du etwas beinahe Unmögliches tun. Erstens sollst du dich an unser Gespräch erinnern. Damit dürftest du keine Probleme haben. Falls aber doch, müssen wir eben noch mal von vorn beginnen. Zweitens reicht es nicht, dich an das Gespräch zu erinnern - dir muss auch klar sein, dass mein Angebot absolut ernst gemeint ist. Du musst dich davon überzeugen, dass manche Träume in der Wirklichkeit weitergehen. Und falls dir das nicht gelingt, musst du bereit sein auszuprobieren, ob sich Träume in die Wirklichkeit verschieben lassen - egal ob du das aus Langeweile oder aus Neugier ermittelst ...«

»Kein Problem. Mein Leben ist ein einziges Patchwork aus Neugier und Langeweile.«

»Lass mich ausreden. Der Mensch neigt dazu, das Unerklärliche mit der Behauptung, es sei nur ein Produkt der Fantasie, abzutun. Du musst dich demnächst von der Richtigkeit meiner Worte überzeugen, und das darf nicht länger als ein paar Stunden dauern. Was das anlangt, kann ich dir nicht helfen. Du musst einfach an den Erfolg glauben.«

»Schon gut«, meinte ich beleidigt. »Ich bin doch nicht blöd.«

»Blöd bist du nicht, aber die Fähigkeit, an Wunder zu glauben, gehört nicht gerade zu deinen Stärken. Schließlich hatte ich das Vergnügen, dich jahrelang zu beobachten, Max.«

»Und wozu?«

»Nicht wozu, sondern warum! Darum! Ich habe dich vor vielen Jahren zufällig entdeckt und schnell begriffen, dass du nicht zu den Hiesigen gehörst. Dann aber stellte ich fest, dass du noch nicht reif genug warst, dich in Wirtshäusern herumzutreiben. Und dann begriff ich, dass du einfach nicht wirklich bist, sondern ein Phantom, ein Hirngespinst, der Schatten eines Traums. Hier passiert spät in der Nacht so manches, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass du dahintersteckst. Übrigens hat niemand außer mir bemerkt, dass du dich träumend unter uns Hiesigen aufgehalten hast.«

»Und Sie ...«

»Ich hab es bemerkt, weil ich mich in diesen Dingen einigermaßen auskenne. Und weißt du was? Ich hab dich gesehen und gleich gewusst, dass sich aus diesem Jungen das ideale Nachtantlitz meiner selbst machen lässt. Du bist zwar noch nicht das optimale, aber schon ein sehr achtbares Nachtantlitz.«

Ich war erschüttert. Schon lange hatte ich keine Komplimente mehr bekommen. Und ein so schmeichelhaftes und unerwartetes Kompliment hatte mir noch niemand gemacht. Inzwischen weiß ich, dass Juffin Halli mich damals so gelobt hat, damit ich leichter an seine Existenz glaubte. Denn sosehr mein Verstand mir auch hätte weismachen wollen, nur geschlafen und einen dummen Traum gehabt zu haben: Die Vorstellung, auch die Schmeicheleien des bezaubernden Juffin wären dann nur ein Traum gewesen, hätte ich schlicht nicht ertragen.

»Wenn du dir wirklich sicher bist, dass du den Übergang in die andere Welt riskieren willst, dann tu Folgendes ...«, begann Juffin, schwieg aber plötzlich, rieb sich die Stirn und befahl mir dann: »Gib mir die Hand!«

Ich streckte die Rechte aus. Juffin griff gierig nach ihr und murmelte hastig und leise, ja beinahe unverständlich: »Spät in der Nacht gehst du an einen Ort namens Grüne Straße. Merk dir das. Dort darfst du nicht stehen bleiben, sondern musst auf und ab gehen, eine Stunde oder auch zwei - so lange, wie es eben dauert. Du wirst einen Wagen sehen, den man bei euch Straßenbahn nennt. Sie wird leer sein und auf deiner Höhe halten. Steig ein und setz dich. Die Bahn wird weiterfahren. Tu, was du willst, aber setz dich nicht auf den Platz des Fahrers - das wäre zu riskant. Sei weder aufgeregt noch ungeduldig. Die Reise kann lange dauern. Nimm darum ein paar belegte Brote und etwas zu trinken mit. Deine Vorräte sollten ein paar Tage reichen. Ich glaube nicht, dass die Reise lange dauert, aber es kann alles Mögliche passieren. Und vor allem: Erzähl niemandem davon. Keiner wird dir glauben, und die Zweifel anderer können der Magie nur schaden.«

Endlich ließ Juffin meine Hand los, öffnete die Augen und lächelte.

»Den letzten Rat merk dir gut - er kann dir in Zukunft noch sehr nützlich sein. Hast du alles verstanden?«

»Ja«, nickte ich und massierte dabei meine endlich befreite Hand.

»Und wirst du dich auch daran halten, Max?«

»Natürlich. Aber durch die Grüne Straße fährt keine Straßenbahn.«

»Gut möglich«, meinte Juffin und nickte gleichgültig. »Aber willst du etwa mit einer normalen Tram von Welt zu Welt reisen? Und abgesehen davon: Was ist eigentlich eine Straßenbahn?«

Nach dem Erwachen konnte ich mich mühelos an meinen Traum erinnern. Er stand mir bis ins kleinste Detail vor Augen. Viel schwieriger war es zu begreifen, wo ich mich befand, doch auch das gelang mir schließlich.

Es war drei Uhr nachmittags. Ich kochte mir Kaffee. Dann setzte ich mich mit einer Tasse und der ersten Zigarette des Tages in einen Sessel. Ich musste nachdenken. Nachdem ich den letzten Schluck genommen hatte, beschloss ich, dass es hier nichts zu überlegen gab. Auch wenn es nur ein ganz normaler Traum gewesen sein sollte: Was hatte ich schon zu verlieren? Ich würde also ein wenig durch die Grüne Straße bummeln. Das war schließlich keine große Anstrengung. Ich gehe gern spazieren, und diese Nacht hatte ich ohnehin frei. Und wenn der Traum mehr war als nur ein Hirngespinst? Na, dann wäre das eine Chance - und was für eine!

Ehrlich gesagt hielt mich in meiner Welt nichts. Mein Leben war ein großer, schrecklich uninteressanter Unfug. Ich konnte nicht mal jemanden anrufen, um Abschied zu nehmen. Na ja, ich hätte schon Leute zur Auswahl gehabt, mit denen ich hätte telefonieren können. In meinem Adressbuch, das ich mir etwa einen Monat zuvor zugelegt hatte, befanden sich mehr als fünfzig Nummern. Doch ich hatte keine Lust, mich mit jemandem zu unterhalten. Und noch weniger Interesse hatte ich daran, jemanden zu treffen. Vielleicht hatte ich bloß eine Depression. Auf jeden Fall wartete die nächste Depression sicher schon auf mich. Deshalb traf ich meine Entscheidung - den wichtigsten Entschluss meines Lebens - erstaunlich schnell. Noch heute wundere ich mich darüber.

Mich überkam eine seltsame, aber angenehme Verwirrung. Ich wollte weder meinen Haushalt auflösen noch den engsten Freunden von meinen geheimen Absichten erzählen. Den Abend verbrachte ich mit furchtbar ermüdenden Überlegungen und Unmengen von Tee vor dem Fernsehapparat. Nicht mal die vorletzte Staffel von Twin Peaks begriff ich als Omen. Ich dachte nur, dass ich an Agent Coopers Stelle im schwarzen Wigwam geblieben wäre, statt in die Realität zurückzukehren und das eigene Leben und das anderer zu zerstören.

Im Übrigen verhielt ich mich, als wäre das Heraustragen des Mülleimers das wichtigste Ereignis des Tages. Als ich meine Kaffeekanne und einen dreitägigen Vorrat belegter Brote in den Rucksack packte, fühlte ich mich wie ein Verrückter. Doch ich dachte mir, ich könnte zur Abwechslung auch mal ein wenig verrückt sein. Schließlich war ich in den letzten fahren vorbildlich vernünftig gewesen - und das Ergebnis war nicht gerade beeindruckend.

Ich verließ das Haus um etwa ein Uhr nachts. Der Weg in die Grüne Straße dauerte ungefähr zwölf Minuten. Dort musste ich mich ziemlich lange herumtreiben. Einer der letzten Eindrücke in meiner alten Heimat war die Zeitangabe der Digitaluhr am Gebäude einer Telefongesellschaft. Ihre riesigen Ziffern meldeten 02 : 02 - so eine Symmetrie habe ich immer für ein gutes Zeichen gehalten. Warum, weiß ich nicht.

Das Klingeln der Straßenbahn, das erstaunlich laut durch die stille Nacht drang, lenkte mich vom Betrachten der Nullen und Zweien ab. Ich war nicht erschrocken, doch mir war schwindlig, und ich sah alles doppelt und konnte nicht fassen, dass es in dieser schmalen Straße tatsächlich Trambahnschienen geben sollte. Besonders aufmerksam betrachtete ich das kleine Schild, auf dem stand, ich würde mich an einer Haltestelle der Nummer 432 befinden. Aus irgendeinem Grund schockierte mich die dreistellige Nummer der Linie viel mehr als die Tram selbst, denn damals gab es in der Stadt nur dreizehn Straßenbahnlinien. Ich kicherte nervös, und mein Lachen kam mir so unheimlich vor, dass ich sofort verstummte. In diesem Moment kam die Tram um die Ecke. Anscheinend fuhr sie schnell wie ein Express.

Ich hatte keine Lust, in die Fahrerkabine zu schauen, doch manchmal tut man ja genau das, wozu man keine Lust hat. So blickte ich denn in ein breites Gesicht, das einem Kannibalen zu gehören schien und mit einem kleinen, schmalen Schnauzbart bestückt war. Die Äuglein, die in dem fetten Gesicht schwammen, funkelten ungeheuer begeistert. Schwer zu sagen, was mich eigentlich so erschreckt hatte, doch nun begriff ich, was in der Seele der Bardot passiert war, als sie auf die erste Prozession zorniger Götter traf. Worte wie Angst, Schock oder Erschütterung können nicht wiedergeben, was ich damals empfand.

Die Tram bremste ab und näherte sich der Haltestelle. Da begriff ich, dass dies mein Ende war - egal ob ich einsteigen oder mich umdrehen und wieder nach Hause gehen würde. Ich schielte auf den Fahrerplatz, der inzwischen glücklicherweise geräumt worden war. Plötzlich fühlte ich mich besser. Eine Trambahn ohne Fahrer auf einer Straße ohne Gleis; dazu die Strecke 432 von Nirgendwo nach Nirgendwo - all das war merkwürdig, aber durchaus erträglich. Eine solche Verzerrung der Wirklichkeit war mir sehr recht. Und die Abwesenheit des Kannibalengesichts war mir noch lieber.

Die Tram hielt. Sie war schon etwas älter und nicht besonders auffällig. An der zerkratzten Außenwand stand »Sex Pistols« und »Michael spinnt«. Ich war dem unbekannten Michael unendlich dankbar: Er hatte mir das Leben, vielleicht auch nur den Verstand, vielleicht aber auch beides gerettet.

Nachdem ich die Diagnose von Michaels psychischer Verfassung zur Kenntnis genommen hatte, wurde ich ruhiger. Ich stieg in die leere Straßenbahn, setzte mich ans Fenster und legte meinen Rucksack auf den Nebensitz. Die Tür schloss sich sehr sanft, und ich spürte nichts Bedrohliches. Dann fuhren wir los. Sogar das Tempo der Straßenbahn war normal - jedenfalls erschien es mir so. Und auch die Aussicht war alles andere als ungewöhnlich: Ich fuhr durch mir halb und halb bekannte Straßen, deren Dunkelheit da und dort von Laternenlicht unterbrochen wurde. Mitunter sah ich beleuchtete Fenster und hin und wieder eine erbärmlich flimmernde Neonreklame. Ich fühlte mich gut und ruhig - als würde ich meine Großmutter in ihrem Häuschen weit vor der Stadt besuchen. Dort war ich seit vierzehn Jahren nicht mehr gewesen, meine Großmutter war tot und das Häuschen verkauft. Nie wieder habe ich mich so frei und glücklich gefühlt wie dort ... Ich sah mein Gesicht in der Scheibe: beseelt, erstaunt und sichtlich verjüngt. Wie sympathisch ich doch sein konnte!

Auf einem der Sitzplätze fand ich eine Art Reader’s Digest und fing genüsslich an zu lesen. Viele Leute mögen solche Sammelbände, und in meiner Situation hielt ich es für besser, mein Gehirn mit dieser ökologisch sauberen Droge zu verstopfen. Die Zeit verging wirklich wie im Flug - und so mag ich es am liebsten.

Was gab ich nur für einen traurigen Helden ab! Da veränderte sich mein Leben von Grund auf, und was tat ich? Ich las in einer abgegriffenen Scharteke und aß dazu mein Butterbrot. Aber so bin ich eben: Wenn ich nicht begreife, was um mich herum passiert, suche ich mir eine Beschäftigung, die mich ablenkt. Im Alltagsleben benehme ich mich oft bizarr; wenn dagegen ein Wunder geschieht, verwandle ich mich sofort in einen phlegmatischen Langweiler. Das ist natürlich nur instinktiver Selbstschutz.

Als ich aufhörte zu lesen, merkte ich, dass es vor den Fenstern heller geworden war. Was ich draußen sah, ließ mich innerlich zittern: Zwei freundlich lächelnde Sonnen stiegen - die eine rechts, die andere links, damit sich die Augen nicht langweilten - über den Horizont. Erlebte ich etwa den Sonnenaufgang im Doppelpack?

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht in Panik zu geraten, sah nicht aus dem Fenster, kniff die Augen zu, gähnte und setzte mich bequemer hin. Merkwürdigerweise gelang mir das. Mein Sitzplatz wurde buchstäblich größer und weicher. Mein Kopf fiel auf den mit Butterbroten gefüllten Rucksack, und ich sank in Tiefschlaf. Keine Alpträume quälten mich: Anscheinend machten die für meine Träume verantwortlichen Engel gerade eine Zigarettenpause. Nett von ihnen!

Die Atmosphäre in der Straßenbahn war ohnehin wohlwollend. Als ich aufwachte, stellte ich fest, dass ich mit angezogenen Knien auf einer weichen Couch lag. Aus dem Nichts kam eine haarige karierte Decke geflogen, die genauso bequem war wie meine eigene. »Prima Service!«, murmelte ich und schlief wieder ein.

Als ich erneut aufwachte, war aus der Straßenbahn eine Puppenstube geworden: Alle Sitze hatten sich in weiche Sofas verwandelt. Da ich ins Unbekannte reiste, wäre es eine Sünde gewesen, einen so nett gestalteten Raum nicht zu nutzen. Insgesamt schlief ich sehr viel, aß meine Vorräte auf und fand mitunter an überraschenden Stellen neue Bücher - zum Beispiel in meiner Brusttasche oder auf dem Fahrscheinentwerter.

Was allerdings surreale Landschaften anging, begegnete mir - vom doppelten Sonnenaufgang abgesehen - nichts Besonderes. Draußen herrschte balkendicke Dunkelheit. Das war für mein seelisches Gleichgewicht auch besser.

Die Idylle dauerte - nach meiner vorsichtigen Schätzung - drei, vier Tage. Aber vielleicht gingen die Uhren in meinem merkwürdigen Transportmittel ja auch anders. Der Hauptbeweis dafür, mich unter Einwirkung magischer Gesetze zu befinden, war, dass ich nicht auf die Toilette gehen musste, denn das - verzeihen Sie mir die Offenheit, liebe Leser! - widerspricht all meinen Erfahrungen mit dem menschlichen Stoffwechsel. Die ganze Fahrt über erwartete ich unruhig, dass Darm und Blase sich melden würden, und versuchte erfolglos, für diesen Fall eine Lösung zu finden. Aber nichts dergleichen geschah.

Mein endgültiges Aufwachen war ganz anders als die kurzen Schlafpausen, die ihm vorausgegangen waren. Schon dass ich nicht unter einer Decke, sondern unter einem Pelz erwachte, überraschte mich. Als ich die leidgeprüften Beine streckte und mich umsah, stellte ich fest, dass ich nicht auf einer Couch lag, sondern in einem weichen Bett, das in einem großen, halbdunklen, fast leeren Zimmer stand. In einer entfernten Ecke schnaufte es, und zwar - wie mir schien - ziemlich bedrohlich. Ich öffnete die Augen noch weiter und wälzte mich ein wenig herum. Dann schnellte ich plötzlich hoch und landete auf allen vieren vor dem Bett. Das Schnaufen verstummte, und nach ein paar Sekunden stieß mich etwas leicht an der Ferse. Bis heute begreife ich nicht, warum ich damals nicht losgebrüllt habe.

Stattdessen drehte ich mich blitzschnell um und ... stieß mit der Nase an eine andere Nase, die feucht und klein war. Eine unbekannte Zunge leckte mir über die Wange - entzückend! Vor mir stand ein bezauberndes Wesen: ein haariger Welpe mit der Schnauze einer Bulldogge. Später allerdings stellte sich heraus, dass Chuf kein Welpe war, sondern ein ausgewachsenes Tier. Seine Größe und entzückende Freundlichkeit hatten mich zunächst annehmen lassen, er müsse noch ganz jung sein.

Der kleine Hund bellte fröhlich. Gleich darauf materialisierte sich im halbdunklen Schlafzimmer eine nicht besonders große Gestalt in weit geschnittenem Umhang. Als ich sie mir genauer ansah, merkte ich, dass es sich nicht um den Bekannten aus meinen Träumen handelte. Hatte ich womöglich die Adresse verwechselt?

»Der Ehrwürdige Leiter erlaubt sich, heute erst spät in der Nacht nach Hause zu kommen. Bitte teilen Sie mir Ihre Wünsche mit, Sir«, sagte der Unbekannte feierlich. Er hatte ein faltiges Gesicht, strahlende Augen und sehr dünne Lippen und erwies sich bald als Kimpa, der Diener von Sir Juffin Halli.

Erst als Juffin Stunden später vor mir stand, wurde mir wirklich klar, dass die unbegreifliche Reise von einer bewohnten Welt in die andere tatsächlich passiert war.

So bin ich nach Echo gekommen und habe es bis jetzt nicht bereut - auch nicht an dummen Tagen wie dem heutigen.

Während ich meinen Erinnerungen nachhing, irrte das von Sir Juffin gelenkte Dienst-A-Mobil über eine halbe Stunde zwischen den wunderschönen Obstgärten des Linken Flussufers herum. Schließlich fuhren wir in eine Gasse, die mit Edelsteinen gepflastert schien. Zunächst konnte ich vor lauter Gestrüpp kein Haus erkennen. Sir Maba Kaloch ist offenbar ein Philosoph, und seine Philosophie verlangt die Verschmelzung mit der Natur - deshalb wohnt er in einem Garten ohne architektonischen Luxus, dachte ich belustigt, doch schon im nächsten Moment stieß ich mit der Nase an eine Hauswand, die fast unsichtbar war, weil der ganze Bau hinter einem dichten Pflanzenvorhang verborgen war.

»Gute Tarnung!«, rief ich begeistert.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie recht du hast. Weißt du, Max, warum ich mich ans Steuer unseres Wagens gesetzt habe? Du wirst lachen: Ich habe schon ein paar Besuche bei Maba gemacht und sein Haus stets nur mit Glück gefunden. Es ist unmöglich, sich den Weg hierher zu merken. Es bleibt einem nur die Hoffnung, dass es nächstes Mal klappt. Maba Kaloch ist der unübertreffliche Meister der Tarnung.«

»Vor wem versteckt er sich denn?«

»Vor niemandem. Es ist nur schwierig, ihn zu entdecken. Man kann sich das nicht vornehmen - es geschieht von allein. Das ist auch so ein Aspekt der Beschäftigung mit Wirklicher Magie.«

»Wieso ist Ihr Haus eigentlich so leicht zu finden, Juffin? «

»Erstens hat jeder von uns seine Eigenheiten, und zweitens müsste ich vermutlich erst so alt werden wie Sir Maba, um auf die seltsame Idee zu kommen, mich derart zu verstecken.«

»Wollen Sie damit sagen ...«

»Ich will gar nichts sagen. Aber wenn du mich fragst: Es kommt schon mal vor, dass alte Leute zu Fanatikern der Tarnung werden. Der Orden des Erkenntnismoments existierte - lass mich kurz überlegen - etwa dreihundert Jahre. Und ich hab nie davon gehört, dass sich in der Führungsebene des Ordens etwas geändert hätte.«

»Ach.« Mehr konnte ich dazu nicht sagen.

Sir Juffin bog um die Ecke des beinahe unsichtbaren Gebäudes und landete vor einer Sperrholztür, die besser zu einem Studentenheim als zur Villa eines Großen Magisters gepasst hätte. Sie öffnete sich mit leisem Quietschen, und wir traten in einen leeren, kühlen Korridor.

Sir Maba Kaloch, der Große Magister des Ordens des Erkenntnismoments, war dafür bekannt, seine Organisation ein paar Jahre vor Beginn der Traurigen Zeit friedlich aufgelöst zu haben. Danach hatte er es fertiggebracht, sich völlig aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, ohne Echo auch nur einen Tag zu verlassen. Diese lebende Legende erwartete uns nun also im Wohnzimmer.

Sie sah ziemlich gewöhnlich aus, war zwar nicht groß, aber untersetzt, und hatte eine starke Mimik. Schön waren an diesem Mann nur die lustigen runden Augen. Wenn er jemandem ähnelte, dann unserem klugen Vogel Kurusch.

»Du hast schon lange nicht mehr vorbeigeschaut, Juffin!«

Sir Maba Kaloch sagte diesen Satz so, als habe ihm die lange Abwesenheit von Juffin Halli großes Vergnügen bereitet.

»Ich freu mich, dich zu sehen, Max«, fuhr er fort und dienerte scherzhaft vor mir. »Hättest du mir dieses Wunder doch früher vorgestellt, Juffin! Kann man ihn anfassen?«

»Probier's mal. Soweit ich weiß, beißt und kratzt er nicht. Man kann ihn sogar auf den Boden fallen lassen.«

»Auf den Boden? Tolle Sache!«

Maba Kaloch berührte mich mit dem Zeigefinger und zog die Hand schnell zurück, als hätte er Angst vor Verbrennungen. Dann nickte er mir freundlich zu, als wollte er sagen: Wir wissen doch beide, dass diese Inszenierung nur für Juffin gedacht ist. Also halt durch! Mach dem Alten die Freude! Sir Maba bediente sich nicht der Stummen Rede, doch ich hätte wetten mögen, dass er mir mit seinem Augenzwinkern genau dies hatte sagen wollen. Das konnte ja heiter werden: Nicht nur hatte er mich »Wunder« genannt - er hatte mich obendrein betastet wie ein frisches Brötchen!

»Setzt euch, Kinder«, rief Sir Maba und wies mit großer Geste auf seinen Tisch. »Bei mir findet ihr etwas Besseres als eure schwarze Brühe.«

Mit der schwarzen Brühe meinte er - wie ich vermutete - die Kamra, also das Lieblingsgetränk der Bewohner des Vereinigten Königreichs und zugleich das hiesige Äquivalent für Tee und Kaffee.

»Das ist bestimmt wieder so ein gekochtes Kraut«, sagte Juffin streitlustig. Er wurde leicht wütend, wenn man ihn an einer Schwachstelle traf.

»Jedenfalls ist es sicher etwas anderes als euer wässriger Teer. Wer hat euch überhaupt gesagt, dass der genießbar ist? Ihr habt euer Lieblingsgetränk doch nur mit ein paar Zaubersprüchen gewürzt, ihr Schlaumeier ... Nicht schmollen, Juffin! Probieren! Das ist wirklich etwas Besonderes.«

Sir Maba Kaloch hatte recht. Das hellrote Heißgetränk, das auf den Tisch gekommen war, erinnerte ein wenig an den Kachar-Balsam, den ich so vergöttere, und war mit einigen Aromen mir unbekannter Blumen gemischt.

»Endlich bekommt man in diesem Haus mal was Anständiges vorgesetzt«, bemerkte Juffin und begann langsam aufzutauen.

»So müde hab ich dich seit dem ersten Tag der Epoche des Gesetzbuchs nicht mehr gesehen«, sagte unser Gastgeber, stand auf und streckte sich knirschend. »Warum nimmst du die paar Morde nur so ernst, Juffin?

Wäre die Welt zusammengestürzt, wärst du bestimmt ruhiger gewesen - und das würde dir sicher besser bekommen.«

»Erstens macht es mich rasend, wenn ich eine Sache nach ein paar Stunden nicht völlig geklärt habe - das weißt du doch. Und zweitens hat Max eine Idee gehabt, die mir überhaupt nicht gefällt: Vielleicht haben wir ja beide die Tür zwischen den Welten offen gelassen ... Verstehst du jetzt, Maba, dass es sich nicht um einen Scherz handelt?«

»Die Tür zwischen den Welten bleibt nie lange dicht. Es ist höchste Zeit, dass du das endlich begreifst, Juffin. Du kannst also guten Gewissens sein. Einverstanden - ich steh dir zu Diensten. Aber nur unter der Bedingung, dass ihr beide noch eine Tasse von meiner neuen Errungenschaft trinkt. Ich bin nämlich sehr eitel.«

»Sündige Magister! Und ich hatte schon Angst, du hättest keine einzige menschliche Schwäche«, meinte Juffin lächelnd und wandte sich an mich. »Max, warum sitzt du wie angenagelt da? Das ist das einzige Haus in Echo, wo man sich vor niemandem genieren muss. Nimm das zur Kenntnis und genieße es.«

»Ich geniere mich doch gar nicht. Ich brauche nur etwas Zeit, um

»... dich an den Geruch zu gewöhnen?«, fragte Maba Kaloch interessiert. Seine runden Augen funkelten wie das freundlichste Röntgengerät, das mir je begegnet war.

»So ähnlich. Es dauert meist nicht lange, bis ich merke, dass ich mich schon wieder an etwas gewöhnt hab, aber manchmal

»... manchmal stellst du fest, dass du dich an etwas nicht gewöhnen kannst oder solltest, und dann versuchst du, dich davonzumachen«, beendete Sir Maba meinen Satz. »Na, das ist ja ein vielversprechender Auftakt für die Arbeit an unserem Fall. Versuch einfach, dich an den Geruch zu gewöhnen, mein Wunder. Was mich anlangt - ich hab mich schon an dich gewöhnt.«

Ich nickte und schenkte uns gehorsam eine zweite Tasse ein.

»Kannst du eigentlich prüfen, ob Max recht hat oder nicht?«, fragte Juffin und trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch.

»Natürlich kann ich das. Aber wozu? Du weißt doch selbst, dass er recht hat, Juffin. Du bist nur müde. Und das nicht nur wegen dieses Falls. Doch es ist deine Entscheidung gewesen, dein Leben mit sinnlosen Scherereien zu vertändeln.«

»Irgendeiner muss es schließlich tun«, murmelte Sir Juffin.

»Nicht irgendeiner, sondern du - das stimmt wohl. Willst du, dass ich mir anschaue, wie alles gelaufen ist?«

»Natürlich. Wenn jemand aus einer anderen Welt durc


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h Echo irrt, muss ich wissen, ob er nur zufällig hierhergeraten ist.«

»Nenn die Dinge doch beim Namen, Juffin! Vor allem interessiert dich, wie viele unbekannte Gäste dir noch in die Hände fallen können.«

»Du hast mich mal wieder durchschaut. Natürlich interessiert mich das. Schließlich ist das meine Arbeit.«

»Na schön. Wenn ihr noch ein Tässchen trinken wollt: Der Krug steht auf dem Tisch. Ich hoffe, ihr langweilt euch nicht bei mir. Ich jedenfalls ...«

Mit diesen Worten verschwand Sir Maba unterm Tisch. Ich sah Juffin schockiert an.

»Was soll das?«

»Schau nach, dann weißt du's.«

Ich blickte unter das Möbelstück. Natürlich war dort niemand. Was hatte ich denn erwartet!?

»Die Tür zwischen den Welten kann überall sein, Max«, sagte Juffin sanft. »Also kann sie sich auch unter dem Tisch befinden. Welchen Unterschied macht das schon? Aber wer diese Tür öffnen will, muss sich vor fremden Blicken schützen. Maba braucht dafür eine Sekunde. Ich würde dafür etwa zwei Minuten benötigen. Wie lange hast du eigentlich auf die merkwürdige Bahn gewartet, mit der du in mein Schlafzimmer gereist bist?«

»Ungefähr eine Stunde.«

»Gar nicht schlecht für einen Anfänger. Das ist alles nur eine Frage der Übung, mein Junge. Schenk mir noch eine Tasse von diesem Zeug ein. Anscheinend hab ich gefunden, was ein müder Mensch wirklich braucht.«

»Es wäre nicht schlecht, das Rezept zu bekommen«, meinte ich gedankenverloren.

»Ein Rezept dafür? Das gibt es nicht. Ich weiß doch, wie Maba kocht. Der nimmt alles, was ihm unter die Finger gerät, und so was kommt dann dabei heraus.«

»Sündige Magister! Juffin, das geht mir zu weit.«

»Mir auch. Jedenfalls im Moment. Aber das mag sich ändern - schließlich lebe ich ja schon etwas länger in Echo als du. Und ich verschwende meine Zeit nicht umsonst. Das Problem besteht darin, Max, dass hier alles sehr langsam passiert.«

»Mein Problem ist, dass hier alles sehr schnell passiert.«

»Dann hast du eben Glück. Akzeptier das einfach.«

In einer entfernten Ecke des Zimmers knallte eine Tür. Sir Maba Kaloch kehrte an den Tisch zurück und war lebensfroh wie immer.

»Vielen Dank, Juffin! Ich hab es richtig genossen, die von euch geöffnete Tür zu betrachten - und die lustige Welt dahinter. Köstlich war das.«

»Schön, dass es dir so gut gefallen hat. Aber wenn ich höre, was Max davon erzählt, gefällt mir seine Welt immer weniger.«

»Ich hab auch nicht behauptet, sie wäre nach meinem Geschmack. Aber es war wirklich köstlich. So was Lustiges hab ich schon lange nicht mehr erlebt. Max, bist du eigentlich froh, davongelaufen zu sein?«

»Inzwischen vermag ich mir nicht mal mehr vorzustellen, dass es hätte anders sein können. Aber am Anfang ist es mir sehr schwergefallen, mich hier einzuleben.«

Sir Maba Kaloch nickte, machte es sich in seinem Sessel bequem und zog gedankenverloren einen Korb mit Brötchen unter dem Tisch hervor. Er probierte eins, nickte beifällig und stellte seine Beute auf den Tisch.

»Durchaus essbar. Ich will eure Geduld nicht auf die Folter spannen. Also erzähl ich euch, wie alles gelaufen ist. Erstens, Max, hast du völlig richtig vermutet: Tatsächlich ist ein Landsmann von dir in Echo aufgetaucht. Juffin, unter uns gesagt: Ich sehe zum ersten Mal einen Menschen seines Alters mit so gut entwickelter Intuition!«

»Ich auch«, nickte mein Chef bestätigend, und ich wurde vor Stolz ganz rot.

»Glückwunsch euch beiden! Greift zu! Keine Angst! Ich kann zwar nicht erklären, woher ich sie habe, aber das besagt nichts.«

»Giftmörder«, murmelte Juffin und schob sich ein Brötchen in den Mund. »Jetzt du, Max. Wenn man sterben soll, dann am besten zusammen.«

Das Gebäck war ausgezeichnet. Sein Geschmack kam mir bekannt vor - aber woher?

»Ich weiß nicht, wie ihr es geschafft habt, Kinder«, fuhr Sir Maba Kaloch fort, »doch ihr habt die blödeste Methode gewählt, von einer Welt in die andere zu gelangen, von der ich je gehört habe.«

»Was heißt hier >wir<? Das hat Juffin eingefädelt. Ich hab nur seine Anweisungen erfüllt«, versuchte ich zu protestieren. Ich brauchte keine fremden Lorbeeren - ich hatte an meinen genug.

»Aber Max«, seufzte Juffin. »Wie hätte ich diese merkwürdige Straßenbahn denn erschaffen sollen? Ich hab doch noch immer keine Ahnung, worum es sich dabei handelt! Irgendwann begreifst du bestimmt, dass deine Überfahrt unser gemeinsames Werk war. Bis dahin musst du einfach daran glauben.«

»Und versuch zu akzeptieren, dass du die nächsten paar hundert Jahre nicht wissen wirst, was du eigentlich machst«, ergänzte Sir Maba. »Das wird dir nur anfangs schwierig Vorkommen - später erscheint einem diese Ahnungslosigkeit richtig interessant. Aber jetzt zurück zu meinen Reiseerlebnissen. Ich habe mich in die dunkle Straße begeben, wo sich für dich die Tür zwischen den Welten geöffnet hat. Dort ist jemand ziellos umhergestreift, der von Mordgedanken besessen war. Das ist an sich nichts Besonderes, aber Besessene faszinieren mich nun mal, Max. Egal wie primitiv sie sind - sie haben stets ein Gespür für das Wunderbare. Was allerdings den ziellos umherstreifenden Mann anlangt, war mir gleich klar, dass er bereits eines Wunders teilhaftig war. Ein merkwürdiger Wagen namens Straßenbahn näherte sich ihm. In meinem ganzen Leben hab ich nichts Hässlicheres gesehen! Ein Transportmittel sollte doch überall fahren können, statt ausschließlich auf einen dünnen Pfad angewiesen zu sein. Und jeder davon endet doch sicher auch irgendwo.«

»Diesen Pfad nennt man Schienen«, sagte ich.

»Vielen Dank, Max. Das ändert die ganze Sache natürlich von Grund auf. Als ich begriff, wie dieser merkwürdige Wagen gebaut ist und wozu man ihn braucht, lachte ich mich beinahe über ihn tot. Aber das Auftauchen der Straßenbahn war auch für den Besessenen eine Überraschung. Schließlich wusste er, dass es in dieser Straße eigentlich keine Schienen gibt. Sündige Magister! Wie schnell manche Leute doch den Verstand verlieren.«

»Sag mal, Maba«, begann Juffin, und seine Miene verfinsterte sich, »wie groß ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit, dass die Straßenbahn auf Leute trifft, die die Welten gar nicht wechseln wollen?«

»Die Chance liegt bei annähernd null. Erstens hängt das Erscheinen dieses Wunders mit den hiesigen Mondphasen und der Stellung der dortigen Planeten zusammen, und es kommt nur sehr selten vor, dass beide Konstellationen so übereinstimmen, dass der Wechsel der Welten überhaupt möglich wird. Zweitens ist die Straße, in der Max eingestiegen ist, nachts fast immer menschenleer. Und drittens und vor allem ist der Durchgang zwischen den Welten speziell für ihn geschaffen worden.« Bei diesen Worten nickte er mir zu. »Normalverbraucher bekommen von diesem Durchgang nichts mit und können ihn daher auch nicht nutzen. Nur Eingeweihte oder völlig Verrückte können auf diesem Weg in eine fremde Welt geraten. Also keine Sorge, Juffin - solche Zufälle sind extrem selten. Es sei denn, es hätten sich ein paar hiesige Magister dorthin verlaufen, und das ist ja immer möglich!«

»Umso mehr, als es dort keine Magister gibt«, ergänzte ich.

»Du solltest nicht immer so vorschnell urteilen«, sagte Sir Maba Kaloch vorwurfsvoll. »Oder kennst du alle Bewohner deiner Welt persönlich?«

»Natürlich nicht, aber ...«

»Na eben! Dass du bisher noch keinen Magister getroffen hast, bedeutet nicht, dass es sie dort nicht gibt. Glaub mir: Uns Magister gibt es überall.«

»Dann wird es also keine Invasion geben?«, fragte Juffin sichtlich erleichtert.

»Natürlich nicht. Ein interessantes Detail aber gibt es: In dieser Straßenbahn hat ein Fahrer gesessen. Schade, dass ich nicht genug Zeit hatte, den Charakter dieses Wesens zu erforschen. Das werde ich bestimmt demnächst in der Freizeit nachholen!«

»Handelte es sich etwa um einen euphorischen Dicken mit dünnem Schnauzbart?«, fragte ich mit angststarren Lippen. »Er hatte ein ganz einzigartiges Gesicht - unvergesslich.«

»Natürlich. Wer hätte es sonst sein können? Es handelt sich bei ihm um das erste von dir erschaffene Wesen, Max. Eigentlich solltest du einen persönlicheren Bezug zu ihm haben. So ein Wesen hab ich auch noch nie gesehen!«

»Was für ein Fahrer denn?«, fragte Juffin erstaunt. »Davon hast du mir gar nichts erzählt, Max.«

»Ich dachte, Sie wüssten auch ohne mich über alles Bescheid. Außerdem wollte ich ihn so schnell wie möglich vergessen. Beinahe wäre ich gestorben, so sehr hatte mich sein Anblick erschreckt. Den Magistern sei Dank, dass er gleich darauf verschwunden war.«

»Du hast also gedacht, dieser Mann wäre ein guter Freund von mir? Tolle Idee! Ich hätte dich wirklich genauer über deine Reise befragen sollen. Mein praktischer Sinn hat mich in die Irre geführt: Ich dachte, wenn du erst mal hier bist, ist alles andere egal. Maba - um was für ein Wesen handelt es sich bei diesem Mann eigentlich?«

»Ich hab doch gesagt, dass ich das selber noch nicht weiß. Ich kann nur wiederholen, dass ich so was noch nie erlebt habe. Wenn ich mehr Zeit habe, forsche ich genauer nach und teile euch das Ergebnis meiner Recherchen mit. Aber du bist sehr streng gegenüber dem Wesen, das du selbst geschaffen hast, Max. Der Besessene nämlich war von dem Fahrer der Straßenbahn schlicht entzückt. Er hat mit ihm gesprochen und dabei unter anderem erfahren, wie es möglich war, dass die Tram durch eine Straße fuhr, durch die sie eigentlich unmöglich hätte fahren können. Er hat sich auch gedacht, dass er sich mit dem Fahrer befreunden könnte. Streng genommen waren beide besessen, jeder auf seine Weise. Na ja, die Tram hielt, und der Junge ist eingestiegen und hat den Fahrer gegrüßt. Dann fuhr die Bahn weiter. Ich kann euch leider keine schockierenden Details von der gemeinsamen Reise liefern, weil ich zu faul war, sie genauer zu erforschen. Doch nach einiger Zeit ist der Besessene in Echo aufgetaucht, und zwar im Hinterhof vom Fressfass. Er war hungrig und verängstigt und hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank.«

»Tassen? Was für Tassen? Und welcher Schrank?«, fragte Juffin.

»Einfache weißblaue Tassen in einem Holzschrank«, antwortete Sir Maba, setzte aber gleich hinzu: »Das war nur ein Scherz. Ich habe mich seiner eigenen Formulierung bedient, um möglichst genau zu sein. In so einem Fall hat jede Kleinigkeit eine Bedeutung. Max, kannst du uns den Ausdruck mit den Tassen und dem Schrank erklären?«

»Na ja«, antwortete ich gedankenverloren. »Nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben bedeutet, ziemlich wunderlich zu sein und Dinge zu tun, über die andere nur den Kopf schütteln können. Offen gesagt benutze ich diesen Ausdruck selbst.«

»Das hast du wirklich gut erklärt«, meinte Sir Maba Kaloch sichtlich zufrieden. »Aber was später geschehen ist, wisst ihr beide besser als ich, weil sich die Tür zwischen den Welten geschlossen hat und ich das Interesse an eurem Freund verloren habe.«

»Hör mal, Maba, sollte man nicht vielleicht ...«, begann Juffin.

»Nein, das sollte man nicht.«

»Na gut, vergiss es. Aber erzähl uns bitte alles, was du über das merkwürdige Wesen mit Schnauzbart in Erfahrung bringst.«

»Dann komm in einem Dutzend Tagen vorbei - oder schon früher. Aber nicht mit so einem besorgten Gesicht. Und du, Max, kannst mich auch besuchen kommen, ob nun mit Juffin oder allein - vorausgesetzt, du findest mich. Dabei kann ich leider keinem helfen. Also gut, Herrschaften, es war mir ein Vergnügen, mich mit euren Problemen zu beschäftigen - und wann kann man das schon sagen! Na dann ...«

Sir Maba Kaloch warf den Tisch, an dem wir gesessen hatten, mit großer Geste um, und das Geschirr landete klirrend auf dem Boden. Ich zuckte instinktiv zurück und brachte dadurch auch meinen Stuhl zum Kippen. Gleich darauf landete ich - nach einem idiotischen Salto ä la Melifaro - auf allen vieren.

Noch einen Moment später begriff ich, dass ich nicht auf dem Boden im Wohnzimmer gelandet war, sondern auf einem dünnen, grasbewachsenen Pfad im Garten. Erschrocken sah ich mich um. Neben mir kicherte Juffin vor Vergnügen.

»Maba überrascht Neuankömmlinge gern. Als ich ihn kennenlernte, hat er mich auf den Grund eines Sees versetzt, wo ich dann auf allen vieren gekrochen bin und nach einer Leiter geschrien habe. Ich hatte kurzfristig vergessen, dass ich schwimmen kann. Mehr noch: Ich hatte keinerlei Vorstellung mehr davon, dass es überhaupt so etwas wie Schwimmen gab, und brauchte Stunden, um ans Ufer zu kommen. Und ein paar Jahre, um mich daran zu erinnern, wie ich in diese Lage geraten war. Und bis dahin war mein Zorn auf Maba verraucht. Glaub mir, Max - dich hat er überaus human behandelt.«

»Human nennen Sie das? Aber wie dem auch sei - Sir Maba hat mir von Anfang an sehr gefallen.«

»Schön, dass wir einen so ähnlichen Geschmack haben. Und jetzt lass uns fahren. Du kannst dich ans Steuer setzen. Den Rückweg zu finden ist kein Problem.«

»Worüber haben Sie eigentlich zum Schluss mit Maba gesprochen, Sir Juffin?«, fragte ich, als ich nach dem Abschied vom Großen Magister wieder zu Kräften gekommen war. »Worauf wollten Sie mit der Frage hinaus, die er so rüde mit dem Bescheid »Nein, das sollte man nicht* abgewürgt hat? Entschuldigen Sie meine Neugier, aber das interessiert mich nun mal sehr.«

Sir Juffin Halli winkte ab. »Das ist kein Geheimnis! Ich hatte ihn eigentlich fragen wollen, ob sich dein Landsmann nicht viel schneller finden ließe, wenn man ... na ja ... wenn man dich als Muster nähme. Gibt es vielleicht in deiner Welt einen Duft, den ich nicht zu riechen vermag, weil ich nicht von dort komme? Oder etwas Ähnliches, um die Suche nach dem Mörder zu beschleunigen?«

»Und? Gibt es so ein Lockmittel?«

»Nein, das hast du doch gehört.«

»Riecht meine Heimat also nach nichts Besonderem? Das wäre mir unangenehm. Verstehen Sie das?«

»Sie kann durchaus einen Duft haben. Nur du, Max, eignest dich nicht mehr dafür, als Spürhund eingesetzt zu werden.«

»Sie beleidigen mich«, murmelte ich empört.

»Im Gegenteil. Die Beschäftigung mit Wirklicher Magie hat dich verändert. Vielleicht hast du das noch nicht bemerkt, aber glaub mir: Wenn man dich als Muster nähme, käme man womöglich auf einen wie mich ... oder wie Maba Kaloch.«

»Das passt ja ganz gut«, meinte ich. »Schließlich haben Sie selber gesagt, es sei kein Zuckerschlecken, bei ihm zu Gast zu sein.«

»Ich würde vorschlagen, dass wir zuerst den Besessenen finden und uns dann den anspruchsvolleren Dingen des Lebens zuwenden - zum Beispiel dem Schlaf. Oh, wir sind ja schon da!«

»Und die Kleidung des Besessenen?«, fragte ich beim Aussteigen. »Die ist für den Aufenthalt in Echo bestimmt denkbar schlecht geeignet - so wie die Hose, in der ich damals angekommen bin.«

Ich war enttäuscht, als mein Chef achselzuckend fragte: »Was redest du da? Wir sind schließlich in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs. Hier gibt es sehr viele Zugereiste. Für niemanden ist es ein Geheimnis, dass mindestens die Hälfte der Welt Hosen trägt. Sogar die Bewohner der Stadt Gazin - ganz abgesehen von deinen Lieblingen aus den Grenzgebieten. Mit einer Hose kannst du hier wirklich keinen schockieren. Die Zeiten, als man in Echo jedes exotische Kleidungsstück angestarrt hat, sind lange vorbei. Inzwischen setzt so ein Quatsch niemanden mehr in Erstaunen. Aber da kommt ja Melifaro! Wie geht's?«

»So lala. Es sind keine neuen Leichen aufgetaucht«, meldete Melifaro rasch. »Der Täter hat sich offenbar verausgabt. Sir Juffin, sind Sie bereit, mein Leben vor diesem Gift speienden Monster zu schützen? Er hat mir gestern mit dem Tode gedroht.«

Ich starrte Melifaro verständnislos an. »Was redest du da?«

Ich hatte den Besuch, den Lonely-Lokley mir am Vortag abgestattet hatte, ganz vergessen. Nach diesem Auftritt war das Leben des Tagesantlitzes des Ehrwürdigen Leiters tatsächlich in Gefahr gewesen, doch inzwischen nicht mehr.

»Nimm es mir bitte nicht krumm, Melifaro, wenn ich deine Ermordung noch etwas hinauszögere, doch vor dem Hintergrund der neuesten Verbrechensserie wäre diese Tat zu banal. Ich will nicht als Nachahmer eines unbekannten Genies gelten.«

»Du klopfst vielleicht Sprüche! Im Moment werden doch lauter junge Frauen umgebracht, und ich bin ein Mann im besten Alter.«

Ich winkte ab: »Der Unterschied ist minimal. Tod bleibt Tod.«

»Du bist ein Philosoph«, bemerkte Juffin beifällig. »Komm, Melifaro. Wir brauchen einen intelligenten Faulenzer wie dich, der sich von den Ereignissen nicht so rasch überrumpeln lässt. Ich hab mich schon bei Sir Kofa gemeldet, und er kommt in einer halben Stunde zu uns.«

»Er muss noch ein paar Piroggen essen und im Wirtshaus die neuesten Gerüchte aufschnappen«, sagte Melifaro und nickte dabei enthusiastisch. »Aber ich kann Kofa durchaus verstehen - schließlich gehört das zu seinen Pflichten.«

Im Büro ließ Juffin sich mit einem breiten Grinsen in den Sessel sinken.

»Du hast getan, was du konntest, Melifaro. Aber jetzt musst du schon wieder ran. Wir wissen, dass der Mörder ein Landsmann von Max ist. Was sagst du dazu?«

»Die Kleidung zählt nicht mehr«, antwortete Melifaro rasch. »Jemand, der eine Hose trägt, ist heutzutage kein Ereignis.«

»Das hab ich dir doch gesagt!«, meinte Juffin zu mir.

»Das Gleiche betrifft auch die Sprache. Akzent und unübliche Kleidung eignen sich zwar als Indizien, doch um den Mörder dadurch zu überführen, braucht man viel Zeit«, sagte Melifaro und schob die Finger unter seinen Turban. »Denk doch mal darüber nach, wodurch sich dein Landsmann sonst noch von anderen ... na ja ... normalen Leuten unterscheidet. Verzeih mir bitte, dass ich dich gerade zu den Anomalen gerechnet habe. Aber gibt es ein auffälliges Charakteristikum, das es erlauben würde, deinen Landsmann auch in einer riesigen Menschenmenge auf Anhieb zu entdecken?«

»Um darauf zu antworten, muss ich mich voll konzentrieren«, antwortete ich. »Und das kann ich am besten im Bad. Vielleicht habe ich dort ja eine geniale Idee. Meine Herrschaften, ich bitte um Verzeihung. In einer Minute bin ich wieder da.«

»In einer Minute schon?«, gab Juffin maliziös zurück.

Ich machte eine kurze Pause, auf die jeder in allen Welten ein Recht hat. Im Korridor hörte ich einmal mehr die Suada einer mir nur allzu bekannten Stimme und näherte mich, um die Schimpfkanonade noch besser genießen zu können.

General Bubuta Boch sah sich gerade misstrauisch um und ertappte mich dabei, wie ich lächelnd um die Ecke bog.

»... weil alle diese Leute sich bestimmt dafür interessieren, was sie ihnen zu sagen hat«, verkündete Bubuta Boch gerade mit hölzerner Stimme, ohne den Blick von meinem Gesicht zu wenden. Kapitän Fuflos (sein Vertreter und Verwandter) sah zur Decke hinauf und machte eine so gelangweilte wie interessante Atemgymnastik.

»Ich habe gerade angeordnet, Ihnen zu dem Fall, mit dem Sie sich seit gestern beschäftigen, eine wichtige Zeugin zu schicken«, rief Bubuta ehrerbietig, und ich dachte: Hoppla - der kann ja sogar normal reden, wenn er will.

»Ausgezeichnet«, erklärte ich mit wichtiger Miene. »Sie haben gesetzestreu und situationsadäquat gehandelt, Sir Boch.«

Ehrenwort: Als er das hörte, seufzte er vor Begeisterung.

Als ich in Juffins Büro zurückkehrte, herrschte ausgelassene Stimmung. Eine lebhafte rothaarige Lady im teuren hellen Lochimantel hielt eine Tasse Kamra in der Hand und betrachtete kokett das Hollywoodgesicht von Sir Melifaro. Ich hatte den Eindruck, sie war der Flirtzeit seit mindestens hundert Jahren entwachsen, doch sie sah das offenbar anders.

»Das ist unser Sir Max«, sagte Juffin und konstatierte damit - was ihm bisher selten passiert war - etwas Offenkundiges. »Fangen Sie bitte an, Lady Tschedsi.«

Die Frau wandte sich zu mir um. Als sie meine Uniform sah, bekam ihr Gesicht ein falsches Lächeln. Dann drehte sie sich wieder weg, was mich nicht im Geringsten betrübte. Bescheiden setzte ich mich auf meinen Platz und nahm mir auch eine Tasse Kamra.

»Vielen Dank, Sir! Wenn Sie wüssten, mit wie merkwürdigen Leuten ich mich vorhin bei der Polizei habe rumschlagen müssen! Nicht mal eine ordentliche Tasse Kamra haben die mir angeboten - von einem bequemen Stuhl ganz zu schweigen.«

»Das kann ich mir durchaus vorstellen«, sagte Juffin mit sehr mitfühlender Miene. »Ich habe aber den Eindruck, dass Sie aus einem anderen Grund zu uns gekommen sind.«

»Natürlich! Heute Morgen hatte ich eine Vorahnung: Mir war irgendwie klar, dass ich nicht einkaufen gehen sollte, und das hab ich dann auch nicht getan, weil ich meiner Intuition stets vertraue. Dann aber hat sich meine Freundin Lady Chedli per Stummer Rede gemeldet und wollte sich unbedingt mit mir treffen. Das hab ich nicht ablehnen können. Also haben wir uns im Rosa Buriwuch verabredet. Ich bin nicht mit dem A-Mobil gefahren, sondern zu Fuß gegangen, weil ich in der Straße der Hohen Wände lebe, also

»... ist es bis zum Rosa Buriwuch nur ein Sprung«, ergänzte Melifaro nickend. Lady Tschedsi sah ihn zärtlich, aber alles andere als mütterlich an.

»Stimmt, Sir! Sie kennen sich ja prima aus! Wohnen Sie etwa in der Nähe?«

»Nein, aber ich habe vor, dorthin umzuziehen«, sagte Melifaro verbindlich. »Aber fahren Sie doch bitte fort, wunderbare Lady.«

Die Frau wurde ganz rot, so entzückt war sie über Melifaros Schmeichelei. Ich dagegen konnte mir nur mühsam ein Lachen verkneifen. Hätte ich mich nicht beherrscht, hätte sie ihre Aussage sicher so lange verweigert, bis ich verschwunden gewesen wäre.

»Ich verließ das Haus, ohne weiter auf meine Vorahnung zu achten, doch sie hatte mich nicht getrogen. Kaum hatte ich mein Viertel verlassen, kam ein furchtbarer Barbar auf mich zugestürzt. Er hatte einen widerlich schmutzigen Lochimantel und eine hässliche Hose an und taumelte entsetzlich. So einen besoffenen Kerl hab ich noch nie gesehen. Na ja, einmal hat sich mein Cousin Dschamis betrunken, aber das war noch vor der Epoche des Gesetzbuchs. Damals hat man den armen Dschamis ja noch verstehen und ihm verzeihen können ... Jedenfalls hat dieser ekelhafte betrunkene Widerling versucht, mit dem Messer auf mich einzustechen. Er hat sogar meinen neuen Lochimantel, den ich erst gestern in Dirolans Boutique gekauft habe, aufgeschlitzt. Können Sie sich vorstellen, wie viel ich für den Mantel bezahlt habe? Ich finde solche Männer unmöglich. Deshalb hab ich ihm gleich eine Ohrfeige verpasst, mich dann aber sehr erschrocken. Und er hat mir etwas Merkwürdiges zugeflüstert, ich glaube »Schachtel« oder »alte Schachtel«. Das muss irgendein Barbarenschimpfwort sein. Danach ist er weggelaufen. Ich bin wieder nach Hause gegangen, um mich umzuziehen, und hab mich bei meiner Freundin gemeldet, damit sie sich nicht über meine Verspätung ärgert. Als ich ihr die ganze Geschichte erzählte, meinte sie, ich sei womöglich dem Serienmörder begegnet, von dem sie im Trubel von Echo gelesen hat. Diese Vorstellung hat mich erst wirklich erschrecken lassen. Und Chedli hat mir geraten, zu Ihnen zu kommen - natürlich nicht zu Ihnen persönlich, sondern ins Haus an der Brücke. Also hab ich mein A-Mobil genommen und bin hergefahren. Das ist die ganze Geschichte. Denken Sie, dass ich wirklich dem Mörder begegnet bin? Er war so schwach! Ich hab keine Ahnung, warum seine Opfer ihn nicht fertiggemacht haben. Eine Ohrfeige hätte dafür doch vollauf gereicht!«

»Ich danke Ihnen sehr, Lady Tschedsi«, erklärte Juffin feierlich. »Ich glaube, Ihr Mut hat nicht nur Sie, sondern auch das Leben anderer gerettet. Und jetzt gehen Sie bitte nach Hause. Ich bereue es sehr, dass wir uns nur so flüchtig kennengelernt haben, aber wir müssen so schnell wie möglich den Mann finden, der Sie belästigt hat.«

»Den finden Sie bestimmt - da bin ich mir sicher.«

Die Lady verschwand, wackelte dabei graziös mit den Hüften und warf uns allen einen so heißen wie affektierten Blick über die hochgezogene Schulter zu. Und der glückliche Melifaro bekam zum Abschied noch ein so strahlendes Lächeln geschenkt, dass er beinahe darunter zusammengebrochen wäre. Als die Lady das Büro endlich verlassen hatte, sah der Arme zur Decke und sagte: »Sündige Magister! Womit hab ich das verdient?! Ich bin doch noch nicht mal rothaarig.«

»Dafür kannst du dich um den Chefposten von Dirolans Boutique bewerben, falls hier was schiefgehen sollte«, meinte Juffin lächelnd und wandte sich dann an mich. »Na, Max, weißt du schon, wodurch du dich von normalen Leuten - um einen Begriff unseres heißblütigen Melifaro zu verwenden - unterscheidest?«

Schweigend zuckte ich die Achseln und trank meine kalte Kamra aus. Von normalen Leuten unterschied mich vieles - besonders jetzt. Ich hatte mir überlegen sollen, wodurch sich meine alten Landsleute von den Bewohnern von Echo unterscheiden. Die lustige Episode mit General Bubuta Boch und die ehrliche Beichte von Lady Tschedsi allerdings hatten mich abgelenkt.

»Hier bin ich«, rief Sir Kofa Joch und schenkte uns allen das ruhige Lächeln eines satten Menschen. »Ich bitte, meine Verspätung zu entschuldigen, aber mir ist etwas Lustiges passiert. Juffin, Sie haben mich an der Schwelle des Alten Dorn erreicht ... «

Erschrocken sprang ich auf, der Stuhl fiel um, und meine glücklicherweise schon geleerte Tasse zerbrach klirrend am Boden. »Was bin ich doch für ein Idiot!«, rief ich. »Wie konnte ich das bloß vergessen! Die Suppe, Melifaro! Die Rekreationssuppe! Juffin, wissen Sie noch, was damals mit mir los war? Natürlich hat er geschwankt! Und wie! Schließlich ist er mein Landsmann! Er hat die Suppe probiert. Daher die Morde!«

»So einfach ist das also!«, seufzte Juffin erleichtert. »Damit ist unsere Qual beendet. Wir dürfen aber nicht stolz auf uns sein, denn wir haben einfach nur Glück gehabt. Theoretisch hätte der Mörder noch jahrelang in Echo herumirren und sich von anderen Dingen ernähren können.«

»Was hat es eigentlich mit dir und dieser Suppe auf sich?«, fragte Melifaro verlegen. »Irgendwas begreife ich hier nicht, meine Herrschaften.«

»Max darf die Rekreationssuppe nicht essen«, erklärte Juffin. »Aber macht darüber bloß keine Witze. Sie ist Gift für ihn. Ein Teller schon hat ihn drei Tage außer Gefecht gesetzt. Ich war ganz ratlos.«

»Du Armer!«, sagte Melifaro mitfühlend. »Du bist in letzter Zeit recht gereizt. Als ob dir Lonely-Lokley im Nacken säße. Aber ohne diese Suppe zu leben, ist ein herber Verzicht!«

»Schön wär's, wenn das der schlimmste Verzicht in meinem Leben wäre«, meinte ich und zuckte die Achseln. »Mir geht's auch ohne diese Suppe ganz gut.«

»Jetzt ist mir alles klar«, meldete sich Sir Kofa unerwartet zu Wort. »Sie können Lonely-Lokley zum Alten Dorn schicken. Dort sitzt der Mörder gerade. Seinetwegen hab ich mich dort so lange aufgehalten.«

»Ich geh allein dorthin«, rief Melifaro und landete mit nur einem Sprung an der Türschwelle. »So ein Naturwunder darf man auf keinen Fall töten. Unser Schnitter des Lebensfadens kann in der Zwischenzeit ja meine Papiere ordnen - dieses Vergnügen sollte man ihm nicht länger vorenthalten.«

»Wir fahren zusammen«, sagte Juffin und erhob sich. »Ich bin nämlich auch neugierig. Max begleitet uns natürlich, um seinen Landsmann zu begrüßen. Und Sir Kofa hat auch ein Recht darauf, einen Teil der Lorbeeren zu bekommen.«

Ehrlich gesagt war ich von dieser Idee ganz und gar nicht begeistert. Ich würde gleich den Menschen sehen, der die gleiche Reise wie ich unternommen und - um mich der Redewendung von Sir Juffin zu bedienen - meine Tür zwischen den Welten benutzt hatte. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich das Treffen abgelehnt, aber mich hatte ja niemand gefragt.

Ich durfte mich ans Steuer des A-Mobils setzen, weil es ohnehin nicht weit war.

Unterwegs berichtete uns Sir Kofa kurz seine Eindrücke: »Heute Mittag um kurz nach zwölf ist im Alten Dorn ein seltsamer Typ aufgetaucht. Wie ihr alle wisst, vergöttert der Wirt Tschemparkaroke seltsame Vögel. Tschemparkaroke ist noch immer so neugierig wie an dem Tag, da er von der Insel Murimach nach Echo gekommen ist. Allerdings sagte ihm der Besucher schon an der Tür, alle Frauen seien ... Oje, jetzt hab ich's vergessen! Jedenfalls war es ein merkwürdiges Wort.«

»Schachteln«, half ich ihm flüsternd weiter. »Er hat bestimmt gesagt, alle Frauen seien Schachteln.«

»Stimmt, Max! Bist du etwa ein Hellseher?«

»Nein, aber manische Typen wie dieser Mann hängen meist an einem Wort und wiederholen es immer wieder. Er hat der rothaarigen Lady das gleiche Wort gesagt: alte Schachtel. Daher weiß ich es.«

»Und was bedeutet das?«, fragte Melifaro interessiert.

»Nichts Besonderes. Ein schrulliges, ziemlich unangenehmes Weib, könnte man vielleicht sagen.«

Als Melifaro diese Erläuterung hörte, wurde er beinahe übermütig. Ich hingegen zog es vor, mit meinen Erklärungen fortzufahren.

»Manische Männer verübeln Frauen oft etwas. Ihr Zorn kann sich auf das ganze Geschlecht richten oder nur auf Blondinen oder Pummelige oder so.«

»Lass doch die Kleinigkeiten«, murmelte Juffin. »Sir Kofa soll weitererzählen.«

»Tschemparkaroke war begeistert, ein ihm unverständliches Wort gehört zu haben, und nickte dem Fremden freundlich zu. Der fragte den Wirt, ob er ein Schmerzmittel für ihn habe, und Tschemparkaroke entschied, die beste Arznei sei ein Teller seiner vortrefflichen Suppe. Der Gast wollte zuerst nicht essen, aber der Wirt schwor bei seiner Mutter, diese Suppe sei das beste Schmerzmittel überhaupt. Also probierte der Fremde davon, und es schmeckte ihm. Und wie! Der Wirt hat gesagt, noch nie habe sich jemand so für seine Suppe begeistert. Kaum hatte der Gast aufgegessen, verschwand er. Tschemparkaroke hatte sich schon


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gedacht, dass er kein Geld dabeihatte und nicht wusste, dass in so einem Fall der König den Hungrigen die Zeche bezahlt. Die Zugereisten wissen das oft nicht und geraten deshalb mitunter in eine heikle Lage. Tschemparkaroke freute sich, dass seine Sammlung merkwürdiger Typen sich um einen weiteren Vertreter vergrößert hatte, und ging weiter seiner Arbeit nach. Nach einer Stunde war sein neuer Freund wieder da, blieb aber am Eingang und trat dort von einem Fuß auf den anderen. Kaum hatte Tschemparkaroke ihn gesehen, forderte er ihn auf einzutreten, denn er schulde ihm ohnehin nichts. Der Gast bekam eine zweite Portion Rekreationssuppe und murmelte, es gehe ihm schon besser. Als ich in den Alten Dorn kam, hatten sich dort schon viele Schaulustige versammelt. Der Wirt machte einen Bombenumsatz, und die Leute hatten was zu gaffen. Mit dem Ankömmling passierte etwas Merkwürdiges. Nach der zweiten Portion Suppe begann er erst zu lallen, dann zu tanzen - und zwar den seltsamsten Tanz, den ich je gesehen habe.

Vielleicht war es ja etwas Volkstümliches aus seiner Heimat. Dann schlief er ein, und ich stellte fest, dass ich mich zu lange im Wirtshaus aufgehalten hatte. Doch der Junge war sowieso nicht fähig, allein wegzugehen. Und obendrein hat Tschemparkaroke mir versprochen, ihn im Auge zu behalten. Ich dachte mir, dieser Sonderling könnte sich vielleicht als einer unserer Kunden entpuppen. Ich hab mich sogar gefragt, ob er ein Mensch ist. Doch ich alter Dummkopf hab mich nicht daran erinnert, dass Tschemparkaroke mir erzählt hat, Sie, Juffin, hätten den armen Jungen in den Alten Dorn geschleppt.*«

Mit dem armen Jungen war natürlich ich gemeint. Juffin seufzte reuig, als er an diesen Fehler dachte.

Am Eingang zum Alten Dorn verzog ich das Gesicht. Das Lokal war zwar berühmt, doch mein Körper wollte nicht wieder hierher, und mir war schon unterwegs übel geworden.

Das Gasthaus war so voll, als hätten alle Bewohner der Hauptstadt einen Sorgenfreien Tag. Kaum hatten sie uns gesehen, räumten sie langsam das Lokal. Der rothaarige Tschemparkaroke setzte eine kluge Miene auf und begann, energisch an den ohnehin sauberen Tellern herumzuschrubben.

Auf der breiten Holztheke lag mein Landsmann. Glücklicherweise gehörte er nicht zu meinen Schulfreunden - das wäre was gewesen! Er schien eher im Alter meines Vaters zu sein. Vielleicht aber hatte auch ein schweres Leben ihm tiefe Falten ins Gesicht gegraben. Er sah ziemlich schrecklich aus: Sein Mantel war schmutzig, seine Hose zerknittert, seit Tagen hatte er sich nicht rasiert, und er hatte tiefe Ringe unter den Augen. Der Arme! Obendrein hatte er sichtlich zu viel Rekreationssuppe gegessen. Sein flacher Atem zeigte, dass es ihm körperlich alles andere als gut ging. Wäre er in unserer Anwesenheit gestorben, hätte mich das nicht überrascht.

Angewidert verzog Juffin das Gesicht: »Und um dieses Naturwunder zu finden, haben wir den ganzen Tag vergeudet? Na prima! Max, nimm ihn mit und lass uns gehen. Tschemparkaroke! Kannst du noch was zu dieser Geschichte beitragen?«

Der rothaarige Wirt zuckte die Achseln: »Was soll ich sagen, Ehrwürdiger Leiter? Das ist keine schöne Geschichte. Am Anfang war er noch lustig, aber dann hat er zu röcheln und zu stöhnen begonnen und einen Unsichtbaren durchs ganze Wirtshaus verfolgt. Die Leute waren mit seiner Show zufrieden, denn sie mögen Sonderlinge - auch wenn sie nicht bei Trost sind. Dann aber ist er auf die Bank gekracht und sofort eingeschlafen. Ich dachte, er würde jeden Moment zu den Dunklen Magistern gehen. Für so was hab ich ein Gespür. Gleich zappelt er ein paar Mal mit den Beinen - und aus die Maus, hab ich gedacht.«

»Vielen Dank für deine Auskunft«, sagte Sir Juffin. »Ich hätte nichts dagegen, wenn er jetzt sterben würde. Und du, Tschemparkaroke, bist sehr tapfer.«

Der Wirt wirkte sehr zufrieden, obwohl er nicht recht verstand, wofür er gelobt worden war. Juffin sah mich müde an.

»Nimm ihn, Max. Worauf wartest du? Tanzen wird er demnächst sowieso nicht mehr.«

Seufzend machte ich die mir schon vertraute Handbewegung, und der halbtote Manische landete zwischen Daumen und Zeigefinger meiner Linken - dort also, wo einige Zeit zuvor schon Lonely-Lokley gesessen hatte. Tschemparkaroke fiel vor Staunen die Kinnlade runter. Er war in der Blütezeit der Epoche des Gesetzbuchs nach Echo gekommen und an solche kleinen Wunder nicht gewöhnt. Angewidert verzog ich das Gesicht, und wir gingen. Als Krönung des Ganzen musste ich mit meiner ekligen Hand auch noch unser A-Mobil steuern!

Im Saal der allgemeinen Arbeit befreite ich mich schnell von meiner leichten, aber unangenehmen Last, indem ich meinen Landsmann kurzerhand auf den Teppich warf. Dann ging ich mir die Hände waschen. Ich bin ein typischer Neurastheniker, und solche Ereignisse werfen mich immer aus der Bahn. Dieser manische Typ gefiel mir ganz und gar nicht. Das lag bestimmt auch daran, dass uns etwas verband - so unappetitlich er auch aussah. Seufzend kam ich zurück.

»Ob man ihn wiederbeleben sollte?«, überlegte Juffin gedankenverloren und sah sich unseren Fang mit Abscheu an. »Es ist viel passiert, aber ich möchte doch gern wissen, ob ...«

Ich konnte mir einigermaßen vorstellen, was mein Chef wissen wollte. Vielleicht aber auch nicht.

»Nimm das alles nicht so ernst, Max«, sagte Juffin heiter.

Normalerweise weiß er schneller als ich, was mit mir los ist. Diesmal aber kam sein Trost zu spät.

»Du solltest in dem, was hier passiert, keine Zerreißprobe für deine Nerven sehen, sondern zufrieden damit sein - schließlich haben wir jetzt die Chance, etwas völlig Neues zu erfahren. Kopf hoch, mein Junge!«

»Ich glaube nicht, dass diese Neuigkeiten meinen Zustand bessern werden«, murmelte ich.

Kofa und Melifaro sahen uns an, ohne zu begreifen, wovon wir sprachen.

»Das sind nur Kindereien«, sagte Juffin ihnen zur Erklärung. »Besser gesagt: familiäre Probleme. Ich werde mich jetzt ein wenig mit unserem frisch verhafteten Schönling beschäftigen.«

»Ich fürchte, ihm ist nicht mehr zu helfen«, meinte ich. »Immerhin wäre ich schon an einem Teller Rekreationssuppe fast gestorben - und er hat drei davon verputzt!«

»Ich habe nicht vor, ihm zu helfen, aber wer weiß - vielleicht beichtet er ja ein wenig«, meinte Juffin, hockte sich neben den Mann und begann, ihm erst die Ohren, dann den Hals zu massieren, doch seine rhythmischen Bewegungen verzauberten nur mich.

»Dreh dich lieber um«, hörte ich Juffins lautlosen Rat. »Es ist besser für dich, wenn du an dieser Sache nicht beteiligt bist.«

Mühsam wandte ich den Blick ab. Wie so oft tat Sir Juffin etwas, das ich von so einem soliden und respektheischenden älteren Gentleman nie erwartet hätte. Mit einem schrillen Schrei sprang er dem Unglücklichen auf den Magen, stieß sich von ihm wie von einem Sprungbrett ab und landete nach einem Salto wieder auf den Füßen.

»So prächtig hab ich mich schon lange nicht mehr amüsiert«, stellte Juffin fest. »Jetzt wird er sich bestimmt mit uns unterhalten.«

Mein Landsmann rührte sich tatsächlich ein wenig.

»Kela«, rief er. »Bist du das, Kela? Ich hab doch gewusst, dass wir uns irgendwann Wiedersehen.«

Wie in Trance näherte ich mich dem hässlichen Wesen.

»Wie heißt du?«, fragte ich.

Das war dumm von mir, ich weiß. Was ging mich sein Name schon an? Aber es war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam.

»Keine Ahnung. Hier nennt mich niemand beim Namen. Hast du vielleicht etwas Suppe für mich? Sie lindert tatsächlich alle Schmerzen.«

»Das würde ich nicht gerade sagen«, gab ich zurück und blieb hartnäckig bei meiner Meinung über dieses Gericht. »Außerdem kannst du daran sterben.«

»Quatsch! Ich bin doch schon tot, aber jemand hat mich erweckt. Wer mag das gewesen sein?«

»Ich bin das gewesen«, meldete sich Sir Juffin Halli. »Und du brauchst dich dafür nicht mal bei mir zu bedanken.«

»Kann mir jemand sagen, wo ich bin?«, fragte das unglückliche Wesen. »Der Mensch hat doch wohl das Recht zu wissen, wo er gestorben ist.«

»Du bist zu weit von zu Hause entfernt, als dass dir der Name unserer Stadt etwas sagen würde«, bemerkte ich.

»Egal - ich möchte es einfach nur wissen.«

»Du befindest dich in Echo.«

»Liegt das nicht in Japan? Aber hier gibt's gar keine Schlitzaugen ... Du machst dich über mich lustig, stimmt's? Das machen ja hier alle. Ich war sehr lange hierher unterwegs und weiß nicht mehr, warum. Die alten Schachteln haben mir auch nicht sagen wollen, wo ich bin. Sie waren bestimmt froh, dass ich in der Klemme saß. Aber dort, wohin ich sie geschickt habe, geht es ihnen auch nicht besser.«

Erstaunt stellte ich fest, dass dieser zielstrebige Mann unerschütterlich von der Richtigkeit seiner Taten überzeugt war. Er war also doch besessen - genau wie Sir Maba Kaloch gesagt hatte.

»Kela hat mir versprochen, ich würde hier Sterbehilfe bekommen«, meldete sich der Fremde unerwartet wieder zu Wort. »Wie ist es jetzt? Willst du mir helfen?«

»Wer ist eigentlich Kela?«, erkundigte ich mich.

»Der Straßenbahnfahrer. Ich kenne ihn zwar nicht näher, doch er hat mir versichert, hier wäre alles bald vorbei. Er hat mich eigentlich selber töten wollen, es sich dann aber anders überlegt und gesagt, das würden andere tun. Kela ist mein Freund. Als Kind hatte ich auch nur einen, aber dem hab ich den Hund getötet. Doch Kela ist mein allerbester Freund«, sagte er, versuchte aufzustehen und sah mich dabei weder ängstlich noch freundlich an. »Dein Gesicht kenn ich doch! Dich hab ich doch schon irgendwo gesehen! Damals hast du allerdings noch nicht diesen Kittel getragen. Richtig - ich hab dich im Traum gesehen! Genau!«

Seine Kräfte verließen ihn. Er schloss die Augen und schwieg.

»Wo will er mich gesehen haben?«, fragte ich erstaunt.

»Das spielt jetzt keine Rolle«, murmelte Sir Kofa. »Merkst du nicht, dass mit ihm etwas passiert, was wir nicht begreifen? Es gibt langsam keine Hoffnung mehr.«

»Alles halb so schlimm, Kofa. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt«, meldete sich Juffin heiter zu Wort, wandte sich dann an mich und meinte: »Er hat dich im Traum gesehen - wo denn sonst? Ob es dir gefällt oder nicht: Zwischen euch existiert eine feste Verbindung. Eine gefährliche Verbindung, würde ich sagen. Und das ist das Problem, Max. Es tut mir leid, aber du wirst ihn wohl umbringen müssen.«

»Was!?«

Ich war schockiert und wollte meinen Ohren nicht trauen. Die Welt ringsum geriet ins Rutschen - wie ein Sandhaufen, an dem der Bagger nagt.

»Warum soll ich ihn denn umbringen, Juffin? Die Todesstrafe ist doch längst abgeschafft. Das haben Sie mir selbst erzählt. Außerdem lebt er sowieso nicht mehr lange.«

»Darum geht es nicht. Sondern um dich. Dieser Fremdling hat deinen Eingang zu unserer Welt benutzt. Ich kann dir hier und jetzt nicht alles erklären, aber eins sollst du wissen: Wenn dieser Mensch eines natürlichen Todes stirbt, wird er für dich eine neue Tür zu unserer Welt öffnen. Diese Tür wird irgendwo auf dich warten. Niemand weiß, wie sie aussehen wird, und du hast zu wenig Erfahrung, um die Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Hinter dieser Tür zu unserer Welt jedenfalls wird der Tod auf dich warten, weil auch er hierherkommen will. Nur indem du deinen Landsmann tötest, zerstörst du diese sinnlose, dumme, nicht von dir gewollte Schicksalsverbindung. Und denk daran: Du hast keine Zeit zum Überlegen. Er stirbt. Also ...«

»Verstanden, Juffin«, sagte ich nickend. »Sie haben recht.«

Die Welt um mich herum erzitterte, verlor ihre Stabilität und zerstob in Millionen kleiner Funken. Alles ringsum wurde leuchtend und trüb zugleich, und ich sah tatsächlich, nein, ich fühlte einen Korridor, der mich mit dem Besessenen verband. Ich zweifelte sehr daran, dass wir zwei voneinander getrennte Wesen waren. Wir schienen siamesische Zwillinge zu sein, wie sie auf dem Jahrmarkt von Schaulustigen begafft werden. Es gab nur einen Unterschied: Uns verband nichts Körperliches, sondern ein für andere unsichtbarer spiritueller Bezug. Das hatte ich zwar nicht von Anfang an gewusst, doch kaum war ich mir die Hände waschen gegangen - als ob mir das hätte helfen können! war es mir aufgefallen. Dann hatte ich dieses gruselige Wissen verdrängt, bis Juffin es schließlich ausgesprochen hatte.

Ich fiel neben meinem schrecklichen Zwilling auf die Knie, zog das hübsche Küchenmesser - Edelstahl, rostfrei - aus der Innentasche seines Mantels und stach es ihm in den Solarplexus, ohne mir weiter Gedanken zu machen.

Eigentlich war ich nicht stark - eher im Gegenteil -, doch dieser Vorfall ließ mich meine Kräfte neu beurteilen, denn das Messer fuhr ihm in den Leib wie in ein Stück Butter.

»Du hast es geschafft, mein Freund«, röchelte der Fremdling.

Seine letzten Worte waren vernünftiger, als der Ablauf dieses merkwürdigen Tages hätte erwarten lassen. Ich ging mir erneut die Hände waschen. Nur so konnte ich mich für meine Tapferkeit belohnen.

Als ich an den Ort zurückkehrte, an dem ich den Mann getötet hatte, waren dort schon viele junge Mitarbeiter mit Eimern und Putzlappen versammelt. Die Leiche allerdings fehlte. Aus dem Büro von Sir Juffin drang das Klappern von Geschirr - meine Kollegen waren offenbar zum gemütlichen Teil des Tages übergegangen.

»Vielen Dank, dass ihr den Toten so schnell beseitigt habt«, sagte ich und setzte mich. »Ihr werdet lachen, aber ich habe nie zuvor jemanden umgebracht - nicht mal aus Spaß an der Freud. Die eine Puppe von Dschuba Tschebobargo, die ich mit eigenen Händen auf dem Gehsteig zerschmettert habe, zählt nicht. Jetzt hab ich meine Unschuld verloren - also habt Geduld mit mir.«

»Niemand hat ihn beseitigt, mein Junge«, sagte Kofa leise. »Er ist verschwunden, als du das Zimmer verlassen hast. Nur die Blutlache ist geblieben. Darum wird der Boden jetzt geputzt.«

»Wie geht's, Max?«, fragte Juffin und gab mir eine Tasse heiße Kamra.

»So lala. Ich fühle mich noch immer reichlich seltsam - als liefe durch die Erde ein Riss.«

»Verstehe, aber das geht vorbei. Du hast alles richtig gemacht. Ich hatte nicht erwartet, dass es dir so gut gelingen würde.«

»Immerhin trage ich den Todesmantel«, sagte ich lachend, denn Lachen ist mein einziger Weg, wieder zu mir zu finden.

»Sir Juffin, ich muss dringend was trinken«, meldete sich Melifaro. »Ich dachte, ich hätte mich in diesem Tollhaus inzwischen an alles gewöhnt, aber jetzt muss ich so schnell wie möglich was trinken.«

»Ich hab schon im Fressfass Bescheid gesagt«, beruhigte ihn Juffin. »Ich hoffe, du hältst noch zwei Minuten durch.«

»Schwer zu sagen. Erst praktizieren Sie diese merkwürdigen Riten. Dann verschwindet das Hauptbeweisstück. Und dennoch fühlen Sie sich nicht verpflichtet, etwas zu erklären?«

»Nein. Das täte ich zwar gern, aber ... Jedenfalls war diese Bluttat notwendig. Glaub mir, mein Junge.«

»Ja? Vielleicht ist das ja bloß ein neues Gesellschaftsspiel, von dem ich noch nichts mitbekommen habe. Sir Kofa, vielleicht kannst du mich beruhigen?«

»Ich muss auch was trinken«, sagte Kofa Joch mit wohlwollendem Lächeln. »Danach stehe ich dir zu Diensten.«

»Das ist kein Geheimer Suchtrupp, sondern ein Kindergarten«, warf ich ein. »Ich hab einen Mann getötet, merkt euch das. Und dann ist er verschwunden. So was gibt einem doch zu denken! Obwohl... - ich glaube, ich muss auch was trinken.«

»Meine Abteilung dürfte über die Stränge schlagen«, stellte Juffin fest. »Bleibt nur zu hoffen, dass sich wenigstens Lonely-Lokley beherrscht. Wo ist er eigentlich?«

»Haben Sie mich gerufen, Sir?«, fragte Schürf und stand unvermittelt in der Tür. »Ist der Mörder etwa noch immer nicht gefunden?«

Wir vier blickten uns an und lachten. Erst sah das wie ein hysterischer Anfall aus, doch nach ein paar Sekunden waren wir tatsächlich fröhlich. Schürf trat in Juffins Büro, setzte sich, musterte uns interessiert, wartete, bis wir uns beruhigt hatten, und fragte erneut: »Wie läuft's denn mit dem Serienmörder?«

»Mit dem ist alles in Ordnung - Max hat ihn getötet, und die Leiche ist verschwunden«, sagte Melifaro und lachte erneut.

Ich allerdings hatte keine Kraft mehr, mich seiner Freude anzuschließen. In diesem Moment klopfte glücklicherweise der Bote vom Fressfass. Er kam wirklich wie gerufen!

Nie im Leben hätte ich vermutet, eine ganze Tasse auf einen Zug auszutrinken. Und schon gar keine Tasse Dschubatinischen Säufer! Aber der Körper weiß am besten, was er braucht. Und wenn es so weit ist, vollbringt er wahre Wunder.

»Sir Juffin«, begann Lonely-Lokley gelassen, »sagen Sie mir wenigstens

»Es ist wirklich alles so gelaufen, wie Melifaro gesagt hat, Sir Schürf - vorausgesetzt, man lässt ein paar pikante Details aus.«

»Max, warum haben Sie den Täter ganz allein getötet? Dazu noch auf so primitive Art?«, fragte mich unser Profikiller nun, über meine dilettantische Pfuscherei empört.

»Ich bin eben manchmal blutrünstig, Sir Schürf«, antwortete ich schuldbewusst. »Mitunter kann ich mich einfach nicht beherrschen.«

In diesem Moment brach Juffin in lautes Gelächter aus - ein Gelächter der Erleichterung, wie ich hoffte.

Denn nun war ihm klar, dass mit mir wieder alles in Ordnung war.

»Das ist aber schlimm, Max«, sagte Lonely-Lokley erschrocken. »Angesichts Ihrer Neigungen müssen Sie sich beherrschen können. Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen ein paar einfache Atemübungen, die Selbstkontrolle und innere Ruhe fördern.«

Meinem offiziellen Freund gegenüber wollte ich seriös wirken.

»Vielen Dank, Schürf. Das könnte mir wirklich nicht schaden. Doch ehrlich gesagt habe ich bloß gescherzt. Ich erzähle Ihnen später genau, was passiert ist, fürchte aber, es wird ziemlich viel sein.«

»Wenn etwas davon geheim bleiben soll, sollten Sie mich in Unkenntnis lassen. Ausgeplauderte Geheimnisse schaden der Wahrheit.«

»Hast du das gehört, Melifaro?«, fragte Sir Kofa. »Das ist auch für dich die Antwort auf alle Fragen.«

»Mir reicht's!«, gab Melifaro angeheitert zurück. »Ich hab was getrunken, und jetzt geht's mir besser. Zu den Magistern mit euch und all euren schrecklichen Geheimnissen - auch ohne sie bleibt das Leben schön! Doch solange Sir Schürf noch hier ist... Du denkst doch, ich hätte euch beide verschaukelt, du blutrünstiges Wesen! Max, damit meine ich dich!«

»Stimmt«, sagte ich kühl. »Und auch mir reicht's langsam.«

»Dann musst du aber Sir Manga, meinen Vater, kennenlernen, um dich davon zu überzeugen, dass ich nicht gelogen habe. Juffin, können Sie uns beiden einen freien Tag geben - nur einen einzigen?«

»Wozu sollte ich euch noch brauchen?«, meinte Sir Juffin und zuckte die Achseln. »Von mir aus könnt ihr sofort verschwinden. Aber ihr habt nur einen Tag frei, nicht länger. Verstanden? Und nun zu euch, Sir Kofa und Sir Schürf: Ihr beide seid morgen für die Sicherheit des Vereinigten Königreichs verantwortlich. Heute Nacht passt Kurusch ganz allein auf. Stimmt's, mein kluger Vogel?«, sagte Juffin und streichelte das Tier zärtlich am wolligen Genick. »Ich habe vor, jetzt vierundzwanzig Stunden zu schlafen. Lady Melamori trinkt bestimmt gerade exquisite Weine in Gesellschaft ihres trefflichen Großvaters, und Max und Melifaro gehen die Katzen im Umland erschrecken. Eine tolle Truppe hab ich da beisammen! Einen Garanten der öffentlichen Sicherheit und Ordnung!«

»Was ist mit dir los, Max?«, fragte mich Melifaro. »Wenn wir heute Nacht abreisen, sind wir in ein paar Stunden am Ziel. Und wenn du dich ans Steuer setzt, brauchen wir sogar nur eine Stunde. Da draußen erwarten uns Landluft, viel gutes Essen und mein Vater. Das alles ist etwas Besonderes - das kannst du mir glauben. Obwohl meine Mutter auch nicht von Pappe ist.«

»Viel essen und die Eltern besuchen - das klingt gut«, stellte ich träumerisch fest. »Und die schnelle Fahrt dorthin klingt noch besser. Du bist ein Genie, Melifaro, und ich stehe ewig in deiner Schuld. Vielen Dank auch Ihnen, Juffin. Ihr beide habt mir das Leben gerettet.«

Ich hatte nicht übertrieben. Ein Tapetenwechsel war das Einzige, was ich gerade brauchte, aber ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich so viel Glück haben würde.

»Na, gehen wir?« Melifaro stand schon auf der Türschwelle und scharrte mit den Hufen. Er mochte es nicht besonders, zu lange auf einem Fleck zu hocken. Schon gar nicht, wenn er gerade einen Plan geschmiedet hatte.

»Ja, wir gehen doch gleich. Juffin, sagen Sie mir nur noch, ob ich diese tollen Klamotten auch in der Freizeit tragen muss.« Es kam mir unpassend vor, einen Familienbesuch im Todesmantel zu absolvieren.

»Tja, du hast schon wieder Glück«, lächelte Juffin maliziös. »Deinen Mantel musst du nur innerhalb der Stadt tragen. Aber ich hatte gedacht, dein Kostüm gefiele dir ausnehmend gut.«

»Stimmt. Ich will bloß vermeiden, dass die Hühner aufhören, Eier zu legen ... Was ist? Hab ich schon wieder was Falsches gesagt?«

»Sündige Magister! Es gibt schon wieder ein Geheimnis zu lüften«, sagte Melifaro, klatschte in die Hände und seufzte. »Was redest du da von Hühnern? Eier legen doch nur Puten - das kannst du einem Dorfjungen wie mir ruhig glauben!«

Melifaro sah sich meine Behausung lange an und versuchte herauszufinden, ob er es mit einem Asketen oder einem Geizkragen zu tun hatte. In der Zwischenzeit schaffte ich es, meine beiden Kätzchen Armstrong und Ella auf den Schoß zu nehmen und ausgiebig zu streicheln. Ich flüsterte ihnen alle möglichen Zärtlichkeiten ins Ohr, die mir gerade durch den Kopf gingen, und genoss ihr intensives Schnurren. Dann lief ich ins Schlafzimmer und suchte im Schrank nach Klamotten, die meinen Vorstellungen von Freizeitkleidung entsprachen. Mit halb gefüllter Reisetasche kehrte ich ins Wohnzimmer zurück.

»Fertig! Ich fürchte allerdings, du hast keinen allzu guten Eindruck von meinen Lebensumständen gewonnen. Aber es hilft nichts: Ich liebe mein Nest.«

»Was redest du da?«, fragte Melifaro verblüfft. »Natürlich gibt es hier keinen Luxus. Das ist ja nur die normale Wohnung eines einsamen Helden. Unsinn, Max, du hast dich sehr romantisch eingerichtet.«

»Möchtest du was trinken, bevor wir fahren? Manchmal glaube ich, der am wenigsten gastfreundliche Mensch von ganz Echo zu sein. Ich hab nichts. Wir müssten etwas im Gesättigten Skelett bestellen.«

»Den Magistern sei Dank! Ich hab im Haus an der Brücke viel zu kräftig zugelangt - zu viel Alkohol, zu viel Kamra und zu viel von allem anderen. Wir fahren, Max. Sonst falle ich noch vor Müdigkeit um. Und du bestimmt auch.«

»Bei mir ist das anders - vergiss nicht, dass ich ein Nachtantlitz bin. Meine Zeit beginnt erst jetzt. Gehen wir!«

»Weißt du, Max, du hast etwas Unheilverkündendes an dir«, bemerkte Melifaro und setzte sich ins A-Mobil. »Deine Vorliebe für das Nachtleben, dein riskantes Fahren, dein etwas irrer Blick und dein schwarzer Lochimantel... Du isst nicht mal Rekreationssuppe! Von deiner merkwürdigen Gewohnheit gar nicht zu reden, schutzlose Staatsfeinde mit bloßen Händen zu töten. Das ist ganz schön viel für einen Einzelnen. Kein Wunder, dass Lady Melamori Angst vor dir hat.«

»Angst! ?«

»Na klar. Hast du das noch nicht gemerkt? Als ich sah, wie sie dich anhimmelt, dachte ich: fetzt hab ich einen ernsthaften Konkurrenten bekommen. Dann stellte ich fest, dass alles nur halb so schlimm war wie anfangs vermutet. Die Lady hat vor dir so viel Angst wie vor Alpträumen.«

»Unsinn! Warum sollte sie denn Angst vor mir haben? Sie ist doch kein Dummerchen.«

»Genau darum geht es ja. Sie hat eine bessere Menschenkenntnis als alle anderen hier, wirklich. Frag sie doch selbst! Darf ich ein Nickerchen machen, solange wir unterwegs sind?«

»Wir werden aber ziemlich lange brauchen. Der einzige Weg, den ich ohne deinen Rat finden kann, führt in die Leeren Länder.«

Das war natürlich gelogen - noch nicht mal dorthin kannte ich den Weg!

»Und ich dachte immer, du weißt alles - genau wie Juffin.«

»Fast alles - bis auf Adressen, Geburtsdaten und andere sinnlose Details.«

»Solche Kleinigkeiten sind wirklich unnütz. Außerdem sollte man von anderen nicht zu viel wissen. Aber gut - ich werde dir den Weg zeigen. Du hast mir übrigens noch nichts von deinem jüngsten Fall erzählt. Es ist zwar wichtig, Geheimnisse zu bewahren, aber ich sterbe beinahe vor Neugier.«

»Der Mörder war mein unehelicher Bruder«, flüsterte ich unheilschwanger. »Wir sind beide Anwärter auf das Erbe unseres Vaters. Auf uns warten zwei Stuten und jede Menge Pferdeäpfel. Ich habe meine dienstliche Position genutzt, um meinen Rivalen zu beseitigen.«

»Seltsam«, meinte Melifaro betrübt. »Und das soll ein großes Geheimnis gewesen sein?«

»Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es keins sein müssen«, murmelte ich. »Aber seltsam ist das schon - und reichlich uninteressant.«

»Schlimme Geschichte«, meinte Melifaro leichthin. Anscheinend verfügte er über einen unerschöpflichen Vorrat an guter Laune. »Na ja, zu den Magistern mit deinem Geheimnis. Hier müssen wir links abbiegen. Du hättest wirklich Rennfahrer werden sollen, mein Junge.«

»Wie sieht es eigentlich bei dir zu Hause aus?«, wollte ich wissen. »Juffin hat mich mal auf Besuch zum alten Makluk mitgenommen. Dort hätte mich beinahe der Schlag getroffen. So viele Sänften und Lakaien! Ich hoffe, so was gibt es bei dir nicht.«

»Max, schau mich an! Bin ich etwa der Sohn von Leuten, bei denen penible Ordnung herrscht? Meine Mutter behauptet, der Gast habe nur eine Verpflichtung: satt zu sein. Und mein Vater verachtet dumme und überflüssige Regeln. Weißt du, seinetwegen muss ich ohne einen Vornamen leben.«

»Wirklich? Ich hab nie verstanden, warum du nur beim Nachnamen gerufen wirst. Ich hab dich immer fragen wollen, dachte aber, du hast vielleicht einen schrecklichen Vornamen ...«

»... den niemand erfahren sollte? Keine Sorge! Das ist kein wunder Punkt - ich hab einfach keinen Vornamen. Bei meiner Geburt machte mein Vater gerade seine berühmte Reise. Meine Mutter meldete sich jeden Tag bei ihm, um zu fragen, wie sie mich nennen sollte. Und jeden Tag hatte er eine neue Idee. Also hat sie ihn immer aufs Neue gefragt. Als ich drei Jahre alt war, hatte sie die ewige Fragerei satt und erkundigte sich ein allerletztes Mal, diesmal in aller Schärfe, doch Sir Manga war damals sehr beschäftigt. Womit, weiß ich nicht. Jedenfalls meinte er: -Wofür braucht das Kind eigentlich einen Vornamen? Bei dem Nachnamen!« Meine Mutter hatte ihre eigenen Vorstellungen von ehelicher Harmonie und sagte: »Wie du willst, mein Lieber. Später wirst du noch darüber jammern.« Sie wollte einfach nicht weiterstreiten. Schließlich ging es ja nicht um ihren Namen, sondern um meinen. So bin ich um einen Vornamen herumgekommen - und beklage mich darüber nicht.«

»Bei mir ist es genau umgekehrt: Mit dem Vornamen hatte ich Glück - er ist das Einzige, wofür ich meinen Eltern dankbar bin.«

»Eben, du hast nur einen Vornamen!«, rief Melifaro nickend. »Ist das bei euch so üblich?«

»Eigentlich nicht, aber du hast doch mein Zuhause gesehen. Ich steh nicht so auf Luxus.«

»Und das ist auch gut so! Hier vorne rechts - und versuch mal, etwas langsamer zu fahren. Der Weg ist jetzt schlimm.«

»Langsamer? Niemals!«, rief ich kühn und raste über Schlaglöcher dahin.

»Wir sind da!«, stellte Melifaro erleichtert fest, als plötzlich eine hohe, dicht bewachsene Mauer auftauchte. »Leben wir noch? Max, du bist wirklich seltsam. Und so einen schrägen Vogel bringe ich mit nach Hause!

Aber zum Umkehren ist es zu spät. Nicht mal Juffin kann ich um Hilfe bitten - der ist nämlich noch schlimmer. Aber gehen wir, Sir Nachtalptraum.«

Die Bewohner des großen Hauses schliefen schon. Deshalb gingen wir leise in die Küche und vertilgten dort alles, was uns in die Hände geriet. Dann führte mich Melifaro in ein kleines, aber sehr gemütliches Zimmer.

»Wenn ich als Kind krank oder traurig war, hab ich immer hier geschlafen. Das ist der hübscheste Ort im ganzen Haus, glaub mir. Mach es dir bequem. Dieses Zimmer wirkt Wunder bei allen, die gerade einen schlimmen Tag hinter sich haben - so wie du. Erstens wirst du sehr schnell einschlafen, ganz anders, als du es gewöhnt bist. Und zweitens ... Aber das wirst du selber sehen. Diesen Teil des Gebäudes hat mein berühmter und hochgelehrter Großvater Philo Melifaro entworfen. Und er war nicht das letzte Mitglied im Orden des Geheimen Krauts.«

»Wirklich? Juffin hat mir mal ein Armband des Großen Magisters dieses Ordens geschenkt.«

»Na, da hast du Glück gehabt! Du solltest es immer dabeihaben, denn seine Wirkung ist stark. Ich gehe jetzt. Wenn ich nicht sofort ins Bett komme, sterbe ich vor Müdigkeit. Bis morgen, mein Wunder!«

Ich blieb allein zurück. Angenehme Müdigkeit umhüllte mich wie eine weiche Decke. Ich zog mich aus und inspizierte meinen Traumsalon. Dann schlug ich die Bettdecke zurück und schlüpfte in die warme Dunkelheit. Ich fühlte mich ruhig und gut. Schlafen wollte ich auf keinen Fall, sondern auf dem Bett liegen und nachdenklich an die Decke schauen. Was hätte ich auch Besseres tun sollen?

Die dunklen Balken über mir sahen herrlich aus. Ich hatte den Eindruck, sie zitterten leicht - wie kleine Wellen eines ruhigen Meers. Ihre rhythmische Bewegung schaukelte mich langsam in den Schlaf. Im Traum sah ich all die Orte, die ich besonders mochte: eine Stadt in den Bergen, einen Park im englischen Stil, Sandstrände. Nur von Echo träumte ich nicht. Aber das war auch kein Wunder: Die Stadt war längst Zentrum meines neuen Lebens geworden, und durch ihre Straßen spazierte ich Tag für Tag.

In dieser Nacht glitt ich leicht und nach Wunsc


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h von einem Traum zum anderen. Nachdem ich lange genug durch den englischen Park spaziert war, wechselte ich an den Strand. Nach einer langen Zeit in den Dünen landete ich in einer Drahtseilbahn. Ein paar Mal hörte ich in der Nähe das leise Lachen von Maba Kaloch. Ihn selbst allerdings konnte ich nicht ausfindig machen. Doch allein sein Lachen empfand ich als bemerkenswertes Ereignis.

Kurz vor Mittag wachte ich auf und fühlte mich glücklich und frei. Die jüngsten Ereignisse erschienen mir wie ein Abenteuerfilm, vor der Zukunft hatte ich keine Angst, und die Gegenwart stellte mich rundum zufrieden. Ich wusch mich, zog eine strohgelbe Skaba und einen gleichfarbigen Lochimantel an, die ich am Vortag als Kontrast zu meiner Unheil verkündenden Arbeitskleidung eingepackt hatte, und meldete mich per Stummer Rede bei Melifaro.

»Schon aufgestanden? Du bist ja eine Rakete! Ich bleib noch ein wenig im Bett. Geh schon mal runter und trink Kamra mit meinem Vater. Oder trink sie allein, falls er schon weg ist. In einer halben Stunde komm ich zu dir.«

Ich ging ins Wohnzimmer, wo ich eine merkwürdige Szene erlebte. Ein hünenhafter junger Mann stampfte mit den Füßen auf den Boden, stützte sich dabei auf der Tischplatte ab und jammerte nach Leibeskräften: »Vater, warum?«

»Weil es so besser ist«, antwortete sein Gesprächspartner mit der Stimme eines Menschen, der viel gelitten hat. Es handelte sich um einen nicht besonders großen, elegant gekleideten Mann, dessen rotes Haar zu einem fantastischen Zopf geflochten war, der - das schwöre ich! - bis auf den Boden reichte. Nach einer Schrecksekunde war mir klar, dass Sir Manga Melifaro vor mir stand, der Verfasser der von mir so geliebten Enzyklopädie.

»Guten Tag, meine Herrschaften.«

Vor Zufriedenheit strahlend kam ich ins Zimmer, was ziemlich seltsam war, da ich Leuten gegenüber, die ich gerade erst kennenlerne, normalerweise sehr vorsichtig bin.

»Guten Tag, Sir Max. Begrüß unseren Gast, Bachba.«

»Guten Tag, Sir Max«, wiederholte der betrübte Riese brav.

»Und jetzt geh endlich zum Händler, mein Junge! Aber pass auf: Wir brauchen nur sechs Pferde. Sechs, also kein Dutzend! Wenn es nach mir ginge, bräuchten wir kein Einziges. Nur weil du so darum bettelst... Aber kein Dutzend! Verstanden?«

»Natürlich, Vater. Auf Wiedersehen, Sir Max. Sie haben mir Glück gebracht«, sagte der Riese und verließ sichtlich erfreut das Wohnzimmer.

»Das war mein Ältester«, stellte Sir Manga deutlich verwundert fest. »Ein Kind jugendlicher Leidenschaft, wie man so sagt. Es ist mir noch immer ein Rätsel, wie das passieren konnte.«

»Sie sind wirklich ein leidenschaftlicher Mensch, Sir Manga«, sagte ich lächelnd und goss mir eine Tasse Kamra ein, die noch besser schmeckte als im Fressfass - Ehrenwort!

»Kaum zu glauben, doch außer ihm und Melifaro habe ich noch einen Sohn, um mein Vaterherz zu ruinieren: Andschifa, den mittleren der drei. Er ist - ich schäme mich, es zu sagen - Pirat, und zwar einer der Schlimmsten, wenn man den Gerüchten im Hafen glauben kann. Und das, obwohl er ebenso unansehnlich ist wie ich.«

»Seemann zu sein, ist prima«, meinte ich. »Reisen macht Spaß. Man soll nicht immer hinterm Ofen hocken - davon wird man nur dick.«

»Sie passen wirklich gut zu meinem Jüngsten«, sagte Sir Manga und lächelte. »Sie haben eine genauso scharfe Zunge wie er.«

»Obendrein hat er nur den Nachnamen, ich nur den Vornamen. Aus uns beiden ließe sich ein vollständiger Bürger machen.«

»Stimmt. Sind Sie wirklich an der Grenze zwischen der Grafschaft Wuk und den Leeren Ländern geboren? Einen wie Sie hab ich dort noch nie getroffen.«

»Ich auch nicht!«, gab ich zurück und zuckte kaltblütig die Achseln. »Ich bin ein echtes Original.«

»Allerdings. Sir Max, ich muss Sie um Verzeihung bitten ...«

»Sündige Magister - wofür!?«

»Während Melifaro schläft, vertraue ich Ihnen ein Geheimnis an. Vor einiger Zeit hat er mich nach Sitten und Gebräuchen Ihrer Landsleute gefragt. Jetzt begreife ich, warum.«

»Wollte er etwas über die Riten der Freundschaft erfahren?«

»Genau. Hat Melifaro schon etwas Schrilles getan?«

»Er nicht, aber ein anderer.«

»Wissen Sie, Sir Max, ich bin ein eitler Mensch. Und wenn ich etwas nicht weiß ... Na ja, ich konnte mich doch nicht vor meinem Jüngsten blamieren. Also hab ich mir aus den Fingern gesogen, dass man in Ihrer Heimat um Mitternacht merkwürdige Lieder auf der Straße singen muss.«

»Er hat sie allerdings um zwölf Uhr mittags gesungen. Nachts bin ich im Dienst und hätte von dem Konzert nichts mitbekommen. Aber wir haben schon alles geklärt. Er hat mir versprochen, sich auf die Musik zu beschränken, die aus seinem makellosen Herzen kommt.«

»Dank sei den Magistern! Weil ich ein wenig übertrieben habe, habe ich auch behauptet ...«

»... man putze sich am letzten Tag des Jahres gegenseitig das Bad? Das hat mich am meisten erschüttert.«

»Was reden Sie denn da, Sir Max! So was hätte ich nie gesagt. Ich weiß ja, wie das Leben - was das angeht - in den Leeren Ländern aussieht. Dort gibt es doch gar keine Badezimmer.«

»Dann hat er sich das selbst ausgedacht und einen eigenen Beitrag zu Ihrer Erfindung beigesteuert.«

»Aber verraten Sie mich bitte nicht, Sir Max. Das passt doch alles sehr gut zusammen«, sagte Sir Manga, nachdem er herzlich gelacht hatte.

»Soll ich Sie diesem Raubtier ausliefern? Das würde ich nie tun«, erklärte ich und verbeugte mich vor ihm. »Vorausgesetzt allerdings, dass Sie mir das Rezept dieser Köstlichkeit verraten«, ergänzte ich und schob Piroggenkrümel auf meinem Teller zusammen.

Nach dem Frühstück verließ ich das Haus, ohne auf Melifaro zu warten. Ich streifte in der Gegend herum, bis ich wieder hungrig war, wälzte mich im Gras, schnupperte an allen Blumen, stopfte mir die Taschen meines Mantels mit kleinen Steinen voll und beobachtete wie verzaubert die Wolken. Das war einer der schönsten Tage meines Lebens. Am Abend hatte ich das Glück, Melifaros Mutter zu treffen. Ihre monumentale Silhouette brachte Licht in das Geheimnis der Herkunft des großen Bachba. Dabei war sie so hübsch, dass mir der Atem stockte. Sie schien eine Statue und kein Mensch zu sein - eine erstaunlich lebendige Statue allerdings.

Der nächste Morgen begann mit der schnellsten A- Mobil-Reise, die je in Echo stattgefunden hat. Ich musste den schlafenden Melifaro im Haus an der Brücke abliefern. Unsere rasche Fahrt bereitete ihm allerdings kein Vergnügen, da er die ganze Zeit träumend auf dem Rücksitz schlief. Als wir angekommen waren, kostete es mich viel Kraft, das Tagesantlitz des Ehrwürdigen Leiters dazu zu bewegen, seine Tätigkeit im Büro fortzusetzen. Als meine Bemühungen endlich Erfolg hatten, ging ich nach Hause. Dort nutzte ich die Vorzüge meiner nächtlichen Arbeitszeit und kroch wieder unter die Bettdecke - diesmal aber in Gesellschaft von Armstrong und Ella.

Bei Sonnenuntergang erschien ich im Haus an der Brücke und war angenehm überrascht. Lady Melamori war schon zurückgekehrt. Ihre Stimmung hatte sich deutlich gebessert, und sie schien für neue Abenteuer gerüstet.

»Das trifft sich ja gut«, sagte ich von der Türschwelle her. »Sie schulden mir noch einen Spaziergang, Gnädigste. Daran erinnern Sie sich doch bestimmt?«

»Aber natürlich. Wollen wir jetzt gehen? Sir Juffin wird Ihnen das sicher erlauben.«

»Na klar«, hörte ich die dunkle Stimme meines Chefs hinter der halb geöffneten Tür. »Ich muss sowieso bis spät in der Nacht hierbleiben.«

»Was ist passiert?«

»Nichts - nur der Jahresbericht für den König. In zwölf Tagen endet das Jahr. Hast du das schon vergessen? Und was so einen Bericht angeht, bist du mir keine große Hilfe. Leider! Also genieß das Leben - aber nur bis Mitternacht.«

Ich pfiff vorsichtig durch die Zähne. Bis dahin blieben uns nach meiner Uhr fünf Stunden. In letzter Zeit lief bei mir wirklich alles bestens! Das ließ mich umso erwartungsvoller in die Zukunft schauen.

»Ich habe nur eine Bedingung«, sagte Lady Melamori und blieb auf der Türschwelle stehen. »Kein A-Mobil, bitte. Man hört die schrecklichsten Dinge über Ihren Fahrstil.«

»Na schön«, meinte ich. »Dann gehen wir eben zu Fuß und bleiben auf belebten Straßen. Wenn der Mond aufgeht und ich mich langsam in einen Vampir verwandle, können Sie dann immer noch um Hilfe schreien. Im Übrigen könnten Sie sich an Melifaro ein Beispiel nehmen und mich duzen. Mit uns Vampiren sollte man nicht zu viele Umstände machen.«

Melamori lächelte verlegen. »Ich kann Sie nicht gleich duzen - so bin ich nicht erzogen.«

»Dafür kann ich das. Noch zehn Minuten und ich werde frech - einverstanden?«

»Natürlich, Max. Sie denken bestimmt, ich bin eine dumme Kuh, aber ... Na ja, der Vorschlag, auf belebten Straßen zu bleiben, ist sehr gut. Für den Anfang jedenfalls.«

»Für den Anfang? Klingt verheißungsvoll! Avanti, Gnädigste!«

Wir spazierten gemächlich durchs Zentrum von Echo. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass in der Idylle etwas fehlte. Dann begriff ich: Lady Melamori hatte keinen Geldbeutel dabei, den ich hätte tragen können. Später aßen wir Eis in einem hübschen kleinen Cafe auf dem Platz der Siege von König Gurig VII. Nicht alles passte also zur Atmosphäre meiner wiedergekehrten Jugend. Ich kam mir zwölf Jahre jünger vor, und Lady Melamori fühlte sich allem Anschein nach höchstens neunzig. Auch unser Gespräch war seltsam unschuldig - jedenfalls, bis ich mich entschied, das Thema zu wechseln.

»Melamori, was ich Sie schon lange fragen wollte ...«

»Lieber nicht, Max. Höchstwahrscheinlich weiß ich, was Sie ... was du fragen willst.«

»Wirklich? Ich wette eine Krone, dass du es nicht errätst.«

»Ich soll das nicht erraten können! ?«, rief sie frappiert.

Ich hatte offenbar einen Nerv getroffen, denn sie reagierte so leidenschaftlich wie Stammgäste beim Pferderennen.

»Du wolltest fragen, warum ich Angst vor dir habe«, verkündete sie. »Und jetzt gib mir die Krone.« Ihr Gesicht hellte sich nach diesem kleinen Sieg auf.

»Nimm sie, Gnädigste«, meinte ich und knallte die Goldmünze auf den Tisch, an dem wir saßen. »Soll ich sie dir einpacken, oder bist du nicht abergläubisch?«

»Pack sie ein. Abergläubisch bin ich zwar nicht, aber sicher ist sicher.«

»Natürlich. Aber ich wette zehn Kronen, dass du nicht weißt, wovor du eigentlich Angst hast.«

»Ich soll nicht wissen, wovor ich Angst habe? Wie kommst du denn darauf? Ich weiß nicht, wer du ... wer Sie sind. Und das Unbekannte ist das Einzige, was mich ängstigt. Du hast schon wieder verloren, Max. Geld auf den Tisch! Das ist auch besser so, denn dann kann ich dir was spendieren. Willst du Königlichen Schweiß.«

»Sündige Magister! Warum nicht gleich königlichen Urin? Was ist denn das wieder für ein Gebräu?«

»Der teuerste Likör - von den offenen jedenfalls.«

»Dann bestell mir was von diesem Schweiß. Es gibt da übrigens etwas, das ich noch nicht verstanden habe. Ich bin ein ganz normaler Mensch - von ein paar Seltsamkeiten abgesehen, die sich mit meiner Herkunft erklären lassen. Sir Manga Melifaro kann über dieses Thema Volksreden halten.«

»Diese Volksreden interessieren mich nicht die Bohne«, stöhnte Melamori. »Lukfi soll sich damit beschäftigen - der begeistert sich nämlich für völkerkundliche Bagatellen. Trinken Sie Ihren Likör, Max. Trotz seines seltsamen Namens ist er ganz ausgezeichnet. Und dann müssen wir auch wieder los. Sir Juffin vermisst Sie ... dich bestimmt schon.«

Der Likör schmeckte tatsächlich hervorragend, obwohl ich süßen Schnaps eigentlich nicht mag.

Natürlich begleitete ich meine Dame bis zur Haustür. Das ist in allen Welten so üblich - auch wenn die Dame eine große Verfolgungsmeisterin ist. Unterwegs schwiegen wir meist. Schließlich aber entschied sich Melamori, das i-Tüpfelchen zu setzen.

»Es ist alles in Ordnung, Max, wirklich. Ich hab bloß Zweifel, die ich zwar nicht richtig ernst nehme, die aber dennoch vorhanden sind. Natürlich bist du kein Hochstapler und sicher auch kein rebellischer Magister, der nach Echo zurückgekehrt ist. Das hätte ich nämlich längst durchschaut. Aber für einen normalen Menschen - wie schrullig er im Einzelfall sein mag - taugen Sie nicht. Ich verstehe wirklich nicht... Sie gefallen mir sehr, falls es Sie interessiert. Aber Sie ... du strahlst etwas Bedrohliches aus. Vielleicht keine echte Gefahr, doch es ist schwierig, das konkret zu benennen. Sir Juffin könnte mir bestimmt dabei helfen, doch er will nicht. Du weißt ja, wie er ist. Deshalb muss ich es allein schaffen. Und es wird mir auch gelingen.«

»Viel Erfolg dabei!«, meinte ich und zuckte die Achseln. »Und wenn du fertig bist, sag mir Bescheid. Ich hab nämlich keine Ahnung, was an mir bedrohlich sein soll. Versprichst du mir das?«

»Ja, aber das ist auch das Einzige, was ich dir versprechen kann. Gute Nacht, Max.«

Melamori verschwand hinter der massiven alten Haustür, und ich ging ins Haus an der Brücke, ohne zu wissen, was ich von unserem Treffen halten sollte. Einerseits schien alles mehr als verheißungsvoll zu sein, andererseits aber ... Ich zuckte die Achseln. Abwarten und Tee trinken! Ich musste auf alle Fälle Lonely-Lokley bitten, mir seine Atemübungen zu zeigen, denn in nächster Zeit würde ich übermenschliche Beherrschung brauchen.

Als ich nach ein paar Tagen schon glaubte, die Geschichte mit meinem Landsmann gehöre der Vergangenheit an, schreckte mich der Ruf von Sir Juffin viel zu früh aus dem Bett.

»Steh auf, Max«, tönte seine muntere Stimme durch mein verpenntes Bewusstsein. »Es gibt viel spannendere Sachen als den öden Schlaf, mit dem du dich jetzt schon geschlagene sechs Stunden beschäftigst. Zum Beispiel einen Besuch bei Maba Kaloch. In einer halben Stunde hol ich dich ab.«

Ich sprang wie von der Tarantel gestochen auf und hörte die erschrockene Ella unzufrieden miauen, während Armstrong nicht mal mit den Ohren zuckte. Innerhalb einer Viertelstunde badete ich, zog mich an und trank eine Tasse Kamra - das war neuer Rekord! Es blieb mir also genug Zeit, mich hinzusetzen und meinen Traum zu beenden.

»Maba ist bereit, uns ein paar Fragen zu beantworten. Wir haben also Glück, Max, denn der Alte löst seine Versprechungen nur selten ein«, sagte Juffin und wirkte dabei sehr zufrieden. »Hast du schon mit Schürf geübt? Du wirst Selbstbeherrschung noch sehr nötig haben.«

»Ja, ich hab angefangen. Aber mir reicht es, wenn ich Sir Maba sehe - kein Gesicht beruhigt mich so wie seins.«

»Stimmt, Junge. Doch auch das ist eine Illusion. Ich kenne keinen Gefährlicheren als ihn - und keinen, der beruhigender wirken würde«, sagte Juffin und nickte gedankenverloren. Seine Worte frappierten mich.

Diesmal brauchten wir nicht so lange wie beim letzten Mal, um Sir Mabas Haus zu finden, und irrten kaum eine Viertelstunde am Linken Flussufer herum. Das Wohnzimmer war leer, und der Hausherr kam erst nach ein paar Minuten. Er trug ein großes Tablett, musterte aber mit Befremden, was darauf versammelt war.

»Ich wollte euch eigentlich mit etwas Ungewöhnlichem begrüßen, aber ich fürchte, es ist ungenießbar«, sagte er und ließ das Tablett fallen. Ich zuckte innerlich zusammen, weil ich schrecklichen Lärm erwartete, doch das Tablett verschwand, ehe es den Boden erreicht hatte.

»Du magst zwar keine Wiederholungen, Maba, aber wir würden uns freuen, wenn du uns noch mal das wunderbare Getränk kredenzen würdest, das wir letztes Mal getrunken haben«, sagte Juffin hoffnungsvoll.

»Von mir aus - wenn ihr solche Langweiler seid und nichts Neues ausprobieren wollt!«

Sir Maba kroch unter den Tisch und brachte von dort einen Krug und drei elegante kleine Tassen mit, die mir seltsamerweise bekannt vorkamen.

»Hast du noch immer nicht begriffen, Max? Maba schiebt dir fürsorglich deine Vergangenheit unter die Nase-, sagte Juffin und lächelte.

»Aber natürlich! Sündige Magister - diese Tassen gehören ja zum Festservice meiner Mutter. Unter uns gesagt, Sir Maba: Dieses Service hab ich immer gehasst. Und die Brötchen, die Sie uns letztes Mal spendiert haben, wurden in einem Bistro in der Nähe meiner Zeitungsredaktion verkauft. Was bin ich nur für ein Dummkopf!«

»Na ja - du bist eher unaufmerksam. Außerdem warst du damals noch nicht darauf vorbereitet, hier auf Gegenstände aus deiner ehemaligen Welt zu treffen. Und der Mensch sieht nur, was er sehen will. Merk dir das für die Zukunft.« Mit diesen Worten zog Sir Maba einen Apfelkuchen unterm Tisch hervor.

»Das ist ja der Kuchen meiner Oma!«, rief ich. »Omas berühmter Apfelkuchen! Sir Juffin, jetzt können Sie sich davon überzeugen, dass meine Heimat nicht die schlimmste aller Welten ist.«

»Nein, Max«, sagte Sir Maba und überraschte mich erneut. »Das ist nicht der Kuchen deiner Oma, sondern der ihrer Freundin, die nur irgendwann das Rezept weitergegeben hat. Ich dachte mir, das Original schmeckt bestimmt besser als die Kopie. Aber gut - wie ihr seht, habe ich euer Rätsel gelöst, Kinder. Herzlichen Glückwunsch, Max. Du hast einen Doperst erschaffen, und das gelingt Neulingen selten, sehr selten.«

»Was soll ich getan haben? Was ist überhaupt ein Doperst?«, fragte ich erschrocken. »Wie soll ich etwas erschaffen, von dem ich keine Ahnung habe?«

»So was passiert eben manchmal«, stellte Juffin fest. »Ich glaube, derjenige, der das Weltall erschaffen hat, hat auch nicht gewusst, was es bedeutet.«

»Ich halte ungern Vorträge, aber bei einem so hoffnungsvollen Neuling kann ich schon mal eine Ausnahme machen«, seufzte Sir Maba Kaloch. »Alles beginnt damit, dass auf der Welt viele unbegreifliche Wesen leben - unter anderem auch Doperste, die uns Menschen gegenüber zwar nicht besonders feindselig, aber zu verschieden von uns sind, als dass wir einander verstehen könnten. Die Doperste kommen aus dem Nirgendwo und ernähren sich von unseren Ängsten und bösen Ahnungen. Manchmal nehmen sie das Aussehen eines Menschen an und erschrecken seine Bekannten. Ich kann dir sagen, wessen Aussehen der von dir erschaffene Doperst angenommen hat. Du hast ihn nur ein einziges Mal gesehen - als kleines Kind auf der Straße. Sein Gesicht hat dich sehr erschreckt. Dann hast du ihn vergessen - bis zu dem Zeitpunkt, da du die Tür zwischen den Welten öffnen musstest. Auf diese Aufgabe warst du sehr gut vorbereitet und hast weder Zeit noch Kraft mit unnützen Zweifeln verloren. Ich glaube, ihr beide habt wirklich den allerbesten Moment gewählt, Juffin. Meinen Glückwunsch - das muss man erst mal schaffen! Allerdings, Max, hast du nicht nur die Tür geöffnet, sondern auch das schreckliche Wesen mitgebracht. Du hast etwas gegen deine Ängste gebraucht und immer gedacht, das Unbekannte müsse auch seltsam sein. Und weil Juffin keine Alpträume für dich vorbereitet hatte, hast du die Lücke eigenständig, aber unbewusst gefüllt. Ich könnte dir das ausführlicher erklären, aber du wirst davon sowieso nichts verstehen. Glaub mir das, und sei bitte nicht sauer. Und dir, Juffin, erscheine ich demnächst im Traum und erkläre dir alles. Vielleicht schon heute Nacht. Das ist wirklich interessant. Max, bis zu diesem Zeitpunkt hat übrigens niemand gewusst, woher Doperste wirklich kommen. Wir haben also mit deiner Hilfe schon wieder ein Rätsel gelöst: Sie sind nur das Produkt der Furcht vor dem Unbekannten.«

Offen gesagt verstand ich von diesen Erklärungen kein Wort. Dafür erinnerte ich mich aber an etwas.

»Und was ist mit dem Hirngespinst, das im Cholomi- Gefängnis gelebt und Lonely-Lokley als Doperst bezeichnet hat? Ist unser Schürf etwa auch so einer?«

Sir Maba Kaloch kicherte.

»Nimm das Gerede von Machligl Annoch doch nicht so ernst! Doperst ist sein Lieblingsschimpfwort. So bezeichnet er ausnahmslos alle Agenten fremder Orden. Und soweit ich weiß, war auch Lonely-Lokley seinerzeit Mitglied in einer solchen Organisation - in welcher eigentlich, Juffin?«

»Im Orden der Löchrigen Tasse.«

»Genau! Er war doch der verrückte Fischer. Der hat damals wirklich viel Unheil gestiftet.«

»Sir Lonely-Lokley? Unheil!?«, fragte ich erstaunt.

»Warum wundert dich das, Max? Menschen ändern sich. Schau doch dich an! Wo ist der unglückliche Junge geblieben, der gezittert hat, wenn er die Absätze seiner Chefin klappern hörte?«, meinte Sir Maba.

»Sie haben recht.«

»Übrigens hab ich gesehen, wie ihr zwei das Hirngespinst fertiggemacht habt. Euer Wasserfall hat mich begeistert! Das war die beste Show seit Anfang der trostlosen Epoche des Gesetzbuchs.«

»Haben Sie das wirklich gesehen?«, fragte ich und war übers Staunen hinaus.

»Aber natürlich. Es ist mein Hobby, die Aufgaben ehemaliger Kollegen zu verfolgen. Da konnte ich mir dieses Vergnügen doch nicht entgehen lassen. Aber mach dir keine Illusionen, mein Junge - ich mische mich nie ein. Ich beobachte nur. Für Interventionen ist Sir Juffin zuständig. Und wir haben vielfach grundverschiedene Ansichten.«

»Was dich allerdings nicht davon abhält, für deine sogenannten Konsultationen Honorar zu verlangen«, warf Juffin boshaft ein.

»Natürlich nicht. Ich liebe Geld. Es ist so hübsch. Was deinen persönlichen Doperst anlangt, Max - früher oder später wirst du nicht nur seinen Körper, sondern auch seinen Geist töten müssen. Es ist nicht gut, das All mit solchen Dingen zu vermüllen. Obendrein ist ein Doperst, der zwischen zwei Welten unterwegs ist, etwas absolut Unanständiges. Damit ist meine Konsultation beendet. Und du, Juffin, solltest aufhören zu behaupten, ich würde vom König Geld bekommen, ohne dafür Gegenleistungen zu erbringen.«

»Schon gut. Ich habe offenbar gerade den größten Befürworter der Todesstrafe getroffen.«

»Und wie tötet man einen Doperst?«, fragte ich.

»Das wirst du wissen, wenn du ihn umgebracht hast.

Sei nicht so ungeduldig, Max. Theoretisch kann diese Sache hundert Jahre oder länger auf dich warten. Aber eines Tages wird es so sein, dass du keine andere Möglichkeit hast. Das Leben ist nämlich raffiniert. Und bis dahin weißt du bestimmt, was du zu tun hast.«

»Na - wenn Sie das so sagen, wird es wohl so sein«, meinte ich. »Jetzt haben Sie mich aber wirklich verwirrt.«

»Damit sollte jede gute Geschichte enden, Max. Wenn der Mensch zu verstehen aufhört, befindet er sich auf gutem Wege«, sagte Juffin zu mir. »Wir werden deine kostbare Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen, Maba. Außerdem haben wir schon alles aufgegessen. Aber vergiss bitte nicht: Du hast versprochen, mir im Traum zu erscheinen.«

»Das vergesse ich schon nicht. Ciao!«

Ich erwartete einen unvergesslichen Abgang, aber nichts dergleichen geschah. Sir Maba Kaloch verließ das Wohnzimmer durch die Tür, durch die er gekommen war, und wir traten in den Korridor hinaus.

»Bin ich etwa befördert worden?«, fragte ich. »Oder warum hat Sir Maba sich diesmal ohne Überraschung verabschiedet?«

»Bist du sicher, Max, dass er keine Überraschung für dich in petto hat?«, sagte Juffin und öffnete lächelnd die Haustür.

Ich trat über die Schwelle und erstarrte: Statt im Garten befanden wir uns in unserem Büro.

»So ist das eben mit ihm«, zwinkerte Juffin Halli mir zu. »Sei nie zu entspannt, wenn du mit Maba Kaloch zu tun hast.«

Ich setzte mich in meinen Sessel, begann mit den Atemübungen, die Sir Lonely-Lokley mir vorgeführt hatte, und hoffte vage, sie würden mir helfen.


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